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Full text of "Das Schriftwesen im Mittelalter"

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DAS SCHRIFTWESEN 



IM 



MITTELALTER 



VON 



W. WATTENBACH 



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VERLAG VON S. HHUÄTL 

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P«i Recht der UebenetKung iit Torbehkltea. 



VORREDE. 



Im Jahre 1871 zuerst erschienen, erlebte dieses Buch schon 
1875 eine zweite Auflage. In den zwanzig Jahren, welche 
seitdem vergangen sind, habe ich niemals aufgehört, den Gegen- 
stand im Auge zu behalten, und alles angemerkt, was mir fiir 
denselben verwendbar erschien. Aber systematisch dafür die 
litteratur durchsucht habe ich nicht, und wenn ich das jetzt, 
wo eine neue Bearbeitung nothwendig wtuxle, hätte nachholen 
wollen, so würde ich den Abschluls schwerlich noch erlebt 
haben. Deshalb habe ich mich entschlossen, zu geben was ich 
hatte, um so mehr, da ich bei fortwährender Aufmerksamkeit 
auf dieses Gebiet ziemlich sicher zu sein glaube, dafs nichts 
von erheblicher Bedeutung mir entgangen sein wird. Die ge- 
sanmielten Beispiele konnten natürUch noch stark vermehrt 
werden, aber das war kaum zu wünschen. Ein anderer Um- 
stand betrifit die alten Citate, welche nur theilweise nach neuen 
Ausgaben umgeändert sind; wo keine sachUche Verbesserung 
davon zu erwarten war, habe ich den Aufwand an Zeit und 
Muhe mir lieber erspart 

Erst während des Druckes ist mir der ^Führer durch die 
Ausstellung der Papyrus Erzherzog Rainer' (Wien 1894) zu- 
gekommen, aus welchem zunächst eine recht eingehende Ein- 
leitung von Karabacek über die verschiedenen Schreibstoffe 



rV Vorrede. 

anzuführen ist, namentlich auch über das Papier, denn die Aus- 
stellung beschränkt sich keineswegs auf Papyrus. Femer wären 
die griechischen Wachstafehl (S. 11), die Abbildung einer Steuer- 
quittung von 62 p. C. auf einer Scherbe (S. 10), Mumientäfelchen, 
arabische Protokolle auf Papyrus (Taf. IV), persische Urkunden 
auf Schafleder (S. 13 und Taf. III) aus dem 7. Jahrhundert 
zu erwähnen gewesen. Aufserdem ist zu S. 46 zu bemerken, dals 
nach einer Mittheilung von Scheffer-Boichorst die auf einer 
Marmortafel im Dom von Messina eingegrabenen Privilegien 
Heinrichs VI nicht gefälscht sind, wie 0. Hartwig (Forsch. 
VI, 644) angenommen zu haben scheint Die S. 277 angeführte 
Abbildung der Hildegard findet sich bei A. v. Oe chelhäuser: Die 
Miniaturen der Heidelbergeruniversitätsbibliothek ( 1887 ) tab. XTTT, 

Von Freunden habe ich in dieser langen Zeit so viele 
Mittheilungen bekommen, dafs ich darauf verzichten rnuis sie 
hier einzeln zu nennen; nur die Gaben von L. Delisle waren 
zu reich und zu werthvoU, als dafs ich ihrer nicht ausdrücklich 
mit lebhaftestem Danke gedenken mü&te. 

Den Schlufs dieses Vorworts mögen die einst von Hraban 
an den Abt Eigil gerichteten Verse bilden, welche mir vor 
langer Zeit E. Dümmler als Motto für dieses Werk empfohlen 
hat (Poet Lat. aevi Carol. 11, 186): 

Nullum opus exsurgit quod non annosa vetustas 
Expugnet, quod non vertat iniqua dies. 

Grammata sola carent fato mortemque repellunt, 
Praeterita renovant grammata sola biblis. 

Berlin, im April 1896. 

W. Wattenbach. 



INHALT. 



Einleitung. 

Seit« 

1. Die Anfänge der Diplomatik 1 

2. Dom Jean Mabillon und die Gongr^tion de Saint- Maur ... 13 

3. Der NouTeau Trait^. Deutsche Diplomatiker 20 

4. Die neue Zeit Scheidung der PalAographie von der Diplomatik 26 

5. Das Zeitalter der Photographie 32 

6. Griechische Pal&ographie 36 

Das Schriftwesen des Mittelalters. 

I. 

Schreibstoffe. 

1. Stein und Metall 42 

2. Wachstafeln . . « 51 

3. Thon und Holz 89 

4. Papyrus 96 

5. Leder 111 

6. Peigament 113 

Farbiges Pergament 132 

7. Ripier 139 

n. 

Formen der Bücher und Urkunden. 

1. Rollen 150 

2. Bücher 174 

3. Urkunden 187 

ni. 

Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

1. Die Zubereitung des Stoffes 207 

2. Liniierung 215 

3. Schreibwerkzeuge 219 

4. Tinte 233 

5. Rothe Farbe 244 

6. Goldschrift 251 

7. Das Schreiben 261 

8. Paiimpseste 299 



VI Inhalt. 

IV. 
Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

1. Kritische Behandlung 317 

2. Malerei 344 

3. Einband 386 

4. Fälschungen 406 

V. 

Die Schreiber. 

1. Benennungen im Alterthum und Mittelalter 416 

2. Mönche als Schreiber 428 

3. Die Kanzleibeamten 456 

4. Lohnschreiber 467 

5. Schreiblehrer 488 

6. Unterschriften der Schreiber 491 

VI. 

Buchhandel. 

1. Die Griechen und Römer 636 

2. Büchererwerb durch Abschrift 539 

3. Bficherkauf im Mittelalter 546 

4. Anftnge des Buchhandels 564 

VII. 
Bibliotheken und Archive. 

1. Kirchenbibliotheken 570 

2. Sammlungen einzelner Personen 591 

3. Oeffentliche Bibliotheken 599 

4. Einrichtung der Bibliotheken 613 

6. Die Archive 627 



Schlufswort 642 

Register 646 



Berichtigung zu S. 2, Zeile 16 v. o.: A. Augustin, Erzbischof von 
Tarragona, starb schon 1686; er war in Cardona*s Denkschrift ursprünglich 
gemeint gewesen, aber in dieser, als sie 1687 herausgegeben wurde, ein 
anderer Name an seine Stelle gesetzt. 



DAS SCHRIFTWESEN 



IM 



MITTELALTER. 



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EINLEITUNG. 

§ 1. 

Die Anfänge der Diplomatik. 

Das Schriftwesen des Mittelalters, die Geschichte der Schrift 
selbst und was sich sonst noch daran knüpft, ist bis auf die 
neueste Zeit nur nebensächUch behandelt worden, als Theil 
and Hül&wissenschaft der Urkundenlehre oder Diplomatik, 
und an diese haben wir uns daher zunächst zu halten, um über 
die betreffende litteratur einen UeberbUck zu gewinnen. 

Lange hat es gedauert, bis man es überhaupt für nöthig 
hielt, den Veränderungen der Schrift eine besondere Aufinerk- 
samkeit zuzuwenden. Als man zuerst anfing Handschriften 
abdrucken zu lassen, war eine Schrift übUch, welche zu den 
schwierigsten des Mittelalters gehört Wohl gab es deutliche, 
auch für uns leicht lesbare Manuscripte, aber wer irgend mit 
dem Schriftwesen damals sich beiafste, kam fortwährend in 
die Lage, flüchtig geschriebene, von Abkürzungen überfüllte 
Schriften lesen zu müssen. Er war darin geübt, es war das 
sein Ausgangspunkt Die Abbreviatiu^n galten so sehr als 
geläufig für jeden, der überhaupt las, dafs sie ganz unbedenk- 
Uch auch in die Druckwerke aufgenommen wmrden. Aeltere 
Handschriften waren sehr viel leichter zu lesen, die Ausnahmen 
zu selten, um besondere Aufmerksamkeit zu erregen. Es be- 
durfte auch keiner besonderen Abschrift für den Setzer, wie 
denn z. B. die Werke der Hrotsuit unmittelbar nach der noch 
jetzt erhaltenen Handschrift gesetzt sind. 

Mit der Veränderung der gebräuchhchen Schrift und dem 
Uebergsuig zu reinem fiuchstabendruck änderte sich freiUch 

Watt«obach, Schrlltwesen. 3. Aufl. 1 



2 Einleitung. 

die SacUage, und fehlerhafte Abdrücke «la^eh die wachsende 
Schwierigkeit .deft Loac^nff;; tfön\id5Bftig6l\ai tJ<^bung erkennen; 
•. ; flieijor. ah'Siiaß'twi^sensckaTfliciie Behandlung der Geschichte der 
: Sehiift; 'oder auch nur an eine Anleitung zum Lesen der alten 
Schriften scheint doch noch niemand gedacht zu haben. Es 
war noch eine Kunst, welche mehr handwerksmäfsig überUefert 
und erlernt wurde.*) Nur in Bologna hat Carlo Malagola*) 
schon im 16. Jahrhundert einen Lehrstuhl der Faläographie 
und einen Professor Ulisse Aldrovandi nachgewiesen, dessen 
1580 verfafstes Werk Bibliologia ungedruckt gebUeben ist 
Ein von J. B. Cardona 1587 dem König Philipp 11 von 
Spanien vorgetragener Vorschlag, durch den gelehrten Bischof 
von Tarragona Antonio Agustin unter Entbindung von 
anderen Amtsgeschäft^n eine griechische und lateinische Paläo- 
graphie mit Schriftproben ausarbeiten zu lassen, blieb ohne 
Folgen, da dieser schon im folgenden Jahre starb. Ohne Zweifel 
war von ihm der Plan eigentlich ausgegangen.*) 

Den ersten Anstofs zu emstUcher' Behandlung der Paläo- 
graphie gab die erwachende Kritik. Nicht die philologische. 
Man mufste freihch bei der Herausgabe alter Autoren zwischen 
verschiedenen Handschrift;en unterscheiden, allein das Alter 
gab doch keinen Mafsstab für den Werth. Man rühmte wohl 
Codices reverendae vestutatis, aber auf genauere Altersbestim- 
mung kam in der That wenig an. Von minutiösen Unter- 
suchungen über die FiUation der Handschriften, von einer Ein- 
theilung derselben in Gruppen und Familien ist bis auf die 
neuesten Zeiten keine Bede gewesen. Ohne das geringste 
Bedenken wurden Handschrift;en von hohem Alter und besonderer 
Schönheit an die berühmtesten Namen geknüpft, besonders an 

') Nicht gesehen habe ich die Schrift von Herrn. Busch, De Latino- 
nun litterariis eiementis, welche in der Ausgabe von 1517 auch mit einer 
griech. Lautlehre eine Zusammenstellung von Abkürzungen enthielt ^' 

*) La Gattedra di Paleografia e Diplomatica nella Universitä di 
Bologna. Bol. 1890. Er bemerkt S. 11, dajjs von den aus A.'s NachlaiJs 
in Bolo<;na gebliebenen Papyrus- Urkunden seit der Beraubung der Bibliothek 
durch die Franzosen nichts mehr in Bologna geblieben ist 

') Ch. Grauz, Essai sur les Origines du Fonds Grec de l'Escurial 
(1880) S. 314. 



Die AnfiUige der Diplomatik. 3 

kirchlich verehrte. Eine Menge von solchen Attributionen ist 
längst beseitigt, wie z. B. dafs das (lat) Evangelium S. Marci 
in Venedig ein Autograph des h. Marcus sei, oder dafs der 
h. Hieronymus die Bibel von San Calisto mit eigener Hand 
geschrieben habe. Man weiTs wenig mehr von den vielen Thor- 
heiten der Art, und kommt dadurch in Gefahr, da, wo die 
Möglichkeit nicht ganz ausgeschlossen ist, der vermeintUchen 
Tradition ein gevdsses Gewicht für die Zeitbestimmung bei- 
zulegen, wovor durchaus zu warnen ist Beispielsweise führe 
ich eine Stelle aus dem Beisetagebuch des Constantin Huygens 
von 1620 über die Heidelberger Bibliothek an^): E s'y void 
un Evangüe en Grec de la propre main de St. Fault quelques 
livres de Virgüe de la main du po'ete mesmes, en char öderes 
tauts eapitaux et tres-anciens, je Vai veu et creu, si fas est. 
Sein Bedenken hatte er also doch dabei. 

Waren aber auf diesem Felde die Irrthümer ziemlich harm- 
los, so verhielt es sich dagegen anders mit den Urkunden. 
EQer stiefs man auf Schriften, welche nicht leicht zu lesen 
waren, und hier sah man sich auch bald genöthigt, Fragen 
über Echtheit und Unechtheit zu erörtern. 

Urkunden sind in bestimmter Form ausgestellte Schrift- 
stücke von rechtlicher Wirkung. So lange es dergleichen Docu- 
mente gegeben hat, so lange ist auch die Versuchung vorhanden 
gewesen sie zu fälschen, und man hat dagegen sich sichern 
müssen. Das geschah durch Begister, welche von öffentUchen 
Behörden geführt wurden, und auch Privat -Urkunden können 
durch Eintragung in öfifentliche Bücher gesichert werden. Bei 
Griechen imd Römern ist in dieser Beziehung eine vollständig 
geregelte Geschäftsführung vorhanden gewesen; wir besitzen 
aber leider die Begister nicht mehr, und sind deshalb z. B. in 
Betreff der Psephismen, welche bei den attischen Bednem vor- 
kommen, allein auf innere Kritik angewiesen. Die Bescripte 
der römischen Kaiser blieben im Archiv in verschiedenen libellw, 
die nach tabula und cera citiert wurden; nur Abschriften davon 
wurden gegeben, und darauf bezieht sich das Bescripsi und 



') In den B^dragen en Mededeelingen (Utrecht 1894) XY, 61. 

1* 



4 Einleitung. 

Recognovi am Schlufs nebst den Signa der Zeugen. ^) So hatten 
auch die einzelnen Behörden ihre Archive, und unsere ältesten 
Papyrus-Urkunden sind Abschriften aus den Gesta municipalia. 

Im Mittelalter ist die Geschäftsführung vielfach mangelhaft 
gewesen, und in den häufigen Kriegen sind die vorhandenen 
Register oft, und zwar schon sehr frühzeitig verloren gegangen. 

Von päbsüichen Begistem freilich hat man Bruchstücke 
schon aus sehr früher Zeit, und vom Beginn des 13. Jahr- 
hunderts an sind sie gröfstentheils erhalten. Aber auch hier fehlte 
doch lange Zeit gänzlich der Gedanke an eine Vollständigkeit, 
welche gestattet hätte, sie zur Prüfung der Echtheit zu benutzen. 
Sehr wichtige Schreiben aus der Zeit der Staufer fehlen darin, 
und gewöhnliche Privilegien sind nur ausnahmsweise eingetragen. 
Sehr characteristisch dafür ist ein im Jahre 1216 in Florenz 
geführter Prozess. Ein Hospitalverwalter Sigard legte eine 
päbsüiche Bulle von 1215 vor. Die delegierten päbstlichen 
Siebter berichten nun sehr ausführlich, wie sie die Bleibulle in 
heifsen Brodteig legten und dadurch im Stande waren, die 
Seidenfäden herauszuzupfen, welche durchschnitten waren. Femer 
weisen sie eine Anzahl von falschen Formeln und sonstige 
Fehler nach. Aber nirgends findet sich eine Beziehung auf das 
Register.') Erst in viel späterer Zeit wurde es so eingerichtet, 
dafs alle Schriftstücke in eine seiner Abtheilungen eingetragen 
werden mufsten, ehe man sie hinausgab. 

Von weltlichen Höfen läfst sich vor dem 13. Jahrhundert 
kaum etwas der Art nachweisen, wenn auch eine Geschäfts- 
führung ohne solche Hülfsmittel nur sehr mangelhaft sein kann. 
J. F. Böhmer legte gro&es Gewicht auf eine Urkunde Fried- 
richs I vom Mai 1182 (4345 Stumpf), in welcher er von einem 
Privileg seines Vorgängers Heinrichs IV sagt: cujus rescriptum 
habuimus et etiam in registro imperii cantinebaiur. Allein 
diese Urkunde ist nicht nur unecht, sondern sie bezieht sich 
auch meiner Ansicht nach gar nicht auf ein solches Register, 
d. h. auf ein Buch, in welches alle vom Hofe ausgegangenen 

^) S. 0. Kariowa, Zur Inschrift von Skaptoparena, N. Heidelb. Jahr- 
bücher n (lb92 , S. 141—146. 

') E. Davidsohn im Neuen Archiv XIX, 232—235. 



Die Anfiinge der Diplomatik. 5 

ürinrnden eingeiragen waren. Es handelt sich um die Ein- 
künfte und Verpflichtungen der Keichsburg {domf4S imperit) zu 
Nymwegen, und über diese war natürlich ein registrum vor- 
handen. Uebrigens aber ist bei den zahllosen Bestätigungen 
älterer Kaiserurkunden von Begistem nie die Rede. Schon die 
Merowinger, welche doch viel vom alten Geschäftswesen bei- 
behielten, scheinen keine Register gehabt zu haben, wenigstens 
nicht in der spätem Zeit der zunehmenden Auflösung des 
Reiches. Gregor von Tours erzählt (X, 19), dafs im Jahre 
590 der Bischof Egidius von Reims dem König Childebert eine 
angebhch von ihm herrührende Schenkung vorlegte; um diese 
zu prüfen, wird der Referendar berufen, welcher sie ausgefertigt 
und unterschrieben haben sollte. Dieser erklärte seine Unter- 
schrift für unecht In demselben Capitel wird freilich auch ein 
regestum K. Chilperichs erwähnt, aber es bedeutet hier nur das 
Archiv, in dem sich verschiedene scrinia befanden. 

Eben so wenig findet sich bei den Karolingern eine Spur 
von Registern. Selbst Karl der Grofse scheint sich auf die 
Hinterlegung von Duplicaten der ausgegebenen Urkunden be- 
schränkt zu haben. Ein solches hatte auch Heinrich VI von 
einem Privileg, welches er selbst früher den Genuesem verliehen 
hatte; als sie es ihm vorlegen wollten, antwortete er: Ego con- 
simüe habeo^ et hene novi quid in eo continetur (MG. SS. XVIII, 
112, 21). Im 13. Jahrhundert werden aber die Register in 
jeder ordentlichen Kanzlei übUch, und manche davon sind noch 
erhalten; auf der Rückseite der Urkimden pflegt ein grofses 
R oder R** (Registrata) von der Eintragung Zeugnifs zu geben. 

Die verschiedenen Formen des Wortes zeigt uns eine 
Unterschrift des Registers Gregors I im Cod. Colon. 95 saec. 
XII. £ 160: Explicit Registrum vel Regestum sive Register 
sancti Oregorii papae urbis Romae Ind. VIL felidter. Es 
wird jedoch auch fiLr Original -Acten gebraucht, wie in einer 
Glatzer Urkunde von 1429, wo den Minoriten Abschrift eines 
Zeugen Verhörs gegeben wird, ne casu fortuito regestrum seu 
acta originalia deperdantur, et copia prohationis eis deficiat.^) 

') Scriptores Reram Siles. VI, 87. Andere Stellen über den 6e- 
bnincb des Wortes bei Du Gange s. v. Regestum. 



6 Einleitung. 

Kaiser Ludwig der Baier erwähnt am 5. August 1330 (1212 
Böhmer) sein Begister, welches auch noch theilweise erhalten 
ist; er hatte befohlen, diese Urkunde ihrer besonderen Wichtig- 
keit wegen zu registrieren, was also durchaus noch nicht all- 
gemein geschah. Als Karl dem Vierten 1375 von den Cölnem 
ein Privileg vorgelegt wurde, welches er ihnen 1363 ertheilt 
hatte, liefs er nicht etwa in einem Register nachsehen, sondern 
unterwarf die Urkunde einer Kritik, welche ihre Unechtheit 
erweisen sollte. Trotz dieser Verwerfung durch den eigenen Ur- 
heber ist nach Lacomblet's Ansicht ') die Urkunde echt, und die 
vom Kaiser bemängelten Abweichungen von der Gewohnheit 
seiner Kanzlei erklären sich dadurch, dais eine ältere Urkunde 
Ludwigs wörtlich wiederholt war. 

Den Gebrauch der Register zeigt uns dagegen eine Ur- 
kunde des Herzogs Johann von Troppau und Ratibor. Er 
hatte quoddam notdbüe registrum^ in quo omnes lüiere can- 
tractuum vendidcmum heredüatum cenmum annuorum in ducatu 
suo de ipsius cansensu cdebrcUorum exarate et regestrate de 
verho ad verbum fuerunt. Dieses Register wurde 1450 benutzt, 
um die Fälschung eines angeblichen Consenses von 1414 nach- 
zuweisen, wie die merkwürdige Verhandlung im Cod. Dipl. 
Sües. VI, 70—73 lehrt 

In dieser Zeit ist überhaupt regelmälsige Buchführung die 
Regel, und Fälschungen daher schwierig; kaum jemand aber 
war im Stande Urkunden aus älteren Jahrhunderten zu prüfen. 
Ist doch z. B. die Bulle des Pabstes Zacharias für Monte Cassino, 
eine ganz plumpe Fälschung, von den Päbsten Honorius TTT, 
Gregor IX imd Urban V als echt bestätigt und transsumiert 
worden, wie Pertz im Archiv V, 319 nachgewiesen hat Von 
kaiserlichen Bestätigungen unechter Urkunden ihrer eignen 
Vorgänger führe ich die Bestätigung der falschen österreichischen 
Freiheitsbriefe durch Friedrich IV an, und wenn hier böse 
Absicht vermuthet werden kann, so fehlt es daneben nicht an 
zahlreichen Confirmationen anderer Art, welche von jedem 
solchen Verdachte frei sind. So soll das unechte Privileg 

*) ürkimdenbuch f. d. Geschichte des Niederrheins lU, 675. Der 
Grund war ein politischer, s. Hegel, Cdlner Chroniken lU, S. GIX. 



Die Anfinge der Diplomatik. 7 

Wilhelins Ton Holland für die Stadt Bremen vom König Wenzel 
bestätigt sein;') aber nach lindner ist auch diese Bestätigung 
äne Fälschung.^ Im Jahre 1298 aber sandte der Erzbischof 
Ton Mainz einen Notar nach Brauweiler^ um die unechten Privi- 
legien dieses Stifts zu untersuchen; dieser beglaubigte sie als 
echt, und sie wurden vom König Albrecht bestätigt^) Den 
unechten Lehenbrief K. Sigismunds für Heinrich von Flauen 
bestätigten Friedrich lY und MaximiUan>) Notariats -Trans- 
sumte falscher Urkunden sind so überaus häufig, dafs der darin 
regelmäisig enthaltenen Versicherung der unverdächtigen Er- 
scheinung des Originales geradezu aller Werth abgesprochen 
werden muis. ^) 

Bei dieser ganz allgemeinen Kritiklosigkeit ist es nicht zu 
verwundem, dafs die Masse unechter Urkunden ungemein grols, 
und kaum ein Archiv ganz fi:^i davon ist 

Karl der Grolse verlangte bei Freilassungen Vergleichung 
mit zwei anderen Urkunden desselben Kanzlers,^) welcher in 
diesem Falle aus der Zahl der localen Beamten ist, welche ihr 
Dasein nicht lange mehr fristeten. In Italien sollte nach römischem 
Becht, wenn die Echtheit von Urkunden angefochten wurde, 
Vergleichung der Handschrift eintreten; ^) nach langobardischem 
entschied der Eid, an dessen Stelle Otto I den Zweikampf 
setzte. Von anderen Beweismitteln ist keine Bede, imd für 
Urkunden aus alter Zeit waren sie nicht anwendbar. 

Wenn nun auch freilich von entdeckten Fälschungen und 
Bestrafung der Fälscher hin und wieder die Bede ist, so scheint 

>) Bremer ürkimdenbuch I S. 295 vgl. 597—605. 

«) Bremer Jahrbuch XIII (1886) S. 1—37. 

») Pabst in Pertz' Areshiv XII, 138. 

*) Ad. Cohn über die Fälschungen Heinrichs des Jungen von Plauen, 
Forschungen IX, 586. 

•) Vgl. darüber Sickel, ürkundenlehre der Karolinger, S. 21 — 26. 

•) MG. Capit I, 215. 

^ neque ipsam brevem ad manwn coUationis perducere, sicut prae- 
cipä lex BomafM, Placitum von 999, 1205 Stumpf. Dazu stinunt die 
westgothische Interpretation zum Cod. Theodos. L. 27, 1: de cautionibue 
wioriuorum hoc praecipimtis ohservari . , , wt monus mortui conferatwr 
€t (Ufnosci po89ü Ülius esse subscriptio. Die Kenntnifs der Stelle ver- 
danke ich Th. Mommsen. 



g Einleitung. 

doch niemand grofsen Anstofs daran genommen zu haben. 
Wenigstens sind von den ansehnlichsten Körperschaften, miter 
Vortritt der römischen Edrche, falsche Urkunden ausgegangen. 
Viele davon sind verhältnirsmäTsig harmlos; sie entspringen der 
Eitelkeit, um die Vorzeit fabelhaft zu verherrlichen, wie die 
lächerUchen Fabricate des Petrus Diaconus in Monte Cassino. 
Andere sollen verlorene echte Urkunden ersetzen, oder für vor- 
handene Berechtigung den mangelnden Beweis Uefem; doch 
fehlt es auch nicht an Beispielen, wo besseres Becht auf solche 
Weise erstrebt, fremdes Gut in Anspruch genommen und, wenn 
es gut geht, erworben wird. Die Archive der Cistercienser in 
Leubus, Grüssau und Trebnitz enthalten schöne Beispiele davon. 
Ueberhaupt sind die Kirchen und Klöster die Brutstätten der 
tischen Urkunden; doch haben auch die Stadtgemeinden es 
nicht verschmäht, sich dieses Mittels in ihren Kämpfen um er- 
weiterte Rechte zu bedienen.^) 

Die weltlichen Fürsten verUefsen sich in der Regel mehr 
auf ihr gutes Schwert, doch ist von Rudolf IV von Oesterreich 
eine der wichtigsten und folgenreichsten Fälschimgen ausgegangen; 
es ist aulser Zweifel, daüs von ihm die berühmten und vielum- 
strittenen sogenannten Freiheitsbriefe herrühren. 

Zu den berühmtesten Fälschungen gehört die Constan- 
tinische Schenkung. Sie ist, wie DöUinger in den Pabstr 
fabeln des Mittelalters S. 61 — 106 ausführUch nachgewiesen 
hat, im 8. Jahrhundert entstanden, ein scheinbares Original 
aber wurde erst zur Zeit Otto's III in Rom angefertigt Sie 
war zu ungeheuerUch, um rechten Glauben zu finden, so lange 
noch einige geschichüiche Kenntnifs vorhanden war, d. h. bis 
ins 12. Jahrhundert, und der nach einer Zeit des dumpfen 
Autoritätsglaubens beginnende Zweifel griff sie sofort wieder 
an, so Matthias von Janow im 14. Jahrhimdert Unter den 
Humanisten hat Laurentius Valla ihre Unechtheit gründUch 



^) Vgl. beispielsweiBe Naud^ über die Reinhard sbrunner Fälschungen, 
Neue Mitth. d. ThOr. S&chs. Alterthumsvereins XVI, 1—128 (1883), Bresslau 
über die F&lschungen von St Maximin, Westdeutsche Zts. V, 20 — 65, 
Foltz über den Cod. Eberhardi Fuldensis, Forsch. XVIII, 493—509, Brandi, 
Die Reichenauer UrkundenfUschungen, 1890. 



Die Anfänge der Diplomatik. 9 

erwiesen. Die paläographische Kritik fand jedoch, da kein 
Original vorgelegt wurde, hier keine Anwendung. Noch weit 
folgenreicher war die Fälschung der pseudo-isidorischen 
Decretalen. Im 9. Jahrhundert von westfränkischen Geist- 
lichen geschmiedet, winden sie vom Pabst Nicolaus I begierig 
angenommen, und er berief sich auf Originale im vaticanischen 
Archiv, welche nicht vorhanden waren. Einige Einreden sind 
von westfiünkischen Bischöfen erhoben, welche um die Ent- 
stehung des sauberen Machwerks wufsten; dann aber verstummt 
jeder Zweifel bis an das Ende des Mittelalters. 

Mit dem Humanismus erwachte die historische Kritik, 
und wandte sich allmähUch mit wachsendem Eifer gegen die 
kirchliche Tradition. Eine Fülle falscher Legenden und über- 
haupt von Erdichtungen aller Art hatte sich zu einem Biesen- 
baum von buntester üeppigkeit entfaltet, und nach den ersten 
zögernden Schritten nahm die Kiitik einen immer kühneren 
An&chwung. Man verwarf fabelhafte Legenden, untergeschobene 
Schriftsteller, Urkunden, welche lange als unantastbar gegolten 
hatten. Li Deutschland sind vorzüglich im 16. Jahrhundert 
Matthias Flacius und die Forteetzer seiner Kirchengeschichte, 
die Magdeburger Centuriatoren , in dieser Bichtung thätig 
gewesen. 

Wie es nun bei solcher Sachlage zu gehen pflegt, schofs 
man über das Ziel hinaus; im 17. Jahrhundert griff Launoy 
schonimgslos Legenden an, wie die Fabel von der Ueberkunft 
des Lazarus mit Magdalena und Martha nach der Provence, 
wo der Glaube des Volks mit diesen als vollkommen sicher an- 
genonmienen Geschichten eng verknüpft war, und viele andere, 
so dafs er als le denicheur de Saints bezeichnet wurde; er 
kritisierte auch alte Urkunden, und stellte dabei die allgemeine 
Behauptung auf, dafs alle oder doch fast alle ältesten Privi- 
legien der Kirchen und Klöster untergeschoben wären. Noch 
weiter ging etwas später der gelehrte, aber zur äufsersten 
Paradoxie geneigte Jesuit Hardouin, der durch seine Ausgabe 
der Naturgeschichte des PUnius sich einen Namen gemacht 
hatte, indem er sogar die meisten antiken Schrift;steller für 
Fabrikate der Mönche des 13. Jahrhunderts erklärte, was in 



10 Einleitung. 

der That ein gar zu grofsee Compliment für die Fälligkeiten 
und die Grelehrsamkeit dieser Ehrenmänner war. 

Auf anderem Gebiet bewegten sich die sogenannten diplo- 
matischen Kriege, welche in Deutschland seit dem Beginn 
des 17. Jahrhunderts mit grofser Heftigkeit geführt wurden, 
d. h. Streitigkeiten über die wichtigsten Interessen, für deren 
Entscheidung alles auf die Echtheit oder Unechtheit alter Ur- 
kunden ankam. So stritt das Kloster St Maximin mit Churtrier 
um seine Unabhängigkeit, die Stadt Bremen mit dem Erzbis- 
thum, Magdeburg vertheidigte sein Stapelrecht, das Kloster 
Lindau nahm die Hoheit über die Stadt Lindau in Anspruch. 
Besonders dieser letzte Streit ist von bedeutender Wichtigkeit, 
weil sich an der Frage über die Echtheit eines angebUchen 
karoUngischen Diplomes bedeutende Gelehrte betheiligten, und 
namentlich Hermann Conring (1672) hier zuerst eine solche 
Au%abe in streng wissenschaftlicher Weise behandeln lehrte.^) 

Vorzüglich dadurch brachten diese Streitschriften grofsen 
Nutzen, dafs sie mehr Material zugängUch machten. In Ge- 
schichtswerken waren mit begreiflicher Vorliebe recht alte und 
merkwürdige Urkunden aiifgenommen, aber gerade diese waren 
meistens Erdichtungen. Man hatte durchaus keine MögUchkeit 
einer erfolgreichen Prüftmg, denn woher sollte man die Regeln 
nehmen, wo nicht etwa gerade bekannte geschichtliche That- 
sachen gröbhch verletzt waren? Selbst ein bedeutendes Archiv 
bot für die karohngische Zeit nur ungenügendes Material. Die 
Archive aber hielten nach altem Herkommen ihre Schätze mög- 
Uchst geheim. Das ging nun nicht mehr, wenn man seine 
Ansprüche urkundUch beweisen wollte, und zur Prüftmg der 
vorgelegten Urkunden wurden wieder mögUchst viele andere 
beigebracht Doch blieb noch immer die Masse sehr gering 
und enthielt eine bunte Mischung von echten und falschen 
Urkunden. 

Dieselbe schwierige Frage trat von anderer Seite den 
Bollandisten nahe. Jene schonimgslose Kritik, welche alle 



*) s. Schönemanns Dipl. I, 55—62. Sickel 30—33. G. Meyer von 
Knonau, Das Bellum dipl. Lindaviense, Hist. Zeitschr. XXVI, 75—130. 



Die Anftnge der Diplomatik. 11 

Heüigengeschichten ein&ch als Mönchsfabeln verwarf, rief eine 
Gegenwirkung hervor, welche mit dem innerhalb der katho- 
lischen Kirche eintretenden religiösen und wissenschaftlichen 
Au&chwung in genauem Zusammenhang steht Wie Baronius 
in seinen Annalen der römischen Eorche den Magdeburger 
Centnriatoren mit Preisgebung unhaltbarer Erdichtungen ein 
urkundlich begründetes Werk entgegenstellte, so empfanden 
auch die Jesuiten die Kothwendigkeit, von den Legenden der 
Heiligen die ganz unhaltbaren üedlen zu lassen, um für die 
authentischen Glauben zu finden. In dieser Absicht begann im 
Anschlufs an die von Heribert van Roswey gegebene An- 
regung Johann Holland in Antwerpen das grofse Unter- 
nehmen der Ada Sandorum, wovon 1643 der erste Band 
erschienen ist Nach seinem Tode übernahmen seine Ordens- 
brüder Daniel van Papenbroeck und Gotfried Henschen 
die Fortsetzung und verfuhren dabei mit so scharfer Kritik, dafs 
bald Klagen darüber laut wurden. Mit äufserster Heftigkeit 
erhob sich gegen sie der Orden der KarmeUter, da sie das 
Märchen von der Stiftung dieses Ordens durch den Propheten 
Elias widerlegt hatten. Dieser Streit hat sich lange hin- 
gezogen, und es gelang dem mächtigen Orden 1695 von der 
spanischen Inquisition ein Verbot des betreffenden Bandes zu 
erwirken. Zuletzt gebot der Pabst Stillschweigen. 

Inzwischen aber empfand Papebroch (wie er sich lateinisch 
nennt) immer lebhaAer das Bedürfiiifs, für die Kritik der Ur- 
kunden feste Regeln zu gewinnen, da auch bei den Heiligen 
aus merowingischer Zeit, welche ihre Verehrung den von ihnen 
gestifteten Klöstern verdankten, ihm fortwährend Urkunden be- 
gegneten, die er als echt nicht anerkennen konnte und deren 
Verwerfung ihm doch sehr verdacht wurde. Um nun seinen 
Untersuchungen eine sichere Grundlage zu geben, eröffiiete er 
1675 den zweiten Band des April mit der ersten dogmatischen 
Arbeit über diesen Gegenstand, unter dem Titel: Propyldeum 
ÄfUiquarium circa veri ac falsi discrimen in vettistis membranis. 
Siegreich weist hierin Papebroch die Unechtheit einer angeblich 
Dagobertischen Urkunde von 646 für das Kloster Oeren bei 
Trier nach, er widerlegt die Fabeln der Karmeliter, verwirft 



12 Einleitang. 

falsche päbstliche Bullen. Hier zeigt er seine Gelehrsamkeit 
und seinen Scharfsinn in glänzender Weise, allein durch seinen 
kritischen Eifer Uefs er sich viel zu weit führen. Die vielen 
Fälschungen, welche ihm vorgekommen waren, machten ihn mit 
Becht sehr mifstrauisch gegen die Klosterprivilegien, welche 
aus einer sehr frühen Zeit herstammen sollten; aber es war zu 
viel, dafs er sie sammt und sonders verwarf und behauptete, 
durch Launoy, wie er selbst sagt, verleitet, es gäbe keine echte 
Urkunde aus der Zeit vor Dagobert I, und überhaupt nur sehr 
wenige echte Urkunden der Merowinger und Karolinger. Er 
eignete sich den Satz Marsham's an, dafs Urkunden um so 
weniger Glauben verdienten, je alter sie wären: chartae fidem 
habent eo minorem , quo majorem praeferunt antiquüatem: einen 
Satz, der in so fem richtig ist, als bei ihnen Vorsicht am 
nöthigsten ist, Fälschungen am häufigsten vorkommen. Speciell 
erklärte er, ohne Angabe von Gründen, die Mehrzahl der mero- 
wingischen Urkunden des Klosters Saint -Denis für unecht 
Unter den 600 Urkunden, welche 1625 Doublet in seiner 
Greschichte der Abtei mitgetheilt hatte, waren allerdings unechte, 
besonders unter den ältesten, und das hatte Papebroch zu seiner 
Behauptung verleitet *) Es ist sehr anzuerkennen, dafs er zuerst 
die Kennzeichen echter Urkunden festzustellen versuchte, allein 
nicht nur ist seine Behandlung der ebenso schwierigen wie um- 
fassenden Aufgabe sehr ungenügend, sondern er verfiel auch in 
grofse Täuschungen, welche seinem Werke fitst allen Werth 
nahmen. Der Grund davon lag in dem ganz ungenügenden 
Material, mit welchem er arbeitete. Von Originalen kannte er 
nur ein Privileg Heinrichs IV von 1087 (2886 Stumpf), und 
das war unecht Von anderen hatte er Proben in Facsimile, 
aber auch darunter waren unechte. Die Kennzeichen mero- 
wingischer Urkunden entnahm er dem ältesten Privileg des 
Klosters St Maximin von Dagobert, dessen Facsimile ihm 
Wilthemius geschickt hatte und das er für unzweifelhaft echt 
hielt; aber diese Urkunde ist nicht allein unecht, sondern hat 

^) Ein interessantes Beispiel alter Fälschung aus Saint -Denis hat 
A. Giry behandelt: ,La donation de RueiP, M^langes Julien Havet (1895), 
S. 683—717. 



Dom Jean Mabillon und die Congr^gation de Saint>Maur. 13 

mit den echten merowingischen Urkunden gar keine Aehn- 
lichkeit 

So war denn dieser erste Versuch sehr unglücklich aus- 
gefallen. Er erschien aber, obgleich das sicher nicht Papebroch's 
Absicht war, als ein ehrenrühriger xmd gefährhcher Angriff auf 
die Benedictiner in Frankreich, welche allein merowingische 
Urkunden besafsen. Die Benedictiner hatten ohnehin gerade 
damals sich gegen Angriffe auf ihre Vorrechte zu vertheidigen, 
sie hatten vorzügUch auch viele Anfechtungen von den Jesuiten 
zu erdulden, deren BegehrUchkeit ihrem Besitzstand häufig zu 
nahe trat, und es ist daher begreifUch, dafs man hier zuerst zu 
kraftiger Gegenwehr sich aufrafile. 



§ 2. 

Dom Jean Mabillon und die Congrägation 
* de Saint-Maur. 

Der Orden der Benedictiner war in Frankreich in tiefen 
Verfall gerathen und schien seinem Untergang entgegen zu 
gehen. Am Ende des 16. Jahrhunderts beauftragte Clemens VJJLl 
den Cardinal von Lothringen mit der Beform desselben in 
Lfothringen, allein der Cardinal erklärte ihn für unverbesserUch 
und gab den Rath ihn ganz au£suheben. Die Klöster waren 
theils durclü die Abb^s Commendataires, welche nur die Ein- 
künfte bezogen, theils durch die Calvinisten verwüstet, und 
lagen grolsentheils in Buinen. Der Pabst aber ging auf jenen 
Rath nicht ein, und jetzt zeigte es sich, dafs jener reforma- 
torische Geist, welcher einst im 10. Jahrhundert unter ähn- 
Uchen Verhältnissen durch Johann von Gorze so grolse Erfolge 
gewirkt hatte, in den lothringischen Benedictinem noch nicht 
ausgestorben war. Was der Cardinal für unmögUch erklärt 
hatte, gelang einem einfachen Mönche des Klosters Saint-Vannes 
in Verdun, Dom Didier de la Cour (Desiderius de Curia), 
der in Pont-ä-Mousson seine Studien gemacht und sich dort 
mit Pierre Fourrier, dem Reformator der Chorherren, und 



14 Einleitang. 

Gervais Lairuel, dem Beformator der Prämonstratenser, «in 
wanner Freundschaft zu gleichen Bestrebungen verbunden hatte. 
Durch seine aufserordentUche Hingebung an die Idee, die ihn 
ganz erfüllte 7 durch seinen unermüdlichen Eifer, seine that- 
kräftige Begeisterung überwand er endlich alle Schwierig- 
keiten und brachte eine wahrhafte Reform der Hauptklöster in 
Lothringen zu Stande. Durch eine Bulle vom 7. April 1604 
vereinigte Clemens VIII die beiden Klöster Saint-Yannes und 
Moyen-Moutier zu der Congregatio SS. Hidulfi et Vitoni, welche 
sich nun rasch weiter ausbreitete. 

Dieser neue Aufschwung wirkte bald auch auf Frankreich 
ein, wo Dom Benard die neue Disciplin in die verwilderten 
Climiacenserklöster einführte. Auf dem ersten Generalcapitel 
1618 wurde beschlossen, dafs die französischen Klöster eine 
eigene Congregation bilden sollten, welche den Namen des h. 
Maurus annahm, S. Benedicts Lieblingsjünger, welcher als der 
Begründer des Ordens in Frankreich galt Am 17. Mai 1621 
bestätigte Gregor XY die neue Congregation de Stint-Maur, 
welche nun, von Bicheheu beschützt und mit Privilegien reich 
ausgestattet, bald eine grofse Ausdehnung gewann. 

Früher waren alle Klöster ganz vereinzelt gewesen, jetzt 
aber traten sie unter einander in lebendige Gemeinschaft; das 
Generalcapitel versammelte sich alle drei Jahre, und wählte 
oder bestätigte den Superior generalis; ebenso setzte es auch 
anstatt der Aebte auf Lebenszeit den einzelnen Elöstem ihre 
Yorsteher. Alle Kräfte des ganzen Ordens standen d^m General- 
capitel zu freier Yerfügung, und so lange die ganze Congrega- 
tion gesund blieb, konnte auch die Ausartung eines einzelnen 
Klosters nur vorübergehend eintreten.^) Es war auch für die 



^) Die Hauptwerke über die Geschichte der Congregation sind: 
Bibliotheca Benedictina Mauriana seu de ortu, vitis et scriptis Patnim 
Benedictinorum e celeberrima Gongregatione S. Mauri in Francia libri duo 
auctore Bemardo Pez, Aug. Yindel. et Graecii 1716, 8. Dom Tassin, 
Histoire de la Congregation de Saint -Maur, Brux. 1770, 4. Ganz un- 
genügend, doch mit Benutzung von handschriftlichem Material gearbeitet 
ist: Histoire de Dom Mabillon et de la Congregation de Saint-Maur, par 
M. £mile Ghavin de Malan, Paris 184B, 8. Einiges ist seitdem noch hin- 



Dom Jean Mabillon und die Congr^gation de Saint- Maur. 15 

Ausbildung der Mönche sehr förderlich; dals sie nicht mehr an 
ein Kloster gebunden waren, sondern nach der Verfügung der 
Obern ihren Aufenthalt wechselten. 

Schon Dom B^nard ermahnte sehr eindringUch zu ge- 
lehrten, nicht ausschliefslich theologischen Studien. Wie die 
alten Benedictiner, so sollten auch die Mauriner durch Gelehr- 
samkeit und hervorragende Geistesbildung ihre Geltung be- 
haupten. Auf dem Generalcapitel 1630, wo die Wahl eines 
Superior generalis fiir drei Jahre zuerst beschlossen wurde, 
fiel die Wahl auf Dom Gr^goire Tarisse, welcher 18 Jahre 
lang an der Spitee der Congregation bUeb und mit gro&em 
Ernst die Thätigkeit der Mitgheder auf gelehrte Studien leitete. 
Er schon fgifste den Plan, die Annalen des Ordens ausarbeiten 
zu lassen, und Uels die Biographien der alten Benedictiner 
sammeln; auch die Herausgabe der patristischen Werke ist 
schon von ihm vorbereitet worden. In vielen £[löstem wurden 
auf seinen Antrieb Specialgeschichten verfällst, welche später 
für die Gallia Christiana und die Annalen des Ordens ver- 
werthet wurden. Sehr folgenreich war die neue Einrichtung 
der BibUothek in dem Pariser Kloster Saint-Germain-des- 
Prds, verbunden mit einer Art Akademie, in welcher die aus- 
gezeichnetsten Köpfe aus allen Klöstern des Ordens vereinigt 
und mit den nöthigen Hül&mitteln in reichster Fülle versehen 
wurden. Durch diese Concentration der Kräfte wurden die 
Ungeheuern Werke mögUch, welche noch jetzt jeden mit Er- 
staunen erfüllen, der sie in den Bibhotheken erblickt, die bis 
jetzt unübertrofifenen Ausgaben der Kirchenväter, die G^chichte 
ihres Ordens und seiner HeiUgen, der Klöster, der Provinzen 
und Bisthümer, die Sammlung der Historiens des Gaules, die 
Histoire litteraire de la France, und so viele andere Werke 
von griindüchster Gelehrsamkeit und bleibendem Werth. Von 
ihnen, nicht von den alten Benedictinem, stammt der sprich- 
wörtliche Ausdruck „Benedictinerfieifs^^ 



zugekommen. Eingehender Untersuchung und Darstellung bedarf nament* 
lieh noch die in ihrer Art lehrreiche Geschichte der zunehmenden inneren 
Attilösttug, des wachsenden Verfalls im 18. Jahrhundert Häufig begegnet 
man den Klagen, dalB gerade die talentvollsten Mitglieder austreten. 



16 Einleitung. 

Dom Luc d'Achery war 1609 in Saint-Quentin geboren, 
und wurde mit 23 Jahren in Vendome Mauriner, schon 1635 
aber Bibliothekar in Saint-Germain-des-Prds, wo er am 29. April 
1685 gestorben ist Er war kränklich und brachte 45 Jahre 
in der Infirmerie zu, aber seine gelehrte Thätigkeit wurde 
dadurch nicht gehindert Regelmäfsig versammelte sich bei 
ihm die gelehrte Welt von ganz Paris, und mit den ausgezeich- 
netsten Männern seiner Zeit war er in unausgesetztem brief- 
Uchen Verkehr. Die von allen Seiten gesammelten Materialien 
zur Geschichte des Ordens wurden ihm übergeben, um sie zu 
verarbeiten, und da die übergroise Masse seine Kräfte über- 
stieg, wurde zu seiner Unterstützung bei dieser Arbeit, zunächst 
bei der Herausgabe des Spicilegium, 1664 Dom Jean Mabillon 
nach Saint-G^rmain berufen, von Saint-Denis, wo er seit einem 
Jahre sich befand^). Geboren 1632 in der Champagne, war 
Mabillon 1654 Mönch in Saint-Remi, wurde wegen seines 
Leidens an heftigem Kop&chmerz nach Nogent-sous-Coucy ge- 
schickt, wo er Guiberts Werke studierte, und kam 1657 nach 
Corbie, wo sich die an merowingischen Handschriften reichste 
BibUothek befand. 1663 wurde er nach Saint-Denis geschickt, 
wo er als Cimeliarcha (tresorier) vornehmen Fremden die Kost- 
barkeiten zu zeigen hatte, zu welchen auch die merowingischen 
Urkunden gehörten. 

In Saint- Germain- des -Pr6s trat sehr bald Mabillon's un- 
gewöhnHche Tüchtigkeit zu gelehrten Arbeiten so unverkennbar 
hervor, dafs ihm die weitere Verarbeitimg der Sammlungen für 
die Geschichte des Ordens übertragen wurde; 1667 verkündigte 
ein Circular den Plan des neuen Unternehmens der Acta. 
Sanctorum Ordinis S. Benedict, und 1668 erschien bereits der 



') S. über Mabülon auTser den oben angeführten Werken auch die 
sehr werthvolle: Correspondance in^dite de Mabillon et de Montfaucon 
avec ritalie, contenant un grand nombre de faits sur Thistoire religieuse 
et litt^raire du 17. siöcle, suivie des lettres inädites du P. Quesnel etc., 
par M. Valery. 3 vols. Paris 1847. Mabillon's Biographie von Renö 
Massuet vor dem 5. Bande der Annalen ist bei Pez wieder abgedruckt. 
Von Ruinart erschien 1709: Abr^gä de la vie de Dom Jean Mabillon, 
lat mit Zusätzen von Dom Claude de Yic, Padua 1714. 



Dom Jean Mabillon und die Congr^tion de Saint- Maur. 17 

«rste Band. Sein kritisches G^nie zeigte sich hier im hellsten 
lichty aber nicht allen gefiel diese Kritik. Man warf ihm vor, 
dafs er Antiquitäten angriff, de quibus noUent dubitari, wie 
die heilige Thiäne von Vendome. Er wurde von einigen seiner 
Ordensbrüder verklagt, rechtfertigte sich aber siegreich vor dem 
Generalcapitel. Nachdem er sich so im eigenen Orden An- 
erkennung verschafft hatte, trat er hinfort als Vorkämpfer des- 
selben nach aufsen auf, denn es fehlte den Maurinem nicht 
an mancherlei Anfechtungen. 

Schon lange waren sie in einen heftigen Streit mit den 
Augustinern verwickelt üb^ den Verfiasser des Buches de imi- 
tatione Christi, welchen jeder Orden fiir sich in Anspruch nahm; 
den Benedictinem warfen ihre Gegner Verfälschung ihrer Hand- 
schriften vor, und es kam 1671 zu einer feierUchen Unter- 
suchung vor dem Erzbischof von Paris, wo die Nichtigkeit 
jener Beschuldigung anerkannt wurde. 

Den Jesuiten aber miMel die theologische Richtung des 
Ordens, der sich mehr und mehr von der herrschenden scho- 
lastischen Methode entfernte und zu den älteren Kirchenvätern 
zurückkehrte. Die von ihnen vorbereitete Ausgabe des Augustinus 
war den Jesuiten ein Greuel, und nachdem 1679 der erste 
Band erschienen war, erhoben sie auch hier den Vorwurf der 
Interpolation und Verfälschung der Handschriften. 

Es war nöthig auf diese Verhältnisse einzugehen um zu 
zeigen, wie sehr damals durch verschiedene Verwickelungen die 
lebhafteste Aufmerksamkeit auf die alten Handschriften und 
erkunden gelenkt wurde und wie grofs unter den Benedictinem 
die Aufregung sein mufste, als durch Papebroch's Abhand- 
lung die Verdächtigung ihrer alten Urkunden mit gröfserem 
Nachdruck, als je zuvor, wiederholt wurde. 

Antworten aber konnte man auf diesen Angriff nirgends 
mit solchen Hülfemitteln wie in Saint -Germain- des -Pres, wo 
ihnen alle Handschriften und Urkunden der alten grofsen 
Klöster zur Verfugung standen, und sie fast allein besalsen 
Documente von hohem Alter, namentUch merowingische Ur- 
kunden sie ganz allein. 

Wattenbftch, SchriftweMn. 3. Aufl. 2 



18 Einleitang. 

Mabillon übernahm die Beantwortung. Um noch mehr 
alte Originale kennen zu lernen, machte er 1680 eine Reise 
durch Lothringen; im folgenden Jahre 1681 erschien sein 
grofses Werk De Re Diplomaticaj noch jetzt das Hauptwerk 
dieser neuen DiscipUn, jRir merowingifiche Urkunden unüber- 
troffen, classisch für alle Zeiten. 

Durch dieses Werk wurde auch der Name Diplomatik 
zuerst in die Wissenschaft eingeführt Noch war damals die 
Kenntnifs alter Urkunden oder Diplome von gro&er Wichtig- 
keit für Staatsmänner, und namentlich in Frankreich hatte 
dieser Gegenstand eben damals durch Ludwig's XIV Keunions- 
kammem die höchste praktische Bedeutung erlangt. Auch neuere 
Staatsverträge fielen unter diesen Begriff, und man brauchte 
deshalb noch nicht zu unterscheiden zwischen Diplomaten und 
Diplomatikem, wie jetzt, seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts, 
üblich geworden ist. Das Dictionnaire de l'Acad^mie von 1813 
hat noch nicht das Wort Diplomate. 

Das Erscheinen der Diplomatik von Mabillon machte so- 
gleich den gröfsten Eindruck; es war etwas vollkommen neues, 
und gleich in so vollendeter Form, dafs es allgemein die gröfste 
Bewunderung erregte. Daniel Papebroch, ein grofser Gelehrter 
und sehr wahrheitsUebender Mann, schrieb nach dem Empfang 
des Buches an Mabillon einen sehr schönen Brief, worin er 
sich für gänzlich widerlegt erklärte und die gröfste Freude über 
das nun vorliegende classische Werk aussprach. Nur das, 
schrieb er, mifsfalle ihm an seiner eigenen Arbeit nicht, quod 
tarn praeclaro operi et omnibus numeris absoluto occasionem 
dederit. Mabillon antwortete ihm mit einem nicht minder 
schönen Briefe. *) 

Von anderer Seite dagegen kamen boshafte Angriffe, nament- 
Uch 1703 von dem Jesuiten Germon, der alle die alten Ur- 
kunden des Frankenreiches für betrügerische Fabrikate und 
die gewonnenen B/Cgeln für Hirngespinste erklärte; aber sie 
blieben ohne bedeutende Wirkung, wenn auch die Gennonisten 
noch lange fortfuhren von alten Urkunden geringschätzig zu 



^) Brief und Antwort sind u. a. in Schönemann's Dipl. I, 69 gedruckt. 



Dom Jean Mabillon und die Congr^tion de Saint- Maur. 19 

reden, und oberflächliche Schöngeister ihnen zustimmten. 
Mabillon antwortete nicht auf die Angriffe, sondern widerlegte 
nur in dem 1704 erschienenen Supplementum einige Einwürfe, 
indem er zugleich sein Werk mit einer Anzahl vortrefflicher 
Facsimiles bereicherte. Am 27. December 1707 starb Mabillon 
in seinem 76. Lebensjahr. ^) Schon lange hatte ihm Dom Thierry 
Ruinart bei seinen Arbeiten zur Seite gestanden; er schrieb 
1706 gegen Germon, und es entstand eine lebhafte litterarische 
Fehde, welche die allgemeine Aufinerksamkeit in noch höherem 
Grade auf diese Gegenstände lenkte. 1708 erschien auch 
Montfaucon's Palaeographia Oraeca, welche wiederum grofses 
Aufeehen in der gelehrten Welt erregte, und den Ruhm der 
Benedictiner erhöhte. Dom Ruinart vollendete nach Mabillon 's 
Tod die zweite Ausgabe der Diplomatik, und antwortete in der 
Vorrede auf einige Behauptungen des Engländers Hickes in 
dessen 1705 erschienenen Linguarum veterum septentrionalium 
Thesaurus grarnmaiico-crüicus et archc^ologicus. Die von Hickes 
nicht ohne Grund angefochtenen allgemeinen Regeln, welche 
Mabillon aufgestellt hatte, wurden hier etwas modificiert Leider 
starb aber Ruinart schon in demselben Jahr 1709, in welchem 
die zweite Ausgabe der Diplomatik erschien, der das Supple- 
mentum unverändert beigebunden wurde. 

Ein Nachdruck des ganzen Werkes, nebst Zusätzen und 
einer Abhandlung von Muratori, wurde 1789 in Neapel von 
Adimari besorgt, in folio, wie die früheren Ausgaben. 

Die grofse Bedeutung von Mabillon's Werk besteht vor- 
züglich darin, dafs er zuerst an die Stelle willkürlicher imd 
unsicherer Aussprüche und Yermuthungen fest und sicher be- 
gründete Regeln stellte, gestützt auf ein Material von aufser- 
ordentlicher Reichhaltigkeit Wie die Veranlassung zu dem 
ganzen Unternehmen durch die Angriffe auf die Echtheit mero- 
wingischer Urkunden gegeben war und es gerade für diese 



') Merkwürdig ist, daXs Mabillon und Ruinart sich mit Baluze für 
die Echtheit von Pergamentbl&ttem eines Cartulaire de Brioude erklärten, 
welche Jean Pierre de Bar für den Cardinal de Bouillon aus genalogischen 
Motiven geftlscht hatte. Facsimiles seiner Studien im Mus^e des Archives, 
S. 541. 

2* 



20 Einleitung. 

besonders darauf ankam, Papebroch's falsche und irreleitende 
Segeln zu beseitigen, so treten auch hier naturgemäfs die 
merowingischen Urkunden in den Vordergrund, und dieser 
Gegenstand ist fast völlig erschöpfend behandelt. Bücherhand- 
schriften sind nur subsidiarisch herangezogen, und wenn auch 
für die Geschichte der Schrift die Grundhnien ebenfalls schon 
hier festgestellt sind, so bheb hier doch für den weiteren Aus- 
bau noch sehr viel zu thun übrig. Der praktische Zweck der 
Diplomatik bestand eben in der Anleitung zur Prüftuig und 
richtigen Benutzung der Urkunden, und dieser Gesichtspunkt 
bheb noch lange mafsgebend. 

§ 3. 

Der Nouveau Trait6. Deutsche 

Diplomatiker. 

Der Eifer für eine Wissenschaft, welche einen besonderen 
Ehrentitel der Mauriner bildete, lebendig erhalten durch die 
oft heftigen und spitzigen Streitschriften, hefs die Arbeit in 
dieser Bichtung nicht ruhen; der einmal gegebene Anstols 
wirkte fort Unablässig sammelte man in Saint-Germain-des- 
Pr6s neues Material, dessen Verarbeitung mit dem ursprüng- 
Uchen Werk Dom Toustain und Dom Tassin übernahmen. 
Als Frucht ihres Fleifses erschien von 1750—1765 äerNouvecM 
Traue de Diplomatique in 6 Quartanten, mit 100 Kupfertafeln; 
in deutscher Bearbeitung von Adelung und Rudolf 1759 — 1769 
in 9 Quartanten unter dem Titel: Neues Lehrgebäude der 
Diplomatik. Hier ist die Paläographie viel ausführUcher be- 
handelt, die von Mabillon kaum berührte Diplomatik der Päbste 
ist hinzugekommen, und das Material überhaupt viel reicher; 
als reichste Fundgrube von thatsächUcher Wahrnehmung, welche 
auf ausgedehntester gelehrter Forschung und genauester Be- 
obachtung beruht, ist der Nouveau Traite auch jetzt noch von 
Werth. Das Hauptaugenmerk bheb aber auch in diesem 
Werk, ja es tritt hier viel mehr hervor als bei Mabillon, Mittel 
an die Hand zu geben, um angegriffene Urkunden zu verthei- 



Der Nouveau Trait^. Deutsche Diplomatiker. 21 

digen. Zu diesem Zweck haben die Verfasser einen grofsen 
and Terwickelten Schematismus Yon äufseren und inneren Kenn- 
zeichen ersonnen, der doch nie ausreicht, bei dem man aber 
nur zu leicht das Granze aus den Augen verliert. Während 
Mabillon ausgezeichnete, noch jetzt werth volle Facsimiles von 
mögUchst groiser Ausdehnung gegeben hatte, finden wir im 
Nouveau Traite lauter kleine Stücke und vorzüglich Alphabete. 
Alle Schriften werden in Divisions und Subdivisions getheilt; 
es soll ein System aufgestellt werden, in welchem jede Schrift 
sofort ihre fertige Rubrik findet Allein die Mannigfaltigkeit 
der Schriftgattungen und Abarten ist viel zu grofs, als dafs 
jenes Ziel sich erreichen liefse, und darüber ging auf der an^ 
dem Seite alle Klarheit und üebersichtlichkeit verloren. Man 
war mit dieser Methode von Mabillon 's schönem Vorbild zum 
Schaden der Sache abgewichen ; die Einwirkung dieses Werkes 
aber war nicht minder grofs als die der ursprüngUchen Diplo- 
matik. 

Mabillon's Werk hatte nicht allein in Frankreich Epoche 
gemacht und zu weiteren Studien auf diesem Grebiete angeregt, 
sondern auch in England, in Italien, in Spanien wurden 
Werke hervorgerufen, welche zum Theil später zu erwähnen 
sein werden. Vorzüglich anregend aber wirkte die Diplomatik 
in Deutschland, wo man sich schon so lange über die Echt- 
heit und Unechtheit von Urkunden stritt, ohne doch feste Regeln 
zur Entscheidung solcher Fragen zu besitzen. Was man jedoch 
hier vermifste, war eine Diplomatik der deutschen Kaiser, da 
Mabillon von Ludwig dem Frommen auf die französischen Könige 
übergegangen war. Man hatte daher an seinem Werke wohl 
ein Vorbild, konnte es aber nur in seltenen Fällen direct be- 
nutzen. Diesen Mangel empfand namentlich Gottfried Bessel, 
der gelehrte Abt von Goetweih, als er die Geschichte seines 
ESosters schreiben wollte; nirgend fand er den festen Boden 
bereitet, auf welchem allein eine Specialgeschichte mit Erfolg 
aufgeführt werden kann, und er beschlofs deshalb, auch diese 
Vorarbeiten in sein sehr grofs angelegtes Werk aufzunehmen. 
Daher beginnt der erste Theil des Chronicon Ootuncense (1732) 
mit einer Diplomatik der deutschen Kaiser, der sich eine Geo- 



22 Einlditang. 

graphie der alten Gaue anschliefst; mehr ist von diesem Werke 
nicht erschienen. So verdienstlich nun auch jener Versuch ist, 
und so viel Ehre er seinem Urheber macht, so sieht man dem 
Werke doch gleich an, dafs in Goetweih die Hülfsmittel von 
Saint -Germain -des -Pres fehlten. Bessel kannte zu wenig Ur- 
kunden, und seine Schriftproben sind mit den französischen gar 
nicht zu vergleichen. 

Auch hierin zeigte sich der Nachtheil, welcher den deutschen 
Benedictinem daraus erwuchs, dals sie nicht, wie die fran- 
zösischen, ihre Kräfte zusammenfassen konnten. Wohl hat das 
Vorbild der Congr^gation de Saint-Maur ahnhche Bestrebungen 
in Deutschland hervorgerufen, die Gebrüder Pez (eigentlich Paetz) 
in Melk verfolgten namentlich dieses Ziel mit grofsem EÜfer; 
allein wenn es auch nicht ganz an Früchten dieser Bemühungen 
fehlte, so scheiterten doch alle Versuche, eine so centralisierte 
Verfassung des Ordens zu Stande zu bringen, an der Zer- 
stückelung Deutschlands und der gegenseitigen Eifersucht der 
Eegierungen. Unmöglich konnten ja die Beichsabteien ihre 
Selbständigkeit aufgeben oder die landsässigen sich einem fr^emden 
Oberhaupte unterordnen. 

Da der Abt Bessel erst mit Konrad I begonnen hatte, 
schrieb der Professor Heumann in Altorf ein Buch De re 
diplamatica regum et imperatorum Germanorum (1745, 1753) 
von Karl dem Grolsen an, kam aber nur bis zu Ludwig dem 
Jüngeren. Er kannte gar keine Originaldiplome, aber schätzbar 
und auf den richtigen Weg leitend war die von ihm eingeschlagene 
Methode, die irgendwo bekannt gewordenen Urkunden eines 
jeden Königs zusammenzustellen, und daran eine sorgfältige 
Untersuchung über die speciellen Eigenthümlichkeiten und Kenn- 
zeichen derselben zu knüpfen. 

Man begann mm auch an den Universitäten Diplomatik 
vorzutragen und Compendien dafür zu schreiben. Jeder Jurist, 
besonders wer irgend mit staatsrechtlichen Verhandlungen sich 
be&ssen wollte, muTste diese Vorlesungen hören. Sie waren 
ganz auf Kritik und Benutzxmg der Urkunden gerichtet, und 
aufser der Paläographie zog man nach Heumann's Vorgang eine 
^fenge sprachlicher und rechthistorischer Materien hinein, 



Der Nonvean Tnit^. Deutsche Diplomatiker. 23 

welche nur in dem praktischen Zwecke ihre Einheit fandet. 
So waren diese Vorlesungen zugleich ein Surrogat der noch 
nicht vorhandenen deutschen Bechtsgescfaichte. 

Vorzüglich traten auch auf diesem Felde die Früchte her- 
vor, welche der Genius eines Leibniz ans Licht rief. Niemand 
Terstand in so erfolgreicher Weise den Urkundenvorrath der 
Vorzeit für geschichtliche und staatsrechtliche Forschungen aus- 
zubeuten; aus seinen reichen Sammlungen gingen (1750 bis 
1780) die Origines Ouelficae mit ihren vortrefflichen Schrift- 
tafeln hervor. Der von ihm gegebene mächtige Anstofs ist 
sichtbar in den historisch-diplomatischen Studien, welche an der 
neu gestifteten Gröttinger Universität, den BibUotheken zu Han- 
nover und Wolfenbüttel, dem Braunschweigisch-Lüneburgischen 
Archive eifrig betrieben wurden. Leibnizens Gehülfe Chr. 
H. Eckhard, der eine Introdudio in rem d'iplamaiicam prae- 
dpue Germanicafn (1742) geschrieben, mehr aber durch die von 
ihm begonnene Bearbeitung der Origines Guelficae und seine 
übrigen Werke praktisch diese Studien gefördert hat, wurde bei 
seiner Forschungsreise nach ürkimden zur Aufhellung der 
Geschichte des Weifenhauses begleitet und unterstützt von 
D. E. Baring, der eine Zeit lang Bibliothekar in Hannover 
gewesen ist Dieser vereinigte in seiner Clavis diplomatica 
(1737 und 1754) eine Anzahl der bedeutendsten Schriften über 
Diplomatik mit Alphabeten, Abkürzungen, Notariatszeichen, 
welche aus Urkunden entnommen sind. Diese sehr mühsame 
Arbeit würde wohl noch jetzt in gröfserem Ansehen stehen, 
wenn sie nicht weit überboten wäre von dem churfürstlichen 
Archivar J. L. Walther in seinem Lexicon diplomaticum, 
welches vollständig, und zwar in meisterhafter Weise, in Kupfer 
gestochen ist Vollkommen fertig hinterlassen, erschien es 1751 
in foUo mit einer Vorrede von J. H. Jung. Die früher ver- 
heißene Vorrede des Pro£ Koeler war nicht zu Stande gekommen, 
und die angebliche Ausgabe von 1747 existiert nicht, nur das 
sdion gestochene Titelblatt mit Koeler's Namen. Ein neuer 
Abdruck ist 1756 in Ulm veranstaltet Die bedeutenden Kosten 
dieses Unternehmens gab der berühmte J. G. v. Meyern, der 
des k. und kurf Archives zn Hannover, der Heraus- 



i 



24 Einleitung. 

geber der Acta pads Westphalicae publica, ein Diplomat von 
altem Schlage und vollendeter ürkundenkenner. Er hat sich 
durch diese Liberalität ein außerordentliches Verdienst erworben, 
denn Waliher's Werk ist durchaus classisch imd einzig in seiner 
Art Es ist auch jetzt noch unentbehrlich, und nicht leicht 
wird man darin vergebUch nach Auskunft über eine Abkürzung 
suchen. Nicht minder vonzügUch sind auch die vorangeschickten 
28 Tafeln mit Schriftproben, und wer durch diese sich durch- 
gearbeitet hat, wird für die meisten Vorkommnisse hinreichend 
gerüstet sein, für diejenigen Aufgaben nämlich, welche praktisch 
am häufigsten vorkommen; für die ältesten Schriftgattungen 
freilich und die sogenannten Nationalschriflien läfst uns Walther 
im Stich. 

Aufserordentlich gefeiert und berühmt als Diplomatiker 
war seiner Zeit Johann Christoph Gatterer, von 1759 bis 
1799 Professor in Göttingen; ^) doch entsprechen seine Schriften 
nicht dem Rufe, welchen er als Lehrer und ürkundenkenner 
besafs. Er war ein vorzüglicher Bewunderer des Nouveau 
Trait^, und hat diesen in Deutschland eingeführt und bekannt 
gemacht Ganz erfüllt war er von dem Bestreben, die Classi- 
fication der Naturreiche durch Linn^ auf das Gebiet der Ur- 
kunden zu übertragen, und nicht nur die Schriftgattungen, 
sondern auch alle sonstigen Eigenschaften und Zufälligkeiten 
der Urkunden in Systeme zu bringen. So wurde von ihm der 
Lrweg, auf welchen die Benedictiner sich verirrt hatten, noch 
weiter verfolgt Von seinen Elementa artis diplomaticae unir 
versalis (1765) erschien aber nur der erste Band, und erst 1798 
folgte der Abrifs der Diplomatik, 1799 die praktische Diplo- 
matik mit Kupfertafeln und Beschreibungen der darauf ab> 
gebildeten Urkunden, welche wohl noch mit Nutzen gebraucht 
werden können. 

In weit höherem Grade zu empfehlen sind aber die Werke 
seines Nachfolgers Schoenemann, vorzüglich sein Versuch 
eines vollständigen Systems der Diplomatik, Hamburg 1801, 
1802 (neue Titelausgabe Leipzig 1818), zwei Bände mit einem 



^) S. den Artikel von Wegele in d. Allg. Deutschen Biographie YIII, 110. 



Der Nouveau Trait^. Deutsche Diplomatiker. 25 

Heft Kupfertafeln, die sehr gut sind. Sie enthalten Proben 
Ton echten und falschen Urkunden, welche im Text sehr ein- 
gebend besprochen und erläutert werden. Von der System- 
sucht seiner Vorgänger sagt sich Schoenemann ausdrücklich 
los, und kehrt zu gesünderen und einfacheren Grundsätzen 
zurück. Namentlich ist hier auch die anfänglich vernachlässigte 
Zeit des späteren Mittelalters berücksichtigt Vorausgeschickt 
ist eine sehr fleilsig und sorgfältig gearbeitete ausführUche 
Geschichte und litteratur der Diplomatik. 

Zur Einführung in diese Studien ist neben Mabillon's Werk 
ganz vorzüglich eine sorgfältige Beschäftigung mit diesem Buche 
dringend anzurathen. Es ist zwar auch unvollendet gebUeben, 
aber der für unsere Zeit praktisch wichtigere Theil der Schreib- 
kunde ist vollslÄndig vorhanden. 

Auch der herzogL Braunschweigisch-Lüneburgische Archivar 
Justus von Schmidt genannt Fhiseldeck gab 1804 eine 
Anleitung für Anfänger in der deutschen Diplomatik heraus, 
mit einigen Proben nach Originalen. Umfassender ist das 
diplomatische Lesebuch von F. E. C. Mereau in Jena (1791) 
mit 42 aus dem Nouveau Trait^ und anderen Werken gesammelten 
Kupfertafeln von sehr verschiedenem Werthe, doch mit den bei- 
gegebenen Erläuterungen zum Studium noch immer nützlich. 

Es hegt auiserhalb unseres Zweckes, auf die diplomatische 
litteratur weiter einzugehen; ich begnüge mich, auf das meister- 
hafte Werk von H. Bresslau zu verweisen: Handbuch der 
Urkundenlehre für Deutschland und ItaUen, I. Leipzig 1889. Zu 
ergänzen durch seine Berichte in den Jahresberichten der Ge- 
schichtswissenschaft von 1879 an. Dazu das französische Werk 
von A Giry: üfantieZ de Diplomatique, 1894. 

§ 4. 
Die neae Zeit Scheidung der Paläographie 

von der Diplomatik. 

Durch die französische Revolution und ihre Folgen hat 
die praktische Wichtigkeit der alten Urkunden bedeutend ab- 



26 Einleitung. 

genommen, und die Diplomatik ist zu einer Hülfiswisßenschaft 
der Geschichte geworden. Diplomaten und Staatsrechtslehrer 
beschränken sich auf neuere Verträge , und auch die Juristen 
pflegen sich um das YerständniTs alter Urkunden wenig zu 
kümmern. Dagegen hat sich die Bechtsgeschichte zu einer 
eigenen Disciplin entwickelt und vieles an sich gezogen, was 
firiiher in der Diplomatik gelehrt wurde. Ein anderer Theil 
derselben hat in der Sprachwissenschaft eine passendere Unter- 
kunft gefunden. 

Daher kann man wohl sagen, dals die allgemeine Diplo- 
matik als Wissenschaft aufgehört hat EVeiUch bedarf es auch 
jetzt noch einer Fülle besonderer Kenntnisse, um die Echtheit 
der Urkunden beurtheUen zu können; allein die Masse des 
Materials ist so aufserordentUch angewachsen, dafs die Auf- 
stellung allgemeiner Regeln dadurch fast immögUch gemacht 
ist, ein jedes Gebiet verlangt seine abgesonderte Bearbeitung. 
Mulste man früher aus den wenigen bekannten Beispielen all- 
gemeine Bügeln zu gewinnen suchen, um Schlüsse zu ziehen, 
welche doch leicht täuschen konnten, so nöthigt gegenwärtig die 
Ueberfülle des leicht zugänglichen Materials zu einem anderen 
Verfahren. Ein Muster der Bearbeitung eines begrenzten Ge- 
bietes hat Th. Sickel in seiner Lehre von den Urkunden der 
ersten Karolinger aufgestellt; in ähnUcher Weise wird jetzt die 
Diplomatik der späteren Kaiser und verschiedener Regenten- 
häuser, so wie der römischen Päbste durchgearbeitet Während 
aber diese Urkunden sehr zerstreut sind, finden sich die von 
weniger hochstehenden Personen oder Corporationen und von 
Privatleuten ausgegangenen massenhaft beisammen, und da die 
Archive heutiges Tages für wissenschaftliche Arbeiten fast über- 
aU geöfihet sind, bietet eine an Ort und SteUe vorgenommene 
Vergleichung viel bessere Hülfsmittel zur Prüfung, als die An- 
wendung allgemeiner Regeln. 

Wohl geht eine allgemeine Gleichförmigkeit durch das 
ganze Abendland, und namentlich ist das auch der Fall bei 
der Schrift, trotz vielfältiger localer Abweichungen. Auch in 
den älteren diplomatischen Werken, in welchen die Verände- 
rungen der Schrift vorzügUch nur als Mittel zur Urkundenkritik 



Die neae Zeit. Scheidung der Palftographie von der Diplomatik. 27 

betrachtet waren, hatte man doch die ältesten Zeiten eogar in 
übermäfsiger Weise in die Darstellung gezogen, und Bücher- 
handschriften waren zur Vergleichung und Aushülfe benutzt. 
Mit der feineren Ausbildung der Kritik wuchs die Aufinerksam- 
keit auf Bücherhandschriften^ und das früher dürftige Material 
für die Bömerzeiten erhielt sehr bedeutende Vennehrungen. 
Mehr und mehr wandte sich der Geschichte der Schrift ein 
TOD der Diplomatik unabhängiges Studium zu, und mit der 
Vervollkommnung der technischen Hülfsmittel ist der Vorrath 
an vortreffüchen Schriftproben aller Art ganz erstaunlich an- 
gewachsen. 

Ein für seine Zeit sehr ausgezeichnetes Werk ist von Astle 
The Origin and Progress of wrüing, 1783, und in zweiter 
Ausgabe 1803 erschienen, mit vortrefflichen Kupfertafeln. Sein 
Hauptwerth besteht jedoch in der ausführUchen Behandlung 
der irischen und angelsächsischen Schrift. Andere Werke, 
welche dergleichen abgesonderte Grebiete behandeln, lassen wir 
hier aufser Acht, und beschränken uns auf diejenigen, welche 
allgemeinerer Natur sind. 

In Frankreich wurde durch die Revolution die Congre- 
gation der Mauriner zerstört, und es schien sogar, als ob diesen 
mittelalterlichen Studien ein vöUiges Ende gemacht wäre. Allein 
nach kurzer Unterbrechung hat man sie nur mit um so gröfse- 
rem Eifer wieder aufgenonmien. Namentlich hat die 1821 ge- 
stiftete und 1829 erneuerte Ecole des Chartes') eine unge- 
mein fruchtreiche Wirksamkeit gewonnen und allen anderen 
Ländern ein bis jetzt unerreichtes Vorbild gegeben. Für den 
Gebrauch dieser Schule ist eine grofse Anzahl von Schrifb- 
tafeln verfertigt, welche jetzt auch gesammelt käuflich sind, 
aber wegen des wesenÜich französischen Standpunktes, der 
systemlosen Sammlung und des hohen Preises auswärts wenig 
verwendbar. *) 



') Die wechselvolle Gründungsgeschichte erzählt M. Delpit im ersten 
Band der Biblioth^ue de l'^cole des Ghartes. 

*) Recueil de facsimiMs ä Tusage de r£cole des Ghartes; 4 söries, 
conienant 100 planches et textes , introduction et tables. 4 vol in f. 
1880-1887. 100 frc8. 



28 Einleitung. 

Die ^cole des Chartes steht in genauester Verbindung mit 
den Archives nationales, und in der hier, in dem schönen 
Hotel de Soubise, veranstalteten Ausstellung findet der franzö- 
sische Paläograph in lehrreichster Weise alles vereinigt, was 
für seinen speciellen Beruf von Wichtigkeit ist zu kennen. 
Daran schliefst sich die mit Schriftproben ausgestattete Publi- 
cation: Musee des archives de Vempire^ actes importants de 
Vhistotre de France et atäographes des hommes celebres^ Paris 
1867, 4. 

Als Lehrbuch für den Gebrauch des Archivs liefs der 
Minister Guizot aus dem umfangreichen Werke der Benedic- 
tiner einen kürzeren und übersichtlichen Auszug machen; es 
sind die beiden FoUanten der Clements de PaUographie von 
Natalis de Wailly, Paris 1838. Der Verfasser hat jedoch 
selbständig gearbeitet; gute Schriftproben erhöhen den Werth 
des Werkes. Im Widerspruch mit dem Titel ist aber aus der 
alten Diplomatik viel chronologisches und sonst zur Behand- 
lung der Urkunden dienliches hineingezogen; und da dem prak- 
tischen Zwecke gemäfs vorzugsweise nur französische ürkimden 
berücksichtigt sind, entspricht für allgemeinere Gesichtspunkte 
oder für die Bedürfiiisse deutscher Archivare und Philologen 
die Brauchbarkeit des Werkes nicht seiner Kostspieligkeit. 

Verschiedene Prachtwerke von ausgezeichneter technischer 
Vollendung beschränken sich auf einzelne Schriftgattungen. 
Hier ist deshalb nur das ganz umfassende Hauptwerk anzu- 
führen, welches leider an wenigen Orten erreichbar und zu- 
gängUch ist, die Paleographie Universelle, Paris 1841 , vier 
Bände im gröfsten Folioformat, welche 500 ThaJer kosten. 
Der erste Band enthält orientalische Schriften, der zweite und 
dritte griechische und lateinische, der vierte verschiedene 
Nationalschriften. Die in Farben ausgeführten Nachbildungen 
der Handschriften von Silvdstre sind von aufserordentlicher 
Schönheit; von den Prachtwerken der alten IMSniatoren erhalten 
wir hier die lebendigste Anschauung. Dagegen vermifst man 
einzelne für die Geschichte der Schrift wichtige, nur aus un- 
vollkommenen Proben bekannte Handschriften, deren Nachbil- 
dung man gern hier finden würde. Der von Jean -Jacques 



Die neue Zeit Scheidung der Palftographie von der Diplomatik. 29 

ChampoUion-FigeaG und Aim^ Champollion Fils besorgte Text 
ist sehr ungenügend. 

Ziemlich mifsrathen in Plan und Ausführung ist die Pa- 
Uographie des Classiques laiins cPapres les plus beaux Manu- 
scrits de la Bibliotheque Boyaie de Paris^ par M. A. Cham- 
pollion. Avec une Introduction par M. ChampolUon-Figeac. 
1837. Einzelne Tafeln sind freilich vorzüglich, aber nicht alle, 
und der Text ist ohne allen wissenschafthchen Werth. Da- 
gegen ist die von 1833 — 1841 erschienene Sammlung der 
Charles et Manuscrits sur papyrus werthvoll; das letzte Heft 
enthält auch andere Urkunden. 

Ein sehr bequemes und viel verbreitetes Handbuch ist 
von Chassant: Paleographie des Chartes et des Mcmuscrüs 
du U. au 17. siedey 1839 zuerst, 1884 in siebenter Ausgabe 
eischienen. In kleinem Format, mit 10 hübschen Tafeln, ist 
es für den Zeitraum, welcher praktisch am meisten in Betracht 
kommt, sehr brauchbar und zum Frivatstudium zu empfehlen, 
obgleich es recht oberflächlich und nicht frei von Fehlem ist 
Der Verfasser beschränkt sich auf Urkunden, indem er nicht 
mit Unrecht ss^ dafs, wer diese lesen könne, auch mit den 
Büchern fertig werde. Er geht vom 17. Jahrhundert rückwärts, 
und läfst die schwierigen älteren Zeiten mit ihren Uebergang- 
Schriften fort; daher fehlt jede geschichüiche Entwickelung der 
Fonnen und der Abkürzungen, welche doch allein Sicherheit 
giebt und sich leichter dem Gedächtnils einprägt Hier er- 
scheint alles willkürUch, und bleibt daher reines G^dächtnifs- 
werk. 

Gleiche Vorzüge und Schwächen hat desselben Verfassers 
Didiannaire des Ahremations latines et frangaises usitees dans 
les Ihscriptions lapidaires et metalliques, les maniiscrüs et les 
chartes du Mayen Äge, in fünfter Auflage 1884 erschienen. 
Bedauerlich ist, dals für QM nach einander die Bedeutungen 
quum, quaniam, quomodo angegeben sind, da doch quum den 
Handschriften des Alterthums ganz fremd ist, im Mittelalter 
selten vorkommt^*) aber anders abgekürzt wurde, während qm 



<) s. Rfihl im Rhein. Museum f. Phüologie XXVIII, 640. 



30 Einleitung. 

• 
immer quoniam zu lesen ist Es ist also dadurch ein ohnehin 

schon eingewurzelter Irrthum noch mehr befestigt 

In Italien erschienen von Pietro Datta Lezioni di Pa- 
leografia e di crüica diplomatica sui documenti ddla Monarchia 
di Savoia, Torino 1834, mit einigen Schriftproben. Der Zweck 
des Buches ist zu eng begrenzt, als dafs es eine allgemeinere 
Bedeutung in Anspruch nehmen könnte. Eine Erwähnung ver- 
dient noch das Programma ddV Imperial -Real Scuola di 
Faleografia in Veneria, pubblicato alla fine dell' anno scolas- 
tico 1861—1862, da B. Cecchetti, Venezia 1862 in foglio, 
mit 8 Tafeln, welche schöne Proben von Urkunden enthalten. 
Die älteste Urkunde ist ein Testament aus Triest, vom 26. April, 
Imp. Lothario a. 30. Hlodouui filio eins a. 6. d. h. 850. Kaum 
sollte man es glauben und für mögUch halten, dafs der Her- 
ausgeber anstatt dessen an die letzten französischen KaroUnger 
denkt, welche doch mit ItaUen gar nichts zu schaffen hatten, 
und die Urkunde deshalb in das Jahr 984 setzt Die folgen- 
den Proben beginnen mit dem Jahre 1060. 

Mit grofsem Fleife gearbeitet, aber ganz nach altem Zu- 
schnitt, mit geringer Kenntnifs der neueren Litteratur und ohne 
ausreichende Belege, ist das Buch von Gloria^ Compendio 
deUe lezioni teorico-pratiche di Paleograßa e Diplonmtica, 
Padova 1870. Viele, zum Theil unbrauchbare Tafeln sind aus 
dem Nouveau Trait^ entlehnt, eine Anzahl vortrefflicher eigener 
aus Paduaner Archiven hinzugefügt. Von geringem Werth, 
doch wegen Notizen aus eigener Kenntnifs beachtenswerth, ist 
das Manuale di Paieografia delU carte von L u p i , K- 
renze 1875. 

Aus England ist als umfassendes Werk J. O. West- 
wood's Palaeographia Sacra Pidoria, or seled illmtrations of 
ancient illuminated biblical Manuscripts, Lond. gr. 4. 1845, 
mit 50 unter der Leitung von Owen Jones ausgeführten Tafeln, 
anzuführen wegen der ausgezeichnet schönen farbigen Proben 
aus christlichen Prachthandschriften. Das für die Geschichte 
der Initialen sehr lehrreiche Werk von Tymms und Wyatt: 
The Art of Bluminating (Lond. 1860) wird später noch be- 
sonders zu erwähnen sein. 



Die neue Zeit. Scheidung der F^&ographie von der Diplomatik. 31 

In Deutschland erschien 1825 ein, vorzügUch aus den 
Schätzen der Wolfenbütteler Bibliothek geschöpftes, recht nütz- 
liches Buch von F. A. Ebert: Zur Handschriflenkunde, welches 
zuerst die Bücherhandschriften abgesondert ins Auge fafst, aber 
sehr in allgemeinen Umrissen gehalten ist 

EL Ho ff mann (von Fallersleben) hefs 1831 in Breslau 
einen Leitfaden zu Vorlesungen drucken, unter dem Titel: 
Handschriftenkunde für Deutschland. Damals bei dem Mangel 
an Hülfsmitteln willkommen, obgleich nur in ganz knappen 
Umrissen gehalten, muDs doch jetzt nach den vielen Entdek- 
kungen aus ältester Zeit, nach der Veröffentlichung zahlloser 
Schriftproben und Beschreibungen von Handschriften, dieser 
Leit£aulen als veraltet bezeichnet werden. 

Durch reichhche Beigaben guter Schrifttafeln zeichnete 
sich das Unternehmen der Monumenta Germaniae historica 
aus, und diese Proben sind um so werthvoUer, weil ein grofser 
Theil derselben sich bestimmt datieren läfst Diese Vorbilder, 
und überhaupt die lebhaftere Beschäftigung mit mittelalterUchen 
Manu8cript«n haben der Paläographie einen neuen Aufschwung 
gegeben, und es war sehr erwünscht und willkommen, dafs 
Pertz die Schrifttafeln auch in einer abgesonderten Ausgabe 
erscheinen Uels. Diese hegen jetzt in zehn Heften abgeschlossen 
vor und bieten ein reiches Material zum Studium. Dafs es 
demselben freihch an systematischer Zusammenstellung sowohl 
wie an Vollständigkeit fehlt, bringt die Art der Entstehung 
mit sich. Auch fehlt es an einem Text, durch welchen der 
Anfänger sich belehren und über die Bichtigkeit seiner Lesung 
unterrichten könnte. 

Ln Jahr 1833 Uels der Bamberger BibUothekar J. J. Jäck 
einige Hefte in grolsem Format erscheinen unter dem Titel: 
Viele Alphabete und ganze Schriftmuster vom 8. bis zum 
16. Jahrhundert aus den Handschriften der öffentlichen Biblio- 
thek zu Bamberg. Einige der Proben sind recht schön, dem 
Ganzen aber mangelt es an richtiger Auswahl und Anordnung, 
sowie an einem brauchbaren Text. 



32 Einleitung. 

§ 5. 

Das Zeitalter der Photographie. 

Während bis dahin Facsimiles noch recht kostbar waren 
und sich nothgednmgen gewöhnhch auf kurze Proben be- 
schränkten, auch nicht immer zuverlässig waren, ist mit der 
Erfindung der Photographie und namentiich seitdem man ge- 
lernt hat, das Negativ auf Stein und Metallplatten zu über- 
tragen, ein ganz neues Zeitalter angebrochen. Man kann mit 
geringeren Kosten ganze Seiten wiedergeben und erreicht eine 
fest vollständige Sicherheit der genauesten Wiedergabe. 

Zuerst erschien mit Benutzung dieses neuen Hül&mittels, 
aber noch als wirkliche Photographie das grofse Prachtwerk 
von Th. Sickel: Monumenta Graphica Medii Äevi, ex Ar- 
chivis et Bibliotheds Imperii Austriaci collecta, EdUa jussu 
atque atispiciis Ministerii Cultus et Puhlicae Instäntionis. 
1858 ff. Für die paläographische Schule in Wien von grofsem 
Werthe, ist es seiner Kostspieligkeit wegen auswärts wenig zu- 
gängUch, und mehr dem Forscher als dem lernenden Anfänger 
nützUch. Vollständigkeit und Gleichmäfsigkeit in den ver- 
schiedenen Schriftgattungen verbietet auch hier der locale Ur- 
sprung, um so mehr, da sowohl das Haus-, Hof- und Staats- 
archiv als auch die k. k. Hof bibUothek ihre Mitwirkung ver- 
sagten. Es war ein Glück, dafs die Lombardei noch nicht 
verloren war und von hier werihvolle Vorlagen gewonnen wer- 
den konnten. Viele der mitgetheilten Texte und Urkunden 
sind in verschiedener Hinsicht merkwürdig und regeQ Fragen 
an, auf welche aber jede Antwort fehlt Ich wenigstens kann 
nicht umhin, es für die Pflicht eines jeden Herausgebers von 
Schriftproben zu halten, ihnen die Erläuterungen beizufügen, 
welche ihm leicht zugängUch, für den Benutzer oft geradezu 
unerreichbar sind. Ein Text ist schUefslich hinzugefügt, aber 
weiter auch nichts, und mit der Zeit sind die Photographien 
sehr verblafst 

Anders verhält es sich mit den, ebenfalls von Professor 
Sickel herausgegebenen Schrifttafeln aus dem Nachlasse von 



Das Zeitalter der Photographie. 33 

U. P. von Kopp, Wien bei C. Gerold's Sohn. Es sind 25 Ta- 
feln nach Karolingischen Diplomen von 753 bis 820, verbunden 
mit Kanzlerunterschriften und Nachbildungen der Siegel, welche 
Sickel selbst besorgt hat Dieses Werk steht in genauer Be- 
ziehung zu SickeFs Urkimdenlehre der Karolinger und bedarf 
deshalb keines eigenen Textes; es gewährt für dieses wichtige 
Gebiet ein sehr werthvolles Hül&mittel. 

Als grolsartiges Musterwerk endhch erschienen von H. v. S y b e 1 
und Sickel gemeinschaftlich die Kaiserurhunden in Abbildungen 
(1880—1891). Früher schon (1876) hatten Professor Zange- 
meister und ich die Exempla codicum latinorum liUeris 
majusctdis scriptarum herausgegeben, denen 1879 ein Supph- 
mentum folgte; 1883 erschienen die Exempla codicum Visig<h 
thorum von Ewald und Loewe. Von anderen Publicationen 
speciellerer Art nenne ich nur noch die sehr bedeutenden über 
tironische Noten von W. Schmitz, welche zuerst ein um- 
fassendes und vollkommen zuverlässiges Material darboten, und 
die ebenfalls mit seiner Beihülfe 1885 erschienene Ausgabe 
des Fsalterium Tironianum von O. Lehmann. 

In Frankreich ist Leopold Delisle der eifrigste und ein- 
sichtsvollste Beförderer dieser Studien. Als mit der zweiten 
Pariser Weltausstellung auch eine paläographische Ausstellung 
verbunden war, welche in überraschender Weise manche bis 
dahin verborgene Merkwürdigkeit ans Licht brachte, veranlalste 
er die Publication des Musee des Ärchives departementales 
(1878) mit 170 Schriftproben auf 60 Tafeln.* Li seinem Cabinet 
des Manuscrüs de la BibliotMque Nationale folgte 1880 ein 
schöner und sehr instructiver AÜas von 50 Tafeln in chrono- 
logischer Folge von Prudentius an von hauptsächhch in Frank- 
reich geschriebenen Handschrifl;en. Wesentlich auch von ihm 
reranlaist und geleitet erschien 1887 das Album paleographique, 
par t£cole des Chartes. 

Beschränken sich nun diese Publicationen und die vielen 
einzelnen Untersuchungen und Abhandlungen Delisle's weseut- 
üch auf Frankreich, so erstreckt sich dagegen die Paleographie 
des Classiques Laiins von Chatelain auf alle ihm bekannt 
gewordene Handschriften der Autoren. Auch mit der sehr 

Watt«nb«cb, Schrlftweten. 3. Aail. 3 



34 Einleitung. 

wünschenswerthen Wiedergabe ganzer Handschriften auf photo- 
graphischem Wege ist in der Collection Cledat ein guter 
Anfang gemacht; mehr noch ist für griechische Handschriften 
in England geschehen. 

Ebenfalls von ganz allgemeinem Gesichtskreis ist das 
aufserordentlich schöne Prachtwerk der englischen Palcieo- 
graphical Society (seit 1878), als dessen wesentlicher Urheber 
und Leiter Edward Maunde Thompson zu nennen ist, mit Unter- 
stützung von E. A. Bond und nach dessen Tod von G. Warner. 
Mit der zweiten Serie 1894 beendigt, bietet es eine erstaun- 
liche Fülle der werthvoUsten Schriftproben in meisterhafter 
technischer Ausführung; dem Schlufsheft der ersten Serie ist 
auch eine übersichtliche Geschichte der Schrift vorangeschickt. 
Andere Publicationen beschränken sich auf Urkunden und auf 
die eigenthümlichen Kunstwerke der irischen und angelsächsischen 
Schreiber. Ich erwähne nur kurz das Prachtwerk von West- 
wood: Miniatur es and Ornaments of Änglo-Saxon and Irish 
Mantiscripts (1868), J. F. Gilbert's Facsimües ofthe ncUional 
Manuscripts of Ireland (3 Bän(^ 1874 — 1882), Facsimües of 
ancient Charters of the British Museum (4 Bände 1871—1878), 
Fa^imiles of Änglo-Saxon Mantiscripts (3 Bände 1878 — 1884). 
Femer die Cataloge der ältesten griechischen und lateinischen 
Handschriften des British Museum von Thompson, mit vortreff- 
lichen Autotypen, und die Facsimile- Ausgaben des Cod. Alexan- 
drinus, des Sophocles Laurentianus, der ^d-rivalcov noXirsla des 
Aristoteles u. a. m. 

In Italien ist jetzt Cesare Paoli der Hauptvertreter 
dieser Studien, der mit Prof. Gir. Vitelli die schöne Colleeione 
Fiorentina di facsimili palcografid herausgibt, während in Rom 
von Ernesto Monaci das Ärchivio paleografico erscheint^ 
beide mit meisterhaften Phototypien. Femer erscheinen jetzt, 
herausgegeben von der R. Societä di storia patria, die 
Diplomi imperinli e reali ddle cancellerie d*Italia (Roma, 
Loescher, 1. lief. 1892) im Anschluß an das oben er- 
wähnte deutsche Werk. Besonders hervorzuheben sind noch 
die mit so viel Verständnifs und technischem Geschick aus- 
geführten Arbeiten des kunstsinnigen Casinesen Don Oderisio 



Dan Zeitalter der Photographie. 35 

Piscicelli-Taeggi, die reichen Illustrationen der Bibliotheca 
Casinensis, die Paleografia artistica di Montecassino (1882), 
Ass^Saggio di scrütura notarile per gli studii paleografici (1893). 

Alle diese Werke sind für den Unterricht zu grofs und 
zu kostspielig, da es für diesen auf Vorlagen ankommt, welche 
vielen Zuhörern gleichzeitig vorgelegt werden können. Sehr 
willkommen waren daher (1875) die von W. Arndt veröffent- 
lichten photolithographischen Schrifttafeln zum Gebrauch hei 
Vorlesungen und zum Selbstunterricht, welchen 1878 ein zweites 
Heft und 1887, 1888, eine sehr verbesserte zweite Auflage 
folgte. Daran schliefst sich für die hier wenig vertretene spätere 
Zeit die Sammlung von W. Schum: Exempla codicum Am- 
plonianorum saec, IX — XV. 1882. 55 Abbildungen auf 
24 Blättern, mit vollständiger Umschrift der oft sehr schwer 
lesbaren Proben. Femer von R. Thommen: Schriftproben aus 
Handschriften des 14 — 16. Jahrhunderts, Basel 1888. Noch 
weiter in die neueste Zeit führen die von der Direction des 
k. k. Kriegsarchivs in Wien 1889 herausgegebenen unter- 
ridUshefte zur Handschriftenkunde, 20 photoUth. Tafeln mit 
Schrifiien von 1529 bis 1758, ein für diese Zeiten dringend 
nöthiges und sehr willkommenes Hülfsmittel. Für Spanien 
hat schon 1880 Mufioz y Rivero ein dort besonders nöthiges 
Manual di Paleografia diplomdtica Espafiola vom 12. bis 
17. Jahrhundert mit sehr zahlreichen Beispielen in Autographie 
veröffentlicht 

Es mehren sich nun auch die kurzgefalsten Uebersichten 
über unseren Gegenstand; in gröfeeren Sammelwerken enthalten 
sind von Prof. Woelfflin der Artikel Palaeographie in Bau- 
meister's Denkmälern des klassischen Alterthums II (1887), von 
Fr. Blass Paläographie, Buchwesen und Handschriftenkunde in 
Iwan Müller's Handbuch der klassischen Alterthumswissensch. 1886 
(2. Ausg. 1890), von W. Arndt Schriftkunde in Paul's Grund- 
rüß der Germ. Philologie (I. 1889), von W. Schum: Die 
schriftlichen Quelleny im Grundrüs d. roman. Philologie von 
G. Groeber. 

Eingehender und ausführlicher, auch die Diplomatik um- 
fassend« ist das von 0. Paoli nach früheren kürzeren Programmen 



•j * 



36 Einleitung. 

jetzt veröffentlichte Programme scolastico dt Paleografia latina 
e diplomatica, wovon zwei Theile 1888 und 1894 erschienen 
sind (übersetzt von Lohmeyer). 

Wenig empfehlen kann ich das 1890 erschienene (2. Ausg. 
1892) Manuel de PaJeographie Lat, et Frang. von Maurice 
Prou, mehr den dazu gehörenden Recueil de Facs. vom 12. 
zum 17. Jahrhundert 1892. 

Zweifellos das beste Handbuch, auf sehr ausgebreitete 
Kenntnisse gestützt, mit gut ausgewählten und ausgeführten 
Facsimiles ausgestattet, verdanken wir Edward Maunde 
Thompson: Handhook of Greek and Latin Palaeography, 
London 1893, zu dem sehr mäfsigen Preise von 5 Mark. 

Anderer Art, in seiner Weise auch empfehlenswerth, ist 
das mit Illustrationen hübsch ausgestattete Buch von Lecoy 
de la Marche: Les Manuscrüs et la Miniaiure, Paris 1884, 
und, von noch gründUcheren Studien ausgehend, von Auguste 
Molinien Les Manuscrüs et les Miniatures^ Paris 1892, mit 
80 Abbildungen, ein Band der Bihliotheque des Merveüles. 

Ich selbst habe mit Hülfe der Autographie eine möglichst 
praktische Anleitung zur laieinischen Paläographie heraus- 
gegeben, welche 1886 in vierter Auflage erschienen, aber schon 
einer neuen Bearbeitung recht bedürftig ist Manchem Forscher 
auf diesem Gebiete recht willkommen sind die Jahresberichte 
über lateinische Paläographie , welche ich seit 1879 in den 
Jahresberichten der Geschichtswissenschaft mitiheile. 



§ 6. 

Griechische Paläographie. 

Es hegt in der Natur der Dinge, dafe von der griechischen 
Paläographie bisher noch wenig die Rede gewesen ist. Nicht 
allein hat man viel später angefangen sich mit dieser zu be- 
schäftigen, sondern es bUeb auch das von Montfaucon aufgestellte 
Meisterwerk lange Zeit in völlig einsamer Gröfse, und erst ein 
Jahrhundert später finden wir wieder Werke über diesen Gegen- 
stand zu verzeichnen. Während der ganzen Zeit lebhaftester 



Griechische PalAographie. 37 

Thätigkeit auf dem Gebiete der Diplomatik blieb das Gebiet 
der griechischen Paläographie unberührt 

Auch hier sind es die Benedictiner von Saint-Maur, 
welchen wir die Begründung der Wissenschaft verdanken. Es 
bezeichnet einen neuen Fortschritt in ihrer gelehrten Thätig- 
keit, dafs sie in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts den 
Beschlufs fafsten, auch die griechischen Kirchenväter in den 
Kreis ihrer Arbeiten zu ziehen, und geeignete Mitglieder ihres 
Ordens für dieses Fach zu bestimmen, ihnen die zweckmäfsige 
Vorbildung zu Theil werden zu lassen. Zu den ersten Mau- 
rinem, welche für diese neue Aufgabe ausgewählt wurden, ge- 
hörte Dom Bernard de Montfaucon. Sohn Timoleons von 
Mont£Etucon, Henrn von Boquetaillade und Conillac im Sprengel 
von Aleth, wurde er 1655 geboren, und zeichnete sich schon 
früh durch sein aulserordentUches Gedächtnifs aus. Er war 
zum Kriegsdienst bestimmt, aber in Folge einer Krankheit 
wandte er sich dem geistlichen Stande zu und empfing 1676 
nach dem Tode seiner Eltern bei den Benedictinem in Toulouse 
das Ordenskleid. Seine gelehrten Arbeiten zogen bald die Auf- 
merksamkeit der Oberen auf sich, er wurde nach Bordeaux und 
1687 nach Paris berufen, wo er sich vorzüglich der Bearbeitung 
der griechischen Kirchenväter zuwandte. Seine Kennerschaft 
auf diesem Gebiete bewährte er siegreich den neidischen Ita- 
lienern gegenüber auf der B.eise, welche er 1698 mit Dom 
Paul Brioys unternahm; eine Zeit lang war er Geschäftsträger 
der Congregation in Rom, verUefs aber 1701 diesen Posten, 
am sich ganz seinen wissenschafthchen Arbeiten zu widmen. 
Im Jahre 1719 in die Akademie aufgenommen, starb er am 
21. December 1741. Von seinen zahlreichen und bedeutenden 
Werken erwähne ich hier nur die 1708 erschienene Palaeo- 
graphia Crraeca, ein Meisterwerk nicht nur, sondern auch bis 
jetzt das einzige umfassende systematische Werk über diesen 
Gregenstand. Vollkommen mustergültig fttr seine Zeit und jedem, 
der sich mit diesem Fach beschäftigt, unentbehrUch, ist es nur 
in Bezug auf die ältesten Schriftgattungen durch die Ent- 
deckungen der neueren Zeit ungenügend geworden. Anderer- 
seits hatte er es nicht ftir nöthig gehalten, auf die Schreibart 



i 



38 Einleitung. 

der letzten Jahrhunderte des Mittelalters ausführlich einzugehen 
und auch von dieser Proben mitzutheilen. 

Einige Ergänzungen gab Montfaucon selbst 1715 in der 
nicht minder ausgezeichneten Bibliotheca Coisliniana olim Se- 
gueriana, sive Manuscriptorum omnium Graecorum, quae in ea 
continentur, accurata descriptio. Diese sehr reichhaltige Bi- 
bUothek gehörte damals dem Herzog Ton CoisHn, Bischof von 
Metz, und wurde als dessen Geschenk 1732 mit der Bibliothek 
von Saint-Germain-des-Pr^s vereinigt 

Einen Auszug aus Montfaucon's Paläographie mit Benutzung 
der Handschriften seines Klosters, gab 1735 Dom Gregorio 
Piacentini, Mönch in Grottaferrata. *) 

Sehr scharfsinnige und lehrreiche Untersuchungen mit be- 
sonderer Beachtung der am häufigsten vorkommenden Ver- 
wechselungen und Irrthümer sowohl der alten Schreiber wie 
der modernen Herausgeber, hat Friedrich Jakob Bast an- 
gestellt; sie finden sich zusammengestellt in seiner Commentaiio 
pcUaeographica cum tabulis aeneis Vn. bei Schäfer's Ausgabe 
des Gregorius Corinthius, Lipsiae 1811, p. 701 —861. cf. 
p. 914 — 938. Sorgfältiges Studium derselben ist für jeden 
Herausgeber griechischer Autoren unerläfslich. Einen Auszug 
daraus, in welchem die erklärten und besprochenen Zeichnungen 
alphabetisch geordnet sind, hat Hodgkin gemacht: Excerpta 
ex B(istii CommerUatione, Oxonii 1835. 

Aehnlicher Art ist die JEpistola crüica ad J. F. Boissonade, 
1831, von Ch. Walz, worin ebenfalls besonders auf die häufig 
vorkommenden Verwechselungen, namentlich der Präpositionen, 
aufinerksam gemacht ist. 

Sehr gründhch und lehrreich sind die Untersuchungen des 
Preiburger Professors Joh. Leonhard Hug über die Hand- 
schriften des Neuen Testaments in seiner Einleitung in die 
Schriflien des K T. (4. Auflage 1847). Bedeutend erweitert 
ist dann unsere Kenntnifs der ältesten Schrift, von welcher 
Montfaucon noch so wenig Kunde hatte, sowohl durch die in 

^) Epitome Graecae Palaeographiae et dissertatio de recta Graeci 
sermonis pronunciatione, auctore D. Gregorio Placentinio hieromonacho 
Cryptoferratensi 0. S. Basilii. Romae 1735. 4. 



Griechische Paläographie. 39 

Hercnlaneum und in Aegypten gefundenen Papyrus, wie durch 
die Untersuchungen und Entdeckungen von Constantin 
Tischendorfi welcher auch eine umfassende Faläographie in 
Aussicht gestellt hat, aber vor der Einlösung dieses Versprechens 
gestorben ist. Seine Schriftproben sind an Schönheit und Treue 
unübertrofifen. Vorzüglich hervorzuheben ist die ausführUche 
Einleitung zu seinem Novum Testamentum Graece, Ed. VII. 
critica maior, ups. 1859, und das Vorwort der Ausgabe des 
Sinaiticus mit der üebersicht ältester Uncialschriften auf Tab. 
XX. XXI, sowie die Prolegomena der Monumenta Sacra Inedita, 
Ups. 1846, Collectio nova I — VI. 1855 — 1869; ferner die 
Anecdota Sacra et Profana, Ed. 11. lips. 1861. 

Seitdem aber ist durch die grofsen neuen Entdeckungen 
in Aegypten und durch die Ausnutzung der Photographie imd 
Phototypie ein ganz neues Zeitalter angebrochen. Wollte ich 
darauf eingehen, so müiste ich meine eben (1895) erschienene 
neue Auflage der Anleituing eur griechischen Faläographie ein- 
fach ausschreiben. Darauf verzichte ich Heber, und begnüge mich 
damit, auf jenes Buch und das Handbook von E. M. Thompson 
zu verweisen; für den schwierigen Abschnitt von der Cursive 
aber auf das Werk von Ulrich Wilcken: „Tafeln zur älteren 
griechischen Paläographie" (Berlin 1891), welches a. a. 0. S. 8 
nicht ganz zutreffend gewürdigt ist Es ist darin von jeder 
photographischen Probe ein Stück in Umschrift gegeben, zur 
Anleitung des Lernenden, der Rest allerdings seinem Schar&inn 
allein überlassen. 

Zu bemerken ist noch, dais die Sammlung von Amphi- 
lochius ohne Hülfe der Photographie gemacht und deshalb 
nicht zuverlässig ist 



Das Schriftwesen des Mittelalters. 



Der Geschichte der Schrift selbst geht nach wohlbegrün- 
detem altem Herkommen eine Geschichte des Schriftwesens 
voraus, in welcher verschiedene, auch für die Kritik nicht un- 
wichtige Gegenstände zur Besprechung kommen, und zahlreiche 
technische Ausdrücke Erläuterung finden. 

Aufser den betreffenden Abschnitten der vorher angeführten 
Werke*) und dem älteren Buche von S. C. G. Schwarz de 
amamewtis librorum et varia rei librarias veterum supelledUe, 
ed. Leuschner, Lips. 1756, 4, ist hier noch besonders zu er- 
wähnen das Werk über das Bücherwesen im Alterthum von 
H. G^raud: Essai sur les livres dans Vantiquüe, particuliere- 
ment chez les Romains, Paris 1840, welches nach den Vorträgen 
von Gu^rard in der Ecole des Chartes gearbeitet ist Femer 
mit Abbildungen Guhl und Kon er, Das Leben der Griechen 
und Römer nach antiken Bildwerken, welches 1893 in sechster 
Auflage erschien, in den betreffenden Abschnitten. Vorzüglich 
aber kann ich jetzt verweisen auf J. Marquardt's Römische 
Privaialterthümcr , Leipzig 1867, 11, 382 — 421; fiir Griechen- 
land auch auf K. F. Hermann, Lehrbuch der griech. Privat- 
alterthümer, in der 2. Ausg. von B. Stark 1870, § 35, 5. 21. 
45, 13.50,23; der neuen von H. Blümner 1882. Femer auf 
das Antike Buchwesen von Th. Birt, BerUn 1882, gegen welches 
freilich manche nicht unbegründete Einwendungen gemacht sind. 



^) Besonders das Progranuna scolastico von G. Paoli, 11. Materie 
scrittorie e librarie, 1894. 



Schreibstoffe. 41 

Denn nur in so fem die antiken Grewohnheiten und Aus- 
drücke im Mittelalter fortlebten, und in so weit ihre Kenntnüs 
fiir die uns noch erhaltenen Handschriften von Wichtigkeit ist, 
nehme ich auf die alte Welt der Griechen und Römer Rück- 
sicht, während eine vollständige Darstellung ihres Schreibwesens 
uns zu weit führen würde. 

Vielerlei Notizen aus allen Zeiten, doch ohne rechte Kritik 
und Auswahl finden sich zusammengestellt in dem Buch von 
Ludovic Laianne: Curiosües bibliographiques, Paris 1857. 

Sehr dankenswerth ist die Uebersicht über ein begrenztes 
Gebiet) im ausdrücklichen Anschlufs an das vorliegende Buch, 
von L. Rockinger: Zum baierischen Schrifttvesen im Mütd- 
aUer (Aus den Abhandlungen der k. bayer. Akad. d. Wiss. 
m. Classe, XII, 1 und 2), übersichtlich und mit Nachträgen 
in d. Archival. Zts. I, 246—275 u. IV, 293—305 (Schreib- 
stoffe und Tinte). Und in ähnlicher Art das Werk von 
Albin Czerny: Die Bibliothek des Chorhermstiftes St. Florian, 
linz 1874. 

L 

Schreibstoffe. 

Ausführlich handelt davon G. F. Wehrs: Vom Papier, 
den vor der Erfindung desselben übUch gewesenen Schreib- 
massen und sonstigen Schreibmaterialien, Halle 1789, mit 
Supplementen, Hannover 1790. Hier so wie gleichfalls in den 
betreffenden Abschnitten der diplomatischen Lehrbücher, werden 
aDe Stoffe aufgezählt, auf welchen man jemals aus Noth oder 
Liebhaberei geschrieben hat Wir wollen uns dabei nicht auf- 
halten, sondern überlassen die Ubri lintei u. dgl. mehr den Anti- 
quitäten, Petrarca's Lederwams, auf welchem er seine Gedanken 
ao&chrieb um sie festzuhalten, so wie den Pelz des Heinricus 
pauper, den er auf der Schule als rapiaritis benutzte*), den 
Cnriositäten, und beschränken uns auf diejenigen Stoffe, welche 
für die Schreibkunde des Mittelalters von wirklicher Bedeu- 
tung sind 

<) Batzbacb bei Boecking, Opera Hutteni VII, 389. 



42 Schreibstoffe. 

Doch benutze ich diesen Anlalb zu einer Bemerkung, zu 
welcher sich später keine Gelegenheit findet Man sieht näm- 
Uch nicht selten auf Miniaturen, auf alten G-emalden, auch auf 
Kirchenglocken und auf den bekannten Nürnberger Messing- 
becken, Buchstaben, welche keinerlei Sinn geben. So z. B. auf 
den gestickten Bändern der Priestergewänder auf einer sehr 
schönen Miniatur des Brev. Grimani, und neuerdings hat Prof. 
Hann dergleichen auf einer alten Wandmalerei wahrgenommen^). 
Auch auf den verzierten Bändern von Gebetbüchern sind rö- 
mische Capitalbuchstaben rein ornamental verwandt Auf der- 
gleichen Vorkommnisse ist oft viel Scharfeinn unnöthiger Weise 
verwandt worden, während die Erklärung ganz einfach daraus 
sich ergibt, dais die Künstler oder Handwerker nicht lesen konnten, 
die Buchstaben aber, als doch nothwendig zur Sache gehörig, 
auf gut Glück anbrachten. 

l. Stein und Metall. 

Auch das Gebiet der Epigraphik und Numismatik wollen 
wir unberührt lassen. Es walten da besondere Gesetze, welche 
durch die Natur des Materials bestimmt werden. Eine Epi- 
graphik des Mittelalters fehlt zwar und wir können nur wünschen, 
dafs bald einmal jemand diese Aufgabe sich stellen möge, da 
für die Zeitbestimmung mancher Denkmäler eine solche Unter- 
suchung von Wichtigkeit ist; allein sie ist sehr umfangreich, da 
man nothwendiger Weise die verschiedenen Länder und Gegen- 
den gleichmäfsig berücksichtigen müfste und sehr verschiedene 
Formen gleichzeitig gebräuchlich waren. 

Wenn wir nun aber auch die eigentUchen Inschriften auf 
Stein und Metall ausschliefsen müssen'), so können wir doch 
unmöglich diejenige Form von Urkunden unerwähnt lassen, von 
welcher die ganze DiscipUn der Diplomatik ihren Namen erhalten 
hat, die Diplome nämüch, deren Benennung man später auf 
alle öffentlichen Urkunden übertragen hat Wir dürfen sie um 



Garinthia 1894, S. 36. 

') In Este hat man Schultftfelchen von Bronze mit Griffeln gejfunden. 
Carl Pauli, Inschriften nordetrusk. Alphabete, 1885. 



Stein und Metall. 43 

ao weniger übergehen, da die paläographisch so wichtigen Wachs- 
tafeln Ton ihnen nicht zu trennen sind. 

Man hat jetzt schon mehr als 90 BürgerschaAsbriefe rö- 
mischer Veteranen gefunden ^), welche gewöhnlich tabulae honestae 
missioniSy jetzt aber richtiger MilUärdiplome genannt werden; 
sie sind auf je zwei Bronzetafeln geschrieben, welche auf der 
einen Langseite durch Binge verbunden waren; es waren Ab- 
schriften des eigentlichen Originals, welches am Tempel des 
Augustus angebracht war. Der authentische Text steht auf den 
inneren Seiten; auf den äufseren derselbe noch einmal nebst den 
Namen der 7 Zeugen. Durch zwei Löcher in der Mitte war 
ein dünner dreifach zusammen gewimdener Draht gezogen und 
um das Diplom gewickelt; in der Mitte der Bückseite, wo die 
Enden zusammentrafen, war er mit Wachs bedeckt und trug 
die Siegel der daneben geschriebenen Zeugen. Die angeführten 
SteUen alter Juristen sprechen freilich immer von Unum, allein 
diese I)eziehen sich auf Testamente und Contracte in ceris\ für 
Bronzetafeln reichte ein solcher Faden nicht aus, und bei dem 
Weifsenburger Diplom ist der dreifache Draht vollständig er- 
halten. Ein darüber befestigter Blechstreifen schützte die Siegel 
vor Beschädigung; besonders deutlich ist dieser in Form einer 
halbrunden Bohre auf der Abbildimg bei Maffei, Istoria dipl. 
p. 30, und etwas mehr abgeplattet bei dem Weifsenburger 
Diplom. 

Wenn also etwa einmal gegen die äufsere Schrift ein Ver- 
dacht der Fälschung entstand, so konnte durch Entsiegelung 
und Einsicht der inneren Schrift die Wahrheit festgestellt 
werden, ohne dafs man erst nöthig hatte, die in Bom am Tempel 
des Augustus befestigte Originaltafel einzusehen. 

Da eine Fälschung auf den Bronzetafeln sehr schwierig 
war, wird bei diesen die Einsicht des inneren Textes kaum 
vorgekommen sein, und daraus erklärt es sich^ daüs man ihn 
immer als reine Formsache betrachtete und in den flüchtigsten 

^) 58 im Corpus Inscr. Latt. III, 2, doch ohne Abbildimg, mit wenigen 
Ausnahmen. Die älteste bekannte Bedeutung des Wortes diploma ist eine 
Anweisung zur Benutzung des cursus publicus, man kennt aber deren 
Form nicht und hat überhaupt nur Militärdiplome. 



44 Schreibstoffe. 

Zügen schrieb. So sind auf einem Fragment in Pest die Buch- 
staben fast nur angedeutet^); ja auf dem Diplom im Münchener 
Antiquarium CIL. m, 2, n. 54 steht innen ein ganz anderer 
älterer Text*). Ein Diplom vom Jahre 243 ist von C. Baudi 
di Vesme herausgegeben und illustriert*) Proben solcher 
Schrift bei Hübner, Exempla scripturae epigraphicae p. 294. 
298. 299. 

Merkwürdiger "Weise haben uns auch die Ausgrabungen in 
Mesopotamien dasselbe System schon aus uralter Zeit kennen 
gelehrt, indem die mit einem Siegel- Abdruck versehenen chal- 
däischen Thonplatten einen ganz dünnen Ueberzug von Thon 
mit dem gleichen Texte haben.*) 

Vorzügliche Abbildungen solcher römischer Diplome ge- 
währen die 25 von Camesina auf Stein gezeichneten Tafeln 
zu Arneth's Abhandlung: Zwölf römische Militär -Diplome, 
Wien 1843. Femer die Tafeln zu Arneth's Archäologischen 
Analecten und zu Ed. v. Sacken 's Bericht über die neuesten 
Funde zu Camuntum, im 11. Bande der Sitzungsberichte der 
Wiener Akademie. Das bei Weifsenburg gefundene Militär- 
diplom hat dem Prof. W. Christ Veranlassung gegeben, diesen 
Gegenstand von neuem eingehend zu behandeln, in den Sitzungs- 
berichten der k. bayerischen Akademie 1868, Band II, S. 409 ff. 
Vgl. übrigens Becker -Marquardt III, 2, 431. Die Schrift 
dieser Diplome ist eine zierliche Capitalschrift nach Art der 
Inschriften. 

Aus dem Mittelalter hat man dergleichen Diplome nicht, 
wohl aber Urkunden auf Stein und Erz, in denen wir wohl 
eine Fortwirkung antiker Sitte erkennen dürfen. A. Deloye 
in seiner Abhandlung Des Charles lapidaires en France (Bibl. 
de TEcole des Chartes II, 3, 31—42) unterscheidet nicht hin- 
länglich zwischen Urkunden, welche nur in Stein und Metall 



^) Mommsen, PrivU. mil. Musei Pestinensis, in den Archftologisch- 
epigraphischen Mittheilungen aus Oesterreich; Corpus Inscr. III, 884; 
vgl. S. 872. 894. 

«) Schreiner in d. Münch. SB. 1890. II, 337. 

") Mem. deir Acc. di Torino 1851, S. 27—93. 

^) George Rawlinson, The five great Monarchies of the East, I, 85—87. 



Stein und Metall. 45 

zur Schau gestellt wurden, und solchen, die von Anfang an zu 
solcher Bekanntmachung bestimmt, oder nur in solcher Gestalt 
vorhanden waren. Dahin scheint die Urkunde des Bischöfe 
Johann von Orleans aus dem Ende des 11. Jahrhunderts über 
eine Freilassung zu gehören, welche in den Thürpfosten der 
E^reuzkirche eingehauen ist und schHefst: teste hoc sanda ecclesia 
(Mab. Ann. 0. S. B. V, 533). ^) Auch die von Deloye S. 39 mit- 
getheilte Verkündigung einer Schenkung aus Pierrelatte bei 
Montelimart mag wirkUch als Urkunde gedient haben, während 
die Inschrift aus S. Maria Maggiore in Bom bei Manni, Pap. 
dipL n. XCI. ausdrückUch bezeugt, dals sie aus den authen- 
tischen Schriften entnommen ist Gregor I Uels eine von ihm 
noch als Diaconus ausgestellte Schenkung an San Paolo fuori le 
mura in Stein hauen, wo sie bis zum Brande erhalten bUeb. *) 
In Civita Castellana befinden sich, wie Gregorovius berichtet 
(Wanderjahre IV, 62), in der Vorhalle der Kirche alte In- 
schriften, die älteste über eine Schenkung an die Kirche aus dem 
9. Jahrhundert UrkundUchen Charakter hat auch an der 
römischen Kirche SS. Giovanni e Paolo die Bestätigung des in 
älterem Original aufgenommenen Güterbesitzes durch Gregor VH.') 

Diesen Urkunden fehlt die Bestätigung durch das Siegel, 
und in den Fällen, wo verhehene Privilegien in Stein oder Erz 
ausgestellt wurden, werden wir annehmen dürfen, dafs ein 
eigentliches Original auf Pergament vorhanden war, auch wo 
der Aussteller selbst eine solche Schaustellung anordnete. So 
verheb 1105 der König Balduin von Jerusalem den Genuesem 
grolse Privilegien, welche er ihnen mit goldenen Buchstaben 
auf einer Steinplatte am h. Grabe aufzustellen gestattete.^) 
Die Privilegien, welche Heinrich V den Speierem 1111 ver- 



^) Ernstinger sagt darüber 1605: an ainem thor diser kirchen igt 
ein alter stain aufgericht, darein eingehauen eu sehen, wie man die 
maneipia oder Uibaigne knecht per manumissionem ledig geselt hat. 
Raisbach S. 138. 

*) Regesta Pontiff. Rom. 1, 219, n. 1991. 

*) Bibl de r£cole des Ghartes XXXIY, 260—266. 

«) Cafari Liberatio Orientis, Mon. Genn. SS. XYIII, 48 cf. p. 49, 37. 
Vgl. Hejd, Gesch. des Levantehandels I, 153 u. 164. 



46 Schreibstoffe. 

lieh, liefs er in goldenen Buchstaben auf einer ehernen Tafel 
über dem Hauptthore des Doms aufstellen, und die Bürger haben 
später die Bestätigung durch Friedrich I von 1182 hinzuge- 
fügt'). In Mainz liefs Erzbischof Adalbert die von ihm 1135 
den Bürgern verliehenen Freiheiten in die ehernen Thüren des 
Domes eingraben*). Die Bürger von Montelimart stellten ihren 
Freibrief von 1198 an ihrer Stadtmauer zur Schau. Die 
Messinesen liefsen die von Heinrich VT ihnen verliehenen Pri- 
vilegien auf einer Marmortafel im Hauptschiff des Domes ein- 
mauern, wie man ähnliche Tafeln mit den Privilegien von 
Friedrich 11 auch im Dom zu Palermo sieht; jene sind aber 
trotz dieser scheinbaren Beglaubigung gefälscht*). 

Der Erzbischof Engelbert von Cöln liefs 1266 die von ihm 
den Juden neu bestätigten Freiheiten in zwei Steintafeln ein- 
graben und diese öffentlich ausstellen, damit sie fortwährend 
beobachtet würden.*) 

Die Bologneser beschlossen 1272 einen Feldzug gegen 
Modena zu unternehmen, und damit es nicht unterbliebe, liefsen 
sie den Beschlufs in Stein hauen und im Gemeindehaus ein- 
mauern, damit der Podestä und der Capitan ihn täglich vor 
Augen hätten. Unterblieben ist aber die Ausführung dennoch. ^) 

Als eine einfache Inschrift ist es zu betrachten, wenn der 



^) Heinrich V sagt: hoc inaigne 8tabüi ex materia, ut maneat, com- 
posüum, lüteris aureis, ut deceat, expolitum, nostrae imctginis interposi^ 
tione, ut vigeat, corroboratum , in ipaius tetnpli fronte, ut pateat, anni- 
tente nostrorum opera civium constat expositum. üeber die weiteren 
Schicksale und die wiederholte Erneuerung der Inschrift berichtet E. C. 
Baur in der Lebensbeschreibung Lehmann's. 

') Später an die Liebfrauenkirche versetzt, sind sie 1804 ihrer Be- 
stimmung zurückgegeben, nach Schaab, Gesch. v. Mainz II, 37. Nach 
Hegel, Forsch. XX, 450, that er es nicht selbst, sondern es geschah etwas später. 

') 0. Hartwig in den Forschungen zur deutschen Geschichte VI, 646. 

*) Et quia ipsi Judei in hujusmodi libertatibus merüo sunt servandi, 
easdem Itbertates preaenti lapidi inscülptas ad perpetuam memoriam in 
publico cupectu hominum permisimus collocari. Ennen und Eckertz, 
Quellen zur Geschichte der Stadt Cöln II, 543. Die Tafeln sind jetzt in 
der Schatzkammer des Domes eingemauert. — In diese Kategorie gehört 
auch der lapis Nepesinus von 1131, C. Paoli, Progr. scol. II, 14. 

»^ A. Dove, Doppelchronik von Reggio (1873) S. 190. 



Stein und Metall. 47 

Abt Desiderius von Monte Cassino im 11. Jahrhundert das 
Verzeichnifs der Besitzungen seines Klosters in die ehernen 
Thüren der Klosterkirche eingraben und die Buchstaben mit 
Silber f üUen liefs. Ebenso die in Kirchen aufgestellten Tafeln 
über die Abgaben und Dienstpflichtigkeiten der Gemeinde; als 
eigentliche Urkunden konnten sie nicht betrachtet werden.^) 

Ein Metall; auf welchem man wegen seiner Weichheit 
einfach mit dem Griffel schreiben kann, ist das Blei. 

Dafe man im Alterthum auch Bleitafeln mit Schrift er- 
wähnt findet, ist bekannt genug; so zeigte man z. B. dem Pau- 
sanias (IX, 31, 4) am Helikon Hesiods Werke und Tage auf 
BleL Massenhaft hat man in Dodona Bleitäfelchen mit An- 
fragen an das Orakel gefunden, sories (s. Bursian, Münch. SB. 
1878, n, 10) mit üncialschrift, auch Spuren älterer Schrift, 
denn die Täfelchen gehörten dem Orakel und wurden den Pil- 
gern gegeben. Später aber hat man auf der Bückseite auch 
eine Antwort gefunden, kurz, und nur den Gott bezeichnend, 
an den sich der Pragende wegen seiner Gesundheit wenden 
soll. ■) Man benutzte dieses Material wegen seiner Dauerhaflig- 
keit gerne zu Inschriften, welche in Gräber gelegt werden soll- 
ten. Eine oskische Bleitafel, welche zusammengerollt bei Capua 
gefanden wurde, beschreibt Bücheier im Bhein. Mus. f. Philol. 
N. P. XXXm, S. 1 ff. und führt dazu viele andere Beispiele 
an; häufig sind es Execrationstäfelchen. Viele sind im Demeter- 
heiligthum in Cnidus gefunden*), eine grofse Menge auf Cypem*). 
Eine solche Bleitafel, welche einen Zauberspruch gegen böse 
Geister enthält, merkwürdig durch ihre, etwa dem 6. Jahrhundert 
angehörigeCursivschrifl, istin einem Grabe in Dalmatien gefunden,*) 
eine andere mit magischen Verwünschungen in Constantine. •) 

M BresslaUy Urkundenlehre I, 875. 

*) Karapanos, Dodone, 1892. Compte-rendu de TAcad. des Inscr. 
1883, XI, 306. 

') Ueber eine bei Bath gefundene Verwünschungstafel s. Zangemeister 
n. Hfibner im Hermes XY. 

^) Thompson, Handb. S. 16. 

*) Viestnik narodnoga zemaljskoga Muzeja u Zagrebu 187U S. 228. 
Tabb. 1 u. 2. Corp. Inscrr. Latt. HI. 961. 

«' Abgebildet in der lUustr. Zeitung 1872 vom 20. Juli S. 17; vgl. 



48 Schreibstoffe. 

In England wurde bei Buiy St EdmundB eine Bleitafel 
gefunden mit zwei Löchern am Bande, in einem noch ein Bing, 
der also mehrere Tafeln zu einem Buche vereinigt hatte; darauf 
einige Bunen und dann in angelsächsischer Schrift der Anfang 
von Aelfiic's Vorrede zu seiner Sammlung von Homilien, also 
ein Best seiner Schreibtafel — wemi es nicht eine Fälschung 
ist^) Zweifellos eine, vermuthlich neue Fälschung sind die 6 
neu erworbenen Bleitafeln von Bologna mit Au&eichnungen aus 
dem 14. und 15. Jahrhundert in ganz unerhörter Schrift, welche 
Walter de Gray Birch in der Archaeologia XUV, S. 123 bis 
136 beschrieben hat*) 

Unverdächtig dagegen ist das Büchlein von Bleitafeln mit 
alchemistischen Becepten in Ghififem, die auf der letzten Seite 
erklärt sind, betitelt Secretum verüatis, aus dem 15. Jahr- 
hundert im Archivio centrale in Florenz.') 

Bei Tafeln aus Gräbern, welche die Namen hervorragender 
oder gar als heihg verehrter Persönlichkeiten tragen, ist grofse 
Vorsicht und sorgfältige Unterscheidung nothwendig, da sie auch 
bei einer früheren Oeffiaung des Grabes hineingelegt sein können. 
So scheint es sich mit der Tafel der um 900 verstorbenen 
ersten Aebtissin von Frauenchiemsee zu verhalten.*) Ursprüng- 
Uch dagegen und unverdächtig scheint die 1643 gefundene 
Grabtafel des 1036 verstorbenen Erzbischofs PiUgrin von Cöln 
zu sein*^); ebenso die des 1048 verstorbenen Abtes Poppo von 
Stablo,®) des Erzbischofe Adalbert I von Mainz, der 1137 ge- 
storben ist') Von der Bleitafel, welche mit Kaiser Lothar 



auch die magischen Bleibücher aus Gräbern bei Montfaucon, Antiq. expl. 

11, 2 pl. 177 u. 178. 

^) Miscellanea Graphica. Antiquities in the possession of Lord Londes- 
borough, 1857, S. 12. 

') Von Thompson, Handb. p. 17 ohne Bedenken angeführt. Ms. Add. 

12, 117 des Brit. Museum. 

») C. Paoli, Progr. scol. II, 10. 

*) Abgebildet M. Boica II zu S. 440. Rockinger S. 6. 
^) Gelenius de Col. magnit. p. 303. 

*) Jahrbb. der Alterthumsfreunde im Rheinland XLYI, 146. 
^) Gefunden in der Gothardskapelle des Mainzer Doms, beschrieben 
und abgebildet bei Bär, Gesch. der Abtei Eberbach I, 109 ff. 



Stein und Metall. 49 

dem Sachsen begraben wurde, berichtet Otto von Freising Vil, 
20, und man hat sie auch wirkhch in seinem Grabe gefunden. ') 
Das Epitaph der Kaiserin Beatrix (1184) hat Trithemius mit- 
getheilt, Ann. Hirs. 11, 118. Die Bleitafel der 1194 gestor- 
benen Gräfin Margarete von Flandern fand man 1352 in St 
Donatian. *) 

In Bremen wurde 1420 das grofse Steingrab, welches 
mitten im Dom stand, weggebrochen; man fand die Gräber 
Ton 6 Erzbischöfen (839 — 1043) vnde en yewdick hedde by sich 
legen enen Uigenen hreff. Nur der Name und der Todestag 
standen darau£'). Ebenso fand man sechs Bleikreuze mit 
Namen und Todestag von Metzer Bischöfen in ihren Särgen. *) 

Auch in Altären hat man Bleitafeln gefunden, so in Pisa 
zwei mit Majuskelschrift vom 19. November 1119 aus Altären 
der Kirche San Pietro in VincuUs,^) im Altar der Domkirche 
zu Braunschweig mit Nachrichten über die Weihe von 1188.*) 

Eine zusammengelegte Bleitafel mit Fürbitten für Asa, 
eine Wohlthäterin der Kirche um 1000 — 1050, in Buchstaben 
und Runen, soll in einem alten Kirchhof in Odensee gefunden 
sein, und angebUch noch viele andere, die verloren sind.'') Echt 
scheint auch die Bleitafel aus ünteritalien mit ungeschickter 
Minuskel des 10. Jahrhunderts zu den BeUquien der heiligen 
Elnninia zu sein. ^) 

In Breslau wurde 1450 der Eathhausthurm neu gebaut, 
vnd in den Jcnowff ist ein ceedü in bley vorworckt, in welchem 
ior und ander loblicher dinget das gesehen ist, ut ibi laie patet, ^) 

Bei dem hohen Werthe, der auf Reliquien gelegt wurde, 



^) Jaff^, Geschichte des deutschen Reichs unter Lothar S. 225. 

*) Abgedr. im N. Archiv II, 297. 

') Lappenbeiig, Geschichtsquellen des Erzstifts Bremen S. 148. 

*) Aus'm Weerth im Rheinl. Jahrb. LXXVI. 

^ demente Lupi, Manuale di Paleografia delle carte (Fir. 1875) 
S. 21, Anm. 4. 

") Essenwein, Wandgemälde im Dom zu Braunschweig, S. 1. 

^) M^moires de la Soci^t^ des Antiquaires du Kord, 1887, S. 297—306. 

') Nitti di Vito, Una iscrizione reliquiaria anteriore al 1000. Gon un 
(acsimile. Arch. stör. Ital. Serie Y, t 12. 

*) Zeitschrift des Vereins f. Schles. Gesch. XII, 473. 

Wattenbach. 8ehrlftwM«ii. 8. Aufl. 4 



50 Schreibstoffe. 

lag es nun aber auch sehr nahe, dergleichen Tafeln unterzu- 
schieben, wenn man, was so häufig vorkam, alte Gebeine ohne 
irgend eine Bezeichnung auffand, oder auch um berühmte Per- 
sonen der Vorzeit sich anzueignen. Dergleichen kommt schon 
im Alterthum vor; so erwähnt Pausanias IV, 26 die von Epa- 
minondas angeblich nach Anweisung eines Traumes gefundenen 
Weihen der Grofsen Götter auf Ithome, ^) und Ludan erzählt, 
wie der Gaukler Alexander und seine Genossen Erztafeln ein- 
gruben, die sie dann wieder auffanden.^ Guibert von Nogent 
(Opp. p. 336) erzählt am Anfang des 12. Jahrhunderts, wie 
der Bischof von Amiens den h. Eirmin erheben wollte; er fand 
keinen Buchstaben und liefs deshalb eine Bleitafel machen mit 
der Inschrift: Firmini4s Martyr Ätnbianorum ^nscopus. Sofort 
veranstalteten die Mönche von Saint-Denis eine gleiche Erhe- 
bung und brachten mit dem Leib des Märtyrers eine membra- 
ntda zum Vorschein, welche in der Nase steckte und eine ähn- 
Uche Inschrift zeigte. Die 1072 in Trier geftmdenen Bleitafeln 
bei vorgebUchen Märtj^m der thebäischen Legion waren ohne 
Zweifel neu angefertigt.') Nicht besser steht es mit der an- 
gebUchen Bleitafel des AureUus in Hirschau,^) und wohl auch 
mit der des Kaisers Arnulf in St Emmeram. ^) Auch die Blei- 
tafel der Herzoge Berthold und Heinrich in Niederaltaich ist 
mindestens nicht gleichzeitig. ^) 

In Solothum wurde 1519 im Choraltar des Stifts ein 
steinerner Sarg mit BeUquien gefunden, und in einer Him- 
schale ein süberiner ZedeU mitt gestämpflenn Bnchstäbenn in 
latin (ülso ioysennd: 

Conditur hoc sanctus tumulo Thebaydus ürssus. 

Wenn das überhaupt wahr ist, so stammte diese Inschrift von 



') xaaaltSQOv iXrikaa/iivov iq tb Xenzoratov. inciXucxo 6h mcnEQ 
TÄ ßißXia, 

*) 'AX^^nvSQoq rj tpBvSo fiavrtq o. 10. 

•) S. darüber Waitz, MG. SS. VIII, 114. 

*) S. Ad. Helmsdörfer, Forschungen z. Gesch. des Abtes Wilhelm 
von Hirschau (1874) S. 48. 

*} S. Hirsch, Jahrbb. unter Heinrich U I, 417. 

^ Rockinger, z. baier. Schriftwesen S. 7. 



Wachstafeln. 51 

einer früheren Erhebung her. ^) Aber ein greifbarer Betrug ist 
es, wenn Erzbischof Hugo von Bouen verkündete, dafs auf 
Anzeige eines Eremiten Gaufiid nach dessen Visionen am 
23. Juli 1167 Reliquien gefunden wären, mit einem Zettel, und 
für deren Verehrung AblaCs gewährte. *) Angebhch verwitterte 
Bleitafeln aus dem Grabe des h. Valentin in Passau mit dessen 
Legende sind wahrscheinUch nur Fiction, und eben so wenig 
Glauben verdienen die Bleitafeln, mit welchen die Canoniker 
von Haslach und von St Thomas den Besitz des h. Florentius 
gegen einander zu erweisen suchten.') Auf Bleitafeln beruft 
sich auch in höchst unglaubUcher Weise die fabelhafte griechi- 
sche Legende von den sieben Schläfern, und der grofsartigste 
Unfug der Art wurde am Ende des 16. Jahrhunderts in Gra- 
nada verübt mit angebhch 1595 auf dem Mons Martyrum aus- 
gegrabenen Tafeln. ^) Gegen dergleichen Tafeln, mögen sie nun 
von Blei sein oder nicht, wird man also immer gut thun, sich 
skeptisch zu verhalten. 

Ein angebliches Diplom von K. Liutprand auf Blei hat 
Gorrini endgültig zurückgewiesen^). 

2. Wachstafeln. 

Ln Alterthum waren Wachstafeln zum Schreiben in sehr 
allgemeinem Grebrauch. Die Griechen hatten viele Ausdrücke 
dafür: öiXtog, ösXrlov, öeXrlöiov, nvxrlov, 3iv§iov, Jtlva^, 
xivaxlg, ygainiaxBlov ; lat hiefsen sie tdbtdae, cerae, welche 
zusammengelegt und befestigt einen codex oder caudex bildeten. 
Sehr häufig hatten sie ganz dieselbe Einrichtung wie die eher- 



>) Anzeiger f. Schweiz. Gesch. 1872 N. 3. S. 240. 

*) Ghronique de Robert de Torigni, par L. Delisle, Rouen 1872, 

I, Lxvn. 

*) S. Wattenbach, Geschichtsquellen 6. Aufl. U, 490. 

*) S. Don Jos^ Godoy Alcäntara, Hist. crftica de los falsos cronicones 
Madr. 1868) S. 46 ff. Burckhardt, Litt, der Renaissance U, 233 berichtet 
(aber einen Bleitafelbetnig bei Tarent 

*) L'oso del piombo per i diplomi. Rivista stör. Ital. I (1884) p. 209 
bis 226. 

4* 



52 Schreibstoffe. 

nen Diplome und hiefsen dann öld'VQOi, diptycha, auch duplices, 
triplices, quinquiplices,^) multiplices. 

Die Wachstafeln dienten vorzügUch zu Aufzeichnungen von 
vorübergehendem Werthe, Bechnungen, Concepten,*) Briefen, 
Schulübungen, doch auch zu Urkunden. Auch der Notar, dessen 
GeschickUchkeit Ausonius feiert (epigr. 146, p. 226 ed. Schenkl), 
schrieb seine Noten auf Wachs. 

In Bezug auf Briefe sagt Festus (p. 359 ed. O. Müller): 
Tabellis pro chartis utebantur antiqui, quibus idtro citro, sive 
privatim sive publice opus erat, certiores absentes fadebant, 
unde adhuc tabdlarii^) dicuntur et tabellae missa^e ab imperor 
toribus. Bei den Griechen setzt die Erzählung Herodot's VII, 
239 von Demarat denselben Gebrauch voraus. Nachdem aber 
später für eigenthche Briefe Papyrus übUch geworden war, 
dienten kleine tabdlae, auch codicüli und pugülares genannt, 
zu Billets, welche durch einen Boten überbracht wurden, der 
auf derselben Tafel auch die Antwort zurück zu bringen hatte. 
So schreibt Cicero ad fam. VI, 9: Simul accepi a Seleuco tuo 
litteraSy statim quaesivi e Balbo per codicillos, quid esset in 
lege. Und Seneca ep. 56 schreibt an LuciUus nach dessen 
Abreise: Ädeo tecum sum, ut dubitem an incipiam non epistola^ 
sed codicülos tibi scribere. Sehr bekannt ist die Elegie des 
Properz (UT, 22), in welcher er den Verlust seiner Tabellae 
bejammert, die so oft zwischen ihm und seiner GeUebten hin 
und her gewandert waren. Er schätzte sie deshalb hoch, ob- 
gleich sie ganz schmucklos waren: Vulgari buxo sordida cera 
fuit. Aber sie waren so bekannt, dafs sie Glauben fanden, 
auch wenn sie nicht durch Umwickelung mit einer besiegelten 
Schnur verschlossen waren: 

Has quondam nostris manibus detriverat usus, 
Qui non signatas iussit habere fidem. 

') So haben die besten Handschriften in Martialis Epigr. XIV, 1; 
andere quincupUces. 

') Auch umfangreicher Werke. So sagt Diog. Laertius in, 37: h^ioi 
(f^aiv, 6x1 4»Ui7i7cog 6 'Onovvttog rovg koyovg ccvzov {llXdtwvoq) /i€TiyQay;ev 
Svraq iv xrj^tp. 

') Dazu im Cod. Colon. Pnsciani 202, saec. XI, f. 46 die Glosse 
brietiere, Codd. Colon, p. 154. 



Wftchstafeln. 53 

Jetzt befürchtet Properz, dafs irgend ein Geizhals seine Bech- 
nungen darauf schreiben werde: 

Me miserum! his aUquis rationem scribit avarus, 
Et ponit duras inter ephemerides. 

Die Fortdauer dieses Gebrauches im fünften Jahrhundert 
erhellt aus den Briefen des h. Augustin (ep. 15. al. 113. Opera 
ed- Maur. II, 19); er hatte ungewöhnlicher Weise zu einem 
Briefe Pergament genommen, und entschuldigt sich deshalb 
mit folgenden Worten: Non haec epistola sie inopiam chartae 
indicat, ut membranas saUem abundare testetur. Täbellas ebur- 
neos quas habeo, avunculo tuo cum litteris misi. Tu enim huic 
pelliculae facUius ignosces^ quia differri non potuit quod ei 
scripsi, et tibi non scribere etiam ineptissimum existimavi Sed 
tdbdlas, si qu€ie ibi nostrae sunt, propter hujusmodi necessitates 
mittas peto. 

Denselben Gebrauch bezeugt auch Augustinus jüngerer 
Zeitgenosse Hilarius von Arles in seiner Gedächtnifsrede auf 
seinen Vorgänger Honoratus (Acta SS. Jan. 11, 20): Beatus 
Eiuiherius cum ab eremo in tabulis ut assolet cera illUis, in 
proxima ab ipso degens insula, lUteras ejus suscepisset: Mel 
inquü suum ceris reddidistis. 

Aus dem Mittelalter weifs ich nur zwei Beispiele eines 
solchen Briefes anzuführen. Lambert von Hersfeld schreibt 
zum Jahr 1075: Anno Coloniensis cuidam familiäres litteras, 
a se ipso in tabulis propter majorem secreti catitelam can- 
scriptas, dedit episcopo Halberstadensi perferendas. Abt Wibald 
schreibt 1148 an den Pabst Eugen: Quae vero post exUum 
nostrum acta sint^ ex litteris, quas quidam frater Fuldensis 
nobis non in membrana scriptas, sei in tabella transmisit, co- 
gnoscere poteritis; quas advestrae sanctitatis pedes transcriptas 
direximus. JbS6, Biblioth. I, 221. Der Brief konnte in dieser 
Form nicht gut dem Pabste übersandt werden, und war des- 
halb in Abschrift beigelegt 

Originale solcher Briefe haben sich, so viel ich weifs, nicht 
erhalten. Dafs überhaupt beschriebene Wachstafeln aus dem 
Alterthum sich erhalten hätten, erschien früher ganz unglaub- 
lich, allein die letzten Jahrzehnte haben eine ganz ansehnUche 



54 Schreib«toffe. 

Zahl derselben ans licht gebracht. In den Goldbergwerken 
Siebenbürgens hatten viele davon völlig unberührt gelegen, 
nur von mineralischen Wassern benetzt, welche ihre unver- 
änderte Erhaltung befönlert^n. Manche sehen so frisch ans, 
als ob sie eben aus der Hand gelegt wären; nur das Wachs, 
welches schwärzlich oder völlig schwarz ist, hat oft Bisse be- 
kommen, wodurch die Lesung erschwert wird, besonders da, 
wo die ausgelöschte ältere Schrift noch durchschimmert Im 
Jahr 1854 wurde ein künstlich verrammelter und zugeschütteter 
Eömerstollen neu entdeckt, in welchem sich eine ansehnUche 
Anzahl von Wachstafeln befand, aber leider ist der gröfste 
Theil derselben durch Unwissenheit und Ungeschicklichkeit zu 
Grunde gegangen, wie der um die Alterthümer jenes Landes 
hochverdiente Pfarrer Ackner im Jahrbuch der Centralcommis- 
sion für Erhaltung der Alterthümer I, 18 berichtet 

Das zuerst in dem Bergwerk von Yöröspatak gefundene 
Exemplar hatte lange in der Jankovichischen Sammlung in 
Pest gelegen, wo mit der vöDig unerhörten Schrift niemand 
etwas anzufangen wuTste, bis endUch Prof. Mafsmann zu Hülfe 
gezogen wurde. Er wurde in der That der Schwierigkeiten 
Herr und gab eine Abbildimg nebst Erläuterungen heraus in 
der Schrift: Libellus auraritis sive täbulae ceratcke et antiquis- 
simae et unicae Bomanae, Lips. 1840, 4. Der sehr weitschweifige 
Commentar enthält viel gutes Material, sowohl über Wachs- 
tafeln überhaupt, als auch über diese eigenthümUche Schrift, 
zu deren Erklärung viele Beispiele entarteter Schriften aus 
den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung zusammen ge- 
bracht sind. 

Bei dem aufserordentlichen Scharfsinn, welchen Mafsmann 
hier an den Tag gelegt hat, ist es um so schwerer zu begreifen, 
wie er sich gleichzeitig durch ein Paar ganz grob gefälschter 
Tafeln mit griechischer und angebhch dacischer Schrift täuschen 
lassen konnte. Seine eigene Abbildung zeigt die ganz moderne 
griechische Minuskel, und das Original läfst in der elenden 
Technik den Unterschied noch greller hervortreten. 

Diese schlechte Gesellschaft liefs auch die römischen 
Tafeln verdächtig erscheinen. Natalis deWailly schrieb dagegen 



Wachstafeln. 55 

im Journal des Savans 1841, p. 555. SUvestre nahm sie in 
sein groises Werk auf, aber im Text sind sie als supposees 
Ramaines bezeichnet Dagegen vertheidigte Prof, Wenzel die 
EchtJieit in Schmidl's Oesterr. Blättern 1844, Band 11, S. 33. 
43. 52, und Mafsmann selbst in den Münchener Gelehrten An- 
zeigen 1846. XXn, 49. 

Gegenwärtig hat dieser Streit seine Bedeutung verloren, da 
nach den neueren Funden die Echtheit gegen jeden Zweifel ge- 
sichert ist Auch hat sich seitdem in den ägyptischen Gräbern 
eine neue Fundstätte eröffnet 

Im British Museum befinden sich zwei ganz roh gear- 
beitete Holztafeln, deren innere Seite mit einer sehr dünnen 
Schicht Ton farblosem Wachs überzogen ist Darauf stehen in 
gro&er ziemlich roher Majuskelschrift einige Verse; augenschein- 
lich war hier einem Dichter sein Conceptbuch mit ins Grab 
gegeben. Diese Tafeln sind abgebildet und erläutert von Prof. 
Rumpf in den Verhandlungen der Würzburger Philologen- Ver- 
sammlung (1869) S. 239->246. 

Die BibUothek zu Leiden hat 7 merkwürdige Wachs- 
tafeln (tabulae ceratae Assendelftianae) erhalten, welche in 
das 3. Jahrh. p. Ch. gesetzt werden, mit Fabeln des Babrios, 
eine ungeschickte und fehlervolle Schülerschrift, mit Photographien 
herausgegeben von Dr. C. Hesse ling im Journal of Hellenic 
studies, Vol. XIH (1893) S. 293—314. 

Andere sind in Paris im Cabinet des M^dailles n. 3491, 
gefunden bei einer Mumie in der Gegend von Memphis. Sie 
sind eben so einfach und schmucklos aber kleiner, und bestehen 
ans fünf Blättern, wovon acht Seiten zum Schreiben bestimmt 
waren. Zwei davon enthalten ziemlich ungeschickt geschriebene 
Alphabete, die übrigen eine B^chnung; Fr. Lenormant, Lettre 
ä M. Hase sur les tablettes Grecqties trouvees ä Memphis, 
Revue Archeologique Vill (1852) p. 461. Beponse de M. Hase, 
p. 471. Andere von Mariette entdeckte sind im Mus^e du 
Louvre, noch andere mit demotischer Schrift in Liverpool.^) 

^) Du M^ril, Stades p. 89. 506. Nicht zugänglich war mir der 
CaUdogue des maniucrits ^gyptiens öcrita sur papyrus, toile, tablettes et 
ottnca, eD caiactdres hiäroglypMques» hi^ratiques, dämotiques, grecs, 



56 Schreibstoffe. 

Im Berliner ägypt Museum (Hist Saal 3847) ist ein Amulet, 
eine ganz kleine Tafel von festem rothem Wachs mit hierogly- 
phischer Schrift. 

Das British Museum hat (Add. 33270) ein Buch von 
7 Tafeln mit schwarzem Wachs, in einer eine Höhlung für den 
Griffel, erworben. Es enthält griech. Notizen und ganz unbe- 
kannte Charactere. 

Dr. Abbot in New- York besitzt (oder besafe) fünf 
Wachstafeln, die nur 6 Zoll lang und 4 Zoll breit sind. Alle 
enthalten dieselben drei Senare, vermuthlich von Menander, 
deren Schrift auf der einen Tafel schön und genau, auf den 
andern schlechter ist; im Gharacter soll sie der Hyperides-RoUe 
gleichen. Man hat also hier mit einem Schreiblehrer seinen 
Apparat bestattet; unter den Schülerschriften stehen noch Prä- 
dicate, wie q>ikoxoveL^) Ganz ähnliche mit demselben Prädi- 
cat befinden sich in Marseille; daselbst auch eine Holztafel, auf 
welcher derselbe Schreiber AvQtjhog Gsoöcogog Uvovßlcovog mit 
Tinte um das Jahr 300 p. Gh. geschrieben hat.') 

Endlich hat sich in den Siebenbürger Goldbergwerken 
auch das letzte Blatt einer griechischen Urkunde aus der Mitte 
des zweiten Jahrhunderts p. Gh. erhalten, welches Dr. Detlefsen 
1858 in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie XXVII, 
89 — 108 mit grofsem Schar&inn entziffert und erläutert hat 

Unsere Kenntnifs der lateinischen Wachstafeln hat 
1876 eine neue grofse Bereicherung erfahren durch die Ent- 
deckung des Archivs des L. Gaecilius Jucundus in Pompei, 
127 Diptychen und Triptychen aus den Jahren 15, 27 und 
53 — 62 p. Gh. Das Holz ist verkohlt, das Wachs geschmolzen, 
doch die Schrift noch theil weise lesbar, oft dadurch dals der 



coptes, arabes et iatins, qui sont conserrös au mus^e ögypüen du Louvre, 
Paris 1872, von Thöod. Dev^ria. 

*) Welcker im Rhein. Mus. N. F. XV (1860) S. 165— 1&8 nach dem 
Bericht des Prof. Feiton in den Proceedings of the American Academy 
of Arts and Sciences, III, 371—378. 

*) Tablettes grecques du Mus^e des Marseille. Discours d'ouverture 
prononc^ le 11. D^c. 1867 par M. Fröhner, im Annuaire de la Sociätä 
Fran^aise de Numismatique et d'Arch^logie, in (1868) I, lxix— lxxyii. 



Wachstafeln. 57 

Griffel durch das dünne Wachs das Holz geritzt hat Häufig 
ist aber nur lesbar, was mit Tinte auf Holz geschrieben war. 
Jucundus war öffentlicher Auctionator und die Urkunden sind 
seine Quittungen. Die meisten sind Triptychen, drei Holztafeln, 
von denen die beiden Deckelseiten ohne Wachs und unbe- 
schrieben sind. Die Seiten 2 und 3 enthielten die authentische 
Urkunde, durch Fäden verschlossen, 4 und 5 die Siegel, die 
Namen der Signatoren und das Neben-Exemplar. Die Quittung 
auf S. 5 ist eigenhändig und wird bezeichnet als chirograpus\ 
sie ist kürzer ge&fst als die erste. Seite 4 ist hier in der Regel 
ohne Wachs, mit Vertiefungen zur Aufnahme der Siegel, und 
die Namen sind mit Tinte auf Holz geschrieben. Auf dem 
Bande stehen kurze Inhaltsangaben, mit Tinte geschrieben, zum 
leichteren Finden. *) 

Die Tafeln aus Siebenbürgen sind ebenfalls Urkunden 
in ähnlicher Form. Die von Mafsmann schon 1840 gelesenen 
deren Inhalt Th. Mommsen 1843 in seiner Dissertation De 
cdllegiis et sodaliciis Romanorum verwerthete, enthalten die 
Anzeige der Auflösimg einer Begräbnifskasse wegen der zu 
geringen Zahl der Theilnehmer, vom Jahre 167 p. Ch. 

Nachdem neue Entdeckungen gefolgt waren, veröffentUchte 
Timotheus Cipariu, Domherr zu Blasendorf, in dem Pro- 
gramm des griechisch-unierten Gymnasiums daselbst 1855 einen 
Kaufcontract über einen Sklaven vom Jahre 142. 

Im Jahr 1856 erschien von Dr. J. Erdy in den Abhand- 
lungen der ungarischen Akademie ein Aufeatz De tdbulis ceratis 
in Transsilvania repetiis, der auch abgesondert ausgegeben ist 
Dann hat Dr. Detlefsen 1857 in den Sitzungsberichten der 
Wiener Akademie XXTTT, 601 — 635 (Ueber zwei neu entdeckte 
römische Urkunden auf Wachstafeln) den von Cipariu heraus- 
gegebenen Text wiederholt und berichtigt (eine correctere und 



^) Giulio di Petra: Le tavolette cerate di Pompei (Atti delP Accad. 
de' Lincei, Serie II, Vol. III. 1876). Bartolinj: Le tavole cerate 
Pabblicazioni e Commenti, in: Pompei e la Regione sotterrata dal Yesuvio. 
nell* anno 79. Memorie e Notizie. Nap. 1879, 4. S. 143—150. Mommsen: 
Die pompejanischen Quittungstafeln des L. Caecilius Jucundus, Hermes XII, 
88—141. Eüne Ausgabe bereitet Zangemeister vor. 



58 Schreibstoffe. 

vollständigere Lesung nach dem Original giebt Th. Mommsen 
in den Monatsberichten der Berliner Akademie 1857, S. 519)^ 
das von Erdy mitgetheilte Facsimile wiederholt und die grofsen 
Inihümer seiner Lesung verbessert Den Lihalt der einen 
Urkunde bildet ein Kaufcontract über eine Sklavin vom J. 139, 
der dadurch besonders merkwürdig ist, dafs sich hier auch die 
in Wachs eingedrückten Siegel der Zeugen ganz gut erhalten 
haben. Die zweite enthält eine Schuldverschreibung vom 
Jahr 162. 

In demselben Bande der Sitzungsberichte S. 636 bis 650 
veröffentUchte DeÜe&en noch ein neu aufgefimdenes Fragment 
eines Kaufcontracts über ein halbes Haus aus dem Jahre 159, mit 
einem Facsimile, welches A. Camesina mit seiner bekannten 
Genauigkeit und Sauberkeit nach dem Original verfertigt hat 
Diese Tafel war mit einer Anzahl anderer, jetzt an verschiedenen 
Orten zerstreuter, femer mit mehreren hölzernen Werkzeugen 
und G^räthen, und mit einem Haarzopfe, in einer wohlver- 
schlossenen Grube zu Vöröspatak bei Abrudbänja gefunden 
worden. Zu diesem Haarzopfe soll sich noch ein Gegenstück 
in emer anderen siebenbürgischen Bömergrube gefunden haben. 

Jetzt sind nun aUe bekannt gewordenen Wachstafeln im 
Corpus Inscriptionum Latt Vol. m von Zangemeister abge- 
bildet und neu herausgegeben. Ein Exemplar befindet sich im 
Berliner Antiquarium, im Miscellanzimmer n. 193. Sie stammen, 
25 an der Zahl, aus den Jahren 131-- 167 und sind allem 
Anschein nach beim Beginn des Marcomannenkrieges absichtlich 
verborgen worden.*) 

Ein von Th. Mommsen (a. a. 0. S. 521) gelesener Socie- 
tätscontract vom Jahr 167 steht in einem einfachen Diptychon; 
das griechische Fragment hält Detlefsen für das letzte Blatt 
eines Pentaptychon, die übrigen Wachstafeln aber sind Tri- 
ptycha, was dadurch nothwendig wurde, dafs man die Auisen- 



^) Vgl. G. Goofs, Stadien zur Geogr. und Gesch. des tnyan. Dadens. 
Progr. des ev. Gymn. in Schäfsbui^ 1874 8. 59. Den., Chronik der archae- 
olog. Funde Siebenbürgens, im Arch. d. Vereins f. Siebenb Landeskunde, 
N. F. Xm (1876) S. 323-326. — lieber röm. Wachstafeln, die in einem 
Bronnen bei Auch gefunden, aber nicht lesbar sind, s. Revue bist XIX, 202. 



Waehstafeln. 59 

selten nicht gut beschreiben konnte. Weil diese ohne Wachs 
und unbeschrieben sind, enthalten die zweite Seite des ersten 
und die erste des Mittelblattes das Duplicat des Textes, während 
die beiden übrigen Seiten die durch den Siegelstreifen ver- 
schlossene eigenthche Urkunde verwahren. 

Bei Testamenten fehlte natürUch das Duplicat des Textes; 
übrigens aber entspricht jener Einrichtung ganz genau die 
Schilderung, welche bei Lucian der Flutos von seiner Einsperrung 
im Testament und der Entlassung nach Beseitigung des Siegels 
und Zerschneidung der Schnur macht ^) 



Sehr verschieden von diesen ganz schmucklosen und ein- 
fachen Tafeln sind die grofsen kostbaren Diptycha aus Elfen- 
bein, welche die römischen Consuln beim Antritt ihres Amtes 
zu verschenken pflegten^). Sie waren grois imd stark genug, 
am gelegentlich auch als Waffe dienen zu können; Nero's 
Schauspieler erschlugen mit solchen Diptychen einen Con- 
correnten^). Die innere Seite war mit Wachs belegt, der 
äufsere obere Deckel mit Schnitzwerk verziert Es haben sich 
deren viele erhalten, gesammelt von Gori in seinem Thesaurus 
Diptychorun^ 3 VolL £ 1759. In christiichen Kirchen wurden 
sie gern benutzt, um die Namen der Bischöfe oder Aebte und 
der Wohlthäter einzutragen; das Diptychon lag während der 
Fürbitte auf dem Altar. Der Name bUeb ihnen auch nachdem 
das Wachs daraus verschwunden war und man vielleicht statt 
dessen Pergamentblätter eingeheftet hatte; er bUeb solchen 

') Lnc. Timon c. 21: iq SiXtov ifißalovrsg fie xtd xaxaarniri' 
vttßevoi . . . ineiöav 61 xh örjfielov dipaiQB&§ xal zd Uvov ivxfJLtiBy xal 
ij öiXroq dvotx^y xal dvccxrjQvx^' 

*) S. darüber W. Meyer, Zwei antike Elfenbeintafeln, München 1879 
(Abb. d. Münch. Akad. I. Q. XV, 1), ergänzt durch Hören de Villefosse, 
Fetlille de Diptyqne cons. conserväe an Mnsöe du Louvre, Gaz. Archöol. 
1884, S. 117—128. 

*) PlB. Ludani Nero c. 9: xal yag dtj xal SiXtavq iks<pavrivag xal 
öi^QOvq TiQoßeßXtffjiivoi avxaq alaneg iyxtiQlöia xtd xhv 'HnBtQwxtfv 
mmoTiiaaPteg nqhq x6v dyxov xlova, xccxiaiav avxov x'^v ^Qvyya nal- 
orxiQ 6if9alq xau; diXxoiq. 



60 SchreibstofFe. 

Büchern anch, wenn ihre Form eine ganz andere geworden 
war, gesichert durch alte Uturgische Vorschriften.*) 

Man konnte auch mit Tinte auf dem Elfenbein schreiben, 
und das ist in Novara geschehen, wo die Reihe der Bischöfe 
um 1120 in solcher Weise in ein Consulardiptychon eingetragen 
ist') Es haben sich auch sonst dergleichen Diptychen erhalten; 
bei der Eintragung nur zum Zweck der Fürbitte war die Reihen- 
folge gleichgültig und nicht alle wurden eingeschrieben. Daher 
die vielen Fehler und Zweifel, als man später die Reihe der 
Bischöfe daraus herzustellen versuchte. Die Römer hatten ganze 
Bücher aus Elfenbeinblättem. ^) 

Traditionell erhielt sich der Name dipticay didica, für eine 
Schreibtafel, wofür Du Cange s. v. didica Beispiele giebt. Im 
Vocab. rerum de a. 1433 bei Mone, Anz. Vlli, 251 steht 
diptycka schreibtaffd^); im Vocab. optimus ed. W. Wacker- 
nagel p. 29 didica dichtaud^ worin sich das so häufige Be- 
streben zeigt, einem unverständlich gewordenen Worte eine 
andere Ableitung unterzuschieben. Das geschmacklose dritte 
Buch von Abbo de beUis Paris. (MG. 11, 802), aus lauter sel- 
tenen und seltsamen Wörtern zusammengesetzt, beginnt: 

gl. tabellas 
Clerice, dipticas lateri ne dempseris unquam. 
Dieselbe Vorschrift enthält Ps. Boetius de disciplina scholarium 
c. 4; wenn der Schüler nicht immer bei dem Meister sein kann, 
so soll er doch die Schreibtafel immer an der Seite haben: 
didicas semper lateri suo hdbeat promptiores cedulasve, quihus 
düigenter imprinuUquodconscientia^epropriaenoverit iniimaium. 



') Genaueres darüber s. im Glossar von Du Cange s. t. Im Sacra- 
mentarium Greg. ed. Pamel. II, 386 das Gebet für einen verstorbenen 
Bischof Super dyptieha. Archaeol. XXIV pl. XXXII segnet ein Bischof 
mit dem Diptychon. 

") Gori Thes. Diptt. 11, 183—201. 

') Elephantimtm librum habet btbUiotheca Ülpia in armario MXto, 
in quo hoc SC. perscriptum est, cu4 Tacitus ipse manu sua stibseripsit. 
Nam diu haec SC. quae ad prindpes pertinehawt, in libris ekphantinis 
acribebantur. Fl. Yopiscus. 

*) hec diptica, a smale tabyle, Engl. Vocab. saec. XV bei Th. Wright, 
A volume of vocabularies (1857) S. 210. 



WachBtafeln. 61 

Der Commentar erklärt cedtdam scü. papiream vel pecorinam, 
und: dictica est muUiformis tabula dictaioribus apta. Et dicitur 
a dido OS, quod rhetarum est, Unde quidam: 

Clerice, dicticam lateri teneas ut amicam. 

Da haben wir also ausdrücklich die schon erwähnte falsche 
Ableitung. Man trug sie am Gürtel und legte sie, um zu 
schreiben, auf den rechten Schenkel, wie es sehr anschauHch in 
der Vita Odonis Cluniac. I, 14 beschrieben wird: DtMS tarUum 
Uibdlas manu bajulans scribendi officio aptissimas, fäbrili opere 
Ha eonnexas, td possent patefieri, non tarnen disjungi, quibtts 
$chol€istici dextro femore solent uti. *) Das Gehänge wird per- 
pendictdum genannt in Begensburger Versen aus dem 11. Jahr- 
hundert; eine Canonissin war von einem Cleriker darum gebeten 
worden: Quod perpendiculum rogitas a me tabularum, Sie 
schenkte es ihm und schrieb dazu: 

Ergo tuo lateri dum jungas que tibi fed, 
Interiore nota cordis me sedulo porta.*) 

Natürlich hatte auch Ekkehard der Höfling seine Tafeln zur 
Hand, als die Sanctgaller 971 an den Hof kamen, um Notker 
als gewählten Abt vorzustellen; er konnte aber auch, was da- 
mals schon sehr selten war, in Noten des Kaisers Worte nach- 
schreiben. Sein Schüler Otto TI hatte grofse Freude an dieser 
Kunst seines Lehrers.^) Aus späterer Zeit sind in der Am- 
braser Sammlung fünf mit schwarzem Wachs überzogene Tafeln 
in lederner Kapsel zum Anhängen an den Gürtel.«) 

Ein antikes Diptychon schenkte 1151 der Bischof Heinrich 
Zdik von Mähren dem Kloster Selau: Qui agens in extremis 



*) Mab. Actt y, 155 ed. Par. Odo begab sich damit um 900 nächtens 
zum Grabe des h. Martin. 

*i Sitzungsberichte der Münchener Akad. 1873 S. 720. 

*) „EkkeharduB antem, notularum peritissimus, paene omnia haec 
eisdem notavit in tabula Terbis; quibus Otto suus postea, ut ipse nobis 
retulit, multum delectatus est sibi relictis, cum ipse praeter notulas nichil 
in tabula viderit" Ekkeh. Casus c. 131, MG. II, 140, mit der Aenderung 
releetti, die wohl nothwendig ist 

*) Sacken, Die Ambraser Sammlung II, 258. 



02 Schreibfltoffe. 

binas ex ebore tabdlulas^ aUeram cum imaginulis pulcherrimis 
apere stdptorio, aUeram vero cera impletam et tamquam ad 
scribendum paratam, misü domno Godscalco in Signum et me- 
moriale sincerissimae amicitiae. GerL Milovic. ad a. 1184, 
Mon. Genn. SS. XVII, 697. Auch dem Kloster Berge schenkte 
zwischen 1009 und 1017 der Abt Sigifirid tabuicks ebumeas 
ducts. Pertz' Archiv IX, 439. 

Man verwandte sie gerne zu Einbänden kostbarer Hand- 
schriften. So in St Gallen, welches nach Ekkehard's Erzählung 
ein solches Kleinod von dem Bischof Salomon von Constanz 
aus den Schätzen seines Freundes Hatto von Mainz erhielt: 
duas tabülas ebumeas, quibus alias magnitudine equipares 
rarissime videre est, quasi sie dentatus elephans aliorum fuerü 
gigas. Erant autem tabulae quondam quidem ad scribendum 
ceratae, quas latere lectuli soporantem ponere solitum, in vita 
sua scriptar ejus Karolum dixit, Quarum una cum sculptura 
esset et sit insignissima, altera planitie politissima, Tuotüoni 
nostro politam tradidit sculpendam, Quibus longioris et lati- 
oris moduli Sintrammum nostrum scribere jussit evangdium, 
ut quod tabulis äbundaret, auro et gemmis Hattonis omaret. 
Hoc hodie est evangdium et scriptura^ cui nutla^ ut opinamur, 
par erit ultra, quia cum omnis orUs cisalpinus Sintrammi 
digitos miretur, in hoc unOy ut cdebre est, triutnphat. Ekke- 
hardi Casus S. Galli, Mon. G^rm. ü, 88. 

Sintram's Evangelium longum ist noch jetzt eine Zierde 
der SanctgaUer Bibliothek und rechtfertigt die Lobsprüche, 
welche ihm hier ertheilt werden. Die Sculpturen des Einban- 
des sind abgebildet in der Publication des historischen Vereins 
in St Gallen: Das Kloster St Gallen, I, 1863. Es ist nicht 
ganz klar, ob Ekkehard diese Tafeln für dieselben hielt, deren 
Karl der Grofse sich bediente, oder nur für gleicher Art*) 



^) Die schmalen Seiten der Buchdeckel sind mit dünnen Groldstreifen 
belegt, worauf steht: Äd istam parcUuram AmcUa dedü XII denarios. 
V^. Scherrer, Yerzeichnifs der Stiftbibl. S. 23 n. 53, und zur Erklärung 
des Wortes parare Ekkeh. Casus p. 31 ed. Meyer v. Enonau: Scdomon. . 
gemmü et arte paravit. B. Anno von Freising (8Ö4--873) scribere vd de- 
pingere atque parare praecepit, nilmlich das Evangeliar in München, 



Wachstafeln. 63 

Die Fortdauer des Gebrauches wirklicher Wachstafeln im 
Mittelalter und noch weit über dasselbe hinaus ist, nachdem 
auch hier Mabillon die Wege gewiesen hatte, ausfuhrlich 
nachgewiesen yom Abb^ Lebeuf in seinem Memoire touchant 
Vusage cTecrire st^ des tahlettes de cire, im 20. Band der M^- 
moires de l'Acad^mie des Inscriptions (1753) und neuerdings 
Ton Ed^lestand Du Meril in seiner Abhandlung: De Vusage 
non inierrompu jusqu'ä nos jours des tahlettes de dre, in der 
Kevue Arch^ologique 1860 n. 7 und 8, und wiederholt in seinen 
Etudes sur quelques points d'Arch^ologie et d'Histoire litt^raire, 
Paris et Leipzig, p. 85 — 142; auch Mafsmann in seiner an- 
geführten Schrift, und L. F. Hesse im Serapeum von 1860, 
S. 353 — 377 geben schätzbare Nachweise. Da diese That- 
Sachen noch immer zu wenig bekannt sind, werde ich mit Be- 
nutzung der in diesen Schriften angeführten und anderer Stellen 
und Beispiele diesen Gebrauch als einen ganz allgemein ver- 
breiteten nachweisen und darstellen. 

Im 6. Jahrhundert verordnete St. Benedict in seiner 
Mönchsregel, dals die Aebte den Mönchen graphium et täbulas 
übergeben sollten,^) was in einer alt&anzösischen üebersetzung 
erklärt wird als eguille dont on escrü es tahlettes, und des 
täblettes pour escripre. Diese Vorschrift wird nicht wenig dazu 
beigetragen haben, den Gebrauch der Tafeln zu erhalten und 
zn verbreiten; so finden wir sie bei den irischen Mönchen mit 
der eigenüiümlichen Benennung ceracidum in den von Du Gange 
angeführten Stellen, zu welchen Du M^ril eine andere aus der 
Vita S. Mochtei (Acta SS. Aug. m, 743) fügt: Cum in agro 
ipse sederet, allato angdtLS domini ceraculo cum litter arum 
docuit elementa. Adamnan (f 704) erzählt in seiner Schrift 
de locis sandis, dals ihm der Bischof Arnulf primo in tdbulas 
describenti fideli et induJntabili narratione dictavit^ quae nunc 



Clm. 17011. Die Richtigkeit von Ekkehard's Erzfthlung wird wegen der 
auf beiden Seiten gleichen Technik bezweifelt von R. Rahn, Gesch. d. 
bUdenden Kfinste in der Schweiz I, 111. 

') Koch im 15. Jahrh. in Andechs soll jeder Mönch in seiner Gelle 
haben tabulam cereatam cum graphio, Roddnger, Znm baier. Schrift- 
wesen S. 9. 



/ 



64 Schreibstoffe. 

m membranis brevi textu scribuntur. ^) Ebenso fehlen die 
Wachstafeln auch nicht bei den Angelsachsen. Im 7. oder 
am Anfang des 8. Jahrhunderts machte der Angelsachse 
Aldhelm (gest 709) das pugillar zum Gegenstande eines seiner 
Räthsel:') 

MeUigeris apibus mea prima processit origo, 
Sed pars exterior crescebat cetera silvis. 
Calciamenta mihi tradebant tergora dura, 
Nunc ferri Stimulus faciem proscindit amoenam, 
Flexibus et sulcis obliquat ad instar aratri, 
Sed semen segetis de caelo ducitur almum, 
Quod largos generat millena fruge maniplos. 
Heu tam sancta seges diris extinguitur armis. ^) 

Aldhelm setzte offenbar die Bekanntschaft mit dieser Schreibart 
bei seinen Zeitgenossen voraus; es scheint, dafs man die Tafeln 
in Leder einzubinden pflegte. Im cod. Sangall. 242 steht als 
Ueberschrift De pugillaribus id est parvis täbulis, und zu v. 3 
die Glosse: SictU mdetur in täbulis Scotorum. Diese müssen 
also eine besondere Art des Einbands gehabt haben.*) Wenig 
später schickte einer von den Gefährten des h. Bonifaz der 
Aebtissin Eadburg einen silbernen Griffel {graphium argenteum) 
zum Geschenk (Bonif. ep. 75 JaffiS). Von der Lebensbeschrei- 
bung dieses HeiUgen aber berichtet der ungenannte Mainzer 
Priester, welcher im 11. Jahrhundert ein Nachwort hinzufügte, 
dafs der Verfasser WiUibald sie bei der Victorskirche zu Mainz 
auf Wachstafeln geschrieben habe, um sie den Bischöfen Lull 



») Mabillon, Act HI, 2, 502. 

•) Anzeiger der Vorzeit VII, 38. Opera ed. Giles p. 263. Von den 
Buchstaben heiM es S. 257 : Nascimur ex ferro, rursus ferro moribundae, 
Necnon et vohicria penna volitantts ad aethram. Dümmler verweist auch 
auf die Räthsel des Eusebius aus Beda's Zeit in den Anecdota Bedae, 
Lanfranci et aliorum p. 59. 

') Die beiden letzten Verse nach Mitth. von Dümmler aus d. Leipz. 
HS. Rep. I, 74. Derselbe führt in d. Zts. f. D. Alt. XXII, 422 e cod. 
S. Galli s. X. an: Vidi vas quoddam de lignia et apil>u8 factum, ferro 
politum, verho munüum, plenum et vacuum, una libra pendens. 

*) Anz. d. Germ. Museums. XX, 79. 



Wachstafeln. 65 

von Mainz und Megingaud von Würzburg zur Prüfiing vorzu- 
legen; dann erst sei sie auf Pergamen t überlTagen^jmmtYws in 
ceraiis iäbulis ad probationem domni Ltdli et Megingaudi, et 
post eorum examinaiionem in pergamenis rescrihendam, ne quid 
incaute vel superfluum exaratum appareret. Mon. Germ, ü, 
857. JaflFe, Bibliotheca HI, 481. 

Die Königin Brunhilde schickte, wie Fredegar c. 40 er- 
zählt, 613 einen TJriasbrief, der gleich zerrissen wurde, also 
wohl auf Papyrus geschrieben war. Der Knecht des Haus- 
meiers Wamachar aber hatte gleich eine Wachstafel zur Hand, 
auf welcher er die Stückchen befestigte und sie so wieder lesbar 
machte. Eine solche Tafel hatte auch der Abt von Gabors, 
in welcher er 585 einen Brief unter dem Wachse verbarg. ^) Im 
Anhang zu Marculfs Formeln ist ein Brief (MG. Formulae p. 32), 
worin der Lehrer sich beklagt, dafs die caerae seiner Schüler 
nichts brauchbares bringen: delisse magis quam scripsisse, pro 
fiolismo solicismufn referet. 

Die Nachricht Einhard's über Karl den Grofsen, auf 
welche sich Ekkehard in der schon oben angeführten Stelle 
bezieht, lautet Vita Kar. c. 25 so: Temptabat et scribere, 
tabulasque et codicellos ad hoc in lecto sub cervicalibus circum- 
ferre sdebat, ut cum vacuum tempus esset, manum litteris 
effigiendis^ adsuesceret, sed parum successit labor praeposterus 
ac sero inchoatus. Merkwürdig ist, wie die apud S. Macram 
im Jahre 881 versammelten Bischöfe Frankreichs diese Nach- 
richt benutzten, um den König Ludwig III recht nachdrücklich 
zu ermahnen, dafs er von seiner Eigenmächtigkeit ablassen 
möge. Immer, sagen sie, habe der grofse Karl drei seiner 
weisesten Räthe bei sich gehabt: et ad capitium ledi sui ta- 
bttlos cum graphio habebat, et quae sive in die sive in nocte 
de utilitaie sanctae ecdesiae et de profectu ac soUditate regni 
meditabatur^ in eisdem tabulis adnotabat et cum eisdem consi- 



*) Greg. Tur. YIl, 30: cavaia eodicia tabula sub cera recondidit. 

*) Dieses Wort findet sich auch in der Unterschrift des Druckers 
.Joh. Veldener, bei Harzen im ^Vrchiv f. d. zeichnenden Künste 1855 
S, 3 ans Lambinet, Recherches p. 271. Bei Einhard haben andere Hand- 
schriften effigiandia oder effingendis. 

Wattenbaeh, Scbriftwesen. 3. Aufl. 5 



66 Schreibstoffe. 

liariis, quos secum habebat, inde tradabat In ähnlicher Weise 
heifst es am Anfang der Visio domni Karoli (Jaffe, Biblioth. 
ly^ 701); dafs Karl, uhicunque nodu manebat, sive domi sive 
in expedUione lucernam et tabula^ sibi contiguas habere solUus 
erat, et quicquid vidit insomnis memoria dignum, liUeris tra- 
dere curavit, ne a memoria labi potuisset. Martin von Troppau 
setzt statt dessen Feder und Tinte mit Pergament {pennam et 
incaustum cum pergameno) und Heinrich von Hervord c. 70 
(ed. Potthast p. 39), der ihn ausschreibt, setzt hinzu: Habebat 
etiam circa suum ledum paridem cera lüum d stüum, ut si 
quid diam in tenebris occurrisset, consignard.^) 

Wenn nun aber auch in WirkUchkeit Karl das Schreiben 
nicht recht gehngen wollte, so hatte dagegen sein Kanzler 
Ercambald immer Tafeln und Griffel am Gürtel bereit, wie 
uns Theodulf 8 Verse {ad Carolum regem v. 147, Poet, lai ed. 
Dtimmler I, 487) zeigen: 

Non Ercambaldi sollers praesentia desit. 
Cujus fidam armat bina tabella manum. 

Pendula quae lateri manuum cito membra revisat 
Verbaque suscipiat quae sine voce canat 

Er wird ohne Zweifel stenogi'aphisch geschrieben haben, 
wie das Epigramm Theodulf s de tabella (ib. p. 553) bezeugt: 

Parva, brevis, gemino potiorque finorque tabella 

Officio, specie intus et apta foris. 
Omatum exterius habitus superaddo ferenti, 

Interius servo verba ligata notis. 

Dagegen sind die früher von mir angeführten Wachstafeln, 
welche Theodulf in seiner Paraenesis ad judices v. 251 unter 
den Gegenständen nennt, mittelst welcher man die Bichter zu 
bestechen versuchte, zu streichen, indem die cereolae rotulae 
anders zu erklären sind. 

839 schrieb Goibertin Saint-Bertin sein Testament in tabulis 



') Vgl. das Scholion zum Persius: Nam veteres spondcis cerabant, ut 
aiquid rede eis in mentem venmet, scriberetur ne stcUim periret. Wiener 
SB. XCVII, 737. 



Wachstafeln. 6 7 

ceratis quae exterius celaiae er<mt harhulis crassi pisds, et 
stMus deaurcUae erant. Chart. Sith. ed. Guerard p. 160. 

Als Theodulf verbannt war, schrieb ihm Modoin (Poet 
lat I, 576): 

Et molli dumm nunc cerae inducere ferrum 
Cogor et insueto texere verba modo. 

Vielleicht schickte er ihm wirkhch eine Wachstafel, vielleicht 
meint er jedoch damit nur das Concept, welches ganz regel- 
mälsig, wie wir vorher schon sahen, auf Wachs geschrieben 
wurde; nur bei ganz geringfügigen Dingen unterbheb es, wie 
Walahfrid sagt (ib. H, 356): 

Scribitur ut vihs properanter epistola, sie ha«, 
Crede mihi, nugas sine cera hac pelle notavi. 

Hraban schickte an Samuel Tafeln mit dem Epigramm 
(ib. n, 190): 

Has tabulas, senior, gratanter percipe, quaeso, 

Quas tibi devotus junior exhibuit 
Buxus canitiem signat, claustrumque secretum 

Consilium cordis. Tu, pater alme, vale! 

Auch in der Visio Wettini (824) kommen die Wachstafeln 
vor; er selbst sagt (Poet, lat II, 274): interea liquenti cerae 
haec inprimite, und dann heifst es: omnia per ordinem ab eo 
excepta cerae inpressa sunt,^) 

Der Abt Smaragdus von St Mihiel an der Maas, welcher 
um dieselbe Zeit lebte, erzählt von seinen Schülern: Cum 
secundum itUdlediiS mei capacitatem grammaticam fratrihus 
iraderem, coeperunt aliqui audita libenter excipere et de tahellis 
in membranulas transmtäare, ut quod libenter auribus hause- 
rani, frequentata lectione fortius retinerent. Da sie aber dabei 
viele Fehler machten, baten sie Smaragd, seine Vorträge selbst 
auszuarbeiten. ') 

Ermanrich aber in seinem von pedantischer Gelehrsamkeit 
erfüllten Schreiben an den Abt Grimald von St GaUen (verfafst 

>) V|^. auch WalahMd's Gedicht ib. v. 858 u. 914, p. 331 u. 332. 
*) Bei Keil in dem Erlanger Programm von 1868 S. 20. 

5* 



^ 



68 Schreibstoffe. 

zwischen 850 und 855) rühmt sich, dafs er es ohne Concept 
verfafst habe: Simul et hoc scitote quod nee in cera vel in 
tabula haec expressi, sed sicut in praesentibus scedis^) dictata 
sunt, ita sunt vobis directa, ut si forsan coram lecta non pla- 
cuerint, non sit dolor perisse quod Consta^ vüe fuisse. Auch 
den Teufel sah Notker stüo in tabula scribere . . . quod scrip- 
serat, pianasse.*) 

Von dem Priester Odulf in Friesland um die Mitte des 
9. Jahrhimderts wird erzählt, dafs er wegen Krankheit nequi- 
bat ecclesiam adire, nisi suffuldretur baculo, in cujus sum- 
müate ceratam habebat tabellulam, in qua, si ita res eveniret, 
nomina fidelium denotaret, donec congruo tempore describeret ea 
in libro vitae. ') 

Auch Hadoard (Cic. Exe. ed. Schwenke, S. 413) schrieb 
seine Excerpte zuerst auf Wachstafeln. 

Von dem Bischof Wolfgang von Eegensbiu-g (972 — 994) 
erzählt sein Biograph Oihloh, dafs er sich eifiig um die Schulen 
bekümmert habe und um den Fleifs der Jugend anzuspornen, 
sich häufig ihre Exercitien zeigen liefs: frequenter voluit tahulas 
eorum cernere dictales . *) Othloh selbst lernte in Tegemsee 
auf solchen Tafeln schreiben: tabula mihi data est cum aliis 
pueris ad discendum scripturam (MG. SS. XI, 392), und um 
dieselbe Zeit, im Anfang des 11. Jahrhunderts, pflegte, wie 
Ordericus Vitalis (III, 7 ed. Le Prevost) berichtet, der Abt 
Osbem von Saint-Evroul im Sprengel von lisieux den Knaben 
die Wachstafeln (tabulas cera illitas) zu diesem Zwecke selbst 
zu bereiten. 

In dem Benedictionale Aethelwoldi, welches gegen das 

^ ^) d. i. schedis. Von seheda kommt schedula, Zedd, Zettel. Ma- 

billon, Anall. p. 422, las scholis; die richtige Lesart hat Dümmler, Sanct- 
gall. Denkmäler in den Mittheilungen der Antiquar. Gesellschaft in Zürich 
XII, 211 und jetzt in dem vollständigen Abdruck (1873) S. 35. In einem 
Glossar: oniaO^oyQa^pov seheda. Not. et Extr. XXIII, 2, S. 448. Jetzt aucli 
bei Goetz u. Gundermann III. 

•) MG. II, 99; ed. Meyer v. Knonau S. 151. 

») Acta SS. Jun. II, 595. 

*) MG. SS. IV, 534. Der Ausdruck erinnert an die oben S. 60 er- 
wähnte Ableitung. 



Wachstafeln. 69 

Ehide des 10. Jahrhunderts in England geschrieben ist, findet 

sich Zacharias nach Luc. 1 , 63 dargestellt, wie er mit dem 

Griffel auf einer groisen Wachstafel schreibt, Archaeologia tt- '-^^^ 

VoL XXIV, PI. 27 . Dieselbe Darstellung findet sich auch" m 

dem schönen Psalter des Bischofs Warmund von Ivrea, und 

sonst häufig. Ein Angels achse mit Wachsta feln ist ahgfihild ftt AhZ yzr^ 

bei Th. Wright: Ä history of domestic manners and sentiments "^^-^^ 

in England (Lond. 1862) p. 96. ^9. In der Abschrift von ^^*^^ /^ 

Gregors I Register, welche der Erzbischof Ekbert von Trier 

(977 — 993) machen liefs, steht neben dem HeiUgen ein Notar 

mit seiner Wachstafel. ^) Es sind das grofse viereckige Tafeln 

mit einem eben solchen Griff an der oberen oder unteren Seite. 

Dafs man sich derselben auch zimi Zeichnen bediente, 
zeigen Notker's Worte in der Erklärung des Boetius (bei 
Hattemer, Denkmale m, 148), die nicht dem lateinischen Text 
entlehnt sind: übe %h mit minemo grifile an einem uudhse gerizo -.- ' 

formam animaiis. ^ 

Etwas unklar ist die Schriftstellerei des h. Nilus (f 1005) 
in Calabrien. In seiner Lebensbeschreibung Acta SS. Sept. 
Vll, 293 heifst es, dafs er vom fiühen Morgen bis neun Uhr, 
um in seiner Einsiedelei nicht müfsig zu sein, sich mit Schön- 
schreiben beschäftigte, mit feiner und enger Schrift, jedesmal 
einen Quatem füUend: 00*61^ dxo XQwt tcog xQlxtjq o^tcog kxak- 
XiyQäq>Bi, lexTfp xal xvxvw xQmiitvoq Iölox^Iqco, xal rergäöiov 
xlrjQdiv xad^ ixacrt/v. Sollte man nun hiemach doch wohl an 
Pergament und Tinte denken, so lesen wir dagegen S. 295, 
dals er nur Wachs auf Holz befestigte und so seine vielen 
Bücher zu Stande brachte: dXX* ovöl (liXavoq öox^tov öxoXd^opri 
Iv Tcj5 YQdq>siP. xfjQov de xr^^ag kjtl reo StXq), öi avxov t(5v 
roöovran^ ßißXUov x6 JtX^d-og ixaXXiyQdq>Ti06, 

Als Abbo, der Abt von Fleury, 1004 in dem Priorat La 
RfoUe an der Garonne den Tumult vernahm, in welchem er 
das Leben verlor, sals er gerade im Kloster bei seinen Rech- 
nungen {qtiosdam comptdi ratiunculas didüans) und kam her- 
vor pugiTlares gerens in manibus tdbdlas cum stilo. ') 

«) N. Archiv II, 488. 

*) Vita auct. Aimoino bei Mab. ed. Fans. VI, 1, 55. Glab. Rod. III, 3. 



\ 



70 Schreibstoffe. 

Im Jahr 1029 kam nach dem Tode des Bischofs Fulbert 
von Chartres der neue Bischof in das Kloster Saint-P^re-de- 
Chartres und liefs dessen Schätze in ceris verzeichnen. Mab. 
Ann. 0. S. B. 1. LVI c. 56. Hermann von Reichenau übergab 
1054 sterbend seine tahulas seinem Schüler Berthold ^ um was 
daraus noch nicht auf Pergament übertragen war, zu verbessern 
und abzuschreiben. MG. SS. V, 269. 

Auch Badulfiis Tortuarius, Mönch in Pleury, 1063 geboren, 
der 45 Jahre alt eine Portsetzung der Miracula S. Benedict! 
schrieb, sagt in einer poetischen Epistel an einen Preund (Bibl. 
de l'ecole des chartes, 4. Säie, I, 512): 

Nam cum missa mihi legissem verba salutis, 
Arripui ceras arripuique stylum. 

Derselbe beklagt (S. 502), dafe ein Dichter jetzt keine Be- 
achtung und Belohnung finden, ja nicht einmal Pergament, 
kaum Wachstafeln sich würde verschaflFen können: 

Eximium vatem si nasci forte Maronem 

Hoc aevo dederit prospera steUa Venus, 
Ejus jucundo si convenisset in astro 

Tota favens genesis, cum Jove Mercurius, 
Ipse suis adsit comitatus si Maro Musis, 

Pallida jejunis &ucibus ora gerat 
Non solum macra qua scribat egebit aluta: 

Cerula vix mandet cui rüde carmen erit 

In den Miracula Dominici Sorani vom Ausgang des 11. Jahr- 
hunderts heifst es (Anal. Boll. I, 322): sufficiat digüis cwrrenti- 
hus ceream hadenus stilo exarasse planüiem. 

Besonders merkwürdig ist aber was Eadmer in seiner Lebens- 
beschreibung des Erzbischofs Anselra von Canterbury (f 1109) 
erzählt Anselm, so berichtet er, hatte die Gewohnheit, seine 
Entwürfe auf Wachstafeln aufzuschreiben, und das that er auch, 
als er sein Proslogion über das Dasein Gottes verfafste. Dieses 
Werk erschien dem Teufel so gefährhch, dafs er einen Versuch 



Auch in dem Briefe des pedantischen Schulmeisters in der Lorscher Brief- 
sammlung ist von seinen Wachstafeln die Rede, N. Archiv III, d32. 



Wachstafeln. 7 1 

machte, die Tafeln, welche einem Klosterbruder in Bec zur 
Aufbewahrung übergeben waren, bei nächtlicher Weile zu 
zerstören: easdem in pammento sparsas ante lectum reperii, 
cera qiMte in ipsis erat^ hac iilac frustatim dispersa, Levantur 
({dndae, cera colligitur, et pariter Änselmo reportantur. Adunat 
ipse ceram et licet vix scripturam recuperat. Veritus aiUem ne 
qua incuria penitus perditum eat, eam in nomine Domini per- 
gameno jubet tradi. Lib. I p. 6 ed. D. Gerberon. Ebenso 
pflegte auch der h. Bernhard nach der Angabe seines Bio- 
graphen Emald (1. 11, c. 8) seine Gedanken auf Wachstafeln 
aufisuzeichnen. 

So verzeichnete auch kurz vor 1120 der Abt Hariulf von 
Oudenburg, als er das Leben des Bischofs AmuK von Soissons 
schrieb, die Mittheilungen seines Gewährsmannes Everolf in 
cera^ ut ea atramento in chartis conscriberem. Acta SS. Aug. 
in, 229. MG. SS. XV, 898. 

Guibert, von 1104 bis 1124 Abt von Nogent^ erzählt in 
seiner eigenen Lebensbeschreibung, dafs er als junger Mönch 
schon einen grofsen Hang zur Schriftstellerei gehabt habe, der 
aber seinem strengen Abt mifsfiel. Nur durch einen glücklichen 
Umstand gelang es ihm sich das theure Pergament zu ver- 
schaffen, und nun schrieb er mit dem gröfsten Eifer seinen 
Commentar zur Genesis, und zwar, wie er als dem gewöhnlichen 
Gebrauch zuwider ausdrückUch hervorhebt, gleich auf Pergament, 
nicht zuerst auf Wachstafeln, so dafs er noch daran hätte 
ändern können: Opuscula enim mea haec et alia nullis impressa 
täbuliSy dictando ^) et scribendo, scribendo etiam pariter commen- 
iando, immutabüiter paginis inferebam. Guib. Novig. de vita 
sua I, 16. Opera ed. d'Achery p, 477. 

Mit ähnUchen Schwierigkeiten hatte in der zweiten Hälfte 
des 12. Jahrhunderts Reiner, Mönch zu St. Lorenz bei 
Lüttich, zu kämpfen. Er schrieb nämUch Verse auf Wachs- 
tafeln und erregte dadurch den Unwillen des gestrengen Pater 
Supprior: arripiens tabdlas quibus exiles impresseram cogitatus 

*) d. h. verfassend, wie schon oben S. 60. Wir kommen auf diesen 
Spiachgebrauch noch zurück. 



72 SchreibstoflFe. 

. . . . coepü innocentes ceras obruere, et quae exarata cremt, 
aemulo unguis aratro confundere. Lange schwankt darauf 
Beiner, ob er es noch einmal versuchen soll; doch entschliefst 
er sich endlich: ne mucidis domtüantes tabellae ceris, stilus 
parieti affixus rubiginis lepra tabesceret. Rein, de vita sua 
n, 2. 6. B. Pez. Thes. Anecd. IV, 3, 34. 37. Mon. Germ. SS. 
XX, 599. 601. Eine Abbildung der h. Radegimde, wie sie 
auf der Wachstafel schreibt, aus einer Hs. saec. XU. bei 
Lecoy de la Marche S. 161. 

1127 vnirde nach der Ermordung des Grafen Karl von 
Flandern seine Burg zu Brügge belagert, und Galbert, dem 
wir die genaue Kunde dieser Ereignisse verdanken, konnte zum 
ruhigen Schreiben keinen sicheren Ort finden: inter tot nodium 
pericula et tot dierum certamina, cum locum scribendi ego 
Galhertus notarius non haberem, summam rerum in tabulis 
notavi, donec aliquando noctis vel diei expectata pace ordinaretn 
secundum rerum eventum descriptionem presentem, et sie secun- 
dum quod videtis et legiiis, in arcto positus fidelibtis trän- 
scripsi. Mon. Germ. SS. XII, 580. Ausg. v. Pirenne (1891) 
S. 58. 

Balderich, 1130 als Erzbischof von Dol verstorben, vorher 
bis 1107 Abt von Bourgueil bei Angers, war gebürtig aus 
Meung (Magdunmn) an der Loire unweit Orleans und hatte 
in der berühmten Schule seiner Heimath, im Verkehr mit dem 
gefeierten Meister Hubert, dessen Tod er in einem seiner Ge- 
dichte beklagt, die Liebhaberei zur Poesie oder doch zur poe- 
tischen Form gewonnen, welche damals aufserordentlich ver- 
breitet war. Dazu bediente er sich zehn Jahre lang desselben 
Griffels (graphium), bis er endlich zerbrach und in einem rühren- 
den Gedichte von ihm beklagt wurde. *) Vielleicht war es der- 
selbe, den ihm Lambert von Angers verfertigt hatte; diesen 
erwähnt er in einem andern Gedichte, zugleich mit den Täfelchen, 
die des angenehmeren Anblicks wegen nicht, wie gewöhnlich, 



^) S. 36, n. 154 der Ausgabe von L. Delisle: Notes sur les po^sies 
de Baudri, abbö de Burgueil, Romania 1872, S. 23—50. Früher hatte nur 
Mabillon im Suppl. S. 51 Nachricht davon gegeben, mit einem Bruchstück 
der Verse. 



Wachstafeln. 73 

mit schwarzem, sondern mit grünem Wachs überzogen waren, ^) 
mit dem Säckchen, das ihm der Abt von Seez*). geschenkt 
hatte zm* Aufbewahrung der Dinge. Es lautet: 

Ludendo de tabuhs suis. 

Quisquis majores habet his tabulasve minores^ 

AequaUs formae non tamen ullus habet 
Corpore sunt parvae, sed magnae munere formae, 

Cura sagax ilUs quam dedit artificis. 
5 Ula manus siquidem nimium fiiit ingeniosa, 

Tam brevibus foüis quae dedit hanc speciem. 
Sic connectuntur octo sibi parvula hgna, 

Ut quivis Ugnum fissile speret idem. 
Hae tabulae nostrae vix essent semipedales, 
10 Astula si duplo longior ipsa foret 

O noTa lex! nova res, nova progenies tabularum! 

In manibus nanas en habeo tabulas. 

(Nach einem Excurs über die kleineren Menschen, welche die 
Erde nach dem Gigantenkampf hervorbrachte, fährt er fort:) 

Sic, sed placata deitate, dolatile Ugnum 
20 Artificis Studium transtuht in modicum. 
Vos igitur tabulae Faunorum, vos Satirorum, 

Factae paene nichil, ludus abhinc eritis. 
In latum versus vix octo pagina vestra, 
In longum vero vix capit exametrum. 
25 Attamen in vobis pariter sunt octo tabellac, 

Quae dant bis geminas paginulasque decem: 
Gera namque carent altrinsecus exteriores, 
Sic faciunt octo quattuor atque decem. 
Sic bis sex capiunt, capiunt et carmina centum, 
30 Id quoque multipUces paginulae faciunt 



*) Die croceae membrana tcibdhie Jut. VII, 23 erklärt ein mittel- 
alterlicber Scholiast: propter ruln'afn ceram. vel de huxo fcictae. Gatal. 
oodd. Colon, p. 145. 

*) WahrBcheinüch Raoul d'Escures, 1108 Bischof von Rochester, der 
1122 als Erzbischof von Canterbury starb. 



74 Schreibstoffe. 

Qui TOS compegit, valeat tabularius ille! 

Felices tabulae vosque valete diu! 
Sit vobis oculos viridis color ad recreandos, 

Sint indiruptae vincula corrigiae! 
35 Sitque stilus vobis, quem fecerit Andecavensis 

Noster Lambertus ipse suis manibus. 
Sit quem consuerit saccum subtilis Arachme (sie), 

Qui casus omnes extimus amoveat 
Qui michi vos misit, hoc est abbas Sagiensis: 
40 Sollers ploranti misit avem puero, 

Sed vester mecum ludus perduret in aevtun: 

A tabulis nunquam scilicet amovear! 
Vivam vobiscum! vos autem vivite mecum! 

Tandem nos unus suscipiat tumulus. 

Der besondere Vorzug dieser Tafeln bestand also darin, dals 
ungewöhnlicher Weise acht sehr dünne Holzblättchen zusammen- 
gefügt waren, welche 14 Seiten mit Wachs darboten und trotz 
ihrer Kleinheit 112 Hexameter fassen konnten. 

In einem anderen Gedicht ad tabulas (S. 47) spricht er 
davon, dafs diese (offenbar nicht die oben gepriesenen) der Er- 
neuerung bedürfen: 

Dein vires vestras, quas antiquata vetustas 

Debilität, studio consolidabo meo. 
Nescio quis vel quid juncturam corrigiarum 

Discidit, at spero quod Senium nocuii 
Huic vestro morbo nostra pietate medebor, 

Nostro restituam munere corrigiam. 
Gera quidem vetus est, palearum fiisca favilla,^) 

Et turpat vestram cera vetus spedem. 
Idcirco minor est scribenti gratia vestra, 

Cum velut oflFensum reiciat grafium. 
Ergo pro nigra viridantem praeparo ceram, 
Quo placeat scribae gratia vestra magis. 
Vos, dominae bellae, vos, gloria nostra, tabellae, 
M unera pro magno suscipitote mea. 

') Das entspricht einem Recept, das Wachs schwarz zu förben, welches 
Rockinger mittheilt. 



Wachstafeln. 75 

und weiterhin: 

Non stilus obtusus sulcabit jugera vestra. 

Nee vos ejusdem pagina^) rodet edax. 
Sacculus aptetur, quem fecerit una dearum, 

Non Helenae dispar aut etiam Yeneri. 
Sic vos exterior casu tueatur ab omni, 

Yosque quiescatis interius positae. 

fiin anderes dedicht an seinen lahmen Schreiber, der die 
Verse auf Pergament übertrug (S. 29) lautet: 

Sic, Girarde mens, tibi sit pes unus et (ut?) alter. 

Quodque tibi cupio, carmina scribe mea. 
Camina carminibus nostris superapposuissem, 

Si superapposita susdperent tabulae. 
Implevi nostras, dum tu pigritare, tabeUas, 

Dum scriptum in cera lentus es excipere. 
Ut vero ceram vacues, opus exdpe nostrum, 

üt probus, a solita te excute pigritia. 

Des verwandten Inhalts wegen schUelse ich eine Stelle aus 
dem Idvre des mestiers (ed. Michelant, Paris 1875) s. XIV, B 
3b an: 

Encore voel jou employer noch wiUic besteden 

une somme d' argent . . . een somme van ghelde 

en verde chire et en rouge in groenen wasse ende in roden 

chire wasse 

et en jaune chire ende in gheluwen wasse 

de coi on emplit daer men mede vult 

les tables et les tabUaus dl taflen ende di tafelkine 

en quoi li en£EUit escrisent daer di kindren in scriven. 

In den Visionen der 1164 gestorbenen Elisabeth von 
Schoenau (ed. Roth I, 67) heilst es: Signum feci soraribus, ut 
allatis tctbellis verba ista scripta exciperent. 

Solch eine Schreibtafel legt auch Herr Heinrich von Vel- 
decke der Lavinia bei (Eneit 10452): 



*) Damit schemt das breite Ende des Griffels bezeichnet zu sein, das 
zum Tilgen diente. 



/f. 

I 

V 



76 Schreibstoffe. 

Ir tavelen sie nam 

und einen griffel von golde, 

dar an sie scriben wolde. 

Mit angesten plänete si daz waz 

und solde scriben Eneas 

dö ir ir müder urloub gab. 

So wird auch in Hartmann's Gregor (v. 547 flf.), als das 

Kind ausgesetzt werden soll, der Mutter ein tavd gebracht, 

diu vü guot hdfenhein was, und darauf, vermuthlich aber 

auf dem als selbstverständlich vorausgesetzten Wachsüberzug, 

schreibt sie: 

Do der brief was gereit, 

dö wart diu tavele geleit 

zuo im in daz kleine vaz. 

Beide Stellen verdanke ich Weinhold, welcher sie in seinem 
Buche über die deutschen Frauen, S. 93 (2. Aufl. 1882) unter 
den Belegen für die bei ihnen häufige Kunst des Schreibens 
anführt. Vgl. auch A. Schulz, Höf. Leben, 2. A. 1889, I, 160, 
Anm. 6. Lecoy de la Marche S. 336 bildet die carnets dHvaire 
ab, welche die Damen am Gürtel trugen. 

Von dem 1151 gestorbenen Abt Wignand von Theres sagt 
Ebo in dem Leben des Bischofs Otto von Bamberg (ü, 17. 
Jaff(^, Bibl. V, 643), dafs er von vielen Schwächen des Alters 
frei bUeb: non denique tremula manus per curvos cerae tramües 
errantem stüum ducebat, 

Dafs namenthch auch die Schulknaben sich solcher 
Tafeln bedienten, haben wir schon gesehen und können uns 
daher nicht wundem, wenn Gualterius sie anredet: 

Vos beatuli dipticae geruh! 
und: Ter pia condo pinacis bajula, *) 

was ebensowohl an Horazens (Senn. I, 6, 74): 

Laevo suspensi loculos tabulamque lacerto, ^ 

') Th. Wright, The Latin poems commonly attributed to Walter 
Mapes, p. 130. pincuc est tabula manucilia, ein Turnt taphel Diefenbach 
6I088. p. 213. Ebenso wird S. 227 pugiüar erklärt 

*) Schulknaben mit Tafeln im Yatican. Museum, Ghüleria de* Gande- 



Wachstafeln . 77 

wie an unsere Schulknaben mit ihren Schiefertafehi erinnert. 
Man hatte deshalb auch den Spruch:') 

Non debent parvi tabulis graphioque cai'ere. 

Und Carmina Burana S. 251 heifst es: 

Stilus nam et tabulae 

Sunt feriales epulae (d. h. alltäglich) 

Et Nasonis carmina 

Vel aUorum pagina. 

Es waren nicht immer gerade Wachstafeln, die Tafel, womit 
ein Schüler in Corbie den anderen erschlug (V. Ansk. c. 6) 
vermuthlich nicht; deutlich aber sind diese bezeichnet in den 
Versen des Bischofs Marbod von Rennes, *) wo ein Jüngling zu 
fleifsigen Uebungen ermahnt wird: 

Postquam dormieris, sit mos tuus, ut mediteris. 
Quae meditatus eris, tabulis dare ne pigriteris. 
Quae dederis cerae, cupio quandoque videre. 

Von Friedrich, dem Stifter und ersten Abt (1163 — 1175) 

des Klosters Mariengaai'de in Friesland, hören wir, dafs er den 

Schulmädchen stüos et tabulas personaliter deferre constievit.^) 

Eberhard von Bethune (um 1212) aber sagt in seinem 

Laborinthus lU, 292 von schlechten Schülern: 

Non placet his cerea (cera? gl. tabida) sed nummus, 

non Stylus, ymmo 
Talorum jactus. 
Im 4. Buch der Könige 21, 13 heifst es: Delebo Jerusalem, 
sicut dderi solent tabulae, et delens vertam et ditcam crebrius 
stylum super fadem ejus. Das ist im 12. Jahrhundert in Frank- 



labri n. 20. In Orvieto üand man einen etniskischen Griffel von vergoldeter 
Bronze, oben ein Schulknabe mit Griffel und Diptychon in den Händen, 
jetzt im Berl. Museum, Antiq. 7265. Abbildung in der Archftolog. Ztg. 
1877, Taf. II n. 4, u. S. 118 von G. Körte erläutert. Ein Knabe, der 
mit seinen niPoxiSeq zur Schule geht, unter den Terracotten aus Tanagra 
in Wien. 

1) Mone Anz. VII, 505 e cod. Yindob. 3356. 

*) Opera Hildeberti ed. Beaugendre p. 1623. Carmina Burana p. 73. 
X. ArchiT I, 181. 

') Wybrands, Gesta abbatum Orti S. Marie ^Leeuwarden 1879) S. 40. 



78 Schreibstoffe. 

reich übersetzt: la destruirai e abcUerai e aplanierai, si cume 
Vum sult planier tdbles de graife.^) 

So heifst es auch in dem französischen Boman von Floire 
et Blanceflor, welchen Ed^Iestand Du M^ril nebst mehreren 
ähnlichen Stellen anführt: 

Et quand a l'escole venoient, 
les tables d'yvoire prenoient: 
Adonc lor vöissiez escrire 
letres et vers d'amors en cire. 

Und im Orologe de la Mort, aus dem 14. Jahrhundert: 

Les uns apprennent a escripre 
des gre£fes en tables de cire, 
Les autres suivent la coustume 
de fourmer lettres a la plume, 
Et paignent dessus les p^ux 
et de moutons et de v^aux. 

Johannes Scutken gab nach dem Chron. Windesh. einem 
jungen Mönche, welcher ihm klagte, dafs er an Feiertagen sich 
nicht zu beschäftigen wisse, den Kath, quod haec verba: Miserere 
mei Dens, aut cUia his simüia scriheret in dictica, et statim 
complanando Herum ea delerety dicens: Domine deus meus, ad 
honorem tuum liaec fed, (Du Meril p. 507, Job. Busch Werke 
ed. Grube S. 197.) 

Dergleichen Schultafeln hat man in Lübeck gefunden, wo 
beim Ausräumen einer alten zur Jacobischule gehörigen Kloake 
Wachsschreibtafeln mit Schülerschriften des 15. Jahrhunderts, 
Schreibstifte, Tintenfässer, Messer, Dammsteine (zum Rechnen?), 
Strafliölzer zum in die Hand klappen an den Tag kamen. •) 
Noch erkennt man die oft wiederholte Vorschrift: 

Principium lauda, si consequitur bona cauda. 

Wenn nun hier, wie es scheint, die Wachstafeln im 15. Jahr- 
hundert abgeschafit wurden, so finden wir sie dagegen noch 



^) Livres des Rois p. 421 nach freundl. Mittheilung von Prof. Tobler, 
dem ich die meisten altfranz. Stücke verdanke. 

') Zeitschrift des Vereins für Lüb. Gesch. II, 556, vgl. Anzeiger d. 
Germ. Mus. 1866 Sp. 388. Genauere Beschreibung Zeitschr. III, 8. 



Wachstafeln. 79 

gebraucht in der Reformation der 4 lateinischen Schulen zu 
Nürnberg vom Jahr 1485, in folgender Vorschrift:^) Und so 
dann etüick derselben knaben bafs geschickter unnd lenger gein 
schid ganngen sind, sollen sie angehalten werden, das ir ieder 
alle morgen vnnd auch nachmittag ein frische schrifl seiner 
hannd von buchstahen oder von ettlichen wortten teutsch vnnd 
lateinisch in wachs oder auf papir seinem locaten eaig vnnd 
weifse, die dann derselb locat cancellircn^) oder vnderstreichen 
vnnd die knaben zu formierung gutter buchstahen vnd Schriften 
atdeyten soll. 

Zu diesem Gebrauche stimmt es nun vollkommen, wenn 
wir in dem Hortus deliciarum der Herrad von Landsberg, die 
von 1167 bis 1195 Aebtissin zu Hohenburg ün Elsafs war (her- 
ausgegeben von Engelhardt 1818) auf Tafel 8 die Grammatica 
dargestellt sehen, die in der einen Hand die Buthe (seopoe) 
hat, in der andern ein geschlossenes Buch; neben ihr aber die 
Bethorica, welche die schon weiter vorgeschrittenen Schüler 
empfängt, in der rechten Hand den stüus, in der Unken die 
geöffnete tabula hält, welche ganz die Gestalt der alten Di- 
ptydia hat Die auf derselben Tafel dargestellten Philosophen 
und Poeten schreiben an Pulten mit der Feder aus dem Tinten- 
hom, welches auf dem Pult befestigt ist; einige sind beschäftigt, 
ihre Federn zu schneiden. 

Von ähnUcher Gestalt sind auch die Wachstafeln, auf 
welchen in den von v. d. Hagen herausgegebenen Handschriften- 
gemälden die Dichter schreiben.^) Auf einem Elfeubeinrelief 
aus Halberstadt, das ins 10. Jahrhundert gesetzt wird, dictiert 
Johannes Ev., vor dem ein Kasten mit Rollen steht, einem 
Knaben, der mit riesigem, oben breitem Griffel schreibt.*) 



^^ Heerwagen : Ziu* Geschichte der Nürnberger Gelehrtenschulen 
S. 6 in einem Progamm von 18(>3. 

*. canceUarBy boefs schrift dftrchstrychen oder vertilgen. Genuna 
gemmamm. 

*) Minnesinger, Atlas, Tafel 14, der von Gliers, vgl. lY, 113; 
Taf. 41 ein Jüngling vor Herrn Reinmar von Zweter; 42 Gotfr. von Strafs- 
borg. Auch in der Weingartner Liederhs. ed. Fr. Pfeiffer n. F. Fellner 
1843 (Stuttg. Lit Verein V) saec. XIV ine. p. 89 H. von Morungen. 

*) Mittheilungen der Centralcommission XV zu S. XXIIi. 



^0 Schreibstoffe . 

Wohl die merkwürdigsten und wichtigsten, noch im Ori- 
ginal erhaltenen Wachstafeln aus dem Mittelalter sind die 
Rechnungen der französischen Könige Ludwigs IX (von 1256 
und 1257) und Philipps HI und IV (von 1282 bis 1286 und 
1301 bis 1308), welche sich in Paris, Genf und Florenz erhalten 
haben, häufig erwähnt, aber erst kürzlich von N. de Wailly 
und L. Delisle herausgegeben sind, im 21. und 22. Bande des 
Recueil des Historiens des Gaules (1855 und 1865). Den Ta- 
feln Ludwigs IX (Vol. 21, 284 bis 392) ist auch ein vorzügliches 
Facsimile von Gustave Barry beigegeben, durch welches das 
ältere der Benedictiner (Nouveau Tr. I zu S. 468) von den 
Tafeln von Saint-Germain aus dem Jahre 1307 übertroffen ist.*) 
Von dem Rechnungsbuch der CSstercienser Abtei Preuilli d. 
Senon. von 1302 und 1314, welches Lebeuf kannte, hat eine 
Tafel sich wiedergefunden.*) Auch im Nachlafs der Genuesen 
in Palermo fand man 1377 tabolettas pro scribendo,^) 

Von den Wachstafeln wurden die Rechnungen, übersichtlich 
geordnet, auf Pergament übertragen und die Tafeln nur aus- 
nahmsweise als Beläge aufbewahrt Du M^ril hat dieselbe Art 
der Buchführung in England nachgewiesen durch eine Stelle 
des Boke of Curtasye: 

At counting stuarde schalle ben, 

tylle alle be brevet of wax so grene 

wrytten into bokes, without let, 

that before in tabuls hase ben sett 
Und 9-U8 Chaucer's Canterbury tales: 

'. • His felaw had a staf tipped with honi. 

a pair of tablea all <rf irory, 

and a pointel ypoUshed fetisly. 

^) Auch im Mus^e des Archives S. 140 u. bei Lecoy de la Marche 
S. 17 ist eine Abbildung. Jos. Klein verweist auf die analoge Sitte im 
Alterthum, wo die Rechnungen vom Bau des Erechtheum im Concept auf 
Wachstafeln (? oavlöeq), in Abschrift auf Papyrus geschrieben und endlich 
in Marmor eingehauen wurden, nach Rangab^, Antiqu. hell. I, S. 52 u. 80. 

*) Bulletin de la Soci^t^ des Antiquaires de France 1876, S. 118 bis 
123 mit schönem Facsimile. 

') G. Cosentino: Uso delle tavolette cerate in Sicilia nel sec. XIY. 
^C. Paoli, Progr. scol. II, 27\ 



Wachstafeln. 81 

Man sieht daraus recht deutlich, dafs die öfter erwähnten 
Tafeln von Elfenbein auch mit Wachs überzogen waren, weil 
man sonst darauf nicht mit einem Griffel hätte schreiben können. 

Das Ueberschreiben von Wachstafeln in ein Buch ist nach 
der Tapisserie von Nancy (herausgegeben von Jubinal) aus dem 
15. Jahrhundert abgebildet von Th. Wright: A history of 
dcmestic manners and sentiments in England (1862) S. 439. 

Wenden wir uns nun wieder dem htterarischen Gebrauch 
der Wachstafeln zu, so finden wir in der Biographie des Joh. 
Ruysbroek (f 1381) die Angabe, dafs er in der Waldeinsamkeit 
zu Wachs brachte, was ihm der h. Geist eingab: in tabula 
cerea scripto commendans, secum solebat ad monasterium re- 
diens apportare. *) Thomas a Campis Vita Florentii c. 23 er- 
zählt, dafs die zahlreichen Schüler, welche der B.uf des Morentius 
(f 1400) nach Deventer zog, die Worte des Meisters darauf 
verzeichneten, um sie entfernten Freunden zu senden. Weit 
merkwürdiger aber ist die Nachricht, welche in einer Hand- 
schrift der Bibhothek zu Siena steht; diese enthält nämlich 
die Predigten, welche der h. Bemardin dort im Jahre 1427 
am frühen Morgen gehalten hat und die sämmtUch von einem 
frommen Tuchscherer auf Wachstafeln nachgeschrieben sind: 
detto Benedetto cimatore stando alla predicha inscriveva in 
cera con lo stüo, e detta la predica, tornava alla sua bottega, 
ed iscriveva in foglio, per modo che il giomo medesimo, in- 
nansi che si ponesse al lavarare, aveva inscripta due volte la 
predica .... non lassando una minima parolueea che in quel 
tempo usci da quella sancta boccha. Est ist schwer zu begreifen, 
wie man so viel und so rasch auf dem Wachs schreiben konnte, 
doch mufs es wohl mögUch gewesen sein. ') Jene Stelle ist 
angeführt von Tabarrini im Archivio Storico, Append. III, 
521 — 532, wo er die zu Florenz gefundenen Tafeln beschreibt. 
Dort liefs nändich Camillo Majorfi sein Haus di Porta Rossa 

') Foppens Bibl. Belg. II, 721 aus Henr. a Pomerio. Dazu die 
schöne Miniatur, welche S. 6. de Yries in der Zeitschrift Oud Holland 
1894, 1. Heft, mitgetheilt hat (HetGebruik vanWastafeltjes in deNederlanden). 

*) Bei Capistran schrieb ein Zuhörer in membrano nach, Ghron. 
Windeab. n, 36 p. 341 ed. Grube. 

WAttenbach, ScfariftwescB. 3. Aufl. 6 



82 ächreibstoffe. 

ausbessern, zu welchem auch ein alter Thurm gehörte, und in 
einer Oefhung an der Aufsenwand dieses Thurmes, jetzt ganz 
unzugängUch, fisind man die Tafeln; yermuthUch hatte in alter 
Zeit eine hölzerne Galerie dorthin gefülirt, und der Besitzer 
mag im Kampfe gefallen sein, ehe er seinen Schatz wieder 
heben konnte. Die Tafeln sind aus Buchenholz verfertigt und 
mit schwärzUcher Wachsmasse überzogen; der untere Deckel 
fehlt, der obere ist dicker und mit einer Oefihung für den 
Griffel versehen. Fünf Tafeln sind auf beiden Seiten beschrieben; 
schmale Oefihungen zeigen, dals sie durch Pergamentbänder 
zusammen gehalten wurden. Die Schrift ist den Langseiten 
parallel und enthält Rechnungen eines Kaufinanns vom Ende 
des 13. oder Anfang des 14. Jahrhunderts.*) 

Andere Tafeln hat man in einem Tor&noor in Irland 
geftmden; sie gehören zu den Adversarien, deren Gebrauch wir 
so häufig erwähnt fanden, und enthalten grammatische Kegeln 
und allerhand verschiedenes Gekritzel in angelsächsischer Schrift 
des 14. oder 15. Jahrhunderts, abgebildet in den Transactions 
of the Royal Irish Academy, Vol. XXI. von Todd, mit einer 
Abhandlung, die wesentlich in einem Auszug aus der Unter- 
suchung von Lebeuf besteht 

In dem livre des m^tiers d'Etienne de Boileau (Beglemens 
sur les arts et les mäiers de Paris ridiges au 13. siede, ed. 
Depping 1837) bilden die tdbletiers ein mutier; S. 171: De 
ceus qui fönt tables ä escrire ä Paris. Sie arbeiten vorzüglich 
in Buchsbaum und dürfen geringeres Material nicht nehmen. 
Verzierungen sind von Hom, Elfenbein u. a. Das Wachs darf 
nicht mit Talg gemischt werden, S, 173: Ne nus tabletier ne 
puet metre suif avec dre. In der Steuerrolle von 1292 (ed. 
H. Gäraud p. 538) sind 21 tabletiers. 

Ambrogio Traversari schreibt um 1430 an Francesco Barbaro 
nach Venedig, dafs sein Bruder täbellas buxeas quales fiunt apud 
vos venustissimas cum stylo wünsche; er selbst verlangt 1432 
Nachsendung seiner tabdlae huxeac. Epp. ed. Mehus p. 300. 534. 



*) Sie befinden sich jetzt im Archivio centrale, b. C. Paoli, Progr. 
Bcol. II, 26. 



WachBtafeln. 83 

Mit dergleichen Tafeln betrieb Ott Ruland ein schwung- 
haftes Greschäil, da er 1466 in sein Handlungsbuch eintrug: 
liem Jan Fleming des Oothirca gesd von Basel, belibt mir 
schuldig umb schribdafd 130 gülden,^) Man hat sie auch im 
Mittelalter mit kostbarem Schnitzwerk aus Elfenbein verziert, 
wovon Du Meril p. 113 mehrere Beispiele anfuhrt; Mus^e de 
Cluny n. 430 ist eine EKenbeinplatte, welche die Krippe und 
die Hirten mit dem Stern darstellt, auf der Rückseite aber für 
Wachs eingerichtet ist Sie wird dem 15. Jahrhundert zu- 
geschrieben. Andere Darstellungen sind ganz weltlicher Art, 
and ebenso der 6n£fel von Elfenbein n. 408, auf dessen dickem 
Ehide ein Bitter mit einem Falken und eine Dame mit einem 
Hündchen stehen, auf einer Art von Kapitell, welches zum 
Glätten des Wachses gedient haben mag. ') Elfenbeintafeln mit 
Wachs im Louvre s. bei Lecoy de la Marche S. 137. 

Um 1500 scheint diese Verwendung der Wachstafeln auf- 
gehört zu haben, keineswegs aber ihr Gebrauch zu anderen 
Zwecken. 

Seit alter Zeit war es herkömmlich und noth wendig, in 
den Kirchen und Klöstern die wechselnden Officien auf einer 
Tafel zu verzeichnen; sehr oft werden solche iaibulae erwähnt, 
doch ohne Angabe des Materials. Du Mdril aber führt S. 108 
eine Stelle aus dem Ordinarium des Priorats von Saint-Lo zu 
Bou^i (um 1250) an: Qui ad missam lediones vd tradus die- 
turi sunif in tabula cerea scripti primitus recüentur. Dafs 
diese Sitte weit verbreitet war, und dafs sie sich lange erhalten 
hat, zeigen die täbuiae officiorum aus einem Nonnenkloster in 
der fürstlich Hohenzollerschen Sammlung zu Sigmaringen, wo- 
Ton ich im Anzeiger des Germanischen Museums 1867 Sp. 239 
Nachricht gegeben habe. Die Schrift scheint dem 17. Jahr- 
hundert anzugehören. In Bouen waren die tablettes de choeur 
nach Laianne, Curiosites bibliogr. p. 18, bis 1722 im Gebrauch.') 

>} Ott Raland's Handlungsbuch ed. Fr. Pfeiffer (i. Publication des 
Lit Vereins 1843) p. 1. 

<) Vgl. A. Schultz, Höf. Leben, 2. Aufl. 1, 161, 2 Griffel aus P. Lacroiz, 
Moenrs et usages, Fig. bi. 

') Aus Kastanienholz, nicht mit Wachs überzogen, ist die alte Turnus- 

6* 



84 SchreibBtoffe. 

Ungemein häufig dienten die Wachstafeln, wie schon er- 
wähnt, seit den Kömerzeiten zu Rechnungen . vorzüglich auch 
zu Zinsregistern, zu denen sich Vermerke über geleistete 
Zahlung leicht beifügen Uefsen; femer zu vorläufiger Aufzeich- 
nung gerichtlicher Vorgänge. 

Ein ReUef aus Trajans Zeit, welches auf dem römischen 
Forum gefunden ist und die Verbrennung erlassener Steuertafeln 
darstellt, ') zeigt sie ims in derselben Form, in welcher man sie 
viel in städtischen Archiven und in Sammlungen findet, alle 
mit Eintragungen aus dem 14. und 15. Jahrhundert, in welchem 
sie durch das allgemeiner und billiger werdende Papier ver- 
drängt wurden. Man liefs sie dann unbeachtet hegen, bis sie 
später wieder als Merkwürdigkeit die Aufmerksamkeit erregten. 
Die Pariser Bibliothek besitzt nach Du Märil an 50 solcher 
Tafeln, von denen zwei deutscher Herkunft (Suppl. lat 1390) 
der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts angehören sollen. 

Französische aus Senlis, ein nach 1325 geschriebenes 
Verzeichnifs von Pachtzinsen, sind abgebildet im Mus^e des 
Arch. Dep. n. 107 pl. XLIV. Ueber andere saec. XTV. aus 
Beauvais, s. Dehsle, Mel. S. 490. 

Wirthschaftsrechnungen der Bottenburger Trunk- und 
Zechstube waren 1828 noch vorhanden, s. Strauch, Die Pfalz- 
gräfin MechtUd (1883) S. 67. 

In den Hamburger Kämmereirechnungen (herausgegeben 
von Koppmann) ist I, 72 zum J. 1360 verzeichnet: 13 sol. pro 
duohus foliis ad scribendum; 1363 p. 88: ^ sol. pro foliis 
Ugneis; 1372 p. 164: 7 sol, 3 d. pro foliis dtwbus cum nova 
cera reformandis.^) In den Abrechnungen erscheinen regel- 
mäfsig neben dem haaren Gelde {paratis denariis) die debüa 
et exposita in foliis. 



tafel in Chur, welche Rahn, Gesch. d. bild. Künste in der Schweiz I, 277 
beschrieben hat. 

') Monumenti inediti IX (1872) t. 48. Im Jenenser Cod. Ott Fris. 
ist Cäsars Ennordung so dargestellt, dals die Verschworenen in der Rechten 
Griffel, in der Linken riesige, oben abgerundete Wachstafeln halten. 

*) Aus baier. Klöstern giebt Rockinger, Zum baier. Schrütwesen, 
S. 9 einige solche Ausgabeposten aus dem 15. Jahrhundert. 



Wachstafeln. 86 

Wachstafeln aus Nordhausen von 1358 hat 0. y. Heine- 
mann in der Zeitschiifb des Harzvereins 1874 S. 59 — 85 be- 
schrieben; merkwürdig ist darin S. 61 die Stelle aus einer 
Chronik, wo die Tafeln als gerichtlicher Beweis geleisteter 
Zahlung vorkommen. Andere aus Goslar, als Protokollbuch 
bezeichnet, wollte man einst ins 11. Jahrhundert setzen, wäh- 
rend sie firühestens dem 14. Jahrhimdert augehören. ^) 

Die Wachstafeln in Jauer hat Th. lindner in der 
Zeitschrift des Vereins fiir Geschichte und Alterthum 
Schlesiens IX, 95 — 100 beschrieben; sie enthalten Signaturen 
ans dem Jahre 1374, zum Theil Yervestungen mit der Formel: 
darumb derselbe Hanns mit rechten ist in dy echt und toffd 
geteilt. Im Jahr 1381 wurde das papierene Signaturbuch an- 
gelegt 

Derselben Zeit (um 1381) gehört ein Eladdenbuch des 
Leipziger Stadtrathes an, von buntgemischtem Inhalt, dessen 
Wachstafeln sich theils in Leipzig, theils in Schulpforta er- 
halten haben, und von Professor W. Corssen in den Neuen 
Mittheilungen des thür. sächs. Vereins (1864) X, 145 — 204 
beschrieben sind. In Weimar ist nach Hesse S. 377 ein aus 
10 Wachstafeln bestehender Codex, welcher ein summarisches 
Begister über die Einnahme des Stadtraths zu Leipzig enthält, 
vom Jahre 1420, in Dresden (ib. p. 359) Leipziger Steuer- 
register auf Wachs von 1426; in Wittenberg 10 Tafeln vom 
Jahr 1428, welche beim Bathe zu Leipzig zu einem ßegister 
fiir Grerichtskosten gedient haben. 

Im Stadtarchiv zu Delitzsch haben sich die Wachstafeln 
erhalten, welche der Pfarrer Hermann Westfal 1409 — 1435 zu 
seinen Aufzeichnungen benutzte.*) 



M Photogr. in 0. v. Heinemann's Wolfenb. Gatal. III, 162. Vgl. auch 
Bodemann, Fragment eines Gosl. Gensualenverz. v. 1381. Zts. d. bist Y. 
f. NiederBachen 1879 S. 346 ff. 0. v. Heinemann, Goslarer WachBtafeln 
1341 — 1361, Zeitschr. d. Harzvereins Xn, 72—77. Es sind Ausgaben, Ur- 
fehden, Verrestongen etc. — K. Ullrich, Die Wachstafeln der Kaufmanns- 
innung in Hannoyer, Zts. d. bist Y. f. Nieders. 1887. 

•) Beschr. u. her. t. H. Ermiscb, Neue Mitth. XIX ^1895) S. 203—225. 



86 Schreibstoife. 

In Liegüitz verbrannten am 25. Mai 1338 der stad re- 
gister, qwxtemen und taffein, dorinne ire geschosse tmd sdhulde 
woren beschreben, und nach dem Brande sind abir dy ge- 
sehossere in tafiln geschrebin gewest noch der aUen weisse, also 
das man umbe xiiij iar donoch keyn reckt register gehaben mag. 
Die noch vorhandenen gehören erst den neunziger Jahren des 

14. Jahrhunderts an und sind nur Kladden , welche später in 
Bücher übergeschrieben wurden. ^) Ein Stück davon, vom Jahr 
1396, scheint ins Kloster zu Sagan entkommen und von da nax^h 
Breslau gelangt zu sein.*) 

Zwei Beedebücher der Stadt Umstadt, das ältere (2 Tafeln) 
1389 abgeschlossen, in Darmstadt, erwähnt Walther, Beitiüge 
zur Kenntnifs der Hofbibliothek I, 65, doch sind sie nach Both 
in den Hess. Quartalbl. 1876, 11, 88—92 erst vom Ende des 

15. Jahrhunderts. 

Von Erfurter Ausgaberegistem auf Wachs von 1424 bis 
1426 giebt Hesse, Neue Mitth. X, 360—366 Nachricht Andere, 
wie es scheint dazu gehörige, im Cölner städt Museum, s. Anz. 
d. Germ. Mus. 23, 279. 

Wachstafeln auf der Berliner BibUothek enthalten Rech- 
nungen des Stadtraths zu Brandenburg vom Jahre 1428. Sie 
enthalten, wie sehr häufig, Namen, bei denen dann die geleisteten 
Zahlungen vermerkt wurden, u. a. m. (N. Archiv VII, 245). 
üeber andere aus Lauenburg in Hinterpommem , jetzt in 
Kopenhagen s. ib. S. 298. üeber Königsberger aus dem 
15. Jahrhundert s. Perlbach, Quellenbeiträge (1878) S. VI 
(N. Arch. Vn, 238). Buchwald, Zts. £ d. Westpr. Gesch. 
V. 1881. 

Neun Tafeln von 1316 — 1326 aus Dortmund mit Aus- 
gaben u. a. 8. im Dortm. ürkundenbuch von Rubel. 

Begensburger Wachstafeln aus derselben Zeit imNational- 
museum zu München sind vorzüglich gut erhalten, das Wachs 
noch weich. 

Auf den in Arnstadt noch vorhandenen Tafeln ist das 

^) Schirrmacher, ürkundenbuch der Stadt Liegnitz (1866) p. VII. IX. 
•) Pertz' Archiv XI, 706. 



Wachstafeln. 87 

von den Bürgern 1457 entrichtete üngeld nach den Stadt- 
vierteki verzeichnet, wie Hesse in Arnstadts Vorzeit und Gegen- 
wart (Arnstadt 1843) S. 121 — 124, und im Serapeum XXI, 
357 — 359 berichtet Tafehi aus Götweih mit Bechnungen 
saec. XV. sind im Oesterr. Museum; über die in St Gallen 
s. den Anz. d. Germ. Mus. XX, 79. 

In Strafsburg ist „derselben Wachstafeln Gebrauch in 
Beschreibung der gemeinen Stadt Einkommens und Aufsgaben 
oder Pfennigthurms-Bechnungen noch bifs anno 1500 in Hebung 
verblieben, wie solche Wachstafel -Rechnungen noch auff dem 
Pfennigthurme uffgehoben, und jährlich nebenst andern raren 
Antiquitäten uff Job. Baptiste öffentlich gezeigt zu werden 
pflegen.'^ *) 

Die Beispiele noch weiter zu häufen ist überflüssig; be- 
sondere Erwähnung aber verdient das Giltbüchlein der Burg 
zu Nürnberg und der dazu gehörigen Besitzungen, aus dem 
Ende des 14. Jahrhunderts, wegen seiner eigenthümUchen 
Einrichtung. Es besteht nämhch aus 11 Tafeln, deren Vorder- 
seite quergetheilt und mit Wachs versehen ist, die Rückseite 
aber ist mit Pergament überzogen. Hier finden sich die Namen 
der Dörfer und Personen, auch mit der Feder gezeichnete An- 
sichten der Orte, und daneben auf dem Wachs die Bemerkungen 
des burggräflichen Kastners.') Ganz ähnUcher Art, aus der 
Zeit um 1354, ist das Wachstafelbuch der Canonie Polling, 
früher im Besitz des Dr. J. Sighard, jetzt im Nationalmuseum 
zu München, welches auf 11 oben abgerundeten senkrecht ge- 
theilten Tafeln, links auf Pergament die Grundholden und Gilten 
des Klosters in Tirol, rechts auf Wachs Bemerkungen dazu 
enthält; etwas jüngere derselben Art sind im Reichsarchiv. Ein- 
fache Pollinger Wachstafeln mit Rechnungen von 1431—1442 
sind auf der Münchener Bibliothek und von Schmeller be- 
schrieben.') Die eben erwähnte Einrichtung aber finden wir 



V Schilter in den Anmerkungen zu seiner Ausgabe von Jacobs 
T. KOnigshofen Chronik (1698) S. 441. 

') Baader im Anzeiger des Germ. Mus. XII, 101. Es ist jetzt im 
Reicfasarchiv. 

*» S. Dr. J. Sighard, Ein Wachstafelbuch aus dem Kloster Polling, 



gg Schreibstoffe. 

auch in den Wachstafeln des Klosters Unterlinden im Archiv 
zu Cfolmar. *) 

Während nun die neuere Zeit an den meisten Orten das 
Wachs durch das Papier verdrängte, erhielt der Gebrauch des- 
selben sich bei einigen Salzwerken, wo auch andere alter- 
thümliche Sitten hafteten. Zu Halle an der Saale bestand 
die sogenannte Lehntafel aus Wachstafeln, d. h. das Grundbuch 
für die Antheile an den Salzbomen, welches in di-ei verschie- 
denen Exemplaren, die unter verschiedenem Yerschlufs lagen, 
gleichzeitig gefuhrt wurde und dadurch gegen Fälschung ge- 
sichert war. Wir haben genaue Nachrichten darüber von Job. 
Christoph V. Dreyhaupt und von Job. Peter v. Ludewig, der 
k. Commissarius bei der Lehntafel war und sie zu seiner Vita 
Justiniani p. 185 hat abbilden lassen. Ich habe in den neuen 
Mittheilungen des Thür.-Sächs. Vereins XI, 444 — 460 einen 
Au&atz darüber und Auszüge mitgetheilt Dreyhaupt hat uns 
sogar (Beschreibung des Saalkreises S. 105) das Recept über- 
liefert, welches 1681 bei der Erneuerung angewandt und ver- 
muthlich von Alters her überUefert war. Denn einfaches Wachs 
läist sich in solcher Weise nicht verwenden.^) Die Masse muis 
etwas weicher sein; auf fast allen alten Exemplaren ist sie 
hart und spröde geworden, bröckelt auch deswegen leicht ab. 
Dagegen ist sie in einem der jüngeren Hallischen Exemplare 
eher zu weich gebUeben und haftet nicht recht an der Unter- 
lage; es verlangte eben auch die Verfertigung der Wachstafeln 
ihre eigene WissenschafL Glattes Holz, wie bei den PoUinger 
Tafeln im Reichsarchiv, ist unzweckmäfsig, und Blech, welches 
man in Halle einmal versuchte, hat sich gar nicht bewährt 

Fortgedauert hat in Halle der Gebrauch bis zum Jahr 
1783, wo er durch königUche Verordnung aufgehoben wurde; 
länger erhielt sich eine ähnUche Sitte in Schwäbisch Hall, 

in den Abhandlungen der k. bayer. Akad. (1866) IX, 343—356. Rockinger, 
Zum baier. Schriftwesen S. 8 u. 9. 

>) Revue d'Alsace 1872 S. 574. 

*) Pollux Onomast. VIII c. 58 sagt: b 6h ivmv rj mvaxlöi xtjQbg 7 
ßaX^ fj fjuxXd^a, Er fuhrt Stellen an, giebt aber keine Auskunft Über die 
Beschaffenheit. 



Thon und Holz. 89 

bis auch hier der nüchterne moderne Staat der Sache ein 
finde machte, ab er 1812 an die Stelle der Privatsieder trat. 
Die hier gebräuchUchen und schon 1768 von Hanfselmann be- 
schriebenen Tafeln hatten aber eine andere Bestimmung: sie 
enthalten die Namen der Sieder und wurden gebraucht, wenn 
das Flofs- oder Haalholz auf dem Kocher ankam und nach 
seinen Marken den Eigenthümem zugetheilt wurde, um bei den 
Namen derselben die erhaltene Quantität zu vermerken. Das 
doppelte Exemplar diente wohl auch hier zur Controle; eines 
davon gehört jetzt dem fiilnkischen Alterthumsverein in Schwä- 
bisch Hall^ das andere sammt dem Markenbuch dem Herrn 
Pro£ Zahn in Graz, s. Anz. d. Germ. Mus. XIII, 95. XIV, 70. 
Homeyer, Haus- und Hofinarken S. 263. 

Endlich aber hat sich, wie Edelestand Du Meril S. 113 
mittheilt, auf dem Fischmarkt von Ronen noch zu seiner Zeit 
(1860) die Sitte erhalten, dafs die übrig gebliebenen Fische am 
Schlüsse versteigert werden und das Ergebnifs auf Wachstafeln 
eingetragen, deren Abbildung er mittheilt 

3. Thon und Holz. 

Auf Thonscherben hat man im Alterthum dann und 
wann mit Tinte oder Farbe geschrieben; der Ostrakismus der 
Athener zeugt davon, aber nur das trockene ägyptische Klima 
hat dergleichen Schrift bis auf unsere Zeit bringen können. 
Da hat man solche Scherben viel gefunden: ägyptische mit 
Schulaufgaben in hieroglyphischer Schrift, die dictiert sind,*) 
andere mit griechischer und koptischer Schrift. Diese sind 
paläographisch nicht unwichtig. Meistens enthalten sie Quit- 
tungen , zuweilen auch Briefe, s. Corpus Inscriptionum Grae- 
carum m, 408-— 416. 497 — 504; Young's Hieroglyphics tab. 
53 — 55; Leemans, Mon. egypt de Leide (1846 — 49) pl. 233 
n, 239. 240;*) Pal. Society u.a. Auch Verse aus Euripides u. a. 
kommen nach U. Wilcken vor. Auf einer solchen Scherbe 



*) Lauth in den Sitzungsberichten d. Münch. Akad. 1872 S. 86. 
*) Froehner, Ostraca in^dits du Louvre, Revue Arch. 1865 I, 422 bis 
437, mit Berücksichtigung anderer, ist ohne Fortsetzung geblieben. 



90 Schreibstoffe. 

finden sich 8 Zeilen in höchst barbarischem Griechisch, welche 
nach der Erwähnung der Wunder Christi in eine Anrufung 
übergehen, vermuthlich ein Amulet; s. Egger, Memoires d'his- 
toire ancienne p. 428, und Obserrations sur quelques fragments 
de poterie antique provenant d'^gypte, M^m. de TAcadSmie 
des Inscriptions XXI, 1, 377—408 mit Facsimile.*) 

Allenfalls kann man auch die Wände zum Schreibmaterial 
rechnen, weil die in Pompeji und in den römischen Katakomben 
angemalten und eingeritzten Aufschriften ein paläographisch 
merkwürdiges Material hefem, welches sich von den eigentlichen 
Inschriften bedeutend unterscheidet 

Backsteine hat man bekanntlich seit uralter Zeit in der 
Weise zum Schreiben benutzt, dafs in den noch weichen Thon 
Schriftzüge eingedrückt wurden, welche durch Brennen Festig- 
keit erhielten. Bei Babyloniem und Assyriern war diese Me- 
thode im ausgedehntesten Gebrauch. ') Aber auch griechische 
Ziegelfragmente für Schulen zur üebung im Buchstabieren be- 
sitzt die archäologische Gesellschaft in Athen, ^) und Ton den 
Bömem haben wir viel dergleichen Backsteine mit Inschriften, 
nicht nur Steine mit eingedrückten Fabrikstempeln, die sehr 
zahlreich sind, und Cursivbemerkungen der Arbeiter, sondern 
bei Steinamanger, dem alten Sabaria, und bei Nymwegen*) sind 
auch Backsteine mit Alphabeten gefunden, und an ersterem 
Orte ein zweiter mit den Versen: 

Senem severum semper esse condecet 
Bene debet esse pouero qui discet bene. 

^) Vgl. auch Leemans: Over eene PoUcherf met Orieksehen Tekst in 
het Museum van Oudheden te Leiden, in: Veralagen en Mededeelingen 
der k. Akad. van Wetenschappen, Äfdeeling Letterhunde (Amst 1866) 
X, 207—223. 

*) Ich erinnere nur an die in Aegypten gefundenen Briefe und Be- 
richte in Keilschrift, jetzt im Berl. Museum. 

•) Archäol. Anz. 1863 S. 92* nach Pervan Oglu im ^lUarmg IV, 527. 

*) S. Jannssen: Beschreibung eines röm. Ziegels mit zwiefachem lat. 
Alphabet, Leiden 1841, und: Over ttoee romeinsche Opschriften in Owr- 
sief Schrift, op tegds uit Holdeurnt ander Oroesbeek, in: Versteigen en 
Mededeelingen IX, 13—22. Femer ib. XII (1866) 152->1&5. Die früheren 
berücksichtigt bei Brambach, Corpus Inscr. Rhen. p. 27. 28. 



Thon und Holz. 91 

Es kann wohl keine Frage sein, dais diese Steine zu Vor- 
lagen beim Schreibuntenicht bestimmt waren, und da ist es 
sehr merkwürdig, dafs die Alphabete zwar eine ziemlich reine 
Gapitalschrift zeigen, die Verse aber genau mit der Schrift der 
Wachstafeln übereinstimmen, und also auch diese Schrift, ent- 
artet wie sie war, in den Schulen gelehrt wurde. ^) 

Andere Fragmente zeigen geringere Schriftreste in den- 
selben Buchstabenformen.'). 

Auch der in den Buinen von Itahca bei Sevilla geftmdene 
Backstein mit dem Anfang der Aeneide in jüngerer Lapidar- 
schrift (Corpus Inscr. 11 n. 4967, 31) scheint zur Vorschrift 
bestimmt gewesen zu sein. 

Aus sehr alten etruskischen G-räbem hat man Tafeln von 
gebranntem schwärzlichen Thon mit kurzen dicken Stiften von 
Mergel y die weifsen Strich geben; von Heibig als Schultafeln 
erkannt. 

So haben wir also schon dreierlei Material zum Schul- 
gebrauch kennen gelernt, denn auch einfache Holztafeln, mit 
Tinte beschrieben, dienten, wie wir schon S. 57 sahen, zu dem- 
selben Zweck. 

Merkwürdig ist die jetzt in Wien befindUche Hälfte einer 
auf beiden Seiten mit Tinte beschriebenen starken Holztafel; 
auf der einen Seite Stücke aus der Hekale des Callimachus, 
auf der anderen aus Euripides Phoenissen. Die Schrift, ins 

4. Jahrhundert p. CL gesetzt^ ist flüchtig und schwer zu lesen. 
Augenscheinlich war die Tafel zum Aufhängen in der Schule 
bestimmt und diente als Text zu Uebungen. ') 

Auch hat man ein weifsbemaltes Brett geftmden, worauf 

*) Job. Paar: Ueber zwei römische Ziegeldenkmäier aus Stein- 
UDinger in Ungarn, Sitzungsberichte der Wiener Akademie XIY (1855) 

5. 133 — 141. Corpus Inscr. Latt m, 962 (24 Ugulae stilo scripiae). 

*) Ameth im Jahrbuch der Centralcommission I, aus Laureacum, bei 
Paar wiederholt, und Janssen, Musei Lugd. Batavi Inscriptiones p. 167. 
Tab. 33. Vgl. auch Zangemeister: Di una rara tegola eon iiMcrigume 
graffita^ rmcen^Ua presso S, Angdo m Formia. Not de' Scavi, Aug, 1894 
;Tom J. 228 p. C). 

*) Pkipyrus Erz. Rainer VI. Aus der Hekale des EaUimachos, von 
TL. (iomperz, Wien 1893, mit Facsimile. 



92 Schreibstoffe. 

mit Tinte H. EU, 273 — 285 geschrieben ist, die Worte getrennt, 
die Silben durch Accente bezeichnet, offenbar zum Unterricht ^) 

Bücher, die aus dünnen Tafeln von Idndenholz (wenn nicht 
aus Bast) bestanden, tpiXiga, tptXvQiov benannt, werden öfter 
erwähnt ^) Jede ägyptische Mumie hatte ihr Täfelchen, raßXa, 
auf dem ihr Name stand. ^) Froehner hat ein Täfelchen aus 
Sykomorenholz beschrieben, auf welchem von vier griechischen 
Klageversen noch der letzte Pentameter lesbar ist^) Und in 
Aegypten hat sich neben den schon früher erwähnten Wachs- 
tafeln mit Schülerschriften auch eine gröfsere Tafeln aus hartem 
Holz gefunden, sorgfältig geglättet, 12 Zoll lang, 6 Zoll breit 
Vi Zoll dick, welche zwei Trimeter mit Feder und Tinte erst 
vorgeschrieben, dann mehrmals nachgeschrieben enthält <») In 
Leiden ist eine andere Holztafel aus Aegypten, auf welcher ein 
griechisches Alphabet geschrieben ist^) Man hat auch Holz- 
täfelchen geftmden mit Angaben über von der Begiening vor- 
gestrecktes 6eld und Verpflichtung zur Rückzahlung.^) 

In einem Grabe der Thebais hat man auch ein Fragment 
einer Wachstafel geftmden, welche noch die eingeritzten Spuren 
von Buchstaben erkennen läfst Da aber kein Wachs mehr 
darauf war, hat man im vierten Jahrhundert mit Tinte darauf 
geschrieben. ®) 

') Brit. Mus. Add. Ms. d3,29d. 

*) Becker-Marquardt V, 2, 382 n. 2. 

*) Papyrus Grecs du Musäe du Louvre p. 434, mit Abbildung solcher 
Tafeln; S. 234 der Begleitbrief einer Mumie auf Papyrus mit den Worten: 
ex<ov rdßkav xara tov tqox^^ov. — Massenhaft publ. u. abgebildet von 
Edm. Le Blant, in d. Revue Arch. N. S. 28. 29 (1874 u. 1875). Sie sind 
theils mit Tinte geschrieben, theils erhaben oder vertieft geschnitten. 

*) M^langes (1873) S. 16. 

*) In Dr. Abbot's Sammlung in New -York, s. Welcker im Rhein. 
Mus. (1860) XV, 157. 

*) Reuvens, Lettres & M. Letronne in, 111, wo auch ein Papyrus mit 
einfachen und verbundenen Buchstaben zum Unterricht beschrieben wird. 

') Pal. Soc. II, 142. 

") Some observations upon a Greek tablet bearing the name of 
A8ANACI0G found in the Aasaseef near Goumeh, Thebes, 1828. By 
W. R Gooper. Transactions of the Royal Society of Literature, Second 
Series, Vol. X, Part 1. Mit Abbildung. 



Thon und Holz. 93 

In Siebenbürgen fand man an dem Fundorte der Wachs- 
taieln in einer verlassenen Goldgrube zu Vöröspatak 1824 ein 
Büchlein in kleiner Octayform, das aus 5 oder 6 sehr dünnen^ 
auf beiden Seiten beschriebenen Blättchen aus Lindenholz be- 
stand. Sie wurden „einem reisenden vaterländischen Forscher*^ 
zur Entzifferung übergeben, sind aber leider spurlos verloren 
gegangen. Ein zurückgebUebenes Fragment zeigt Schriftzüge, 
welche an die Schrift der Wachstafeln erinnern; sie sind aber, 
da das Holz durch die Zeit gebräunt ist, schwer mit Sicherheit 
zu erkennen, und wohl zu fragmentarisch, um eine Deutung 
zuzulassen. ^) 

Holztafeln zum Schulgebrauch weifs ich bei den Römern 
nicht nachzuweisen; im Mittelalter scheint der Art die tabtda 
atramentaiis zu sein, welche der Aschaffenburger Cantor Gozmar 
im 10. Jahrhundert einem Schüler entrifs und ihn damit todt- 
schlug (Gudenus I, 353). Vielleicht bezieht sich darauf die 
Glosse im Vocabularius optimus ed. Wackemagel p. 29: cerUo. 
geuiUß uf der schribschindd. Im Salzburger Antiphonar, viel- 
leicht aus dem 12. Jahrhundert, schreibt Zacharias auf einer 
viereckten Tafel mit schmälerem Stiel nach der Abbildung mit 
einer Feder; nach der Beschreibung freihch mit einem Griffel, 
wie es sonst üblich ist') In dem vom Germanischen Museum 
herausgegebenen Mittelalterlichen Hausbuch Tafel 16 hält ein 
Schulknabe eine ähnliche Tafel mit dem Stiel nach oben; wo- 
mit er schreibt, ist nicht sichtbar. Doch ist es vermuthhch ein 
Griffel. In Schäfsbui^ in Siebenbürgen sah ich starke Holz- 
tafeln mit einer schmäleren Handhabe, welche dort noch vor 
nicht sehr langer Zeit zu Uebungen in Schreiben gebraucht 
wurden und mittelalterlichen Ursprungs sein mögen.*). 



'} Corpus Inscr. Latt III, 957 ohne Deutung. 

>) K. Lind, £in Antiphonar im Stift St Peter zu Salzburg, Mitthei- 
lungen der k. k. GentralcommiBsion XIV (1869) Tafel 2. Grölsere Aus- 
gabe Wien 1870. 

•) Vgl. M. Albert, Altes u. Neues (Wien u. Hermannstadt 1890) S. 95: 
Jn jenen Zeiten (Mitte saec. XIX) besafs jeder Knabe eine aus dem Holze 
des Birnbaums verfertigte glatte Tafel, auf welche mit Feder und Tinte 
geschrieben wurde; die Schrift wurde dann mit dem Taschenmesser wieder 
abgeschabt und so toMa rasa gemacht.' 



94 Schreibfltoffe. 

Arabische Kinder lernen schreiben auf weifsen glasierten 
Tafeln, von denen die Tinte sich leicht abwaschen läisi^) 

Aehnlicher Art, doch künstUcher und feiner, waren die 
albae tahulae pergamenae, deren Becept Bockinger S. 18 aus 
einer Tegemseer Handschrift um 1500 mitgetheilt hat Eine 
Schicht von Bleiweifs wurde auf das Pergament gebracht, und 
man konnte mit Blei, Zinn, Kupfer oder Silber darauf schreiben; 
auch mit Tinte und diese leicht ¥rieder abwischen.*) Solche 
weyfse schreibtäfd kaufte derP. Kellermeister 1501 für 8 Kreuzer. 

Auf Holztafeln scheinen ursprünglich die Beschlüsse der 
böhm. mähr. Zaudengerichte geschrieben zu sein, wovon der 
Landtafel der Name desky zemsk^, täbtdae terrae, auch folia 
provmcialia blieb.*) 

Auch die Hansastatuten wurden auf Holztafeln bekannt 
gemacht *) 

In der Berliner Bibliothek befinden sich 12 Buchsbaum- 
täfeichen mit sehr sauber ausgeführten Bleistift- Zeichnungen 
eines niederrheinischen Künstlers aus dem 15. Jahrhundert 
Sie sind 1830 von Paltzow lithographiert und herausgegeben, 
von Passavant im Kunstblatt 1841 n. 89 besprochen worden; 
vgl C. Schnaase, Geschichte der bildenden Künste im Mittel- 
alter IV, 580—584. 

Ein Seitenstück dazu besitzt die Ambraser Sammlung, 
14 hölzerne Täfelchen zum Zusammenlegen in einem Leder- 
futteral, mit Federzeichnungen eines niederländischen oder 
rheinischen Künstlers aus demselben Jahrhundert, nach Ed. 
von Sacken's Beschreibung dieser Sammlung II, 260. Ebenda 
befinden sich auch nach S. 258 fünf Schreibtäfelchen von 
Schiefer, vermuthhch von K. Ferdinand L 

Sechs Schieferplatten mit Becepten, angebhch saec. XIII., 

^) Catalogue of the Gurzon library p. 2: I n. 17. A board painted 
white and glazed; upon these boards the Arabian children leam to write, 
as the ink can be vashed off with ease. Auf dem schönen Bild einer 
ägyptischen Schule von Gentz hält ein M&dchen eine solche Tafel. 

') cum scäiua wird doch vohl statt saluia zu bessern sein. 

•) Brandl, Glossarium (1876) 8. 28—36. 

*) Mitth. d. Vereins f. Hamb. Gesch. I, 114. 



Holz und Thon. 95 

hat man in den Ruinen von Yillers-en-Brabant gefunden.^) 
Dasselbe Material kommt in der Windesheimer Chronik vor^ 
und es heilist darüber in dem Glossar der alten Ausgabe von 
H. yan Roswey: ^etrae videntur tabellae ex scandulis, vulgo 
scaillien. 11, 54 p. 524 (S. 158 ed. Grube): Quem libeUum in 
dwersis membranis, quatemulis aut petris conscripsä, C. 55 
p. 532 (S. 163 ed. Gr.): ExercUia stm membranis et petris 
diversisque foliis, ut dictum est, canscripta. Huc facit quod 
habet Yocabularium Gherardi de Schueren: Petra, trae, eyn 
steyn of leye. Nempe ley est nostratibus tabella scandularis, 
cui vel stylo vel creta inscribitur.^ Es war ein Inihum von 
Hirsche, dafür petiis setzen zu wollen, denn derselbe Ausdruck 
petra wird in der Chronik häufig für Schieferdächer gebraucht 

Auch E[alender wurden im Mittelalter häufig auf Holz- 
tafelchen geschrieben.') 

Diplomatisch nicht unwichtig sind endUch die Kerbhölzer, 
talea^ tallia, taüle, ein Name, welcher auf die mittelst solcher 
Kerbhölzer erhobene Steuer übertragen wurde. In England 
wurden die Steuern bis 1834 auf solche Weise yerrechnet, und 
als man endlich das alte System verliefs, wurden die massen- 
haft aufgehäuften tdllies im Hofe des Parlamentsgebäudes ver- 
brannt Das Feuer ergriff und verzehrte das ganze Gebäude, 
die erste Frucht der Neuerung aber war ein colossaler ünter- 
8chlei£ 

Nicht so unglücklich erging es dem Freiherm Johann 
Rudolf von Trczka, dem Vater des bekannten Generals. Seine 
Gemahlin bedrängte die Unterthanen auf Opotschno und forderte 
von ihnen die Vermerke über geleistete Dienste und Gaben. 
Die Unterthanen aber zögerten bis zur Heimkehr des Freiherm; 
dann erschienen im Schlofs Fuhren mit „Bobitsch'^ (von vrüb, 
bohm. Kerbholz). Gefragt, was für Holz sie da brächten, ant- 
worteten sie, es wären die Rechnungen, welche die Frau immer 



*) Beilage znr Allg. Zeitung 1894 n. 26. 

*) Deliflle, M^ S. 377. Riegl, Mitth. d. Instituts IX, 82 — 108. 
Rnnenkalender von d. Insel Oesel, mit Abbild. Verhandl. d. Berl. Anthro- 
polog. Gesdi. 1879 8. 840 — 842. Ueber die c. 200 Exemplare im Stock- 
holmer Museum Hans Hildebrand ib. 1880 S. 159—161. 



96 Schreibstoffe. 

verlange. Der Preiherr aber befahl lachend die Rechnungen 
abzuladen, und lieüs die Eobitsche verbrennen. ^) 

Die Kerbhölzer, deren Gebrauch im häuslichen Leben noch 
hier und da fortdauert,') sind gespaltene Stäbchen, von denen 
Gläubiger und Schuldner je eine Hälfte erhalten; bei der 
Zahlung werden die Hälften an einander gefugt und Einschnitte 
gemacht Auch kann eine Quittung auf die geglättete Aulsen- 
seite geschrieben werden. Im Record-Office in London sah ich 
solche tallies aus König Johanns Zeit; Judenschuldbriefe, vom 
König geraubt, waren daran gebunden, und die nun an den 
König geleistete Zahlung auf dem Holz vermerkt. 

4. Papyrus. 

Die Hauptstelle über die Bereitung des Papyrus und die 
verschiedenen Arten der Waare ist Phnü Hist nat XTTT, 11 — 13. 
Die Dunkelheit derselben hat den Auslegern viele Noth gemacht 
und viele Mifsverständnisse veranlafst; es ist jedoch nicht noth- 
wendig hier darauf einzugehen, und ich begnüge mich zu ver- 
weisen auf: Dureau de la Malle, Memoire sur le Papyrus, 
1850, in den Memoires de l'Academie des Liscriptions, Vol. 
XIX, C. Paoli, Del papiro, Flor. 1878 (vgl. Progr. scol. II, 
30) und die sehr abweichenden Ansichten von Th. Birt, Das 
antike Buchwesen, Berlin 1882, Karabacek, Das arabische Papier, 



*) Historisch-ai'cliäologische Memoiren über die Herrschaft Opotschno 
im Königgrätzer Kreise S. 23. Ich rerdanke sie der Freundlichkeit des 
Intendanten Herrn Heistermann von Ziehlberg. Bei den Südslaven ist das 
Kerbholz {r<ibo§) ganz verbreitet, s. Zts. f. Ethnologie XYI (1886) Yerhandl. 
S. 384. Auch Kaiser Maximilian schreibt einmal: Unser rdbisdi ia nodi 
nicht gefiUlt. 

^) Vgl. z. B. Boner's Siebenbürgen S. 544. In der Schweiz nennt 
man es Beilenrechnung. Vgl. Grimm's Wörterbuch unter Kerbholz, 
Homeyer, Haus- und Hotmarken S. 214. Der ümbraser rechnet 1366 bis 
1369 mit Kerbhölzern u. Wachstafeln: ah er desselben einen span gehabt 
Iiaty als ee an dem span gestanden ist, in tabula cerata. Mitth. d. Inst, 
n, 575 ff. I, 587 : da wir daz also miteinander ab dem span raitoten und 
summoten. — Zehrung im Schweidnitzer Keller in Breslau vermag gehaltener 
Kerbe und GegenzeUel, 1623, Zts. f. Gesch. Schles. XIY, 12. 



Papyrus. 97 

Wien 1887 (Mitth. a. d. Sammlung d. Pap. Erzh. Rainer TU) 
S. 162 £, Bresslau, Urkundenlehre I, 876 ff. 

BvßXog, ßlßXog, auch xdxvQoq, ist eine Art Binse, Cyperus 
papyrus, die zu vielfältigem Gebrauch diente und in Aegypten 
Torzüglich im Delta angebaut wurde. ^) Ursprung und Bedeutung 
des Namens sind so wenig bekannt, wie die ägyptische Form 
desselben. Herodot hat das Wort jtdxvQog nicht Heimisch 
ist die Pflanze in Aegypten nicht, und jetzt dort ganz yer- 
schwunden. Nach den alten Abbildungen ist es die in Nubien 
noch jetzt heimische Art, welche sich durch aufrecht stehende 
Blüthenbüschel und geringere Höhe unterscheidet von der 
syrischen, nach Pariatore, Memoire sur le Papyrus des Anciens 
et sur le Papyrus de Sidle, in den Memoires presentes ä l'Aca- 

• 

demie des Sciences (1854) XII, 469 — 502. Der syrische, 
Cyperus Syriaxnis, von den Alten nicht erwähnt, ist nach Par- 
latore eine andere Species;*) vermuthlich wurde er von den 
Arabern angebaut und von ihnen auch nach den Sümpfen bei 
Palermo verpflanzt, wo ihn Ebn Haucal erwähnt,^) der 972 
oder 973 in Palermo war. Man machte Papier für den Emir 
daraus, aber nicht für den Handel. Noch im 13. Jahrhundert 
lesen wir bei Salimbene S. 93 ^ Schlufs eines älteren an die 
Normannen gerichteten Spruches: Det vobis .... Hortus deli- 
etos, nemus umbram, stagna papyrum. Es wurde also auch als 
ein kostbarer und einträgUcher Besitz betrachtet; doch wird es 
schon für Salimbene's Zeit nicht mehr zutreffend gewesen sein. 
Diese Sümpfe sind 1591 ausgetrocknet und in Folge davon die 
Pflanze verschwunden; jetzt gedeihen dort die Orangenhaine 
der Conca d'oro. Jedoch ist zu bemerken, dafs Hugo Falcandus 



') Verschiedene Namen und verwandte Pflanzen führt P. Ewald an, 
K. Arch. IX, 335. Der im 9. Jahrh. öfters vorkommende Ausdruck hibli 
ist nur gesucht für libri. Dagegen ist Papyrus gemeint in d. Fetersh. 
Chronik (MG. SS. XX, 683): Privilegium in biblis primitus scriptumj quod 
ei haetenus est in monasterio eonservatum. Es ist eine Bulle von 989. 

') Diese Unterscheidung wird jedoch bezweifelt. Die massenhaften 
Papjrrusdickichte des inneren Africa sind durch die neueren Reisen be- 
kannt geworden. 

') Carini, La Porpora p. 4, schliefst aus der masaa papyrianensia 
in Grregors I firiefen wohl mit Unrecht auf früheren Anbau. 

Wattenbach, Scbriftweseo. 8. Aufl. 7 



98 Schreibstoffe. 

die fruchtbare Landschaft bei Palermo schon im 12. Jahrhundert 
schildert, wie sie jetzt ist, und Papyrus nicht erwähnt. Bei Syrakus 
ist sie erst zwischen 1624 und 1674 nachweisbar. Die neueren 
Versuche, vorzüglich des Präsidenten Landolina, aus dieser 
Pflanze Papier nach Art der Alten zu machen, bespricht Dureau 
de la Malle ausfuhrlich und giebt sehr genaue Mittheilungen 
darüber. ^) 

Im Alterthum ist der aus der Pflanze yerfertigte Schreib- 
stoff mit derselben gleichnamig;') er heilst auch x^Q^^Q^ Charta, 
wovon das Beiwort x^Q'^^^Qf chartacet^, charticeus, charticineus. 
In späterer Zeit sind diese Ausdrücke auf andere Stoffe, nament- 
lich auf Papier übertragen. Daher heilst es: x^Q''^^^ ^^^^ '^^ 
djto ytajtvQOv öigfia, t sriQa vZfj jtQog yQaq>rjV jte:^oc7i(iBVfi, 
Schol. 1. XXII. Bafiilicorum. Der Verkäufer hiefs ;^a(»TOjra7>l97$, 
chartarius. *) 

Im Mittelalter heifst eine Urkunde auf Papyrus gewöhn- 
lich tomtis, wohl als Abschnitt von einem gröfserem Stück, wie 
man ja auch die Ähschnüte eines Schriftwerkes so benannte. 

Häufig begegnet man dem Irrthum, der aus den Worten 
des Plinius entstanden ist, als ob der Schaft des Papyrus aus 
verschiedenen Häuten bestehe,, in die er sich zerlegen lasse. 
Das ist bei dieser Binse so wenig wie bei andern Binsen mög- 
lich, da sie nur ein gleichartiges Zellgewebe enthalten, und 
man würde grofse Mühe haben, die angeblichen 20 Bastlagen 
zu finden. Vielmehr wurde das Zellgewebe mit einem scharfen 
Instrument in dünne Schichten zerlegt, von denen die mittelsten 
als die breitesten das beste Papier gaben. Die Schichten wurden 
neben einander gelegt und mit einer zweiten Lage kreuzweise 
bedeckt; aufgegossenes Nilwasser brachte den Pflanzenstoff in 
Auflösung, der sich dann fest mit einander verband, geprefst, 
getrocknet und geglättet wurde. Manches bleibt dunkel in der 



^) Das früher hier von mir als älter angeführte Papier beruht nur 
auf der falschen Lesung 1635 statt 1835. 

«) Die Unterscheidung von ßvßkoQ (Pflanze) und ßlßko<; (Papier) 
ist spätere Spitzfindigkeit; die Form mit v wird als 'Attixdi^ bezeichnet, 
die mit i als xoivttig, kommt aber auch schon früh vor. 

") Not et Extr. XXIII, 2, Ö92. 



Papyras. gg 

Stelle des Plinius, so die Bedeutimg des acapm^) mit seinen 
20 plagidae; als MaaTs in späterer Zeit werden wir unten tami 
finden. Die Schrift geht über die ganze Länge, auch über die 
Commissuren, welche vennuthlich gar nicht sichtbar waren; es 
sdieint mir durchaus zwecklos, auf deren Beachtung Gewicht 
zu legen. Die Höhe war durch die Qualität der Pflanze be- 
grenzt, die Länge unbeschränkt Das Verfahren scheint aber 
nicht immer dasselbe gewesen zu sein, und in Born trat eine 
neue Appretur hinzu; Plinius erwähnt bei der Charta Fanniana 
die Fannii sagax officina. Daraus erklärt man, dals die latei- 
nischen Bollen aus Herculaneum schwerer au&uroUen sind als 
die griechischen; sie kleben fest an einander und die Schichten 
lassen sich nicht trennen. Das kann auch andere Ursachen 
haben, denn die lateinischen lagen ganz abgesondert, aber Davy 
bemerkt auch, dals der Sto£f dicker ist, die Buchstaben grölser^ 
die Bollen stärker.') 

Dieser Stoff war in Aegypten seit den ältesten Zeiten im 
Gebrauch; auf den frühesten Wandgemälden aus dem alten 
Beich finden wir Schreiber mit Papyrusrollen dargestellt, und 
auch ägyptische Urkunden aus jenen Zeiten sind im Original 
erhalten. Es ist deshalb unbegreiflich, wie Varro, und nach 
ihm Plinius, die Erfindung erst in Alexanders Zeit setzen 
konnten, da doch schon aus Herodot das höhere Alter bekannt 
war. Man vermuthet daher ein Müsverständnifs, und hat es 
80 gedeutet, als sei die Fabrikation, die bis dahin Begal ge- 
wesen, damals frei geworden; Birt leitet die Nachricht davon 
ab, dals erst durch die Einrichtung der BibUothek und die 
Wirksamkeit des Kallimachus das ganze Buchwesen in Alexan- 
dria conoentriert und genau geregelt wurde. 

Ebenso unbegründet ist die Meinung von C. A. Böttiger 
(lieber die Erfindung des Nilpapiers und seine Verbreitung in 



') Doch wohl (trotz Birt) eine Quantit&t zum Verkauf, nicht eine 
fertige Rolle. Das alte Glossar erkl&rt xoßoq ;tcr^ro^ durch acafus, Not 
et Extr. XXin, 2, 448. 

*) Some observations and experiments on the Papyri found etc. by 
Sir HuBphrj Davj (Philosoph. Transactions of the R Soc. of London 
1S21, part 1) S. 195 u. 204. 

7* 



100 Schreibstoffe. 

Griechenland, Kleine Schriften 111, 365), der für die griechische 
Colonie in Naukratis den Ruhm der Erfindung in Anspruch 
nimmt 

Zu Montfaucon's Zeit gehörten ägyptische Papyrusstücke 
noch zu den gröfsten Seltenheiten; jetzt sind die Sammlungen 
davon erfüllt, und man hat diese Bollen massenweise, sowohl 
mit ägyptischer wie mit griechischer Schrift. 

Auch in Griechenland hatte dieses Material nach Herodot 
Y, 58 schon längst das altorientalische Leder verdrängt, und 
war der ganz allgemein übliche Schreibstoff. Die lonier aber 
nannten es noch aus alter Gewohnheit öig>d'iQag (s. unten § 5). 

In Athen kosteten 407 a. Ch. x^Q"^^^ <^^o zwei Drachmen 
und vier Obolen, was sehr viel ist, wenn die Gröfse wirküch 
so gering war, wie Egger, Memoires d'hist anc. p. 135 — 140 
annimmt 

Ebenso verdrängte es in Italien alle finiher üblich gewesenen 
Schreibstoffe, und auch nach der Erfindung des Pergaments 
blieb es nicht allein der häufigere Stoff für Bücher, sondern 
auch der allein herrschende für den häuslichen Gebrauch, für 
I Briefe und Urkunden. Es wird billiger und bequemer gewesen 
! sein. ^) Alle Bücher, welche man in Herculaneum gefunden 
hat, sind auf Papyrusrollen geschrieben; nur sehr langsam hat 
das Pergament die Oberhand gewonnen. Doch sagt schon 
Horaz Sat 11, 3, 1: Sic raro scribis, tU toto non qtuxter anno 
Menibranam poscas; Ep. U, 1, 113 aber: Sole vigü calamum 
et Chartas et scrinia posco. Art Poet 390 räth er ein fertiges 
Werk bis zum neunten Jahre zu verschliefsen menibranis intt^s 
positis. Man zog, wie Birt bemerkt, Pergament zu Adversarien 
als viel bequemer vor, während zum Lesen noch lange die alt 
gewohnte Kollenform beUebter war. 

Der Verbrauch war so grofs, das Material so unentbehr- 
lich, dafs bei einer durch Mifswachs erzeugten Theuerung das 
Leben der Händler in Gefahr war: Sterilitatem sentit hoc quo- 
que^ factumque iam Tiberio principe inopia chartae, ut e senatu 



^) Gegen Birt's Annahme von grölserer Billigkeit des Peiigaments 
8. L. Fr. im Lit. Centralblatt 1882 n. 33. 



Papyrus. 101 

parentur a/rhitri dispensandi: alias in^ tuiMÜ^-;vitu 'hr(U: 
Plin. Xm, 13. " • ' • ' 

Wir haben oben S. 53 schon gesehen, wie Augustin sich 
entschuldigte 9 weil er zn einem Briefe Pergament anstatt des 
üblichen Papyrus nahm; er setzt noch hinzu, dafs er eine eben 
Ton ihm yerüäTste Schrift senden wolle, si Charta mterim non 
desii. Auch noch Cassiodor Varr. XI, 38 schreibt eine Papyrus- 
lieferung für die k. ostgothische Kanzlei aus, und ergeht sich 
dabei nach seiner schwülstigen Weise in einem Schwall von 
Redensarten, nach denen man eigenthch glauben sollte, es habe 
niemals ein anderes Schreibmaterial gegeben. Für Acten und 
Urkunden war aber wirklich ein anderes wenig gebräuchUch, 
und nach de Wailly I, 370 ist die älteste Pergamenturkunde 
der Pariser Archive erst vom Jahre 671; die älteste, im Original 
erhaltene merowingische Königsurkimde auf Pergament ist von 
67 7y das letzte Original auf Papjrrus von 692, nach Th. Sickel, 
Die Urkunden der Karolinger I, 286. In ItaUen ist nach den 
Untersuchungen von Cesare Paoli ^) die älteste Pergamenturkunde 
in Lucca von 713 wohl gleichzeitig, aber kein eigenthches 
Original, vielmehr das älteste von 716 in Mailand, aber noch 
von 789 ist eine Urkunde des Erzbischo& Petrus von Mailand 
auf Papyrus bezeugt (Marini n. 54). 

Doch heifst es schon in einem Bescript des Kaisers Leo 
vom Jahre 470 (C. I, 23, 6): rescripta quae in chartis sive 
membranis subnotatio nostrae stibcriptionis impresserit Es gab 
also doch schon damals kaiserliche Bescripte auf Pergament. 
In den Acten der sechsten Synode von 680, Sessio X (Mansi 
XI9 392) kommt vor, dafs aus Bom eine Sajnmlimg von Beleg- 
stellen geschickt war: xtDÖlxiop^ ro xal vjto oq>Qa:/l6a rvyx^^ov. 
Diese werden vergHchen mit den Exemplaren der Kirchen- 
bibliothek in Konstantinopel, und zur Vergleichung des Briefes 
von Pabst Leo I an den Kaiser wird gebracht ro av&Bvtixov 
ßißUav rav öxBvoqyvXaxlov vxoqxov rrjg ivrävd'a ccfuxnatfjq 



') La piü antfca Pergamena del Real Archivio di Stato in Firenze, 
1873 (AidL Stör. Terza Serie XVII). Die älteste des Flor. Domcapiteh 
TOQ 734 hat sp&ter zugesetzte Zeugen, worunter der vielbesprochene 
«coMmm. Vgl Progr. scol. II, 47. 



• • 



102 



• •• 

. ••• ' • : • ••: •. ; : • • ' 

;*.ixMi^d2ac.j^ ociuäötv äoyvQBVÖBxov. Di 



^^f^)irfi*^^\^fi\Sy;,^ ccifiaötv aQyvQBvSsxov. Das kann doch 
iK2old*ilar* eine als authentisch betrachtete Abschrift in einem 
in Silber eingebundenen Buche sein. Auch in dem Edict des 
Königs Botari werden Urkunden auf Pergament erwähnt 

Aus dem 5. Jahrhundert besitzen wir Fragmente zweier 
Originalrescripte der kaiserUchen Kanzlei, nach der Untersuchung 
von Th. Mommsen im Jahrbuch des gemeinen deutschen 
Rechts von Bekker, Muther und Stobbe (1863) VI, 398—406. 
Während nach Plinius die charta Augusta und Livia nur 13 
römische Zoll Höhe hatte, die Claudia 16 Zoll, ein grölseres 
von 24 Zoll aber als unpraktisch wieder aufgegeben war, haben 
diese Bescripte eine Höhe von 17 röm. Zoll oder 1 griech. 
Fufs, und dasselbe Format findet sich in ägyptischen Bollen 
sehr häufig; ein könighches Bescript von 99 y. Chr. hat sogar 
die Höhe von 25 röm. Zoll. Zum Schreiben bestimmt war 
die obere Seite mit horizontal liegenden Fasern, vermuthUch als 
die durch die Bearbeitung von oben her glattere und von leb- 
hafter weitser Farbe. Manches, was man fiiiher als Opistho- 
graph betrachtet hatte, erkennt man dadurch als ursprünglich; 
so das Horoskop, auf dessen Bückseite der Epitaphios von 
Hyperides steht: am Schlüsse klebte der Schreiber noch ein 
unbeschriebenes Stück an, und dieses ist recto beschrieben.^) 
Wo man nicht in oeXlöeg, sondern der kurzen. Seite parallel 
schrieb, wie gewöhnUch in den späteren Pabstbullen, steht natürlich 
die Schrift in rechtem Winkel gegen die horizontalen Fasern. 

Die Länge ist oft sehr bedeutend; in dieser Bichtung 
wiuilen die Blätter bei der Fabrikation an einander geleimt 
Das erste Blatt hiefs jtQmroxoXXov, das letzte koxaroxoXXiov, ') 
Jenes enthielt den Namen des Comes largitionum, der das 
Departement der Fabrikation hatte, und die Angabe von Zeit 
und Ort; man pflegte das abzuschneiden, aber fiir Urkunden 
verbot es Justinian Nov. 44, 2; jede Urkunde sollte mit dem 
Protokoll versehen sein, damit man daran ein Mittel zur Prüfung 

*) ü. Wilcken: Recto oder verso? Hermes XXII, 487—492. Auf 
einem hieroglyph. Stück unseres Apparates ist es jedoch umgekehrt. 

*) Martial II, 6, 2: LecHs vix tibi pagwUs duabua Speetcis eachtUo- 
eoUion, Severe. 



Papyrus. 103 

der Echtheit hätte ^): 'Exetvo (iivroi tm nagovri jügoctld-sfiev 
vofifo, wOt€ rovg avfißojiaioyQdq>ovg firj slg Tregor X^Q'^V^ ^^" 
^oQOV YQdg)eiv cvfißoXatov xX^v el fi^ slg ixelvov og Jigoxtl- 
fiBVov ro xaXov/isvov jtQcoroxoXXov ex^h tpigov t^ rov xaza 
xoiQOv ivdo^ordtov xofiijTog rcov d-slcov ^(leregcov d^öavQÖav 
XQoetfyoQlop tcoI xov xQOPOV xad^ ov b x^prj/g yiyove, xal 
bxoöa kxl Tiöv Toiovrmv 3tQoyQdq>Bxai' xal xovxo xo jtQmxoxoX- 
Xov fifj dxoxifivBLv aXÜ iyxüfievov iäv. Basilicon 1. XXTT, 
tit 2 de tabellion. (nur für Constantmopel gültig). 

Die Eroberung Aegyptens durch die Araber brachte an- 
üsuigs keine Aenderung; die Fabrikation wurde fortgesetzt, das 
Protokoll wurde arabisch, wie wir es auf einer Bulle des Pabstes 
Johann VIII Ton 876 (JaffiS- Ewald 3052) sehen, bei Oham- 
poIlion-Figeac, Charles et Manuscrüs sur papyrus de la Biblw- 
iheque royale, Paris 1840 f. (27 planches) pl. 1. Karabacek 
hat herausgebracht) daüs es ägyptischer Herkunft ist, und zwar 
nicht nach dem Jahre 838, also aus ganz altem Bestände. 

Im 10. Jahrhundert aber ging nach Karabacek diese In- 
dustrie zu Grunde, nachdem zunächst immer schlechteres Papier 
gemacht war. Es wurde verdrängt durch das billigere und 
bessere Papier, auf welches nun auch die Benennungen xdjtvQog, 
Charta übergingen. Am Ende des 12. Jahrhunderts sagt Eusta- 
thius, xoQexßoXal ad Odyss. XXI, 390 zu den Worten ojtXov 
ßvßXiVov: lylvovxo yoQ <pa6iv äxo ßvßXcov alyvj^xlcav, mg ola 
xaxvQa>v vögoxagdov, xa&d ol xoxe /led-ciösvov vxoxelfieva 
xolg yQag>6vCi x^Q^dgia, oxola löcag xal xd voxbqov I6ia)xtx(5g 
lijo/uva ^vXoxdQXia, <dv ^ xixvrj dgxt dxrXsLxxai, Dieses 
dgxi ist aber nach Karabacek auf ältere Zeit zu beziehen. ^ 

Von griechischen Papyrushandschriften des Mittelalters hat 
sich sehr wenig erhalten; Montfaucon kannte nur wenige Frag- 



*) Diese ErklAmng wird gesichert durch das Schollen : olfiai vofio- 
^ttelv T^v veagdv, Sri Sg^sllovai ra avfißoXaia iv ^vXoxaQtlotg ygd^Ba&ai. 
h yuQ avtoli /xovoiq ii'glaxovtai xa itQiaxoxoXXa. Du Gange s. y. ^vXoxagxiov, 

*) Anna Comnena scheint um 1100 noch nach alter Weise geschrieben 
zu haben nach den Worten Alex. I, c. 13, p. 63 ed. Schopen: htsl xal 
tiv YQaq>ia xaXafxov xal tbv xdQttfv ifioXwa av, bI xo n^ax^hv xara fiigoc 
duiiitv. Aber es kann auch nur eine alterthümelnde Ausdrucksweise sein. 



104 Schreibstoffe. 

mente. Besonders merkwürdig ist der Brief Constantins Y an 
einen Frankenkönig bei Mab. SuppL p. 71. Montfaucon p. 226. 
Omont in d. Revue Arch. XIX (1892), und ein Fragment in 
Wien mit einem Theil der Unterschriften des Concils von 680.^) 
Lateinische Urkunden hat man ziemlich viel, doch fast 
nur aus Italien; in dem ausgezeichneten und sehr werth vollen 
Werke von Marin i: I Papiri diplomatici, Bomae 1805 fol. 
sind nicht nur die im Original erhaltenen, sondern auch die 
nur aus Abschriften bekannten gesammelt AuTserdem hat man 
aber auch Bücher; der Gebrauch der Bollen scheint früh ab- 
gekommen zu sein, und aulser den ägyptischen und hercula- 
nensischen sind keine erhalten. Codices chartaceos erwähnt 
schon Hieronymus (ep. ad LudL a. 398), ein x^Q'^V^^ retQdöiov 
die Acta Synodi VI. a. 680. Mansi XI, 512. Im Museum 
zu Leiden ist ein Buch aus Aegypten mit chemischen Becepten 
in griechischer ündalschrift des 3. oder 4. Jahrhunderta. *) Wie 
die charticii libri der Briefe Gregors I, eines für jedes Jahr 
beschaffen waren, wissen wir nicht, aber wahrscheinlich waren 
es keine Bollen, und auch aus Aegypten haben wir jetzt Frag- 
mente von Büchern und auf beiden Seiten beschriebene Blätter, 
die nie gerollt waren. Es sind das aber keine Bücher zum 
Verkauf, sondern Privatschriflen. Ein koptischer Bibeltext 
steht auf den Bückseiten von Papyrusblättem mit Urkunden- 
texten, deren beschriebene Seiten man aufeinander geleimt hat. ^) 
Andere Blätter sind aus Pappe gewonnen, welche zu Ein- 
bänden aus Fragmenten zusammengeklebt war. Der wunder- 
barste Fund dieser Art ist der von Flinders Petrie im Dorfe 
Gurob im Fajüm gemachte; es sind Mumiensärge aus Pappe, 
aus der mit unendlicher Mühe die schätzbarsten Fragmente ge- 
wonnen sind, durchschnittlich aus dem 3. Jahrhundert a. Chr.^) 



>) Face, in EoUar'B Ausgabe von Lambecii Gommentt. 1. Vm 
p. 864, cf. Marini, I Pap. dipl. p. 211 und 381. 

*) Reuvens, Lettres k M. Letronne p. 65; vgl. H. Kopp, Beitrftge 
zur Geschichte der Chemie I, 97. 

■) ü. Wilcken: Die Achmlm- Papyri in der Bibl. Nat. zu Paris, SB. 
d. Berl. Ak. 18«7, 8. 807-820. 

4) John p. Mahaffy, The Flindera Petrie Papyri. Dublin 1891. 4. 



Papyras. 105 

Von lateinischen Codices ist in Wien eine Handschrift 
(cod. 2160) des Hilarius Pictavensis aus dem 4. Jahrhundert auf 
Papyrus; in St Gallen Homilien und eine Schrift Isidors in 
Undalschrift des 7. Jahrhunderts, ^) Fragmente von zwei Hand- 
schriften des Augustinus und Avitus in Gen£') Von den 
Digestenfragmenten in Pommersfelde , in reiner Uncialschrift 
giebt Mommsen in der Ausgabe der Digesten Vol. 11 Tabb. 
1 — 10 schöne photographische Nachbildungen. Sie sowohl, wie 
die griechischen Formeln daselbst, sind Beste grofser Hand- 
schriften in Quatemionen, auf beiden Seiten beschrieben, aus 
dem 6. Jahrhundert') 

Die Mtinchener Bibliothek bewahrt das unter Erzbischof 
Petras VI (um 970) verfafste Breviarium, das Yerzeichnils des 
Güterbesitzes der Ravennater Kirche mit Bezeichnung der 
Pachtverhältnisse, zuweilen auch der Schenker, auf 36, meistens 
auf beiden Seiten beschriebenen Blättern in kl. folio. Es ist 
1810 von Bemhart unter dem falschen Titel: Codex Traditionum 
ecclesiae Ravennaiensis^ mit einer Schriftprobe herausgegeben.^) 

Auch legte man je zwei bis drei gefaltete Papyrusblätter 
in ein Pergamentblatt, was später ebenso mit dem Papier ge- 
schah. So ist der Augustin aus dem 6. Jahrhimdert in Paris 
eingerichtet. Da aber Papyrus für diese Behandlung nicht 
recht geeignet war, auch wohl immer seltener wurde, so wich 
dieser Stoff mehr und mehr dem dauerhafteren Pergament, 
welches in d^r Heimath bereitet wurde. 

In Deutschland ist Papyrus wohl nie viel gebraucht 
worden; als man hier anfing zu schreiben, war Pergament 
schon der gewöhnlichste Schreibstoff. Merkwürdig sind jedoch 
die Worte, welche bei der Zusammenkunft der Könige Ludwig 
und Lothar zu Mainz 862 die Bischöfe zu dem Schreiben der 
Könige an den Pabst hinzufügen. Sie seien sehr eilig gewesen, 
schreiben sie: unde etiam actum est, quod non jiAxta morem 



>) Cod. 226; s. das Verz. der Stiftsbibliothek von Scherrer S. 81. 
*) Stades pal^ographiques von Delisle, Rilliet u. Bordier, Genf 1866 
(Angiistin z. Th. in Paris), u. Ilias, s. Diels, Berl. SB. 1894, S. 349—357. 
'} Zacfaariae yonLingenthal in d.Zt8. f. geschichtl. Rechtswiss. XI (1842). 
« Ludo Hartnuum, Mitth. d. Inst XI, 361—372. 



106 Schreibstoffe. 

antiquum in tuncardo conscripta cernUur {epistola) sed in mem- 
branis, Baron, a. 860. n. 27, c£ Dümmler, Gresch. d. Ostfr. 
Eeiches (1887) 11, 34. Das sonst unbekannte Wort^) kann 
nach dem Zusammenhang wohl nur Papyrus bedeuten, dessen 
Gebrauch zu Schreiben an den päbsüichen Hof also von der 
Etikette erfordert wurde. Doch schon 891 schreibt Stephan V 
(JafiSS-Loewenf. 3470) an den Erzbischof von Cöhi in BetreflF 
einer Angelegenheit, welche mündlicher Verhandlung bedurfte 
(Plofs, Die Pabstwahl unter den Ottonen S. 118): non cUra- 
mento et pdlibus haec discussio concedenda est. Damals also 
war für Schreiben an die Curie Pergament der übliche 
SchreibstoJF. 

Urkunden deutscher Kaiser auf Papyrus finden sich nicht; 
eine Angabe von Waitz in Pertz' Archiv Vm, 6 über eine 
Urkunde Heinrichs IV von 1070 (Böhmer 1838) in der Biblio- 
thek zu Metz ist irrig. Das Pergament der Urkunde ist sehr 
beschädigt, was die Verwechselung hier wie in andern Fällen 
erklärt ') 

Auch in Prankreich finden sich Diplome auf Papyrus nur 
aus der merowingischen Zeit*) und nur wenige, darunter ein 
rescribiertes. Dafs aber auch in Gallien noch im 6. Jahr- 
hundert Papyrus das gewöhnlichste Schreibmaterial war, zeigt 
die Stelle des Gregor von Tours (Hist. Franc. V, 5): sed pau- 



') Vermuthlich ist es verlesen und es steckt tumario darin, nach 
Karabacek. Bresslao, Ürkimdenl. I, 885. 

*) So sind namentlich auch die 4 Blätter einer purpurnen Evan- 
gelienhandschrift der Bibl. Gotton. (Cod. N.) irrthümlich für Papynifi 
gehalten, s. Tischendorf, Prolegg. Mon. sacr. ined. I p. 11. Vgl. Sickel, 
Urkunden der Karolinger I, 287. Das verfaulte Ev. St. Marci in Venedig 
hielt Montfaucon fDr Papyrus, MafPei für Baumwollen papier, Balbinus sogar 
den wohlerhaltenen Theil in Prag für Papyrus, s. Dobrowsky, Fragm. Prag, 
p. 18. 14. 

') Oben S. 101. Papyrusbruchstücke mit Stellen eines Verzeichnisses, 
wie es scheint fränkischer Kriegsdienstpflichtiger, in Middlehill, nach 
Pertz im Archiv IX, 490. Eine Urkunde Karls d. Gr. 331 Mühlb. ist eine 
Fälschung. Die von Prou angeführte Epistola Maginarii (Jaffa, Bibl. IV, 
346) ist in Unteritalien geschrieben. Auch bei den Langobarden war 
Papyrus das gewöhnliche Material, s. Bresslau, Urkundenlehre 1, 881. 



Papyrus. 107 

perias ckartae finem imponü verhosüati. und Fortunat fragt 
den Flavns: 

An tibi charta panun peregrina merce rotatur? 

Dentlicher noch imd jede Verwechselung ausschUefsend 
lesen wir vorher: si te habuissei Massüia sacerdotem, nun^ 
quam naves oleum aut rdiquas species detulisserU, nisi tantum 
ckartam^ quo majorem opportunitcdem scribendi ad bonos infor- 
mandos höheres. 

In einer Homilie aus dem 7. oder 8. Jahrhundert ist von 
Zauberformeln in caria sive in bergamena die Bede. ^) 

Noch im Jahr 716 verheb Chilperich 11 dem Kloster Cor- 
bie ein Privilegium, worin er demselben allerhand Lieferungen 
an Gewürzen und anderen fremden Waaren de teloneo de 
Fossas bewilligte. Darunter befinden sich auch carta tomi L.') 
Die Urkunde scheint echt zu sein, aber jüngere Erwähnungen 
dieses Stoffes diesseit der Alpen sind mir nicht bekannt, mit 
Ausnahme jener vorhin angeführten, etwas zweifelhaften Stelle 
von 862. Auf Papyrus geschriebene Bücher kannte und hatte 
man allerdings. Lupus von Ferri^res erwähnt ep. 16. p. 35 ed. 
Bai. eommentarios Boetii in Topica Ciceronis, quos in char- 
iado codice, sive ut emendatius aliis dicendum videtur, char- 
tinadOf Amalricus in armario S. Martini habet. Dem Abte 
Peter von Cluny im 12. Jahrhundert waren sie wohlbekannt, 
und auch Trithemius scheint solche gesehen zu haben. Er schreibt 
nämlich, de laude scriptorum c. 12: Dicuntur autem librarii 
a libro, hoc est interiori cortids (parte) quae ligno cohaeret, 
quia ante usum chartae vel mernhranae de libris arborum Volu- 
mina compaginata fiebani, sicut in vett^issimis bibliothecis ad- 
huc hodie reperiuntur quandoque vestigia. Mit Bast und Binde 



») Zt8. f. D. Alt XXV. 315. 

*) PUrdesBus Dipl. II, 309. Mit Delisle und Sickel I, 288 gegen 
den Wortlaut Pergament anzunehmen, sehe ich keinen Gmnd. Vielmehr 
war Pergament damals wohl kaum ein erheblicher Handelsartikel. Auch 
Breaslaii, ürknndenlehre I, 883, spricht sich für Papyrus aas, glaubt aber, 
dafs nur eine ältere, vielleicht nicht mehr anwendbare Bestimmung wieder- 
holt wurde. In Spanien konmit noch 977 eine Urkunde auf Papyrus vor 
(Marini n. 104). V ( 



108 Schreibstoffe. 

ist Papyrus häufig verwechselt, wie auch noch die Benedictiner 
von einer Bulle auf Papyrus glaubten, dafs sie auf Baumrinde 
geschrieben sei, und, wie Mabillon berichtet, ^) wurden sogar die 
Wachstafeln in Pistoja mit den Rechnungen K. Philipps IV 
von dem Besitzer fiir Baumrinde gehalten, Bernd hielt das 
Cölner Papyrusblatt für Baumbast Auch kommt der Aus- 
druck cortex vor in Fridegodi V. Wilfridi bei Mab. Act DI, 
1, 188: Bullaias offert signato cortice Chartas. Ausführlich 
wird diese Verwechselung bekämpft von Tychsen, De Chartas 
pap. etc. usu, Comment Soc. Gott IV (1820) p. 141 — 208, 
endgültig von Jul. Wiesner: Studien über angebliche Baum- 
bastpapiere, Wiener SB. CXXVT. Es hat dergleichen nie 
gegeben. 

Wenn der Panegyrist des Berengar den Kaiser Arnulf 
m, 55 sagen läfst: 

Fortia jussa cito, scribae, sulcate papyris! 

so ist daraus kein Zeugnifs für die Sitte der kaiserlichen 
Kanzlei zu entnehmen, dafs man zu Sendschreiben noch Papyrus 
verwandte, wohl aber für den in Italien fortdauernden Ge- 
brauch, wie auch der Glossator ausdrücklich bemerkt: Secundum 
Romanum morem dicü, qui in papiro scribere solent.^) 

Bestimmte Angaben haben wir aus der päbstlichen 
Kanzlei, wo man so lange wie möglich an der alten Ge- 
wohnheit festhielt*) , 

Martin I schrieb 649 an den Bischof Amandus von Maas- 
tricht und übersandte ihm ein Volumen synodale (Jaffe-Ewald 
2059). Dieses war nach Baudemund's Vita S. Amandi (Ma- 
billon Acta SS. 0. S. B. H, 689 ed. Ven.) in 4 Büchern in papy- 
reis schedis editum. Graf Liudulfs Stiftungsurkunde für Ganders- 
heim ist freilich für unecht erklärt, ^) aber sachUch bleibt darum 
doch der Werth des darin enthaltenen Zeugnisses bestehen, 

») Iter Ital. p. 192. 

*) Dümmler, Gesta Berengarii S. 114. 

') S. Bresslau, Pap. u. Perg. in d. pftbstl. Kanzlei, Mitth. d. Inst IX« 
1--33; ürkundenlehre I, 880 ff. 

*) Dümmler, Ostfrftnk. Reich (2. Ausg.) I, 870. R. Koepke, Hrotsuit 
von Gandersheim S. 254, der aber den angefahrten Satz mirsyerstanden hat 



Papyrus. 109 

wenn es yon Sergius 11 Schreiben darin heifst: Cujus lüteras 
qtMfnvis in papiro secundum priscam apostolicae sedis consiAe- 
iudinem scriptas habeam, etc. Besondere merkwürdig aber ist 
eine Bulle Johanns X für das Kloster St. Gallen, vom Jahre 
920 y 2728 bei Jaffe, welcher mich einst darauf au&ierksam 
machte.^) Da heilst es: In hoc etiam petitionihus religiosi epi- 
scapi {Salomonis Constant.) venerdbüibus legatis hoc suhnixe 
supplicantibus [ut] contra consuetudinem nostram curia Romana 
cum seriptis notariis permutaiis conscribi haec in pergameno, 
quod secum detulerant, concessimus^ et ut non dubitaretur de 
ipsis quae scripta sunt, anulo nostro subtus sigillari jussimt^. 
Ich habe zu dieser Bulle , welche nicht im Original vorhegt, 
wenig Vertrauen, und vermuthe in diesem, wie in dem vorher- 
gehenden Falle eine Fälschung aus dem Grunde, weil man eine 
Bulle mit dem gewünschten Inhalt nicht besafs. Da man aber 
weder das gewöhnUche Material (papyrus) besais, noch die 
Schrift der römischen Kanzlei {scripta notaria) nachmachen 
konnte, auch die Bleibulle nicht zu schaffen wufste, so half man 
sich durch diese Fiction. Eben dadurch aber tritt uns die That- 
sache recht lebhaft entgegen, dafs man im 10. Jahrhundert 
Papyrus als das für päbstUche Bullen ausschliefslich gebrauchte 
Material kannte. In Saint-B^nigne de Dijon half man sich im 
11. Jahrhundert in anderer Weise, indem man eine alte Bulle 
zerschnitt und zwei nachgemachte auf die Bückseite schrieb, ein 
Betrug, den erst L. Delisle aufgedeckt hat^) So läfst auch 
Donizo I, 671 (MG. SS. XII, 635) Mantua sagen: 

Lex mihi privata, Benedictus quam mihi papa 
Prebuit in carta carecti fortiter ampla. 

Es ist eine BuUe von Benedict VII gemeint, vom 29. Dec. 975 
(Jaffe-Loew. 3787). Und von dessen Vorgänger Johann XTTI 
heifst es im Chronicon Mosomense^) z. J. 972: Accito notario 
et secundum Romanae dignitatis consuetudinem paratis seriptis- 
que ex papyreo tomo chartis, fecit Privilegium^ Eine Bulle 



>) Neugart Cod. Dipl. Alem. II, 11. Wartmann II, 378. J.-Loew. 4265. 

•) M61. pal. p. 37—52. 

») D'Acherj, Spicil. I, 670 ed. II. 



■.<1 



110 Schreibstoffe. 

für Lobbes von 973 war schadhaft geworden, quia papyro fuü 
conscriptum. ^) 

Eine schöne Bulle Stephans Y für Herisi vom J. 891 
(Jaff^-Loewenl 3468) ist im sogenannten Kopp'schen Apparat 
ganz facsimiliert^); andere sind in der Sammlung von Cham- 
pollion-Figeac u. a. nachgebildet Erhalten sind aber nur wenige, 
weil der Stoff viel vergängUcher ist als das Pergament, und vor- 
zügUch keine Feuchtigkeit vertragen kann. Sehr häufig sind 
deshalb die von Marini gesammelten Beispiele von Bullen, die 
ihres beschädigten Zustandes wegen von späteren Päpsten er- 
neuert wurden. 

Der Gebrauch bis auf Victor 11 ist schon im Nouveau 
Traitö I, 498—500 erwiesen; nur 967, als der Pabst in BÄvenna 
war, hat er Pergament gebraucht Darauf ist das erste sichere 
Beispiel von 1013. Augenscheinlich ging um diese Zeit der 
Stoff aus und man bequemte sich zum Pergament Damit 
wechselt nun noch Papyrus, bis es 1057 zuletzt vorkommt Man 
mufs bis dahin noch alte Yorräthe gehabt haben; Fjinfiihr aus 
Sicilien weist Karabacek durchaus ab. Aeltere Pergament- 
bullen, welche gewöhnlich als Originale in den Archiven gezeigt 
werden oder wurden, sind entweder unecht oder gleichzeitige 
Copien. In der Begel verfertigte man nämlich bald Abschriften 
nicht nur wegen der Zartheit des Stoffes, sondern auch weil die 
ganz eigenthümUche Schrift so schwer zu lesen war; die Ab- 
schriften haben die Gestalt und Schrift der gleichzeitigen Ur- 
kimden, und passieren deshalb häufig als Originale. Man er- 
kennt sie aber leicht an dem Mangel der Bulle, und gewöhnlich 
fehlt ihnen auch die ganz unten am Bande stehende Datum- 
zeile, weil diese durch das Gewicht der Bleibulle am ersten der 
Zerstörung ausgesetzt war oder auch übersehen wurde. 

Ich übergehe die libri lintei, die nur aus der römischen 
Yorzeit erwähnt werden. Dafs man auch auf Baumbast ge- 



») Gesta abb. Lob. MG. SS. XXI, 308. 

*) Tychsen a. a. 0., S. 14ö ff. berichtet, dafs sie durch Leist 1813 für 
die Gott -Univ.- Bibl. erworben und auf Leinwand gezogen war. Auch 
St Michael in Hildesheim hatte eine Pap. Balle gehabt, die längst ver- 
loren war. 



Leder. 111 

schrieben hat, beweist das Wort liber, aber was man dafür aus- 
gab, ist, wie oben schon erwähnt, Papyrus. Ein Stoff dieser 
Art liels sich, wie Wiesner nachgewiesen hat, aus Bast nicht 
herstellen, und es kann nur ein sehr mangelhafter Schreibstoff 
gewesen sein. Falmblätter der Art, wie man sie in Asien ver- 
wendet, gab es in unserem Bereich nicht; auf Blätter konnte 
man höchstens einen Namen ritzen, wie beim Petalismos. Die 
Angabe bei PUnius Xm, 11, 21 nach Yarro: in palmarum 
foliis primo scriptitcttum kann sich nicht auf ItaUen beziehen, 
und es ist daher unwahrscheinlich, dafs die erst spät vor- 
kommende Bedeutung der Worte g)v3iXov und folium daher 
stammt 

5. Leder. 

Leder ist im Orient seit uralten Zeiten zum Schreiben ge- 
braucht worden; so beruft sich Ktesias auf die öi^&eQai ßa- 
öiXixal der Perser (Diodor. ü, 32), und ihre heiligen Schriften 
sollen auf 1200 Ochsenhäute geschrieben sein. NatürUch theil- 
ten auch die Griechen diese Gewohnheit, imd als der bequemere 
ägyptische Stoff das Leder verdrängte, übertrugen die lonier 
darauf den Namen öi^d^igai, der ihnen einmal geläufig war 
so wie er auch später auf das Pergament überging. Herodot 
y, 58 sagt zwar: xal rag ßlßkovg öitpd-igaq xaXiovöiv ano 
xakcLioZ ol "IcüVBq, ort xore kv öxävi ßlßXmv ixQiovxo öup- 
^iQX^Oi cäyi^cl ze xal oli^öi' in 6h xal z6 xaz ifie jtoXkol 
XiDV ßoQßcLQWV Iq TOiavTog ÖLtpd^iQaq ygatpovCiv. Es ist aber 
einleuchtend, dals eine vorübergehende Benutzung des Leders 
zum Schreiben den altherkömmUchen Namen nicht verdrängt 
haben würde, sowie auch der ganze geschichtUche Zusammen- 
hang zu der oben gegebenen Erklärung 'führt Nur die lonier 
hatten sich schon mit der Kunst des Schreibens befafst, bevor 
die ägyptische Waare bekannt wurde; die übrigen Griechen 
lernten diese und die Schreibkunst gleichzeitig kennen, und 
wu&ten daher nichts von 6tg>9^iQaiq, 

Strabo XY, 1 berichtet nach Nicolaus Damascenus von 
einer Gesandtschaft der Inder an Augustus, und sagt von deren 
Briefe: xtpf 6* kxiCtolrv eXltpfl^eip tv öitpd'iQa yiyQafifiivrjv. 



112 Schreibstoffe. 

Die Juden behielten den asiatischen Grebrauch, und die 
Gesetzesrollen in den Synagogen sind noch jetzt auf Leder ge- 
schrieben. Nach Josephus Antt Jud. XII, 2 erhielt Ptolemäus 
Philadelphus vom Hohenpriester Eleasar, den er um eine Ab- 
schrift der heiligen Schriften der Juden ersucht hatte, ein mit 
goldenen Buchstaben geschriebenes Exemplar, und konnte dieses 
Kunstwerk nicht genug bewundem: ztöv öi^d-egdSv alg fy/s-- 
YQafifievovg elxov rovg vofiovq xQvöolq ygafifiaöiv. Er be- 
wunderte vorzüglich die Feinheit der Häute, und die un- 
merkliche Zusammenfugung derselben zu einer groisen Bolle: 
d-anfiaCaq r^q loxvorijTog rovg vfiivag xal rfjg Ovfißok^g ro 
avejtlyvcDCxov. 

Theodoret im 5. Jahrhimdert bezeugt den Gebrauch der 
Rollen bei den Juden seiner Zeit, im Commentar zu Pauh ep. 
ad Tim. 11, 4, 13: Mcfißgavag ra elkfiza xixXfjxev ovrco yag 
^Pcofiatoi xaZoZöi ra öigfiara. iv eUtjTOlg dh elxov JtaXai rag 
d-slag YQaq>dg' ovrtD dh xal (iixQ^ "^^^ üiaQovrog exovciv ol 
^lovöaloL Der hebräische Name ist megülah, von galal, roUen. 

Ein solcher Pentateuch befand sich in der BibUothek des 
M. C. de la Sema Santander, deren Katalog 1803 gedruckt 
ist, und wurde 1809 für 600 Francs verkauft: 'il est ^crit sur 
57 peaux de cuir oriental, cousues ensemble avec des filetö de 
la meme mati^e, formant en total un rouleau ou volumen long 
de 113 pieds de Paris. Les caract^res sont gros et d'une belle 
forme carr^e sans points voyelles; les colonnes ont 18 ä 19 
pouces de hauteur sur 47» de largeur.' ^Deux grans rooles de 
la loy Moyses' u. a. hebr. in der Bibl. Karl V von Frankreich, 
Eevue bist. VII, 369. 

Den Pentateuch bei den Dominicanern in Bologna, welcher 
für das Autograph des Esra galt, beschreibt Montfaucon im 
Diarium Itahcum p. 399; mehrere C. Paoh, Progr. scol. 11, 42. 

In ähnhcher Weise sind die Gesetzesrollen geschrieben, 
welche bei Schwarz de omamentis librorum abgebildet sind, 
und die Fragmente eines hebräischen Pentateuchs auf 11 Blät- 
tern jetzt dunkelbraunen, dünnen Schaf leders, etwa aus dem 
15. Jahrhundert, welche in dem sogenannten Grabe Absalon's 
geftmden sind und sich jetzt in Berlin befinden. Ms. or. fol. 442. 



Pergament. 113 

Im Catalogue of the Curzon library, Lond. 1849 fol. wer- 
den 2 hebräische Eollen auf braunem Leder aufgeführt, aber 
auch eine auf Pergament So ist auch die Thora der Marien- 
bibliothek in Halle auf Pergament geschrieben, und eine in 
München von 44 Ellen Länge, s. Rockinger, Zum baier. Schrift- 
wesen S. 64. 

Unter den sehr merkwürdigen Bildern in dem Chartular 
des Erzbischofs Baldewin von Trier, welche die Geschichte 
Heinrichs Vil darstellen, befindet sich auch eine Abbildung 
der EeierUchkeit, bei welcher Heinrich nach der Kaiserkrönung 
den Juden zu Bom ihre Privilegien bestätigt, indem er ihnen 
als Symbol eine solche Gesetzesrolle überreicht (dans Judeis 
legem Maisi in rotulo). Dominions, Baldewin von Lützelburg 
S. 118. Ausgabe mit den Bildern von Lmer. ^) 

In Irland wird eine Kuhhaut als Schreibstoff erwähnt, 
wovon das Buch cuilmenn heifst, und auch bei uns hat sich bis 
in neue Zeiten der sprich wörtUche Ausdruck erhalten: ,Das 
kann man auf keine Kuhhaut schreiben.' Vgl. Grimmas Wörter- 
bach 8. V. 

6. Pergament 

Als König Eumenes II (197 — 158 a. Ch.) in Pergamus 
eine grofee Bibliothek anlegte und so als Nebenbuhler der Ptole- 
mäer auftrat, verboten diese aus Eifersucht die Ausfuhr des 
Papyrus. So erzählt Plinius XIII, 70 nach Varro; es wird 
aber wohl Fabel sein, da die Störung in allen Verhältnissen 
und der Ausfall in den Einnahmen gar zu grofs gewesen wären. 
In Folge davon, oder wohl richtiger aus anderen Gründen, 
wandte man sich wieder dem altasiatischen Schreibstoff, den Thier- 
häuten, zu und verbesserte die Zubereitung derselben so sehr, 
dafe sie in dieser neuen Gestalt als charta Pergamena bezeichnet 
wurden,*) Der Unterschied besteht darin, dafs die Haut von 



*) C. Paoli im Arch. stör. Ital. VIII, 285 beschreibt eine Florent. 
PriTaturkunde y. 1243 aaf Leder, allein nach erneuter Untersuchung scheint 
es nur schlecht bereitetes Pergament zu sein. Progr. scol. II, 42. 

*) In einem alten Wörterbuch ^Serapeum XXIII, 211) heifst es: Carla 
tice pergamenum, perment, est pellis per opus artificis dealbat a, ut sit 
Wattenbftch, Schriftweten. 8. Aufl. 8 



114 Schreibstoffe. 

Haaren befreit, mit Kalk gebeizt, aber nicht gegerbt wurde, und 
daher nicht weich war. Die Oberfläche wurde glatt und weifs 
zum Schreiben eingerichtet. Man konnte diesen neuen Stoff 
auf beiden Seiten beschreiben, und dadurch entstand eine ganz 
neue Form der Bücher. Griechisch nannte man ihn ocofidriov,^) 
rä öcifiara, cmfiarta, öigfia; auch der alte Name öupd-igai 
wurde auf den veränderten Stoff übertragen,*) und das lateinische 
Wort membranae wurde ebenfalls von den Griechen gebraucht 
So schreibt der Apostel Paulus an Timotheus ü, 4, 13: xov 
q)sX6vtjv ov ajciXijtov Iv TQcpaöt Jtagä KaQütca, kgxo/devog qiige, 
xäi ra ßißXla, fidXiöra rag fisfißgavag. In der Vita S. Nili 
(Acta SS. Sept VII, 303) lesen wir, dafs Nilus vom Abt nach 
Rossano geschickt wurde ayogaöac fisfißgavag. Auch jtegyafifjvi] 
kommt vor. Als Constantin in seiner neuen Kesidenz Kirchen 
erbauen liels und dieselben mit Büchern versehen wollte, beauf- 
tragte er damit den Eusebius: o:^<6g av jtepnjxovta Ccofidtia 
iv 6iq)d'eQaig eyxaraöxsvoig , evavayvmöxd re xal xgog rf/v 
XQfjOiv evfiBTaxofiiCta, vjto rexriTiov xaXXiygdgxDV xal dxQißcog 
T^v rix^v ijtiorafiivcop ygafpffvai xeXevöeiag' rdov d-el<ov 
ÖTiXadfj ygagxDv. Eusebius führte den Auftrag aus: ravra fihv 
ovv ßaOiXevg diexeXevaro' avrlxa d* egyov ijtTjxoXovB-et rc5 
Xoycp iv jtoXvreXcog rjaxfj/iivoig vevxsci rgiööd xal rsTgaöod 
duxjt£iitpdvTa)v ^ficov, Eus. Vita Const IV, 36. 37. 

Hier sind omiidzia Bücher, aa)(idria iv 6iq>MQatg Codices 
membranacei Anders in den Acten der Synode von 680: 
ßcßXlov iv öcifiaöL Hier ist der von der Form hergenommene 
Name schon auf den Stoff übergegangen. 

Johannes Chrysostomus *) tadelt die Leute , welche die 
christiichen Bücher besitzen, aber nicht lesen : xal rj Jiäca 
avtotg ojcovö^ xegl xijv t<5v vfiivoiv Xsjtrozfjra xal rcov 



apta pro litteris ex incausto desuper scrtbendis. Nach Birt kommt das 
Wort pergamena nicht vor dem 4. Jahrh. vor. 

^) iv awfiaxlio im Gegensatz zu ^v x^Q'^^V führt Birt S. 42 aus den 
Briefen des h. Basilius an. 

') önp&egaQiq membranarius in dem alten Glossar Not et Extr. XXIII, 
2, 535. Man sagte auch memhranum und metnbrana. 

•) Hom. in Joh. 33, Migne LIX. 



Pergament. 115 

ygafifidrov t6 xaXZog. Sehr merkwürdig ist der von Lam- 
bros^) mitgetheilte Brief des Maximus Planudes im 14. Jahr- 
htmdert an Melchisedek: ^jteiäTj xad-djta^ vjiiorriq fjfilv tä 
xaxa fiBfißgavag vjtfjQsrijOaad'at , navxcoq av dvaoxoio xdv bI. 
n XQoaejtiorelXfDfiev , ovä* ox^ijQOV t] övox^QBg cot xo yQatpo- 
fisvov öo^siev, coq öel ravraq elvai Zsjtrdg, fii^Jicog i^ 6Xly(DV Jta- 
XBiav xal YaOTQcidfj avv^cofisv ßlßXop, dXX' ix jtoZXcov IcxvoxiQav 
xal mq g>dvai tv^covorigav, €ti [hjö' o>c5 xavtaq JtSQixexQlod^ai, 
oxBQ al xad^ovöai öixovxat (dhv sjtl xov coov xd yQdfifiaxa, 
avx i<p^ eavxcov el 6e jcov vöcoq &Bdoovxai, avxlxa övv to5 
aJc5 xal xd yBYQafifiiva djtixxvCav xal djcBxivd^avxo , xal 6 
xov ygdipovxoq jtovoq slq diga g)Qov6og IxatQrjOB. To ydg <p6v, kv 
(iBxaiXfiifp x(5v xs ygafifidxov xal xrjg (dBfdßQdvr/g xbI/ibpov, 
IxBiddv bcxkvodfi OvvBxxkv^Bc kavxfp xal xd yByQa/d/iiva. 
'ExBfiq}^ 601 ÖB xal ovo fiixga diq>vXXa)P öid xovxov 6rj xov 
xoQOVXOg, dp ixl (ihv d^axigm xtp (ibI^opi (iB/ißQdpag mprjOi] 
fuxgdg xov fifilöBog xifiij/iaxog, 6lq)vXXop tp Bxdcxrjg dxodiöovOTjg, 
(Dg x6 XB fi^xog OQag xal xo xXdxog' ixl 6k xw Xomcp x(p 
iXdxxovi xov Xoixov xififjfiarog (joprjöy fiBl^ovg wg hxdöXTjv Big 
ivo 6lq>vXXa xifiPBO&ai, xov /iijxovg xdt^avd^a xdXip jiagopxog 
vfilp xal xov xXdxovg öid xov (lixQOv. Wir erfahren also hier- 
dmchy wie man das Pergament mit Ei behandelte, was Planudes 
nicht zweckmäfsig fand, und etwas über die Art des Verkaufes. 

Der italienische Ausdruck carta di pechora, jetzt carta- 
pecaraj findet sich schon im Inventar der Bücher des Cynus 
von 1337, bei Savigny, Gesch. d. röm. Hechts im Mittelalter, 
1. Ausg. m, 559; pecorintis s. oben S. 61.') Auch cartas de 
cario finden wir in Monte Cassino bei Caravita II, 281, 
BibL Casin. I, 127, in einem Kaufcontract vom 17. Juni 1339 
vor Siebter und Notaren. Es wird doch auch nur Pergament sein. 

Aufser den verschiedenen Entstellungen des lateinischen 
Wortes Pergamen*) finden wir im südlichen Deutschland auch 



*) JeXtlov t§c laro^tx^g xal i&voXoyixrjg hraiglaq x^iq ^EXXdSog II, 5 
1885) S. 62. 

*) 20 cartae peeorincLH^ Mitth. d. Inst 11, 119. 

*) Z. B. waere der himd permU und daczuo dcuf ertrich tvit, tmd 

8* 



116 Schreibstoffe. 

den Ausdruck hwchvelj buch f dl, puchvd, wovon der bald zu 
erwähnende Name der Bereiter desselben abgeleitet wird, ebenso 
angelsächsisch boc-fd, ^) Davon entstellt (?) böhm. biflptich. 

Man zog Pergament für Bücher dem Papyrus vor, weil es 
dauerhafter war. So schrieben im 4. Jahrhundert zwei Priester 
die beschädigten Bücher der Bibliothek des Pamphilus in Cae- 
sarea auf Pergament um: Quam ex parte corruptam Acacius 
dekinc et EueoifAS, eiusdem ecdesiae sacerdotes, in menibranis 
instaurare conati sunt. Hieron. ep. 141. Aufserdem fiaXste ein 
Pergamentband, denn gerollt wurde es seltener, mehr als die 
Bollen, was besonders Martial in seinen Epigrammen hervorhebt 
Bei einer Bolle bringt es die ganze Einrichtung mit sich, dafs 
sie nur auf einer Seite beschrieben wird; das Lesen auf beiden 
Seiten wäre höchst unbequem,*) und die äufsere Seite leidet 
durch das Angreifen mit den Händen. Das festere Pergament 
dagegen wurde in Buchform natürlich auf beiden Seiten be- 
schrieben, und war zum Blättern und Nachschlagen bequemer, 
man konnte anch Zeichen einlegen. Papyrus aber verträgt 
solche Behandlung nicht gut Auch liefs sich auf Pergament 
gröfsere Pracht entfalten. Wir haben aus den ersten Jahrhunderten 
eine ganze Anzahl von Prachthandschriften und Fragmenten 
derselben, das Pergament ist sehr sorgfältig bereitet, theils dick 
und stark, theils sehr weifs und fein. Hieronymus rühmt baby- 
lonisches Pergament als besonders kostbar.^) 

Im Mittelalter unterscheidet sich das italienisch -spanische 
Pergament vom deutsch -französischen dadurch, dafs die beiden 



(üle Sternen pf äffen die got hat geschaffen, si hünden nicht geschrihen 
daz wunder von den toiben. Freid. 104, IIa — g. 

») Th. Wright, A volumn of vocabularies (1857) S. 46 u. 75. Fran- 
zösisch kommt auch alue (aiuta) dafür vor. Im Roman de la Foire (ed. 
Stehlich, Halle 1881) des Tibaut kommt Biaut^ als Botin zum Dichter 

(Z. 839): 

Sanz parchemin et sanz alue 

Me dit que Amors me salue. 

') Auch wo es bei den anders eingerichteten mittelalterlichen Rollen 
ausnahmsweise vorkommt, ist es unbequem. Wie man die Rückseite zu 
Adversarien benutzte, zeigen die ägyptischen Funde sehr deutlich. 

") £p. ad Laetam c. 4 (Migne 22, 871). 



Pergament 117 

Seiten verschieden sind. Abgesehen von dem feinen müch- 
weiüsen Pergament der päbstlichen Breven suh annulo pisca- 
toris, ist bei Urkunden regelmäfsig die Bückseite gelb oder 
grau, die innere sehr weifs und glatt; in späterer Zeit hat es 
einen kalkigen Ueberzug, der oft von der Tinte zerstört ist, so 
dafs nur die Furchen übrig bleiben. Auch fällt durch Feuchtig- 
keit zuweilen die ganze Oberfläche ab. Man nennt daher die 
Innenseite cdbum; ein notarieller Vermerk vom Jahre 1467 auf 
der Rückseite eines Erlasses der römischen Curie besagt, dafs 
die liUerae executoriäles in albo praesentium scriptae publiciert 
seien, Cod. Dipl. Silesiae 11 , 194. Das deutsche Pergament 
dagegen ist auf beiden Seiten kaum verschieden. 

Man war sich dieses Unterschiedes sehr wohl bewufst; im 
Jahre 1246 schrieb der Dechant Albert von Passau an den 
flrzbischof Eberhard 11 von Salzburg: Consulo tU in continenti 
sine more dispendio dominum Fridericum de Leibnia cum vestro 
sigiUo sive bulla cum pergamena teutonica atque cera ad curiam 
transmittaUs Romanam, ut ibidem littere ordinentiir, Hoefler, 
Alb. Bohemus p. 111. Die Benutzung von itahenischem Per- 
gament würde die Urkunde, welche ausgefertigt werden sollte, 
verdächtig gemacht haben. 

Doch kommt auch in Frankreich und im Bheinland viel 
Pergament itaUenischer Art vor; es wird wohl Gegenstand des 
Handelsverkehrs gewesen sein. Häufig ist es in der kaiserhchen 
Kanzlei verwendet worden, besonders zur Zeit der Römerzüge 
und imter den Staufem, unter welchen überhaupt die päbst- 
liche Kanzlei, auch in den Formeln der Urkunden, eine starke 
Einwirkung übte. 

Bei dem Pergament, welches zu Büchern dienen sollte, 
mufste natürlich der Unterschied weniger stark sein, und einige 
Verschiedenheit der glatteren Fleischseite und der Haarseite 
ist auch bei dem deutschen Pergament häufig wahrzimehmen.^) 
Bei den Griechen, wo der Unterschied wenig in die Augen 
lallt, hat man beobachtet, dafs je zwei Fleischseiten und Haar- 



') In dem £yang. Angariense saec XI in Berlin (Ms. fol. Lat. Theol. 1) 
sind manche Blätter ganz wie italienisches Pergament, dazwischen andere 
auf beiden Seiten gleich, streifig und rauh. 



118 Schreibstoffe. 

Seiten zusammentreffen; die Linien sind auf der Haarseite an- 
gebracht ^) 

Dasselbe findet sich auch in lateinischen Handschriften; 
gewöhnlich ist die erste Aufsenseite eine Haarseite; bei den 
Griechen ist das umgekehrt, und so auch bei den Humanisten. 
Im Mittelalter hat man keine feste Regel befolgt') In Italien 
und Spanien ist der Unterschied bedeutender und regelmäfsiger; 
so schon bei den Fragmenten westgothischer Handschriften in 
Berlin aus dem 9. Jahrhundert, bei der Lex Eomana Burgun- 
dionum saec. IX. Cod. Lat fol. 270. Durchgreifende Begebi 
lassen sich schwer aufstellen: durch längere üebung wird man 
aber in den meisten Fällen den Unterschied mit ziemlicher 
Sicherheit erkennen können.*) Die Ursache hegt wohl theils 
in einer abweichenden Art der Bereitung, theils darin, dafs man 
dort mehr Ziegen- und Hammelfelle, in Deutschland mehr 
Kalbsfelle verwandte, deren dickeres Leder, auf beiden Seiten 
mit Bimstein abgerieben, wovon die feinen Furchen oft sehr 
deutlich sichtbar sind, das vüulinum, velin, vellum gab. Man 
unterscheidet davon das aus Schaffellen bereitete parcheminy 
parchment. Shakspere freihch macht den Unterschied nicht, 
Hamlet V, 1: „Is not parchment made of sheep^skins? Ay 
mylord, and of calf-skins too}^ Aber schon in einer Anweisung, 
die sich in einer Handschrift des 15. Jahrhunderts findet, wie 
man Schrift ohne Bimstein fortschaffen könne, ^) heifst es am 
Schlüsse: ,yTh%s medecyn ymade unth chese or mylJce of a kow, 
is good for vdyn^ and of a sepe, good for parchement" 

In den Niederlanden kommt häufig vor francenum oder 
froncenunij aus Schaffellen bereitet nach dem livre des Mestiers 
(Paris 1875 ed. Michelant), einem französisch-flämischen Ge- 
sprächbuch des 14. Jahrhunderts. B 3 b heifst es: 

») C. R. G. im Lit. Centralbl. 1880 Sp. 1410. 

') Gregory, Les cahiers des mss. grecs, Compte-rendus de T Ac. des Inscr. 
1885, S. 261—269. Karl Dziatzko, Centralbl. f. Bibliothekswesen 1892, S. 342. 

') Daran mulis ich gegen den Widerspruch Sickers, Urkunden der 
Karolinger I, 288, festhalten. Ebenso Bresslau, Urkundenlehre I, 888. 

*) Wright and Halliwell, Reliquiae antiquae I, 108. Petrus de Dene, 
Domherr zu York, vermachte 1321 decreta mea in vitulinio, in corio ligctta. 
Du Gange s. v. 



Pergament. 119 

des piaus de brebis van scaeps Teilen 

fait on franchin maekt men fronsiin. 

Vom Pergament wird es unterschieden in den Versen D 3b: 

Georges li librairiers Goris de liberaris 

ha plus de Uvres heeft meer bouken 

qne tous cheauls de la yille, dan alle die van der stede, 

et si vend pennes d'auwe ende hi vercoopt gansepennen 

et pennes de chisne, ende swanepennen, 

et si yend fronchin ende hi vercoept fransiin 

et parchemin. ende perkement 

Sehr häufig kommt es {froncenum, fronseyn) vor in den 
Rechnungen aus dem 14. Jahrhundert (Werken van het bist 
(Jenootschap gevestigd te Utrecht, N. S. n. 26, Utr. 1878»); 18 
und 15 den. für 3 Dutzend kommen vor. Auch in der Windes- 
heimer Chronik finden wir es, von Pergament unterschieden.*) 
In Z wolle 1509: üem alle onse privüegia ende stcUr echten haben 
foij doen copiren ende hynden in francijne, gecost facit lORhfl. 

Das feinste Pergament gaben die Häute ungeborener Läm- 
mer; es ist sehr dünn, weifs und glatt, konnte aber immer nur 
zu ganz kleinen Handschriften dienen. Es scheint, dafs man 
dabei unterscheiden mufs. Die Charta non nata und virginea 
wurde zu Zaubermitteln benutzt Schon in der spätrömischen 
Medicina Plinii kommt vor: In charta virgine scribis quod in dextro 
brachio ligatum portet ille qui pcUitur, ^) Und in einem Zauber- 



>) S. 44. 45. 202. 376. 440. Mitth. von K. Koppmann. 

*) In der Ausgabe von Grube S. 118. 125. 158 (in franceno et pro 
parte in pergameno). 192. Dordrecht sorgte im 14. Jahrh. für alles was 
die Schule braucht, u a. hoekskens, francijnen. Moll. Kerkgesch. III, 2, 
253. Oudemans, Bijdrage tot een middel- en oudnederlandsch Woorden- 
boek (Amh. 1871) S. 335 erklärt francijn, Fransch perkamentf aber es 
scheint nicht kostbarer als gew. Pergament gewesen zu sein. 

') Valentin Rose im Hermes VIII, 2b, Daselbst S. 49 Anm. e cod. 
S. Galli saec. X: ,^d capitis dolorem. Ascribes in papiro ferarum no- 
mina et ad capnd ligabis^' Im Cod. lat. Monac. 18628 saec. XI. aus 
Tegemtee wird gerathen, um jeder Bitte Gewährung zu erlangen, scrtbe 
hos carctderes m manu sinistra. Und „üt nemo contra te prevaleat, has 
caracteraa scribe in Unteo mundo et semper tecum habeas.'' Es folgen 
einige halb ausgekratzte Zeichen. Von einer solchen Zauberformel auf 



120 Schreibstoffe. 

mittel des 14. Jahrhunderts: scribe nomina in pergamenum vir- 
gineum,^) In Siena war es daher verboten, Charta non noita 
zu machen. *) Antoninus von Florenz im 15. Jahrhundert schreibt 
in seiner Schrift de instructione confessorum die Frage vor: Si 
super se portavU cartam scriptam quae dicitur S. Ciprianij vd 
cartam non natam, vel virgineam, vel aliquod simüe ob spem 
sanüatis vel alterius cujuscunque superstitionis. Aber es wurde 
doch auch die charta virginea viel zu wirkUchen Schreibzwecken 
für sehr feine Handschriften gebraucht Ein Mönch von Wilhering 
bestellte sich im 14. Jahrhundert in Passau qu^ttuor cuttas per- 
gameni de recentiori et unam virgineam.^) In grofser Menge 
wurde es in Tegemsee verbraucht*): es war das feinste Perga- 
ment, welches noch heute Jungfempergament heüjst*) Drei 
Sorten finden wir in einer Bechnung von 1501: vj häuttlan 
junckfra pergamen, vnd sunst xxxviiij haut gmains pergamen, 
vnd ain haut coopertorj, d. h. zum Einband, die sonst auch ain 
hapertt haut heifst In dem merkwürdigen XX artium liber des 
Paulus Paulirinus in Krakau heifst es ®) : Pargamenista est artifex 
conficiens 'pargamenum ex cutibus vitulomm et aliorum pecco- 
runtf cujus eciam interest subtüe pargamenum, quod dicitur 
virgineum, pr eparare et membranas de ctdiculis et cooperturas 
et Utumen (Leim) cujuslihet generis, seil, grossum et subtile, 
cujus instrumenta sunt calx, cinis, falcidrum, culcitra, tendi- 
culum, coSf lunellarium, predsorium, urcinolla et cUia. 

Ein ebenso thörichtes wie weit verbreitetes Vorurtheil 
macht die Esel zu Trägem der litteratur, mit welcher doch ihre 
Felle nichts zu schaffen haben.'') Herodot (oben S. 111) nennt 



Jungfrauen pergamen aus Tabemaemont. Kräuterbuch s. Verhandl. d. Berl. 
Anthropolog. Ges. 1881, S. 86. Mit Butter auf Brod für Schweine Anz. 
d. Germ. Mus. XXV (1878) S. 48. 

») Anz. d. Germ. Mus. XVIII, 301. 

■) G. Paoli, Progr. scol. II, 44. 

•) Czemy, Bibliothek von St. Florian S. 62. 

*) Rockinger S. 16—18. 

^) Nach dem Art. Perg. bei Erünitz von jungen Böcklein gemacht. 

*) Job. Kemke im Centralbl. für Bibliothekswesen VII, 147. 

^) C. Paoli, Progr. scol. II, 44, citiert eine Klage des griech. Mönchs 
Planudes, dafs man ihm Pergament geschickt habe, so schlecht, dafs es ihm 



Pergament 121 

Schafe und Ziegen als die Thiere, deren Felle von den loniern 
benutzt wurden, und Augustinus contra Faustum XIII, 18 und 
XY, 4 bezeichnet coria agnorum als das gewöhnliche Schreib- 
materialJ) Schaffelle nennt Martianus Capella 1. 11. § 135: 
Cemere erat qui libri quantaque volumina^ quot linguarum 
opera ex ore virginis defluehant. Alia ex papyro quae cedro 
perlüa fuerat^ videbantur; alii carbasinis voluminibus compli- 
cati libri f ex ovülis muUi quoque tergonbus, rari vero in phi- 
lyrae cortice subnotati. Auch Milo von Saint- Amand sagt in 
seinem Werke de sobrietate*) 1. 11, c. 21: 

Haec mea verba tuo, lector, si in corde ligentur. 
Et teneant fibrae quod ovis membrana resultant, 
Non expers virtutis eris. 

Der Schottenmönch Sedulius in Lüttich, in der zweiten 
Hälfte des 9. Jahrhunderts, sagt zu einem Hammel'): 

PeUis et exuviis sit kartula famaque perpes, 
Nomen sparge polo pellis et exuviis. 

Zu dem Schreiben des Kalifen Abderrahman, welches dem 
Abte Johannes von Gorze 955 in Cordova überreicht wurde, 
war ein ganzes Hammelfell genommen: cartae magnitudo, nam 
quadra pellis vervecis erat. Vita Job. Gorz. c. 124. MG. SS. 
IV, 373. Auch Batherius de contemtu canonum (Opp. edd. 
Ballerini p. 347) schreibt: Quod in pelle ovina scribitur, idem 
et legitur. In einer Handschrift saec. X. heilst es in Versen 
über die Mondphasen mit Abbildungen *) : 

Quod depinxi coloratim, de iuco dissimili, 

üt quod agis, o Sehna, in sublimi aethere. 

In membrana foret palam, quam dat ovis mortua. 

vorkomme wie »,pelli d'asino e non di pecora, piü atte a fame scuti e 
tamburelli, che non codici/' 

') Opp. ed. Maur. VIII, 263. 274. Ziegenfell scheint er S. 274 als 
den gewöhnlichen Einband zu nennen. 

*) Herausgegeben von Desplanque, £tiide sur un poeme inädit de 
Milon, Lille 1871. 

*) In seinem Gedicht de trtbus multonibus, Sedulii Scotti carmina 
XL, ed. Dümmler (HaUe 1869) p. 10. MG. Poet lat III, 178. 

«' Tai. Rose, Yerz. d. lat. Meerman- Handschriften (Berlin 1892) S. 309. 



122 Schreibstoffe. 

Ein Hildebert zugeschriebenes Epigramm^) lautet: 

Vilior est humana caro quam pellis ovina, 
Si moriatur homo, moritur caro, pellis et ossa; 
Si moriatur ovis, nimium valet ipsa ruina: 
Extrahitur pellis, et scribitur intus et extra. 

Kalbspergament finde ich zueret erwähnt in einer Formel 
des 9. Jahrhunderts*): rescribaSj ni grave fuerü calamum tin" 
guere, tindumque in vUulino campo ovinoque trahere. 

In dem hübschen Gedicht Conflidus ovis et Uni, welches 
Hermann dem Lahmen von Reichenau zugeschrieben wird, aber 
wohl eher flandrischen Ursprunges ist, wird alles aufgefiihrt, 
wozu die beiden verwandt werden können. Da sagt die Lein- 
pflanze (Haupt's Zeitschrift für deutsches Alterthum XI, 224) 
V. 327: 

Quod parat interdum tergus sibi scriptor ovinum. 
Est equidem quaevis gloria, sed facilis. 

Justior haec vitulis, haec gloria justior haedis: 
Haedorum pelUs aptior his studiis. 

Ziegenfelle galten also hier für das beste Material,') ihnen zu- 
nächst die Kälber. Linnenpapier war offenbar noch unbekannt 
Auch Peter von Cluny nennt in der Stelle, welche unten 
beim Papier anzuführen ist, arietes, hircos et vittdos. Dagegen 
fehlen die Ziegen bei Reiner von Lüttich, der sich 1182 in 
einem Briefe an seinen Freimd Friedrich beklagt, dafs ihm 
dieser so lange nicht schreibe, qu<isi arietes, oves, vitulos Ar- 
duenna non haberet, de quorum solent pellibus confici perga- 
menae. MG. SS. XX, 615. Der Züricher Cantor Conradus 
de Mure beschreibt im 13. Jahrhundert poetisch die Bereitung 
des Pergaments aus Kalbsfellen. *) Umgekehrt bezeichnet Odo- 
fredus in der von Savigny, Geschichte des röm. Rechts III, 533 



») Ed. Hauröau, Not. et Extr. XXVIII, 2, 445. Neues Archiv XX, 641. 

*) Formulae ed. Zeumer p. 374. 

*) Im Jahre 1384 schenkte ein Pariser Pfarrer „ad opus puerorum 
chori quandam bibliam scriptam m pargameno caprino, ligatam inter duas 
asseres, coopertam de corio rubeo." Cartul. de Notre-Dame IV, 206. 

*) Gall Morel im Anzeiger d. Germ. Mus. XIX, 314. 



Pergament. 123 

angeführten Stelle das Ziegenpergament (scriptum in cartis 
edinis) als das gewöhnliche für die in Bologna so massenhaft 
zam Verkauf angefertigten Bechtshandschriften Im Inventar 
der päpsthchen Bibliothek von 1311 sind die meisten Hand- 
schriften in pMibus edulinis, andere in cartis pecudinis. ') 

Vorzüglich lehrreich ist die Stelle des Anonymus Bemen- 
sisy *) wo er von der Brauchbarkeit des Pergaments für Malerei 
spricht, die verschieden ist eo quod pergamenorum genera sunt 
divcrsay scilicet vitülinumy ovinum, caprinum. Pergamenum 
autem ovinum et vitulinumj quando unius est colaris, scUicet 
albi, tatum et planum et puichrum, ut puta ülud de Flandria 
et Normannia, etc. Dagegen ist ülud ovinum de Burgundia 
von verschiedener Färbung, paUidi et nigri et albi, und wird 
daher nicht leicht von Malern benutzt Diese Angaben lassen 
schon auf lebhaftien Handelsverkehr mit Pergament schliefsen. 

Verschiedene Thiere, auch Kaninchen^ Hasen imd Katzen, 
werden genannt in einem Zwiegespräch etwa saec. XIV, zwischen 
Brebis und Denier.') Jenes rühmt sich: 

En ma pel sont les oroisons 

Et toutes les beneiQons 

Dont sainte ygUse en est servie. 

Denier aber erwidert, dafs man seiner leicht entrathen könne: 

E n'est belin, chievre, chievriaus, 
C!onins, hevres et de chas piaus? 
L'en escrit bien en veelin; 
Certes miex vaut son parchemin 
Que le tien, ce set toz U mons. 

>) Mitth. d. Inst VI, 278 f. Mehr in dem grofsen Werk von Ehrle 
fiber die päbstl. Bibliotheken. 

*) Tiieophilus ed. Hg. I, 387, herausgegeben von dem Entdecker 
Herrn. Hagen. Daus der Anon. nicht „mindestens dem 9. Jahrh." ange- 
hört, beweist das Wort Normannia; die Handschrift aber soll aus dem 
11. Jahrh. sein. 

■) Ed. Jnbinal, Nouv. Recueil II, 271. — C. Paoli, Progr. scol. II, 
40 f&hrt Angaben über Bücher an in cavretto und de thauratino. Ün- 
möglidi kann das von Stierhaut sein. Nach Garini, La porpora p. 79 
(a. 1282 m pergamenia fhawra^ims) scheint es kostbar zu sein. 



124 Schreibstoffe. 

In Trier lieferten im 13. Jahrhundert die peremifUhuvere 
dem Notar des Erzbischofe das Pergament und bekamen dazu 
ovinas pelles. ^) 

Schafe werden deshalb als der Ursprung der Urkunden 
betrachtet in einem Gedicht des 15. Jahrhunderts, welches 
Dr. Kriegk in seinem Buch: Deutsches Bürgerthum im Mittel- 
alter (Frankf. 1868) S. 578—582 mittheilt Darin heifst es 
nämlich bei der Klage über die so häufigen Meineide: 
Darumb so ruwet mich daz was gar sere 
Und die hude noch mere, 
Die man verderbet zu solichen dingen, 
Daz neman keynen nocz kan gebrengen. 
Us dem was solde man kerczen machen 
Und yerbomen zu gotlichen sachen, 
Schaffhude die sulden wolle dragen, 
So endurfit neman nit von briffen clagen. 
Wohl nur bildUch schreibt 1466 in Brunn, in Bezug auf 
den Streit über die neue Schule bei St. Jacob, Johann Kregl 
an einen Freund: In ayner khuehawt möcJU yeh nickt gancz- 
lieh ewer wyrdikayt schrayhn maynes herzn hegyrlicMcayt.^ 

Von den ältesten griechischen, aus Aegypten stammenden 
Handschriften der heiligen Schriften wird behauptet, dafs das 
Pergament, von gelblicher Färbung, aus Antilopenfellen bereitet 
sei. In einem Kalender aus Cordova') vom Jahre 961 heifst es 
nach der alten lateinischen Uebersetzung im Monat Mai (S. 58): 
fitmt pergamene ex innulis cervorum et gazdorum, und zum 
18. Nov. (S. 106): Et festum ejus (AsiscH) est in ecdesia fa- 
cientium pergamena. 

Im späteren Mittelalter wird das Pergament in Italien 
anders als im Anfang bereitet; es hat oft eine grauliche Farbe, 
und ist bei einiger Uebung leicht von dem älteren zn unter- 
scheiden. Bei den Abschriften alter Autoren, welche im 
15. Jahrhundert mit genauer Nachahmung aller Eigenthümlich- 

^) Liber annalis im Mittelrhein. Urkundenbuch II, 401. 
*) Notizenblatt der bist stat. Section d. mähr. - schles. Gesellschaft 
(von d'Elvert) 1875 S. 39; vgl. oben S. 113. 

') R. Dozy: Le Galendrier de Cordoue de Pann^e 961, Leyde 1873. 



Pergament 126 

keilen der alten Schrift in Italien yerfertigt wurden, dient das 
Pergament zum Kennzeichen des jüngeren Ursprungs. 

Das Aufkommen des Papiers beschränkte den Gebrauch 
des theuem Pergaments, doch blieb es in Italien mehr als in 
Deutschland^) in allgemeiner Anwendung, und jene Bechts- 
faandfichiiften von den italienischen Universitäten sind nach 
Savignj III, 536 (578 ed. 11.) fiust ohne Ausnahme auf Perga- 
ment Die Pergamentmacher in der Stadt Bologna und deren 
Gebiet mufsten deshalb Caution stellen, dafs sie wenigstens '/j 
alles Pergaments im gewöhnlichen Bücherformat machen würden. 
Merkwürdig ist die Erklärung des Schreibers Petrinus in einer 
Handschrift des Novum Doctrinale vom M. Syon (Symon?) von 
Vercelli (f 1290): Nota presentem librum fore secundum ab 
exemplari exemplaium .... Hoc etiam nota^ quod predidus 
P. non est aiio aliquo criminandus, quia hoc doctrinale novum, 
quod est tante dignüatis seu scolarium utilUatis, scripserit in 
papiro, cum tanta cartarum tunc existeret caritudo, quod 
ipsas non potuisset precio congruo comparare, vel melius, quia 
ipsum clam et subito scribere inchoavit, et etiam cartas non 
hdbuü tunc temporis preparatas. ^ 

"Rin membranarius {6ig)d'BQOjtoi6g) kommt in Diocletians 
Edict de pretiis rerum venalium von 301 vor: membranario in 
quatemione (?) pedali pergamenae .... 

Die Bereitung dieses StoflFes war nicht an einen Ort ge- 
bunden, wie die des Papyrus, imd hat sich ohne Zweifel schon 
in römischer Zeit auch nach Gallien verbreitet Bei dem Sturz 
des Reiches trat aber begreiflicher Weise eine Stockung der 
Fabrikation ein, und man behalf sich mit abgewaschenen Bruch- 
stücken alter Handschriften. Das vortreffliche Pergament der 
karolingischen Zeit scheint ein Aufleben des alten Gewerbes 
anzuzeigen, und es mag auch ein Handelsverkehr damit statt- 
gefunden haben. Allein in abgelegenen Gegenden, in Klöstern, 



^) Hier sagt 1456 Job. Busch: Jam papyrum, pennam et incau- 
gtum non haheo: scribere ergo non poaeum.** Leibn. SS. rer. Brunsv. 11, 
9d3. Opera ed. Grube p. 785. 

') Cod. Novar. CIX bei Giov. Andres, Lettera al S. Abbate Giac. 
Morelli, Parma 1802, p. 25—27. 




126 SchreibBtoffe. 

die in Einöden angelegt waren, mufste man suchen sich selbst 
zu helfen. Boh bereitetes, löcheriges Pergament läfst uns die 
ungeschickten Versuche erkennen, *) und auch dieses war für die 
Schreiber oft schwer zu bekommen. Im 8. Jahrhundert schreibt 
Winithar in St. Gallen: 8i autem vobis utile videtur, ut alir 
quid scribam vobis ex mea parvitate, date pergamina vestra, ') 
und in einer Handschrift bemerkt derselbe, es sei darin nicht 
Units foliuSy den er sich nicht durch Ankauf oder Bettel (men- 
dicando) verschafit habe. •) 

Nach und nach lernte man die Bereitung besser, und ver- 
fertigte das Pergament selbst oder hielt sich Leute, die es ver- 
standen. So wird unter den Laien, welche zum regelmäXsigen 
Haushalt des E^losters Corbie gehörten, im Beglement des 
Abtes Adalhart von 822 auch ein pergaminarius erwähnt, bei 
Gu^rard, Polypt. Irmin. 11, 307. Der Beichenauer Mönch 
Tatto schrieb wenig später an den Erzbischof Otker von Mainz: 
Miitite mihi de pergameno bono ad unum lectionarium per- 
scribendum et ad unum missalem Gregorianum bei Ja£f<g, Mon. 
Mogunt p. 324. Die mernbranae vitulinae, auf welche die 
Fulder Mönche in der zweiten Hälfte desselben Jahrhimderts 
Bücher schrieben (Forschungen V, 390), rührten wohl von ihren 
eigenen Kälbern her. 

Bockinger hat S. 11—17 eine lehrreiche Zusammenstellung 
aus Bechnungsbüchem baierischer Klöster gegeben, aus welcher 
hervorgeht, dafs man hier im 15. Jahrhundert die Kalbsfelle 
in die Städte schickte und zu Pergament bearbeiten liefs, oder 
mit einem Aufgeld gegen Pergamenthäute vertauschte. Nament- 
Uch Tegemsee hatte einen lebhaften Verkehr, indem es von 
dem Pergament wieder an andere Personen und Stifter abgab. 

Schon lange war nämlich die Bereitung des Pergaments ein 
bürgerliches Gewerbe geworden, fiir welches sich der deutsche 
Ausdruck buch feller findet So werden nach A. Czemy, Die 



*) Im Liber diumus ist es ungleich, z. Th. geringer mit Löchern u. 
schlechten Stellen. Sickel, Prolegomena S. 7. 

*) Weidmann, Geschichte der Bibl. von St. Gallen \,1S^) S. 3 
Anm. 8 e cod. 70 p. 262. 

') ib. p. 4 e cod. 238 p. 493. 



Pergament. 127 

Bibliothek von St Florian S. 65 (aus Otakars Reimchronik), 
in Wien 1288 die Pergamentmacher, die piichvel gerhentj und 
1361 die puchfeler als zünftiges Gewerbe erwähnt. In einem 
Anhang zum Schwabenspiegel kommt der büchveller vor, ^) in 
Regensburg um 1281 ein Bürger Albertus dictus Puhveller, in 
Passau 1339 Michel der Puechuelaer.^) In Wien hat TJhlirz 
aus Stadtrechnungen 1369 — 1485 vier Buchfeller nachgewiesen. ') 

In Regensburg ist ein Pergamenaritis schon am Ausgang 
des 12. Jahrhunderts nachzuweisen.^) In den Cölner Stadt- 
büchem sind von 1230 an die pergamentarii häufig, nach Merlo, 
Kunst und Künstler in Cöln (1850) S. 564. In Paris stand 
das ganze Gewerbe und der Handel mit Pergament unter einer 
sehr lästigen Aufsicht der Universität; in der Steuerrolle von 
1292 kommen 19 parcheminiers vor, aber es war ein fi'eies 
Gewerbe, und vermuthlich gab es viel mehr, welche keine 
Steuer zahlten. ^) Aus Gent hat sich ein Reglement du mutier 
des Parcheminiers vom 27. Oct 1280 erhalten,^ aus Lübeck 
Statuten der Permenter vom 29. Juni 1330. "0 

In Stralsund war eine platea pergamentatorumy Permyn- 
tererstrafse, jetzt Pahnentierstrafse. ^) In Florenz hatten sie 
schon im 13. Jahrhundert ihren Stand bei der Abtei, wo sich 
später die Papierer und Buchhändler finden;*) in Rom hatte 



1) Rockinger, SB. der Münchener Akad. 1867 II, 2, 322. 

*) Rockinger, Zum baier. Schriftwesen S. 14. 

») Centralbl. f. Bibl. 1892. IX. 

*) Rockinger ib. aus Pez Thes. I, 3, 183. 

*) H. G^raud, Paris sous Philippe • le - Bei p. 528. Auch in Prag 
stehen die rcuares pei'gameni unter Jurisdiction der Universität. Statuten 
angeführt bei A. Kirchhoff, Weitere Beiträge S. 23. Man darf aber da 
nicht mit Frie^jung, Karl lY, S. 275 an eine ,Eün8tlerzunft' denken. 

*) Ghartes et documents de Tabbaye de Saint-Pierre au mont Blandin 
ä Gand depuis sa fondation jusqu'ä sa suppression, avec une introduction 
historique publi^s par A. van Lokeren. Tome I (Gand, H. Hoste, 1868, 4) 
n. 894. 

*) Cod. dipl. Lub. II, 473. Wehrmann, Die älteren Lüb. Zunftrollen 
(1864) 8. 363. 

•) Pyl, Gesch. d. Stadt Greifswald (1879^ S. 25. 

•) C. Paoli, Progr. scol. II, 46. 



128 Schreibstoffe. 

Augustinus cartarius 1384 ein Haus von der Basilica Yaticana 
geraiethet. ^) 

In England liefe schon im Anfang des 12. Jahrhunderts 
ein Abt von Abington Pergament kaufen.*) 

Gutes Pergament zu bekommen, war nicht so ganz leicht; 
man mufste sich sehr hüten vor fliefsendem, in welchem die 
Tinte ausUef , wie man das noch hin und wieder in Hand- 
schriften sehen kann. Bitter beklagt sich darüber um 1280 
Nicolaus von Bibera, wie man in Erfurt ihn betrogen habe:*) 

De perganierUariis quos arguü pro eo quod dederunt sibi 

fluens pergamenum. 
Sunt ibi cartarum rasores, vulgus avarum, 
Quod non attendit, sed per mendada vendit, 
Jurans subtile, quod sit super omnia vile. 
Cartam presentem dixit non esse fluentem, 
Immo juravit per eum qui cuncta creavit, 
Que sie defluxit,*) quod Uttera testis adhuc sit 
His nil do laudis, quia plenos sentio fraudis. 

Schon 1296 wird die Pergamentergasse in Erftirt erwähnt 
Von dieser Zeit an finden wir die Fergamenter, Birmetiere 
Pirmder überall verbreitet,^) und wir werden sie später auch 
als Buchhändler noch einmal zu erwähnen haben. 

Die Klage über fliefsendes Pergament finden wir auch in 
dem fiiiher erwähnten livre des Mestiers F 1 b: 



*) Archivio della Soc. Rom. I (1877) 292; Poggio konnte in Rom das 
richtige Pergament nicht bekommen und bezog es aus Florenz. 6. Voigt, 
Wiederbelebung I, 400. 

2) C. Paoli a. a. 

•) Carmen occulti auctoris, v. 1719 — 1725 ed. Hoefler, in den 
Sitzungsberichten der Wiener Akademie XXXVII, 241. Ed. Th. Fischer S. 96. 

*) Dem entspricht der fluor papiri in Herm. SchedeFs Briefwechsel, 
S. 148. 

^) Auch als Eigenname, wie 1378 in Hamburg Nycolaus Permen- 
terer, der ein Steinmetz war, Eoppmann Kämmereirechuungen I, 271. 
287. Der Name wurde vielfach entstellt, so z.B. „Expl. biblia pauperum 
que alio nomine dicitur Aurora minor. Dev Bibel ist der armen leut, 
di nicht habent vil ptermeit heuV* Czerny, Handschriften von St 
Florian S. 10. 



Peilgament 129 

Tsabiaus de Bolers Ysabiaus de Boesselaere 

Vend perkemin Vercoopt perkement 

Et eile m'en yendi Ende soe yercoopts mi 

Une piel qui flua; si n'i puls Een vel dat flueerde; so dat ic 

Mien bien escripre: ne macher 

n le £Eiut esponseir; Niet wel in scriven. 

Si en sera plus onnie. Men moet det ponsen; 

Het worter of te slicbter. 

Verkauft wurde das Pergament nach Stücken, Häuten, 
Quatemen. In einer aus Weingart stammenden Handschrift^) 
findet sich von einer Hand des 10. Jahrhunderts folgende Be- 
rechnung: „Sunt de nobihssimo pargameno quatemiones .xv. 
de bono pargameno .xx. quatemiones ad actus apostolorum et 
apocalipsin et .vn. epistolas .xn. et .im. folia. sunt inter om. 
de modolo majore .XL.vn. quatemiones. et de minore modolo 
.vm. quatemiones .nn. folia ad regulam et martirilogium scri- 
bendum. de parvo modolo .xx.nn. quatemiones et .im. folia 
ad antifonaiium.« Hier werden also nach der Grö&e drei Sorten 
unterschieden. Unsicher bleibt, ob das Pergament im Kloster 
bereitet oder gekauft war. lieber einen beträchthchen Ankauf 
für die königliche Capelle in Paris 1298 belehrt uns die Eech- 
nung des Magisters Petms, magister capelle regis Parisius^): 

Pro ix^ et Lxxn duodenis pergameni ix^^ xnn 1. xvm s. 

pro nusura ejusdem xxmi 1. vi s. 

pro salario Herrei electoris ejusdem lx s. 

pro appredatoribus ejusdem x s. 

Danach kostete das Dutzend ohne die Spesen vier sous, 
doch beträgt die ganze Summe 10 sous mehr. Meister Peter 
hatte vom Louvre pro pergameno et cera 400 livres erhalten; 
das Wachs war vermuthlich für den Kirchendienst bestimmt 

In der ausfuhrlichen Kostenberechnung einer ftir das 



') Jetzt in Fulda Aa 2. Ich verdanke die Nachricht freundlicher 
Mittheilung des Herrn Prof. Steinmeyer. 

*) Mitgetheilt von Gasati in der Bibl. de r£coIe des Ghartes lY, 
2, 164. 

Wfttt«nb«ch, Schxiflweeen. 9. Aufl. 9 



130 Schreibstoffe. 

Kloster Corbie 1374 geschriebenen Handschrift^) kostet 1 baia 
de pergameno vUulino cum rasura et reparaiiane forarmnum 
36 aolidos. Nach Idttre's Dictionnaire unter boUey welches in 
ähnUchen Verbindungen noch gebräuchlich ist, enthält sie 36 
Blätter Pergament 

In den Hamburger Kämmereirechnungen, die von 1350 an 
erhalten sind, finden sich jährlich beträchtliche Ausgaben pro 
pergamenoy ohne genauere Bezeichnung. *) W. Mantels in seinem 
Programm über den 1367 zu Cöln beschlossenen zweiten hansea- 
tischen Pfimdzoll (Lübeck 1862) führt aus den B,echnungen an: 
Einhundert Stück gutes Kalbspergament 4 Mark lüb. Pfennige. 
In Nürnberg wurden 1388 an Heinrich, permeter, 1^/, Pfimd 
Heller gegeben unib 12 hewt permets uff dae hawse, d. h. auf 
das Bathhaus.^) Nach einer Kostenberechnung im Sachsen- 
spiegel von 1366 in Wolfenbüttel kosteten 26 Quaternen 11 sol. 
2 den. und jeder Quatem zu schreiben 18 Pfennige.*) Preise 
des Pergaments nach Häuten und Quaternen auf der Nördlinger 
Messe in den Jahren 1440. 1454. 1468 giebt Beyschlag, Bei- 
träge zur Kunstgeschichte von Nördlingen 3, 50. Im Jahre 
1454 kosteten 50 Häute 4 Fl. und 4 Biels Bayensburgcr Papier 
nur eben so viel. In der oben S. 85 angeführten Ausgabe 
der Nordhäuser Tafehi von 1358 erhält (S. 74) der Stadt- 
schreiber 1 Mark pro sex uinis pergameni. 

Aus Baiem hat Rockinger a. a. O. viele Angaben ge- 
sammelt; der Preis einer BLaut oder cutis pergameni ist oft 
20 Denar oder Heller, bald auch mehr oder weniger. Das 
Jungfempergament ist erhebUch billiger, weil die Häute viel 
kleiner sind. 



^) Aus Garnier, Gatalogue de la bibl. d'AmienB p. 281 bei Kirchhoff, 
Handschriftenh&ndler S. 10. Statt quele ist natürlich qudibet zu lesen. 
Aus lOVt Soten waren 62V9 Sextemen in folio gemacht. Herr Prof. Sickel 
nannte mir als sehr lehrreich für Preise: Lecoy de la Marche, Extraits 
des comptes du roi Rena ^Paris 1873) p. 172 ff. Die Publikation ist ent- 
halten in den Documents historiques publi^s par la Soci^t^ de r£cole des 
Ghartes. Ich überlasse die weitere Anhäufung Ton Notizen den Specialisten. 

*} Ausgabe von Eoppmann I, S. lxxix. 

*) Die Chroniken der deutschen Stftdte. Nürnberg, I, 271. 

*) SchOnemann, 2. u. 3. Hundert S. 21. 



Pergament 131 

In Pisa verkaufte Bacciameus cartÄrius dem Werkmeister 
des Domes Pergament zu einem noch vorhandenen Instrument 
vom 16. Jan. 1377, 56 cm lang, 25 breit, und erhielt 5 sol. 
den. pro quodam pesso carte montonine. Andere pezei di carta 
capredi kosteten 5 und 7 sol. ^) 

Man findet häufig die Angabe, dafs zur kaiserUchen Kanzlei 
die Juden das Pergament geUefert hätten. Doch ist, so viel 
ich weüjs, nur von den Frankfurter Juden etwas der Art be- 
kannt Karl IV verpfändet sie 1349 den Frankfiirtem, behält 
sich aber vor, dafs sie ihm und seinen Nachkommen am Reich, 
wenn sie nach Frankfurt kommen, dienen in die Kanzlei mit 
Pergament, in den Hof mit Betten, und in die Küche mit 
Kesseln.*) Aber 1360 versprach er der Stadt Frankfurt, ihre 
Juden nicht mit Forderungen zu beschweren, und unter andern 
auch kein Permed von ihnen zu fordern.') Als K. Friedrich 
1442 in Frankfurt war, wurden jene Leistungen wieder angeregt, 
doch leugneten die Juden, dazu verpflichtet zu sein.^) Mit 
Maximilian fanden sie sicK 1490 für 300 Fl. ab.'^) Es ergiebt 
sich hieraus also nur, dafs gelegentUch auch Pergament von den 
Juden erpreist wurde, wozu ihre Abgaben an die k. Kanzlei 
wegen des ihnen gewährten Schutzes den Anlafs gaben. Auch 
mögen sie an manchen Orten, und vor dem Aufkommen der 
bürgerlichen Gewerbe in gröfserem Umfang, sich mit der Fabri- 
kation von Pergament beschäftigt haben. Unter den Breslauer 
Juden kommt 1354 ein Smogü perminter vor. ^) 

Sehr wunderlich ist ein Gutachten von 1468, dafs nur Pabst, 
Kaiser, Frankreich, Sicilien und Venedig Missive auf Pergament 
schreiben dürfen.^) 



^) Lnpi, Manuale p. 39. 

*) Senkenberg, Sei. Juris I, 634. Huber, Reg. Karls IV n. 1035. 

*) Olenschlager, Erläuterung der Gold. Bulle, ürk. S. 87, n. 31. 

*, Janssen, Frankfurts Reichscorrespondenz II, 36. 

*) Winer, Regesten zur Geschichte der Juden S. 252 n. 248. 

*) Archiv f. Oesterr. Gesch. XXXI, 66. 

^ Aich. «tor. Lomb. 1881, s. Revue bist. XXI, 227. 



132 SchreibBtoffe. 

Farbiges Pergament 

Man färbte schon in alter Zeit das Pergament purpurn, 
zuerst wohl nur für den Umschlag der Bollen, wie Ovid sagt, 
Trist I, 1, 5: Nee te purpureo velent vctccinia fuco. Oder für 
das am obem Rand der Bolle angebrachte Titelblättchen: Nee 
cocco fvbeat superbus index, Martial m, 2, 11. Von solcher 
purpurnen Umhüllung spricht auch Lucian adv. indoctum c. 7: 
ßißXlov jcayxaXov, ütoQtpvgäv fiev s^ov r^v di(pd-iQav, xqvoovv 
61 TOP 6/iq>aX6p. *) Und ausfiihrhcher c. 16: rlva yag iXjtlöa 
xal avTog excov ig tu ßißXla xal dvatvXlTxeig (revolvis) del 
xäl dtaxoXXag (glutinas) xal jtEQixojtZBig xal dXelq)eig rdp xqoxo) 
xal x<p xiÖQcp xal äiq>&iQag neQißdXXBig xal 6(iq>aXovg Ivxld^g; 
Das Leimen bezieht sich vielleicht auf Ausbesserung von Bissen 
und Anfügung von Nachträgen, und läfst sich vergleichen mit 
Cic. ad Att XVI, 6, 4 in Bezug auf ein verändertes Prooe- 
mium: illud dissecabis, hoc aggluiinabis. 

Bald finden wir auch schon die Mode herrschend, ganze 
Werke auf purpurnem Pergament mit Gold und Silber zu 
schreiben. Freilich den merkwürdigen Brief des Theonas dürfen 
wir hier nicht mehr anführen, seitdem Batififol es durchaus wahr- 
scheinlich gemacht hat, dafs er nur eine Fälschung des berüch- 
tigten P. Vignier ist') 

Im Anfang des 4. Jahrhunderts aber erzählt Julius Capi- 
tolinus von Maximinus Junior c. 4: Cum grammatico daretur, 
quaedam parens sua libros Homericos omnes purpureos dedü, 
aureis liUeris scriptos. Und Optatianus sagt in seinem Pane- 
gyricus auf Constantjn: 

Quae quondam fueras pulcro decorata Ubello, 
Carmen in Augusti ferto ThaUa manus, 

Ostro tota nitens, argento auroque coruscis 
Scripta notis, picto limite dicta notans. 

Gegen diesen Luxus ereiferte sich der heilige Hieronymus, 

^) So auch nsQl zwv inl fjiia^ awovrwv c. 41: <hv xQ^^ol (ikv oi 
ofiipalol, noQipvgä d^Mxroa^ev rj 6i<p&iQa, Gatull erwfthnt auch Iota rubra, 

•) Bull. crit. Vn (1886 Apr. 15) p. 155—160. Bibl. de Tficole des 
Gh. XLYII (1886) wiederholt 



Farbiges Pergament. 133 

Praef. in Job: Habetmi qui volunt veter es libros vd in mem" 
branis purpureis auro argentoque descriptos, vel utwiälibus ut 
vulgo ajunt lüteris, onera magis exa/rata quam Codices, Ep. ad 
Laetam (107, 12 ValL): dimnos Codices amet, in quibus non auri 
et pellis Bdbylonicae vermiculata pidura, sed ad fidem placeat 
emendata et erudita distinctio. Und ad Eustochium de custodia 
virginitatis (ed. Vall. I, 115): Inficiuntur membranae colore 
purpureo, aurum liquescit in Htteras^ gemmis Codices vestiuntur, 
et nudus ante fores earum Christus emorUur, Daraus hat 
Ifiddor Origg. VI, 11 seine Worte genommen: Purpurea infi- 
ciuntur colore purpureo, in quibus aurum et argentum lique^ 
scens patescat in litteras. 

Gegen dieselbe Modethorheit eiferte auch Johannes Chry- 
sostomus, Homil. 32 in Joh. Vol. YIII, 188 ed. MontÜEiucon, 
dessen Worte wir des verwandten Inhalts wegen hersetzen wollen, 
wenn gleich nicht farbiges Pergament, sondern nur Ooldschrift 
darin ausdrücklich erwähnt wird: rlg yaQ vficov, ehti fioi, h> 
olxla Yevo/iBvog, xvxtlov ^Zaße xQiöxiavixov fierä xbZqojq, xaX 
ta iyxelfieva ix^Xd-sv, xal ijqsvptiös t^v yQaq)7[v; oiÖBlq av 
ixoi zavta üjtelv aJila xirtovg (ihv xal xvßovq TtoQa xotq 
xXeloöiV BVQi^öOfiev ovrag' ßißXla de ovöa/iov, dXXa xal xoq* 
oUyoiq' xal ovtoi 6h xolq ovx ix^vötv ofiolcog diaxBivxai, 
iijcavteg avta xal axod-insvot öiajropxog kv xißmrloig' xal 
fj xaöa avtcop öxovö^ xegl rmv vfiivcnv rfjq Xextotfitog xal 
t6 xwv YQa(i(iata>v xdXXog, ov x€qI rijv drayvcoöiv. ovöh yaQ 
vxBQ (Dq>eXelag xal xdgdovg rrp^ xr^öiv avrwv jcexolijVTai' 
dXXa xXjoxtov xal (piXoxifilag ixlöei§ßv xoiov(iBVoi xbqI tavva 
iöxovödxaöiv, TOöavxfj xfjg xBVOÖo^lag fj ixBQßoXi^. ovdBvog 
yoQ dxovG) q>iXotiiiovfiivov , ort olöe tä kyxBl/iBva dXX^ ort 
XQvcotg ix^i YQafifiaCcv lyyBfQaiifiivov. 

Es fehlt nicht an noch erhaltenen Proben solcher ELand- 
schiiften, wenn sie auch vielleicht nicht über das 6. Jahrhun- 
dert hinaufgehen. In dieser Zeit wurde wohl nur noch heiligen 
Schriften diese Ehre zu Theil. 

Die merkwürdigste und vielleicht älteste ist die Bibelüber- 
setzung des Ulfila in Upsala, Codex argenteus genannt, weil 
sie in Silber und Gold auf Purpur geschrieben ist Die Hand- 



134 Schreibstoffe. 

Schrift kam aus Werden an der Ruhr im 16. Jahrhundert nach 
Prag, und yon da mit den übrigen Schätzen Rudolfs 11 durch 
Königsmark nach Schweden. 

In Wien befinden sich Fragmente der Genesis in grie- 
chischer Sprache, in goldener und silberner Capitalschrift auf 
Purpurpergament, mit sehr merkwürdigen Gemälden, welche noch 
ganz in antiker Weise verfertigt sind, 24 Blätter mit 48 Bildern. ^) 

Merkwürdig zerrissen ist eine griechische EvangeUenhand- 
schrift auf Purpur, deren Text in Süber geschrieben ist, nur 
die Namen Gt)ttes und Chiisti in Grold, Cod. N bei Tischen- 
dorf, welcher nachgewiesen hat, dais 2 Blätter in Wien, 4 in 
London, 6 in Rom, und eine Anzahl auf Patmos neu entdeckter 
derselben Handschrift angehören.') 

Diesem in der Textschrift nahe verwandt^ aber auch schon 
die jüngere ündalschrift enthaltend, ist der prächtige Evange- 
liorum codex Rossanensis, reich mit Gemälden geschmückt, entr 
deckt und herausgegeben von 0. v. Gebhardt und A. Hamack, 
Leipzig 1880. 

Von besonderer Schönheit ist das, 1847 von Tischendorf 
mit Facsimile herausgegebene, lateinische Wiener Evangelium 
Palatinum. Nicht minder alt und schön war der Codex, von 
welchem in Sarezzano noch einige Quatemen als HeiUgthum 
verwahrt werden.*) 

In Paris ist der sogenannte Psalter des h. G^rmanus (f 576), 
dem nach der Tradition (worauf freilich wenig zu geben) das 



^) S. Waagen, Kunstdenkmäler in Wien II, bS. Bei Jnles Labarte, 
Histoire des Arts industriels au Moyen Age, Paris 1864, Album, Tome 11, 
p1. 77 ein Bild in Farben. In Wien ist jetzt eine schöne Facsimile -Aus- 
gabe ersdxienen von W. v. Hartel u. Franz Wickhoff als Beilage zum 
Jahrb. d. Kunsthist Samml. des a. h. Kaiserhauses, 1894. 

*) Facs. bei Westwood, Purple Greek Manuscripts 2, Silvestre II, 16, 
Tischendorf, Mon. Sacr Inedita I. tab. II. Bes. schönes Facs. d. Vatic. 
Blätter von Gozza-Luzi im Omaggio giubbilare 1888. 

') Un antichissimo codice biblico latino purpnreo conservato nella 
chiesa di Sarezzano presso Tortona. Dissertazione critico-storica con note 
illustrative del Sacerdote Guerrino Amelli, vicecustode della bibl. Ambro- 
siana. Milano 1872. Vgl. E. Ranke im Lit Centralbl. 1873 Sp. 416. Die 
Tinte ist aschfarben geworden, mit einigen Spuren von Silber und Gold. 



Farbiges Peigament 135 

Buch gehört haben soll, in ündalen, ^) und ein Evangeliar aus 
Metz, mit Silber auf Purpur geschrieben. *) 

Die Züricher Stadtbibliothek bewahrt einen griechischen 
Psalter in Silber mit goldenen Initialen und üeberschrifien, 
welchen Tischendorf im vierten Bande der Nova CoUectio mit 
Facsimile 1869 herausgegeben hat; er setzt ihn ins 7. Jahr- 
hundert In Petersburg ist eine griechische Evangelienhand- 
schrift in goldener Minuskel auf sehr dunklem Purpur; einige 
jüngere Ergänzungen erreichen nicht von ferne die Schönheit 
des älteren Theils. ^) 

Aus ItaUen kam diese Kunst zu den Angelsachsen, wo 
der Erzbischof WilMd von York (664—709) die vier Evan- 
gelien de auro purissimo in membranis de purpura colaraiis 
schreiben, und zur Aufbewahrung der köstlichen Handschrift 
von Grold und Edelsteinen eine bibliotheca machen liefs. In- 
audiium ernte sctectdis nostris quoddam mtractduin nennt es 
der Biograph.*) 

In einer noch erhaltenen angelsächsischen Evangehenhand- 
schrift des British Museum, Boyal I E 6, sind nur die ersten 
Blätter in goldener Capitalschrift auf Purpur.^) 

>) Delisle, Gabinet, pl. YII n. 4, Silv. 110. Gr. Bastard (nach Delisle's 
Zählung) 6. 

*) Fonds latin 9383, saec. VI. nach Delisle, Bibl. de l'ticole des 
Charles, 5. S^rie, III, 469. Dort ist noch eine ganze Reihe anderer ver- 
zeichnet, so wie auch Bianchini noch manche nachweist; vgl. Nouy. 
Trait^ 11, 97—108; G. Paoli, Prog. scol. IT, 76 ff. üeber die Fragmente in 
Pemgia, welche irrig als purpnm bezeichnet waren, s. Patetta, Appunti 
da nn ms. della Capitulare di Perugia, Atti delF Acc. di Torino, XXIX, 
62 — 65. Die Hs. scheint aber auch zu den Nachahmungen aus karolingischer 
Zeit zu gehören. Ich f&hre nur einige hervorragende an. Sehr merkwürdig 
ist auch das Strafsburger Sacramentar aus frQhkarolingischer Zeit, welches 
ü. F. Kopp, Bilder und Schriften I, 176—184 beschreibt. 

'; Anzeiger des Germ. Museums XXII, 72. 

*) Acta Sanctorum 0. S. B. IV, 2, 552. Vgl. N. Archiv Vin, 343 
bis 346 u. Berl. SB. 1889, 7. Mfirz, wo ich nachzuweisen suchte, dals es 
das Hamilton -Evangelium ist (an Theodor Irwin zu Oswego am Ontariosee 
verkauft). Ich bin aber jetzt doch zweifelhaft geworden, ob sie nicht in 
karolingische Zeit gehört Facs. der einen Hand in Trübner's Auctionscatalog. 

") Westwood , Purple Latin Gospels of the Anglo - Saxon School. 
Caaley PI. XD. Astle PI. XVUI, 5. 



136 Schreibstoffe. 

Einen neuen AufBchwimg gewann diese Prachtschrift in 
Karls des Grofsen Reich. Karl selbst liefs 781 durch God- 
schalk das prachtvolle Evangeliar schreiben^ welches jetzt in der 
BibL Nationale ist^) Ein anderes , in Silber und Gold nicht 
minder schön ausgeführt, ist in der Schatzkammer in Wien. >) 

Von einem Evangeliar in alterthümlicher halbuncialer Schrift^ 
in Silber mit goldenen Initialen, Suppl. Lat. 688, giebt Silvestre 
eine schöne Probe; Gr. Bastard 35—38. Gab. pl. IX (Lectionar 
des Herzogs von Bohan). 

Auch Theodulf, von 787 bis 821 Bischof von Orleans, Ueis 
sich noch als Abt von Fleury in solcher Weise eine Bibel 
schreiben, >) und von Ansegis, 823 bis 833 Abt von Si Wan- 
drille, heilst es in den Gestis abbatum Fontanellensium (MG. 
n, 295): Quatuor evangdia in membrano purpureo ex auro 

scribere jussit Bomana littera Lectianarium etiam in 

membrano purpureo simüiter scribere juseit, decoratum tcAuUs 
ebwmeis. 

In G^ld auf Purpur ist der Psalter der Kaiserin Engel- 
berga, Ludwigs 11 Gemahlin, in Piacenza, 827 geschrieben.^) 
Eine Evangelienhandschrift derselben Zeit in Silber, die Ueber- 
schriften in Gold, mit den Bildern der Evangelisten, ist in der 
Bibliothek der Eremitage in Petersburg.^) 

WahrscheinUch kam diese echte Purpurfärbung immer nur 



*) Westwood, The Eyangelistariom of Gharlemagne. Piper, Karls 
des Grofsen Ealendarium. Gr. Bastard 81—87. Gab. pl. XX. In Toulouse 
wurde es als Autograph des h. Johannes verehrt, A. v. HarfiTs Pilgerfahrt 
ed. Groote (1860) S. 223. Nach dem Nouveau Tr. ü, 99 soll die Purpur- 
farbe nach dem 8. Jahrhundert nicht mehr die firühere Schönheit haben. 

*) Beschrieben, mit schönen Proben, von Ameth, in den Denkschriften 
der Wiener Akademie, Band 13. Es ist aus der Reimser Schule, nach 
P. Durrieu, Möl. Julien Havet p. 652 Anm. 

>) Fonds latin 9380. Gr. Bastard 109 — 111. Vgl. L. Delisle, Les 
Bibles de Th^odulfe, Bibl. de r£c. XL. 

*) Blume, Iter Ital. II, 7. Dümmler, Gesta Berengarii p. 73. Gri- 
mald schenkte der Kaiserin ein psaMerium opttmum glosMJtum, welches 
doch nicht, wie Ild. y. Arx meinte, jenes sein kann. Weidmann, Gesch. 
der Bibl. von St Gallen S. 397. 

*) Bibl de r£cole des Chartes, 5. S4rie, Y, 165. 



Farbiges Pergament. 137 

aus Konstantinopel 9 wenn auch aus Italien Recepte erhalten 
sind, und es ist nicht zu yerwundem, dafs ganze Handschriften 
auf diesem kostbaren Stoff mit dem 9. Jahrhundert verschwinden. 

In dem prachtvollen Psalter Karls des Kahlen in Paris 
sind nur die ersten Seiten purpurn, facsimiliert von Silvestre. ^) 
Aehnlich, auch im irischen Stil der Verzierung, ist das Evan- 
geliar in Prag mit mehreren Purpurblättem, welches Franz Bock 
beschrieben hat.') Im Psalter der Königin Hemma, der Ge- 
mahlin des französischen Lothar, früher in Saint-Bemi verwahrt, 
ist der erste Psalm auf Purpur geschrieben.*) Ein schwacher 
Nothbehelf ist es, wenn nur eine Seite oberflächUch bemalt ist, 
wie in dem Sacramentar aus Petershausen in Heidelberg, imd 
manchen anderen Handschriften.^) 

unter Otto I erscheint wieder das byzantinische Purpur- 
pergament, mit gemustertem Grund und eingeprefsten Band- 
verzierongen; so in dem Privileg ftir die römische Kirche von 
962^ und in der ganz ähnlichen Charta dotalicia ftir Theo- 
phanu, vom Jahr 972, jetzt in Wolfenbüttel. ^ Die Schrift ist 
eine stattliche Bücherschrift in Gold. Diese Urkunden, welche 
die hohe und schmale Form der damaligen päbstiichen Bullen 
haben, sind aber, wie ü. F. Kopp (Bilder und Schriften I, 178) 
in Bezug auf die zweite bemerkt hat, keine Originale, weil sie 
nie besiegelt waren, sondern nur Schaustücke. Die etwas jüngere 
Yita Yencezlavi in Wolfenbüttel hat ebenfalls ein Purpurblatt 
mit einem ähnlichen Rand von eingeprelsten Verzierungen, s. 
Ebert S. 27. MG. SS. IV, 211. Auf Purpurpergament mit 
Groldschrift und Zinnober, auch mit Randverzierung, lang bis 
zu 4 m. und schmal, sind die Briefe griechischer Kaiser an 



Gr. Bastard 191—194. Album pal. 21. 

*) Mittheilungen der CentralcommisBion XYI, 97—107 mit Abbildung 
der ersten Seite des Matthaeus, wo der Heranggeber wunderbarer Weise 
ans den An&ngsbuchstaben QM (Q%ton%am) gelesen hat MaUhaeus, 

*) Erwfthnt von Mabillon, Dipl. p. 201. 

*) Vielfache verschiedene Muster z. B. in dem Stockholmer angels. 
Prachtcodex. 

») Sickel, Das Privil. Otto's I f. d. röm Kirche 1883. 

*) Kaiser-Urkunden in Abbildungen IX, 2. 



138 Schreibstoffe. 

Päbste von 1124, 1126, 1146 ff., geschrieben, welche Theiner 
und Miklosich mit einer Schriftprobe mitgetheilt haben. ^) 

Ein später Nachklang ist der für die Königin Beatrix, 
Mathias Corrinus Gemahlin, bestimmte Codex Diomedis Carafae 
de institutione rivendi in Parma, mit Goldschrift auf Furpur- 
pergament geschrieben, mit Zueignung und Unterschrift in Silber 
nebst prächtiger Ausmalung.') 

Auf purpurne Urkunden kommen wir noch bei Gelegen- 
heit der Goldschrift zurück. Von echter Purpurfärbung des 
Pergaments ist mir nach der Mitte des 12. Jahrhunderts kein 
Beispiel bekannt') 

Goldene Capitalschrift auf Azur hat das Titelblatt der 
Bamberger Handschrift mit der Dedication an Heinrich ü, 
welches Jäck im ersten Heft seiner Schriftmuster wiedergiebt 
üebrigens spielt die Purpurfarbe oft ins Blaue. 

Das in der zehnten Actio der Synodus VT. von 680 mehr- 
fach angeführte ßißXlov kv öcifiaöi xQoxanolg, liber membrana- 
ceus croccUus, hielt Mabillon einfach für purpurfiEirben, während 
im Nouveau Traite 11, 97 die Bichtigkeit dieser Erklärung an- 
gegriffen wird. 

In Wien sind zwei Gebetbücher auf schwarzem Perga- 
ment mit Gold und Silber geschrieben, von denen das eine 
(Cod. 1856) für den Herzog Galeazzo Maria Sforza, das andere 
(Cod. 1857) wohl für seine Tochter Bianca Maria, K. Maximi- 
lians zweite GtemaUin, geschrieben ist 



Die Kunst, das Pergament purpurn zu färben, wird von 
dem Syrer Ephraim (f 378 p. Ch.) unter den Beschäftigungen 

^) Monumenta spectantia ad anionem ecclesianim, Vindob. 1872. • 
*) Job. Csontosi in Paul Hunfalvy's Lit. Berichten aus Ungarn (Buda- 
pest 1879; m, 3. Heft. 

') Im Cod. S. Galli 398, einem Benedictionale aus dem Anfang des 
11. Jahrhunderts, ist viel Goldschrift auf Purpur; in jüngeren findet sich 
das nicht mehr, nach dem Verzeichnifs von Scherrer S. 136. Lamprecht 
führt in seinem YerzeichnÜs 69 eine Purpurhs. mit Goldschrift, angeblich 
aus der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts an, ein Evangeliar aus St 
Stephan im Mainzer Domschatz. 



Farbiges Pergament. 139 

der Mönche erwähnt, Paraenesis 48: ;((:c(>TOxo?cxtra ^97^5^9 
avaXoyiCiu rovg XafQoro/iovg, Obgleich der Wortlaut eher auf 
Färbung des Papyrus fuhrt, scheint doch die Vergleichung mit 
den Rieo&em für Pergament zu entscheiden. 

Muratori hat in seiner 24. Di88eii;ation ein altes Becept- 
buch veröflFentlicht, welches er in das 9. Jahrhundert setzt 
Darin sind mehrere Anweisungen Häute zu färben; namentlich 
auch in Purpurfarbe {de pelle alühina tinguere), Dafs damit 
auch Pergament gemeint sei, zeigt der bald darauf folgende 
Abschnitt über die Bereitung des Pergaments (Antt Ital. ed. 
Aret IV, 683): 

De pargamina. 

„Pargamina quomodo fieri debet Mitte illam in calcem 
et jaceat ibi per dies tres. Et tende illam in can^o. Et rade 
illam cum nobacula de ambas partes, et laxas desiccare. Deinde 
quodquod volueris scapilatura &cere, fac, et post tingue cum 
coloribus." 

Der Verfasser dachte also vorzüghch an Pergament, wel- 
ches gefärbt werden sollte; doch ist damit nodi nicht erwiesen, 
dafs es für Bücher bestimmt war. Die Anweisimgen Pergament 
zu machen, aus dem 14. Jahrhundeit, welche Mone in der 
Zeitschrift f. Gesch. des Oberrheines 11 , 11 — 13 mittheilt, 
scheinen für anderweite Verwendung bestimmt zu sein. 

7. Papier. 

Das Papier, dieser jüngste Schreibstoff, welcher nach und 
nach alle übrigen verdrängt hat und sich bis jetzt unangefochten 
behauptet, hüllte lange seinen Ursprung in ein dichtes Dunkel, 
welches jetzt jedoch fast yöUig gelichtet ist Die Streitfragen 
über die Zeit der Erfindung und über das erste Vorkommen 
des Baumwollenpapiers und des Linnenpapiers sind mit einer 
Heftigkeit und einem Aufwand von GelehiBamkeit erörtert 
worden, die zu der Wichtigkeit der* Sache in keinem Verhältnifs 
stehen, zumal da man in früherer Zeit kein sicheres Hülfsmittel 
besafs, um die Faser der Baumwolle und des Leins zu unter- 
scheiden. Entgegengesetzte Behauptungen standen sich schroff 



140 Schreibstoffe. 

gegenüber, ohne dafs eine endgültige Entscheidung möglich war. 
Jetzt ist eine ganz neue Epoche begründet worden durch die 
Fortschritte der mikroskopischen und chemischen Methode der 
Untersuchung. Zuerst trat Briquet auf mit der Behauptung, 
dafs es Baumwollenpapier, welches man früher ganz genau 
zu kennen glaubte, niemals gegeben habe. ^) Dazu kamen 
dann die groisen Entdeckungen sehr alter Papiere im 
Fajüm, und die durchschlagenden Untersuchungen der Herren 
Wiesner*) und Karabacek') in Wien. Hiemach ist die den 
Chinesen schon früher bekannte Kunst um die Mitte des 8. Jahr- 
hunderts den Arabern bekannt geworden und in Bagdad, dann 
auch an anderen Orten, sind Fabriken angelegt. Die ägyp- 
tischen Funde reichen fast bis an den Anfang der Fabrikation. 
Die mikroskopische Untersuchung stimmt nicht immer mit 
Briquet, aber doch vollständig in der Abweisung des Papiers 
aus roher Baumwolle, welches es nie gegeben hat Die Bei- 
mischung von baumwollenen Lumpen und von Hanf wird hier 
noch mehr beschränkt 

Diesen sehr bestimmten Behauptungen gegenüber — es sind 
auch viele jüngere vermeintliche Baumwollenpapiere untersucht 
— mufs man sich wohl bescheiden, dafs es kein Baumwollen- 
papier gegeben hat, und dafs, was wir dafür hielten und was 
in allen Beschreibungen so genannt wird, nur anders bereitet 
ist Wir glaubten es zu erkennen an der gröfseren Dicke, 
namentlich an dem Bifs, wo Fasern sich auslösen. Allein diese 
sind nur nicht hinlänglich verkleinert und maceriert, und es ist 
eine andere Füllung benutzt 



^) Recherches Bur las premiers papiers employ^s en Occident et en 
Orient du 10. au 14. si^cle. 1886. 

')Jul. Wiesner: Mikroskopische Untersuchung der Papiere von 
El-Fa^ftm. 1886. Ders., Die mikroskopische Untersuchung des Papiers 
mit besonderer Berficksichtigung der Ältesten orientalischen und europäischen 
Papiere. 1887. Auch schon 1886: Mikroskop. Untersuchung der Papiere 
von El-Faijüm. 

')Jo8. Karabacek: Das Arabische Papier. Eine historisch anti- 
quarische Untersuchung. 1887. Die beiden letzten Untersuchungen sind 
enthalten im 2. u. 3. Band aus der Sammlung der Papyrus Erzherzog Kainer. 



Papier. 141 

Auf diesen Stofi^ der zuerst den Griechen, dann auch dem 
Abendlande bekannt wurde, sind nun die vacanten Ausdrücke 
vom Papyrus übertragen, z. B. chatiae pü^pyri. Mit papyrus 
hat man wohl nie einen anderen Stoff bezeichnet, aber charta 
ist allgemeiner. Ein italienischer Schreiber um 1300 (oben S. 125) 
entschuldigt sich, dafs er ein werthvolles Buch auf papyrus ge- 
schrieben habe, weil cartcLe damals so theuer waren. Da be- 
deuten also cartae Pergament 

Der Name cha/rta bambacina ist mit grofser Wahrschein- 
lichkeit erklärt als Müjsyerständnifs von Bambyke, wo eine Fabrik 
war, und daTon sind dann, so seltsam es ist, die anderen Bei- 
wörter gebildet, charta bombycina, gossypina^ ctUtunea, ^) xylina.^) 
In Born heilst es schon in der Graphia aureae urbis Bomae, 
welche aus Otto's III Zeit herrührt: wenn der Kaiser den 
Patricius investieren wolle, det ei bambacinum propria manu 
scriptum, ubi taiiter contineatur scriptum: Esto patricius mise^ 
ricars et justus.^) Im 12. Jahrhundert empfiehlt es Theophi- 
lus (I, 23) unter der Benennung des griechischen Pergaments, 
am Groldblättchen darin au£sube wahren: Tolle pergamenam grae- 
eam quae fit ex lana ligni. 

lieber den italienischen Sprachgebrauch von charta und 
papyrus für Papier hat Savigny in der Geschichte des römi- 



') Das kann anch nach einem arabischen Wort als linnen gedeutet 
werden. 

*) Dagegen ist (vXoxa^tov Papyrns nach dem Schollen zu Basil. 1. 
22 p. 94: f£j} ^ kri^ip x^Q'^V y^tpea^ai ree ovfißoXaia, dkX* iv t<p ksyo- 
/iiv<p SvXoxagtlqt, Vgl. die oben S. 103 aus Eustathius angeführte Stelle, 
und Du Gange s. v. SvXoxdQtiov, auch Benedictus Rinius bei Yalenti- 
nelli Yy 66, der xilocarti als Name der Pflanze hat. 

') Du Gange s. v. Patricius. Ozanam, Documenta in^dits p. 182. 
Giesebrecht, Geschichte der Eaiserzeit I, 892 ed. Y. ex cod. saec. XI. 
M6. Leg. IV, 662. In dem YerzeichniCs der Gandersheimer Kirchen- 
schätze, welches am SchluDs des alten Plenarium eingetragen ist, werden 
die alten Bullen auf Papyrus als hambatii quingue serici bezeichnet, nach 
Harenberg, Hist. dipl. eccl. Gandersh. p. 596, was aber eine Fälschung ist 
und im Original nicht steht, s. Anz. des Germ. Mus. XX, 346. Eine 
Gaasineaer Handschrift wird vom Käufer im 15. Jahrh. genannt in cartis 
IxnMnaeims, Garavita II, 260. 



142 Schreibstoffe. 

sehen Rechts in, 533 (578 ed. II) Stellen gesammelt. Friedrich 11 
braucht als gleichbedeutend chartae papyri und hombacincie. 
Rofred erklärt den Ausdruck secundum tabulas durch secundum 
chartam vel secundum membranam. Odofred: debetis scire quod 
libri mei pro parte fueru/nt scripti in cartis papiri, pro parte 
in membranis edinis, vitülinis etc. Accursius: qui appellatione 
chartarum continentur quae de bonibice sunt^ und: ut de bom- 
byce, ut sunt hae quae de Pisis veniunt. 

Im Jahiie 1317 verpflichtete sich Venedig, an Mailand 
carta bombacis vel papyri zu einem bestimmten Preise zu liefern. ^) 

Die Verwendung von Lumpen zur Papierbereitung erwähnt 
zuerst Petrus Cluniacensis, der von 1122 bis 1150 Abt von 
Cluny war, adv. Judaeos c. 5 (Andr. du Chesne Bibl. Clun. 
p. 1069): Legit, i^iquü, Deus in coelis librum Talmuth, Sed 
cujusmodi librum? Si talem quales quotidie in usu legendi 
habemus, utique ex pellibus arietum, hircorum vd vüulorum, 
sive ex biblis vel juncis orientalium paludum, aut ex rasuris 
veterum pannorum, seu ex qualibet vüiore materia compactos, 
et pennis avium vel calamis palustrium locorum qualibet tinc- 
tura infedis descri2)tos. Diese Stelle, auf welche man früher 
viel Gewicht legte, ist jetzt in sofern gleichgültig, als man nie- 
mals etwas anderes gebraucht hat; sie bezeugt aber, dafs man 
damals in Frankreich das Papier und seine Bereitung kannte. 

Auch purpurgefärbtes Papier kommt vor, und blaues, 
was vielleicht eine Nuance des ofk bläulichen Purpurs ist Auf 
solchem schrieb nach einem arabischen Berichterstatter Kaiser 
Constantin IX 947 oder 949 an den Kalifen Abderrahman, 
natürUch mit Groldschrift. Die beigelegte Liste der Geschenke 
war auf gleichem Stoff mit Silber geschrieben. *) Dahin gehört 



^) Giulini, Menü di Milano cont. I, 113. — Lupi, Man. p. 44, hebt 
die Yortreffliche BeschafTenheit des aus Constantinopel kommenden Papiers 
hervor; das beute hiels recUis (regalis). Er fahrt an librum unum carta- 
rum bombicinarum realium quatemarum sex (also 1 Buch :=» 24 Bogen); 
vacchettam uvutm cart. r. quatemx unius et dimidii, IQfro di fogli reolt 
con coverta et corregge rosse. 

') Gayangos, History of the Mahometan Dynasties of Spain II, 141. 
Das Wort kann nach Gayangos auch Pergament bedeuten. 



Papier. 143 

auch das von Montfaucon abgebildete Diplom für Christodidos 
aus dem 12. Jahrhundert, dessen byzantinischer Ursprung^nicht 
mehr bezweifelt wird; aus Sicilien aber K. Bogers Stiftungs- 
urkunde der L Capelle in Palermo vom April 1140, die aber 
nur eine Copie als Schaustück ist^) 

In einem Inventar von 1309 wird au&er diesem noch eine 
von Boger erwähnt super carta tincta de trUo murice et codo 
conchüio^ mit Gold geschrieben. 

Von den Arabern lernten die Spanier und die Italiener 
die Papier£Etbrikation; besonders in Valencia wurde sie lebhaft 
betrieben, und in den alten spanischen Zollgesetzen kommt 
papims häufig vor. Im Yocabularius Hisp. Lat des Antonius 
Nebrissensis von 1492 wird papd erklärt durch Charta pannu- 
cea. Die Leges Alfonsi von 1263 unterscheiden pergamino di 
euero und pergamino di panno. Die von B. Fauh in den Be- 
richten der Berliner Akad. 1854 S. 630 ff. mitgetheilten Briefe 
aus Castilien an K. Edward I von England, vom Jahr 1279 
an, sind alle auf Papier geschrieben. Als die älteste spanische 
Handschrift auf Papier gilt ein Glossar saec. XII aus Silos. ''^) 

üeber die Anfänge der abendländischen und besonders der 
deutschen Papierfabrikation ist sehr lehrreich die Abhandlung 
von Sotzmann im Serapeum YII, 97 ff. (1846), hervorgerufen 
durch die Behauptungen von Hausier und vorzügUch von Guter- 
mann über das hohe Alter und die grofse Verbreitung des 
Bavensburger Papiers. Gutermann besonders schreibt die erste 
Fabrikation in Deutschland der FamiUe Holbein zu, und erklärt 
aus ihrem Wappen das Papierzeichen des Ochsenkopfes und das 
angebliche gothische h; er nimmt auch alles Papier der Art 
für Bayensburg in Anspruch. Allein der Ochsenkopf ist viel 
älter und auch in anderen Ländern weit verbreitet; Sotzmann 
erklärt ihn als das Zeichen de5 heiUgen Lucas, des Patrons der 
Malergilden, während Hafsler ein Sinnbild des pergamenum vi- 
tulinum darin erblickt Es ist aber kein Kalbskopf^ und Ochsen- 



*) S. über beide Bresslau, ürkundenlehre I, 892. 

*) So yerbesBert Carini statt toto canaüio, La Porpora S. 82. 

*) L. Delisle, M61. pal. S. 108. 109. 



144 Schreibstoffe. 

feile geben kein Pergament Das h ist nur ein falsch gelesenes, 
umgekehrt betrachtetes p, welches eben&Us weit verbreitet ist, 
und nach Sotzmann Papier bedeutet. 

lieber die verschiedenen Papier- oder Wasserzeichen, 
welche zur Bestimmung der Herkunft von Handschriften und 
Drucken wichtig sind, giebt Sotzmann sehr schätzbare Nach- 
weisungen. Die Untersuchung ist eine sehr schwierige, da theils 
gesuchte Sorten überall nachgemacht wurden, theils das Papier 
ein so verbreiteter Handelsartikel war, dafs man Papiere des- 
selben Ursprungs an sehr entlegenen Orten, und Produkte ganz 
verschiedener Länder an demselben Orte antrifft In den Hand- 
schriften des Stiftes Sanct Florian aus dem 14. und 15. Jahr- 
hundert sind allein 91 verschiedene Papierzeichen. ^) Sie sind 
eine abendländische Erfindung und zuerst 1293 in der Mark 
Ancona nachgewiesen. 

Die frühesten Hauptorte der Papierfabrikation zeigen deut- 
hch die Herkimft von den Arabern; Jätiva, Valencia, Toledo 
sind Hauptpunkte, daneben Fabriano in der Mark Ancona. In 
Spanien sinkt die Kunst mit dem Verfall der arabischen Herr- 
schaft so sehr, dafs Juan Paez in einem Berichte an PhiUpp 11 
als voriheilhafte Wirkung einer zu gründenden Bibliothek auch 
Papierfabriken nennt') Bartolo (de insigniis et armis) rühmt um 
die Mitte des 14. Jahrhunderts die Fabriken zu Fabriano als 
die besten; von da bezog auch Ambrogio Traversari sein Papier 
(Epp. p. 585). Bald treten auch Padua, Treviso u. a. hervor. 
Von Venedig und Mailand aus wird das südliche Deutschland 
versorgt; sogar GörUtz bezieht nach Rechnungen von 1376 bis 
1426 sein Papier von dort 

Das westUche und nördUche Deutschland bezog sein Papier 
über Brügge, Antwerpen, Cöln aus Frankreich und Burgund: 
man erkennt es an den liHen imd anderen Wappenzeichen; 
später erscheinen auch Papiere aus Lille, aus Lüttich. 



^) Gzemy, Bibl. von St Florian S. 62. Die Litteratar über diesen 
Gegenstand ist so angewachsen, dafs ich darauf verzichte, einzelne Schriften 
anzufahren, üeber Wiener Stadtbücher handelt sehr eingehend Uhlirz im 
Jahrb. d. Kunstsamml. d. Kaiserhauses XYII, 2, GXYIIfiP. 

>) Ch. Graux, Origines p. 26. 



Papier. 145 

Nach dem südlichen Frankreich war die Fabrikation früh- 
zeitig von Spanien aus gelangt Nach G^raud, Essai sur les 
livres p. 35 erlaubte der Bischof von Lodöve dem Raymond 
de Popian schon 1189 die Anlage Yon einer oder mehr Papier- 
mühlen au müieu de VHeratdt. In Ejrchenrechnungen von Troyes 
von 1410 kommen viele molins ä taue vor. 

Naturgemäfs folgte die Ausbreitung der Fabrikation den 
Handelswegen. Die ersten Fabriken in Deutschland befanden 
sich nach Bodmann zwischen Cöln und Mainz, um 1320 bei 
Mainz. 

In Nürnberg, welches mit Venedig im lebhaftesten Handels- 
verkehr stand, errichtete Ulman Stromer 1390 eine Papier- 
mühle mit Benutzung von Wasserkraft, was dort neu war; er 
hatte sich dazu italienische Arbeiter. verschafft; s. die Chroniken 
der fränkischen Städte, Nürnberg I, 77. 474. 

lieber die Kavensburger Fabriken steht urkundlich fest, 
dals 1407 drei Papierer zu Schomreuth ein Papir-Huss er- 
bauten, und hier wurde das Papier mit dem Ochsenkopf (ohne 
Bezeichnung der Augen) verfertigt, so man gar gern in den 
Kansleyen nutzt. Doch bezog man in Nördlingen nach den 
bis 1382 hinaufreichenden Rechnungen noch bis 1516 das 
bessere Papier aus Mailand, und erst von da an auch das fei- 
nere aus Ravensburg, von wo man bis dahin nur die mittlere 
Sorte genommen hatte. ^) Aber auch die grofse Ravensburger 
Handelsgesellschaft hatte im 15. Jahrhundert Häuser in Valencia, 
Alicante, Zaragoza.') Merkwürdig ist ein in den Wiener SB. 
TiXXXrX j 107 von Horawitz mitgetheilter Brief von M. Hum- 
melberg an seinen Freund D. Ungelter aus Ravensburg vom 
19. Juni 1518. Dieser hatte zum Einband seiner Bücher ge- 
wünscht, dafs Charta emporetica von bestimmter Gröfse chartacea 
regula hergestellt würde. Allein der Auftrag war nicht aus- 
zuführen, weil den Papiermachem cum formae, tum lanei panni 
{quibus chartere ingeruntur) fehlten; sie hatten nur Formen für 
dl. Augusta et epistolarum und Hummelberg meinte, dafs solche 



M Beyschlag, Beytrftge zur Kunstgesch . v. NördUngen lY (1800) S. 22—27. 
•) StiOin's Wirtemb. Gesch. Ill, 779. 

Wattenbmch, Schriftwenen. 3. Aufl. 10 



146 Schreibstoffe. 

Formen, qtMS imperiales vocant, nur Tielleicht in Bologna sich 
fanden, ubi pro libris templarum ad miisicas notas inscribendctö 
hiercUicam ckartam fadunt.^) 

Vom Jahre 1440 ist eine Fabrik in Basel bekannt, wo das 
Condl der Fabrikation einen Anstofs gab. Die Mähr yon der 
Berufung spanischer Arbeiter aus Galizien ist Mifsverständni fs 
einer neuen Anlage der Gebrüder Galliziani. *) Im Jahre 1474 
schrieb Mag. Job. Meilof in Biga und Greifswald Summaria 
codiciSy und bemerkt, dafs er für den letzten Theil das Papier 
in Wilna (in Letphania in dvüate Vüna) gekauft habe.*) 

Der schon oben S. 120 angeführte Paulirinus sagt: JPapi- 
reista est artifex sciens parare papirum secundum majorem 
atä minorem subtüitatem; cujus materia, ex qua operatur, est 
omnis pannus lineus aut laneus putrefadibilis^ cui coccione forti 
donatur aJbedo cum junco marino; cujus instrumenta sunt cal- 
daria, fumi^ antra, juncus, forme, fusoria et alia. 

Von den Arabern wurde auch das Wort raemah, Bündel, 
mit dem Papier übernommen, spanisch resma, italienisch risma, 
französisch rame, engUsch ream, deutsch riefs. Es bedeutet 
20 buch (französisch main de papier, englisch quire, von adiier) 
zu 25 Bogen. ^) 15 Biefs sind 1 Pack.^) In den Preisen ist 
natürlich nach der verschiedenen Gröfse und Beschaffenheit die 
äufserste Mannigfaltigkeit, und da die Geldwerthe eben so ver- 
schieden und wechselnd sind, kann eine Zusammenstellung nur 
für begrenzte Gebiete Werth haben. Im Jahre 1394 wurden 



^) In einer liturgischen Hs. saec. XY. aus Prüfening enthält ein Zettel 
die Notiz: Das Papier dieses Codids ist noch in der Eahm eingespannt 
geschrieben worden, welches was rares. Cat codd. Monac. II, 2, 53. 

>) Geering, Handel u. Industrie d. Stadt Basel (1886) S. 313. 

*) Th. Pyl, Die Rubenow-Bibliothek S. 55. 

*) ee XXV pogen (1499) Rockinger S. 25; daselbst aber auch 4 Buch 
Regalpapier mit 95 Bogen. Oben S. 142 sind es 24 Bogen. 

*) Nach der Notiz aus Tegemsee von 1494 bei Rockinger S. 24: 
12 den, für ain pt^ch papir. 15 iS minus 30 den, für ain säm papiery 
ital. soma, welche die Yenetianer 1817 für 20 lire an Mailand zu liefern 
versprachen. Nach modemer Rechnung sind 10 Riefs 1 Ballen^ 15 Riels 
1 Pack. 



Papier. 147 

in Botzen 3 Gr. für ein Buch Papier gegeben.^) In Florenz 
eriiielt am 8. März 1437 Ägnolo ckartorajo 1 Ib. 10 soldi per 
uno libro di fogli reaii choUe ckoverte di oharte pechorine per 
iscrivervi su ü Pasio e Vcmgdi in rime. *) In Hermannstadt gab 
man 1494 und 1495 fl. 1 d. 25 pro uno riso papiri.^) In 
Augsburg kamen 1499 vier Bogen auf drei Heller, von regal 
papier aber ein Bogen 1 Denar.*) Wenn in Klostemeuburg 
1420 grofse und kleine Bücher genannt werden, letztere nur ^/j 
von jenen kosten, so kann sich die Unterscheidung wohl nur 
auf die Gröfse des Papiers beziehen.'^) 

Die gewöhnlich angeführte angebliche Urkunde Hein- 
richs IV für Utrecht vom 23. Mai 1076 ist nach der Unter- 
suchung des Baron Sloet v. d. Beele nicht auf Papier, sondern 
auf Pergament geschrieben. Sicher bezeugt sind Urkunden auf 
Papier vom König Boger von Sicilien.^) Das älteste sicher 
bekannte kaiserliche Schreiben auf Papier ist von Friedrich 11 
im April 1228 aus Barletta an das Nonnenkloster zu Goefs in 
Steiermark gerichtet und noch in Wien vorhanden; ein zweites 
Mandat von 1230 in Lübeck.^) Allein im Jahre 1231 verbot 



^) y. Ottenthaly Rechenbuch der Herren v. Schiandersberg, Mitth. d. 
Inst IT, 614. 

*) Mittheilung von G. Paoli. Bei Lupi, Manuale p. 40, Papierpreise 
aus Pisa. 

') Fr. Teutsch, Siebenbürgens Buchhandel Anm. 25. Der Pfarrer 
Ton Zeiden schrieb 1429 : Plura scripsissem, sed carui papiro. 

*) Rockinger, Zum baierischen Schriftwesen S. 25, wo viel zusammen- 
gestellt ist 

') Fontes Rerum Austriacarum, DiplL X, u. Vgl. Czemy, Bibl. 
von St Florian S. 64. Einige Nürnberger Preise Chroniken I, 261. 262. 
271, darunter a. 1384 5 fl. umb ein grose rizz papiers. In den Hamburger 
Kämmereirechnungen kommt zuerst 1362 vor ad gwerram contra regem 
Dacie XII sol. pro pergameno et papiro ^ bei Eoppmann I, 81. Mezger, 
Geschichte der k. Bibl. in Augsburg S. 82 giebt folgende Berechnung eines 
Boetius de consol. saec. XV in folio: „Istius libri sunt 18 sextemi. pro 
quolibet dedi 35 den. facit 18 €6, et sunt 5 libri papiri pro 10 grossis et 
pro ligatura 9 grosses, qui faciunt in auro 5 flor. et duos den. florenum 
pro 4 ^ 15 denariis computando de alba moneta." 

*) S. Bresslan, Urkundenlehre I, 892. 

^) Bresslau ib. S. 893. 

10* 



148 Schreibstoffe. 

derselbe Kaiser die Anwendung des Papiers zu Urkunden, weil 
es zu yergänglich sei. Constitutiones Siculae I, 78: Volumtis 
etiam et sancimus^ ut instrumenta publica et alie simües cau- 
tiones non nisi in pergamenis in posterum perscribantur. Oum 
enim eorum fides muUis futuris temporibus duratura speretur, 
justum esse decemimus, ut ex vestustate forsan destructianis 
periculo non succumbant. Ex instrumentis in chartis papyri 
vel alio modo quam ut dictum est scriptis, nisi sint apoche vel 
antapoche, in judiciis vel extra judicia nuUa omnino probaiio 
assumatur, Scripturis tantum preteritis in suo robore dura- 
iuris, Que tarnen in predictis chartis bombycinis sunt reda^nte 
scripture, in predictis lods Neapolis, Amalfie et Surrenti intra 
biennium a die edite sanctionis istius ad communem Htteratu- 
ram et legibüem redigantur. 

Italienische Notare muisten noch in späterer Zeit bei ihrem 
Amtsantritt versprechen, kein Papier zu Urkunden zu ver- 
wenden; so versprach 1318 ein Notar dem Grafen Kambald 
von Collalto, kein Instrument zu machen in Charta bombycis 
vel de qua vetus fuerit abrctsa scriptura. 1331 gelobte ein 
anderer nichts in Charta bontbydnä auszufertigen. ^) Tiraboschi 
(ed. 1775) V, 77. Ihre schedae oder imbreviaturae aber sind 
auf Papier. 

Dagegen diente es zu anderen Aufeeichnungen; so in Genua 
nach C. Paoli*) schon im 12. Jahrhimdert, dann in Venedig 
zu dem liber plegiorum, der mit Einzeichnungen von 1222 be- 
ginnt, u. s. w. Albertus Bohemus schaffte sich um die Mitte 
des 13. Jahrhunderts ein Conceptbuch von Papier an, dessen 
Beschaffenheit Kaiser Friedrichs Vorsicht rechtfertigt, denn es 
ist so gebrechUch, dals man sich bei dessen Gebrauch der 
gröfsten Vorsicht bedienen muls (Boehmer, B-eg. Imp. 1198 bis 
1254 p. LXIX). Doch ist es in anderen Büchern treffUch er- 



') Karl lY wandte das 1358 auf die bischöflichen Notare in Prag an, 
nicht auf cartae dbras<i€ oder papireae zu schreiben. Lit. Gentralbl. 
1876, S. 430. 

*) Progr. scol. II, 63; es ist ein da beschriebenes registro notarile. 
Vgl. auch S. 55. 



Papier. 149 

halten y sehr glatt und stark. ^) Auch die in Italien geführten 
Protokollbücher Kaiser Heinrichs VII, welche sich jetzt in 
Turin befinden, sind auf Papier geschrieben. 

In Deutschland wird vom 14. Jahrhundert an der Ge- 
brauch des Papiers auch zu Urkunden immer häufiger, in der 
Reichskanzlei seit Karl lY. Bei Büchern wird es häufig auch 
zur besseren Erhaltung, besonders weil man die Quatemionen 
oft lange ungebunden Uefs, in Pergamentlagen gelegt, ebenso 
wie einst Papyrus; so z. B. das Formelbuch des Arnold von 
Protzan (Cod. dipl. Siles. V). Paul Meyer*) bezeichnet es als 
eine südlich der Pyrenäen ebenso häufige wie anderwärts seltene 
Erscheinung, dafs die Hefte der Handschriften aus 4 Papier- 
blättem und 2 Pergamentblättem gebildet werden, von welchen 
letzteren das eine die Aufsenseiten, das andere die Mitte des 
Heftes bilde. Der Kaufinann zu Brügge jedoch wollte noch 
1470 den Kecessen uppe poppyr nicht Glauben schenken, ^) und 
1367 beanstandeten die Städte eine Vollmacht Waldemars IV, 
quia talis littera fuit super papirutn scripta ei in parte rasa. 
Pabst Alexander VI lielfi 1502 dem venetianischen Gesandten 
eine Urkunde Eugens IV von 1440 vorlesen, worin er Borgo 
di San Sepolcro für 25000fl. den Florentinern verpfändete: in- 
strumento molto amplo e chiaro, el quäle perö (schreibt der Ge- 
sandte) non voglio autenticare per essere scritto de recenti et 
in carta bombasina,^) In England müssen Urkunden noch 
jetsst auf Pergament geschrieben werden. 

Wie das Pergament (oben S. 128) ist auch das Papier oft 
fliefsend gewesen, wie man in manchen Handschrift;en wahr- 
nehmen kann; im cod. Berol. lai fol. 176 ist die zweite Seite 
von £ 170 halb leer gelassen, mit der Bemerkung: Sequitur in 
sequenti folio propter defluendam pappiri. 



*) Rockinger S. 22, der dafßr die Münchener Stadtkammerrechnung 
anführt 

*) Romania X, 226 (1881) aus Anlafs des Ms. Douce 162, das von 
ihm Arch. des Missions 2 in, 167 beschrieben ist (Mitth. von Tobler). 

') Hansische Geschichtsbl&tter 1873 S. lyi. 

«) Dispacd di Ant Giustiniani ed. P. Yillari (1876) I, 75. Es wird 
wohi Concept oder Copie gewesen sein. 



150 Formen der Bücher und Urkunden. 



n. 

Formen der Bücher und Urkunden. 

1. Bollen. 

Die Solle ist im Alterthum die gebräuchlichste Form ge- 
wesen, abgesehen von den Diplomen und Wachstafeln, deren 
schon oben gedacht wurde. 

AusfuhrUch handelt darüber, mit Erklärung aller tech- 
nischen Ausdrücke, Murr, in der üebersetzung des Philodemus 
von der Musik, BerUn 1806, 4. Von der neueren Litteratur 
führe ich nur das schon erwähnte Buch von Birt an, ohne 
freiUch allen seinen Ansichten beizustimmen. Nach seiner Mei- 
nung hat man in ältester Zeit sehr lange Bollen ohne Ein- 
theilung in Bücher gehabt; erst KaUimachus führte die kurzen 
Bollen ein und nun wurden die alten Werke eingetheilt, die 
neueren gleich so geschrieben, indem man dafür eine Bolle von 
passender Grölse aussuchte. Es spricht dafür, dafs auf allen 
Abbildungen gleich auf der fertigen Bolle geschrieben wird, 
imd — das ist das wichtigste — an ein nachträgUches Zu- 
sammenleimen der plagülae nicht zu denken ist (s. oben S. 99). 

Die Namen sind zum Theil vom Stoff hergenommen, wie 
ßlßXog, ßißUov, später auch ßtßXaQiov, liber, Charta, und diese 
haben natürlich auch eine allgemeinere Bedeutung erhalten, 
welche jedoch anderen Bezeichnungen eben so wenig fehlt Wie 
die Alten die Namen ihrer ersten Schreibstoffe auf alle Bücher 
übertragen haben, so die Deutschen das Buch von dem Buchen- 
holz, in welches sie einst ihre Bunen zu ritzen (toritcm, to torite) 
pflegten, ') die Irländer cuilmenn d. h. Kuhhaut, von ihrem Material. *) 



^) Gothisch hököa, pl. von höka, Buchstabe. Ueber die Fortwirkung 
dieses Plurals im Sprachgebrauch s. L. Weiland, Forschungen XIII, 197. 
Angels. bedeutet hok Urkunde. Die zuweilen vorkommende Benennung 
btbii «» ßißkoi ist nur pedantisch gelehrter Ausdruck. 

*) O'Curry's Lectures p. 32. 



Rollen. 151 

Auch der böhmische Name hniha wird von einem Wort abge- 
leitety das Holz bedeutet^) 

Von der Form hergenommen ist volumen,^) xvZivÖQog bei 
Diogenes Laertins de Epicuro (X, 26) und spätgriechisch sUi]- 
xoQiov, auch slXf/Tov (Schwarz, de omam. libr. p. 130), i^el- 
Xfiiia (ib. p. 154). In den Acten der Syn. VI. a. 680 bei 
Mansi XI , Ö88: ro x^Q'^^ov avd'Svrixov alXivoQiov, Es ist 
mit elXico, winden, drehen, rollen, verwandt^) Spätlateinisch 
ist rotidi4S, rotula, wovon unser Rolle, französisch rotdeau, fast 
nur für Urkunden in dieser Form gebraucht, weil, als das Wort 
aufkam, Bücher in BoUen kaum noch vorkamen. «) 

Zu einem gröfseren Werke gehörten mehrere Rollen, wes- 
halb auch die einzelnen Abschnitte oder Bücher desselben 
ßlßjioq, Volumen,^) Charta genannt werden; auch rofiog, tomtis, 
welches genau unserm ÄbschniU entspricht So sagt Catull zu 
Cornelius Nepos: 

ausus es unus Italorum 
Omne aevum tribus explicare diartis. 

Diese Ausdrücke blieben im Gebrauch, nachdem die Form 
der Bollen abgekommen war. In ähnlicher Weise nennt Benzo 
von Alba die einzelnen Bücher seines Werkes codex, obgleich 
sie alle in demselben Codex vereinigt waren, allerdings als früher 
abgesonderte Schriften. 

Ulpian unterscheidet deshalb, Dig. 1. XXXII. 1. 52: Si 



*) V. Brandl, Glossarium illustrans boh. mor. historiae fontes (Brunn 
1876) 8. 98. 

*) Sp&ter hat man den Ursprung yeigessen. Volumen dicitur a 
vohOf guia perUeio uno foiio Ubri vcUvUur et dUud legitur. Wörterbuch 
im Serap. XXIII, 278. 

•) Vgl. Lucian, Elxovsq c. 9: BißXiov iv xalv x^QOiv eixfv iQ dvo 
owiiXiififiivov, xal itpxei to fiiv xi dvayvtoaead-ai aitov, ro Sh ^Srj dvi' 
ywwxivtu, 

*) Büdlich rotülis eommiUUe eordie bei Ermoldus Nigellus II, 523. 
Abschriften von Urkunden scripta in uno rodali^ Zts. f. Schles. Gesch. 
Xm, 266. 

*) Auch wenn sie nicht getrennt sind: Hoc in libro constant vdu- 
mma non jpiue oeto von den Büchern der Moralia Gregors, Bibl. Casin. II, 
c 77. 80. 81. 



X52 Formen der Bücher und Urkunden. 

cui cetUum libri sunt legati, centum volumina ei däbimuSf non 
centum quae quis ingenio suo metitus est; ut puta cum häberet 
Homerum totum in uno volumine, non 4S libros comptdamus, 
sed unum Homeri volumen pro libro acdpiendum est. 

Nach den Gestis abbatum Fontanell. (MG. SS. 11, 297) 
schenkte Ansegis an das Kloster Saint-Germain-de-Flay: pan- 
dedem a beato Rieronymo ex hebraeo vel graeco eloquio trans- 
latum; ejusdem expositionem, in duodecim prophetas^ et sunt 
tomi viginti in volumine uno. Hier würde man in älterer Zeit 
an 20 Bollen zu denken haben , im 9. Jahrhundert aber doch 
wohl nur an gesonderte Schriften in einem grofsen Bande. 
Dann wird der pandectes auszuschliefsen sein, ein Wort, welches 
ursprünglich nur einen Complex vieler Schriften bezeichnet und 
häufig in griechischen Handschriften für Blüthenlesen aus 
Werken der Yäter vorkommt Sehr oft ist er auf die heiligen 
Schriften angewandt, so wie gleichfalls das Wort bihliotheca 
d. i. Bibel, welches zu vielen ergötzlichen Mifsverständnissen 
Anlafs gegeben hat In ähnlicher Weise zusammengeschrumpft 
ist die Bedeutung des Wortes Pentateuch, von rev/og, welches 
ein allgemeiner Ausdruck für Buch ist, ') wie auch noch omiia 
(corpus) und jtvxxloVf welches ursprüngUch eine Schreibtafel 
bedeutet Auch vq>og hat dieselbe Bedeutung, z. B. bei Eutha- 
lius ad epp. Pauli. 

Das Wort pa/ndectes in dieser Bedeutung hat schon Cassio- 
dor,') dann Beda, wo er erzählt, dafs der Abt Ceolftid von 
Weremouth tres pandectes novas translationis aus Rom mit- 
gebracht habe.*) Den Ursprung der eigenthümhchen Anwen- 
dung des Wortes bibliotheca finden wir bei Hieronymus ep. 5 
(olim 6), wo er schreibt: multis sacrae bibliothecae codidb us 
abundamu s. Die Bibel in Bollen bildete allerdings schon eine 
Bibliothek für sich, und so sagt Isidor Origg. VI, 3: bibHothe" 
cam veteris testamenti Esdras renovavit. Die Mauriner be- 
titelten die üebersetzung des Hieronymus Bibliotheca divina 

^) S. d. oben S. 114 aus Eusebii vita Constantini mitgetheilte Stelle. 
Ursprünglich ein Kasten oder Krug nach Birt S. 89 f. 

') S. Ad. Franz, M. Aur. Gass. Senator (firesl. 1872) S. 50. 
') Vita abb. Wiremuth. Bedae Opera ed. Giles lY, 386. 



Rollen. 153 

und besprechen den Ausdruck in ihren Prolegomena. Das 
Wort bibliotheca b raucht Beda im gewöhnlichen Sinne; dagegen 
trägt der für Karl den Kahlen geschriebene Codex ValliceUi- 
anus der Bibel die Inschrift: 

Nomine Pandecten proprio vocitare memento 

Hoc corpus sacrum, lector in ore tuo, 
Quod nunc a multis constat bibUotheca dicta. 

Nomine non proprio, ut lingua pelasga docei*) 

Dieselbe auffallende Betonung von bibliotheca findet sich in den 
Versen, welche irrig Isidor zugeschrieben sind:*) 

Te quoque nostra tuis promit bibliotheca Ubris. 

Ebenso in der schönen Bibel, welche Graf Vivian Karl dem 
Kahlen überreichte: 

Bex benedicte, tibi haec placeat bibliotheca, Carle, 
Testamenta düo quae relegenda gerit'} 

Lupus von Ferri^res aber erwies dagegen aus Martial die rich- 
tige Betonung.^) 

In dem 821 von Beginpert verEafsten Bibhothekskatalog 
von Beichenau, betitelt Brevis librorum qui sunt in coenöbio 
Sindleoaes Äuua, facta a. VIII. Hludovici imperatoris, heifst es: 
Bibliotheca I, et alia Erichi, Eptatici volumina tria, d. h. ein 
Heptateuch in 3 Bänden. *) Im Kloster selbst wurde Bibliotheca 
dimidia geschrieben.^) Kaiser Lothar schenkte dem Kloster 
Prüm bibliothecam cum imaginibus.'^) 

Von der Verbrennung Hamburgs durch die Dänen 845 
hei&t es in der Vita Anskarii c. 16 (MG. 11, 700): Ibi biblio- 



») MG. Poet lat. I, 283. 

«) Opera ed. Arev. VII, 180. 

•) Balozii Gapit II, 1568. 

^) Lnpi ep. 20 p. 40 ed. Baluzios. 

^) Wörtlich so im St Galler Gatalog saec. IX, bei Weidmann S. 366, 
imd in Staffelsee unter Karl d. Gr. liber eptaiicum Moysi. Der Gamal- 
dtüenser Paulus Orlandinus ver&Dste im 15. Jahrh. ein siebentheiliges 
Werk unter dem Titel Heptathicum, Laur. Mehus V. Ambr. Trav. p. 385. 

*) Neugart, Episcopatus Gonstant I, 636. 

*) Broweri Ann. Trev. 1. VIII. § 114. p. 414. 



154 Formen der Bücher und Urkunden. 

teca, quam seremssinms jam memoratus imperator eidem pairi 
nostro conttdercU, optime conscripta, cum pluribus aliis libris 
igne disperiU. Gegen das Ende des 9. Jahrhunderts erwähnt 
der Mönch Bernhard das von Kaiser Earl in Jerusalem gestiftete 
Hospital, nobilissimam habens bibliothecam studio praedicti im- 
peratofis^) Der Erzpriester Cyprianus von Cördova braucht 
um das Jahr 900 für die Bibel die Ausdrücke bibliotheca, theca 
und librorum theca.^) Der Abt SigiMd (1009—1020) schenkte 
dem Kloster Berge u. a. bibliothecam cum suis libris.^ 

St Emmeram besafs unter Abt Bamwold gegen das Jahr 
1000 bibliothecas ducbs; in una vetus, in altera novum testen 
mentum continentur.^) In St Maximin waren bibliothecae diuie 
majores perfectae. Item alia minor, in qua vetus tantum testamen- 
tum cum epistolis Pauli. Textus evangdii unius auro scriptus.^) 

In der Blumenlese von St Biquier aus dem 9. Jahrhim- 
dert finden sich mit der üeberschrift Stichi apti in fronte pan- 
dectinis (sie) die Verse Alcuins: 

In hoc quinque Hbri retinentur codice Mosis*) etc. 

Ganz ähnlich sind des Iren SeduHus Versus ad Ghmthor 
rium Colon, ep. de bibliotheca: 

Aspice pandecten vitae de fönte scatentem^ etc. 

Ebenso war es keine Bibliothek, welche das Kloster Te- 
gemsee 1054 dem Kaiser Heinrich DI darbrachte, worüber die 
Klosterchronik berichtet: collata est imperatori a noMs biblio- 
theca magna auro argentoque composita ac scriptura decerUer 
omcUa. Die Abtei erlangte dafür die Restitution mehrerer 
Besitzungen.®) Das Verzeichnifs des Kirchenschatzes, welches 



^) Tobler, Descriptiones Terrae Sanctae (Leipz. 1874) p. 91. 
*) Opp. Isidori II, 6 angef. aus Esp. sagrada XI, 522 und Ö25. 
') Lappenberg in Pertz' Archiv IX, 440. 
*) Mon. Germ. S8. XVII, 567. 

*) Libri de armario S. Maximini, bei Reiffenberg im Annuaire de la 
Bibl. roy. de Brux. III, 120. 

•) MG. Poet lat. I, 287. III, 326. 

'*) Dümmler, Sedulii carmina XL p. 29. 

■^ Pez, Thes. III, 3, 512. 



Rollen. 155 

1070 Abt Stephan von Saint-Gäy in Yerdun aufiiehmen Uefs, 
beginnt: Textum L Bibliothecam veteris et novi Testamenti in 
duobus magnis völuminüms novis, et unam veter em.^) 

In der Vita S. Gertnidis heifst es : ut paene omnem hiblio- 
thecam divinae legis memoriae reconderet,^ und Sigebert von 
Grembloux sagt: Si enim utriusque legis totam bibliothecam, si 
omnes tatius bibliothecae veteres expositores revolvam^) . . . . 

Um dieselbe Zeit schreibt Bemold zum J. 781 über die 
von Karl veranstaltete Sammlung von Homilien: ctd noctur- 
naies lectiones sufficere possunt cum bibliotheca. 

In dem Verzeichnüs der Bücher, welche Diemud, die 
fleÜBige Nonne von Wessobrunn im 12. Jahrhundert geschrieben 
hat, findet sich Bibliotheca in II voluminibus, quae data est pro 
praedio in Pisinberch, und eine zweite in drei Bänden. 

Auch Gotfiid von Viterbo braucht das Wort in dieser Be- 
deutung,^) und ebenso der Subprior Gaufrid von Beaugerais 
um 1170.») 

Eine Handschrift des 12. Jahrhunderts aus Saint-Amand 
hat die Unterschrift: Expositio super difficUia verba bibliothecae.^ 
Wir finden sie auch im Catalog des Passauer Klosters St Nicola,^ 
und unter den Büchern, welche an Neuwerk bei Halle geschenkt 
werden.*) 

Im An&ng des 13. Jahrhunderts ist die schöne Bibel von 
Saante-Geiievidve in Paris in drei Folianten geschrieben, mit 
der Unterschrift: Hanc bibliothecam scripsit Manerius scriptor 
Cantuariensis, wozu dann dieser noch seine ganze Familien- 
geschichte hinzufügt*) Albericus nennt Petrus Biga bibliothecae 
versificator. 



^) Bandini U, 40. 

«) MabiUon, Acta SS. 0. S. B. II, 446 ed. Yen. 
*) Jaff^ Bibl. renun Genn. Y, 2^24. 
*) MG. SS. XXn, 95 1. 17. 
") Martene, Thea. I, 502. 511. 

'} Mangeart, Gatal. de Yalenciennes p. 477 mit unTent&ndiger 
Aendening. 

^) Bern. Pez, Thes. I. Dias. Isagog. p. LH. 

*) Jacobs u. Ukert, Beiträge II, 21. 

') Nach Waagen, Kunstwerke in Pari», S. 288. — Wright, Political 



156 Formen der Bücher und Urkunden. 

Adam, Schatzmeister des Capitels zu Reimes, schenkte 
1231 einer Abtei seine Büchersammlmig, darunter quandam 
bibliotecam in minuta lütera. ^) Wiederholt findet sich derselbe 
Ausdruck in dem Legat, welches 1227 der Cardinal Guala dem 
Andreaskloster in VerceUi machte.') 

Johannes de Garlandia nennt die bibliotheca unter den 
nöthigen Kirchenbüchern, ') und Yincenz von Beauvais sagt im 
Prolog seines Speculum majus, er habe es anfangs so grofs an- 
gelegt, ut in triplo hibliothecae sacrae mensuram excederet. 

Noch im 14. Jahrhundert schreibt Guido von Vicenza im 
Prolog zu seinem Directorium super bibliam:^) 

Qui memor esse cupit librorum bibUothecae. 

Unter einer Abschrift der Bibel in Augsburg vom Jahre 
1390 steht: Explidt bibliotheca. *) In der Windesheimer Chro- 
nik heifst die Bibel biblia, es wird aber die Eandschnft eines 
alten Exemplars angeführt: Ista hiblioteea fuit contestata ex 
biblioteca s, Jheranimi,^) 

Aus späterer Zeit weüs ich keine Beispiele, aulser dafs in 
engUschen Glossaren, vielleicht nur traditionell, steht: biblio- 
/f C , teca, a bybulle, mit dem Spruch dazu: Biblioteca mea servat 
meam bibliotecam,'^) Es ist ein Sprachgebrauch, welcher sich 
erhalten hat von der Zeit her, wo wirkhch jedes Buch min- 
destens eine Solle füllte; die verschiedenen Bollen wurden zu- 
sammen in Charta emporetica, in eine 6ig>9'iQa oder membrana 



Songs of England from John to Edward II (1834) S. 354 giebt seine ganze 
Aufzeichnung und setzt sie ein Jahrhundert früher. 

Bibl. de rficole des Charles, 5. Sörie, III, 39 ff. 

*) Tiraboschi Tomo lY. 1. 1. c. 4. § 3 aus der Biogr. des Card. 
Guala vom Abb. Frova. Auch im Inventar der Dombibliothek zu Ronen 
im 12. Jahrh. Bibl. de r£cole des Chartes III, 1, 217. Noch viele Bei- 
spiele bei A. Franklin, Les anciennes bibliothöques de Paris. 

■) G^raud, Paris sous Philippe -le- Bei p. 604. Wright, Vocabu- 
laries p. 133. 

*) Jacobs u. ükert, Beiträge II, 75. 

^) Mezger, Gesch. der Kreis- und StadtbibL in Augsburg S. 56. 

•) Chron. Wind. II c. 26, p. 312 ed. Grube. 

^) Wright, Yocabttlaries p. 113 u. 230. 



Rollen. 157 

eingewickelt,^) bei gröfseren Werken aber genügte das nicht, 
und es gehörte eine capsa, ein scrinium dazu. Dafür wird man 
eben auch hitliotheca und pandectes gesagt haben. 

Die Beschaffenheit der alten Bücherrollen wurde 
genauer zuerst bekannt durch die Entdeckungen in Hercula- 
neum, auf welche einzugehen nicht dieses Ortes ist, und durch 
die En^eckungen in Aegypten, wovon ich hier nur die Bankes- 
sche Ilias nenne, eine schöne Bolle. Femer die Beden des 
Hyperides, welche seit 1847 entdeckt und nach und nach yer- 
Tollständigt und herausgegeben wurden. 

Sehr merkwürdig ist das illustrierte astronomische Werk 
Evöo^ov Tixvri, auf dessen Bückseite Actenstücke von 165 und 
164 a. Ch. eingetragen sind, ganz facsimihert von Th.Devdria.') 

Dazu kommen endlich noch die Fragmente von zwei latei- 
nischen Originalrescripten der kaiserlichen Kanzlei aus dem 
5. Jahrhundert, welche Th. Mommsen bearbeitet und erläutert 
hat^) Die Höhe beträgt hier 17 röm. Zoll = 1 Fuls grie- 
chisch, ein in Aegypten sehr häufiges Format 

Die Schrift ist immer parallel den Langseiten, aber ein- 
getheilt in Columnen, welche durch mehr oder weniger regel- 
mäfsige Zwischenräume getrennt werden. In Hyperidis Epita- 
phius, der eine Privatschrift auf der Bückseite ist, sind sie 
ganz nahe an einander gerückt und nur durch Tintenstriche 
geschieden, während in den Bescripten der Zwischenraum ca. 
3 Zoll beträgt, die Columnen ca. 19 Zoll breit sind. Hier, wo 
die Schrift sehr grois und weitläufig ist, so dafs die Colunme 
von 17 Zoll Höhe nur 8 Zeilen hat, ist die Zeile, wo es irgend 
möglich war, am Schlufs von Sätzen oder Satztheilen abgebro- 
chen, was in einzelnen Inschriften, in den uns erhaltenen Schrift- 



^) Nach Dayy S. 198 haben sich noch Spuren der verkohlten ÖKp^k^a 
einiger Rollen erhalten. 

*) Band XVIII, 2 der Notices et Extraits des Manuscrits: Notices 
et Textes des Papyrus Grecs du Mus^e du Louvre et de la Biblioth^que 
Imperiale, publication pröpar^e par feu M. Letronne, ex^cut^e par MM. 
Brunei de Presle et E. Egger. Paris 1864 qu. und fol. 

') Im Jahrbuch des gemeinen deutschen Rechts, von Bekker, Muther, 
Stobbe (1863) VI, 398—416. 



158 Formen der Bücher und Urkunden. 

rollen aber sonst nicht vorkommt. Wohl aber geschah es zur 
Anleitung für die Schüler in Handschriften der Redner, und 
wurde von diesen auf die heiligen Schriften übertragen, wovon 
in Pergamenthandschriften Beispiele erhalten sind; von profanen 
alten Schriftstellern nur der Cod. Regius 6332 der Tusculanen 
von Cicero, im 9. Jahrhundert vielleicht nach älterem Vorbild 
so geschrieben.^) 

Doch finden wir dieselbe Einrichtung auch in einem Lei- 
dener Codex saec. Vlll. der Frankengeschichte des Gregor 
von Tours,*) und auch die Briefe Gregors I sind im cod. 
Colon. 92 unter Hildebald in zwei ganz schmalen Columnen 
mit ausgerückten Initialen so geschrieben.*) 

Auf jene Einrichtung der Bescripte bezieht Mommsen die 
Worte des Bonifatius, welcher einem vornehmen Manne, der sich 
mit grammatischen Studien beschäftigte, dem Präfectus praetorio 
Marinus, 515 in greulichen Versen eine Abschrift der Chronik 
des Hieronymus widmete: te qui longos agilibus (per) servata 
cola et commata periodos pernieUer transcurris opttdibus.^) 

ÜEXlöeg, die Scheidewände der Ruderbänke in den Schif- 
fen, sind nach Hesych. s. v. iv rotg ßißXloig rä /zsra^v rcov 
j€aQ(XYQag>(3v al. JtaQaygdqxDV, also was zwischen zwei Inter- 
punctionsstrichen steht, eine Periode. Aber darauf folgt öeXlg. 
jtrvxlov xaxaßaxov ßißXlov, und im gewöhnlichen Gebrauch 
ist oeXlg, öeXlöiov mit pagina gleichbedeutend;^) so auch jrrvg, 
XTvxijj übertragen von den Blättern des Diptychon. 

Am Schlufs pflegt die Anzahl der Columnen imd der Zeilen 
((Jrlxoi) verzeichnet zu sein; die Angabe bUeb unverändert, 



1) S. F. Ritschl's Kl. philol. Schriften I, 89. 95. Cic. Opera ed. 
Orelli IV, 207 ed. II. Er ist doch nicht eigentlich per cöla geschrieben, 
8. Birt S. 180 Anm. 1, u. S. 220. Ueber die biblische Stichometrie und 
die Schreibung per cola et commata handelt Hug, Einleitung z. N. T. 
4. Aufl. I, 222 ff. und Tischendorf in Herzog's Realencyclop. XIX, 189, 
welcher die Differenz zwischen der überlieferten Yerszahl und Euthalius 
Eintheilung betont 

•) Facsimile in den Schrifttafeln von W. Arndt (1874) Taf. 13. 

') Ecclesiae Colon. Codices (1874) p. 35. 

*) A. Schoene, Quaestiones Hieron. p. 55. 58. 

^) Bei Martial lY, 89, 4 auch schida. 



Rollen. 159 

wenn sie auch zu dem Yorliegenden Exemplar nicht stimmte. 
Falls der Zweck war, den Lohn des Abschreibers danach zu 
bestimmen, so kam auf eine solche Abweichung nichts an; die 
einmal Torgenommene Schätzung blieb gültig, wie wir auch in 
Abschriften, die aus itaUenischen Universitäten stammen, mitten 
auf der Seite die Bemerkung finden Finis pecie I etc. Das 
hindert natürlich nicht, dafs man diese Angaben auch zu ande- 
ren Zwecken benutzte; auch mag ursprüngUch eine wirklich 
genaue üebereinstimmung beabsichtigt und in einzelnen Fällen 
erreicht sein; findet man sie doch auch zuweilen in Pergament- 
handschriften.') 

Durchaus nothwendig ist es aber anzunehmen, dafs ein be- 
stimmtes NormalmaJs vorhanden war, und dieses wird auch 
vorausgesetzt, wenn Diocletian in seinem Edict von 306 die 
Preise für verschiedene Qualitäten der Schrift nach der Zahl 
der Zeilen bestimmt Mit der Frage nach diesem Normalmafs 
haben sich Ch. Graux*) und Th. Birt') sehr eingehend be- 
achäftigt, und es hat sich daraus eine durchschnittliche Länge 
von 34 bis 38 Buchstaben ergeben, d. h. die Länge eines Hexa- 
meters. Das mufste ja auch von vom herein als wahrscheinlich 
erscheinen, weil alle sorgfältige Utterarische Bearbeitung von 
den homerischen Gedichten ausging, und dazu stimmt es, dafs 
für örlxoi auch ixfj gesagt wird. Auch Galen brauchte als 
Mals seiner eigenen Schriften den Crlxog von 16 Silben, wie 
Diels^) nachwies, und Mommsen^) fand ein merkwürdiges 
Ineditnm über die Bücher der h. Schriften und die Werke 
Cyprians, welches nach seiner Emendation lautet: Quoniam 
indieulum versuum in urbe Roma non ad liquidum, sed et 
alibi avariciae causa non häbent integrum, per singulos lihros 
compukUis sylläbis numero XVJ versum Vergüianum omnibus 
libris ctdscribsi. 

«) S. Ritachl's Kl. Schriften I, 74—112. 173—196. Marquardt V, 2, 
3d3. MomiDBen zum Yeroneser Livius (Abhh. d. Berl. Acad. 1868) S. 161. 
Blas« im Rhein. Mus. f. Philol. (186») XXIV, 524—532. 

*) Kouvelles Recherches sur la Stichom^trie, Revue de Philol. II. 1878. 

*) Das antike Buchwesen 1882. 

^) Hermes XVII, 377 ff. 

'') Hernes XXI, 142-156. 



160 Formen der Bücher und Urkunden. 

AuTserdem finden sich auch immer mehr Beispiele davon, 
dafs die Handschriften zu 50 oder 100 Zeilen diuxshgezahlt 
waren, wonach man citieren konnte.*) 

Ohne Zweifel gab es Normal-Exemplare, bei welchen die 
Zahlen wirklich zutrafen; gewöhnlich aber scheint man kürzere 
Zeilen vorgezogen zu haben. In einigen Fällen aber finden wir 
in Pergamenthandschrifben wirkUch genaue Uebereinstimmung. 

Montfaucon (Diar. Ital. p. 278) erwähnt zwei in Seiten 
und Zeilen genau übereinstimmende Abschriften einer griechi- 
schen Catena saec. X. In mehreren Handschriften der Chronik 

m 

des Hieronymus stimmen die Seiten genau überein. Hat nun 
hier offenbar die künstliche Anordnung des Textes den Anlafs 
dazu gegeben, so finden wir eine ähnUche Erscheinung auch 
bei dem bekannten und vielbesprochenen Utrechter Psalter. 
Weil man nämUch für die Bilder genau denselben Baum brauchte, 
und die drei Columnen die Schwierigkeit noch vermehrten, be- 
hielt man auch die schon ganz ungewöhnliche Capitalschrift 
des Textes bei. •) Bei einer Cölner Handschrift der Decretalen 
mit der Glosse wirkte der Umstand, dais die am Bande ge- 
schriebene Glosse zum Texte passen mufste, und der Schreiber 
füllte deshalb den übrig bleibenden Baum mit Federstrichen 
und allerlei Geschreibsel.') Umgekehrt wurde dem Schreiber 
der Canonensammlung saec. VII. mit seiner groisen irischen 
Halbuncialschrift der Baum zu enge, und er schrieb deshalb 
die letzten Zeilen jeder Seite mit kleinerer Schrift (ib. p. 95). 
Bei poetischen Werken finden wir noch spät die Zahl der 
Verse angemerkt, welche ja durch die Art der Abschrift nicht 
verändert wird. In dem sehr alten Codex Salmctsianus der 
lateinischen Anthologie steht bei den einzelnen Abschnitten: 
sunt uero iAcrsus .... womit die Zahl der Gedichte, nicht der 



') Mit Buchstaben a ß y etc. am Rande; auch Columnenzahlen haben 
sich auf Hercul. Rollen gefunden. Birt S. 153. 

*) Nach der Bemerkung von £. A. Bond in den 1874 erschienenen 
Reports addressed to the trustees of the British Museum p. 2, mit Be- 
ziehung auf den analogen Fall des Cod. Harl. 647 der Aratea. 

•) Ecclesiae Col. Codd. i^Berl. 1874) p. 54. 



Rollen. 161 

einzelnen Verse gemeint ist^) Bei Ovids Metamorphosen fin- 
den sich gewöhnlich die Verse: 

Bis sex milenos versus in codice scriptos, 
Sed ter quinque minus, continet Ouidius. ^) 

In den alten Codices der Vita S. Martini von Pauhnus 
Petrocorius steht: Finit in Christo Über primus habens tisrsiAS 
cccLxxxv .... secundus habens t^ersus nccxxn. ^) Ebenso ist 
bei den Sprüchen des Cato die Verszahl angegeben.^) Ueber 
die Verszahl des Sedulius s. Krusch im N, Arch. IX, 272. 
Der Floretus hat die Unterschrift: 

Floretus mille centum versus tenet in se 
Et ter viginti, qui sunt metrice redimiti. 
Laus tibi rex detur, nam libri finis habetur. 

In dem "Wiener Codex der Elegie des Henricus Septimel- 
lensis (EndUcher n. ccxxvi) heifst es: 

Millenos tenet hie versus Über aspera plangens. 

Das Rollen der Bücher heifst pUcare, das Aufrollen zum 
Lesen l^eiXslv, evolvere^ explicare, daher explicitus Über, wenn 
das Buch zu Ende gelesen ist Davon kommt die gewöhnliche 
Unterschrift Explicit^ deren zuerst Hieronymus ad Marcellam 
gedenkt: Solemus completis opusculis ad distindionem rei alte- 
rius seqtientis medium interponere Explicit aut feliciter aut 
aliud ejusmodi. 

Opisthographe zeigen uns die ägyptischen Funde; bei Ab- 
schriften von Autoren sind sie mir nur als Nothbehelf für den 
Privatgebrauch denkbar, wenn der Raum nicht ausreichte; so 



*) Anthol. ed. Riese I, p. XXII. 

<) Burney Catal. p. 60 n. 222 u. 223, Cod. lat. Monac. 209. Bandini 
II, 229 und sonst häufig. Yerszahl Yergils Bandini II, 809. Anthol. ed. 
Riese II, 617, n. 717. Anch in biblischen Handschriften finden sich solche 
Angaben. 

*) Reifferscheid in den SB. der Wiener Academie LXIII, 730. 
LXVn, 533. 

*) Catonis philosophi liber ed. Hauthal p. V. VI. 

Watteobtch, Scbriftwesen. 8. Aufl. 11 



162 Formen der Bücher und Urkunden. 

bei dem endlosen Orestes, dessen Juvenal I, 6 gedenkt, und 
den Commentaren, welche Plinius seinem NeflFen hinterliefs. ^) 

Der Titel der Schrift stand am Schlufs und am Anfang, 
ist aber hier fast immer durch Beschädigung verloren, nur bei 
Philod. de deorum vivendi rat. (Vol. VI) hat er sich erhalten; 
bei einer Rolle ist er auch äufserUch auf die Rückseite ge- 
schrieben. Bei diesen Bollen fehlen nämUch die indices^ grie- 
chisch ölXXvßog (auch ölTrvßog)^ jtirrdxiov, welche an dem einen 
Ende der geschlossenen Rolle angebracht, sogleich den Inhalt 
erkennen Uefsen, wenn die Rollen in ihren Grestellen lagen, wie 
man das auf herculanensischen Gemälden sieht. Die Abbildung 
einer solchen BibUothek, in lapide exciso repertam, geben Bro- 
wer und Masen in den Antt Trev. p. 105, und danach Schwarz 
de omam. Tab. II. üeber die Schicksale dieses Steines habe 
ich nichts in Erfahrung bringen können; es scheint kaum, dafs 
er noch vorhanden ist. 

Wie die kaiserlichen Rescripte, so hatten auch Eingaben 
und Bittschriften dieselbe Form; man sieht sie auf den Bildern 
zur Notitia Dignitatum. Zusammengebundene Bündel solcher 
Rollen haben der Primicerius notariorum I, 49. II, 60 ed. 
Boecking (S 42. 160 ed. Seeck), und der Quaestor 11, 45 und 
I, 40 (S 34. 147 Seeck), wo die Bezeichnung Preces dazu zu 
gehören scheint. Der Magister scriniorum I, 49. II, 60 (S. 43. 
161 ed. Seeck) hat daneben Codices und tdbellas. Die Correc- 
tores I, 115. 116 (S. 101. 102 ed. Seeck) haben viele Rech- 
nungsbücher, und jeder Dux einen liber mandatorum mit einem 
Streifen voll tironischer Noten an der Seite.*) 

Eine gröfsere Rolle ist nur dann bequem zu lesen, wenn 
die Schrift in Columnen vertheilt ist; doch findet sich diese 
Sitte nur im Alterthum. Anders verhielt es sich natürUch, 
wenn Briefe oder Urkunden von kürzerem Inhalt auf ein leicht 
übersichtliches Stück Papyrus zu schreiben waren; da schrieb 



*) Epp. III, 5. C. Paoli fuhrt Progr. scol. II, 90 zwei Beispiele von 
Urkunden an (a. 575 u. 760), bei denen auch die Rückseite benutzt ist 

*) Eine dieser Tafeln in Farben, doch nach einer neueren Copie, 
bei Libri, Mon. in^dits pl. 54, vgl. Catal. de la partie r^serv^e de la Ck)ll. 
Libri p. 70. 



Rollen. 163 

man einfach der kürzeren Seite parallel, wie in Aegypten noch 
erhaltene Briefe zeigen. Caesar zuerst ging in seinen Briefen 
an den Senat von dieser Form ab und schrieb die sorgtältig 
ausgearbeiteten Schriftstücke in Buchform. ') Rasch aufgenom- 
mene ProtocoUe Uefsen sich auch nicht gut in paginas ein- 
zwängen, und bei Instrumenten, welche zu unterschreiben waren, 
mochte die Rücksicht hinzukommen, dafs der ganze Inhalt dem 
Blick frei vorliegen mufste. Thatsache ist, dafs die Sitte, in 
Columnen zu schreiben, in der Uebergangszeit abkam, und schon 
unter den Ravennater Urkunden auf Papyrus sind solche, in 
welchen die Zeilen zu gröJster Unbequemlichkeit des Lesers 
über die ganze Länge ohne Unterbrechung gehen.*) Später 
schrieb man in der Regel der kürzeren Seite parallel {trans- 
versa Charta), doch sind einige päbstUche Bullen in entgegen- 
gesetzter Richtung geschrieben.^) 

Der Länge nach ohne Unterbrechung geschrieben sind die 
xovraxia, liturgischen Inhalte^ so genannt nach den an beiden 
Enden befestigten Stäbchen; auf der Rückseite läuft der Text 
in umgekehrter Richtung zum Stäbchen zurück.^) Sonst aber 
schrieb man den kurzen Seiten parallel, und nähte, wenn das 
Pergament nicht ausreichte, immer eine Haut an die andere. 



') Sueton. Caes. c. 56: Epistolae qnoque ejus ad Senatum extant, 
quas primum videtur ad paginas et formam memorialis libelli convertisse, 
cum antea consules et duces nonnisi transversa charta scriptas mitterent. 

*) S. Marini, I Papiri diplomatici p. 362. 

') Bei Tardif, Monuments hist. sind 2 Bullen der Länge nach ge- 
schrieben. Die gewöhnliche Form hat auch das Privileg des B. Lande- 
ricuB von Paris für Saint-Denis von 652, eine sehr lange Pap. -Rolle mit vielen 
Unterschriften, pl. X. Eine Bulle Benedicts III hat 21 Fufs Länge auf 
2 Fufs Breite. Vgl. Bresslau, Urkundenlehre I, 880. Auch jüngere griech. 
Documente sind so geschrieben, ein Vertrag saec, VI. Greek Papyri p. 199, 
u. das Testament des B. Abraham v. Hermonthis saec. VIII. Pal. Soc. 

*) Montfaucon, Pal. Gr. p. 34. Von der fast 16 Fuüs langen Litur- 
gie des h. Basilius im Escorial, saec. XIII. sagt Miller, Catalogue des 
Manuscrits Grecs (Paris 1848) p. 499 nicht, wie sie geschrieben ist. Der 
Name bezeichnet später einfach kirchliche Hymnen, ohne Rücksicht auf 
die Form der Handschrift. Eine Menge liturgischer Rollen verzeichnet 
Sp. Lambros, Catalogue of the Greek manuscripts on Mount Athos (Cambr. 
1895) I, S. 99. 174. 333 u. 334. 

11* 



164 Formen der Bficher und Urkunden. 

Eine melchitische Jacobsmesse saec. XIY. auf langer schmaler 
Rolle von Papier ist der kurzen Seite parallel geschrieben, und 
die Fortsetzung steht auf der Bückseite in entgegengesetzter 
Richtung. ^) 

Eine merkwürdige griechische Rolle der vaticanischen Bi- 
bhothek (Pal. 405) von etwa 1 Fufs Breite und 32 Pufs Länge 
(doch fehlt der Anfang) enthält eine bildliche Darstellung der 
Kriege Josua's, nach guten älteren Compositionen mangelhaft 
ausgeführt, mit erklärenden Beischrifben in Uncialschrift, welche 
sich der Minuskel nähert. Seroux d'Agincourt, welcher (V. pl. 
28 — 30) ein verkleinertes Abbild der ganzen Rolle und einzelne 
Bilder gröfser mittheilt, setzt sie ins 7. oder 8. Jahrhundert, 
andere ins 10.*) 

Schon dem 5. Jahrhundert zugeschrieben wird eine grofse 
aus sieben aneinander genähten Stücken bestehende, wahrschein- 
lich für eine Ravennater Eörche bestimmte Rolle Uturgischen 
Inhalts in einer regelmäfsigen XJnciale, auf deren Rückseite im 

10. Jahrhundert Briefe abgeschrieben sind.*) 

VorzügUch Unteritalien eigen sind die Exultet, von denen 
eines auf 10 Zoll Breite 20 Fufs Länge hat. In der Oster- 
vigilie las der Diaconus daraus den Text, während auf dem auf- 
gerollten und über dem Pult hangenden Theil das Volk die 
Bilder sah, welche deshalb gegen die Schrift umgekehrt gestellt 
sind. Eine Rolle der Art mit langobardischer Schrift des 

11. Jahrhunderts enthält die Namen der Fürsten Paldolf imd 
Landolf , und Fürbitten für das Wohl famuli tui Rofjfridi co^ 
mestahuli consulumque nostrorum et totius tnilüiae Beneven- 
tanaCy welche nach Borgia auf das Jahr 1077 weisen.*) Ein 



^) Silvestre, Pal. Univ. 11, 35. 

*) Palaeogr. Soc. I, 108. St. Beissel, Vaüc. Miniaturen t. lY. 
•) Ceriani e Porro, II rotolo opistografo del principe Ant. Pio di 
Savoia, Milano 1883. 

^) Seroux d'Agincourt Y. pl. 53. 54 aus d. Barberina. Aus anderen 
derselben Zeit und Gegend pl. 55. 56. Vergl auch Pertz' Archiv XII, 380. 
Natale, Lettera intomo ad una colonna del duomo di Capua (Leuchter der 
Osterkerze). 1776. Raimondo Guarini, Ricerche sulP antica cittä di Eclano, 
2. ed. Nap. 1814: Osservazione sopra un rotolo Eclanese, mit Abbildungen. 



Rollen. 165 

Exultet in Monte Cassino ist yom Diaconus Bonifacius unter 
Paschalis 11 für die Benedictiner in Sorrent geschrieben.*) 
Najtne und Form wurden auch auf anderen Inhalt übertragen, 
so eine Annunciatio der Domkirche zu Pisa.') 

Die Frankfurter Stadtbibhothek bewahrt eine Litanei mit 
Fürbitten für König Ludwig den Deutschen und seine Ge- 
mahlin Hemma, von ähnlicher Gröfse. Der Kand ist zierUch 
geschmückt, Gold und Silber in der Schrift vielfach verwandt 
Mit vorzüglich grofsen Goldbuchstaben ist der Name des heili- 
gen Nazarius geschrieben, was uns Lorsch als die Heimath 
dieser Bolle erkennen läist.^) 

Li BoUenform waren zuweilen die Nekrologien; so in 
Saint-Evroul der rottdus longissimus mit den Namen der Brü- 
der und ihrer Angehörigen, welcher immer am Altare verwahrt 
wurde; am Tage des anniversarium generale aber volumen mor- 
tuorum super aUare dissoluUum paiam eocpandüwr,*) Vorzüg- 
lich wurde in solcher Form einmal im Jahr oder nach einem 
Todesfall den verbrüderten Eorchen durch eigene rotularii, rol- 
Ugerij Mittheilung gemacht,^) worauf mit der Angabe der 
eigenen Verstorbenen auch allerlei poetische Ergüsse erfolgten. 
Dann reichte, wie bei der Aebtissin Mathilde von Caen (f ca. 
1110) eine Bolle von 17 Ellen, und bei Vitalis, dem Stifter 
von Savigny (f 1122), 15 zusammengenähte Blätter nicht aus, 
und auch die Bückseite wurde beschrieben. •) Dieser ganze Ge- 

£xn Langlois, Le rouleau de la bibl. Casan. £cole frang. de Rome VI. 1886. 
Anz. d. Germ. Mus. XXIV, 226 (Bilder nicht umgekehrt). Pal. Soc I, 146. 

«) Beschrieben von Caravita 1 , 303 — 308. Vgl. Pertz' Archiv 
XII, 514. 

*) Theatrnm bas. Pisanae, s. Seroux d*Agincourt V, pl. 56, 2. 

*) Archiv f. alt. deutsche Gesch. II, 216. 

*) Ordericus Vitalis II, 100 vgl. 126 ed. Le Prevost. 

^) Vorschriften darüber in den Hirschauer Constitutionen des Abts 
Wilhelm, s. Ad. Helmsdörfer, Forschungen zur Gesch. des Abts Wilhelm 
von Hirschau (Gött 1874) S. 100. Andere Benennungen der Boten bei 
Rockinger 8. 61; peüifer in den Versen aus Fleuri bei Delisle, Not. Orl. 
p. 33 (vgl. N. Arch. V, 634); roüiger bei Rivain, s. unten. 

*) Probe daraus im Mus^e des Archives S. 86 mit vielen Schnörkeln, 
selbst scheTzhaften Initialen der TätUi, d. h. der Pfarrkirchen, denen die 
Bolle gebracht war. 



166 Formen der Bücher und Urkunden. 

• 

brauch ist sehr eingehend dargestellt worden von Leop.Delisle 
in seiner Abhandlung: Des Monuments paleographiques cancer- 
nant Vusage de prier pour les morts. ^) Derselbe hat 20 Jahre 
später an 100 theils in Abschrift, theils im Original oder in 
Bruchstücken desselben erhaltene Bollen der Art heraus- 
gegeben. *) 

In Deutschland war dieselbe Sitte. Aus Seligenstadt hat 
sich eine liste der verbrüderten Klöster aus dem 12. Jahr- 
hundert erhalten, mit Angabe der Messen, welche zu feiern 
sind, cum quis obierü nohisqve per scripta denundcttum fuerü. ^) 
Abt Hermann 11 von Brauweiler schickte 1397 rotulam ad di- 
versa monasteria ordinis nostri pro inscribendis nominibus 
frairum defunctorum aique sororum. Der Bote hiefs rotu- 
laritis.^) Erhalten hat sich eine Anzahl solcher Bollen von 
baierischen Klöstern aus dem 15. und 16. Jahrhundert, in der 
Einrichtung jenen französischen ganz ähnUch;^) femer eine sehr 
lange Bolle aus dem 15 Jahrhundert, ebenfalls aus einem baie- 
rischen Kloster stammend, im Archiv von St Peter in Salzburg, 
wie mir Herr P. WiUibald Hauthaler freundlichst mitgetheilt 
hat Eine rotüla aus Gries enthält die Bescheinigung für den 
Boten, dafs er in 86 Kirchen die Epistel mit den Namen vor« 
zeigte.^) Die Anzeigen geschehen jetzt durch Briefe, heifsen 



M Bibl. de r£cole des Chartes. 2. Serie, lU, 361--412, a. 1846. 

') Rouleaux des Morts du IX. au XV. si^cle, recueillis et publi^s 
pour la Soci^t^ de Thistoire de France, Paris 1866, 8. In Gorbie hatte 
man diese Rollen später zum Einbinden der Bücher benutzt, wodurch 
viele Fragmente erhalten sind. Länger als alle diese ist der Rouleau des 
Morts de Solignac, ed. G. Rivain (Limoges 1879) von 1240 u. 1241 mit 
Eintragungen von 323 Kirchen und noch unvollständig. Probe im Mus. 
des Arch. d^p. n. 73. pl. 35. Nachricht von einigen engl. TodtenroUen 
bei Duffus Hardy, Descr. Gatal. III, p. LIX. 

*) Forschungen z. Deutschen Gesch. XFV, 613. In Schönau jedoch 
wurden Briefe geschrieben, als Hildegund 1188 starb: cum brevia pro ea 
scribenda essent. Gaesar. Heisterb. Dial. I, 40. 

*) Eckertz, Fontes rerum Rhenanarum II, 243; vgl. Necr. Gladbac. 
ed. Eckertz S. 80. 

*) Rockinger, Zum baier. Schriftwesen S. 61—64. 

^) Lierheimer, in d. Mitth. a. d. Bened. Orden II, 111—115. 



Rollen. 167 

aber noch immer Rotteln. Auch bei Büchern behielt man den 
Namen, so steht auf dem liUenfelder Necrologium, auf dem 
Einband von 1639: Botüla antiqua Campüüii,^) Die Metzger- 
zunft in Freiburg hatte ihr Rodelbüchlein: 1466 ward diser 
Rodel angehoben ee schriben,^) Die Botuli der Universität 
Bologna enthielten Statuten und die Namen der Rectoren, Pro- 
fessoren etc. Es waren grolse Pergamentblätter, welche an- 
geschlagen wurden.®) 

Bollen mit Abbildungen wurden beim Vorzeigen der Heilig- 
thümer benutzt, wie sich dergleichen im Münchener National- 
museum befinden. Verwandter Art war die Bolle in der Bi- 
bliothek des Herzogs Carl von Orleans: La Vie de Nostre 
Dame, towte historiee, en un roule de parchemin, couvert de 
drap d'oTj en frangois.^) In der Bibliothek des Herzogs Jean 
de Berry war une bible ahreviee en un grant role, richement 
historiee et enluminee, und zwei mappemondes auf Pergament- 
rollen in Futteralen.*) Und in Sanct Gallen eine Rolle von 
13 Fuls limge mit der Beschreibung von Rom und der An- 
gabe der dort zu gewinnenden Indulgenzen aus dem 14. Jahr- 
hundert *) 

Auch Chroniken kommen in dieser Form vor. So die 
Chronik von Novalese aus dem 11. Jahrhundert, eine Palme 
breit, 11 Meter lang.'') 28 Pergamentstücke sind übrig; die 
eine Seite ist ganz, die andere halb beschrieben. Aus derselben 
Zeit ist der Rotulus historicus von Benedictbeuren, 8 Fuis lang, 
10 Zoll breit; auf der Rückseite stehen die Nomina benefacto- 



^) Ausg. V. Zeifsberg, S. 1. 

*) Er besteht aus Pergamentblättern. Zts. f. Gesch. v. Freiburg 
IV, 460. 

*) Malagola, Vita di Ant ürceo, S. 20. 

«) Bibl. de l'£cole des Ghartes Y, 76. Vie de S. Quentin, d*apr^8 
an ms. conserv^ aux archives de V6g\, de S. A. k Louvain, par Ad. Everaerts, 
Loht. 1874. Lithogr. Facs. einer Rolle, nach Delisle, M^l. de Pal. p. 252. 

*) Hiyer de Beanvoir, La Librairie de Jean duc de Berry (Paris 
1860) S. 17 u. 57. 

•) Cod. 1093. Scherrer, Verzeichnife .der Stiftsbibl. S. 406. 

^) ed. Bethmann, Mon. Germ. SS. YII, 73. 



168 Formen der Bücher und Urkunden. 

mm und spätere Notizen.^) Beide sind unvollständig, weil die 
Nähte sich gelöst haben und einzelne Stücke verloren sind. 
Eine Stralsunder Chronik auf langer schmaler Rolle, nur auf 
einer Seite beschrieben, ist im städtischen Museum daselbst 
Vorzüglich aber wählte man diese Form für Bilderchroniken, 
welche vielleicht zum Aufhängen an der Wand und für den 
Unterricht bestimmt waren. Eine enorm lange Bolle aus Eng- 
land, welche auf der einen Seite eine Chronik bis auf Edward ü, 
auf der anderen eine kürzere bis zu Christi Tod enthält, hat 
der Besitzer, Herr Joseph Mayer in Liverpool, ganz facsimi- 
lieren lassen. Viele sind verzeichnet im Cataiogue of Ädditians 
des Brit Museum. 

Andere bewahrt die Pariser Bibliothek. ^ Eine sehr lange 
Bolle der Art ist auf der Jenenser Bibliothek, jetzt in einzelne 
Stücke aufgelöst Auch sie ist auf beiden Seiten beschrieben 
und bemalt: man möchte glauben, dafs sie abwechselnd in ver- 
schiedener Lage an der Wand aufgehängt wurde, da eigentliches 
Lesen in dieser Form überaus unbequem ist Sehr seltsam ist 
eine Chronik bis 1595 in Peitschenform auf 195 schmalen Per- 
gamentstreifen, roth und grün geschrieben (N. Archiv PV, 355). 

Häufig sind Gedichte so geschrieben, welche bei geringem 
umfange so am bequemsten zu verwahren sind. So sagt schon 
Notker in der Vorrede zu seinen Sequenzen: Qtws versiculos 
cum magistro meo Marcello praesentaremy üle gaudio repletus 
in rotülas eos cangessü, et pueris cantandos aiiis alias insi- 
nuavit. Da haben wir also schon die Bollenvertheilung, und 
sehen deutlich, wie der Ausdruck einer Bolle im Schauspiel 
entstanden ist^) 

Von dem Carmen de Timone comite et de miraculo fontis 



^) Ib. 1X9 210. Vgl. Rockinger, Zum baier. Schriftwesen S. 56. Von 
einer baier. Ghronikrolle berichtet ders. Abb. d. Münch. Akad. III, xv, 1, 7. 

') Camus, Trois Rouleaux du 15. siäcle, in Notices et Extraits V, 
147 — 154. Musöe des Archives p. 244. 

*) Vgl. Fragments d*un myst^re proven^al döcouverts k P^rigueux, 
publi^s, traduits et annot^s par Gamille Chabaneau, P^rigueux 1874 (Jen. 
LZ. 1875 n. 14). Eine ausgeschriebene Rolle, aber nicht in RoUenform, 
Zts. f. D. Alt XXXVIII, 222. 



Rollen. 169 

hören wir, dafs es im 12. Jahrhundert in Weihenstephan aus 
einer Bolle abgeschrieben war: in rotula scüicet antiquüus 
composäa, unde haec sutU transcripta, ^) Es ist also der Wirk- 
Uchkeit entsprechend, wenn wir in dem Atlas zu v. d. Hagen 's 
Minnesingern, Tafel 8. 8a. 9. 21. 41, und ebenso in der Wein- 
gartner Handschrift (s, 8. XII und viele Bilder) Bollen abge- 
bildet finden.') Ein engUsches Gedicht über das übermäfsige 
Glefolge der Grofsen beginnt: 

Of ribaudz y ryme 
Ant rede o mi rolle 
und aus einer solchen Bolle hat Th. Wright den bald nach 
1263 geschriebenen franz. Song of the Barons abgedruckt Die 
Bolle ist im ^Original erhalten, 22 Zoll lang und 3 breit; auf 
die Bückseite ist später das Interludium de clerico et puella 
geschrieben. Eine Bolle saec. XV. im Trinity College, Cam- 
bridge, enthält religiöse Gesänge mit Noten; eine andere saec. 
Xm. (Sloane MS. 809) eine anglonormannische Bomanze, be- 
stimmt zum Unterricht der Kinder und für den Schulgebrauch.*) 
Eine Bolle saec. XTTT. ex. (24 x 3 Zoll) mit englischen Gedich- 
ten Yon verschiedenen Händen auf beiden Seiten beschrieben 
ist Add. 23,986 des Brit. Museum (Catal. I, 927). 

Ein mittclalterUcher Scholiast des Juvenal erklärt Sirtna, 
id est rotülum in quo scripta est fäbula sckcra de Thieste,^) 
and das Frankfurter Passionsspiel ist wirkhch im 15. Jahrhun- 
dert auf 8 zusammengeleimten Häuten geschrieben, 8 Zoll breit 
und 8 Ellen lang.'^) 

Eine ungewöhnUche Erscheinung ist die Expositio Terencii 
in nuigno rottdo im Catalog der BibUothek, wie es scheint, von 
SaintrMaur-des-Fosses, um das Jahr 1200. •) 

') Pez, Thes. I. Diss. isagog. p. XXYI. Ausgabe von Dümmler, 
Mon. Genn. Poet Lat II, 120—124. 

■) Vgl. Lafsbei^, Liedersaal I, Vorrede S. 20. 

») S. Th. Wright, Political Songs of England (1839) p. XI, 59. 
237. 356. 

*) Eccl. Colon. Codd. p. 147. Das Wort sirma wird im Chron. Mosern. 
(MG. SS. XIV, 609) für eine Papyrusbulle gebraucht. 

») Fichard's Frankfurter Archiv III, 134. 

•) Jahrbücher für class. Philologie XCVII, 67. 



170 Formen der Bacher und Urkunden. 

Dagegen begreift man leicht, dafs es den Herolden be- 
quemer war, eine Wappenrolle, wie die Züricher aus dem 
14. Jahrhundert, mit sich zu fuhren, als ein Buch. ^) 

Sehr häufig sind Urkunden in dieser Form, aber mit 
Ausnahme der päbsthchen Bullen älterer Zeit, so lange man 
sie noch auf Papyrus schrieb, meistens nur unbesiegelte, Nota- 
riats-Instrumente, wie sie namentlich in Italien seit alter Zeit 
üblich waren und von da in andere Länder sich verbreiteten. 
Die Siegel waren bei der Bollenform unbequem, doch kommen 
auch besiegelte vor.*) unter den Notariats-Instrumenten sind 
Inventarien bis zu hundert FuTs Länge. Die päbstlichen Ge- 
sandten, welche 1320 in den Streitigkeiten zwischen Polen und 
dem deutschen Orden Verhöre anstellten, liefsen den ganzen 
Procefs in zwei Exemplaren auf 17 Ellen langen und 9 Zoll 
breiten Bollen verzeichnen, deren ünbequemHchkeit nur der 
vollkommen würdigen kann, welcher sie abgeschrieben oder 
coUationiert hat; eine einzelne Stelle darin zu suchen, kann zur 
Verzweiflung bringen.*) Erhalten hat sich ein aus 6 Stücken 
bestehender Rest des Protocolls, welches Jacob von Velletri 
1250 in Krakau über die Wunder des h. Stanislaus aufiiahm. *) 
Ein Actenstück von 1283 aus dem Streit der Pariser Univer- 
sität mit ihrem Kanzler hat 13 Fuis Länge, ^) der Prooeis der 



*) Auszug durch v. Wyfs in den Mittheilungen der AntiquariBchen 
Gesellschaft in Zürich, VI, dann vollständige Ausgabe 1860. Englische 
Wappenrolle Add. 29,504, Catal. II, 1027. Eine Art von Skytale wird be- 
schrieben in den Versen N. Archiv XI, 136. 

■) Beispiele bei Rockinger S. 59—61. Lupi, Manuale di Paleografia 
delle carte (Firenze 1875), erwähnt auf S. 58 arabische Documente auf 
Rollen von Papier, und ein sehr langes griechisches Diplom des Kaisers 
Isaac AngeluB von 1192 in dieser Form, ohne jedoch eine genauere Be- 
schreibung davon zu geben. 

•) Im Königsberger Prov. Archiv. Herausgegeben vom Grafen Dzia- 
linski im 4. Bande der: Lites ac Res gestae inter Polonos Ordinemque 
Cruciferorum. 

*) Zeifsberg, Die poln. Geschichtschreibung S. 85. 

^) Processus factus contra Gancellarium , sive responsiones Universi- 
tatis Parisiensis et facultatis ardstarum ad ea quae Gancellarius Pari- 
siensis opposuerat Bibl. de l^cole des Ghartes Y, 3, 266 aus Jourdain: 



Rollen. 171 

Templer aber an 23 Meter. Der Procefs der Stadt Lübeck 
mit dem Bischof Burchard von Serken in den Jahren 1276 bis 
1317 füllt mehrere Bellen, welche überall bei der Zusammen- 
setzmig der einzelnen Stücke mit Notariatszeichen versehen sind; 
die längste hat 40 Ellen Länge auf 12 Zoll Breite. ^) In Cöl- 
ner Urkunden sind Siegel auf der Naht *) 

Ln Gegensatz zu den liUerae patentes Uefsen solche Rollen 
sich besser geheim halten. Man nahm sie deshalb gern zu Te- 
stamenten, welche mit einem Faden umwickelt und versiegelt 
wurden. So bewahrt z. B. die Bathskanzlei in Lübeck eine 
greise Menge solcher Testamente, welche als DupUcate deponiert 
wurden und seit dem 14. Jahrhundert unerö&et dahegen. Sie 
sehen aus wie kleine Stöcke, und nehmen wenig Baum ein. 
Auch die ältesten Cölner Schreinskarten sind an Stäbchen 
befestigt ') 

Zu unterscheiden ist hiervon das RoUen gewöhnücher be- 
siegelter Urkunden zur Aufbewahrung, was besonders in Eng- 
land die Begel war, aber auch sonst hin und wieder vorkommt 
Dahin gehören z. B. die Batdeaux de Cluny^ beglaubigte Ab- 
schriften der Privilegien der römischen Kirche, welche Inno- 
cenz IV auf dem Concü zu Lyon machen Uefs, und von denen 
sich ein Stück erhalten hat^) 

Man machte auch Abschrifl;en von Urkunden in Bollen- 
form; so war im Eloster Fölling eine grofse Bolle mit Urkun- 
den, aus dem 12. Jahrhundert^) Besonders merkwürdig ist 



Index chronologicus chartarum pertinentium ad historiam Universitatis 
ParisiensiSy 1862. 

*) Zeitschrift des Vereins f. Lüb. Gesch. III, 358. Einige Beispiele 
aus dem Münchener Archive beschreibt Rockinger, Zum baier. Schrift- 
wesen S. 58. 

s) Mitth. aus dem Stadtarchiv III. 

*) Ein penitens, der gegen Ende des 10. Jahrh. Ablafs suchte, erhielt 
ihn eingeschrieben in volumine y wofür gleich darauf tn hrcm steht. N. 
Archiv X, 374. 

^) Huillard-Br^hoUes, Examen des Ghartes de r^glise Romaine, 
contenues dans les rouleaux dits Rouleaux de Cluny (Notices et Extraits 
XXI, 2) 1865. Vgl. Delisle, Mal. p. 406. 

») B. Pez, Thes. Diss. p. XIX. 



172 Formen der Bücher und Urkunden. 

eine Rolle mit Sanctgaller Urkunden aus dem alten Reichs- 
archiv, wo sie als Muster^) diente: Ista est fundaiio monasterü 
S. Galliy et secundum eam quasi omnes litter e diriguntur,^) 
Beglaubigt war eine solche Abschrift der Privilegien von Brau- 
weiler; das Kloster führte 1518 einen Procefs in Trier, ut ex 
actis in cista conventuali inclusis paiet. In quibus fere conti' 
nentur omnia privilegia nostra per modum rottdi transsumpta. ^) 
Im Grofsmünster in Zürich war ein auf beiden Seiten beschrie- 
bener Rotulus mit Abschriften aus dem 9. und 10. Jahrhundert, 
aus 3 an einander genähten Häuten bestehend.*) Die Tradi- 
tiones Corbejenses schrieb 1479 Bruder Johannes ab de qua- 
dam rotuia vetusta paeneque consumpta. Die Urkunden des 
Klosters di San Quirico a Populonia stehen auf einer aus 7 Stücken 
bestehenden langen Rolle aus dem 12. Jahrhundert im Staats- 
archiv zu Florenz,*) ein Regesto Camaldolese saec. XIV- auf 
einer Rolle von 9 Papierblättem. *) 

Man bildete auch Acten, indem man immer erhaltene 
Briefe, Concepte der Antworten, und was sonst vorkam, zu 
einer langen Rolle an einander nähte, so z. B. in Mainz und 
Hagenau. ') 

Auch nichturkundliche Au&eichnungen haben solche Form, 
Güterverzeichnisse, Zinsroteln. So schon der bekannte Salz- 
burger Indiculus Amonis von 788, freilich nur in einer Ab- 
schrift des 12. Jahrhunderts erhalten.^) Eine ganze Reihe 
solcher Documente hat Rockinger S. 57 beschrieben. Die Auf- 
bewahrung in einer Kapsel, während ein Stäbchen am Ende 
die Aufwickelung erleichterte, machte sie weniger unbequem. 



») D. h. für St. Gallen, b. Sickel: üeber KU. in der Schweiz (1877) 
S. 16. 

') Ficker, Die üeberreste des deutschen Reichs - Archivs zu Pisa 
S. 26 (SB. d. Wiener Akad. XIV). 

') Eckertz, Fontes rerum Khenananim II, 323. 

*) F. V. WylB, Zts. f. Schweizer Recht XVII, 67—88. 

*) Mitth. von C. Paoli. 

^) Ders. im Arch. storico Italiano 

^) Zeitschrift f. Gesch. des Oberrheins XXIV, 180. 217. 

^) Indiculus Amonis u. Breves notitiae Salzburgenses, von Fr. Keinz, 
München 1869. 



Rollen. 1 73 

Zwei Rollen saec. XV. in Florenz enthalten Auszüge aus Sta- 
tuten und Tarifen, mit den corrnui an dem Stäbchen, wie im 
Alterthum. In den Hamburger Zunftherbergen war die Bolle 
aufgehängt, welche die Gesetze der Gesellen enthielt*) Die 
Aachener Stadtrechnungen des 14. Jahrhunderts sind auf langen 
Rollen von Pergament und Papier geschrieben. ^) Die Stadt- 
rechnungen von Duisburg sind zum Theil als Reinschriften auf 
schmalen Pergamentrollen, die mitunter eine Länge von mehr 
als 5 Metern erreichen, zum Theil als Kladden erhalten; diese 
sind genauer, jene wurden als Rechenschaftsbericht vor der ver- 
sammelten Bürgerschaft verlesen.') Die Hagenauer verzeichne- 
ten 1359 den Verlauf ihrer Fehde mit den lichtenbergem auf 
einer sehr langen Rolle von Papier.*) Das Kloster Camp ver- 
zeichnete erUttenen E^riegschaden in quodam longo rotülo per 
notarium publicum de istis eoentibus conscripto 1363. legat qui 
voluerü. Et prefatus rotidus habet in longitudine 18 tdnas 
cum dimidia, ei in IcUitudine qtuisi unam ulnam mensure Co- 
loniensis.^) Auch die Beschwerden des Cölner Erzbischofe 
gegen Soest 1441 sind auf einer sehr langen Rolle verzeichnet^) 
Eine Thomer Rolle von 1377 über Strandungsfälle be- 
schreibt Homeyer, Haus- und Hoftnarken S. 268, und eine ähn- 
liche Lübecker ib. S. 272. Auch Kauftnannsrechnungen wur- 
den so geführt: ahe gi al de rullen unde breve hebben unde 
myn rekensbuck.'') Von dem 1373 aufgenommenen Inventar 



') 0. Radiger, Aeltere Hamburg, u. Hansestadt. Handwerksgesellen - 
docnmente. Hamb. 1875. 

*) Laurent, Aachener Stadtrechnungen, 1865. Der Herausgeber dieses 
übrigens verdienstlichen und dankenswerthen Buches schwelgt förmlich in 
der Anwendung des falsch gelesenen quum statt quando. 

*) Hansische Geschichtsblätter 1893. 22. Jahresbericht S. XXIV. 

*) Mone in der Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins V, 176 ff. 
Das Original ist auf der Heidelberger Bibliothek, wo sich auch eine sehr 
lange Pergamentrolle befindet mit dem Yerzeichnifs derjenigen, f&r welche 
vom Pabst Bonifaz IX Beneficien erbeten wurden. Aehnliche von grolsem 
Um£uig in Paris und sonst. 

') Eckertz, Fontes rerum Rhenanarum II, 369. 

*) Westdeutsche Zeitschrift I, 195. 

*) Hansische Geschichtsblätter 1874 S. 72. 



174 Formen der Bücher und Urkunden. 

der Bibliothek im Louvre wurde eine Abschrift auf einer Bolle 
(roule) gemacht, die aus 100 an einander genähten Pergament- 
blättem besteht, jedes von reichlich zwei Fufs Länge und zehn 
Zoll Breite, i) 

Dergleichen Beispiele liefsen sich leicht vermehren, da alle 
bedeutenderen Archive Rollen zu besitzen pflegen. Die Ver- 
breitung des Gebrauches zeigen auch Ausdrücke wie inrottdare, 
enroler, Musterrolle, Zun fir olle u. s. w. Nur sind auch diese 
Ausdrücke übertragen, und Ingulf z. B. (eine Fälschung des 
14. Jahrhunderts) nennt auch das Domesday Book rotulus, ob- 
gleich es keine Bolle ist 

Dagegen wiu-den in England alle königlichen Erlasse auf 
eine lange Pergamentrolle geschrieben, und an allem alterthüm- 
lichen Herkommen festhaltend thut man es noch jetzt Eine 
Bolle König Johanns und der Königin Victoria sehen ganz 
ähnUch aus; nur die Schrift hat sich verändert, doch braucht 
man auch jetzt noch die alte Frendi court hand, welche nicht 
leicht zu lesen ist. Der Archivar aber heilst von den Bollen, 
welche das Archiv bilden, Master of (he rolls, Magister rotu- 
lorum; unter ihm steht der custos rottdorum. 

Um die Richtigkeit eines rotülu^ zu sichern, wurde ein 
contrarotulus geführt, woher das Wort controle stammt 

2. Bücher. 

Die Form unserer Bücher kommt zuerst vor bei den Wachs- 
tafeln, tahda^j mit Rechnungen, welche-^usammengelegt, auch 
wohl zusammengebunden, im tabularium, iablinum verwahrt 
wurden. Man nannte das einen Codex. So sagt Seneca de 
br. vit 13: plurium tabulartim contextus caudex apud antiquos 
vocabaiur, unde puhlicae tabulae Codices dicuntur. Solche 
Codices sieht man in der Notitia dignitatum I, 115. 116. ü, 
59. 60. Vgl. auch das oben S. 84 angeführte Relief. Ebenso 
sieht auch das Buch aus, welches im Salzburger Antiphonar 
Christus als Weltrichter trägt*) In der amtlichen Sammlung 

*) Inventaire des livres de Tancienne Bibl. du Louvre par Gilles 
Mallet (1836 par J. van Praet) p. XXXI. 

«) Mitth. der Centralcommission XIV (1869) Tafel 21. 



Bücher. 175 

der Senatsbeschlüsse scheint, auch als die Form eine andere 
geworden war, cera einen Abschnitt zu bezeichnen: rerum can- 
suUcMrum tabula prima, cera XIV, ^) 

Dafs auch Papyrus in Buchform vorkommt, wurde .schon 
oben S. 104 erwähnt; aber dieser Stoff war dazu wenig ge- 
eignet In der Regel wurde er gerollt, Pergament aber ge- 
faltet.*) Martial XTV, 184 ff. giebt Beispiele und hebt vor- 
zügUch hervor, dafs diese Bücher so viel in kleinem Umfang 
enthielten. G^raud schliefst aus diesen Epigrammen, wohl nicht 
mit Unrecht, dafs es ein damals in Rom aufkommender Luxus- 
artikel war; in Herculaneum haben sich keine gefunden. Zur 
Verzierung mit Oold und Farben, zur Ausstattung mit Bildern 
eigneten diese Handschriften sich besser, und die uns erhaltenen 
Proben rühren grofsentheils von Prachthandschriften her. 

In der Regel fafste ein Pergamentband weit mehr als eine 
Rolle, weshalb Isidor Origg. VI, 13, 1 sagt: Codex muttarum 
librorum est, liber unius voluminis, 

Ulpian Digg. XXXII, 50 sagt: Sed perscripti libri nan- 
dum maUeaii vel orruxti continebuntur (libris legatis), prainde 
et nandum conglutinati vd emendati continebuntur, Sed et mem- 
branae nondum consutae continebuntur. Da scheint er im 
ersten Fall Papyrusrollen im Sinne zu haben, von denen man 
dann annehmen müfste, dafs sie in einzebien Stücken geschrie- 
ben und erst nachträglich zusammengeleimt wurden, was bei 
der Länge der Rollen auch wahrscheinUch ist. Nur kann ich 
nicht glauben, dafs man die einzelnen pageüae erst nachträglich 
zusammengeleimt habe, bescheide mich aber nicht zu wissen, 
was die xoXXa eigentlich gewesen ist, deren Erfinder von den 
Athenern eine Bildsäule erhielt') Im zweiten Fall kann man 

') Epistola consnltun a. 681. Mommsen im Hermes XX, 273. 

*) üeber die Pergamenthandschriften der Alten handeln G^raud 
8. 125 ff., Marquardt, Römische Privatalterthamer II, d97--403, Birt, Das 
antike Buchwesen, dem ich aber darin nicht zustimmen kann, dafs Perga- 
menthss. billiger gewesen wftren. 

•) "Ott ^rfxiifjiaroq iv taiq k^yrai^ avaxv^avxot; n$Qi xwv xixol- 
Xtlfiivfuv ßißXiwv fia^etv toig ini^ijxavai i6 /Jth^v rov xoXXav (von xoX- 
Mv7) ^lArorio; 6 rov Iotoqixov (Olympiodori) ktal^o^ ev^wq nB^i 



176 Formen der Bücher und Urkunden. 

wohl nur an Membranen denken, welche zu einer Rolle zu- 
sammengenäht wurden, und ganz entschieden erwähnt ülpian 
Digg. XXXn, 52 sowohl Rollen von Pergament als auch 
Bücher von Papyrus: Librarum appellatione continentur omnia 
Volumina, sive in charta sive in membrana sint, sive in quavis 
alia mcUeria, . . . Quod si in codicibus sint membraneis vd 
ckartaceis vel diam eboreis vel cUterius fncUeri<ze, vd in ceratis 
codicillis, an debeant videamus. 

Der Ausdruck liber, schon früh von ganz allgemeiner Be- 
deutung, bezeichnete ursprünglich wohl nur Rollen. In Spanien 
begegnen wir gewöhnhch der Form librum.^) Griechische Be- 
nennungen für Bücher sind ßlßXog, ßißXlov, ßißUäiov, ßtßXd- 
Qiov, diXroq^ xBvxoq, auch jtvxrlov, jtvxrlg, jtrvxxlov. In den 
Acten der Syn. Constantinopol. 111. a. 680 kommt xoodlxiov 
vor. In dem alten Catalog der Sanctgaller BibUothek ist beim 
Aethicus am Rande bemerkt: piUaciolum inutile. Hincmar 
von Laon schrieb iste pitatiolus. *) 

Der Ausdruck panfletus in Richardi de Bury Philobiblion 
c. 8, engl. Pamphlet, vnrd vom spanischen papeUta, ein Stück 
Papier, abgeleitet, wie man in Sicilien pampera sagte (nach 
Cesare Paoli). 

Man faltete mehrere Blätter zu einer Lage, am häufigsten 
vier. Eine solche Lage hiefs rergdg, rsrQaöiov. Ein merk- 
würdiges Mifsverständnifs des gelehrten Reiske hat Brunet de 
Presle nachgewiesen in den Comptes rendus de VAcadimie von 
1867 S. 197. Er las nämlich bei Constant Porphyrog. de Cae- 
rimonüs aulae I, 668: C,rftBL elg rovg aQxovrag xov zstQaölov, 
und erklärt dieses texQdöiov als einen Wachtposten von vier 
Mann, was es allerdings auch bedeuten kann. Es steht aber 

da: ^7j £ig ag toi ööloiy, und ist zu lesen: gjjree elg r^v aQxijv 
Tov rexQaöiov. Man soll am Anfang der Lage nachsehen. 
Der lateinische Ausdruck quaternio kommt zuerst, doch 



yQafjtfiaux^v €xo>v tovxo inidsi^s, xal tvöoxtfjiijaaq rvyxdvei naQa xmv 
noXixiüv slxovoq. Müller, Fragm. bist. Gr. IV, 64. 

») Neues Archiv VI, 220. 287. 320. 

*) Das. IV, 537. 



Bücher. 177 

nicht ganz sicher, vor in Diocletians Edict de pretiis rerum 
yenalium von 301 (oben S. 125). Eine Glosse zum Priscian 
sagt ganz richtig: quaternio dicitur ubi sunt quattuor diplo- 
tncUa, wo also diploma das gefaltete Blatt ist. ^) Cassiodor er- 
wähnt Bibelhandschriften von 90, 95 Quatemionen. *) Alcuin 
und andere brauchen das Wort als feminini generis. *) Später 
sagte man auch quaternus, französisch caterne, *) quayer, cahier. ^) 
Alexander Neckam sagt vom Schreiber: Ässü ei quaternus 
(quaer), non dico quaternio (dudar milüum) qui aliquantam 
partem exercitus designaU. ^) EngUsch ist es zu quire entstellt, 
was jetzt ein Buch Papier bedeutet, aber in quires heifst ein 
nicht gebundenes Buch. In dem Glossar des Jo. de Janua 
wird aus Hugutio angeführt: Quaternus quatuor quarte (al. 
Charte) sed (al, scüicet) octo folia sunt. In einer Mailänder 
Urkunde von 1475 findet sich quaternetum,'') wovon littrö 
cametj das Notizbuch ableitet. 

Unerklärt ist Alfrieds angelsächsische Glosse quaternio 
eine, ®) Der Ausdruck nimmt aber auch eine weitere Bedeutung 
an, wie es in dem alten Orosius Med. Laur. heifst: Iste qua- 
ternio quinque folia hahet^) In dem merowingischen Eugip- 
pius mit sehr ungleichen Lagen heifst es fol. 12 v.: Quaternio 



») Eccl. Colon. Codd. (1874) p. 165. 
*) Ad. Franz, Gass. Senator S. 50. 

') Bibl. Renun Germ. VI, 543, ep. 141. In einem Salzburger God. 
saec IX. : Adalperht episcopi jussione quatemionem unam abstulit non scrip- 
tarn. Foltz, Gesch. d. Salzb. Bibliotheken (Wien 1877) S. 28. Ekkehard lY 
schrieb in den Gasns S. Galli (ed. Meyer v. Knonau S. 161): singülas 
quiUemianum excisas, 

*) duo ccUemi desunt Bibl. Gasin. II, 288. 

^) Vielleicht dasselbe ist unum quarterium de tnuliis facietis narra- 
danem in einem Inventar von 1372. Bibl. de r£cole des Chartes III, 1, 122. 

*) Wright, Yocabularies S. 116. Diese Behauptung findet sich auch 
sonst S. 210 hie qucUernus a qttare, 

*) ex quatemeto comparitionum dicti officii. God. dipl. Gapitane- 
onim Locamensium (Berl. 1856) S. 22. 

*) Wright, Yocabularies S. 46, auch 75. 89. 

*) Bandini 11, 728, vom ursprünglichen Schreiber, s. Zangemeister 
et Wattenbach, Exempla ad t LY. 

Wattenbach, SchiUtweMn. 3. Aufl. 12 



178 Formen der Bflcher und Urkunden. 

iste quatuor folia l^bet,^) Genau bezeichnet ist im Cod. Col. 
CC des Priscian saec. X. der halbe Quatem am Schlufe als 
.xvn. SemiSj aber in einer anderen Handschrift saec. IX. werden 
halbe Quatemionen als quatemianes minores bezeichnet, und 
auf einem Hefte von fünf Blättern, dem Brief des Erzbischof 
Gunthar, steht: Istum quatemionem exeniplari faciie in aiiis 
quaternionibus quam pluribus, *) 

Später bedeutet Quatem, wie cahier, ein Heft, ohne alle 
Beziehung auf die Zahl der Blätter. So spricht Friedrich II 
Constitt Sic. I, 49 de magnis feudis que in quaiemionibus do^ 
hane nostre baronum inveniuntur inscripta, und diese hiefsen 
davon itahenisch feudi quadernati. Von Quatemen der Land- 
tafel ist in Mähren imd sonst oft die Bede;^) ein ähnlicher 
Gebrauch findet sich im Ordinarius der Stadt Braunschweig, im 
sechsten Buch, S. 181 Art 138:*) „Van eyner quatemen to 
scryvende van dene, den de rad tynsphchtich is van schote. 
Yortmer des dinxedaghes edder des myddewekenes dama, alse 
in der Oldenstad gheschotet is, so schal de rad scryven laten 
eyne quaiemen: darinne stan alle dejenne, den de rad tyns gifft 
van deme schote, imde wu vell eyn jowelk hebben schal na 
utwysinghe der register, dat sy lyfftucht edder weddeschat." In 
Gran 1347: Iste est quaternus sive Über civitcUis Strigonie. 
Aber im Berhner Stadtbuch sind die einzehien Blätter als Qua- 
temen bezeichnet nach Sello, Mark. Forsch. XVI, 30. Im In- 
ventar der päbstlichen Bibliothek von 1311: plures quatemos 
sive cartapelloSi^) quorum aliqui sunt seripti in cartis bamba- 
cinis et alii in pecudinis (Mitth. d. Inst. IV, 282). 



*) Delislei Notice p. 6. 

*) Eccl. Colon. Godd. p. 47. In den Gestis abb. Orti S. Marie ed. 
Wybrands S. 107 qtuitemas, S. 109 qutUernos. 

') kvatem, nach der Farbe des Einbandes oder nach dem Namen des 
Yicelandschreibers benannt, bestehend aus mehreren Heften, gewöhnlich 
von 30 Folien. V. Brandl, Glossarium S. 30. 

*) Nach freundlicher Mittheilung des Herrn Dr. Koppmann. 

') Sonst scartaheUus, was Du Gange als cod. chart erklftrt. y^Mailem 
egregios tibi emere libros, si venales occurrerent, quam scartibellos et inu- 
tiles et incorrectos precio magno comparare.^* Ep. Herm. Schedel a. 1464, 
ed. Joachimsssohn S. 112. 



Bücher. 179 

Die berühmten Bibelhandschriften Cod. Vat 1209 und das 
Buch Daniel Cod. Vat 2125 sind nach Tischendorf in Quin- 
ternen geschrieben; so auch der Codex Rossanensis und der 
Terentius Vat 3226.*) So auch die Vorlage des Schreibers, 
welcher am Bande bemerkte: ivrev&tv Xeljtei jievzdöia riaca- 
pa. *) Später wurden Sexternen sehr gebräuchlich.*) 

Die einzelnen Lagen werden oben oder unten, vorn oder 
hinten gezählt, mit Zahlen oder Buchstaben, häufig mit Bei- 
fügung eines Q, und später auch ausgeschrieben Quaterntis, 
Sextemus. Phantastische Verzierungen treten manchmal hinzu. 
Im Cod. Colon. 166 saec. VII. sind die Quatemionen am 
SchluTs mit q I u. s. w bezeichnet, aber noch älter scheinen 
willkürliche Zeichen ohne Zahl, welche übereinstimmend am 
Ende der einen und am Anfang der folgenden Lage stehen. 
EeuchUns griechischer Codex der Apocalypse ist auf den ersten 
Seiten der Lagen oben in der Mitte mit a j3 u. s. f. bezeichnet 
So hat auch der zweite Schreiber des von Schepfs entdeckten 
Priscillian, saec. Vlil. vel IX. die Lagen vom mit a b c be- 
zeichnet Im cod. Coislin. 151 Basilicorum saec. XI. ist nach 
Montfaacon (I, 216) jedes Blatt unten mit der Buchzahl be- 
zeichnet, ßi. cf. u. s. f., während sonst eine kurze Ueberschrift 
auf dem oberen Bande gewöhnlich ist, und in ganz alten Hand- 
Schriften nicht leicht fehlt. Ein anderer Codex derselben, jetzt 
Paris gr. 1345, der einst dem Georgius Kantakuzenos gehörte, 
hat nach S. 170 die Inschrift in der fehlervollen Schreibart des 
15. Jahrhunderts: tc5 jtaQOV ßißXi^ov iCTTjv ßaCrjXrjxop pofiifiov 
tjupv 6t ßißXfja jiivre xal x^Q^V^ ixarcop rtCöaQaxovxa ZQ/ja 
xal (fffiXaxaq,*) Sollte hier das letzte Wort ((pvXaxeq) die Cus- 



*) Vorrede von ümpfenbach S. IV— VIII. 

*) Val. Rose im Hermes II, 97. 

') ittam nextemamf N. Archiv XI, 531. In den Beitr. z. Kunde 
Steierm. Geschichtequ. XII, 32 steht folgende Berechnung des cod. Run. 33 
Chart saec. XV. : „Valor istius libri. Sexterini (sie) sunt 28. Et quilibet sex- 
terinus cum papiro et scriptura valet 40 den. facit 47« librae 10 den. Et 
ligatora computatur pro media libra. Summa illius facit 5 den. libr. 
10 den." Wenig später far 2Va librae verkauft. 

*) Basilicorum libri LX ed. Heimbach VI, 169. 

12* 



ISO Fonnen der Bücher und Urkunden. 

toden bedeuten können, wie wir jetzt die Lagenbezeichnung zu 
nennen pflegen? 

Im Cod. Sangall. 672, um 888 von Notker geschrieben 
(Pal. Soc. I, 186) sind die ersten 4 Blätter der Lage mit römi- 
schen Zahlen bezeichnet, die folgenden mit den einzelnen Silben 
von sine numero, Li einer Handschrift saec. XIIE. sind die 
ersten Blätter mit einem ein-, zwei-, drei-, viermal unterstriche- 
nen a u. s. w. bezeichnet *) Vom 14. Jahrhundert an findet 
sich die Zählung häufig') und es kommt auch durchgehende 
Blattzählung vor, doch gewöhnlich so, dafs zwei sich gegenüber- 
stehende Seiten eine Blattzahl erhalten.') 

IteclamafUes , französisch reclameSy nennt man die Worte 
der beginnenden folgenden Seite, welche unten am Schluis der 
vorhergehenden Lage wiederholt sind. Ich habe es in einer 
Handschrift gesehen, welche noch dem 11. Jahrhundert anzu- 
gehören scheint, und im cod. Berol. Lat fol. 34 aus dem 12. 
A. Dove bemerkt es vom Cod. Estensis, der in Beggio um 1285 
geschrieben ist,^) und von da an ist es häufig. 

lieber das Format der Handschriften ist zu bemerken, 
dafs dem hohen Alterthum vorzüglich eine breite Quartform 
eigen ist Der Codex Sinaiticus allein hat vier Columnen, 
oeUöeq, aufgeschlagen also acht, wodurch er dann der Rollen- 
form am nächsten kommt*) Viele sehr alte Handschriftien 
haben drei Columnen. S. Lucian hinterliefs am Ende des 



1) Neues Archiv IV, 328. 

") So im cod. Colon. 182 von 1347. Vgl. Rockinger in den Sitzungs- 
berichten der Münchener Acad. 1874, I, 438 — 440. 

■) Neues Arch. VIII, 287; vgl. die von Tadra im Wiener Archiv 
LXIII, 309 mitgeth eilte Stelle: „Et notandum quod in transvolucione qua- 
libet foliorum hujus libri duo media folia occurrencia faciunt unum inte- 
grum folium tantum, sicut hoc numerus ci^uslibet folii cum rubrica in 
BUpremo spacio positus demonstrat.^' 

*) A. Dove, Die Doppelchronik von Reggio S. 19. 

*) Libri in seinem Auctionscatalog S. 69 n. 298 hat Cyprians Briefe 
saec. VII. mit einem fly-leaff das Fragmente eines theol. Manuscripts 
saec. IX. in 4 Columnen enthält. Sollten es nicht zwei Seiten sein? 



Bächer. 181 

3. Jahrhunderts der Kirche zu Nikomedien eine Bibel, yiyQayL- 
fiivov ösXlöai TQiööatg.^) 

Später, im 12. Jahrhundert, beklagt sich Tzetzes') voll 
Bitterkeit über die Kargheit des kaiserlichen Zahlmeisters. Er 
hatte nämlich für die Kaiserin Irene seinen Commentar zum 
Homer geschrieben und dazu rstgadlöxia rcov öiiixQOtdrcov ge- 
nommen, die nur 288 Zeilen ÜEilsten, also 18 auf der Seite. 
Da warf man ihm vor, dafs er die Zahl der ;faprai der Be- 
zahlung wegen mehre, und nun: 

Aaß<ov 6i XL XBTQadtov fiiyiötop kyeyQd^eiv 
Tgiytayiö/iolg iv örixtCfiotg rstgaöia mq dexa. 

Es scheint, dafs er damit die Schreibart in drei Columnen 
bezeichnen will, augenscheinlich als etwas ungewöhnliches. Mau 
fand es recht schön, bezahlte aber schlecht. 

Um in drei oder vier Columnen schreiben zu können, 
mulste man sehr grofses Pergament haben, was kostbar war. 
Deshalb glaube ich auch, dafe es auf diese Schreibart geht, 
wenn Eusebius Y. Const IV, 37 sagt, dafs er dem Kaiser be- 
sorgt habe Iv jcoXvteXcog ^oxtifievoig revxeot zQiöcd xal re- 
TQaCöä, Die Ausdrücke kommen nur hier vor, und der Ter- 
nionen und Quatemionen zu gedenken war kaum ein Grund 
Torhanden. . 

In drei Columnen geschrieben sind die Fragmenta Vati- 
cana von Sallusts Historien, der Cod. Basilicanus von Cicero 's 
Philippiken in der Sacristei von St Peter, das BerUner SaUust- 
fragment, der Cod. Ambros. Bob. des Cicero miter Sedulius, der 
Dion Cassius Vaticanus, sowie der Vat. 1209 der Bibel, wo 
jedoch das neue Testament nur zwei Columnen hat, die Mai- 
länder griechische Uncialhandschrift der Bibel,') die von E. 
Bänke entdeckten Fragmente eines Codex der Itala, zu welchen 



^) Mone, Messen S. 162 aus den Menäen zu Oct 15. Cod. Lugdun. 
54 des Pentateach. Beispiele gesammelt von E. Ranke, Fragmenta versi- 
onisaetc. (1868) I, 27. 

■) Chiliad. IX, 264; v. 278—297. 

*) Bibl. Ajnbros. von ca. 700 p. Ch. nach Montfaucon, Diar. Ital. p. 11. 



182 Formen der Bücher und Urkunden. 

die Herren Sickel und Vogel noch zwei neue Blätter gefunden 
haben. *) 

Drei Colunmen auf sehr weifsem glattem Pergament, ohne 
Linien, hat auch die älteste datierte syrische Handschrift im 
Brit Museum, in Edessa 723 Seleuc. d. h. 411 oder 412 p. Ch. 
geschrieben, vielleicht die älteste datierte Handschrift. Die in 
Amid era 775 geschriebene Bibel hat zwei Columnen. 

In späterer Zeit, nach dem 6. Jahrhundert, kommt die 
Dreitheilung selten vor,^ ausgenommen ganz besondere Fälle, 
wo die Natur des Textes, z. B. die nicht seltene Zusammen- 
stellung verschiedener Versionen der Psalmen, eine ungewöhn- 
liche Einrichtung nöthig machte. Bischof Salomons Psalter hat 
deshalb sogar 4 Colunmen und ebenso der kurzen Zeilen wegen 
die sog. Glossae Salomonis. ^) Im Utrechter Psalter und im 
cod. HarL 603 sind der Bilder wegen 3 Columnen. Ein Psal- 
ter aus dem .14. Jahrhundert in St Florian hat in 3 Columnen 
lateinischen, polnischen und deutschen Text Zu unterscheiden 
davon ist der Umstand, wenn eine Columne Text zwischen 
zwei Columnen Commentar steht, was häufig vorkommt 

Natürlich gab es auch schon in alter Zeit andere Formate;^) 
namentlich waren die Hexameter für Columnen zu lang, doch 



^) Die Blätter stammen von einer Weingarter Handschrift, und sind 
in Bücherdeckeln verschiedener Bibliotheken gefunden. Alles ist zusammen- 
gefafst in Ranke's Werk : Fragmenta VeraioniB Sacrae Scripturae LcUinae 
afUehieronymianaCf Yindob. 1868, 4. Mit drei schönen Schrifttafeln. 

') Nach Rockinger, Quellen z. Baier. Gesch. IX, 352 sind die 
3 Handschriften der Summa Ludolfi dreispaltig in octav, auch 2 Nibe- 
lungenhss. nach y. d. Hagen in den Berichten der Berl. Acad. 1852 
S. 452. So auch in der alten Bibl. im Louvre nach dem Inventar von 
1373 viele franz. Romane, doch auch eine Chronik S. 7. Gruppe grofser 
dreispaltiger Hss. aus Nordfrankreich saec. XI7, Delisle, M^l. pal. p. 220. 
Im Brit Mus. ist eine lateinische Bibel saec. IX. in 3 Columnen (Add. 24, 
142) ohne kenntliche Ursache nach Thompson. K. Hamann besitzt eine 
Concordantia bibliorum minor saec. XIV. in octav mit 6 Columnen. 

') Rockinger, Zum Baier. Schriftwesen, S. 56. Nach Scherrer im 
Yerz. d. Stiftsbibl. S. 321—323 sind sie dem Bischof Salomon ohne Grund 
zugeschrieben. 

*) Vom Ende des 15. Jahrh. führt G. Paoli, Prog. scol. II, 94 die 
Attsdr&cke an in fogJio, volumine qtkarH folii, in quario fdio. 



Bücher. 183 

sind auch die alten Yirgilhandschriften in quart Der syrische 
Palimpsest der Hias hat 33 Verse auf der Seite. Aehnliche 
Form hat der Wiener Dioskorides, die Florentiner Pandecten, 
deren Höhe etwas gröfser ist, mit 2 Columnen, der Veroneser 
Livius mit 2 Colunmen zu 30 Zeilen. Dagegen ist der Wiener 
livius grofs octav, der Codex des Fronte wird als folio be- 
zeichnet, hat aber 2 Columnen zu nur 24 Zeilen. Der alte 
Cod. Fuldensis des Victor Cap. ist klein, schmal folio mit einer 
Columne. 

Eine Zusammenstellung aller Handschriften und Fragmente 
in Capital- und Uncialschrift mit genauer Angabe dieser Aeufser- 
lichkeiten wäre recht nützlich. Die Beachtung derselben ist 
nämlich für die Kritik sehr wichtig und hat zu bedeutenden 
Resultaten gefuhrt, nicht nur zur Ermittelung von Lücken und 
Umstellungen,^) sondern auch zur Schätzung ihres ümfanges. 
Auch erkennt man dadurch Fragmente von Handschriften, 
welche häufig durch zufällige Umstände weit von einander ver- 
schlagen sind, als ursprünglich zusammen gehörend.') 

Schon 680 beschäftigte sich die sechste Synode mit der 
Ermittelung einer Interpolation in den Acten der ftinften (Mansi 
XI, 225): tvQOV XQBlq rexQadaq slg rfjv (XQXfiV toi ßißXlov ix 
XQoöd-jjxfjg ifißkrjO^ai iiri kx^vöaq ixoöijfielfoöiv dgid-ftfitcx^v 
T^v yiQog Cwrid-Biav ivTBd-si/iivtjv iv ralg rergdöiv, dZX^ kv 
rij Tsragrij rergdöi elvai xov XQoätov aQid^fiov xal slg rt/v 
(iBT avtfv ÖBVtigav xal tqItijv tetQaöa i^s§^g. Da aufser- 
dem auch die Buchstaben verschieden befunden wurden, so war 
in diesem Falle die Entdeckung nicht schwierig; häufig aber 
sind die Custoden, wie man sie jetzt nennt, nicht mehr vor- 
handen, indem sie nicht selten vom Buchbinder weggeschnitten 
sind. Hauptsächlich aber ist es eine Aufgabe für den philo- 



') Im Cod. Reuchlin. der Apocalypse sind versetzte Blätter der 
Vorlage nach einander abgeschrieben. Fr. Delitzsch, Handschriftliche 
Fnnde I, 13. 

*) Fragmente desselben Palimpsests von Lucan hat Detlefsen in Wien, 
Neapel und Rom nachgewiesen, Philologus XIII, 313. XV, 626. XXVI, 173. 
8o die epp. Pauli in Paris u. Moskau, Sallust hier, im Yatican, in Orleans 
und in Paris, Isid. Pac. in Madrid u. London. 



i 



1S4 Formen der Bücher und Urkunden. 

logischen Scharfeinn, den verlorenen ürcodex nach den jüngeren 
Abschriften zu reconstruieren. So hat K. Lachmann ganz 
genau die Gestalt des Urcodex von Lucretius ermittelt und da- 
durch die Lücken und Transpositionen nachgewiesen.') 

Den archetypus des Juvenal hat Goebel in den Sitzungs- 
berichten der Wiener Akademie XXIX, 39 durch Rückschlufs 
aus einem cod. saec. X. zu ermitteln versucht 

Von besonderer praktischer Wichtigkeit ist für die Kritik 
des Festus der Rückschlufs von den jüngeren Abschriften auf 
die Form der verlorenen Quatemionen, deren Känder beschädigt 
waren; denn was in diese Stellen fällt, beruht nur auf Resti- 
tution, wie Th. Mommsen nachgewiesen hat^) 

Eine sehr schar&innige Untersuchung dieser Art in Bezug 
auf Tibull I, 4 hat F. Ritschi angestellt») 

Doch es würde hier zu weit fuhren, auf diesen Gegenstand 
näher einzugehen; nur darauf kam es hier an, hervorzuheben 
und nachzuweisen, dafs die an sich unbedeutenden Umstände 
der Zeilenzahl, des Formats u. s. w. für die E[ritik von Wichtig- 
keit sind und sorgfältige Beachtung erfordern. Durch genaue 
und scharfsinnige Beobachtung derselben zeichnen sich nament- 
lich auch die Abhandlungen von G. H. Pertz aus. Derselbe 
hat auf solche Weise den Umfang der Lücke in dem Epos der 
Roswitha ermittelt 

Zeichnen sich nun die Handschriflien aus den letzten Zeiten 
des römischen Alterthums durch grofse Sauberkeit und Regel- 
mäfsigkeit aus, so finden wir später in Bologna und anderen 
italienischen Universitäten eine gesetzlich vorgeschriebene Re- 
gelmäfsigkeit, um Betrügereien der Abschreiber vorzubeugen. 
Genaue Angaben darüber giebt Savigny in der Geschichte des 

^) Uebersichtlich dargestellt in der Anzeige der Ausgabe im Lit 
Gentralbl. 1850 Sp. 193. M. Hertz, Karl Lachmann S. 139 und S. 121 
über die ähnliche Behandlung des Gatull. Ygl. auch M. Haupt, De 
carminibus bucolids Galpumii et Nemesiani p. 36 über den Cod. Gyn^get 
Nemesiani. 

') Festi Godicis quatemionem XYI. denuo edidit Th. Mommsen. 
Abh. der Berl. Akademie 1864. 

') Sitzungsberichte der k. SächsiBchen Gesellschaft der Wissen- 
schaften, 1866. 



Bücher. 185 

römischen Rechts im Mittelalter.^) Die Einheit, nach welcher 
hier die Preise bestimmt wurden, ist die pecia oder % quatemio, 
Vj Sextem, denn auch diese kommen hier häufig vor.*) Die 
Pecie hat 16 Columnen, die Columne 62 Zeilen, die Zeile 32 
Buchstaben. Peciarii führen die Aufeicht über das Verleihen 
und Abschreiben der Manuscripte. Es wird jedoch hier so 
wenig, wie bei der alten Stichometrie das Mafs wirklich immer 
eingehalten, sondern die einmaUge Normalschrift genügte, indem 
sich bei Abschriften Bemerkungen, wie Finis pecie L auch 
mitten auf der Seite finden. ^) 

Das Blatt heifet X'^'^^^^j Jtrvxlov, (pvXkovy*) tabella, 
folium, was zuerst bei Isidor vorkommt, Origg. VI, 14: Folia 
librorum .... cuius partes paginae dicuntur. ^) In einem cod. 
Colon, saec. VIII. findet sich fem. folia^^) wie fi*anzösisch la 
feuüle; für das einzelne Blatt eines zimi Buch gefalteten Bogens 
ist aber feuület gebräuchlich.'') Im 15. Jahrh. pflegt man bei 
Verweisungen die Blattzahl mit a kartha anzugeben,®) abge- 
kürzt a k, wie in Spanien Citate mit a capUe häufig sind, und 
die ital. Datierung adi auch in lat. und deutschen Schriften. 
In der Vita Job. abb. Glorz. c. 126 kommt campus paginae 
vor; Bischof Maximin nennt in seiner Randschrift den eigent- 



>) m, 427. 637; 2. Ausg. S. 580 ff.; vgl. Kirchhoff, Handschriften- 
hindier S. 8 ff. 20. 

*} Im cod. Colon. 168, 1399 in Rom geschrieben, steht: in Tioc 
Ubro 9urU coUigcUe XIII pecie. Sie sind aber von ganz yerschiedener 
Gro&e. Eccl. Colon, codd. p. 70. 

") Ein Beispiel bei Schulte in den Sitzungsberichten d. Wiener 
Acad. LXVIII, 103. 

*) Einige griechische Hss. haben bei jedem neuen Stfick die Zahl 
der ipvXXa, welche es füllt; Graux, Copenh. p. 13. Die Bl&tter gezählt 
Hirt 8. 193. 

») Auch fades, C. Paoli, Progr. scol. II, 97. 

•) Eccl. Colon. Codd. p. 112. 

'') So braucht auch C. Paoli foglio (der gefedtete Bogen) und carta. 
Im Cod. Caain. 9 hei&t es: habet cartas Ixxvij. detur pro xi(j tarenis. 
BlbL Casin. I, 153. 

•) Zeitschrift für Gesch. des Oberrheins XXY, 43. 



186 Formen der Bücher und Urkunden. 

liehen Text plenariutn.^) Der Rand heifst auris.^) Im cod. 
Colon. 166 saec. YII. steht f. 231 von zweiter Hand mit Bezug 
auf einen Nachtrag: lege desuper in summo lucemario.^) Die 
Worte stehen auf dem oberen Kande der vorhergehenden Seite, 
welcher also mit diesem Ausdruck bezeichnet ist; an anderer 
Stelle steht: lege in eapite paginae. In den Basiliken heifst 
die unten stehende griechische Uebersetzung der lateinischen 
Constitutionen xara Ttoöa oder xaxa jtodag. Für columna ist 
franz. coulombe in den alten Inventaren gewöhnlich, im Catal. 
Urbani V papae corunddlo. Aber im Inventar saec. XV. der 
Earche zu Beauvais sind Bücher in einer oder 2 Columnen 
cum una margine und cum duplici margine.^) 

Sehr ungewöhnlich ist für Capitel oder Nummer era: „De 
cetero librum hujus operis require in era .xx.ii. cujus ini- 
tium est" etc.*) 

Das zusammengefaltete Pergamentblatt hiefs oben S. 115 
6lg>vXXov, S. 177 diploma, und so auch in einem angels. Wörter- 
buch^) dipioma, hoge und bowa; in einem alten Wörterbuch 
plicatura, und noch barbarischer arcus: quatemus est pars libri 
ex qucUuor arcubus et octo foliis pergameni connexa.'^ Der 
Prior Stephan von Dolan spricht 1417 von arcus paptfri,^) 
und schon im 13. Jahrh. sagt Com*, de Mure (oben S. 122) 
vom Kalbspergament: 

libris aptatur: primo quadratur in arcus, 
Arcus junguntur in statione pari. 

') legat intus in plenario et in hoc ipso corpore. Waitz, Ulfila S. 8. 

*) QuibuB in locis et forinsecus ad aurem zetam, quod est vitii sig- 
num, apposui. Pauli D. epist. N. Arch. 1, 566. 

•) Eccl. Colon. Cod. p. 68. 

«) Delisle, Ms. de 625, p. 18. 

'^) Hieronymi epp. saec. IX. Y. Rose, Verz. d. Meermanhss. (Berl. 
1892) S. 20. 

•) Bei Wright 8. 75 u. 89. 

') Serapeum XXIII, 278. 

^ Ep. ad HuBsitas bei B. Fez, Thes. IV, 2, 520. Samuel Karoch 
schreibt: „in aliquot papiri areu^s succurrere mihi.*' Zts. f. Gesch. d. 
Oberrh. XXVIII S. 50. „Ego scio adhuc tot, quod non possem ad viginti 
arcus papiri scribere." Epp. obsc. vir. I. App. 6. „Deest unu» arcus seil. 
2 folia" im Cod. Ann. Cremifanensium. 



Bücher. 187 

Gleichzeitig kam auch für pagina der Ausdruck laius auf, und 
für örlxog, verstis, linea^) das barbarische riga. So erzählt 
Thomas a Campis de discipulis d. Florentii c. 4, dafs Lubertus 
Bemeri oder van den Busche (f 1398) einmal zu seinem Lehrer 
Florentius gerufen wurde: erat autem in ultima riga lateris, 
et forte tria vd quatuor verba adhuc seribenda restäbant. 
Dennoch kommt er unverzüglich, ohne die Seite zu vollenden. 
Und in der 1494 gedruckten B^gel der Brüder vom gemeinen 
Leben') heifst es: librarius . . . pervideat scripturam fratrum 
nostrorum, specialiter qui minus sciunt scribere^ et qui novi 
aliquid incipiunt, providendo eis de una riga vd duäbus me- 
lioris scripture pro exemplari ante se locando, si opus hdbent. 
Buchstaben heifsen ygäfifiara (auch bei Godesscalk u. a. 
grammata),^) litterae, demenia, charaderes, apices, figurae. Do- 
nizo schreibt: 

Una figura Beatricem, Bouefacium dat, 
Amborum nomen una figura B dat^) 

3. Urkunden. 

Von Urkunden auf Erztafeln und Wachstafeln ist schon 
die Bede gewesen, auch von gerollten. Die Alten hatten auch 
zusammengefaltete, welche durch einen besiegelten Faden ver- 
schlossen waren, namentlich Testamente. ^) Davon ist die Bede 
in der von Schwarz de omamentis librorum p. 154 angeführten 
Stelle der Glossae veteres verborum juris ed. Labbe, p. 116, 
wo es von den Testamenten heifst: ^lariov ort ro (ilv h öxif- 
fioTi TBTQaöog Jg oiag drjjtoxe övirci&ifisvov xal dexotisvov rtjv 



») In Inschriften dafttr locus: Tab. IL pag. V. loc. XVIII. Ephem. 
epigraph. U, 456. 

^ Serapeum XXI, 188. 

*) „Miserat has grammas vocitatus Nobile clamanB.'^ Aus der Loncher 
Brieftammlong N. Archiv III, 327. Vgl. auch YOr, 330. 

*) V. Math. I, 787; vgl. Pannenborg, Stadien zur Gesch. d. Herzogin 
Mathilde (G5tt Progr. 1872) S. 15. Den Ausdruck figura braucht auch 
Günther im Ligurinus VI, 687. IX, 287. 

») S. Marquardt, Rom. Privatalterthflmer, U, 392. 



188 Formen der Bücher und Urkunden. 

öiadrpcTjv, taßovXXa XiyErcu, xa öi l^BtXrniaxa x^'^^ov, avro 
toiko X^(f^V ^ccXelrai, 

Eine ganz ähnliche Form der Testamente aus dem Mittel- 
alter ist oben S. 171 beschrieben; die gewöhnUche Form der 
Urkunden aber ist die der offenen Briefe. Der gewöhnUche 
Name ist Charta, griech. jiirrdxiov, wovon auch lat pücudum; 
es giebt aber eine Menge von Namen, welche von dem Inhalt 
hergenommen sind und sich in den diplomatischen Handbüchern 
verzeichnet finden. Auf diese einzugehen ist hier überflüssig; 
auch wegen genauerer Angaben über die Form verweise ich auf 
die ürkundenlehre von Bresslau. Von der Form, weil sie am 
häufigsten nur auf einer Seite eines Blattes geschrieben sind, ^) 
heifsen die Urkunden sehr oft pagina. So spricht Alcuin (ep. 
115 Frob. 204 Jaffö) mit Beziehung auf II Cor. 3, 3 von der 
pagina, quae est in cordis tabula conscripta, non airamento 
perUuro sed spiritu sempitemo. Das Wort Urkunde im heutigen 
Sinn ist dem fiüheren Mittelalter fi:«md; •) man nannte sie gewöhn- 
Uch Briefe. Der Ausdruck Handfeste findet sich schon in Erzb. 
Alfiic's Vocabular (Wright S. 20) mandatum hand-festnung ; 
dagegen S. 46: epistola vd pitacium, aerend-gewrü d. i. Bot- 
schaftsschreiben. ^) 

Allgemeine Anweisungen für die Abfassung einer Urkunde 
giebt die Summa Conradi de Mure von 1275: *) 

De forma carte et scriptura. 

Per quomodo intelligitur tertius modus scribendi, ubi no- 
tetur carta in qua scribi debet littera, expers camis, bene rasa, 
pumicata, scribentis manibus et usibus preparata, nee nimis 
rigide dura nee nimis moUiter tenuis. Sic quadranguletur, ut 



^) Zwei Urkunden, von 576 und 760, sind auf der Rückseite beendigt 
nach G. Paoli, s. oben S. 162. Nach Lupi, Manuale S. 59 soll eine 
ital. Stiftongsurk. v. 1015 in Golumnen geschrieben sein, beschrieben in: 
Gaetano Marchi, Osservazioni sopro un' autentica pergamena, Roma 1799. 

') ürchundo ist althochdeutsch Zeuge, urchundi Zeugnifs. Davon 
Urkundbrief, dann Brief und Urkunde, aber nicht vor dem 14. Jahrhundert 

*) Auch S. 89: epistola, c^erind-iwrit ; engl, errand. 

*) Herausgegeben von Rockinger, Quellen z. baierischen und dent- 
sehen Geschichte IX, 437. 



Urkunden. 189 

latitudo longitudini respondeat convenienter, et ne latitudo nee 
longitudo modum debitum excedant et mensuram, sicut archa 
Noe in longitudine, latitudine, altitudine jussu dei artificialiter 
et proportionaliter composita fdit et compacta. 

Scriptura littere, regulis Orthographie observatis, una manu 
et eadem, sine omni vicio rasure in loco suspecto, incausto 
non discoloriter nigro, alüs coloribus exclusis, a primo usque 
ad ultimum equali forma, ductu scribatur, lineali grossetur, 
legibiliter comprimatuT; ut nee sit nimium sparsa nee nimium 
compressa, nee deformis, set eorreeta pleniter et equalis. 

Begulariter aceentuetur, punetetur, virguletur. ') 

üna sillaba in scribendo nunquam dividatur ita ut finis 
linee partem habeat sillabe, et residuum sillabe sit origo linee 
sequentis. 

Una dictio nunquam ita distinguatur in sillabis, ut due 
dictiones reputentur. due dictiones vel plures nunquam ita eon- 
tinuentur, ut una dietio videatur. et si dietio scribi non potest 
totaliter ad finem linee preeedentis, per virgulam in margine 
signetur hujusmodi divisio seu imperfeetio dietionis, ut leetor eo 
difficiUus erret in legendo. 

Item scriptura littere seu epistole tam a eapite quam a 
fine secundum debitam quadraturam ctun spaciis ab omni latere, 
scilicet superius, inferius, dextrorsum, sinistrorsum, eompeten- 
tibus habere debet duetum seu terminos Uneales, ita ut seri- 
ptura margines earte seu extremitates fiigere yideatur modo 
debito et decenti. alioquin carta sie detruncata proprietatem 
Uttere deformaret 

ünde carta seu carte forma non sit nimis longa, non sit 
nimis lata, spaciis ut dictum est regulariter ordinatis. 



Ich habe den ganzen Abschnitt hergesetzt, weil die Vor- 
schriften in der That sehr verständig sind und viele technische 
Ausdrücke darin vorkommen. Im allgemeinen sind die Urkun- 



^) virgulefU Utteras heiüst es in Eugens IV Constitutio bei Ottenthai 
(Mitth d. Inst. Erg.-Bd. I, 576) von den Auscultatores. 



190 Formen der Bücher und Urkunden. 

den aufserordentlich correct geschrieben, und welche Mühe das 
bei umfangreichen Stücken kostete, schildert uns Bartholomäus 
Sastrow in seiner Lebensgeschichte. ^) In früheren Jahrhun- 
derten fehlt es gar nicht an Correcturen, aber später war man 
darin sehr peinUch. Wenn sich Notare dergleichen erlaubten, 
so wurden sie bei der Beglaubigung am Schlufs sorgsam ver- 
zeichnet *) 

Eine eigenthümUche Form von Notariats -Instrumenten 
findet sich im Thal von Aosta, indem auf der Rückseite die 
Originalnotate stehen, welche der Urkunde zu Grunde hegen.*) 

Für Urkunden von grofser Länge war weder die Rollen- 
form noch eine unübersehUche Tafel zum Gebrauch bequem. 
Deshalb kam gegen das Ende des Mittelalters die Sitte auf, 
sie einfach in Form eines Quartbandes zu schreiben, und die 
Siegelschnur durch alle Blätter zu ziehen. So ist schon das 
Original von Kaiser Ludwigs oberbaierischem Stadtrecht be- 
handelt, welches deshalb das versigelt Buch genannt wurde.*) 
Doch konnte das unter Umständen Anstofs geben. Als 1474 
der Utrechter Vertrag der Hansestädte mit dem König von 
England zu Brügge abgeschlossen werden sollte, brachten die 
städtischen Abgesandten zwei Exemplare mit sich. Eines be- 
stand aus mehreren, mit roth und weifs seidenen Schnüren zu- 
sammengehefteten Blättern, aber der englische Abgeordnete 
bezeichnete das als mimts conforme usui et consuetudini. Das 
andere Exemplar bestand zwar aus einem Blatte, aber das 
Siegel daran hing nicht an seidener Schnur, sondern an einem 
doppelten Pergamentstreifen. Das wurde ebenfalls beanstandet. 
Aber auch die engUschen Exemplare genügten nicht; das eine, 
weil auch daran das Siegel an Pergamentstreifen hing, das an- 
dere, weil darin mehrmals Wörter zwischen den Zeilen ge- 



') I, 268. In der Bearbeitung von L. Grote (^Halle 1860) S. 143. 

*) Ueber eine eigene Urkunde darüber s. Anz. d. Germ. Mus. 
XXVI, 295. 

") Bethmann in Pertz' Archiv XII, 591. Dergleichen hat man auch 
noch mehr beobachtet, häufig mit Notaten in tiron. Noten. 

*) Rockinger, Zum baier. Schriftwesen, S, 71, wo noch mehr Bei- 
spiele sind. 



Urkunden. 191 

schrieben waren. Monate vergingen darüber, bis genügende 
Exemplare beschafil waren. ^) 

Bei Privilegienbestätigungen aber, vorzüglich wenn sie die 
wichtigeren Urkunden einer Corporation wörtlich in Abschrift 
enthielten, wurde die Buchform immer mehr übhch. ') 

Man könnte solche Urkunden nach ihrer Form allenfalls 
polyptycha nennen, doch hat dieser Name schon seine eigene 
Bedeutung. Er bezeichnet jene Zinsregister, wie sie auf Wachs- 
tafeln bis ans Ende des Mittelalters vorkommen. Schon in den 
Briefen Gregor's I findet sich das Wort in dieser Bedeutung, 
und die Beziehung auf die Form verschwand, während die 
sachliche Bedeutung sich* fester ausbildete. Es bedeutet den 
Inbegriff der Bechte und Einnahmen, den ganzen Besitzstand. 
Bei Du Cange ist nachzulesen, wie aus polyptychum durch ver- 
schiedene Entstellungen ^) endlich pouüU wird, das Verzeichnifs 
aller Beneficien eines Bisthums. 

Ich weifs nicht, ob man damit auch pawelhar, pawiart, 
pauviRart zusammenbringen darf, welches in Lüttich gebiüuch- 
lich war und durch codex padorum übersetzt wird. *) 

Ein anderes, vielleicht aus Bolle entstelltes Wort, grollufn, 
war für solche Register im Gebiet von Stavelot gebräuchlich.*) 

Allgemeine Bestätigungen des Güterbesitzes werden in 
Frankreich pancharta genannt, vorzüglich auch, wenn eine 
solche an die Stelle verlorener einzelner Schenkungen tritt Der 
Ausdruck ist in Frankreich schon im 9. Jahrhundert üblich und 
auch auf Chartularien ohne urkundliche Bestätigung übertragen; 
ein Beispiel ist die pancharta nigra des Martinsklosters zu 
Tours, so genannt nach der Farbe des Einbands.^) 



') Zeitschrift des Vereins fär Lüb. Gesch. III, 372. 

*) Hl puehsweise auf ewainczigk platt geschriben, Friedrich III 3670 
in Ghmers Regesten. 

*) polüicus hielB Benedictes Buch Ottobon. 3057. Sickel, Privil. Ott. 
I, S. 64. 

*) Hen&ux, Histoire du pays de Lidge (1857) I, 24 n. 

*) On appelait grole ou groilum au pays de Stavelot les registres, 
dans lesquels ^taient transcrits les records et Privileges nationaux. Gachard, 
Notice des archives de Stavelot, Mäm. de TAcad. de Belgique 21, 51. 

•) Vgl. MQhlbacher, Urkunden Karls III, Wiener SB. XGII, 453 u. 



192 Formen der Bücher und Urkunden. 

Ein eigenthümlicher Ausdruck ist in Siena caleffo fiir den 
1203 angelegten und dann fortgesetzten liber memorialis com- 
munis, cartularius, instrumentarius. Man unterschied nach der 
Zeitfolge caleffo vecchio, ddV Assunta (nach dem Titelbild), 
nero, rosso und calefeUo.^) 

Dem Wortlaut nach von ganz allgemeiner Bedeutung ist 
chirographum, und es wird auch für gewöhnliche Urkunden 
gebraucht (vgl. oben S. 57).*) In der Regel aber bezeichnet 
es chartae exciscte oder indentatae, englisch indentures, •) Diese 
wurden nach Art der alten övfißoXa oder tesserae für Verträge 
doppelt geschrieben und dann von einander geschnitten,^) so dafs 
die beiden Exemplare an einander pafsten. ^) Johannes An- 
glicus giebt bei der Lehre von Verträgen die Anweisung: Hoc 
facto scribatur drographum, et scindatur per medium, et tra- 
datur una pars uni et altera pars alii. Vel possunt sigüla 
atdenticorum virorum appendi, vel si habeant sigilla, unus appen- 
dat sigülum suum in cirographo alterius. *) Diese Verbindung 
von Theilzettel und Siegel zeigt das Beispiel bei dem Portu- 



Sickely Mitth. d. Inst. I, 251. Seltsam ist die Benennung ptongar (Mab. 
pertongar) für eine päbsüiche Bulle, V. Gerardi Bron. c. 21. MG. SS. XV, 
2, 672. 

') Cesare Paoli, Dei cinque caleffi del R. Archivio di State di Siena, 
Arch. stör. Serie III, Tomo IV, Parte I, 45-92. Progr. scol. I, 117. 

*) cyrografum hoc inde in testimonium conscriptum, sagt Hein- 
rich rV von seiner Verleihungsurkunde, 1103 Sept. 26, B. 1970, die aber 
unecht ist. 

') In England war diese Art der Urkunden besonders häufig, vor- 
züglich vor der Eroberung durch die Konnannen, durch welche erst der 
häufigere Gebrauch der Siegel eingeführt wurde; s. den lehrreichen Ar- 
tikel Chirographam bei Du Gange, und den ausführlichen Abschnitt 
Chartes parties et dentdies im Nouveau Trait^ I, 358—385; Bresslau, ür- 
kundenlehre I, 508 ff. 

*) Daher böhmisch fezanä, geschnitten. V. Brandl, Glossar S. 295. 

*) Bei der Charta paricla Marculf I, 38, Roz. n. 453 erhellt aus 
dem Texte nicht, ob sie in diese Classe gehört 

•) Quellen zur Baier. Gesch. IX, 508. So sagt auch ein alter Glos- 
sator des Juvenal: cirographa . . . credüor et debitor per medium divi- 
debantf et unusquisque partem suam custodiebat, ne passet cUtquid addi 
vel subtrahi. Eccl. Colon. Codd. p. 149. 



Urkunden. 193 

giesen Dominicus Dominid, ^) welches aufserdem durch die An- 
fertigung Yon drei Exemplaren compliciert ist: In cujus rei 
testimonium fecimus inde fieri tres cartas per alphabetum divv- 
saSf nostris sigillis signatas^ quarum una remaneat penes nos 
dictum episcopum^ altera penes capittdum^ et terda remaneat 
(hezaurario ülixbonensis ecclesie perpetuo canservanda. Auch 
die von Sickel, Mon. Graph, ni, 12, niitgetheilte Urkunde des 
Domcapitels zu Kaab über einen Vertrag zwischen dem Abt 
von Martinsberg und einem Grafen Yon 1210 verbindet das 
Siegel mit einem durchschnittenen Alphabet am untern Rand. *) 
Mit königlichem Siegel versehen ist die viergetheilte indenture, 
Heinrichs VU Vertrag vom 20. Nov. 1504 mit der Abtei West- 
minster, St Albans und der Stadt London, ein in blauen Sammt 
gebundenes Heft, vorne das ausgemalte königliche Wappen, Blätter 
und Einband ausgezahnt mit durchschnittenem Alphabet (Harl. 28). 

Ans England hat Hickes einen Theilzettel schon von 855 
nachgewiesen.^ In einer alten Formel einer Precaria bei M. 
de Eozi^re, Eecueil I, n. 326 steht: inter nos convenit^ ut duas 
epistolas de tUrasque partes aptificantes uno tenore conscriptas 
adfirmare deberemus. Vermuthlich ist damit auch diese Form 
gemeint, obgleich es nicht sicher ist Unzweifelhaft erscheint 
sie bei Bicher, der IV, 29 erzählt, dafs im Jahre 990 Arnulf 
vor seiner Erhebung zum Erzbischof von Reims ein Anathem 
über sich selbst, wenn er seinen Eid nicht halten würde, in 
zwei Exemplaren schrieb. Jussus itaque cirographum bipertitum 
notavit. Segi dUerumy alterum sibi servavü. 

In den Grenueser Annalen heifst es 1168 (Mon. Gtorm. SS. 
XVm, 77): cum verba videbantur fere quasi facta et jam in 
scripta redeuia et per ahecedarium divisa . . . und S. 82: et 
in Scripte per ahecedarium illam redigerunt. Denn gewöhnlich 
wurde über den Durchschnitt ein Alphabet geschrieben; so auf 
der bei Schoenemann Tab. VU abgebildeten Urkunde von 1375 



*) Quellen z. Baier. Gesch. IX, 575. 

*) Ein ähnliches Beispiel aus Baiem bei Rockinger, Zum baierischen 
Schriftwesen S. 67. 

') Alfric's Yocab. bei Wright S. 20 erklärt Cirographum, raeding- 
gtwrit vel Tiand-getoriL 

Wftttttnbach, SchriftirMeD. 8. Aufl. 13 



194 Formen der Bücher und Urkunden. 

aus Schottland, welche deshalb auch anfängt: Presens indmtura 
per modum aHphdbeti facta. Sonst brauchte man besonders 
häufig das Wort Oyrograpkum] auch ein Crudfix kommt vor. ^) 
Eine Festsetzung von Leistungen durch den Abt Poppo von 
St Maximin um 1050 zeigt zwei durchschnittene Monogramme. *) 
Ein Jahrhundert später gebrauchte der Abt von Si Martin in 
Cöln capüäles lüteras continentes nomen b. Martini.^) Eine 
pagina des Herzogs Wilhelm von Aquitanien vom 19. April 
1134 enthält eine Schenkung an Fontevraud in Form eines 
Theilzettels mit DcUum Optimum ei omne honum.^) Häufig ist 
Testimonium veritatis durchschnitten. Später begnügte man 
sich mit dem ausgezahnten Schnitt, welcher seit 1106 nach- 
gewiesen ist; firüher durchschnitt man die Worte oder Zeichen 
ein£Eu;h in gerader Linie. Noch im 16. Jahrhundert bei einer 
Sühne zwischen den Apengetem (Bothgieliser) in Hamburg und 
Lübeck ,4s düsser 0erter (wie man sie dort nannte) einer uth 
dem andern geschneden aver dat wort frede.^^^) 

Dals man nicht nur bei Verträgen, sondern auch bei De- 
positen dieses Mittel anwandte, sagt Boncompagnus: ^) De aignis 
depositorum. Item quidam faciunt alphabeta que per medium 
dividuntur^ et remanet una medietas alphabeti apud depositc^ 
rium, et aliam depositor secum portat. Vorher S. 144 ist er- 
zählt worden, wie ein Mönch sublato älfabeto communi ein be- 
deutendes Depositum ergaunert hatte. 

Bei der üebergabe des neu erbauten Schlosses Friedeburg 
1419 an einen Bremer Bürger zur Verwahrung mit dem Li- 
ventar heilst es: Twe teertere sunt hir up, der de ra^ enen 
heflf unde Rinrik van Munster den anderen* ^) 



^) Auf der franz. Urk. y. 1177, die mit mehreren anderen auf der 
Tafel zum Nouveau Traitä I, 374 abgebildet ist Bei MabiUon p. 429 eine 
Urk. Ludwigs YII v. 1167. Andere Abbildungen im Mus^e des Archives, 
S. llOff. 

*) Zeitschrift f. Gesch. d. Oberrheins XXIII, 130. 

') Ennen u. Eckertz, Quellen zur Gesch. d. Stadt Köln I, 530. 

«) Bibl. de r£cole des Chartes, 4. särie lY, 322. 

») Zts. f. Hamb. Gesch. N. F. III (1875) S. 573. 

«) Quellen z. Baier. Gesch. IX, 174. 

^) Bremisches Jahrbuch (1868) HI, 155. 



Urkunden. 195 

Vorzüglich aber sind es Pachtverträge, welche vielleicht 
noch jetzt auf solche Weise geschlossen werden; so in Augs- 
burg 1468: eedule desuper ut moris est confecte scü. liiere ex- 
cise.^) In Heidelberg 1558: Des in ürhund seind dieser Kerff- 
gettel Bwei gleich lautende von einer handt geschrieben j Kerff- 
recht und weiss auss einander geschnitten. ') Bei Ac^en, Fassen 
u. dgl. ist dieses YerfiEdiren noch üblich. Deutsche Benennungen 
sind kerhbrief, herbeettel, gerfgettel, sptdt/settel, spaneettd, eerter. 
Im Lübecker Archiv sind unter der Bezeichnung littera memo- 
riaiis oder denhebref aus dem 14. Jahrhundert Hunderte von 
Urkunden über Privatgeschäfte, die vor zwei Rathmännem ab- 
geschlossen, zu zwei öder drei auf ein Blatt geschrieben und 
im Zahnschnitt getheilt wurden.') Auf der Insel Fehmem 
waren alle Testamente Originalgerten ohne Besiegelung. ^) 

Von zwei griechischen Zertem aus ünteritalien vom 
Jahr 1232 giebt Tiinchera^) Abbildungen; die Benennung ist 
biioijoyolyyQaqxtv (sie) Ixov iv ty xoQvg>^ rov v^ovg to ijfiiav 
rov OQicd'ivroq aXq>aßritov. 



Dafe bei den Griechen und Römern Unterschriften des 
Namens der Aussteller nicht vorkamen, hat C. G. Bruns nachge- 
wiesen;^ nur ein legi oder ein Segenswunsch wurden eigenhändig 



^) W. Wittwer, Catal. abb. SS. üdalrici et Afrae, bei Steichele, 
Archiv f. d. Gesch. d. Bisth. Ausgab. III, 261. 

*) Herrn. Wirth, Archiv f. d. Geschichte der Stadt Heidelbeiig I, 20. 

■) Zeitschrift d. Vereins f. Lüb. Gesch. m, 363. In Landrechten 
und Stadtrechten des 16. Jahrh. kommen ausgeschnittene Zettel als Beweis- 
mittel h&ufig vor. 

*) Urkundenbuch d. Gtos. f. Schlesw. Holst Lauenburg. Gesch. UI, 
2, S. IL 

*) Syllabus Graecarum membranarum quae NeapoU etc. 1865, 4. 
Tab. YII. n. 286. 287. Aus den Statuten von Neapel werden angeführt 
itisUrumevUa qucie NeapM vocatUwr paoJZia«, was die Yerfiisser des Kou- 
veau Traitä von yfaXlg, Scheere ableiten. 

*) Die Unterschriften in den römischen Rechtsurkunden. Abh. d. 
Berl. Akad. 1876. Sehr merkwürdig ist die Unterschrift Theodosius' I oder 
II Bene vdlere te cupitnus; s. darüber Bresslau, Urkundenlehre I, 906, 
Anm. 5; und die auf einem Inschriftstein saec. VI. in Afirica nachgebildeten 

13* 



196 Formen der Bücher und Urkunden. 

am Schlüsse zugefügt Auch die Unterschriften der Beamten 
und Zeugen kamen natürlicher Weise im Abendland auTser Ge- 
brauch, als die Kirnst des Schreibens immer seltener wurde. ^) 
Von den merowingischen Königen lassen sich zuerst Unter- 
schriften nachweisen; dann wurden, in einigen Fällen schon bei 
ihnen, Monogramme statt der Unterschriften allgemein üblich, 
und ftir geringere Personen ein Kreuz, dessen sich jedoch auch 
die angelsächsischen Könige bedienten. 

Monogramme scheinen zuerst an Bauten und auf Münzen 
vorzukommen, auch auf Consulardiptychen und auf alten christ- 
lichen Epitaphien. ') In den Trümmern von Pergamon auf der 
Akropolis gefundene scheinen zu der byzantinischen Kirche zu 
gehören. In Ravenna sehen wir sie an Säulencapitellen und 
auf dem alten elfenbeinernen Bischo&tuhl. Vom Bischof Maxi- 
mian sagt Agnellus ^) in Bezug auf ein yon ihm gestiftetes Ge- 
bäude: super capüa omnium columpnarum ipsius Maximiani 
nomen sculptum est. Ein Monogramm des Bischofs Paulinus 
von Trier steht auf einem discus argenteus.*) Noch von Hein- 
rich lY hat sich das Monogramm auf einem Marmorblock ge- 
ftmden. ^) In den Monogrammen der Urkunden, welche besonders 
bei den deutschen Königen gebräuchlich waren, pflegt ein 
Strich erst bei der Ausfertigung eigenhändig gezogen zu sein, 
den man an anderer Färbung der Tinte und geringei^r 
Festigkeit der Hand erkennt, doch verschwindet das nach 
Heinrich IV, wie ja auch gar keine Sicherheit dadurch gegeben 
war. Auch die Kreuze sind, trotz der entgegenstehenden Aus- 
drücke, wenn nicht immer, so doch häufig, vom Notar gemacht. 



Unterschriften sancimua, firmamus, confirmamus bei Gh. Diehl, Gomptes 
rendus de l'Acad. des Inscr. 1894, S. 383 ff, 

^) Vgl. hierzu Bresslau, Urkundenlehre I, 781—789. Schon in dem 
Ravennater Papyrus kommt Signum manua vor. Dafs schon die gleich- 
zeitigen Regenten, Kaiser Justin und König Theoderich, nicht schreiben 
konnten, werden wir bei dem Abschnitt von der Feder sehen. 

>) De Rossi, BuUettino di Archeol. Crist 1880 S. 164, 1892 S. 110. 

•) MG. SS. Langob. p. 828. 

*) De Rossi 1. 1. 1883 S. 31. 

») E. V. Ottenthai, Mitth. d. Inst. VII, 461—464. 



ürknnden. 197 

was man an der ganz gleichen Form erkennt^) In Deutsch- 
land kommen sie überhaupt wenig vor. 

Nur in Italien, besonders in Venedig, scheinen sich auto- 
graphe Unterschriften, wenn auch in beschränkter Weise, immer 
erhalten zu haben, *) wie auch aus griechischen Urkunden Trin- 
chera riele Beispiele giebt Die griechischen Kaiser werden wir 
noch bei der Purpurtinte zu erwähnen haben, und auf die 
scheinbar autographen Unterschriften der päbstUchen Bullen 
kommen wir bei den £[anzleibeamten. 

Budolf lY von Oesterreich gehört zu den ersten Fürsten, 
welche wieder eigenhändig unterschreiben;^ nach und nach 
wird es allgemeine Sitte. 

In Siebenbürger Urkunden wurde häufig der Finger mit 
Tinte auf ein Kreuz gedrückt; das hiefs mit unsem Finger- 
siegeln bekräftigt. 

Zur Beglaubigung diente also Jahrhunderte hindurch nur 
die Besiegelung der Urkunden.*) Diese würde übergrofsen 
Baum in Anspruch nehmen, wenn darauf hier überhaupt ein- 
zugehen wäre. Sie ist so mannigÜEdtig, dals sie selbst in der 
Diplomatik nur für specielle Gebiete eingehend behandelt wer- 
den kann. Ich bemerke hier nur im allgemeinen, dafs bis 
gegen das Ende des 12. Jahrhunderts aufgedruckte Siegel üblich 
waren, dann aber die angehängten lange Zeit die Alleinherr- 
schaft gewannen,^) bis im 14. Jahrhundert für Mandate u. a. 



^) Gesare Paoli, La piü antica pergamena del R. Archivio di Stato 
in Firenze (1873) S. 12. 

*) Gloria, Gompendio S. 454. Ein Beispiel von 1052 im Ans. d. 
Germ. Mns. XIX, 337. 

*) S. darüber Kürschner im Archiv f. österr. Gesch. XLIX, 22—26. 

*) üeber die Substanz der Siegelmasse und gegen den Ausdruck 
Maltha s. H. Grotefend, Ueber Maltha, in der Zeitschrift „Der Deutsche 
Herold" 1874 S. 114, und wiederholt in seiner Schrift üeber Sphragistik, 
Breslau 1875, worin von den Aufgaben und Gesichtspunkten dieser Dis- 
ciplin gehandelt wird. Dagegen v. Weech in Loeher's Zts. Bd. VII. Wachs- 
recepte bei Rockinger S. 54—56. Recept, grünes u. a. Wachs zu machen, 
im Anz. d. Germ. Mus XXYIII, 235. 

^) Ueber die Zeit des üeberganges s. die Bemerkungen des Fürsten 
Hohenlohe -Waidenburg im Anzeiger d. Germ. Mus. XXI, 805. Ueber 



IQg Formen der Bücher nnd Urkunden. 

• 

die Oblatensiegel aufkamen. Die römischen Päbste bedienten 
sich der Bleibnllen, ^) für Breven aber des Fischerringes, der 
für das 13. Jahrhundert bezeugt, aber im Original vor dem 15. 
wohl kaum nachzuweisen ist *) Metallbullen verschiedener Art 
waren vorzüglich im Süden üblich. Hiemach benannte man 
nun auch die Urkunden selbst sigillum, buUa, x(^v<;o/}ot;Jl^or^ 
dgyvQoßovXkoy, (loXißoßovXJioVy t/ xriQoßovlXog,') 

Von bulla ist diminutiv gebildet französisch bulete, büldin, 
hülety italienisch bolletta, hdlettino. 

Wenn zu groisen Bundbriefen oder Verträgen noch eine 
Partei beitreten wollte oder sonst ein Zusatz zu machen war, 
so geschah das durch ein Transfix, ein vermittelst der Be- 
siegelung unzertrennlich verbundenes Pergamentstück. Man 
nennt das häufig schedula, cedtda, Bettd, spanisch esqiMila,*) 



Siegelmodel Zalm ib. XIV, 5. Der gewesene Abt von Walkenried siegelte 
1226 in Ermangelung eines eigenen Siegels mit einem Denar, und C. 
L. Grotefend bemerkt dazu, dafs das nicht selten vorkommt. Zeitschr. d. 
bist. Vereins f. Niedersachsen 1871 S. 43. Ueber das Verfahren bei sehr 
zahlreichen Siegeln Rockinger S. 69. 

') Die Bedeutung des Unterschiedes der Bullen an Seidenf&den oder 
an einer Hanfschnur hat L. Delisle nachgewiesen, Bibl. de Pficole des 
Ghartes 4. Sörie IV, 19. Vgl. auch Cod. dipl. Lubec. m, 738: lAtUras 
apostolicM (von 1257) unam graciosam cwn fUis sericis, et aliam execu- 
toriam cum corduia eanapis more Eomane ewrie bullaUu, Gregor VII 
schrieb einmal: „Plumbeo sigillo idcirco signari litteras istas noluimus, ne 
si forte caperentur ab impiis, eodem sigillo posset fidsitatis quippiam fieri.'' 
Arch. VIII, 411. So wurde ein Siegel des Legaten Gono miüsbraucht, um 
Theoger anzuführen, SS. XII, 468. Mehr bei Bresslau. Vgl. auch oben S. 4. 

*) Von Innocenz VIII u. Aleiuinder VI giebt Zinkemagel Tab. FV 
Abbildungen. 

*) S. den ausführlichen Artikel BuUa bei Du Gange. In der In- 
struction des Dogen H. Dandolo für seine Gesandten nach Gonstantinopel 
um 1196 heilst e&: 8% . . , , miserit nobia per eoe chriaohula 8tM. Sickel, 
Mon. Graph. III, 10. In Venet. Quellen auch crueöbolia. Ueber Goldbullen 
der Karolinger s. Grandmaison, Mälanges Julien Havet (1895) S. 111 ff. 

«) In einem alten Wörterbuch (Serapeum XXIII, 277) heifst es: 
Cedtda, Bedel, est pars pergameni, de qua propter eui parwtatem non 
potest fieri liber aptua. Etiam cedvAa quandoque dicitwr prima ngnatio 
aUcfi^us ecripti, quae cidhuc nan egt in librwm redaeta, quae alio nomine 
dicäur protocöllum. In der Heidelberger Sammlung ist mit einem Ab- 



Urkunden. X99 

üeber xitraxiovj pUacium, pidadum verweise ich auf den 
ausführlichen Artikel von Du Cange. Ursprünglich bedeutet es 
wohl dn Täfelchen. 

Schlielslich wäre nur etwa noch zu bemerken, dafs die 
Cassierung von Urkunden durch Abschneidung der Siegel 
und durch Einschnitte ins Pergament geschah.^) Otto I er- 
klärte 968 eine Urkunde Kaiser Berengars für ungültig frcu:to 
aigiUo scissaque membrana per manum . . . archicancellarii.') 
Eine seltsame Sitte wird im Chron. Montis Sereni z. J. 1214 
erwähnt, wo der Pabst befiehlt, id lüteras datcts dentibtis sein- 
deret, quod liUeris cassatis fieri solet. ') W. de Clifford zwang 
1250 die Boten, die königlichen Briefe mit dem Wachssiegel 
aufzuessen;^) desgleichen Bemabö Visconti die Legaten, die 
Bannbulle zu verzehren.^) Dem Parlament in Poitiers klagte 
1436 ein Sergent royal, dafs er, als er „aUa exScuier cet-taines 
leUres royaU^', „on lui ftt les sceaux des dictes lettres au la 
plus grant pariie manger J' ^ 

üeber die lüterae dausae oder Briefe ist nur wenig zu 
sagen. Brevis, breve kommt schon fiüh vor, fast gleichbedeutend 
mit rotulus; es ist ein kurzes Yerzeichnifs, und bedeutet nament- 
lich auch das einem Boten mitgegebene Yerzeichnifs seiner Auf- 



la&brief die bischöfliche Approbation von 1346 als cedula verbanden. 
Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrh. XXIY, 171. Ein anderer Sprachgebrauch 
in dem franz. Glossar, Bibl. de r£cole des Chartes XXXIV, 36: hie 
cedulusy littera qua facU «uum testamentum. Bei Wright S. 46. 75. 89 
seedula ymU und ymeU. Engl, hec sidula a aerotoUf S. 210. 

') üeber perfaraUo und tncisio Branner, Garta n. Notitia (Mommsen- 
Abhandlungen) S. 16. Verschieden davon ist die Gassiemng in einem 
Register: Tranascriptum in registro contenium per casacUorioB lineaSy ut 
moria est, dd>e<U facere annuUari. Emier, Reg. Bob. p. 510. 

*) Fioravanti, Dissert. sopra la basiüca di 8. Elpidio (Loreto 1770) 
p. 79. MG. DD. I, 504. Aehnlich in einem Pladtum Ton 999: Insuper 
tres eariülcu ei tulü et ahb<Ui Oregorio dedü inciäendM, ib. II, 768. 
In Archiven sind solche Urkunden (bes. bezahlte Schuldbriefe) ans später 
Zeit hftnfig. Ein Beispiel im Archiv f. Siebenb. Landesk. 1875. XII, 235. 

') In der neuen Ausg. von Ehrenfeuchter MG. XXm, 185. 

*) Math. Paris. V, 95. 

•) Neues Arch. IV, 81. 

^ Revue bist VI, 305. 



200 Formen der Bücher und Urkunden. 

träge ; dann übertragen obrigkeitliche Schreiben, Mandate. Breves 
müüum kommen bei Aelius Lampridius, Alex. Sevenis c. 21 
vor. Hieronymus ep. 5 bittet sich Bücher aus, quos me non 
habere brevis sübdüus edocebit So erwähnt Lupus von Fer- 
neres in einem Brief an Einhard brevis voluminum vestrorum. 
In der Inhaltsübersicht über die Chronik des Orosius in einem 
cod. saec. X. steht brebis libri I etc. *) Eine Fülle von Bei- 
spielen für die mannigfaltige Anwendung des Wortes giebt Du 
Gange. Für Briefe in öffentlichen Angelegenheiten finden wir 
den Ausdruck missües z. B. in den Aachener Stadtrechnungen 
1338 (S. 127): pro cera sigiUatoria tarn ad cartas quam ad 
missües. Wenn eine Glosse saec. XV. lautet: protonotarius 
prief Schreiber , so ist wohl zunächst an Urkunden zu denken, 
für welche brief der gewöhnlichste Ausdruck ist Doch findet 
er sich auch schon fiüh in der modernen Bedeutung,*) schon 
im 9. Jahrhundert bei Walahirid in der Visio Wettini, wenn er 
ei^äMt, dsh dieser nach Seehnessen verlangte. Ad muüosque 
breves cogitans direxit amicos, und gleich darauf: 

Me vocitare jubet, residensque infigere cerae 
Praecipit, atque breves bis quinos dictat^) 

So schreibt auch am Ausgang des 10. Jahrhunderts Fromund 
von Tegemsee: Librum Boetii vestro brevi a me petivistis prae- 
stari. Ekkehard in den Casus S. Galli schreibt*): Haec de 
amhorum excerpseram brevibus, und als 1188 in Schoenau 
Hildegund starb, hatte man Bedenken de breve scribenda. ^) Es 
waren hrevigeruli, welche Ottokar 1276 an den Stadtthoren auf'^ 
hängen Uefs. ^) 

In Aegypten hat man noch aufgerollte und zusammen- 



^) Reifferscheid in den SB. d. Wiener Acad. LXYIII, 584. 

*) Sehr oft in den Geschichtsquellen der Hussitenkriege ed. Grün- 
hagen, Scriptores Rerum Silesiacarum VI. 

') MG. Poet. lat. II, 332. Heito schrieb: brevüfus ctd diverses desH- 
naiis ib. p. 275. 

*) MG. SS. II, 126. 

») N. Archiv VI, 536. 

«) MG. SS. IX, 707. 



Urkunden. 201 

gefaltete Briefe auf Papyrus gefunden. ^) Auf langen schmalen 
Bollen von Purpurpergament sind die oben S. 137 angeführten 
Briefe griechischer Kaiser aus dem 12. Jahrhundert geschrieben. 
Im Abendlande wissen wir nur von Briefen auf gefaltetem Per- 
gament; die Form der Briefe im 8. Jahrhundert entwickelt 
Biekamp im Neuen Archiv IX, 20 — 27 aus der Wiener Hand- 
schrift der BoniÜEitiusbriefe, mit ihrer Inscriptio, Subscriptio und 
Superscriptio , nebst ihrem Yerschlufs; die Unterschrift besteht 
noch nur aus einer Sentenz oder einem Segenswunsch. Man 
drückte da« Siegel aber nicht unmittelbar darauf, sondern zog einen 
ganz schmalen Streifen Pergament durch den Brief und das 
Siegel, so dafs ohne Zerschneidung desselben der Brief nicht 
geöffiiet werden konnte.') Ein recht anschauliches Bild eines 
solchen Briefes gewährt die Photographie bei Sickel, Mon. Graph. 
I, 18, Yon dem Schreiben des Grafen B. de Pullendorp aus 
Jerusalem nach Venedig, von 1180. Bruno de hello Saxonico 
c. 13 erwähnt epistolam regia imagine sigiUatam; vgl. c. 88: 
bulla regis Signatar, Der Abt von St Gallen siegelte im 
10. Jahrhundert mit der semifades sancH Qalli.^) 

Bei päbsüichen litteris clausis wurde im 12. und 13. Jahr- 
hundert die Han&chnur der Bulle durch Löcher der Seiten- 
ränder gezogen.^) Auch Breven unter dem Fischerring werden 



*) Letronne, Lettre de recommendation d'un haut fonctionnaire, im 
Catalog der Sammlung Passalacqua, 1826. Egger, M^m. d'hist. anc. p. 149. 
Ein zusammengebundener, dann gedffiaeter Brief in den Tafeln zu Notices 
et Eztraits XYIII, 2 pl. 46. Eine koptische Papyrusrolle mit Band um- 
wickelt und Yorsiegelt, bei Libri, Mon. in^dits pl. 54. Nach Job. y. Hildes- 
heim sind die Briefe des Priester Johannes roMi involuti, 

') S. Beschreibung und Abbildung in den SB. d. k. Sftchs. G. d. W. 
Phüol. bist Gl. 1872. 

') Ekkeb. Casus S. Gam p. 418 ed. M. v. Knonau. 

^) Nach L. Delisle, Bibl. de l^^cole des Chartes 4. S^rie lY, 20. 
S. auch die Abbildungen päbstlicher Briefe von 1136 u. 1177 bei Sickel, 
Mon. Graph. V, 9 u. IX, 4; yenet yon 1878 u. 1406 YII, 13. 16. Pabst 
Hadrian schreibt 775 an Karl, dafs er einen Brief des Patriarchen yon 
Grado erhalten habe und sehr betrübt sei, quoniam dfaniatas bfdlas Qua- 
dern epistolcie repperimua. Er war geöffiiet, die Bleibulle, womit er ge- 
schlossen war, durchbohrt, um die Schnur herausziehen zu können. JaffS, 
Bibl. lY, 183 mit ülBcher Erklärung (wiederholt MG. Epp. EI, 576). Ygl. 



202 Formen der Bücher und Urkunden. 

durch einen schmalen Pergamentstreif zusammengehalten. Von 
Erzbischof Albero yon Trier heifst es, dais er 1117 ein päbst- 
liches Schreiben abscanderat in pudde dmmea serata, quam 
Tirio panno honeste involverat tanquam rem sacram, ^) 

Eine seltsame Erzählung theilt mir A. Tobler mit aus 
dem um 1200 verfalsten Boman Guillaume de Dole (ed. Serrois, 
Paris 1893): Ein fabelhafter deutscher Kaiser Konrad läfst 
einen Bitter aus Dole schriftUch zu sich einladen; ein clerc 
schreibt den Brief {le Idres) und der Kaiser yjes fist en ar 
saeller^^ (siegeln), v. 878. Der Knappe, der den Brief (le brief) 
bestellt^ kommt am Ziele an. „Puis prent la boiste, si en oste 
les letres et vait a la cort,'' v. 951. Dort bestellt er die Ein- 
ladung mündUch und übergiebt den Brief. Alle Anwesenden 
bewundem das schöne Siegel. Der Empfänger geht mit dem 
uneröfiheten Schreiben zu seiner Mutter. Dort erst „d'un sien 
coutel le revercha'S eigentlich ,,er kehrte es um'S ^ Siegel 
nämlich. „Si en trest le parchemin fors''; in der Büchse war 
es nicht mehr: wenn der Dichter überhaupt ein klare Vorstel- 
lung von einem solchen Schreiben hatte, so muis man an- 
nehmen, dafs er nach Zerschneidung der Schnur das Pergament 
aus der Umschlingung herauszog. Die Goldbulle schenkt er seiner 
Schwester zu einer Spange. „Quant ele vit le bei cheval et un 
roi tot arm^ deseure'S ist sie froh, dafs ihr nunmehr ein 
König gehöre, v. 999 ff. Der Dichter denkt sich also die Gold- 
bulle gestaltet wie die damals üblichen Beitendegel, was durch- 
aus falsch ist Er scheint aber die besondere Einrichtung orien- 
talischer Fürstenbriefe zu kennen, welche vielleicht von den By- 
zantinern entlehnt war. Es kann daher zur Erläuterung dienen, 
was nach einer mir freundlichst zugesteUten Mittheilung im 
Chronicon Alsatiae von Bernhard Hertzog in Wördt (1592) 
n c. 87 von einem Briefe des Sultans an den deutschen Kaiser 
1562 erzählt wird: „dafs dieser Türckischer Brief auff ein schön 
starck, wol geglättes Papyr, so gantz durchaus und in der 



auch E. Davidsohn, N. Aroh. XIX, 232—285 über den 1216 in Florenz 
geführten Procefs. 

») MG. SS. Vm, 247. 



Urkunden. 203 

lengde von sechs Franckfiirter eilen, und drey viertel deroselben 
breit, durchaus mit dinten (aufserhalb des zu unterst noch ein 
untergeschrifil gestanden, daran zu anüaiig ein grolse zwerchs uber- 
lengte figur als ein Ohasset oder zeichen, so von Gold, und 
darinn etliche Röfslin ^) von färben artig gemahlet) und mit Türcki- 
schen buchstaben geschrieben gewesen, und zusammen gerollet, inn 
einem uberlengten Sack, von gülden stuck und grünem Sammat 
geblümet verwaret Deroselbig aber oben zusammen mit einer 
seyden schnür verfasset, darauff ein rot wachs, mit einem kleinen 
uberlengten Bittschafit, von Türckischen buchstaben getrucket, 
und solches wachs widerum mit einer güldenen bullen oder 
Spangen wol versehen gewesen, dafe dem Bittschafil kein 
schade geschehen mögen, und hat ermelter Sack noch einen 
ledern uberzug gehabt etc.'' 

Vom 14. Jahrhundert an nähern sich die Briefe immer 
mebr der modernen Form, und haben sich in grofser Anzahl 
erhalten. Fürsten und Städte hielten sich eigene Briefboten; 
die Stadt Hamburg zahlte 1367 dem Maler Bertram vier Schil- 
ling pro depidione des breefvathes Oherlctci cursoriSy 1372 zwei 
vor breefvath unde reemen, 1383 wieder vier od d^ngendum 
hreefvai civUcUis, *) Im Jahr 1491 wurden kaiserliche Mandate 
versandt unter heyerischen büchsen.^) 



m. 

Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

üeber die griechischen Schreiber geben uns in dieser 
Beziehung eroige Epigramme der Anthologie Auskunft, welche 
wir, um nicht immer die einzelnen Stellen anführen zu müssen, 
vollständig hierher setzen wollen. Eines davon ist noch aus 
vorchristlicher Zeit 



M Wohl Kosen, RoBetten. 

*) Eoppmann, Hamb. Eämmereirechnimgen I, 97. 164. 867. 

') Fonch. z. D. Gesch. XXII. 316. 



204 ^^ Schreibger&the und ihre Anwendung. 

VI, 295. ^ANIOT. 
Antbol. Pal. ed. Jacobs I, 28; cf. edit Dübneri. 

2/ilXav Äöxcivdag 6ovaKoylvg>ov, ov r ixl fiiö&(S 

Jljroyyop €X£p xald(i<DV tpalöroQa rc5v Kviöltov, 
Kai ceXlöcov xopoviOfia q>iX6Q&iov, ^QYlia re Xelag 

Sa/iod'£T(5, xal xav ev/iixavov ßgoxl^a, 
KcQxivd TB oxBiQovjia, XsdvreiQdv rs xlcijQiv, 

Kai tdv ädx)g>afj nXtvd-löa xaXXätvav, 
Md^aq avlx ixvQöe reXa^vidöog tpiXoXlxyov, 

IIuqIciv Jtevlag ag/isp dvexQifiaöev. 



Ungefähr der Zeit des Augustus gehört Philipp von Thes- 
salonich an. 

VI, 62. fiAinnor bessaaonikeqs. 

ib. p. 205. 

KvxXoTSQfj (loXißop, asXlöov örjfidvroQa jtXsvg^g, 
Kai OfilXav Öopdxov dxgoßeXföP yXvtplda, 

Kai xavovl^ vjtdvijv, xal ttjv jcaga ß-tva xIoijqip 
AvxfifjQov jtovrov rgi^/iatoevra Xld^ov, 

KaXXifiinjq Movöaig djtojtavöd/isvog xa/idtoio 
Ofjxev, kjtsl yriQa xavd-og Inscxinexo. 

Die folgenden dagegen sind weit jünger, aus dem 6. Jahr- 
hundert 

VI, 63. AAMOXAPIAOX 

rQafjtfiatoxq) nXrfi-ovra (ieXaCfiari xvxXofioXißöop^ 

Kai xavova fQa^ldmv Id-vxdxoiv tpvXaxa, 
Kai YQaq>ixolo öoxbIcl xsXacvordroio ^Bi&QOv, 

üixQa TS fieöCoTOfiovg BvyXa(piag xaXdfiovg, 
TQT/xaXifjv TB XlO-ov, öovdxmv Bvd-tffia xoöfiov, 

''Evd-a jiBQiTQißimv ogv x^Q^V-^ niXBi, 
Kai yXxxpavov xaXdfiov, jtXariog yXo^ixJ'Va öiöijQov, 

^'OjtXa col ifijtOQlfig avd'Bto Tfjg lölrjg 
KBXfifjcog MBviöfjiiOg vx dxXvog 6(ifia 3taXai6v, 

^EQiiBla' oi) d'acl ipigßB c6v iQyarlvTjv, 



Die Schrei bgerftthe und ihre Anwendung. 205 

VI, 64. BAYAOT SIAENTIAPIOY. 

ib. p. 206. 

FvQov xvavirjg (loXißop OrjfidvroQa yQü/ifi^q, 

Kai CxXtjQmv axopffv ZQrjxaXiijv xaJidfKDV, 
Kai jtXarvv o^vvr^Qa fieöoöx'-^^CD^ öovaxijmv, 

Kai xavova ygaiifi^q lO-vjtOQOV ra[Alrpf, 
Kai XQOVLOV yXvjtrolöi fiiXav, jteg>vXaYfiivov avxQoiq, 

Kai yXvqilöaq xaXafimv axga (isXaivofiipwv, 
^Egfzely ^ikodijfiog ixel XQ^^V ixxQ6(ilq ^ötj 

HXd'S xax 6g)9-aZfidjp qvöov Ijiiöxvpiov. 

VI, 65. nATAOT SIAENTIAPIOT, 

Top TQoxoBPta fioXißöop, og äxQajtop olöe x^dcoBip, 

^Ogd-d JiaQa^ixDP Id^nBpfj xapopa, 
Kai xdXvßa öxjLtjqov xaXafiTjg>dYOP, dXXa xal avrop 

^Hyefiova yga/ifi^g dnXapiog xapopa, 
Ka\ Xl^op oxQioBPra, öopa^ od'i öiööop oöopza 

OijysTai dfißXtwd'elg kx 6oXixoYQag)lfjg, 
Kai ßvd'lfjp TQlrofPog aXmXdyxxoio ;i^a^£i;a^r, 

ZxoyyoPy dxeoroQlfjP jiXaCpiiipfig yQag>l6og, 
Kai xlöTfjP xoXioJia fieXaPÖoxop, slp evl xdvxa 

EvyQaq>iog rdxPijg ogyapa QvofiiptjP, 
*E(ffiy KaXXi/iBVTjg, xqo(ibq7jp vjto yrjQaog oxpca 

XetQa xad-aQiioCfiDP Ix öoXixc5r xaiidrmp, 

VI, 66. nAYAOY SIAEISTIAPIOY. 

ib. p. 207. 
"AßQOXOP djcXaviog ftoXißop ygajtT^Qa xeXev&ov, 

^Hg ijti Qi^ovrai ygdfifjtarog aQ/ioplrj, 
Kai xapopa rgoxaXoto xvßeQprjrfjQa fioXlßdov, 

Kai Xld'axa TQijzf^v OJtoyyq) ieiäofiepijp, 
Kai fiiXaPog örad-sgoto öoxrfiop, dXXd xal avxoüp 

EvyQag>ia)P xaXd(ia)P dxgoßatpBlg dxlöag, 
ÜJtoyyoPf aXog ßXdöTTj/ia, x^t^s XsifKOPa ß-aXdöOijg, 

Kai x^^ov öopdxwp xixxopa XBxxaXioiP, 
^Epd-dös KaXXi/iivfjg gxXofiBiöiciP dpQ^Bxo Movöaig, 

rijQät xBXfifjiüg ofifiaxa xal xaXdfitp^. 



206 ^^ Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

VI, 67. lOTAIANOT AÜO TUAPXQN ÄirTUTOY. 

jixXiviag YQag>l6BöOiv dxid^vovta xogelag 

Tovöe fioZißöov aycov, xal fioXlßov xavova 
SvvÖQOfiov ^ioxfja, jtoXvTQfjTov X ano jtitQijg 

Aäav, oq dfißXelav d-fjf/B yivvv xaXafiov, 
JSvp d' avTOlg xaXafioiCi fziXav, fivCXTQca gxopfjg 

^vÖQOfiiijg, OiiUfjg x o§vx6fiov xajilöa, 
^EQfiely ^iZoöfifiog, k:tel X9^^^^ ofifiaxog ccvy^v 

jifißXvpag naXdnxi ötüxsv iXBvd'BQlrjv, 

VI, 68. TOY AYTOY. 

ib. p. 208. 

AvXaxag I&vxoqcdv ygafplömv xvxXoici X'^docmv 

jivd'Bfia col XQOXotig ovxog ifiog lioXißog, 
Kai fioXlßq) xQo>Ox^Qi xav(ov xvxov OQd^ov oxäCpov, 

Kai Xld^og evcx^^i^ov d^aXitj xaXofimv, 
^vv xaXdfioig ayyog xb (ibXovöoxov, olci fpvXdcOBt 

Aldv kcoofiivoig yfQW axocxo^ivcav 
Aix^rvCo xal yXvxxfJQa OiStjqbov, (p d-QaCvg jiiffjg 

2vv Movcaig löltjv 6<dxb öiaxxoQltjv, 
^Eq/ibItj, cd ydq oxXa' öv ^ dögaviog fiXodi^fiov 

"IdwB Cfiofiv XButofiivoio ßlov. 

In allen diesen Epigrammen widmen altgewordene Schreiber, 
welche sich zur Buhe setzen wollen, ihr Handwerkszeug den 
Musen, häufiger dem Hermes. Die beiden ältesten mögen sich 
einem wirklich noch bestehenden Gebrauche anschUelsen; die 
jüngeren sind eine gelehrte Spielerei, aber auch sie beschreiben 
uns die Geräthschaften der Schreiber. Diese bestehen in Blei, 
Lineal, Tinte, Bohr, Bimstein, Messer und (dreimal) dem 
Schwamm.^) Das Material, worauf geschrieben wurde, lag 
offenbar vollständig bereitet vor, in der Torzüglichen Beschaffen- 



^) Auf alten Abbildungen findet sich häufig noch die Scheere, viel- 
leicht zum Beschneiden des Papyrus, Pergaments oder Papiers. Zweifel- 
haft ist die von Phanias genannte nhv^lq, gewöhnlich als Schleifstein 
erklärt, doch nur nach Yermuthung. Ich dachte an Rothatifty da nur hier 



tHe Sk^ureibgerftthe und ilire Anwendungf. 20 7 

heit, welche die noch erhaltenen griechischen Handschriften 
zeigen. Man kaufte es, und brauchte nur darauf zu schreiben. 
Nicht so gut wurde es dem abendländischen Mönch; er hatte 
sein Pergament erst zuzubereiten, vorzüglich diesseits der Alpen. 
Deshalb bedurfte er auch einer viel grölseren Auswahl von Ge- 
räthschaften. Eingehend beschreibt dieselben und die Aufgabe 
des SchreiberB Alexander Neckam (f 1215) in seiner Schrift 
de utensilibus. ^) 

Die 1259 gesammelten Statuta antiqua Cartusiensium nennen 
n, 16 die idensüia Celle, welche jeder Karthäuser erhalten soll. 
Darunter § 7: ad seribendum vero scriptoriumy pennas, cretam, 
pumicea duoss comua duo, scaipellum unum; ad radenda per- 
gamena novacidas sive rasoria duo, punctorium ununty suibulam 
tmom et plunibum et regülam, postem ad regtäandum^ täbtdas, 
graphium. Die ganze Thätigkeit des Schreibers ist kurz zu- 
sanmiengeÜEiXst in einer Stelle der Elostergeschichte von St Trond'), 
aus dem AnÜEUig des 12. Jahrhunderts. Da heifst es von dem 
Abt Rudolf, dals er als Decan binnen Jahresfrist ein Graduale 
geschrieben habe: gradtMtle unum propria manu formavit, pur» 
gamif punxit, sulcavü, scripsit, inuminavü, musiceque notavit 
sylläbatim. 

Wir wollen diese Thätigkeiten einzeln betrachten. 

1. Die Zubereitung des Stoffes. 

Von Godehard, der 1022 Bischof von Hildesheim wmrde, 
erzählt sein Biograph Wolfher,') dals er als Enabe schon im 
Kloster Nieder- Altaich eine grofse bibliothecay d. i. me wir oben 
S. 152 gesehen haben, eine Bibel, nicht nur geschrieben, son- 



kein Blei erw&hnt wird. Eine ganze Sammlung von Schreibgerftth hat 
Johannes der Theologe vor sich bei Steph. Beissel, Tat Miniat t XI. e 
ood. Vat gr. 1201 saec. X. vel XI. 

1) Bei Th. Wright, A volume of vocabnlaries (1857) 8. 116. 

*) Gontin. Grestomm Abbatnm S. Trudonis YlUy 5. Mon. Qerm. 
88. X, 274. Die Stelle ist erl&utert von G^raud, Essai snr les livres p. 135. 

') Mon. Germ. SS. XI, 172. Von Siard heifst es in den Gest abb. 
Orti 8. Marie ed. Wybrands p. 107: peraonaUter quatemaa (seil, de par- 
gameno) in suo BecreUmo ad lHbroB gcribendas preparaoü. 



208 ^i® Schreibger&the und ihre Anwendung. 

dem aus Demuth auch das Pergament dazu mit eigenen Händen 
bereitet habe: propriis manibiis pergamenum ac cetera neces- 
saria eldborando ordinavü. 

Für den fieifsigen Kalligraphen Marian, den Begensbui^er 
Schottenmönch, bereiteten, während er schrieb, seine Kloster- 
brüder das Pergament 

Ein Mönch von St Gallen schrieb um 900, vielleicht an 
Bischof Salomon: 

Cultro membranas ad Ubros presulis aptans, 

Pumice corrodo pellique superflua tollo, 

Et pressando premens ferrumque per aequora duceiis, 

Linea Signatur cum regula recta tenetur. 

Tunc quoque Uttemlis operam dans saepe legendis, 

Quod minus aut majus scriptor depinxit anhelus, 

Rado vel adjungo, placeant ut grammata domno. ^) 

BildUch ist diese Thätigkeit zu moralischer Ermahnung in 
einer Predigt angewandt von Hildebert aus dem Kloster Cluny, 
der von 1097 bis 1125 Bischof von Le Maus gewesen und 
1139 als Erzbischof von Tours gestorben ist') Er sagt: ScUis 
quid scriptor solet facere. JWnio cum rasorio pergamenum 
purgare de pinguedine, et sordes magnas auferre; deinde cum 
pumice pilos et nervös omnino abstergere, Quod si non faceret, 
littera inposita nee väleret nee diu durare posset. Postea regu- 
lam apponity ut ordinem in scribendo servare possit, ^) 

Anders angewandt finden wir das Bild bei Caesarius von 
Heisterbach*): lAber vitae Giristus est , ... In pelle siquidem 



') E. Dümmler, St. Gall. Denkm. in den Mittheilungen d. Zfiricher 
Antiq. Ges. XII, 247. 

>) Opera Hildeberti (Paris 1708 f.) p. 733. Sermo XV. de libro 
vitae. In Seligenstadt hieüs liber vitae das Buch, in welches die Namen 
der Verstorbenen aus verbrüdertet! Klöstern eingetragen wurden. For- 
schungen z. deutschen Gesch. XIV, 614. Für die lebenden Mitglieder 
einer Congregation N. Arch, XVII, 318. ../4^/^ivMa^.Uv^ /C^i^ ^'^ 

*) Diese Stelle ist nachgeahmt in einer Predigt des Petrus Comestor 
bei Migne GXCVm, 1738, die ich irüher hier anführte, ohne ihre Her- 
kunft zu kennen; s. K. Dziatzko, Gentralbl. f. Bibliothekswesen 1889 S. 18. 

«) Dial. Miraculorum VIII, 35. 



Die Zubereitung des Stoffes. 209 

corporis ejus scriptae erant lüterae minores et nigrae per livi^ 
das piagas flagelloruiUy litterae rubeae et capitcdes per infixiones 
davorunii ptincta etiam et virgidae per punctiones spinarum. 
Bene pellis eadem prius fuerat muitiplici percussione pumicaia, 
colaphis et sputis cretata^ a/rundine linuUa. 

Noch weit ausfuhrlicher verwendet der Erzbischof Ernst 
Yon Prag, Karls IV Zeitgenosse, das Bild zum Vergleich mit 
der Mutter Gottes^) in folgender Stelle: Hoc modo didtur 
beata Virgo Liber Vitas: ipsa enim est lAber generaiionis Jesu 
Christi^ id est forma vitae omnibus, quos Christt^ spiritualiter 
genuit Verho Veritatis^ Jacob. 1. Iste liber fuit potii^ pellis 
separata a bove in sua conceptione, mundata sua sanctificatione, 
extenta per disciplinam, desiccata per abstineniiam , dealbata 
per continentiam, rasa per paupertatem, lenis per mansuetudi- 
nem, tenuis per humüitatem. In Salutatione Ängelica pumi- 
cata, et in instrudione ejusdem regulata, et sie scriptum est in 
ea digüo Bei Verbum illud abbreviatum, quod fedt Dominus 
super terram^ Isai, 9. Liber iste miro modo fuit üluminaius 
minio sanguinis Giristi in passione, et diversis coloribuSy id est 
diversis doloribus consummcUus. 

Hier ist also die ganze Bereitung des Pergaments in kur- 
zem XJmrifs dargestellt Wie Conradus de Mure in einfacher 
Prosa dem Schreiber die Auswahl und Glättung des Pergaments 
zur Pflicht macht, ist oben S. 188 angeführt, aber in seinem 
Gedicht de natura animalium hat er sich mit moralischer Nutz- 
anwendung ausführlicher über jenen beliebten Gegenstand ver- 
nehmen lassen.*) 

Item de pelle, qualiter de ea fiat carta. c ^ /z 7^ 

Pellis aquis vituli decoriata datur. 
Calx admiscetur, quae crudum mordicet omne, 

Mundificet plene, decorietque pilos. 
Circulus aptatur, in quo distenditur illa; 

Ponitur ad solem, humor ut exul eat 



') Arnesti archiepiscopi Prag. Mariale c. 85. 

*) Mitgetheilt von Gull Morel im Anz. d. Germ. Mus. XIX, 314. 

Wftttenbach, Schxlftwesen. 3. Aufl. 14 



210 ^^® Schreibgerftthe und ihre Anwendung. 

Accedit culter, camesque pilosque reyellit. 

Subtilem reddit gratuitatque cutem. 
Idbris aptatur: primo quadratur in arous, 

Arcus junguntur in statione pari. 
Deinde venit pumex, qui quaeque superflua tollit; 

Creta superseritur, ne liquefiat opus. 
Puncti punctantur, sequitur quos linea plumbi, 

Consilio quorum linea tendit iter. 
Pellis de came, de pelle caro removetur: 

Tu de came tua camea vota trabe. 

Diese Arbeit übernahm Florentius (f 1400), der Stifter 
der Brüder vom gemeinen Leben, für sich, weü er selbst nicht 
gut schreiben konnte, die Brüder aber doch dazu anhielt:^) 
Ipse vero venerandus pater IlorefUitAS ne vacuum nomen gerer et 
redoris, sed in exhibitione operis officium 9€tcerdotdle cammen- 
daret, dedit scriptoribus exemplum darum, membranas pumi- 
cando, quatemiones lineando ei componendo. 

Später fiel sie theilweise dem librarius zu, in dessen In- 
struction es in dem Reformatoiium Yon 1494 heilst:*) Circa 
custodiam pirgameni providere debet sibi, ut tempestive procuret 
pirgamenum furcenum ') et papirum^ ut häbeat in bona eopia^ 
ut possit singulis amministrare secundum exigenciam librorum. 
Item conveniens videtur quod cum deputato sibi coadjutore for- 
met sibi magnam partem pirgameni, ne quotidie oporteat circa 
formationem occupari. Et in formando caveat mactdas, angu- 
los, rupturas et suturas, quantum potest. 

Das Pergament hatte natürlich nicht die Begelmälsigkeit 
des Papiers; es war eine eigene Kunst, die passenden Formate 
zu bestimmen und aus den geeigneten Häuten zusammen zu 
setzen; man nannte es fonnare^ tailler. Immer gab es dabei 
auch frusta pirgameni non deservientia ad äliquam formam. 



^) Thomas a Campis, V. Flor. c. 14. 
•) Serapeum XXI, 189. 

') Dieses sonst nicht Torkonunende Wort ist wohl identisch mit dem 
oben S. 118 erwähnten frcineenum, vielleicht nnr ein Schreibfehler oder 
verlesen. 



Die Zubereitung des Stoffes. 211 

Die letzte Vorbereitung zum Schreiben blieb doch noch 
dem Schreiber yorbehalten; es war eine Beschäftigung für den 
Abend. Nach dem Completorium durfte jeder sich in seiner 
Kammer beschäftigen: vel pumicai vd lineat vd aiudet. ^) 

Auch Tiithemius sagt in seiner Schrift de laude scriptorum 
vom Jahre 1492, c. 9: Scindat unus pergamenumj alias pwrget: 
tereius lineando scriptoribus aptd, alius encaustum, pennas 
dUus ministrd. 

Die erste Thätigkeit des abendländischen Schreibers be- 
stand also in der Beinigung des nur sehr roh bereiteten Per- 
gamentes, damit es überall die Tinte annehmen konnte. Stellen, 
wo es nicht ganz gelungen ist, sind in Handschriften nicht 
selten. Alezander Neckam sagt: Scriptor (escrivur) häbeat 
rtisarium (rasur) aive novactdam ad äbradendum sardes per- 
gameni sive membrane.^ Der Karthäuser erhielt dazu zwei 
not?acutog _^t;e roiSi^ria, üeber dieses Instrument und seine 
Form handelt U. F. Kopp, Bilder und Schrifl»nl, 188, Unter 
den yielen Instrumenten, welche der bei Pasini I, 92 abgebil- 
dete schreibende Evangelist aus einer griechischen Handschrift 
saec. XL um sich hat, hält er für die novacula ein halbmond- 
förmiges Eisen mit hölzernem, in der Mitte der concaven Seite 
befestigtem QiHL ^) Er führt auch die Erklärungen der Glosso- 
graphen an, Papias: ferrum stMüe quo Chartas innavantur; 
Jo. de Janua: ferreum instrumentum quo solet radi et parari 
pergctmenum, ab innovando dictum. Auf die Etymologie ist 
natürlich kein Gewicht zu legen, da der Name ja viel älter ist 
als die Anwendung zu diesem Zweck. DaTs es, wie Kopp 
meint, auch zur Bereitung von Palimpsesten diente, und die 
Urheber der Glossen das im Sinne hatten, ist möglich. 

Ein ähnliches Werkzeug ist die plana j welche aber bei 
Alexander Neckam erst nach dem rasorium und dem Bimstein 



*) Serapenm XXI, 187. 

') Wright, VocabularieB p. 116; Englisch heiüsen beide S. 211 a ra$ure. 
Als Zeugen in Bologna 1219 abrasor cartularum, puneterius, eifuibriatorf 
venäitor Ubromm. Zdekauer, Libri legati a Padova, p. 8 (Studii Senesi, 
Ann. Vm). 

*) Ebenso bei St Beissel 1. 1. pl. XI. 

14* 



212 ^i^ Schreibger&the und ihre Anwendung. 

kommt: ei pumicem (pumice) haheat mardacem^ et plantdam 
(plane) ad purgandum et equandum superficiem pergameni. 
Auch Job. de Garlandia nemit sie unter den instrumenta deri- 
eis necessaria:^) pumex cum plana et creta, Commentar dazu: 
plana proprie dicitur instrumentum ferreum, cum quo per ga- 
meniste preparant pergamenum. 

Das ist also das planare, planieren. 

Auf das Abschaben folgte die Glättung mit Bimstein 
{pumicare, poncer), welche in den angeführten Stellen oft genug 
erwähnt ist. Auch bei den Alten kommt der pumex vor, und 
Oyid z. B. sagt Trist I, 1, 11: Nee fragüi geminae poliantur 
pumice frontes. Aber eben aus dieser Stelle sieht man auch, 
dafs er nur zur äuTserhchen Glättung des Schnittes, wenn wir 
diesen Ausdruck auf die Endflächen der Rollen übertragen 
dürfen, verwandt wurde. Der byzantinische Schreiber dagegen 
bedurfte der xlotjQig*) zum Schärfen des Schreibrohrs. Im 
Abendlande aber wurde das Pergament damit abgerieben, und 
auf vielen Handschrifl^en sieht man die feinen parallelen Striche 
sehr deutlich. Ob es in ItaUen vorkommt, wo das Pergament 
gleich durch die erste Fabrikation eine glattere Oberfläche er- 
halten zu haben scheint, ist mir zweifelhaft. In dem alten 
Wörterbuch im Serapeum XXIU, 277 heilst es: Pumex, bimss, 
est lapis levis et porosus, qu>asi sü ex spuma maris coagula- 
tus, quo utuntur scriptores ad asperitates pergameni tollendas. 
Andere Glossen haben die Ausdrücke: pimße, panibst, bymßy^) 
vom ahd. pumiss. 
^Uj4/ /t /^M/. "Naßh den Statutis Cartusiensium gehört auch Kreide zu 
den nothwendigen Geräthen, und Caesarius von Heisterbach 
setzt cretata zwischen pumicata und liniata. In dem schon 



^) Gäraud, Paris sous Philippe -le- Bei p. 602; Wright, Vocabula- 
ries p. 132. 

*) xlarjhq in dem Glossar Kot. et Extr. XXIU, 2, 448; vgl. Lucian, 
Judic. Tocal. c. 4. 

') Mone's Anz. YIU, 251. 253. Diefenbach 228. Änglice pomege, 
Wright p. 210. Ein künstlich zusammengesetztes ptimiceum ohne Bim- 
stein bei Bockinger S. 39. In Tegernsee zahlte man 1497 24 den. vmb 
pyrnsetif ib. 8. 50. 



Die Zubereitung des Stoffes. 213 

öfter angeführten alten Wörterbuch heifst es: creta, hreid, est 
lapis cUbus, vel naturalis vel ariificiose canfectus, qui per cor- 
rosionem ptdveriscUur super pergamenumy ne defluat sive dif- 
fundatur incaustum. und gleich darauf: Corrosorium, schab 
eysseuy ponUur pro instrumento scriptoriSy per quod creta dt mt- 
nuitur in pulverem spargendum in pergameno. 

In einem Münchener cod. saec. XIL steht: Purga perga- 
menum cum pumice, et postea inmitte träum calicem, wofür 
wohl zu yerbessem ist tritam calcem, ^) Bockinger *) theilt ver- 
schiedene andere Anweisungen für das crediren mit, die An- 
fertigung eines eigenen credir stains. Die £[reide hatte auch 
üble Wirkungen, besonders wenn man zu viel nahm, und der 
Anonymus Bemensis') räth deshalb dem Maler: 8i hoc esty 
quod scriptura quam coloraturus es, sü nimis confecta de üla 
petra, quae creta dicitur, sicut a nonnullis scriptoribus solet 
fieri, expeUe eam foras de scriptura, feriendo duriter in per- 
gameno; exinde namque aJbescU omnis color, quin etiam impe- 
dimentum maximum pennae facit scribae, ita ut ipsa non possü 
i/re in pergamenum. Sed tu parum frica digüo locum ipsum, 
übi fabricaturus es litteram. 

Auch bei Correcturen kommen dieselben Werkzeuge und 
Ausdrücke vor (s. unten), aber Alexander Neckam empfiehlt 
dazu den Eberzahn: Hcibeat et dentem verris (mutun) sive 
apri (sengler) sive leofe (iUius alitis)^) ad poliendum perga- 
menum, ut non liquescat lUtera, non dico dementum, sive litura 
facta sit, sive litteras a scriptis cancelaverit. 

Ganz vermeiden liefsen sich fehlerhafte Stellen nicht, die 
vom Schreiber umgangen werden mufsten, und oft mit Linien 
umzogen sind. Namentlich waren häufig Bisse und Löcher 



>) SB. der Münch. Acad. 1873 S. 713. Greta, angl calke, Wright, 
p. 211. 

") Zum baier. Scbriftwesen S. 26. 

') Nach dem Theophilus ed. Ilg I, 391. 

*) Hec leoffa, fe, est dies Habens longos dentes, et est nomen grecum. 
Commentar, den Wright, Yocabularies p. 116 anführt Zfthne von Wolf, 
Bftr, RoÜB werden znm planieren, pranieren, polUeren der goldenen und 
sUbemen Schrift empfohlen, bei Rockinger S. 48. 



214 I^i^ Bchreibger&the und ihre Anwendung 

im Pergament; welche verklebt oder zusammengenäht wurden. 
Bockinger S. 27 theilt Becepte zur Bereitung des Leims für 
diesen Zweck mit Im Cod. Sinaiticus sind die Löcher mit 
solcher Geschicklichkeit durch feine Fergamentetücke ausgefüllt, 
dafs sie noch jetzt kaum zu bemerken sind.^) Dasselbe Ver- 
fahren ist im Cod. Colon. 212 saec. YII. wahrzunehmen, wäh- 
rend im Ambros. Plautus Löcher vorkommen, die 8ch<m vom 
ersten Schreiber übersprungen sind.') Auch im Sanctgaller 
Priscian, der im 9. Jahrhundert von irischer Hand geschrieben 
ist, sind die Löcher durch Pergamentstücke ausgefüllt, diese 
aber mit Pferdehaar eingenäht^) Gewöhnlich sind Bisse zu- 
sammen genäht, während das Pergament nais war; später 
konnte man die Fäden ausziehen. Es kommt aber auch vor, da(s 
Bisse und Löcher mit bunten Seidenfäden eingefalst wurden. 
Namenihch erinnere ich mich sehr zierlicher Arbeiten der Art 
aus den Handschriften des Klosters Admunt, welche von den 
fiüher dort befindlichen Nonnen geschrieben sind. ^) Ein anderes 
Beispiel der Art aus einem Missale des 13. Jahrhunderts wird 
im Anzeiger des Grermanischen Museums 1867 Sp. 104 angeführt 

In der oben S. 130 angeführten Bechnung über den Preis 
einer Handschrift vom Jahre 1374 in Corbie fanden wir das 
Pergament gleich cum raswra et reparcUione faraminufn be- 
rechnet Weiterhin kommt aber noch der Posten: Bern pro 
foraminibus reparatis in marginibtis cum tentione Vhri XL 
sclidos. Das scheint eine Operation zu sein, welche dem Ein- 
band, der noch abgesondert vorkommt, vorausging. 

In Urkunden vermied man solche Fehler, wenn es irgend 
mögUch war, und für päbstliche Bullen bestand die ausdrück- 
liche Vorschrift: quod in nuUa parte sui debent continere fo- 
ramen vel suturam apparentem.^) 



*) Aehnlich im Prager Fragment des Ev. S. Marci, Dobrowsky 8. 14. 

*) Studemundy de Yidularia Plautina (Ind. scholaram Gryphisw. 
1870) p. 6. 

*) F. Keller in d. Mitth. der Züricher Ant Ges. YII, 82. 

*) Aehnlich aus St Lambert in Steiermark, Zts. f. D. Alt. XX, 192. 

'^) Regeln vom Ende des 18. Jahrb. bei L. Delisle, Bibl. de r£cole 
des Ghartes 4. S^rie, IV, 28. 



Liniierung. 215 

2. Liniierung. 

Alle sorgfältig geschriebenen Manuscripte aus ältester Zeit 
zeigen schon durch die grolse Regelmäfsigkeit der Zeilen, dafs 
sie liniiert gewesen sind, auch wo die Spuren nicht mehr er- 
kannt werden können; in den herculanensischen Bollen aber 
sind sie kenntlich.^) 

In den mitgetheilten Epigrammen finden wir das Blei in 
runder, wohl radförmiger Gestalt angeführt, xvxjLoregijg, tQoxoeig 
lioXißöoq. Epigr. 62, 1 bezeichnet es als öbXIöcop öfjfidvroQa 
xXEVQfjqy was auf die Umgrenzung der Seite zu gehen scheint,*) 
aber nach 66, 1 zieht es die Stralse, ^g ijil ^i^ovzai ygafifia- 
Tog aQfiovlfj. Die ygaiifirj wird als xvavit/ bezeichnet 64, 1. 

Wie aber diese Epigramme überhaupt mehr Nachklänge 
einer früheren Zeit sind, so bezieht sich auch diese TJebung 
wohl nur auf Papyrus. Auf dem festen und glatten Pergament 
haftete ein solcher Bleistrich nicht gut, und der Stoff vertrug 
auch eine andere Behandlung. Mit dem alten Papier verhielt 
es sich nicht anders. Man ist daher hier, wenn nicht gleich 
und überall, so doch nach und nach zu einem anderen Ver- 
fahren übergegangen, indem man fest eingedrückte Linien mit 
dem Griffel zog. Dergleichen sind z. B. in dem Cod. Alexan- 
drinus der Bibel saec. V, welcher in zwei Columnen geschrieben 
ist, über die ganze Breite der Seite. Im Fragmentum Fabianum 
und auch sonst sind sie nur für je zwei Zeilen gezogen. 

Diese eingedrückten Ldnien, wie sie noch jetzt im Orient 
üblich sind, bilden für ältere Handschriften durchaus die Begel; 
zuweilen sind sie auf dem vielleicht feuchten Pergament so 
scharf gezogen, dafs sie stellenweise durchgeschnitten haben. 
Natürlich dienen sie für die zwei Seiten des Blattes zugleich, 
und zwar wurden sie auf der Haarseite eingedrückt, der regel- 
mäfsig eine andere Haarseite gegenüber lag.') In griechischen 

^) Si riconoBCono ancora le linee parallele segnate sul papiro per 
senrire di guida al copista. Jorio p. d8 n. 6. 

*) Damit mag man sich manchmal begnfigt haben. 

') L. Delisle, Notice sur Engypius p. 6. G. R Gregory, Les Gahiers 
des Mannscrits Grecs, Compte-rendu des s^ances de TAcad. des Inscr. 
1885 p. 261~26a 



216 ^io Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Handschriften stehen die Buchstaben seit dem 10. Jahrhundert 
nicht auf, sondern unter den Linien. 

In Urkunden sieht man oft leicht eingeritzte Linien, deren 
schwärzliche Färbung es zweifelhaft läfst, ob sich Staub hinein- 
gesetzt hat, oder ob Blei oder Braunstift angewandt ist;^) vom 

11. Jahrhundert an zeigen sich deutlich Bleistiftlinien, die im 

12. häufig werden.*) Johann von Tilbury um 1174 sagt: regt/t- 
lam voco lineam ülam, quae plunibo facta manum scriptoris 
redam ducU,^) und Alexander Neckam*) sagt: pltmbum (plum) 
hdbeat et lintdam {retdur) sive regulam, quibus linietur pagina; 
Joh. de Garlandia im 13. Jahrhundert nennt unter den Werk- 
zeugen des Schreibers plumbum et regtda. Ln 13. kommen 
Tintelinien auf, so Mon. Germ. SS. IV. Tab. 3, und in einer 
Urkunde von 1245 bei Kopp, Bilder und Scluiften I, 156.^) 
Bei Sickel, Mon. Graph, ü, 12 (saec. XIV. ex.) und im Ber- 
liner Cod. germ. qu. 84 (Schwedische Gesetze saec. XV.) sind 
nur die Bänder durch TinteUnien abgegrenzt, im innem Baiun 
keine Linien, wie man denn bei zunehmender Vielschreiberei 
häufig ganz ohne Linien schrieb. Doch giebt Conradus de Mure 
1275 ausdrücklich die Anweisung, dab die Lim'en nicht sichtbar 
sein sollen:^ Item in quatemis scribendis, etiam si linee cum 
lignicido vd aiias fiunt pro ipsitis scribentis dactu, non dement 



*) lieber die unvollkommene Liniierung Karolingischer Diplome h. 
Sickel I, 289. 

*) Griffellinien aber hören nicht, wie Mannert behauptet, im 13. Jahrh. 
auf. Sie fanden eich z. B. in den Berliner Codd. Lat f. 2B4 und 372, 
welche beide saec. XY. in Italien geschrieben sind. 

«) Val. Rose im Hermes Vm, 319. 

*) Wright, Yocabularies p. 116. anglice Ude ib. p. 211. 

'^) Auch die Urk. Leub. 36 von 1224 im Scbles. Prov. Archiv hat 
Tintelinien, ist aber nicht gleichzeitig abgefafst, s. Grünhagen, Regesten 
zur Schles. Gesch. I, 128. 

**) Quellen zur Baier. Gesdi. IX, 439. Dieser Regel entsprechen 
genau die Fragmente des sehr alten üncialcodex der Itala in Fulda, nach 
G. Ranke, Progr. Natal. Marb. 1856 S. 16. Bei diesen ist das Pergament 
so dünn, und ohne eine Spur von Linien die Regelmäßigkeit so grofs, 
dafo Ranke die Benutzung eines untergelegten Linienschema für wahr- 
scheinlich hflit Fragmenta vers. antehieronym. (Marb. 1860) p. 16. 



Liniierung. 217 

apparere. set ipse linee intdlecttuiles equaliter decenter distatUes 
in utroque latere, scilicet principii et finis, ductum ohservent 
linealein, ne littera nuigis in una parte quam in altera ehvatior 
seu depreesior iridea^ur. 

Auf Purpurpergament, und auch sonst bei üncialschrift, 
bemerkt man Parallellinien, um zwischen ihnen die Buchstaben 
ganz gleichmälBig zu machen.^) 

In den zierUchen Handschriften des 15. Jahrhunderts kommen 
oft rotbe und violette Linien vor, so im Breslauer Froissard. 
Jehan Fouqu&re erhielt 1456 pour avoir taüle, pointe, ponce 
et regle de rose six douzaines de parchemin en 36 caiers, 
20 deniers für jedes caier. *) 

Um das Pergament zu liniieren, erhielt es eine Anzahl 
genau abgemessener Stiche, um danach die Abschnittlinien und 
die Zeilen zu ziehen. 

Dazu brauchte man den Zirkel, dtaßaxrjq, cireintis,^) bei 
Phanias xaQxtva; die Karthäuserregel nennt das ptmctorium, 
welches nach dem schon erwähnten Wörterbuch wohl auch ein 
Zirkel war, da es so erklärt wh-d: punct eysen, est instrumen- 
tum actUi angüli ad perforandum sübtiliter pergamenum; 
aulserdem plunibum und subtda. Im Yocab. Duac wird punc- 
tarium übersetzt pongons; bei Alexander Neckam poyntur, in 
einem englischen Glossar a prykker.^) In der oben S. 207 
angeführten Stelle der Gesta S. Trudonis wird diese Thätigkeit 
bezeichnet durch pimxit, stdcavit. Schlimm erging es einer 
Nonne, welche imyorsichtig die subtda zum Punctieren gebrauchte: 
soror una, cui usus erat scribendi, membranam dum ad lineas 



*) NouYeau Trait^ II, 102. Sichtbar z. B. bei den im Anz. XX, 301 
beschriebenen schönen Blättern des Germ. Museums, aus Earol. Zeit, s. 
Zucker im Rep. f. Kunstwiss. XY (1892) S. 26 ff. 

') A. Schultz, Beschreibung der Breslauer Bilderhandschrift des 
Froissard S. 11 aus de Laborde. 

') Eine Glosse bei Mone, Anz. VIII, 395 sagt: ctrculti«, tfMfrumen- 
tum carpentarü, rissa; Not et Extr. XXIII, 2, 442: öiaßdtfjq cireinum. 
Boucherie fragt, ob cireinus überhaupt belegt ist 

*) Wright p. 211. Neckam p. 116 sagt: punctorium, a quo possü 
dicere: punxi (poyntay) quatemum mewm et non pupigi (puniay). 



218 I^i® Schreibger&the und ihre Anwendung. 

pimdaret, stämlam incaute trahenSi octdum transfigit, ^) Glück- 
licher Weise wurde sie durch ein Wunder geheilt Als Werk- 
zeug zum Eindrücken der Linien nennt Conradus de Mure ein 
Hölzchen, UffniculuSy die Karihäuserregel, wie es scheint, postis 
ad regidandum. Emprintair wird es genannt in dem altfranz. 
Gledicht De la maaüle aus dem 14. Jahrhundert, wo die Vor- 
züge dieses kleinsten Geldstücks, das man nicht yerschmahen 
solle, des halben Denier, gerühmt werden; da folgt auf die lange 
Reihe der Gegenstände, nach denen zu gehen sie bereit sei, auch 

En ponces ou en emprintoira, 

En rigles ou en rigleoirs, 

Ou en cometes a metre enque. *) 

In der zweiten Zeile haben wir das Lineal, reglair, engl. 
ruler;^) ob daneben rigles noch etwas anderes bedeutet, weils 
ich nicht zu sagen. Griechisch hiefs es xavoiv, xopovlg, lat. 
canon, nortna, regtda. In dem oft erwähnten Wörterbuch: 
Regula^ linearium, linicU, generaliter didtur illud quod juste 
dirigit operationem agentis^ unde etiam Uniariutn didtur regula. 
Est atäem linearium instrumentum scriptorum^ secundum quod 
fonnat lineas, quibus dirigUur scriptar in scribendo direde 
lüterales figuras. Aus alten Glossen wird angeführt xagd- 
YQag>og praedudal, *) was den Griffel oder Bleistift zum Ziehen 
der LLoien bedeuten soll, nach Salmasius, Exerdtationes Flin. 
p. 917, wo er Colloquia puerilia antiqua anfuhrt, in denen 
vorkommt: Surge puer, quid sedes? tolle libros onrnes latinos, 
membranas et pugillares, et loceUum et praeductaie. Griechisch 
steht daför: rag öi^O-igag xal jcivaxlöag, rov yXcoöCoxofiov 
xal xov JtaQayQatpov. Auch praedudile soll vorkommen; für 
die angenommene Bedeutung fehlt es aber an einem Beweise. 
Aber im sogenannten Thesaurus novus Latinitatis bei A. Mai, 
Class. Auctt VUJL, 484 steht: Praeductale, instrumentum ültid, 



^) Y. S. MechtildiB virg. (saec. XII.) auct. Engelhardo abb. c. 28, 
Act SS. Mai. XII, 454. Bei Rockinger S. 50 pfriemen, 

*) Jubinal, Jongleurs et Trouv^eB (Paris 1835) p. 104. 

') Hoc reguläre, a rewler, Wright p. 211; vgl. oben S. 209. 

*) Not et Extr. XXIII, 2, 448: nsQiyQatpix: praedueta. 



Schreibwerkzeuge. 219 

quod habent infanteSj cum primae lüteras discunt Man könnte 
danach an die zum Nachziehen eingegrabenen Buchstaben denken, 
deren wir beim Schreibunterricht zu gedenken haben werden; 
aber bei Pollux lY, 18 gehört es zu den Aufgaben des 6ram- 
matisten np YQaq>elq) 3taQayQag>£iv r$ xoQoyQatplöi^ wo jedoch 
die richtige Verbindung der Wörter mit einander zweifelhaft ist 
Pollux Onomast X, 59 sagt: x€p 6h xcuöl öioi av xQoöetvcu 
YQag>eiov, x<xQarfifaq>lda, xaXa/ilöa, xv^lov, so dafs ein unter- 
schied von jtaQayQag>og imd xoQcc/Qatplq nicht anzunehmen ist 

Die Linie selbst hieis ygaiifitj, Unea^ in spätem Mönchs- 
latein riga. 

In sehr alten Handschriften, wie in dem Evang. S. Mam 
in Prag, ^) auch in den westgothischen Fragmenten, Cod. Lat £ 
327 in Berlin, sind die Punkte in der Mitte zwischen den Co- 
lumnen; später an den äuisem Bändern. Die Linien gehen 
anfangs über die ganze Breite, oder auch über zwei Seiten 
zugleich, bleiben aber später zwischen den senkrechten, ge- 
wöhnlich doppelten Abschnittlinien, und gehen nur oben und 
unten noch über das ganze Blatt Wo nur Eine Seite zu be- 
schreiben war, hat man auch die eingedrückten Linien auf der 
Rückseite gezogen.') 

Die Löcher bleiben immer deutUch sichtbar, wenn sie 
nicht beim Einband weggeschnitten sind. 

3. Schreibwerkzeuge. 

Auf Wachstafeln schrieb man mit dem Griffel. 

Bei dem Oebrauch im Alterthum ist es überflüssig hier zu 
verweilen ;*) man hat deren genug. Ln Mus^ de Cluny sind 
unter den in Frankreich gefundenen gallorömischen Gegen- 
ständen n. 3468 zwölf beinerne Griffel, einige oben kugel- 
förmig, andere mit einem Schäufelchen. Andere aus späterer 



') Dobrowsky, Fftig. Ev. S. Marci, p. 14. 

*) Rockinger, Zum Baier. Schriftwesen S. 29. 

*) 8. Marqoardt, Rom. Privatalterthümer ü, 388 n. 3401. Im Ber- 
liner Antiquarinm sind Griffel im Bronzezimmer; vgl. oben S. 77. Mit 
chriBÜicher Aufschrift aus alter Zeit im Bull, dl ArcheoL crist 1894 S. 126. 



220 ^^^ Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Zeit wurden schon oben S. 83 erwähnt Besonders merkwürdig 
wäre der von ChiflFlet abgebildete Griffel des Königs Childerich, 
wenn nicht der Abbe Cochet, Tombeau de Child^ric p. 214 
nachgewiesen hätte, dafs es eine fibula ist; auf der folgenden 
Seite giebt er einige Abbildungen bronzener Griffel aus mero- 
wingischer Zeit 

Die Benennungen haben zweierlei Ursprung: crvXog, siüuSj 
kommt im Mittelalter seltener, gewöhnlich in übertragener Be- 
deutung vor. Doch gebraucht Ekkehard von St Gallen ^) gm- 
fium und stüus als gleichbedeutend, und von einem Prager Stu- 
denten heifst es: scholam in tahernas et prostibula^ libros in 
aleam, stüum et pennam in tesseras permutavü. *) In Paris sah 
Johannes de Garlandia bei einem Kiümer stüos et stüaria^^ 
und in Lübeck hatten die Nadler stilos feil.^) In englischen 
Glossaren wird es durch poyntyle, poynteUe und peUer erklärt, 
und zur Unterscheidung zugesetzt: 

Est stilus unde puer scribit, stilus esto columna, 
Dictandique modus dicitur esse stilus.^) 

Fehlerhaft ist der Ausdruck pugülariSy griffet y im Voca- 
bularius rerum de a. 1433 bei Mone, Anz. Vlll, 251. Daraus 
erklärt sich aber im Yocabul. Duac. die Glosse pugiUaris 
ponchons vel taublette. Französisch heilst er jetzt poingan ä ecrire. 

Gebräuchlicher waren die von ygatpeiv abgeleiteten Be- 
nennungen YQag>elov, ygatplq, YQag>l6iov, graphium, mittelalter- 
Uch auch graphiuSf wovon altfranzösisch grafe^ später greffe, 
angelsächsisch graef, deutsch griffet. 

Auffallend und durch Müsverständnifs zu erklären ist der 
Ausdruck in den Actis S. Artemae: Jussü ptieris qui ejus di- 



') Casus S. Gralli p. 119 u. 216 ed. Meyer v. Knonau. 

•) Palacky, Formelbücher I, 259. 

*) Wright, Yocabularies S. 123, mit der Erklilrung: sUios gaUice greffe. 

*) Wehrmann, Zunffcrollen S. 339. 

*) Wright, Yocab. S. 211. 231. 261. Im Tegemseer Ausgabebuch 
bei Rockinger S. 50 a. 1496 23 den. vwib sdireyhstülf 1497 25 den. vmb 
griffet^ 5 kr. pro 20 graphüs ferreis. Im Cod. lat. Monac. 18628 aus 
Tegemsee ist fol. 18 v. zu Sedulii Opus paschale die Glosse 9tüo^ grafio 
vel ecUamo. 



Schreibwerkzeuge. 221 

seiptUi fuerant, quod cum gl(idiis qui ah officio scrihendi graeco 
eloquio graphii nuncupantur, iUum crudelüer ttwndarefU.^) 

Ein RäthseP) des Symphosius beschreibt die Gestalt des 
Graphium^ wo aber der alte cod. Salmas. grafius hat: 

De summo planus, sed non ego planus in imo, 
Versor utrimque manu, diverso munere fungor: 
Altera pars revocat, quidquid pars altera fecit ^) 

Erzbischof Lull schickte der Aebtissin Eadburg zum Ge- 
schenk ein graphium argenteum. *•) Auch Bischof Daniel von 
Prag hatte einen stütus argenteus (Sudendorf, Keg. I, 81). 

DeutUch ist die Erklärung aus einem Glossar bei Du 
Cange als stüus vel hticulus studentis und in angelsächsischen 
Glossaren grafium graef.^) Auch in Aelfric's Vocabular ist 
mit graphium vd scriptorium, graef^) wohl nichts anderes ge- 
meint Aber zweifelhaft ist es, wenn Papias sagt graphium, 
scriptorium, und deutUch steht in der Gemma gemmarum: gra- 
phium, schryhhret oder griffel. Denn graphium und greffe be- 
deuten, namentlich in Frankreich, in weit ausgedehnter Be- 
deutung auch das Schreibpult, die Schreibstube, die Registratur 
und das Amt, officium scriptoris;^ jetzt nur die Registratur, 
welcher der greffier vorsteht 

Man verwahrte die Griffel in der yQaq>iod^x7i, dem graphi- 
arium, wovon Martial XIY^ 21 sagt: 

Haec tibi erunt armata suo graphiaria ferro. 
Si dederis puero, non leve munus erit 



^) Bei Du Gange s. v. Graphium. 

*) Anthol. Lat. ed. Riese I, 188 n. 286; ed. 11 p. 223. 

') HieronymiiB ep. 9 (Opera ed. Yall. I, 22) schreibt: „ita nostrae 
es neoessitadinis penitas oblitus, ut illam epistolam, quam in corde Ghristia- 
norum scriptam apostolus refert, non pa/rva lüwra, sed imis, ut igunt, 
ceris eraseris.'* (Mitth. v. E. Dümmler.) 

*) Jaff^, Bibl. III, 214; ep. 75. 

») Wright, Vocabularies S. 75. 89. 

*J Ib. 8. 46. Scriptorium in dieser Bedeutung führt Reifferscheid, 
Suet rell. p. 131 schon auf Sueton de viris inlustr. zurück. 

^) S. Diefenbachy Gloss. lat. germ. s. v. 



222 ^1® Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Dergleichen führten die Schreiber immer mit sdch, und 
weil der Griffel auch als Waffe dienen konnte, lieis Kaiser 
Claudius nach Sueton c. 35 jedem camiH aut librarioj der zu 
ihm kam, die calamariae aut graphiariae ihecae vorher ab- 
nehmen. *) 

Ein Scholiast zu Juv. X, 117 erklärt: capsae id est foruli, 
in quo panüur stüus,^) und solche Behältnisse sind vielleicht 
die stüaria, welche Joh. de Garlandia erwähnt (oben S. 220). 

Der Pinsel, byzantinisch xovölhoVf ist wohl fiüh aufser 
Gebrauch gekommen, nur zur Goldschrift wird die Anwendung 
noch verlangt, aber Theophilus spricht auch da von der Feder* 
Hartker, von 986 bis 1011 Klausner in St. Gallen, hält auf 
der Abbildung einen Pinsel in der Hand; aber wohl deshalb, 
weil das von ihm geschriebene Antiphonarium mit Gemälden 
verziert ist*) 

Abgeleitet von xovdlXiov ist das Wort giovoxovUXiov 
für die künstlich verschlungenen Unterschriften von Namen, 
Sprüchen u. a., wie dergleichen Spielereien im Orient noch jetzt 
beliebt sind.^) 

Der lateinische Ausdruck ist penicul/us^ penieäluSy wovon 
pinsdf französisch pinceaUf und englisch pencU, auch für Bleistifti 

Im allgemeinsten Gebrauch war im Alterthum das Schreib- 
rohr, wie wir es auch in den Epigrammen der Anthologie 
finden; die besten kamen mit dem Papier vom Nil. Sie hiei39en 
xäXa/iog, 66va§ yQaq>Bvq, Cxolvoq^ calamus, canna, in den Epi- 
grammen auch fQatplÖBq, Thomas Magister sagt: xaXafioq iTti 
YQaijplöoq, ov 66va§, und eine Glosse (bei Labbe S. 25): canna, 
xdZafiog di ov YQdg>oii6v. Sie heifsen in den Epigrammen 
fisöocxiislg, öioyXvjnoi, und bei Ausonius Ep. VlL, 48 fissi- 



*) Der Knabe, welcher Udalrich seinen Griffel gestohlen hatte, ver- 
wundete sich selbst damit. Ekkeh. Casus p. 216 ed. M. v. Enonau. 

•) Eccl. Colon. Codd. p. 148. 

') LambiUotte, Andphonaire de S. Grögoire, PI. 1, vgl. Scherrers 
YerzeichniDs S. 133. 

*) S. darfiber Montfaucon, Palaeogr. Gr. p. 860. Greg. Piacent p. 78 
giebt noch eine Probe e cod. Ciyptoferrat. und bemerkt, da£s Montf. p. 849 
die Erklärungen des ersten und zweiten Monoc. vertauscht hat. 



Schreibwerkzenge. 228 

pedes cälamL ^) Verkauft worden sie bündelweise nach Marüal 

XIV, 38: 

Fasces cciamorum. 

Dat chartis habiles calamos Memphitica tellus. 
Texantur reliqua tecta palude tifai. 

Doch waren auch die Rohrfedem von Knidos sehr ge- 
schätzte 

Im Abendland kommt das Wort calamus oft vor, aber ge- 
wöhnlich in übertragener Bedeutung; so heilst es in dem oft 
erwähnten Wörterbuch: CälamuSj schreib feder, proprie est 
pars herbae etc. et transsumitur pro instrumento seriptorio 
concavOj per quod incaustum deducUur in elementares scripturas. 
Unser Bohr ist zimi Schreiben kaum zu brauchen, und man 
kannte hier wohl gar kein Schreibrohr. 

Es lä&t sich daher kein Beweis entnehmen aus der Unter- 
schrift des Codex, welchen Constantin, von 1004 an Abt von 
St Symphorian zu Metz, schreiben liefs: 

Pontificale decus qui gestit noscere cautus, 
Perlegat hunc librum Bettonis arundine scriptum^ 
Quem Constantini statuerunt jussa patrari. ') 

Deshalb heilst es auch in einer Glosse zu Fers. HI, 14 im 
Berliner cod. Lat in foUo 49 £ 105 v. arundo: penna. nodosa: 
olm enim scribebant arundine. 

Doch ist dadurch nicht ausgeschlossen, dais man nicht im 
früheren Mittelalter auch noch Schreibrohr aus Italien bekam, 
dessen Anwendung in St Gallen Scherrer zu erkennen glaubt ') 



*) Vinc. Bellov. Spec. doctr. ed Duac. II. col. 207: „Penna avis, cigus 
aeumen dividitur, credo propter mysterinm, ut in dnobuB apicibns vetas 
et novnm Testamentam signaretur.^' 

*) Labbe, Nova Bibl. I, 784, vgl. MG. II, 260. Delide, Gab. des 
Mss. n, 412. 

■) Im cod. 70 s. VIII. von Winithar, Verz. d. Stifksbibl. S. 30. Drei 
sehr deutliche grofse Rohrfedem in den Hftnden der Evangelisten im Ev. 
de St Semin bei Bastard, Livr. 1, pl. 2 u. 3. Im Berliner cod. theol. 
qu. 11, einem für Bischof Sigebert v. Minden geschriebenen Plenar, aus St 
Gallen^ wie es scheint, schneidet Notker mit groDsem Messer seine Rohrfeder. 



224 1^16 Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

In Ivrea mag ein Schreiber wirklich im 9. Jahrhundert mit der 
arundo geschrieben haben, ^) und in Italien erhielt sich der 
Grebrauch; bei Bologna wuchs brauchbares Schreibrohr. Am- 
brosius Camald. schreibt 1433 aus Venedig an seinen Bruder 
Hieronymus (epp. ed. Mehus p. 416): Calamos si qui occurrent 
elediores ad te mittam, licet ipse malis aeque ut honis uti soleo. 
Patmssimi tarnen inveniuntur quales cupis, neque omnium jur 
dicio cognüi. Und etwas später S. 566: Mitto ad te calamo- 
rum fascictdum, non quidem optimorum, sed quales mihi dono 
dati sunt. Niccolö Niccoli soll sich einige auswählen. Nam 
revera majorem in hac dvitate hujusce (sie) rerum penuriam 
quam Florentiae pcUimur. Deutlicher schreibt Jo. Aurispa an 
Ambrosius S. 1025: Calamos Bononiensis agri in fascem ad 
te feram, und S. 1026: Una cum quintemionibus istis quosdam 
Bononienses calamos ad te feram, 

Bruder Adam von Genua aber schreibt 1460 in Velletri, 
nach Bandini, Codd. lat 11, 114: 

Non bene scribenti calamo rogo parce mihique, 
Namque ego cum calamo scribere ineptus eram. 

Ihm scheint das Schreibrohr ungewohnt gewesen zu sein, und 
vielleicht hatten es erst die Humanisten wieder in Uebung ge- 
bracht Man verwahrte die Bohre in der xaXaiiod^xtj, xaZa/ilq, 
von der Form auch xavoiv genannt. Lateinisch sagte man 
calamarium, was auch fiüh griechisch als xaXafiaQiov erscheint 
Martial XIY, 19 sagt von der theca cdlamaria: 

Sortitus thecam, calamis armare memento. 
Cetera nos dedimus, tu leviora para. 

In Diodetians Edict de pretiis rerum venalium vom Jahr 
301 finden wir sie unter den Lederarbeiten aufgeführt: thecam 
cannarum numero V. den. XL. 

Zu Ezechiel, 9, 2 bemerkt Hieronymus:*) cesath cum ab 
Hebraeo quaererem quid significaret, respondit mihi Graeco 
Sermone appeUari xaXa/jidQtov ab eo quod in ülo calami re- 



^) Dümmler, Gesta Berengarii S. 159. 
•) Opera, ed. Vall. V, 94. 



Schreibwerkzeuge. 225 

condantur. Nos (xtramentarium ex eo quod atramentum habecU 
dicimus. Mülti significafUius thecas vocant, ab eo quod thecae 
sint scrihentium calamorum. Aus dieser Stelle ergiebt sich 
recht deutlich, dafs auch Tinte darin verwahrt wurde; es waren 
YollslÄndige Schreibzeuge, wie sie im Orient noch jetzt die 
Schreiber am Gürtel tragen (vgl. oben S. 222), doch hängt das 
Tintenfafs an Schnüren am Pennal, so auch im Berl. Boeth. 
(cod. Lat f. 25) von 1485. Clemens Alex. Strom. 6, 4 sagt 
freilich: e^g öi 6 uQoyQaiifiaTsvq jcQoiQX'^Tai, bxcop Jtregä iytl 
TTJq xeq)aX^g ßißXlov re Iv x^pol xal xavova, Iv (p x6 re yQaq>L- 
xov (iiXav xal cxolrog ^ ygatpovci. Ein Pennal mit angebun- 
denem Tintenfafs hat der Mönch im Chevalier au cygne, par 
le Baron de Reiffenberg, Brux. 1846. Auch in der Historie 
van Lukevent aus dem 17. Jahrhundert^) heifst es: ,,da gaffe 
en ein schiede (Scheide) tou, dare de penne in stack, un an de 
schiede dar hong ein swart doyseken (Döschen)." Mont£äucon 
hat>) ein merkwürdiges altes bronzenes Schreibzeug aus dem 
Schatz von Saint-Denis abbilden lassen , welches bestimmt war 
am Gürtel zu hängen; aber es hat nicht die Form der theca 
oder des xavm\ Des engUschen Königs Heinrichs VI pencase 
befindet sich in der Curzon library, und ist im Catalogue p. 1 
abgebildet 

In den Acten des Concil. Chalcedon. von 451, Act 1 heifst 
es: ajti^Xeitpav avrcov rag ßlßXovg .... d-iXovreg Xaßelv xal 
ra xaJLafiaQia, 

Das Wort erhielt sich vorzüglich in Italien im Gebrauch, 
wo noch jetzt das Schreibzeug calamajo heilst, auch wenn es 
nur zur Aufnahme der Tinte bestimmt ist. Die Investitur der 
Notare geschah cum calamaHo et penna. Aber auch in Deutsch- 
land kommt der Ausdruck vor, und böhmisch heifst das Schreib- 
zeug kalamarz. Albrecht Dürer kaufte nach seinem Tagebuch 



') Niederd. Bauemkomödien (Tüb. 1880) S. 144. 

«) Palaeogr. p. '23. Antiquitö expl. III. PI. 193. Die von Mar- 
quardt U, 402 nachgewiesenen antiken Tintenfässer sind einfache Näpfe. 
So auch die im Berliner Antiquarium im Bronzenzimmer befindlichen in 
cylindrischer Form, von denen eines einen bedeutenden Rest yerhärteter 
Tinte enthält. 

Wattenbach, Schiiftwesen. 3. Anfl. 15 



226 I^ie Schreibgerftthe und ihre Anwendung. 

1512 in Antwerpen ein Calamar für 6 Stüber. Nach dem 
Dict de l'Acad. ist calmar: etui oü Ton met les plumes ä eciire, 
und auch der Tintenfisch heifst calmar ou comet. 

Aus einer alten Urkunde von Casauria führt Du Cange 
s. y. Pergamena die Stelle an: Unde pro stabiUtate vestra ego 
Rimo cum pinna et calamario et pergamena de terra levavi, 
während in anderen Urkunden der Art das Wort atramentarium 
gebraucht wird. Das Kloster Monte Cassino erhielt am Ende 
des 11. Jahrhunderts von einem Vicecomes des Grafen von 
Capua calamarium aureum margaritis et gemmis pretiosissimis 
undique adornatum. Chr. Casin. lY, 13. Jo. de Janua (a. 1286) 
erklärt calamarium einfach als comu, ubi tenetur incaustum. 

Als der böhmische Beformprediger Militsch von Kremsier 
von der römischen Inquisition eingekerkert war, fand er wunder- 
barer Weise calamare cum incausto et papyrum, que longe ab 
eo in carcere erant posita, an seiner Seite wieder. ^) 

In dem Wörterbuch vom Ende des Mittelalters*) wird C€h 
lamare erklärt durch schreibsteug, instrumentum scriptoris can- 
cavum de cario duro consutum, in quo ponuntur instrumenta 
scriptoris ut cültellus et caJamus, et alio nomine dicitur pen- 
nale a nomine penna.^ Das Wort hatte also verschiedene 
Bedeutung. 

Im Schachbuch von 1355 heilst es^) vom Stadtschreiber: 

Gehangen an sinen gurtil was 
ein tofel und ein kelinvaz; 
an sines rechtin oren zeil 
trug he einen schribekil. 

Am Gürtel trugen die Schreiber dergleichen; aber wenn 
es in der Vita Theogeri II, 3 heifst, dafs 1117 der Cardinal- 
bischof Cono von Praeneste nomen sibi hdbitumque scriptoris 
induerat, et usquequo Remorum civitatem intraret^ huius operis 

') Vita Milieu in Balbini Miscell. Dec. I. 1. IV. p. 2. pag. 50. 
«) Serapeum XXIII, 279. 

') In einem Glossar saec. XY. bei Wright, Yocabnlaries S. 212 hoc 
pennarCf a pener. 

«) Zts. f. Deutsches Alt. XYII, 162; vgl. auch oben S. 66. 



Schreibwerkzeuge. 227 

instrumenta ex humer o ejtis suspenso pendebant, so hat schon 
der erste Herausgeber, Dom Brial, gerechte Bedenken gehabt, 
ob die Schreiber ihre Greräthe in solcher Weise getragen hätten, 
und nicht vielmehr ein Lesefehler anzunehmen sei. ^) 

In Frankfurt gab man 1399 zehn Schilling Heller aus 
vmb ein hundert rechenpfennige vnd ein dintenharn und kale- 
maren, ■) Bei Rockinger ist das Wort in den Klosterrechnungen 
häufig, und in einem Becepte für Tintenpulver S. 36 heilst es: 
pane in calamdle et desuper aquam funde. 

Die Feder kommt erst spät vor: sie war nur brauchbar, 
wenn man sehr scharfe Messer hatte. Zuerst erwähnt sie der 
Anonymus Valesianus, wo er von dem Ostgothenkönig Theo- 
derich erzählt, dafs man ihm zur Unterschrift eine Form ge- 
macht, damit er poHta lamina super chartam, per eam pennam 
duceret et subcriptio ejus tantum videretur. Ganz derselben 
Veranstaltung bedurfte sein Zeitgenosse, der Kaiser Justin, 
aber da ist von der yga^lg, dem calamus die Bede, welcher 
in das königliche Nafs getaucht wiuxle.^) Später sagt Isidor 
Origg. YI, 13: Instrumenta scribae calamus et penna. Ex his 
enim verba paginis infiguntur, sed calamus arbaris est, penna 
aviSj cujus acumen dividitur in duo, in toto corpore unitate 
servaia. *) 

Schon in den ältesten irischen Manuscripten scheint der 
Evangelist Johannes eine Feder in der Hand zu halten;^) 
spätere Beispiele sind zu häufig, um sie anzuführen. 



^) Brial BchlAgt vor «eirptom, was Pertz, Mon. Genn. SS. XII, 467 
ohne Bemerkung wiederholt, obgleich es mir wenigstens unverständlich 
ist Vielleicht ist sc^rtoria zu verbessern. Die Verkleidung als Schreiber 
war wohl kaum geeignet, vor Verdacht zu schützen. 

*) Eriegk, Deutsches Bürgerthum N. F. S. 361. 

*) Procopii bist arcana c. 6. Beide schrieben legi nach J. Bemays, 
Hermes XII, 382—384. 

*) Nach Reifferscheidy Suet. rell. p. 135 aus Suet de viris inlustri- 
bus, doch ist das sehr unsicher. 

*) Im Book of KeUs und Mac Duman's Gospel bei Westwood, Pa- 
laeographia Sacra. Ueber ein Räthsel von Aldhelm auf penna s. Ad. Ebert, 
Zts. f. D. Alt XXm, 200. 

15* 



228 ^^^ Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Folcwin in den Gestis abb. Sith. sagt: sanda paginula 
sapierUer anserini vomeris cuUro sulcaUa. 

In einer metrischen Passio, an Pabst Leo (IX?) gerichtet^ 
sagt der Poet:^) 

Quae metro yoluit nostra immutare camena, 
Ut sudet Petro pinnula nostra sacro. 

Gebräuchlicher ist pennula^ ein s^ml (Diefenbach S. 208); 
auch schribekil und schribevedir in dem S. 226 angefiihrten 
Gedicht. EngUsch sagte man früher fether^ dann pen.^) Die 
Franzosen zogen pluma vor, und schon Matthaeus von Vendome*) 
sagt: Prostibulo Studium mutatur, pagina scorto , Stamiiie 
pluma etc. 

Schwanenfedern wurden oben S. 119 angeführt. 



Zum Schneiden des Bohres oder der Feder diente das 
yXvg>avov, in den Epigrammen auch yivxrrJQ und öfilXrj ge- 
nannt, und VI, 64 erscheint auTser den YXvg)l6€g xaXdfttDV auch 
noch ein nXcniq o^vvrrjQ fisöoCxidioDV xaka/dCQP. Die stumpf 
geschriebenen Rohre wurden mit dem in allen Epigrammen er- 
wähnten Bimstein geschärft; auf Federn aber war das nicht 
anwendbar. Lateinisch hiefs das Federmesser scalprum libra- 
rium, wie bei Sueton Vitell. c. 2: scalpro lihrario venas sibi 
incidit. Bei Tacitus, Ann. Y, 8, heifst es einfach scalprum. 
Der liber Ordinis S. Victoris Paris, erwähnt neben einander 
scriptoriaj artavos, cultellos, scarpdlia.^) Jo. de Janua erklärt 
artaims durch cültellus scriptorum, und in den Statuten der 
Brüder vom gemeinen Leben wird vorgeschrieben:*) lüfrarius 
provideat scriptaribus nostris de instrumerUis necessariis, vide- 
licet artafiSy pennis, pumice, creta et similibus. 



^) Rarster, Novem vitae metr. p. 2. Catal. Monac. II, 3, 31 : scribere 
cum penna me discat virgo Maria. H. Lur bei Joachimsohn, Herrn. SchedePs 
Briefwechsel S. 148 sagt anseria caJamus, 

«) Wright, Vocabularies S. 75 u. 210. 

») Münchener SB. 1872 S. 621. 

*) Martene, de antiquis ecclesiae ritibus III, 733. 

*) Serapeum XXI, 189. 



Schreibwerkzeuge. 229 

Scalpellum est ferrum, quo cartas incidunt et pennas 
acuufU scriptoreSj steht in einem alten Glossar;') durch scrih- 
mezer wird es anderswo erklärt; ') mit Bimstein und scalpellum 
soll der wohlwollende Leser die Fehler aus dem metrischen 
Leben des h. Leodegar entfernen.') Im Jahre 1379 kaufte man 
in Wien einen cuttellus scripturalis für 6 Denare.*) Hieraus 
erklären sich die häufigen Scriptorale in Bocldnger's Kloster- 
rechnungen (S. 50 )y und willkommene Deutlichkeit bringt eine 
Stelle aus dem 16. Jahrhundert: das Scriptral oder Schreib' 
messerlein, so er in der Hand gehabt.^) 

Man sagte calamum äcuere, temper äre; davon kommt der 
italienische Name des Federmessers, temperino, temperatojo,^ 
während canif englisch knife von anderer Wurzel stammt Die 
älteste Form ist canipulus, was nach Beispielen bei Du Cange 
ein kurzes Schwert, Dolchmesser, bedeutet. Dann wird es fiir 
Federmesser gebraucht; '') altfranzösisch heifst es kenivet. So in 
der Legende de S. Johan Bouche d'or aus dem 13. Jahrhundert:^) 

Li sains hom cort a la capele, 

Si a tot maintenant aers (ergriffen) 

Parcemin et taiUie quaiers, 

Et de son enke piain comet, 

Ses pennes et son kenivet; 

Tot portera o lui li sire. 

>) Eccl. Colon. Codd. p. 159. 

*) Flor. Glossen in Haupt's Zeitschr. XY, 348. 

■) Etwa aus dem 8. Jahrh. bei Pitra, Eist, de St. L^r S. 466 v. 36. 

«) Notizenblatt d. Wiener Acad. Y (1865) 392. CutteUus bildet den 
Uebergang zu catUeau. 

*) Naumburg im Schmalk. Kriege. Festschr. des Thür. Sachs. Yereins, 
Halle 1873, S. 81. Mehr bei Schmeller, Baier. Wörterbuch (1877) II, 599. 

*) Nach Bonaini, Statut! Pisani n, 298 dürften ungeachtet des Yer- 
botes Waffen zu tragen, Notare u. a. temperatorium partum und forfieeptas 
tragen. Lupi, Man. p. 66. Florentiner Statuten von 1329 erlauben gleich- 
falls moderaiaria ad temperandum pennas apia von bestimmter Grölse. 
C. Paoli, Progr. scol. II, 68. 

*) Haur^au, Notices et Extr. de quelques mss. II (1891) p. 13. Im 
Berliner cod. Lat fol. 25 (Boeth.) yon 1485 ist es eine kurze, gerade, in 
einem Handgriff befestigte spitze Klinge. 

") Romania YI, 333. 



i 



230 ^16 Schreibgerftthe und ihre Anwendung. 

In einem Fablei des 13. oder 14. Jahrhunderts verwechselt 
ein Bauer im Finstem seine Hosen mit denen eines Mönchs, 
und findet nachher, als er nach seinem Beutel greift, statt des- 
selben „une escritoire, Ou le canivet au clere ere Et son par- 
chemin et sa penne^^ ^) «Foh. de Garlandia sah bei dem Pariser 
Eisenknlmer artavos, und der Commentar sagt: Artavtts didtur 
Oallice knivet, seil. culteUus qui tendü in aUum; vel dicUur 
ab arte, quia eo artifices utuntur. Ein späteres englisches 
Glossar erklärt artavus a penknyfe,^) 

Die Form der alten Federmesser war verschieden, am 
häufigsten sieht man auf den Abbildungen alter Schreiber ein 
breites, nach hinten gekrümmtes Messer, mit welchem z. B. bei 
Engelhardt, Herrad von Landsberg t VII, einer der Poeten 
seine Feder schneidet, doch vgl. oben S. 229, Anm. 7. 

Wurde nun die Feder angeschnitten, so fand man darin 
hilus vd hüutn, id est medüUa penne, eyn feder sd,^) oder 
mit anderm Ausdruck pfaff in der feder. ^) HaibecU et arta- 
vum (cnivet) quo pennam informet ( formet), ut sU habüis et 
ydonea ad scribendum, ylo (meduUa penne) eztrado, sagt 
Alexander Neckam. War der beseitigt, so mufste die Feder 
gespalten und geschnitten werden. Conr. de Mure sagt vom 
calamus d. h. der Feder: 

Concavus hie et fissus erit, perdssus, acutus, 
Dexter pes brevior, latior alter erit*) 

Dem entsprechen die Verse von 1481 bei Bockinger S. 52: 

Dextera pars penne brevior sit parte sinistra. 

Hanc modicum scindas, sit (et) aspera pulcraque dorso. 

Attenua dorsum. Discas bene ducere pennam. 



*) Barbazan et M^on III, 177. Beides von A. Tobler. 
•) Wright, Vocabularies S. 123 u. 210. Chaucer trtigt auf dem Denk- 
mal das Schreibmesser an einer Schnur um den Hals. 
*) Diefenbach S. 146. 
*) Mone's Anz. VIII, 255. 

*) Anz. d. Germ. Mus. XIX, 314. Begulae de modo sdndendi |»en- 
narwffi in der Zts. f. Deutsche Philologie VIII, 348. 



Schreibwerkzeuge. 231 

Umgekehrt heifst es mit metrischem Fehler , der für die 
Ursprünglichkeit jener anderen Version spricht: 

Dextera pars penne sit longior parte sinistra. ^) 

um mit Farben zu schreiben, mufste sie tiefer gespalten, 
benefissay sein, nach dem Anonymus Bemensis. *) 

Federproben findet man überall in alten Handschriften, 
oft die Worte probatio pennae, doch brachte man auch das in 
einen Vers: 

Incaustum dum penna probat, simul ipsa probatur.') 

Gewöhnlich traf der Tadel einer schlecht geschnittenen 
Feder den Schreiber selbst: 

Penna probaterem probat, ast reprobat reprobantem. ^) 

Wer einen Vortrag nachschreiben wollte, mufste natürlich 
yiele Federn bereit halten; Joh. von Tilbury sagt: nee rurst^s 
poterü calamos scalpeUo ineiderey sed C aut LX in promptu 
habebii, ut ejfM acumine ebetaio eoque projedo cderrime succe- 
dat aUer scribendi officio.^) 

Auch Me tallf e de r n kommen vor. AngebUch imterschrieben 
die Patriarchen argenteo calamo, ^ Eine Metallfeder will Merry- 
weather (BibUomania S. 103) in Eadwine's Psalter gesehen haben. 

In den merkwürdigen Verhandlungen über die Fälschungen 
Roberts von Artois um 1330 konmit vor, dafs Perrot de Sains 
eine Urkunde schrieb avec une penne au plume d'airain, pour 
sa main desguisier.'') 

Blei fanden wir zum Ziehen der Linien verwandt, doch 



>) A. V. Keller, Altdeutsche Handschriften (1872) 3 S. 30. 

•) Bei Theophilus ed. Dg S. 391. 

') Cod. lat Monac« 14738 f. 87 v. Probatio penn^. non sit mihi p^na 
gehenn^. ib. 19413 s. X. fol. 111^. Probatio penne, gallus novit suam 
henne. Pertz* Archiv X, 560. 

«) Müllenhoff u. Scherer S. 322; 3. Ausg. II, 136. 

*) Yal. Böse im Hermes YIU, 314. 

*) Montf. Pal. Gr. p. 21. Eine Bronzefeder ist in Rom gefunden 
nach Ganina, Bull, del Inst 1849 S. 169 (Marquardt n. 3512). Vgl. G. Paoli, 
Progr. scoL 11, 68. 

^ Lancelot, Memoire pour servir ä l'histoire de Robert d* Artois, 
M^m. de TAcad. des Inscriptions X, 607. Petr. Schoyffer preist einen 



232 I^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

auch Bleistifte für die Schrift auf Tafehi erwähnt (S. 94). 
Ein Regensburger Klostervers saec. XII. scheint mit plumbum 
sub arundine fixum ihre Einrichtung zu bezeichnen. ') Am Ende 
dieses Jahrhunderts erzählt der Engländer Daniel von Merlai 
von den Pariser Vorlesungen: Cum dudum ah Anglia me cau&a 
studii excepissem, et Parisiis aliquamdiu moram fecissem, vi- 
debam quosdam bestiales in scolis gravi audorüate sedes occu- 
pare, habenies coram se scamna duo vd ttia, et desuper Codices 
importabiles aureis litteris Ulpiani traditiones representantes, 
nee non et tenentes stylos plumbeos in manibtis, quibus aste- 
riscos et obelos in lihris suis quadam reverentia depingebant, *) 
Das sind die Zuhörer, welche Notizen machen. Eandglossen, 
mit Blei geschrieben, die später theilweise mit Tinte sauber ab- 
geschrieben sind, zeigt der cod. Colon. 203 des Pnscian aus 
dem 13. Jahrhundert ') Häufiger sind breite, zu diesem Zweck 
bestimmte Bänder, welche ganz frei gebUeben sind. Die Ethica 
Ludolphi im Wiener cod. 883 scheint nach der nicht ganz ver- 
ständlichen Unterschrift 1339 in Deventer mit Blei nach- 
geschrieben, und dann mit Tinte mundiert zu sein.^) 

Li der überaus merkwürdigen Vorschrift von 1285 für die 
Anfertigung einer Chronik aus Winchester heifst es: Vestri 
itaque studii erit, ut in libro jugiter scedula dependeat, in qua 
cum plumbo notentur obüus ülustrium virorum et aliquod de 
regni sta>tu memoriale, cum audiricontigerit. In fine vero anni, 
non quicunque voluerity sed cui injunctum fuerü, quod verius 
et melius censuerü ad posteritatis noticiam transmittendum, in 
corpore libri succincta brevüate describat; et tunc veteri scedula 
subtrada nova imponatur,^) 



Druck von 1474 als nicht atramento, plumcdi ereaque penna cannave 
gemacht Germ. Mus. 

1) Münchener SB. 1873 S. 720. Nach einem Cod. in Montpellier 
soll der angehende Maler in tabula lignea incretaia zeichnen cum grafio 
erammis. Catal. des Döpart. I, 741. 

*) Berichtigt von Val. Rose im Hermes VIII, 347. 

•) Eccl. Colon, codd. p. 90. 

*) Peiper in d. Zeitschr. f. deutsche Philol. V, 166. 

^) Descriptive Catalogue of Materials relating to the history of 
Great Britain III, Preface p. XIX. Neues Archiv III, 215. 



Tinte. 233 

4. Tinte. 

In alten Handschriften ist die Tinte schwarz oder bräun- 
lich, immer von ausgezeichnet guter Bescha£fenheit Nachdem 
aber vom 13. Jahrhundert an immer massenhafter geschrieben 
wird, erscheint die Tinte häufig grau oder gelblich, und ist zu- 
weilen ganz verblafst 

Griechisch hiefs sie fiiXav, fiskav (p YQdg>ofiev, yQaq>txov 
HiXav, fiekaviov; man unterscheidet davon (isXavrrjQla, die 
Schuhschwärze. ^) Ebenso benannten die Römer sie von der 
Farbe atramentum, welches als librarium von dem atramentum 
stUorium unterschieden wurde.*) Sachlich entspricht die Be- 
nennung hlack in altem Deutsch und Dänisch, so wie auch 
angelsächsisch.') In Greifs wald sagte man noch im 17. Jahr- 
hunderte blacMiorn.^) 

Man benutzte aber auch den Saft des Tintenfisches, 5epia. 
Damit schreibt der faule reiche Jüngling bei Persius lEI, 13, 
der, spät erwachend, sein Schreibgeräth fordert und mit der 
Tinte unzufiieden ist: 

Jam Über et bicolor positis membrana capillis,^) 
Inque manus chartae nodosaque venit arundo. 
Tunc queritur crassus calamo quod pendeat humor, 
Nigra quod infusa vanescat sepia Ijmpha, 
Dilutas queritur geminet quod fistula guttas. 



*) fiiXavovpyoq, atramentarius, Not et Extr. XXIII, 2, 389. Der 
von Boncherie dazu angefElhrte atramentarius der Rom. Kirche ist sehr 
verdächtig. 

*) airamentare klecksen, bei dem alten Grammatiker Yirgilius, 
A. Mai, Anett class. Y, 125. Vgl. „Joh. de Mussis composui denigrando 
papirum,** Pertz' Arch. X, 545. 1457 Bitte um Gebete „pro me presentis 
papiri denigratar^*. Cod. Halb, bei G. Schmidt, Halb. Osterprogr. 
1878 8. 22. 

*) incnustum vel atramentum, Haec. Glossar bei Wright S. 46. Vgl. 
Black in Grimm's Wörterbuch. Es fehlt da das Werl Slakist (Feder- 
fuchser): „weil seine k. Maj. (Friedr. Wilh. I) nur über vielfältige Remon- 
strationes von uns Blakisten werden aigriret werden.'* 

*) Pyl, Beitr. z. Gesch. d. St Gr. IV (1893) S. 98. 

') Wenn man sich dazu an Tibull. III, 1, 9 erinnert: Lutea sed 
niveum nwolvat membrana libdlum, so scheint es, dafs man an den 



234 I^i^ Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Nach der Bereitung, ob mit oder ohne Feuer, unterschied 
man eyxavöTOv und driQafivov; doch ist letzteres nur aus 
Glossen bekannt, und jenes ganz allgemein im Gebrauch, ohne 
Bücksicht auf die Bereitung. Zuerst nachzuweisen ist die la- 
teinische Form encaustum bei Augustin und Fortunat; später 
ist incaustum gewöhnlich, ^) davon itahenisch inchiostro, böhmisch 
irJcaustj französisch mqus^ ') encre, englisch ink, ') holländisch ifJä. 

Lucifer von Cagliari saec. lY. sagt nach einem Citat bei 
Du Gange una tinda sübscriptionis tuae, Der Yocabularius 
optimus ed. Wackemagel erklärt incaustum, sepia durch tingta; 
die Florentiner Glossen in Haupt's Zeitschrift XY, 341 incau- 
stum, atratnentum id est tincta. Dieses sonst kaum vorkom- 
mende Wort ist der Ursprung des spanischen tinta^ unseres 
Tinte, welches schon sehr früh vorkommt*) 

In ältester Zeit wurde die Tinte ganz wie jede andere 
Farbe behandelt, wie noch jetzt im Orient So heifst es bei 
Demosth. de Corona p. 313 ro fiiXav zglßeiv, Sie liefs sich 
dann auch leicht wieder abwaschen: jiXxißidötiq ßQe^ag rov 
ödxrvXop ix rov ötofiarog öii^Xenps tfjv ölxtjv rov ^Hyijfiovog. 
Athenaeus IX p. 407. Mit dem Schwamm konnte man die 



farbigen Umschlag der Rollen denken muls. Sonst wäre es eine äurser- 
lich geftrbte Pergamentrolle. Er selbst schreibt auf PapjniB. 

') Nicht zustimmen können wir der Ableitung: Incaustum com- 
ponüttr ex prepoaitiane in et verbo eauston, quod dicitur nigrum. SB. 
d. Münch. Acad. 1873 S. 713 e cod. saec. XII. In dem Petershauser 
Missal in Heidelberg 9 xlix ist eine Federprobe saec. XII.: probtieio 
petmae et caustae. Noch älter ist Ämeso prohavit caustum, Neues Arch. 
XVII, 604. 

') Wie H. Prof. Tobler mir mittheilt, findet sich enqite schon im 1 1 . Jahr- 
hundert; Alexanderlied 57 a: Qiner mei, hels fredrej et engue e parcha- 
min; eine andere altfranz. Form ist enche, encre erst seit dem 14. Jahrh. 
zu belegen. Altfranz, ist auch sehr häufig das aus atramentum entstan- 
dene arrement, airement, atremewt, erstere Form im Rolandslied 1933; 
atrctment, airament sind auch altprovenzalisch. Vgl. hierzu Egger, Sur 
les noms, qui ont send ä ddsigner Teuere, im Bull, des Antiquaires de 
France 1870 S. 151—158. 

') incaustum angl. ynhe. Wright S. 210. 

*) S. Orimm*s Wörterbuch s. y. Dinte. Im Vocabularius rerum von 
1433 bei Mono, Anz. VIII, 251: tincta, tinkch. In Tegemsee sagte man Oncke. 



Tinte. 236 

Schrift yertUgen, daher spongia deletüiSj Yarro ap. Non. II, 
212. So sagt Augustus bei Sueton c. 85 von seiner Tragödie, 
Ajcicem suum in spongiam incubuisse. In der Vita Caligulae 
c. 20 erzählt Sueton von dem litterarischen Wettstreit, welchen 
Caligula veranstaltete: Eos autem qui maxime displicuissent, 
scripta sua spongia linguave delere jfissos, nisi feruiis oljur- 
gari aut fiumine proximo mergi voluissent. Ammianus Mar- 
cellinns XY, 5, 4 erzählt zum Jahre 354 von einer Fälschung: 
penictdo Serie litterarum ahstersa . . . aUer superscribitur tex- 
tus. Doch sah man nachher die Spuren. 

Natürlich liefe die Schrift sich um so leichter abwaschen, 
je frischer sie war; daher will Martial (lY, 20) mit dem eben 
vollendeten Buch gleich auch einen Schwamm schicken, um 
wenn es nicht gefalle, es ganz zu tilgen. 

Dum novus est neque adhuc rasa mihi fronte libellus, 

Pagina dum tangi non bene sicca timet, 
I puer et caro perfer leve munus amico, 

Qui meruit nugas primus habere meas. 
Gurre, sed instnictus: comitetur Punica librum 

Spongia, muneribus c^nvenit illa meis. 
Non possunt nostros multae, Faustine, liturae 

Emendare jocos, una litura potest 

Auch Ausonius (epist 7) gedenkt noch des Schwammes 
in ähnlicher Weise, indem er ein Begleitschreiben zu einem 
Geschenk von 30 Austern mit folgenden Yersen beschlielBt: 

Sed damnosa nimis panditur area. 
Fac campum replices, Musa, papyrium. 
Nee jam fissipedis per calami vias 
Grassetur Cnidiae sulcus arundinis, 
Pingens aridulae subdita paginae 
Cadmi filioUs atricoloribus, 
Aut cunctis pariter versibus oblinat 
Fulvam lacticolor spongia sepiam. 
Parcamus vitio Domnotinae domus, 
Ne sit Charta mihi carior ostreis. 



236 ^i^ Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Man siebt daraus, dals in Gallien damals Papyrus ziem- 
lich theuer war. 

Auch der byzantinische Schreiber hatte einen Schwamm, 
der nach Phanias zum Abwischen des Schreibrohrs diente, von 
Paulus Silentiarius 65, 8 aber als Heilmittel gegen Irrgänge 
des Griffels d. i. des Schreibrohrs bezeichnet wird. 

Der mittelalterliche Schreiber dagegen konnte den Schwamm 
nicht dazu gebrauchen; er mufste radieren, und die radierte 
Stelle mit Kreide glätten. Alcuin ^) schreibt: frcUemo pumice 
corrigüe scriptorem, und genauer Cosmas von Prag an Gerva- 
sius, indem er ihn auffordert, nach Gutdünken Aenderungen in 
seinem Werke vorzunehmen: Accipe in manum riisoriumy cdl- 
cem et calamum. Und Vincenz von Prag an König Wladis- 
laus: Si qua etenim in eo sunt corrigenda, novaculam, et si 
qua augenda, calamum vdocUer scribentem presto tenemus. Vgl. 
auch oben S. 213. 

Als Bestandtheile des (xtramentum librarium giebt Plinius 
Rufs und Gummi an.') Marcianus Capella erwähnt zuerst die 
Galläpfel:^) gallarum gummeosque commixtio. Isidor Origg. 
XVil, 7, 38 gedenkt auch ihrer Verwendung zur Tinteberei- 
tung. Doch haben auch die Alten schon metallische Tinte ge- 
habt, welche daran kenntUch ist, dafs Schwefelammonium darauf 
wirkt*) Eine Mischung von Kupfervitriol und Galläpfeln soll 
am häufigsten sein. Nach der Vermuthung von Davy») war 



») Ep. 141 bei Jaffö, Bibl. VI, 544. 

•) HiBt Nat. XXXV, 6. cf. Vitruv. VII, 10. 

») 1. III § 225 p. 268 ed. Kopp. 

*) Gh. Graux: L'encre & base m^tallique dans Tantiquit^. Revue de 
PhiloL Janv. 1880 p. 82 — 85. Nach Philo Byz. im 2. Jahrh. n. Chr. u. 
Origenis Philosophumena sei anzunehmen, dafs man Galläpfel u. Kupfer- 
vitriol seit dem Gebrauch des Pergaments anwandte. Dafür spreche auch 
das Experiment. In der Tinte der Pompej. Wachstafeln sind Spuren von 
Kupfer nach De Petra S. 26. 

^) In der zu S. 99 angefiihrton Abhandlung, S. 205. In den Papyrus 
ist keine Spur von Gall&pfeln oder Eisen, wohl aber in den Palimpsesten. 
Durchgefressen hat die sAte Tinte im St. Galler Virgil, im Plautus Ambro- 
sianus die neuere etwa saec. VII. 



Tinte. 237 

die Veranlassung zu dieser Neuerung, dafs die fiüher gebräuch- 
liche Tinte auf dem Pergament nicht gut haftete. 

Auch im Mittelalter kommen verschiedene Tinten vor. 
Ein Recept giebt Theophilus in seinem wichtigen Werke: Di- 
versarum artium schedula, welches man früher ins 9. Jahr- 
hundert setzte, jetzt wohl richtiger ins 12. ^) Da heifst es I, 45 
de incausto: Man nehme Binde Ton Domenholz, lege sie in 
Wasser, um den Farbstoff auszuziehen, trockne die Masse, und 
wenn man die Tinte brauchen will, mache man sie mit Wein 
und etwas c Uramentum über Kohlen an. Hier ist nun die Frage, f^/ 
was unter dem c Urame ntum zu verstehen sei; nach Hendrie ^^ ZyU-if^'y 
VitrioL Auch in einem Becept, welches mir Herr Dr. Nolte äW^Vä<^ 
mitgetheilt hat, wird nach ausfiihrlicher Anweisung über das ^^^/><j^^^* 
Sieden des Weines verordnet, atramentum crudum hinein zu ^^^^ 
thun. Die Domen werden als Hauptbestandtheil angesehen in ^^^^- /f*" 
folgendem Epigramm:*) 

De his quae ad scriptorem pertinent. 
Omni conveniunt scriptori quatuor: anser, 

Taurus, ovis, spina, si notet illud homo. 
Anser dat pennam, comu fit de bove, pellem 

Fert Ovis, incaustum promere spina solet 

Es entspricht dieser Bereitung, dafs nach den Statuten 

*) Theophili presb. et mon. libri tres sea diverBanim artium scbe- 
dula, opera et studio Garoli de L'Escalopier. Mit einer Einleitung von 
Jean Marie Guichard. Paris 1843. 4. Theophili, qui et Rugerus, 
presb. etc. studio Roberti Hendrie, Lond. 1847. 8. mit Benutzung einer 
froher nicht verglichenen, vollständigeren Handschrift im British Museum; 
sonst freilich eine wenig genügende Ausgabe. Jetzt mit umfassender Hand- 
Schriftenbenutzung, mit Uebers. u. Einleitung, von Alb. Ilg, Wien 1874, 
als 7. Band der Quellenschriften für Kunstgeschichte. 

«) Neues Archiv XVII, 379. Vgl. Ebert, Zts. f. D. Alt. XXEI, 202. 
Simöon Luce (Not. et Doc. pour la Sociät^ de Thist. de France 1884 p. 62) 
theilt folgendes Fragment aus dem 14. Jahrh. mit: „Cum in Castro Mile- 
duni hunc librum diligenter inspicerem, de trunco quodam in igne posito 
et ex una tantum parte ardente, vidi ex alia parte hunc liquorem profluere 
et miratus sum nimis. Quod si omnis nostre paulatim industria vite fluxit 
ab exemplis, usum hincausti hoc modo inventum existimavi, et in eventus 
novi memoriam has litteras de liquore ipso conscripsi.'* Die Farbe ist 
ziemlich blafs. 



238 ^i^ Schreibgerftthe and ihre Anwendung. 

von Sempringham ^) dem Praecentor erlaubt war, das Calefac- 
toriiun zu betreten ad caiefaciendum incaustum, et scripioribus 
ad siceandum pergamenum, Ebert (Zur Handschriftenkunde 
p. 34) theilt aus einem Altenzeller Codex von 1412 folgendes 
Becept mit: Ad fadendum bonum incaustum, ^^^cipe gallas 
et contere minute in pulyerem, fimde desuper aquam pluvialem 
vel cereyisiam tenuem, et impone de yitalo (L vitriolo) quan- 
tum sufificit juxta existimationem tuam, et permitte sie stare 
per aliquot dies, et tunc cola per pannum, et erit incaustus 
bonus. Et si vis (seil, scribere), timc impone modicum de 
gummi arabico, et calefac modicum circa ignem, ut solus in- 
caustus tepidus fiaty et erit incaustus bonus et indelebilis, super 
quocunque cum eo scribes." 

Galläpfel und Vitriol sind in allen Becepten aus dieser 
Zeit die wichtigsten Bestandteile.') Gewöhnlich wird Wein 
dazu genommen, so in der Anweisung in Pertz' Archiv X, 529: 

Ad fadendum bonum atramefUum. 
Vitrioli quarta, mediata sit uncia gumme. 
Integra sit galle, super addas octo ÜEdemi. 
Anders ist folgendes Verhaltnirs:') 

Tres sint vitrioli, vix una sit uncia gummi, 
Gallarum quinque, sed aceto mersa relinque, 
Quattuor aut caUdas addat cerevisia libras. 
Yino emendabis ardente situmque fugabis. 

') Bei Du Gange s. v. encaustum. 

*) Man findet Recepte bei Mone, Lat. u. Griech. Messen S. 164, 
und bei Frid. Mone de palimpsestis; Mittheilungen d. Gentralcomm. XY 
p. CXXYII sehr ausführlich, aus Hohenfiirt; Gzemy, Bibl. v. St. Florian 
S. 65, wo das alte saec. XII. aus Denis II, III, 2059 wiederholt ist; 
Garavita II, 160 e cod. Gasin. 202, wo incaustrum steht; in Gemet's Mit- 
theilungen aus der filteren Medicinalgesch. Hamburgs S. 370 ein Recept, 
das sich ein Procurator der Stadt um 1340 am pftbstlichen Hofe verschaffte. 
Viel bei Rockinger, Zum baier. Schriftwesen S. 30 — 36, besonders aus- 
führlich der modus quem aervamus in Tegemsee jam eommiMiter. Ein 
jüdisches in d. Zts. f. d. Gesch. der Juden in Deutschi. lY (1890) S. 280. 
Sickel, Hist. Zeitschr. XXYII, 449 verweist auch auf gedruckte Tinten- 
bücher von 1531 u. 1532. Ein Recept de confectione endaustri e cod. 
Montispess. im Gatal. des Bibl. des Ddp. I, 751. 

') Nach Franck, in Herrig's Archiv f. neuere Sprachen XL, 185. 



Tinte. 239 

Es ist überflüssig, die oft vorkommenden Becepte zu häu- 
fen. Ich gebe nur noch ein von Herrn Archivar Doebner mir 
mitgetheiltes saec. XY. von dem Umschlag des Copialbuches 
des EQosters Beinhausen im Staatsarchiv zu Hannover: ,,Beci- 
piatis V lot gallen, iij lot victrill vnde iij lot gummi ad quartale 
aque pluvialis aut aceti cerevisialis. Primo conterantur galle et 
bulliantur ad duo miserere spatium legendi. Deinde imponatur 
victrill contritom et simul bulliatur ad unius miserere tempus. 
Peractis his reservetur simul in olla usque ad alterum diem et 
separetur a fedbus ac imponatur gummi contritum. Quo resu- 
luto habebitis incaustum bonum et optimum.^^ Femer ein 
anderes von Herrn Dr. Hamann: „Becipe ij loth galle, j loth 
gummi, j loth victrioli, fiinde omnia simul, funde desuper j 
quartam aque pluvialis et quartam partem quarte aceti, applica 
ad ignem, ut mediocriter calefiat, ita ut possis digitum in eo 
teuere, et mediocre erit Quod si substantiam duplicaveris, 
optime valebif 

Die Stadtrechnungen von Nördlingen verzeichnen 1454 umb 
Tinten Zeug und Wein dcusu lPf.9 Schill 1455 umb Wein 
an Tinten 14 gr.^) 

Kein Vitriol finden wir in einem Recept saec. XV.: „In- 
caustum bonimi ÜEtdens recipe gallen lU loet, et pulvensa mi- 
nute et cribra cribro, et infiinde desuper quasi quartam aque 
pluvialis fiigide, et üuc simul illud stare ad unam horam."') 
Umgekehrt fehlen Galläpfel in dem engUschen Becept: To 
maie texte yhke. „Take II unces of grene vitriole, and cast 
hym together yn a quarte of standyng rayne water, and lett 
yt rest UU dayes, and then take III unces of gome, and put 



^) Beyschlag, BeytrSge zur Kunstgeschichte von Nördlingen IV, 27. 
Viel der Art bei Rockinger S. 49 Anm. 2. Merryweather, Bibliomania 
S. 39 fahrt aus der Kirchenrechnung von Norwich von 1300 an: 5 dozen 
parchment 2 s. 6 d. 40 i6,* of ink 4 s. 4 d. 1 gallon of vini decrili 3 s. 
4 C0L> of corporase. 4 €ß.» of galls. 2 iS.» of gum arab 3 s. 3 d. to 
make ink. Leider sind seine Mittheilungen aus Handschriften sehr un- 
znverlftBsig, durch Lesefehler und Druckfehler entstellt Man nahm in 
England auch Bier dazu, s. G. Paoli, Progr. scol. II, 72. 

«) Raljen, Zur Gesch. d. Kieler üniv. Bibl. II, 93 n. 62. 



240 I^io Schreibg^räthe und ihre Anwendung. 

therto, and lett yt stond III dajes togeiher and rest, and then 
ihou hast good ynke for texte letter." ^) 

Hier ist schon gar nicht mehr die Eede von der alten 
sorgfältigen Bereitung durch Kochen, noch auch von der Zu- 
that von Wein oder Essig. Von dem letzteren heifst es, dafs 
es für Pergament nöthig sei, nicht aber für Papier.*) Den- 
selben Unterschied macht ein von E. Steffenhagen mitgetheiltes 
Recept^) In anderen Anweisungen bei Rockinger S. 30. 34. 
35 scheint der Unterschied nur darin zu bestehen, dafs für 
Papier die Qualität geringer ist. S. 36 finden wir das Recept 
zu einem Tintenpulver, wie es die Apotheker maxjhen,*) 
S. 32 aber eine Anweisung für incatistum graecum d. i. ain 
Sfjoarcze varb dy Idain aus der veder gee sam ain har, aus 
ganz anderen Bestandtheilen. Ein Becept für „atramentum, 
non solum ad usum picturae, sed etiam ad quotidianas scriptu- 
ras" nennt nur Rufs mit Malerleim.*) 

Welche Sorgfalt auf die Bereitung der Tinte verwendet 
wurde, zeigt uns die vortreffliche Beschaffenhoit derselben in 
den älteren Handschriften. Als ein gesuchter, seltener Gegen- 
stand erscheint sie in einem Briefe an Wemher von Tegem- 
see^: Äudivi apud vos haberi incoMstum, pro quo rogate do- 
minoSf ut ex parte stm quisque aliquid mihi iransmittat. Auf 
alten Handel mit Tinte deutet der Satz in der Ordnung des 
Zolles zu Aosta unter Bischof Giso um 960 : de sauniata aira- 



') Wright and Halliwell, Reliquiae Antiquae I, 317 e cod. scr. a. 1511. 

*) Le M^nagier de Paris, traitö de morale et d'^conomie domestique 
composä vers 1393 par un bourgeois parisien (Paris 1846) II, 275. Vor- 
her S. 265 und 274 Recepte, u. S. 250 f. Tinte, die erst durch Erhitzung 
sichtbar wird. 

*) Anz. d. Germ. Mus. XVIII, 374. Sp. 375 noch ein anderes. 

^) Dergleichen Unten ptUver wurde für die Kanzlei des Herzogs von 
Straubing gekauft, Rockinger S. 49 Anm. 1. Für 1 fl. bekam man 18 ü 
nach einem Leipziger Inventar von 1503. Anz. d. Germ. Mus. 1881 Sp. 301- 

^) In dem sog. Heraclius (Quellen f. Eunstgesch. IV ed. Ilg) S. 89 
in dem späteren Theil III c. 53. Der Veroneser Humanist Feiice Feliciano 
giebt Recepte für Tinte und Farben bei R. Schoene, Ephemeris epigr. 
I, 266 ff. 

") Günthner, Geschichte der litterarischen Anstalten in Baiem, I, 240. 



Tinte. 241 

menti 1 den, d. i. der niedrigste Zollsatz. Es scheint sich um 
einen Thorzoll für den Verkauf in der Stadt zu handeln. ') 

Aus späterer Zeit pflegt man gerne die Klage Petrarca's *) 
anzuführen: Oirca quintum et vigesimum vitae annum inter 
Beigas Hdvetiosque festinans, cum Leodium pervenissem, audüo 
quod esset ibi bona copia libromm, sübstiti comüesque detinui, 
donec unam Oiceranis oratianem manu amici, aUeram mea 
manu scripsi, quam postea per Italiam effudi, et ut rideas, in 
tarn bona tnvitate barbarica atramenti aliquid y et id croco si- 
miüimum, reperire magnus labar fuit. Man benutzt diese Stelle 
gewöhnlich, um den tiefen Verfedl der Studien vor dem Auf- 
treten der Humanisten anschaulich zu machen. Allein das ist 
ein gänzUcher Fehlgriff. Geschrieben wurde damals aufser- 
ordentlich viel; daran fehlte es nicht Auch sind gerade aus 
jenen Gegenden in demselben 14. Jahrhimdert die herrlichsten 
kalligraphischen Prachtwerke hervorgegangen, deren glänzend 
schwarze Tinte den Neid der modernen Schreiber zu erregen 
geeignet ist Nur dadurch kann deshalb jene Schwierigkeit 
entstanden sein, dafs Tinte nicht käuflich war; sie wurde für 
die Kanzleien und Schreibstuben bereitet,') und was man kau- 
fen konnte, war schlecht, wie leider heut zu Tage in der Regel 
auch. Doch werden wir auch in Betracht zu ziehen haben, 
dafs gerade damals (1333) die schweren Kämpfe der Lütticher 
mit ihrem Bischof Adolf von der Mark eben überstanden waren^ 
durch welche die Stadt sehr gelitten hatte, so dafs ein all- 
gemeiner Schluis aus jener Bemerkung unzulässig ist 

Die Brüder vom gemeinen Leben, welche die fieifsigsteu 
Schreiber des ausgehenden Mittelalters waren, gaben deshalb 
ihrem Ubrarius die Vorschrift:*) Item habeat sollicitudhiem de 
incausto braxando cum deputato sibi coadjutore, et quaerat 



*) Oallia Christiana XIIi>, 485. Diese Stelle, wie noch viele andere, 
verdanke ich E. Dümmler. 

«) Rer. senil. XV ep. 1, p. 448. 

') So in den Hamburger Kämmereirechnungen I, 433 a. 1386: XV 
8oh pro maieriedibus ad incaustum. In der Pariser Steuerrolle von 1292 
(ed. G^raud p. 506) ist eine encriere. 

*) In dem 1494 gedruckten Reformatorium, Serapeum XXI, 189. 

Watten bach, SchriftweBen. 8. Aafl. 16 



242 I^i^ Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

utique ut bonum incaustum fiat, quia facäe boni libri prapter 
malum incaustum annichüatUur. 

Von den Bezeichnungen der Tintenfässer haben wir die- 
jenigen schon erwähnt, welche von den Kohren und Federn her- 
genommen sind. Pollux X, 60 hat den Ausdruck fisXavdoxov 
(accus.); auch (leXavöoxfl, fisXavöoxstov kommen vor, im Epi- 
gramm des Phanias ßgoxlg von ßQix^iv\ auch /leXavßQoxop. ^) 
Lateinisch ist airamentarium. Ezechiel IX, 2 sagt: et aira^ 
mentarium scriptaris habebat in lumbis suis (vgl. oben S. 225), 
und Balthasar Schlauch verkündet in den Epistolis obscurorum 
virorum 1. 11 ep. 30 voll Freude, dafs er daran Johann PfeflFer- 
kom erkannt habe, quia Joannes Pfefferkorn semper habet aira- 
mentarium secum, et scribit in predicationibus vel conventiculis 
autoritates et notabüia. Angilbert schenkte seinem Kloster Cen- 
tula oder St Kiquier atramentarium Optimum argenteum auro 
paratum.*) Von incaustum abgeleitet ist das incausterium, 
welches sich die Hamburger 1387 kauften.^) 

Häufig war es ein einfaches Hörn, welches durch eine 
Oeffiiung des Schreibpultes gesteckt wurde, wie man das auf 
vielen Abbildungen sieht Dem EvangeUsten Johannes fireilich 
hält ein Adler ein grofses Tintenhom im Schnabel,^) und 
Hraban hat das seinige neben sich an der Wand befestigt^) 
Siegfried, 1168 zum Erzbischof von Bremen erwählt, schrieb 
an Adalbert von Salzburg, ihn an die alte Freundschaft er- 
innernd: Fostmodum autem comu domini Danielis episcopi cum 
stüo argenteo mihi transmisistis. ') Bischof Daniel von Prag 
ist gemeint, der 1167 gestorben war. Lambert von Ardre sagt 
am Schlufs eines Abschnittes seiner Chronik:^) exhausto comi- 



*) Not et Extr. XXIII, 2, 448. 

*) D'Achery, Spicilegium ed. II. III, 306. MG. SS. XV, 1, 177. 

') Eoppmann, Hamb. Kftmmereirechnungen I, 459. 

*) Benedictionale Aethelwoldi, Archaeologia XXIV PI. XIY. 

*) Schwarz, de omamentis libronim Tab. I ex vet codice. 

•) Sudendorf, Registnim I, 81. Es war schwerlich ein wirkliches 
Hom; ain hupferein hören kommt bei Rockinger S. 39 vor, S. 41 comu 
stagneum. 

^) Cronique de Guinea et d'Ardre (bis 1203) publ. par le Marquis 
de Godefroy M^nilglaise (Paris 1865) S. 85. MG. SS. XXIY, 579. 



Tinte. 243 

ado pennam siccam siMrahimus. Ein Spottgedicht des 13. Jahr- 
hunderts schlieM: 

Puso comu, foho rupto quod planavi, 
Fracta penna, tedio coactus cessavi. ^) 

Eine Münchener Handschrift (Bat civ. 1876) , welche die 
Aebtissin von Niedermünster 1337 kaufte, hat mit rother Farbe ^ 
die Unterschrift: Script or scribebat puellaque comu tenebat. Es vi'M^i 
würde das wohl für beide langweilig geworden sein, wenn es a~" 
wahr wäre. 

Der Karthäuser erhielt zwei comua, wohl für rothe und 
schwarze Tinte, und so sind häufig auch die Schreiber ab- 
gebildet Joh. de Garlandia nennt comu cum incausto unter 
dem Schreibgeräth, und Conr. de Mure sagt 1275: Unde dicor 
muSj quod quelibet professio habet sua instrumenta; arma et 
gladius sunt militis instrumenta, subtde et forme sutoris, cunis 
peUifids, penna et comu scriptoris^ libri et littere clerici in- 
strumenta. *) 

Von comu wird comictUarius abgeleitet, von dem Cassio- 
dor Yar. XI, 36 sagt: Praefuit enim comibus Secretarii Prae- 
toriani, unde ei nomen derivalur. 

Davon kommt französisch comet\ in der Pariser Steuerrolle 
von 1292 sind 2 cometiersj wovon einer als feseur de comes 
bezeichnet wird. ') In einem englischen Glossar saec XY. steht 
hie comu (sie) a home\^) vollständiger sagt man inkhom\ 
deutsch blackhom (oben S. 233). ^ 

Ein allgemeiner lateinischer Auädruck ist scriptorium, der 
vorzügUch in Frankreich üblich war und in icritoire überging. 
Er kommt in der Eegel de;* Canoniker von St Yictor und in 
der Begel der Karthäuser vor. Auch Ordericus Yitalis*) im 
Anfange des 12. Jahrhunderts rühmt von dem Abt Osbem 
von St Evroul: Juvenes valde coercebat eosque bene legere et 



') Anz. d. Oenn. Mus. XYII, 363. 

*) Quellen z. Baier. Gesch. IX, 457. 

*) Gdraud, Paris sous Philippe-ie-Bel, p. 602. 500. 

«) Wright, Yocabularies S. 210. 

») III, 7 ed. Le Pr^vost U p. 94. 

16* 



244 l^io Schreibgeräthe nnd ihre AnwenduDg. 

pscUlere cUque scribere verbis et verberibus cogebcU. Ipse pro* 
priis manibus scriptoria pueris et indoctis fäbricabat, tahtdas- 
que cera üUtas praeparahat 

Auch in Tegemsee wax der Name üblich, *) und ebenso das 
entsprechende deutsche Wort Schreibzeug. Dafs dieses häufig 
dazu eingerichtet war, auch Rohre und Federn auJEsunehmen, 
sahen wir schon oben S. 225, und so bezeichnet auch Paulus 
Silentiarius VI, 65 das seinige, welches viele Oefl&iungen hatte, 
um die Bohre hineinzustecken: 

Eai xlcxtjv ücoXxHOJta gieXavöoxov, elv hvl jtävra 
EvYQatpioQ xixvfjq OQyava QvoiiivTjV. 

5. ßothe Farbe. 

Schon von den alten Aegyptem wurde die rothe Farbe 
gebraucht, um die^Abschnitte in den Handschriften besser her- 
vorzuheben. Davon ist b^i den Römern das Wort rubrica ge- 
bildet, dessen frühe Anwendung in übertragener Bedeutung*) 
die allgemeine Sitte erkennen läXst^) In den päbstiüchen Re- 
gistern heifsen die Indices rubricdl<ie. 

Auch zur Verzierung wurde die Farbe gebraucht, und an 
den rothen index oben S. 132 reihen sich die von Aldhelm als 
virgihsch angeführten Eingangsverse eines Gedichts:*) 

Carmina si Aierint te judice digna £avore, 
Reddatur titulus purpureusque nitor. 

Sin minus, aesti^ poteris convolvere sardas, 
Aut piper aut calvas hinc operire nuces. 

Hier ist vielleicht die Färbmig der Ueberschrift gemeint, 
welche wir in den ältesten Handschriften gerne abwechselnd 
mit rothen und schwarzen Zeilen geschrieben finden. In Haud- 



*) RockiDger, Zum baier. Schriftwesen S. 50. 

«) Bei Pers. V, 90 für Gesetz. 

■) Pöbelhafter Weise wird in der Chronica regia Colon, (p. 2 ed. 
Waitz) der Gebrauch des minium bei Initialen auf Phoenix, Bruder des 
Cadmus, zurückgeführt 

*) Anthol. ed. Riese n. 675; bei Muratori, Anecdota ex Ambros. 
bibl. codd. II, 211 irrthümlich Theodulf beigelegt. 



Hothe Farbe. 245 

Schriften der Classiker aus den ersten Jahrhunderten pflegen 
die ersten Zeilen der Bücher roth zu sein, so im Wiener Li- 
vius,*) im Florentiner Virgil,*) in jedem Buch des Ashbumh. 
(Lyoner) Pentateuchs, in den Tractaten Friscillians drei Zeilen, 
im Pariser livius fiinf Zeilen. ') Drei rothe Zeilen am Anfang 
jedes Buches der Bibel sind in dem Palimpsest unter Ephraem 
Syrus (ed. Tischendorf 1845), zwei am Anfang jedes Evange- 
liums in den beiden ältesten Codices (Bodl. und Corp. Christi) 
aus Canterbury. 

Wichtiger ist die Anwendung der rothen Farbe zur besse- 
ren UebersichÜichkeit des Textes. Hieronymus in der Vorrede 
zu seiner Chronik erwähnt die virgtdas rebus pariter ac nu- 
meris intertextas, d. ^h. entweder einzeln eingestreute Be- 
merkungen, oder auch nur Zeichen, welche in gleichen Formen 
zu den Zahlen und zu den geschichtlichen Berichten gezeichnet 
waren. Die Schreiber, ermahnt Hieronymus, sollen Acht geben: 
proiU qucieque scripta suni, diam colorum diversüate serventur. 
Er giebt auch den Grund an: Id enim dacuhratum est, quo 
regnorum tramites^ qui per vicinitatem nimiam paene mixti erant, 
distinctione minii separarentur. Diese Form ist nach dem Heraus- 
geber A. Schoene im Cod F. erhalten, später, etwa im An- 
fang des 6. Jahrhunderts, habe dann ein Granmiatiker alle 
Historien in einem fortlaufenden Spatium vereinigt, und in 
der Vorrede eine Stelle eingeschaltet, in welcher Anleitung ge- 
geben wird, durch verschiedene Verbindungen von Both imd 
Schwarz den einzelnen Bemerkungen ihre Stelle anzuweisen. 

Ganz allgemein war im Mittelalter die Sitte verbreitet, 
nicht nur die Abschnitte durch rothe Rubriken hervorzuheben, 
sondern oft auch jedes irgend bedeutendere Wort mit einem 
rothen Strich zu bezeichnen. In dem Schachbuch von 1355 
(oben S. 226) heilst es S. 162: 

') S. Archiv der Gesellschaft, f. alt d. Gesch. IV, 520, Silvestre, u. 
die neueren palftogr. Werke. 

*) Facs. bei 8ilvestre. Kouveau Trait^ 11, 110, wo dasselbe vom 
Vaticanischen Yirgil, dem Cyprian und Augustin in Saint -Germain be- 
merkt wird. 

*) Facs. bei Ghampollion-Figeac, Pal^gr. des Glassiques Romains. 



246 ^6 Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

und um daz ich di stricke 

baz ordinlich geschicke 

dis buchis, und als mich duchte^ 

die rede baz irluchte, 

des wil ich es tüdin 

mit parten und capitelin. 

Natürlich sind diese Abschnitte mit Both hervorgehoben. 
Paul Lang mufste als junger Mönch in Bosau die neuen ge- 
druckten Bücher so bearbeiten. *) Aber auch in weiterem Um- 
fange wurde die rothe Farbe angewandt In einem Cod. saec. V. 
von Gregors I Registrum sind die Daten roth,^ was auch 
sonst vorkommt Sehr oft ist der Text roth geschrieben, der 
Commentar schwarz. In Beuchlin's Codex der Apocalypse, etwa 
saec. Xn., jetzt in Maihingen, ist der Text nur durch rothe 
Häkchen bezeichnet, und das erste Wort roth ausgezeichnet; 
daneben steht am Bande roth xsl/isvoVf und wo der Commen- 
tar beginnt, BQfirjvela.^) Aber in einer Baseler griechischen 
Handschrift in alter Minuskel ist der ganze Text des Gregor 
von Nazianz roth, der Conmientar des EUas von Kreta schwarz.^) 
Auch der dreibändige Commentar Cassiodors zu den Psalmen 
in der Bobienser Bibliothek war cum texto rtibeo psdlmorum 
geschrieben.^) Beda's Commentar zum Marcus saec. "Vjull. in 
libri's Catalog S. 32 n. 139 enthält den Text in rothen Un- 
cialen (Pacs. pl. V); in rother Minuskel, vom schwarzen Com- 
mentar umgeben, der 1067 geschriebene Commentar des Bemi- 
gius zu den Paulinischen Briefen, ib. S. 259, und ähnlich der 
Servius saec. XIV., S. 210 n. 935. Auch in einer Augsburger 
Handschrift saec. XIE. von Hieronymus* Commentar zum Jere- 
mias sind die Textworte roth.^) In dem Sanctgaller cod. 21 
saec. XII. ist Notker's Psalmenübersetzung schwarz, der Text 



») Neues Archiv f. Sachs. Gesch. XIII, 282. 
«) Eccl. Colon. Codd. p. 36. 

•) Fr. Delitzsch, Handschriftl. Funde I (1861) mit Facsimile. 
*) Serapeum XVII, 182. 

') Inventar von 1461, bei Peyron vor seiner Ausgabe der Gicer. 
Fragmente (Stuttg. 1824) p. 13. 

^ Mezger, Gesch. d. k. Bibl. iu Augsburg S. 64. 



Rothe Farbe. 247 

roth, dagegen in einem Psalter in Cambridge die angelsäch« 
sische Interlinearversion roth. ^) In dem schön geschriebenen 
Commentar zu den Paulinischen Briefen saec. IX. in München 
(13038) ist der Text theils roth, theils in Majuskel geschrieben. ') 

Ganz roth geschrieben in karoUngischer Minuskel ist der 
cod. Harl. 2795 der Evangehen (Catal. p. 31), und Fragmente 
Paulinischer Briefe in Hamburg und in London in schöner 
griechischer Unciale des 9. Jahrhunderts sind auch ganz roth 
geschrieben, der Titel vergoldet.') In Paris ist Heg. 54 saec. XV. 
eine Evangelienhandschrift^ griechisch und lateinisch mit rothem 
Text; aus dem Alten Testamente angeführte Worte sind blau 
(Süv. n, 38). 

Fehlt es also hierfür nicht an Beispielen, so ist doch eine 
so ausgedehnte Anwendung der rothen Farbe immer eine Aus- 
nahme. In später Zeit, als die Parallelchroniken der Kaiser 
und Päpste aufgekommen waren, findet sich zuweilen Mennich 
für eine ganze Hälfte des Textes angewandt; ebenso auch die 
damals sehr beliebte blaue Farbe. Beide waren vom 13. Jahr- 
hundert an regelmä&ig für die AnfSängsbuchstaben und sonstige 
Verzierungen in Gebrauch; darum heifst es in dem oft erwähn- 
ten Wörterbuch*): Minium, rote dint, est color rubeus, quo 
dqnngi solent litterae capitales. Laeurium, pla dint, est 
color plaveus vd coelestiSf quo etiam depingi solent litterae 
capüales. 

Die Berliner Bibliothek besitzt eine Handschrift saec. XHL, 
worin Catonis disticha roth, dann eine Umformung in leoni- 
nischen Versen grün, und eine Umdichtung in provenzalischer 
Sprache schwarz geschrieben ist. Prof. Tobler wird darüber ge- 
nauer berichten. 

In den Handschriften italienischer Humanisten erscheint 



*) Univ. F. f. 1. 23 bei Westwood, Anglo-Saxon Psalters N. 1. 

*) Gatal. Monac U, 2, 95. 

*) Tischendorf, Anecd. S. 175. 

^) Serapeum XXIII, 279, wo lazarium steht, aber der von W. Wacker- 
nagel 1847 zur Begrüfsung der Philologenversammlung in Basel gedruckte 
Vocabularius optimus saec. XIY. liegt jenem zu Grunde, und da steht 
S. 29: Jaswrum Uauanoe. 



248 ^^6 Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

anstatt des lebhaften, dick aufgetragenen Mennichs eine rothe 
Tinte, welche der heutigen Tages üblichen gleicht Dagegen 
ist in alten Handschriften aus den Uebergangszeiten und bis 
ins 10. Jahrhundert hinein das Koth häufig blafs und ohne 
Lebhaftigkeit. 

Der griechische Name ist /leXdvcov xoxxivovj aus welchem 
Pabricius, Du Gange folgend, mifsverständlich einen Schrift- 
steller Melanins Cocinus gemacht hat. Es findet sich nämUch 
im Cod. Keg. 1261 (jetzt 2224) ein Recept gegen das Fieber, 
welches abergläubischer Weise mit rother Tinte geschrieben 
werden sollte: ^EQ/ifjvela Jtdvv cifftjiifiog slg xov jtvQerov yQa~ 
q>Brai 6h ovtcog (lera (isXavlov xoxlrov. In den Hieroglyphicis 
von HorapoUon wird von einer Hieroglyphe gesagt: MiXav xai 
xoxxivov xal Cxolviov ^a)YQaq>ovöi, und wirkUch ist es eine 
Schreibtafel mit einem schwarzen und einem rothen Napf und 
einem Rohr. Durch einen Schreibfehler aber ist schon in alter 
Zeit xoöxivov gesetzt, und eine lächerliche Erklärung daftir 
erdacht 

Beides ist von Brunet-de Presle nachgewiesen, in den 
Comptes rendus de TAcad^mie, 1865 S. 172. Sp. Lambros 
hat dazu im Parnassos I, 503 (JuU 1877) auch den Melanins 
Maurus angefiihrt (Coxe, Catal. Bodl. UE, 42), entstanden aus 
dem B.ecepte: öxevaöla fieXaviov fiatQov, 

Ursprünglich verschieden davon ist die Purpurtinte, 
xivvaßaQiq, sacrum incaustutn, in Byzanz, deren Gebrauch dem 
Kaiser vorbehalten war. Im Cod. Just. 1. 6 c. 1, 23 steht: 
Sacri affatus quoscunque nostrae manstidudinis in quacunque 
parte paginarum scripserit audoritaSj non alio vultu penitus 
aut colore nisi purpurea tantummodo inscriptione lustrentur, 
scilicet ut codi murids et trüi conchylii ardore signentur. 
Anderen war der Gebrauch bei Todesstrafe verboten. Und noch 
Basil. n, 5, 26: dviöxvQog törco ßacihxfj xtjQBvovCa dvtc- 
YQaq)^l vjcoyQa<pfjg x^^og ßaöiXixfg r^g ^g iyxavrfjg iöxavaCfii- 
vfjg xoxXov, Diese geheiligte Tinte wurde verwahrt im xavl- 
xXeiov, in älterer Form (Lyd. de mag.) xaXXlxXiov aus dem 
lateinischen cdliculus (Cassiod. Var. XI, 36), dem Tintenfafs 
des Praefectus praetorio, wie W. Meyer nicht nur nachgewiesen, 



Rothe Farbe. 249 

sondern auch dui*ch eine Abbildung desselben auf einem Dipty- 
chon gezeigt hat (s. oben S. 52). Es hatte einen eigenen 
Kammerherm zum Hüter: 6 i^l xavixXelov^ canicUnus. Rage- 
win bezeichnet ihn Gesta Frid. lü, 47 als unas de servis pa- 
UUii, caniclintis viddicet, qtiem nos canceüarium dicere possu- 
mus, Reichsvormünder unterzeichneten grün, mit ßatQüc^Btov 
XQ^l^^' Iiu Jahre 1277 unterzeichnete auch der Patriarch mit 
Zinnober. 

Eusebius ad Carpianum nennt jedoch auch die rothen 
vjioöTjiiUciöBiq der Bücher öia xivvaßdQscoq, und es scheint 
häufig kein Unterschied wahrnehmbar zu sein, wie auch Mont- 
faucon aus eigener Anschauung versichert. *) Ursprünglich war 
nämhch die Kaisertinte nach den Stellen der Alten wirkliche 
Purpurfarbe; aber die mag aufser Gebrauch gekommen sein, 
als die Purpurfabrikation selbst aufhörte. Theophilus I, 41 
giebt richtig an, dafs cenobrium aus Schwefel und Quecksilber 
bereitet werde, minium (c. 44) aus Bleiweifs, aber die Aus- 
drücke sind in alter Zeit nicht immer unterschieden, vielmehr 
erscheinen xivraßaQig und minium oft als gleichbedeutend und 
sie wurden auch gemischt.') 

Ueber die älteste bekannte Art kaiserUcher Unterzeichnung 
mit legi oder legimus s. oben S. 195. Sie wurde von Karl 
dem Kahlen nachgeahmt.') Die Unterschrift seiner Urkunde 



*) In dem Glossar Kot. et Extr. XXIII, 2, 449: xivvaßuQiq miniumy 
•) Vgl. hierzu Fr. Delitzsch, Handschriftl. Funde II, 58—61, und 
in der Deutschen morgenl. Zeitschr. 1863 S. 675 — 681: Ueber die rothen 
Farbstoffe der Alten (auch über kaxäqj lacca, Cochenille), und die von 
Rockinger S. 36 ff. aus dem Liber illuministarum mitgetheilten Recepte. 
Auch cod. lat Monac. 7623 saec. XII. et XIII.: Ratio faciendi cinnabar 
minium äliaque pingenti et seribenti necessaria, Dr. K. Hamann theilte 
mir aus einem alten Pergamentblatt saec. XV. mit: „Rubrica eo modo pre- 
paratur: Accipe zinnober et tria particula mennige, et zinnober in modum 
farine contrito. Commixtio earum rerum fiat, exsiccate vero ita reserventur, 
et semper apponatur ad commi mediocris quantitatis unius pise." 

*) Vgl. dviyvcDV in figypt. Papyrus (Not. et Extr. XVIII, 2, pl. XLV, 
pap. 69), und legimus des Erzbischof von Ravenna bei Marini, Pap. Dipl. 
Tab. XX, und dazu die Bemerkungen S. 366. 367, wonach es im 12. Jahrh. 
die gewöhnliche Unterschrift der Erzbischöfe bei Emphyteusen war. 



250 ^i<) Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

für das Martinskloster zu Tours , welche er noch als König 
ausstellte, ist auf dem Facsimile des griechischen Briefes unter 
dem legimus des griechischen Kaisers gegeben; ebenso erscheint 
es auf der Schenkung von Saint-Eloi an die Pariser Kirche vom 
12. Mai 846, üeics. im Mus^e des Archiyes S. 30 und 877 für 
Arezzo (C. Paoli, Progr. scol. ü, 74). Die Stiftungsurkunde 
für Compi^gne bei Mab. S. 406, Tab. XXXT hat dasselbe Wort, 
aber hier ist aufserdem auch das Monogramm des Kaisers roth. 
Bei Ludwig VI 1127 sind die erste Zeile und das Monogramm 
roth (Mus^e des Arch. S. 50). 

Die Briefe griechischer Kaiser an römische Päbste von 
1124, 1126 und 1146^ in Gold auf Purpur, mit lateinischer 
üebersetzimg, ^) haben als Unterschrift nur das mit Zinnober 
geschriebene Datum, die späteren von 1277 an die vollständige 
Unterzeichnung des Namens. Dieselbe nebst dem rothgeschrie- 
benen Datum schon 1192 die von Kaiser Isaak bei Jos. Müller, 
Documenti sulle [relazioni delle dttä Toscane coli' Oriente 
(Eirenze 1879). Diese ist femer zu sehen von Andronicus a. 
1286 bei Pasini I, 360, von 1428 bei Pasquale Placido, >) und 
von 1451 in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie VI, 
531 in einem schönen Facsimile; bei Montfaucon p. 301 die 
Unterschrift der Kaiserin Irene Ducaena, kurz vor 1118, unter 
dem Typicon, der B.egel für das von ihr gestiftete Nonnen- 
kloster. ') Als die Berechtigung auf Prinzen und Despoten aus- 
gedehnt wurde, behielten doch die Kaiser das fitjvoXoyBtv, die 
roihe Schrift des Datums sich vor.*) 

Nachgeahmt wurde diese Sitte von den langobardischen 
Fürsten in Unteritalien, deren Monogramme minio ducta sind, 
wie Gattola an Mabillon schrieb,*) und von den sicilischen 

^) Theiner u. Miklosich (oben S. 138) mit Schriftprobe des Briefs 
von 1146. 

') Illustrazione di tre diplomi Bizantini, Nap. 1862. 

*) Omont, Facs. des plus anciens mss. de la Bibl. nat. pl. 49. 

*) ünterschr. des Despoten Demetrius von 1450 bei P. Placido 1. c. 

") Valery, Correspondance de D. Mabillon m, 163. Rothe Chrismen 
und Monogramme im Beneventer Archiv, Neues Archiv I, 139. Garini, 
La Porpora, S. 49 if. Das fjirjvoXoyeTv kommt bei ihnen und den sicilischen 
Königen nicht vor. 



Goldschrift 251 

Königen nach folgender Stelle einer Urkunde von 1142: Unde 
ad certütidinem dicte sententie posuimus nostra sigülaj et Do- 
minus Rex posuit suum Signum per litteras rubecis, et signum 
Crucis fecU ad suam confirmatianemj et fecimus instrumentum 
Episcopo et Domino GHberto cum alphabeto cum incastro rubeo 
de donatione et contractibus.^) 

Auch die serbischen Fürsten des 14. Jahrhunderts, Stephan 
Duschan, Symeon Urosch, Maria Angelina, unterzeichnen roth. *) 

Die griechischen Kaiser, unter welchen mehrere Kalligra- 
phen waren, bedienten sich dieser Tinte auch für die heiligen 
Schriften. So ist in der Curzon library ein Evangeliar, welches 
Alexius und Emanuel Comnenus geschrieben haben sollen. 
Darin ist die erste Seite gemalt, die zweite und dritte mit 
Purpurtinte geschrieben und mit Gh>ldstaub übergoldet ') Durch 
solchen Ursprung erklärt sich vielleicht auch die rothe Schrift 
der oben S. 247 erwähnten Fragmente. 

6. Goldschrift 

Goldschrift war schon im Alterthum behebt ^) Der SchoUast 
zu Pindars Oljrmp. VH sagt: TavtTp^ tfjv (p&fjv dvaxslöd-al g>f]öi 
roqycov kv X€p tfiq Aivdlaq jid'fjvag UqS xp^fTorg yQdfifiaöi. 
Die Goldschrift der dem K. Ptolemaeus Philadelphus überreich- 
ten heihgen Schriften der Juden wurde schon oben S. 112 er- 
wähnt Plutarch (Quaestt symp. Y. 11, 9) erzählt nach Po- 
lemon von Athen: Iv rm Zixvmvlcp d^Cavqm XQVöovp dpixsito 
ßißXlov jiQiörofidxfjg dvddtjfia rfjq lEQvd^Qalag jtoiijtQlaq "löd-giia 
vsvixrpevlag. Bei Gajus (Instit ü, 77) erscheinen solche Hand- 
schriften als etwas gewöhnUches. Wenn Sueton (Nero c. 10) 
Gedichte des Nero erwähnt, die „aureis htteris Jovi CapitoUno 
dicata'^ wurden, so bleibt, wie bei Pindar, das Material zweifel- 



>) Apnd Bochum Pirrum tomo I. Notit SidL p. 311, bei Da Gange 
B. ▼. Encanstnmy I, 390 ed. tertiae. 

") Revue Archöologiqne, Mars 1864. 

') A Catalogue of the Gnrzon library p. 24. 

^) S. Charles Graux, üne Olympique de Pindare toite ä Teuere d'or, 
Revue de Philologie, Apr. 1881. V, 117—121. Daraus sind die folgenden 
Stellen genommen. 



262 Die Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

haft. Charax^) erklärte das goldene Yliefs fied-odov elvai 
XQvCOYQag)lag fisfißgavaig IfixeQisiXfj/ifiivfjv, doch ist das viel- 
leicht Verwechselung mit einer Anleitung zur Goldmacherei. 
Ueberall angefiihrt wird der von Zonaras erwähnte angeblich 
auf ein bvtsqov ögaxovxoq mit Gk)ld geschriebene Homer. 

Im byzantinischen Beiche wurde diese Kunst noch häufiger 
geübt als im Abendlande. Bald schrieb man ganze Hand- 
schriften in Gold, bald nur die Ueberschriftien oder die ersten 
Seiten, den übrigen Text häufig in Silber, wovon schon oben 
beim fisirbigen Pergament manche Beispiele gegeben sind. ') Auf 
diesem konnte man natürUch nur solche Schrift brauchen. Man 

nannte es XQ^^^7Q^^^^ ^^^^ XQ^^^7Q^(^t^^^> ^^^ ®8 &^ eigene 
XQV(ioyQaq>ot, XQvöoyQatpelq. * Montfaucon (PaL Gr. p. 5) theilt 
aus griechischen Handschrift;en Becepte mit und versichert, dafs 
man gelungene Versuche damit gemacht habe.') Schreiben soll 
man mit dem Pinsel, ^ara C,(OYQag>ixov xovöiXlov; Theophilus 
aber, der auch Becepte hat, spricht nur vom Schreiben.*) In 
Brescia ist ein Evangeliencodex aus Santa GiuUa, den die 
Nonnen als Bremariutn Ansäe reginae bezeichneten, mit Silber 



') Gitat bei Eustath. ad Dionys. Perieg. 

*) Vgl. Montfaucon, Palaeogr. p. 4. Ein Verzeichnifs so geschrie- 
bener biblischer Handschriften bei Bianchini, Evangeliarium Quadruplex 
(Romae 1749 f.) 11 fol. DXCI—DXCVIII: De codicibus aureis, argenteis 
ac piu-pureis. Nouveau Trait^ II, 101 ff. Pal. Society I, 131 aus Vat 
gr. 1208. Psalt litt auratis scriptum, mit Bildern, saec. XII. Paris. Suppl. 
Grec 260. 

') Muratori Antt lY, 692 ed. Aret giebt drei Recepte, darunter 
eins für scriptio simüis auro; Boehmer eine Prcteparatio auri ad scri- 
bendum in Mone's Anzeiger für Kunde der Vorzeit Y, 90 ex cod. Lugdun. 
saec. XL Vgl. auch Nouveau Traitö II, 107. Bandini Godd. latt II, 419 
fuhrt aus einem cod. Prisciani saec. XII an: Batio faciendi Uttercui au- 
reaa et rosas, d. h. rothe Verzierungen, Rosetten. Verse anf. Scripiuram 
pulchram si quis sibi scribere quaerit Ex auro werden angeführt e cod. 
S. Amandi saec. XII. Archiv VIII, 436, Mangeart n. 145, u. e cod. Monac. 
Rockinger S. 48. Bei diesem S. 39 ff. viele Recepte für echte und un- 
echte Goldschrift. Die Verse sind gedruckt im Heraclius ed. Ilg S. 35, 
wo S. 81 Recepte fOr Goldschrift mit Unterlage. Vgl. auch Garini, La 
Porpora, S. 56 ff. 

^) I, 34 — 37 ed. Ilg; überall scribere , u. S. 81 tinges cahzmum. 



Goldschriit. 253 

auf Purpur geschrieben , die ersten Zeilen der Evangelien gol- 
den. Von diesem behauptet Garbellus/) dafs unter der ab- 
gesprungenen Masse Schrift mit Tinte sichtbar sei; auch sei 
die Masse, in der an einer Stelle eine Fliege eingehüllt sei, zu 
zäh und dick, als dafs sie aus der Feder habe geschrieben 
werden können. Aehnhche Yermuthungen findet man auch 
sonst, doch liest man nur von aurum de penna, und von Yor- 
zeichnung ist nirgends die Rede. Es ist jedoch in dem mit gro&er 
Pracht für Basilius 11 c. a. 1000 geschriebenen Psalter in Ve- 
nedig^ eine rothe Unterlage bei den vielen Goldbuchstaben 
deutUch zu erkennen, und ebenso in einer Berliner Handschrift, 
welche viel Goldschrift enthält Aber es ist nicht etwa Blattgold. 
Der Kaiser Artemius (713) gehörte zu den Goldschreibem, 
und Theodosius UI, der 717 entthront und zum Cleriker ge- 
schoren wurde, scheint sich in Ephesus mit Goldschrift be- 
schäftigt zu haben. ^) Dafs auch in Bom diese Kunst noch im 
10. Jahrhundert eiMg betrieben wurde, zeigen die Verse, welche 
Liudprand I, 26 dem Kaiser Arnulf in den Mund legt: 

Magnanimi proceres et clari Marte secundo, 
Arma quibus Studium fulvo radiäre metallo, 
Bomulidae sueti vacuis quod condere scriptis. 

Den Iren fehlte bei ihrer Kalligraphie das Gold,^) aber 
die Angelsachsen lernten von den römischen Missionaren auch 
diese Kunst Der kösthchen EvangeUenhandschrift, welche Erz- 
bischof Wilfiid von York machen liefs, wurde schon oben 
S. 135 gedacht Bonifatius bat die Aebtissin Eadburg, ut mihi 
cum auro conscribcts epistdlcis domini mei sandi Petri apostoli, 



') In dem Brief Aber diese Hs. vor Bianchini's Evangelium Qua- 
dniplex S. 5. lieber das Blatt am Anfang mit kritischen Bemerkungen 
zur gothischen üebersetzung s. M. Haupt im Ind. lectt Berol. aest. 1869. 

*) Wattenbach et v. Yelsen, Exempla p. 4. 

*) avToq ijv xal x^^'^oyQdipoq. Gedrenus p. 449. Ein Evangelienbuch 
in Goldschrift, welches Joh. Chrysostomus zugeschrieben wird, verzeichnet 
Sp. Lambros, Gatal. of the Greek manuscripts on Mount Athos (1895) 1, 30 
n. 326, vgl. die Nachtrfige. 

*) Vgl. Anzeiger des Genn. Mus. XVI (1869) S. 290. 



254 ^^6 Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

ad honorem et reverentiam sanctarum scrifturiMvm ante octdos 
camcUium in praedicando.^) 

Sehr schön ist das Krönungsbuch der angelsächsischen 
Könige, ein Eyangeliar, welches König Aedhelstan der Kirche 
zu Canterbury geschenkt hat; die drei ersten Seiten jedes Evan- 
geliums sind in goldener Capitalschrift, bei Matthäus auf Pur- 
pur. Es stammt wohl von dem Neflfen des Königs, Otto I 
von Deutschland, denn neben dem Anfang des Evangelium 
Matthaei steht f ODDA SEX:- f MIHTHILD MATER 
BEGIS : ' Es könnte auch in England geschrieben sein, doch 
hält Thompson (Catal. p. 35 — 37) es nicht für wahrscheinlich.*) 
Ein Psalterium lileris aureis et assuris scriptum et mirdbiliter 
luminatum schenkte Godfrid von Croyland, seit 1299 Abt von 
Peterborough, dem Cardinal Gaucelin.*) Hier scheint jedoch 
wegen der Erwähnung der blauen Farbe an Initialen gedacht 
werden zu müssen. 

Schon vor Karl dem Grofsen kam diese Kunst auch ins 
Frankenreich, und es wurde hier sehr viel und sehr schön in 
Gold und Silber geschrieben; vgl. oben S. 136. Eigenthümhch 
ist die Einrichtung einer Evangelienhandschrift des 9. Jahr- 
hunderts, in welcher alle Worte Christi mit Gold geschrieben 
sind. *) 

Gerne erhöhte man den Glanz des Goldes durch purpurnes 
Pergament, doch nimmt sich die Goldschrift auch auf weifsem 
Grunde recht schön aus, wie z. B. in der ganz in Gold ge- 
schriebenen EvangeUenhandschrift saec X. aus Cleve in der 
Berliner Bibliothek, Cod. theol. Lat. in fol. 260. Prachtvoll 
ist, um von der gro&en Menge nur wenige zu erwähnen, der 
Psalter Karls des Kahlen, früher in Zürich, jetzt in der Schatz- 



ep. 32 ed. Jaff^, Bibl. III, 99. 

«) Cott. Tib. A. 2. Westwood, The Coronation Oath Book of the 
Anglo-Sazon kings. 

•) Walter de Wytlesseye bei Sparke, Hist, Anglicanae SS. p. 173. 

^) Reg. 257, nach Nouveau Traitä II, 103. In Gremona waren 
nach dem Inventar des Bischofs Odelricus 984 JEvangeliorum textus aurei 
Volumen I. EpiscopMum henedictionum libeUi auro inscripti vcH. L 
Mon. Hist Patr. XIII. C. D. Longobardiae p. 1443; Arch. Stör. Lomb. 
1880 S. 264. Viele Beispiele gesammelt von C. Paoli, Progr. scol. II, 76 ff. 



Goldschria 255 

kammer in Wien. ^) Sehr schön ist auch der Evangeliencodex 
in Trier, den Ada, welche später fiir Karls des Grofsen Schwester 
galt, nach St Maximin gestiftet hat,^ und von besonderer 
Pracht mit reichstem Bilderschmuck das Echtemacher Evan- 
gehar, jetzt in Gotha, welches Otto 11 imd seine Gemahlin 
Theophano dort dargebracht zu haben scheinen, als 973 wieder 
Benedictiner an Stelle der Canoniker einzogen.') Von vorzüg- 
licher Schönheit ist die EvangeUenhandschrift, welche Heinrich III 
für die Speierer Kirche schreiben liefs und welche jetzt leider 
im Escorial sich befindet; das Gold strahlt noch jetzt in un- 
verminderter Frische.«) 

Dieser Luxus scheint auch in Frankreich behebt gewesen 
zu sein. Noch 1213 Uefs Abt Peter von Hautvilliers die Evan- 
geUen in Gold schreiben.^) In der Bibliothek des Louvre war 
nach dem Inventar von 1373 nicht nur die Apocalypse in Gold- 
schrift, ^) sondern auch Une Legende doree en meme lettre. 

Dagegen dürften die aureae läterae in der oben S. 232 
mitgetheilten Stelle des Daniel von Merkd sich wohl auf die 
Ausschmückung mit Initialen beziehen, und dazu stimmt auch 
eine Geschichte, die Odofredus (f 1265) erzählte:^) Dixit pa- 
ter fUio .... Vade PcMrisius vel Banoniam, et rntttam tibi 
annuatim centum libras. Iste quid fecit? Ivit Parisius et fecit 
Ubros auos babuinare de literis aureis. Denn ftir die Deutung 
auf kostbaren Bilderschmuck, durch welchen ja gerade damals 
Paris berühmt war, spricht auch eine andere Aeulserung des 



1) S. darüber W. Meyer, SB. d. Münch. Akad. 1883, S. 424—436. 

^ Prachtansgabe von K. Menzel etc. Leipzig 1889. 

') Bathgeber, Beschreibimg der Gemftldegalerie zu Gotha S. 6—20. 
Jacobs n. Ukert, Beiträge II , 28. K. Lamprecht, Der Bilderschmuck des 
Ck)d. Egberti und des Cod. Eptemacensis, Bheinl. Jahrb. LX (1881) S. 56— 112. 

*) Ygl. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit, 5. Ausg. II, 686. 
Neues Archiv VI, 284. 

*) Gallia Ghristiana IX, 255. 

^ 8wr parchemin noir, wie mir zu lesen scheint, also wohl ein altes 
Purpurmanuscript S. 102 der Ausgabe von Jos. van Praet Sonst aber 
enthalten diese Inventare keine Goldschrift 

*) Savigny, Gesch. des Bßm. Rechts im Mittelalter III, 533 (576 
ed. II). 



256 ^i® Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Odofredus: Hodie scriptores non sunt scriptoreSy imo pidares. 
Mit solcher Verzierung der Handschriften befafsten sich vor- 
züglich auch die Cluniacenser, denen neben dem übrigen kirch- 
hchen Luxus auch diese aureae liiterae zum Vorwurf gemacht 
werden in dem merkwürdigen JDiälogus inter Cluniacensem et 
Cisterdensem, in welchem um das Jahr 1150 die grölsere Ein- 
fachheit der Cisterdenser gerühmt wird. Da heifst es: aurum 
molere et cum iUo tnolito tnagnas capitales pingere liUeras, 
quid est nisi inutüe et otiosum opus? Augenscheinlich sind 
hier nur Initialen gemeint i) Der Bischof Svend von Arhus 
üefs im 12. Jahrhundert für das von ihm gestiftete Kloster Oem 
die schönsten Bücher schreiben und malen. Darüber steht in 
der Klosterchronik: Ipse fecit parari pergamenum, ipse canduxit 
scriptores et illuminatores et omnem curam et düigentiam ad- 
hibuit, ut nihil eis deesset. Et inde est quod in libris nostris 
sunt litter e auree et depicte, quod ordo nöbis facere non con- 
cedit, sed f actus ab aliis et in demosinam daias licet accipere. 
Das Verbot ist schwerUch immer beobachtet, wenigstens scheint 
die besonders schöne imd geschmackvolle Verzierung der Hand- 
schriften im Kloster HeiUgenkreuz bei Wien dort angefertigt 
zu sein. 

Die Wiener Bibhothek besitzt ein für den Herzog Al- 
brecht ni von Oesterreich im Jahre 1368 ganz in Gk)ld ge- 
schriebenes Evangeliar, mit der Schlufsschrift:*) Et ego Jo- 
hannes de Oppauia presbiter canonicus Brunnensis plebanus 
in Lantshrona hunc librum cum auro purissimo de penna 
scripsi, illuminaui atque deo cooperante compleui a. d. mül. 
trecentes. sexagesimo viij. 

Diese Erscheinung ist aber sehr vereinzelt Die kostbare 
Schrift mit diesem fein geriebenen Golde, welche aulserordent- 
Uch dauerhaft ist,^^ verschwindet im 13. Jahrhundert; die An- 

^) Mart. Thes. Y, 1584 u. 1607. Die Dominikaner beschränkten 
sich auf schwarz und weifs: enlumifUes de hlanc et noir ä VustAge des 
Frecheurs, bei Hiver de Beauvoir, La Librairie de Jean duc de Berry p. 25. 

*) Berichte und Mittheihingen des Alterthumsvereines zu Wien I, 97. 
Facs. bei Silvestre IV, 221. 

') Die Silberschrift ist lange nicht so dauerhaft, und erscheint jetzt 
meistens ziemlich geschwärzt. 



Gold8chrift. 257 

wendtmg von Gk)ld8chrift in gröfserem Umfang hört auf,*) und 
wo man sie noch findet, ist Blattgold auf eine Unterlage (PoU- 
ment) aufgetragen. Ein englisches Eecept dazu aus dem 
15. Jahrhundert lautet: For to wryte golde. Take grey pomys, 
grynde tft smaUe, temper yt ivüh gleyre as rede yrJce ys, and 
toryte iherunth; and qwhan yt ys drye^ ruh thereon gold or 
sylver, and os the metal ys, so yt wylle be sene, an than hörne 
yt unth a tosch (tooth) of a calf. ') Diese Methode ist lange 
nicht so soUde; leicht reibt das Gold sich ab, und der röthliche 
Untergrund kommt zum Vorschein. 

Briefe griechischer Kaiser in Goldschrift wurden schon 
oben S. 137 erwähnt Kaiser Nikephorus Phokas schrieb mit 
Goldschrift an Otto I,^) Romanos an Konrad ü,^) und ebenso 
Kaiser Manuel an Friedrich Barbarossa.^) 

Das oben S. 143 erwähnte Privileg für Christodulos, dem 
merkwürdigerweise der Name des Ausstellers fehlt, ist an dem 
mit Purpurtinte geschriebenen Datum als byzantinisch erkannt 
worden. Auch das angebhche Original der berüchtigten Schen- 
kung Constantins an den Pabst Silvester war in Gold geschrieben, 
wie Otto m in seiner merkwürdigen Urkunde vom Jahr 1001 
sagt: Haec sunt enim commenta ab iUis ipsis inventa, quibus 
Joannes dictconus, cognomenio digitorum muiiuSj praeceptum 
aureis lUteris seripsU, süb tüulo tnagni Constantini longa men- 
dacii tempora finxit,^ 

Eine Urkunde des Langobardenkönigs Aripert von 707 für 
den römischen Pabst mit goldenen Buchstaben erwähnt Paulus 



') Ein vereinzeltes Beispiel vom Ende des Mittelalters oben S. 138. 
Auch in den angeblichen Werken des Dionjsius Areopagita, welche 1408 
der Kaiser Manuel Palaeologns dem Kloster Saint-Denis-en-France schenkte, 
sind ganze Seiten in Goldschrift, Nouveau Trait^ II, 102. Die Hs. ist aus 
dem 11. Jahrh. Die Recepte freilich reden auch noch später von aurum 
de penna, 

*) Wright and Halliwell, Reliquiae antiquae I, 164. Aehnliche An- 
weisungen bei Rockinger S. 39. 

») Liudprandi Legatio c. 56. 

*) Wiponis Vita Chuonr. c. 22. 

*) Albertus Stad. a. 1179. Mon. Germ. SS. XVI, 349. 

*) Baronius ad a. 1191. Daraus Moi». Germ. DD. II, 820. 

Wftttenbach, Schrlftwesen. 8. Aufl. 17 



258 ^i® Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Diaconus YI, 27. Von einer Schenkung der Könige Hugo und 
Lothar an das Mailänder Ambrosiuskloster vom 15. Aug. 942 
berichtet Puricelliy dafs sie in Gold geschrieben war, wie auch 
andere Urkunden desselben Klosters, aber es ist nichts daran. ^) 

In England erhielt angeblich Glastonbury von St Edmund 
ein goldenes Privileg, und Neumünster 966 von Edgar, aber 
hier war die Au£seichnung den Empfängern tiberlassen; auch 
galten Copien und Fälschungen später als Originale. Vollends 
unwürdig der Anfuhrung sind die Nachrichten Ingul& von 
Croyland über die prächtigen Urkunden seines Klosters, seit- 
dem sein Werk als eine Fälschung des 14. Jahrhunderts ent- 
larvt ist*) 

Eine Urkunde von fiebert Guiscard für San Giovanni di 
Yoltumo, jetzt in der Barberinischen Bibliothek, in Goldschrift 
auf violettem Grunde, erwähnt Bethmann, Archiv XII, 495. 

Von deutschen Kaisern fuhrt der Chronist von Her- 
rieden eine Urkunde des Kaisers Arnulf in Gk)ldschrift für das 
Bisthum Eichstedt an,') doch bezweifelt Bresslau die Bichtig- 
keit der Nachricht Als unzweifelhaft echt anerkannt ist jetzt 
die Schenkung Otto's I an die römische Ejrche von 962, mit 
Gold auf Purpur geschrieben, aber unbesiegelt,^) und so war 
auch Heinrichs 11 nicht mehr im Original vorhandene Bestäti- 
gung mit Goldbulle.*) Der Dotal- Urkunde fiir die Kaiserin 
Theophano von 972 wurde schon oben S. 137 gedacht; sie ist 
nie besiegelt gewesen. In einer Urkunde Heinrichs in ist 
nach Archiv VIII, 6 die erste Zeile, die Unterschrift des Kaisers 



^) Mon. AmbroB. p. 282. Sie sollten in eorio piscis geschrieben sein, 
was Schwindel ist. Ausführlich handelt über diese und andere Urkunden mit 
Gold auf Purpur Sickel, Mitth. d. Inst. VI, 356 ff. u. Bresslau, Urkunden - 
lehre I, 899 ff. 

•) F. Liebermann im Neuen Archiv XVIII, 265—265. 

■) Anon. Haser. Mon. Germ. SS. VII, 256. 

*) Sickel, Das Privileg Ottos I f. d. Rom. Kirche, Innsbruck 1883 
mit Facs. Es war eine Copie zum Prunk, wie die folgende von Otto II. 

^) in Charta coloris viölati rübei, nach dem alten Yerzeichnifs bei 
Muratori, Antt. VI, 77. Dagegen sind die Privüegia aurea im Bobienser 
Inventar von 1461 bei Peyron de bibl. Bob. p. 64 u. 65 offenbar nur 
wegen ihres kostbaren Inhalts so genannt. 



Goldschrift 259 

und das Actum mit Gold geschrieben, allein nach der Mitthei- 
lung von Sickel *) ist das nicht ursprünglich, sondern nur eine 
spätere Spielerei. Nach der Vita Bennonis c. 20 ertheilte 
Heinrich IV am 30. März 1079 dem Bisthum Osnabrück ein 
Privileg in Groldschrift, ^) doch ist die Angabe nicht unverdächtig. 

Vollständig sicher dagegen ist die noch erhaltene Privi- 
legienbestätigung, welche Lothar lU am 22. September 1137 
auf Bitten des Abts Wibald für Stablo in Goldschrift ausge- 
stellt hat unter Konrad IH erhielt derselbe Abt am 23. März 
1147 für das Kloster Corvey eine aufserordenthch schöne Ur- 
kunde in Goldschrift auf purpurnem Pergament mit goldener 
BuUe (Stumpf 3543). *) Merkwürdig ist, dafs von derselben Ur- 
kunde ein zweites, ganz ähnliches, aber unbesiegeltes Exemplar 
1848 in Wien zum Verkauf aüsgeboten wurde, während auch 
noch andere Exemplare in gewöhnUcher Form vorhanden sind. 
Dafs auch Friedrich I am 18. Mai 1152 Wibald ein Privileg 
für Corvey in Goldschrift gewährt habe, ist eine unbegründete 
Angabe von Schaten.^) 

Die Schrift jener Urkunde Konrads ist Bücherschrift, wie 
die der Ottonischen, und es ergiebt sich also hieraus, dafs solche 
Prachtstücke nicht eigentlich aus der königlichen Kanzlei her- 
vorgingen, welche dazu auch nicht befähigt war. Wie sie aber 
entstanden, zeigt uns eine überaus merkwürdige Urkunde Fried- 
richs n für den Bischof von Ivrea vom 24. Februar 1219. 
Darin erlaubt nämUch der König dem Bischof, ein seiner Kirche 
ertheiltes PrivUeg mit goldenen Buchstaben schreiben zu lassen; 
dann wolle der König seine goldene Bulle daran hängen lassen. 
Ein benachbartes Stift besafs schon einen solchen Schatz, und 



') Acta Karolina I, 289. 

•) Mon. Germ. SS. XII, 71. Stumpf n. 2808. Erhard, Cod. dipl. Westf. 
J, 124 bemerkt, dafe Strunck das angebliche Original in Goldschrift noch 
gesehen habe. Das Datum nach R. Wilmans, Eaiserurkk. v. Westfalen 
I, 339, welcher die Echtheit nicht bezweifelt. 

*) Diese erklärte P. Kehr im Neuen Archi? XY, 363—381 für eine 
Neuausfertigung mit bedeutenden Aenderungen von 1151 ; dagegen schrieb 
Th. ngen, Mitth. d. Inst. XII, 602 ff. 

^) Ann. Paderborn. I, 551. 

17 ♦ 



2G0 ^io Schreibgerftthe und ihre Anwendung. 

der Bischof von Ivrea wollte nicht hinter ihm zurückstehen. 
An&llend ist, dais Ivrea sich auch schon einer solchen Ur- 
kunde von Otto m für den Bischof Warmund vom 9. Juli 
1000 rühmte, welche aber als unecht bezeichnet wird; mindestens 
die Angabe über die Goldschrift soll Zusatz des Ueber- 
arbeiters sein; s. Mon. Germ. DD. ü, 803. 

Mir schien aber aus diesen Beispielen eine Mahnung zur 
Vorsicht in der Kritik von Kaiserurkunden sich zu ergeben. 
DeutUch erkennen wir daraus die Möglichkeit, dafs auiserhalb 
der Kanzlei von einem KaUigraphen verfertigte Urkunden von 
dem König dennoch mit seinem Namenszug und Siegel ver- 
sehen werden konnten.^) Geschah das bei Goldschrift, so 
konnte es auch in anderen Fällen geschehen, wo vielleicht in 
dem Drang der Geschäfte und anderer Umstände nur die Lang- 
samkeit der Kanzlei die Ausfertigung von Urkunden verzögerte 
und es sehr nahe lag, sich durch mitgebrachte Schreiber zu 
helfen. Dadurch könnten leicht Abweichungen von der gewöhn- 
lichen Schrift und selbst vom Formular ihre Erklärung finden. 
So schrieb ich damals; jetzt ist es allgemein als richtig anerkannt 

Spätere Beispiele von Kaiserurkimden in Goldschrift sind 
mir nicht bekannt Von anderen Fürsten weifs ich nur Erz- 
bischof Adalbert von Mainz zu nennen, in dessen Privileg für die 
Mainzer von 1120 die erste Zeile in Goldschrift geschrieben 
ist,*) und Herzog Rudolf IV von Oesterreich, der auch durch 
Invocation und Unterschrift in Gold seine Prachtliebe an den 
Tag gelegt hat*) König Rend soll 1474 die Urkunde, durch 
welche er Ludwig XI die Provence vermachte, mit Gold ge- 
schrieben und mit Miniaturen verziert haben. 

Eine grofe Morgengab- Urkimde von 1015 aus Salemo, wo 
einzelne Namen und Wörter in Goldschrift sind, ist facs. im 
C. D. Cav. IV ad p. 258. Eine andere von 1114, wo Livo- 



^) Bei nicht vom König ausgestellten Urkunden kommt die Bekräf- 
tigung durch k. Siegel hin und wieder vor. Beispiele von Friedrich II 
bei Huillard-Br^holles, Introduction p. LXII. 

') lieber die Wiederauffindung s. K. Hegel, Forsch. XX, 440, der es 
aber für eine etwas jüngere kalligraphische Erneuerung hält 

») Kürschner im Archiv L Oesterr. Gesch. XLIX, 8 u. S. 24 Anm. 2. 



Das Schreiben. 261 

cation und Initialen in Both und Gold sind, erwähnt C. Paoli, 
Arch. Stör. Ital. 1880 VI, 115; Progr. scol. 11, 85. 

7. Das Schreiben. 

Unter den verschiedenen Benennungen dieser Thätigkeit 
ist YQdg>£iv verwandt mit graben, und der Ausdruck bei Homer 
H. XVH, 599: CTifiara ygcitpag Iv jtlvaxi zeigt den Ursprung 
der späteren Bedeutung. Mittelalterlich findet es sich wieder 
in graphia, z. B. in dem Titel der bekannten Schrift Graphia 
aureae urbis Bamae; nostra graphia juvet sagt Mico (Neues 
Arch. rV, 517). Davon graphiare, graphiariiLS, französisch gref- 
fier;^) freihch können diese Worte auch von Griffel abgeleitet 
werden, s. oben S. 221. In der Unterschrift eines 1463 in Paris 
geschriebenen Valerius Maximus steht graficatus liber.*) 

Spätgriechisch ist §veiVy häufig in den Unterschriftien der 
Kalligraphen vorkommend.') 

Von j^aparrecv, welches schon altgriechisch für schreiben 
vorkommt, wird charaxare, caraxare^ craxare abgeleitet, welches 
auslöschen, radieren, aber auch malen und schreiben bedeutet; 
diaraxatura ist sowohl Rasur wie Schrift, wie aus den von 
Du Cange gesammelten Beispielen hervorgeht Das Wort war 
besonders bei den Irländem behebt, auch in angelsächsischen 
Urkunden häufig. Der Schottenmönch Arbedoc beginnt seine, 
in höchst barbarischem Latein verfafste Unterschrift einer 
Canonensammlung mit den Worten: Mihi xraxanti (sie) literas 
misserecUur trinitas,^) Adamnan (f 704) beschliefst seine Vita 
S. Columbae nach dem Beispiel des Irenaeus mit der Beschwö- 



^) In d. kgl. Apolischen Kanzlei grafferU, Winkelmann, Kanzleiord- 
nungen S. 16. 

*) Gatalogue of the Bumey Mannscripts S. 58, n. 209. Der Schreiber 
war ein Gelehrter, und wollte wohl damit seine (jelehrsamkeit zeigen. 
Aber auch Jo. Josse de Marvilla a. 1322 schreibt Htmc grafico metricef 
Anz. d. Germ. Mus. XXY, 353. 

') Montfaucon, Palaeogr. Gr. p. 36. 

^) Cod. lat Paris. 12021 olim S. Germ. 121 aus Corbie. Die Unter- 
schrift vollständig bei Löop. Delisle, M^m. de Tlnstitut XXI V, 295, u. 
Maafsen in den Sitz.-Ber. d. Wiener Akad. LIY, 264. 



262 ^^6 Schreibger&the und ihre Anwendung. 

rang: Obsecro eos quicumque voluefHnt hos describere libeRos, 
immo potius adjuro per Christum jtidicem stzectdorum, ut post- 
quam diligenter descripserint, conferant et emendent cum omni 
diligentia ad exemplar unde caraxerunt (sie) et hanc quoqus 
adjurationem hoc in loco subscribant. Die älteste Handschrift 
aber, in irischer Schrift aus Reichenau, hat hier und überall, 
wo es vorkommt, crax,, und so wird Adanman selbst geschrieben 
haben. ^) Derselbe ersucht am SchluTs seines Buches über das 
heilige Land den Leser um Fürbitte pro me miseUo peccatore 
eorundem craxatore. (Jodemannus berichtet in der Dedication 
seines schönen Benedictionale, dafs Aethelwold dasselbe cra^xare 
sibi fedt.^ Auch Hraban schreibt: Nam et nos cum scribimus, 
scripturam ipsam non calamo, quo litter ae caraxantur, sed 
scriptoris manui deputamus,^) Mico schreibt craxare,*) Flo- 
doard im Prol. Hist. Bem. beklagt die charaooa;torum indigentia, 
Wolfher schreibt humili caraxa^ione^) und Ordericus Vitalis 
sagt: ut caraxatum est d. h. weiter oben geschrieben.^) Ekke- 
hard erzählt von einer Frau, die im Traum ein Stachelschwein 
sah „puerulosque plures ut stimulos ei eruerent accurrisse et 
parietes eis caraxasse,^^ Das wird auf die stüi gedeutet, mit 
denen ihr Sohn arbeiten werde. ^) 

"Wegen weiterer Beispiele verweise ich auf Du Gange; das 
Wort findet sich in Glossaren, und zuweilen auch in wirklichem 
Gebrauch. Dagegen scheint crassare bei Dicuil in einer Stelle, 
auf welche wir noch zurückkommen werden, und bei Balderich 
von Bourgueil von crassus abgeleitet zu sein. 

Scribo verhält sich zu yQaqxo, wie sculpto zu yXvnrcD, und 
ist in gleicher Weise zu seiner gewöhnlichen Bedeutung ge- 



') Der Herausgeber für den fiannatyne Club (Reeves 1857) bemerkt 
das selbst und ändert doch! Er giebt ein schönes Facs. der Reichenauer 
Handschrift. Gatiixare auch bei dem ps. Yirgilius, A. Mai, Auctt class. Y, 
23 u. 124. 

«) Archaelogia XXIV, 49. 

•) Neues Archiv XI, 457. 

*) Neues Arch. IV, 517. MG. Poet. Lat. Carol. HI, 296. 304. 322. 

*) V. Godehardi I, MG. SS. XI, 169. 

•) MG. SS. Xn, 73. 

^) Casus S. Galli ed. Meyer t. Knonau p. 119. 



Das Schreiben, 263 

kommen; davon firanzösisch icrire, deutsch schreiben. Von der 
Wachstafelschrift wird exarare hergenommen sein, und mit 
ähnlichem Bild das ungewöhnliche stdcare. Der Wiener Pro- 
fessor Conrad Säldner braucht auch den Ausdruck caltimare;^) 
tätdare, formarey corporare werden wir später zu erwähnen 
haben. Nicht zu den eigentlichen terminis gehört es, wenn ein- 
mal pingere gebraucht wird, oder wenn im 9. Jahrhundert ein 
Abschreiber sagt:*) 

(Si) scribam queris, qui me penna coloraret: 
Ruathelmus devotus Otgarii fieri jussit. 

Den griechischen und lateinischen Ausdrücken der Bedeutung 
nach gleich ist gothisch vreüan, althochdeutsch rizan, angels. 
toritan, altnordisch ri/a, vom Einreifsen, Bitzen der Runen. 
Wir haben es in "Reifsbrett, Reifsblei, abreifsen u. s. w.') Die 
Engländer aber haben to wrüe behalten, und in einem Glossar 
saec. XI. steht scriptor writere, scriptura gewrit, bei Alfric 
caraxaiio getorü.^) Gothisch aber heiTst schreiben nicht vreitan, 
sondern meljan d. i. malen, und auf denselben Begriff geht 
böhmisch pisati zurück, verwandt mit pingere. 

Für abschreiben ist exemplare gewöhnlich;*) Notkerus 
epistoliis canonicas grctecas exemplaverat, heifst es in den Casus 



*) In seinem Brief an S. Gossembrot, doch nicht in den von mir in 
der Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrh. XXV mitgetheilten Stellen. 

*) Dümmler in d. Forschungen VI, 119. 

') Vgl. oben S. 69 gerieo, S. 217 riaaa für Zirkel. 

*) Th. Wright, Vocabularies p. 46. 75. 

^) Dümmler macht mich auf die merkwürdige Stelle des Sedulius 
Scotus in Praefationes Hieronymi bei A. Mai, Spicil. IX, 30 aufinerksam: 
„Exemplaria (gl. pilid puoch) dicit non solum Graecos, sed etiam Ro- 
manos evangelionim Codices, neque solum authenticos atque veros, sed 
etiam novos atque vitiatos libros, et maxime in Latino sermono con- 
scriptos, qui apud varias nationes utriusque linguae per totum terrarum 
orbem dispersi sunt. Inter ezemplar autem et codicem hoc interest, quod 
codex Bit jam descriptum quodlibet volumen, etiamsi ex ipso codlce adhuc 
nihil Bcribatur; cum vero ex ipso alter codex scribatur, tunc exemplar esse 
incipit Multi qnoque Codices, id est decem vel centum vel plures, unum 
exemplar appellari possunt, si sensu verbisque nihil discrepent Codex 
vero non nisi unum volumen nominatur.'' Petrarca de vita solitaria schreibt: 



264 ^^® Schreibgorftthe und ihre Anwendung. 

S. Galli M6. ü, 101; exemplcUum cmiiphonariiwt p. 103. 
Griechisch heifst die Vorlage vjtoyQamioq: auTser einer altbe- 
kannten Stelle des Clemens Alexandrinus s. das alte Glossar 
vjtoyQaiifiog, praescriptum. ^) 

In einem Rhythmus des 13. Jahrhunderts*) steht: 

Adhuc docet littera artem valituram 
elementa pingere, scilicet scripturam: 
Yitam securam capies scribendo figuram. 
Si non habes oculoS; quod potes formare etc. 

Das formare im Anfang der zweiten Strophe bezeichnet 
mit einem Wort die Thätigkeit des Kunstschreibers. 

Die Handschrift selbst hiefs x££()o#6(;/a^ in den Acten 
der Synode von 869, wo von einer Fälschung des Photius die 
Rede ist: rfjv aQXätxiiv ort fidXiöza x^'^od'Sölav fitfitjcdfievog 
fQaipBi. Aber in der Vita S. Nili aus dem Ende des 11. Jahr- 
hunderts c. 11 heifst es: Xentip xal jtvxvm XQ<^(^^^og IöioxbIqo), 
was auch bei Origenes vorkommt Seneca braucht den Aus- 
druck chirographum, und vielleicht in dieser Bedeutung wird es 
in Alfiic's Glossar erklärt durch hand-gewrit. Später brauchte man 
^'^^ *^auch ßi,üus so ; Andreas von Regensburg sagt 1406 : „Et quia 
prefatum tractatum diucius habere non potui, quam per noctem, 
dedi eundem secundum quinque folia, in quibus scriptus erat, 
quinque scriptoribus ad rescribendum. Et hec est causa quare 
hie stüus variatus est sie." (Neues Arch. V, 126.) 

Ueber den Unterricht in dieser schwierigen Kunst") 
haben wir eine merkwürdige Stelle schon bei Plato im Prota- 
goras p. 326 D, wonach die Buchstaben auf Wachstafeln vor- 
gezeichnet wurden,*) und die Elnaben die Umrisse nachziehen 
mufsten, um die Hand an die Formen zu gewöhnen: ol ygafi- 
liatiOxal TOlg (if]J€(D ösivotg yQaq>HV zcov jtalöwv vjtoyQatpavteg 

„mittatur ad me exemplom, et exemplar Johannolo/' Voigt, Briefsamm- 
lung S. 10. 

*) Not et Extr. XXHI, 2, 448. 

*) Mitgetheilt von Peiper in der Zeitschr. f. deutsche Philol. V, 183. 

') Vgl. darüber E. F. Hermann's Griech. Privatalterthümer ed. 
Stark S. 280. 

*) „Gera dat ingenium pueris, primordia sensus.'* Dracontius n v. 57. 






Das Schreiben. 265 

YQafifiag ry yQaq>l6i, ouroi xo YQafi/iatelov öidoaCi xäi dvcty- 
xd^ovöi Y(fdg>Biv xaxa rijv vq>tffficiv nop ygafifimv. 

Bei Seneca ep. 94, 51 finden wir noch dieselbe Methode, 
nur mit dem Zusatz, daJjs ihnen auch die Hand geführt wird: 
Rieri ad priiescriptum discutU, digüi ülarum ienerUur, et aliena 
manu per litter arum simtdacra ducuntur: deinde imitari jüben- 
tur praposäa, et ad äla reformare chirographum. 

Um die Kinder zuerst mit den Formen bekannt zu machen, 
gab man ihnen auch Buchstaben von Elfenbein, Cedemholz 
oder Buchsbaum. So sagt Quintilian Institut orat I, 1, 26: 
Nan exdudo autem id quod est notuntj irritandae ad disceth- 
dum infantiae gratia ebumeas etiam litterarum formas in 
lusum o/ferre. Diese Stelle kannte offenbar Hieronymus, da er 
an Laeta (ep. 107) schrieb: Fiant ei litterae vd Jmxeae vd 
ebumeaey et suis nominibus appdlentur. Ludat in eis, tU et 
lusus ejus eruditio sit. Ebenso spricht Ambrosius in Ps. 118 
von der Verwendung des wohlriechenden Cedemholzes u. a. auch 
formandis Utterarum dementis, quibus adas puerüis ad Stu- 
dium liberalis eruditianis ifnbuitur. 

Erst nach dieser vorläufigen Bekanntschaft folgt bei Quin- 
tUian die Vorbildung der Buchstaben (praeformatae infantibus 
litterae V, 14, 31), die aber nach seiner Ansicht besser in 
festem Stoff geschieht, damit nicht die Hand, wie im Wachs, 
abirren kann; die Hand zu fuhren, werde dann nicht nöthig 
sein: Cum vero jam ductus sequi coeperit, non inutHe erit eas 
tabdlae quam optime insculpi, ut per illos velut stdcos duca- 
tur stüus. Nam neque errahit, quemadmodum in ceris (con- 
tinebüur enim utrinque marginibus, neque extra praescriptum 
poterit egredi), d celerius ac saepius sequendo certa vestigia 
farmcibit articulos, neque egebit adjutorio manum suam manu 
superimposita regentis. Auch hieran finden wir uns erinnert 
in dem angeführten Briefe des Hieronymus: Cum vero coeperit 
trementi manu stüum in cera ducere, vd aUerius superposüa 
manu teneri regantur articuli, vd in tdbella sculpantur de- 
menta, ut per eosdem sulcos indusa marginibus trahantur ve- 
stigia d foras non queant evagari.^) 

*) Hieron. Opera ed. Vall. I, 675. Ep. 107 ad Laetam a. 403 § 4, 



266 I^io Schreibgerftthe und ihre Anwendung. 

Der Schreiblehrer hiefs dodor librarius, in der Zuschrift 
des C. Afranius Graphicus, der wohl den Beinamen von seiner 
Kunst hatte, da er ein Freigelassener des Afranius Clarus war.^) 

Von alten Vorschriften und Nachschriften der Schüler auf 
verschiedenenen Stoffen ist schon vorher die Eede gewesen 
(S. 56. 78. 90), auch von mittelalterlichen auf Wachstafeln. Eine 
hübsche Stelle darüber wurde mir von W. Arndt mitge- 
theilt; sie findet sich in der Vita Leobini ep. Camotensis, der 
um 556 gestorben ist (Mab. Act I, 123) und lautet: Leobi'' 
nus . . . dum hoves servaret in pascuis, contigU ui Noidgelinsem 
monachum sibi obvium deprecatetwr sibi litteras discendcis scri- 
bere. Qui cum non haberet codicis aut tabularum supplemen- 
tum, proiä potuü apices in cingulo scripsü . . . Postea vero 
cum pater hujusmodi avidücUem in fUio comperisset^ litterarum 
lineas in tabuiis fieri decrevit. 

Die Alphabete auf Ziegelsteinen könnten zum Nachziehen 
benutzt sein, doch ist der Stoff dazu wohl wenig geeignet, und 
sie werden als Vorschrift gedient haben. 

Was der Ejiabe zur Schule mitnehmen mufste, und den 
dortigen Unterricht, zeigt uns der Cottidiani colloquii Ubellus:') 

ejtiölöcocl fioi o nalq 6 ifiog tradit mihi puer mens tabellas 

Jtivaxlöag d-r^xrjv YQag>stov, thecam stilum, produco gra- 

i^dya) yQaq>l6a tm l^Kp rojtcp phium meo loco sedens, deleo 

xad^fisvog, XsLalvm jteQiYQdq>a> describo ad exemplar. ut scripsi 

jtQog rov vjtoyQafigiov. yQcitpag autem ostendo magistro, emen- 

6e öecxvvo} np ötöaöxaXcp, davit induxit 
i6iciQd-G)ö6 ixciQa^e. 

Dafs sich sogar solche Exercitien erhalten haben, sahen 

wir oben S. 56; auf einem derselben steht: 6 jtQcSrog ei jtoisl. 

Auf einer schönen altattischen Schale von Duris im Ber- 



angeführt von Mone, Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrh. VIII, 311, der auch 
schon auf Quintilian verweist. 

') Revue de Gascogne 1882, angef. Revue hist. XXI, 209. 

') Herausgegeben von M. Haupt im Ind. lectt Berol. 1874/5 p. 5. 
Dem Jul. Pollux zugeschrieben von A. Boucherie, Not. et Extr. XXIU, 
2, 481. 



Das Schreiben. 267 

liner Museum steht ein Knabe vor seinem Lehrer, der mit dem 
Griffel in einem Triptychum schreibt; eine Schriftrolle hängt 
an der Wand.^) Die Führung der Hand kommt auch im 
Mittelalter vor. So schrieb um 1060 der Mainzer Scholasticus 
Gozechin an Welcher, der einst in Lüttich sein Schüler gewesen 
war und ihm jetzt ein eigenhändig geschriebenes Buch über- 
sandt hatte: Serie vero triumphat animus, quod ntdes arti- 
ctUos tuos aliqtmndo ipse manu mea ad scribendum direxerim, 
quodque male tomatos apices super darsum tuum cuderim.*) 
Es galt also noch der altägyptische Spruch: „Es sind die 
Ohren eines Jungen auf seinem Rücken."') Das finden wir 
auch ausgesprochen in der schon oben S. 129 erwähnten Wein- 
garter Handschrift, mit einigen Versuchen zu metrischer Form: 
Disce puer pulchras perscribere lüteras. ne tua duris rumpan- 
tur dorsa flagdlis. 

Si bene non scribis, scribam tua dorsa flagellis, 
Ut mihi decantes ux ux lacrimabile carmen. 
Disce puer varias rerum depingere formas, 
Ne tua duris dorsa flagellis rumpantur. 

Darauf folgt noch der Spruch Daniel XII, 3 zum Preise 
der. Gelehrsamkeit Es sind hier, wie so häufig, verschiedene 
Sprüche gemischt; der erste Hexameter kommt auch allein vor,*) 
doch pafst der zweite recht gut dazu. 

Sehr sorgfältig achtete man auf die richtige Haltung der 
Feder. Othloh, ein berühmter Schreiber des 11. Jahrhun- 
derts, erzählt aus seiner Kindheit, dafs er sich als Schulknabe 
in Tegemsee zuerst ohne Lehrer im Schreiben versucht habe. 



*) Abbildung in d. Archaeol. ZeituDg 1873, mit Erklärung von Ad. 
Michaelis S. 2; Monumenti inediti IX Tay. 54 mit Erkl. von Heibig, Annali 
dell* Instit LXXHI (1873) S. 57. 

*) Mabillon, Analect. p. 438. 

') Lanth in d. MOnchener SB. 1872 S. 71. Praktische Illustration 
dazu im mittelalterlichen Hausbuch (Leipz. 1866) Tab. XYI. Marbod ed. 
Beaug. p. 1623 sagt: „Qui puero parcit, leve cor pinguedine farcit Qui 
flagra continuat, pingue cor extenuat." 

*) Yal. Rose, Yerz. d. lat Meermanhss. S. 443. 



268 ^i® Schreibgerilthe und ihre Anwendung. 

Qua de re contigit, ut permam ad scribendum inredo usu re- 
tinere consuescerem, nee postea ah tUlo docente super hoc cor- 
rigi vaierem. Nimius namque usus prohibuü me emendare. 
Quod cum viderent plures, dixerunt omnes nunquam me hene 
scripturum. Sie täuschten sich aber, indem er bald grofsen 
Kuhm als Schönschreiber gewann.^) Lubertus Bemeri sagte 
zu einem Anfänger: Bene addisees scrihere, longos enim et 
moUes digäos habes,*) Es gab dazu eine poetische Anleitung 
„Versus de docte scribere", welche anfangen: 

Quisquis es aut fiieris qui docte scribere queris, 
Hac duce scriptura digitos inflectere cura.') 

Ueber die späteren Schulen hat Kriegk einige Nachrichten 
gesammelt;^) er bemerkt, dafs die Volksschule immer Schreib^ 
schule, der Lehrer Schreibermeister heifst, und dafs das Schreiben 
immer voransteht Auch in dem Bericht über die Jerusalem- 
fahrt des Grafen von EjitzeneUenbogen 1433 heifst es:*) „Item 
sahen wir die schole, da unser hebe frawe in lernt schriben 
und lesen." Doch war es nicht immer so. König Alfred lernte 
am Psalter lesen und ebenso K. Ludwig IX/) wie es scheint, 
doch hat er vielleicht die Fsahnen aus diesem Buch auswendig 
gelernt Walther von Speier lernte zuerst lesen (flores apiCum) 

At postquam primas sitienti fauce saliva 
Imbibit alphabetum, notularum docta tenore 
SyUabicas recta rugas plicuisse rubrica — 

nach diesem kaum verständlichen Schwulst ging er zur Psalmo- 
die u. s. w. über. ^) So lernte auch OÜoh schon lange vor dem 



^) Othl. lib. de temptatione, Mon. Germ. SS. XI, 392. uUo corr. f. ülo. 

') Thomae a Gampis Vita discipulorum d. Florentii c. 4. 

*) Gatal. des Bibl. des D^part. I, p. 483 n. 7. 

^) Deutsches Bürgerthum im Mittelalter. N. F. (1871) S. 80. 81. 

*) Zts. f. Deutsches Alt XXVI, 360, 29. 

') „Gist psaultiers fut Monseigneur Saint Looys, qui fu Roys de 
France, ouquel il aprist en s'enfance." Delisle, M61. de Pal. p. 170. Der 
Psalter ist grofs und deutlich geschrieben und reich verziert. 

^) Waltherus Spir. de pass. S. Ghristophori ed. Harster 1878, 



Das Schreiben. 269 

Schreiben zu lesen. Wie man sich durch Anheftong einer Zeichnung 
auf einer Tafel zu helfen wufste, zeigt ein Vers bei Flacius:*) 

Budes qui vult erudire, 
Tamquam jactis fundamentis 
Viam solet aperire 
Alphabeti rudimentis; 
Ut sit legendi formula, 
Chartam affigit in tabula 
Figuratam elementis. 

Im Namen der Königin Elisabeth von Polen wurde zur 
Erziehung ihres Enkels, des K. Ludwig von Ungarn (f 1526) 
im Jahre 1502 der Bath gegeben: „Pulcherrimos etiam littera- 
rum characteres puero imitandos proponere non fuerit indecorum. 
Characterum enim venustas cum per se mirifice delectat, tum 
pueros ad virtutem admodum accendif *) 

Auf die Schreiblehrer, ihre Ankündigungen und Vorlagen 
werden wir später noch zurückzukommen haben. 

Als man zu Karls des Grolsen Zeit die alte Schrift plan- 
mäJsig wieder herstellte, yerschafile man sich sorgfältig gute 
alte Muster. So hatte Lupus von Ferneres gehört, dals der 
königliche Schreiber Bertcaudus die Formen der alten Capital- 
buchstaben hatte, und bat sich dieselben von Einhart aus (ep. 5): 
Scriptor regiiis Bertcaudus dicitur afUiquarum lUterarutn, dum- 
taxat earum quae maximae sunt et unciales a quibusdam vocari 
existimantur j habere mensuram descriptam. Itaque si penes 
vos esty mittue mihi eam per hunc quaeso pictorem, cum redierity 
schedula tamen düigentissime munita. Ebenso verschaffte sich 
auch am Ausgang des Mittelalters, wo derselbe Vorgang sich 
wiederholte. Hartmann Schedel Zeichnungen derselben Buch- 
staben, genau mathematisch construiert, und mit speciellster 
Vorschrift, wie sie zu machen seien. Auch die Formen und 
Namen der griechischen Buchstaben sind dabei, aber mit der 
Bemerkung: Alphahetum Graecorum scripsi secundum patronos 



^) Poem, de comipto ecclesiae statu p. 67. Vgl. oben S. 91 über 
die hölzerne Schultafel einer griechischen Schule. 
») Archiv f. Oesterr. Gesch. LV, 109. 



270 I^ie Schreibgerftthe und ihre Anwendung. 

quas non habeOy neque placent litterae, td ipse cemere potestis. 
Bono sumüe animo peto,^) Dabei ist das Wort patronuSj 
französisch patron, zu bemerken , feminin gebraucht, wenn das 
nicht ein Schreibfehler in der sehr flüchtigen Schrift ist Die 
Patronen besalSs der Schreiber nicht selbst, und hatte sie des- 
halb bei dieser Wiedergabe nicht benutzen können. 

Sehr merkwürdig ist die von H. Palm mitgetheilte Anlei- 
tung, in notida simplex, der gewöhnlichen Urkundenschrift, zu 
schreiben, wo für jeden einzelnen Buchstaben und für ihre Ver- 
bindung mit einander die genaueste Anweisimg gegeben wird.*) 

Ueber den Werth einer guten Handschrift spricht sich 
QuintiUan I, 1, 28 in sehr eindringlicher Weise aus: Nan est 
aliena res, quae fere ab honestis negligi seilet y cura hene ac 
velodter scribendi. Nam cum sit in studiis praedpuumy quo- 
que solo vertis üle profectus et aÜis radicibus nixm paretur^ 
scribere ipsum: tardior stilus cogitationem moratur, rtMlis et 
confusus intelledu carety unde sequitur alter dictandi, quae ex 
his transferenda sunt, labor. Ebenso ermahnt im 15. Jahr- 
hundert Ambrosius Trayersarius seinen Bruder: Nee illud qui- 
dem te admonere desistam, uti non negligas manum librariam 
quam optimam atque perquam celerem ac fidelissimam tibi 
comparare, studeasque priscam illam in scribendo imitari puri- 
totem ac suavitatem, Quod tunc adsequere fa^ius, si ex 
emendatissimo antiquoque codice quidpiam tibi transcribendum 
deligas totoque annisu ad unguem exemplar imitari (sie).') 

Nach diesem Grundsatze haben die Humanisten auch wirk- 
lich gehandelt, und durch Nachahmung der guten alten Minuskel 
eine vollständige Beform der Schrift durchgeführt 

Begleiten wir nun den Schreiber zu seiner Arbeit, so 
begegnen uns die metra bona beneque scriptoribus attendenda, 



«) Cod. iat. Monac. 961. 

«) Anz. d. Germ. Mus. XII (1866) S. 49-53. 89—92. 

') Epp. ed. Mehus pag. 1010. Laurentius Valla rühmt sich: cum 
pliMrimi in figuria elementorum ducendia me antecellant, vix tarnen oZt- 
quem planius, apertius, digtincHus descrxbere. Yahlen, L. Yallae opus- 
cula tria p. 64. Ein Spruch saec. XV. : Is hon%M est scriptor, gut aigna 
facit quasi pictor. 0. v. Heinemann, Cat. d. Wolfenb. Hss. I, 858. 



Du Schreiben. 271 

welche um 1481 in eine Handschrift des Stiftes Andechs ein- 
getragen nnd von Bockinger S. 52 mitgetheilt sind — metrisch 
zwar recht fehlerhaft, übrigens aber wirkUch recht verständig: 

Si fore vis scriba, normam talem tibi serva^) . . . 
5 In texta, notnla varius modus est: pete formam. 

Yirgula, puncta nota. Yersalia recte notabis. 

Si libros scribis, meliora recollige tibi. 

Luxuriam fugito. Caput et tu sepe lavabis. 

Balnea vita caüda: mense semel potes uti. 
10 Et bona pulmenta comedas, cerebri calor est nam. 

Hoc bibe quod possis: non bos sis. Scribito plane: 

Non caudas facias longas sursumve deorsum. 

Scripturam tac oblongam, et in epistola curtam. 

In sacris festis pro predo scribere noli. 
15 Non semper scribas: morulas tu sepe requiras. 

Fac crucem spaciis, exemplar si male scriptum.') 

Ablue sepe manus, si tu vis vivere sanus. 

Föns, speculum, gramen, ocuUs sunt alleviamen. 

De mane montes, de sero conspice fontes. 

Hierauf folgen orthographische Begeln, und dann der Schlufs: 

Has aUasque tene doctrinas Orthographie. 
Conjungas jungenda, divide sed separanda. 
Sic proficit lector, sed tu magis, incUte scriptor: 
45 Lector doctus erit, dabitur tibi gloria multa. 
Scribentem juvat ipse favor, minuitque laborem, 
Cumque suo crescens pectore fervet opus. 

Hier ist ein gewerbmäfsiger Schreiber gemeint; fiir einen 
Mönch passen die Vorschriften nicht Aus dem Kloster aber 
und dem 11. Jahrhundert stammt, was von dem Abt Odo zu 
Toumai erzählt wird: scriptorum quippe copiam a Domino 
sibi datam exuHdbcnty üa ut si claustrum ingredereris , videres 



') Hier folgt zunächst die schon oben S. 230 mitgetheilte Anweisung 
die Feder zu schneiden. 

*) Da soll also zu weiterer üeberlegung und Yergleichung ein leerer 
Raum gelassen, und ein Zeichen gemacht werden, wo eine Stelle zweifel- 
haft ist. 



272 ^^^ Schreibgerftthd und ihre Anwendung. 

plerumque duodecim monachos juvenes sedentes in cathedris et 
super täbtU<is düigerUer et artificiose composüas cum säentio 
scribentes.^) Diese Schreibstühle, von denen offenbar die cathe- 
drales oder Stuhlschreiber ihren Namen haben , beschreibt uns 
Alexander Neckam im 12. Jahrhundert, wenn er, nach den 
fiiiher erwähnten Vorschriften zur Vorbereitung, sagt: scripturus 
awtem in cathedra (chaere) sedeaty ansis (hra^^es) tUrinque 
elevatiSf j^uteum (carole) sive asserem (es) sustinentibus, sca- 
hello (chamel) apte supposito pedibus, ut firmius sedeat. Auch 
Joh. de Garlandia nennt cathedra, asser unter den Geräthen 
des Schreibers.*) 

DerVocabularius optimus S. 28 erkläit^Zfrfeu§ scÄWftJrrff.*) 
Neckam aber sagt weiter: Scriptor habeat epicausterium (totem 
asserem) centone (fetäre) coopertum. Dazu stimmt das Glos- 
sarium Wenceslai Brack (impr. 1483): Epicausterium ein fUce 
auf dem pulpret, und ebenso das schon oft erwähnte im Sera- 
peum XXni, 278: Epicausterium significat pannum^ quo 
tabula scriptoria tegitur et superextenditur pergamenum, ui 
manus scriptoris minus laedatur, et dicitur ab epi, id est supra, 
et incaustum. Es soll also in dieser Bedeutung eigentlich ein 
epincausterium sein, und fällt nur zufällig zusammen mit einem 
ganz andern Wort, welches nach Glossaren bei Wright S. 237 
u. 260 einen Schornstein und einen Töpferofen bedeutet Aber 
auch dieses brauchte der Schreiber nach Alex. Neckam: Habeat 
etiam prunas (breses) in epicausterio (chimine) ut cicius in 
tempore nubüoso vd aquoso desiccari possü incaustum (enke) 
super pergamenum exaratum. Dem entsprechend wird es im 
Vocab. opt durch gluothauen erklärt 

In den Statuten der Praemonstratenser steht I, 19, wie 
Du Cauge anftihrt: Porro in claustro carolae vel hujusmodi 
scriptoria aut dstae cum clavibus in dormitorio, nisi de äbba- 
tis licentia, nullatenus haibeantur. Dieses räthselhafte Wort 



') D'Achery, Spicileg. II, 913 ed. IL 

•) Wright, Vocabularies S. 116. 132. 

') Ein ganz modern aussehendes Pult hat der Yirgil des Tat. 3867 
bei Stephan Beissel, Vat. Miniaturen, t. II B. 



Das Schreiben. 273 

finden wir wieder bei dem Anonymus Bemensis:*) Carola et- 
enim, sive aliud äliquod instrumentum super quod scribitur^ 
non sU apido arduum. und oben S. 272 Z. 8 hatten wir 
es als Glosse für pluteus. 

Auch auf gutes und richtiges Licht wurde sorgfältig ge- 
achtet Alexander Neckam räth: ,^abeat et lodium (viket), 
cujus beneficio lux intrare possit, si forte fenestrellam inpugnet 
insultus venti aquilonaris. Fenestrella panniculo lineo vel mem- 
brana viridi colore vel nigro distincta muniatur. Golor enim 
viridis et niger radiis oculorum prebent solacium. Albedo autem 
incensa visum digressat, et maxime nimium obtinctum (sie) ob- 
tenebraf Job. de Garlandia verlangt auch Laterne und Leuchter. 
Denkverse einer Züricher Hs. (C 78. Wasserkirche) saec. XTTL: 

In tabulis scribens a dextris lumen habeto, v 

Membranae a leva lumen habere volunt 

In Tegemsee bezahlte man 1500 pro uno sextemo in per- 
gameno pro fundamento scripture 3 sol. 10 den,, was Bockinger 
(S. 17. 50) als Unterlage zum Schreiben erklärt Vielleicht 
gehört hierher auch das Werkzeug, welches in dem alten Wörter- 
buch im Serap. XXm, 279 beschrieben wird: tena^ulum, 
heheysen, est illud per quod sexternorum anguli constringuntur, 
ne complicentur in rugas. und man könnte daran denken bei 
den dunklen Worten des Alexander Neckam: Cedula (agnice) 
sive apendice tarn superiori parte quam inferiori folia (foyz) 
habeat conjuncta (ensemble). Doch scheint es auf Transfixe 
zu beziehen. 

Nicht dem Stuhlschreiber, welcher nur abschrieb, wohl 
aber dem Autor begegnete es auch im Mittelalter, dafs er nicht 
wuTste, was er schreiben sollte, und einstweilen die Feder zer- 
bifs. Alcuins Biograph sagt c. 7: Hinc jam calatnum labris 
quassatum , . , ad finem pertrahere conabor. Oder er steckte 
die Feder einstweilen liinters Ohr, wie Virgil, als er Ermanrich 
von Ellwangen erschien: interdum gestabcU codicem, interdum 
calamum ad aures veluti scripturus dliquid,^) So sitzt auch 



>) Bei Theophilus ed. Ilg p. 391. 

*) Dümmler, Sanctgaller Denkm. S. 207. Epistola Ermenrici p. 29. 

Wattenbach, Schriftweaen. 3. Anll. 18 



274 ^1® Schreibger&the und ihre Anwendung. 

der Mönch Hildebert am Schreibpult, um Augustin de civ. Dei 
abzuschreiben, in der linken das Messer; aber seine Arbeit 
wurde gestört durch eine Maus auf dem Speisetisch, nach 
welcher er warf, und dazu schrieb: Pessime wiis, sepius me 
provocas ad iram. ut te Deus perdat. Unterhalb sitzt Everwin 
und zeichnet^) 

In einer altfranz. Uebersetzung des Jacobus de CessoUs 
kommt vor et sur Voreüle une penne a escripre; auf dem dazu 
gehörigen Bilde fehlt zwar diese Feder, aber der Schreiber hat 
am Gürtel neben dem Pennal une escriptaire.^ 

Als Vorbild wurden dem ungeübten Schreiber bei den 
Brüdern vom gemeinen Leben zwei oder drei Zeilen guter 
Schrift gegeben, s. oben S. 187. Das ist die S. 271 erwähnte 
forma. Zu solchem Zweck wird man auch librum super psdl- 
terium optime scriptum ad manum Wanigonis de S. Gereone 
scriptoris geUehen haben.*) 

Vor sich hat der Schreiber das exemplar;^) sollen Stellen 
ausgelassen werden, so steht am Rande va,cat, was sich nicht 
selten in Handschriften findet*) In einer Hs. des Guil. de 
Nangis (Christ 544) steht trav^ und scribe\^) auch bezeichnet 
saliy was für liturgischen Gebrauch zu überspringen war.') War 
dagegen in der Vorlage eine Lücke, so schrieb man Xsbtsi, deest; 
auch wird, wo ein Fehler im Pergament zum Absetzen nöihigte, 
bemerkt: hie non est defectus. Scherzhaft setzt ein Schreiber 
hinzu:®) „In bursa autem mea nullus invenitur nummus. o qualis 
defectus!" In einem Ms. saec. X. aus Silos steht an solcher 



*) Cod. cap. Prag. saec. XIII. nach A. Woltmann im Repert. f. Kunst- 
wiss. 1877; Gesch. d. Malerei I, 287 mit Bild. 

•) Wright, Hernes of other days (1871) S. 352. 

') Libri praestiti de annario S. Petri (saec. XI.). Zts. f. D. Alt. 
XIX, 466. 

*) Griechisch dQx^vnov findet sich symbolisch angewandt von Michael 
Glycas, v. 55 ed. Krumbacher (Münch. SB. 1894 S. 449): xal yQotpag 
TiQog aQx^'f^vTfov ixsivov (Dei) rf^v tpvx^v oov, 

*) Vgl. A. Dove, Die Doppelchronik von Reggio S. 26. 

•) L. Delisle, Bibl. de Pfic. des Ch. 1876 S. 508. 

*) Im Lyoner Pentateuch. Delisle, M61. de Pal. 3. 

«0 Cod. Magdeb. 215, 2. Gymn. Progr. 1880 S. 69. AehnUch n. 259. 



Das Schreiben. 275 

Stelle perexit einmal mit nicü dubites. Delisle, M61. p. 101. 
Um nun die Zeile nicht zu yerfehlen oder mit dem Suchen 
Zeit zu verlieren, hatte der Schreiber die cavilla, durluog 
(Vocab. opt), die in dem alten "Wörterbuch des Serapeum so be- 
schrieben wird: cavilla , cavil, in prqposito est instrumentum, 
quo posito super exemplari utitur scriptor, ut visus ejus refe- 
ratur certius et promptius ad exemplar, et dicitur a cavo, a^, 
praut idem est quod perforo, os, quia perforata est visui. 
Neckam sagt davon: Cavülam (id est speculum) häbeat vd 
spectaculum, ne ob error em moram faciat dispendiosam. Er 
scheint es also für eine Brille gehalten zu haben. 

So kann er denn nun an seine Arbeit gehen; er mufs 
aber Acht geben, dafs sein Blatt fest hege, und deshalb sehen 
wir ihn dasselbe in der Begel mit einem gekrümmten Messer 
in der linken Hand halten, was doch unbequem gewesen sein 
muTs.^) Darum finden wir auf einem niederländischen Bilde 
saec. Xy. eine Kugel, die an einem Faden vom oberen Ende 
des P altes herabhängt und das Blatt festhält') Im Mittel- 
alterUchen Hausbuch t XYI wird es durch ein Band ge- 
halten. 

Abbildungen von Schreibern besitzen wir sehr viele; 
namentlich sind in allen Prachthandschriften des N. T. die 
Evangelisten schreibend dargestellt^ aber fast immer ohne An- 
spruch auf Naturwahrheit, oft mit einer ganz lose auf dem Pult 
liegenden Bolle, wie Matthaeus bei Bianchini, Evang. Quadru- 



') Bei Gilbert, National manuscripts of Ireland II ist auf dem Titel 
mit der Bezeichnung „Scribe at work on book of Kildare," ein Schreiber, 
der die schreibende Rechte durch das Messer stützt, welches die Linke 
gegen das Buch hält 

') Medicin. Handschrift in Dresden, beschrieben von Dr. Ludwig 
Choulant im Archiv, f. d. zeichn. Künste 1865 S. 264—271. Der Schrei- 
ber h&lt sonst auch in* der Linken einen schwarzen Stift. Ein solches 
Stäbchen erwähnt auch C. Paoli, Arch. stör. Ital. Y. serie, t X, 126 u. 
Progr. scol. II, 69, vgl. Corr. und schlägt vor, es lignictUum zu nennen; 
es sei eben das Holz, mit welchem die Linien eingedrückt werden und 
werde immer ganz dicht neben die Feder gesetzt, während das Messer die 
entgegengesetzte Seite niederhält Auch vermuthet er, daÜB praeductal nichts 
anderes sei. 

18* 



276 I^i® Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

plex I, 262; oft auch mit einer langen Bolle auf dem Schoofs; 
80 die schreibenden Evangelisten vor ihren Pulten, auf denen 
das exemplar liegt, bei Graux-Martin, Facsimil^s des mss. Grecs 
d' Espagne (1891) pl. X, n. 33 — 36. Das erinnert an die 
Schilderung des Generals v. Moltke in einem Briefe vom 9. Febr. 
1836: „Die schriftlichen Erlasse werden hier ungefähr ebenso 
schnell und in eben der Art angefertigt, wie bei uns die Tapisse- 
riearbeit der Damen, nämlich auf dem Sopha sitzend mit imter- 
geschlagenen Beinen und einem langen Streifen Papier auf den 
Knieen, auf dem mit der Rohrfeder die Charactere von der 
Rechten zur Linken gemalt werden/' Vielleicht sind wirklich 
die alten Bollen in ähnUcher Weise auf den Knieen geschrieben. 

Aehnlich dargestellt sind die schreibenden Evangelisten 
bei Ameth aus Karls d. Gr. Evangelienbuch in der Schatz- 
kammer.^) Andere aber, vorzügUch aus später Zeit, sind sorg- 
fältig gearbeitet and zeigen mit grofeer Genauigkeit die wirk- 
lich gebrauchten Geräthschaften. 

Bei Mont&ucon S. 24 sind St Lucas und Dionys von 
HaUcamass nach griechischen Handschriften schreibend darge- 
stellt, bei Pasini*) die Evangelisten mit vollständigem Schreib- 
apparat. 

Der geschnitzte Elfenbeinband des Berliner Cod. theol. lat 
fol. 2 zeigt die vier EvangeUsten, jeden mit einem Tintenhom, 
und ähnUch Lucas im Evang. Angariense. Ln Cod. theol. lat. 
£ 34 ist der schreibende Paulus recht schön dargestellt, und 
in einer der schönen Mindener Handschriften, die von Bischof 
Sigebert herstammen, ist Notker bei seiner Arbeit zu sehen.') 
In der Eneit (Cod. germ. f. 282 p. 55) sehen wir Lavinia einen 
Brief schreiben; auf dem Siegel des Schweriner Domcapitels 
den Evangelisten Johannes.*) 

Auf Tafel I zu MG. SS. XVm schreibt Macobrius nach 



') Denkschriften d. Wiener Akad. XUI. So auch der Johannes in 
Libri's Catalog pl. 35 zu n. 358 aus einem Walbecker Evang. saec. XI. 

*) Godd. bibl. Taurin. I, 92; II, 60 Lucas mit Tintenhom e cod. 
lat. saec. XII. 

») Cod. theol. lat. qu. 11 in Berlin. Pertz' Archiv VIII, 845. 

*) Mecklenb. ürkundenbuch IV, Tafel VI, n. 26. 



Das Schraben. 277 

dem Dictat des alten Cafeans die Genneser Annalen auf einem 
wunderlichen Schieibbrett, welches auf seinen Ejiieen ruht und 
er hält das Pei^amentblatt mit dem abgerundeten Messer, 
welches so oft zu diesem Zwecke dient Viel AehnUchkeit mit 
ihm hat der schreibende Matthaeus bei Lappenberg') aus dem 
13. Jahriiundert In dem Legendär aus Weifsenau vom Ende 
des 12. Jahihunderts, jetzt in der fürstlich Hohenzollerschen 
Bibhothek in Sigmaringen, sind auch auf fol. 2 und 172 v. 
Schreiber dargestellt; ein Pergamentblatt ist, wie es scheint, 
auf dem Pult aufgespannt, und die linke Hand des Schreibers 
hält es mit dem gerundeten Messer fest So auch Hieronymus, 
als schnurrbärtiger Mönch dargestellt, in dem grofsen B des 
Beaius mV, während in der oberen Bundimg David sitzt, in 
einer Miniatur, deren Stil an die schöne Bibel aus Amsteiu im 
Brit Museum erinnert*) Ein ähnliches Messer hält auch St 
Lucas bei Büsching') in der Linken, und so halt auch St Bri- 
gitta auf einem alten Holzschnitt das Blatt, auf welchem sie 
schreibt*) Dieses Messer ist das Federmesser, so wenig es 
uns auch dazu geeignet erscheint^) Der Darstellung in dem 
Werke der Herrad von Landsberg wurde schon oben S. 79 
gedacht. 

Li dem Heidelberger Cod. Salem. X, 16 des Liber Scivias 
steht foL 2 V. Hildegard auf dem Dach, beschäftigt die erhal- 
tenen Offenbarungen auf ihrer Wachstafel aufzuzeichnen, während 
unten ein Mönch dieselben auf Pergament überträgt 

Sehr hübsch und launig ist die Darstellung des Sifridus 
Vitulus, der im Kloster Ebrach in Pranken 1315 eine Vulgata 
abschrieb. Er sitzt als Bind im Mönchsgewand mit der 



') Von den Arbeiten der Kunstgewerbe des Mittelalters zu Ham- 
bni:g (1865) Tafel IV. Auch Brunellus sagt: Gumque manus calamum 
femunque teneret acutum, Acciperetque novos pellts ovina tonos. 

■) Libri's Gatalog S. 38 n. 160 saec. XI. vel XII. 

') Wochentl. Nachr. II, 50, mit einer hübschen Schriftprobe aus dem 
13. Jahrhundert. 

*) Anzeiger des Germ. Museums XIX (1872) S. 274. 

•) Gzemy, Bibl. von St. Florian S. 23 nennt es Schabmesser, giobt 
aber selbst ein Bild an, wo die Feder damit geschnitten wird. 



278 ^^^ Schreibgerftthe und ihre Anwendung. 

Feder am Pult, das abgerundete Messer auf das Pergament 
gestützt; ein Kalb mit menschlichem Oberkörper reicht ihm 
das Tintenhom.*) 

Ganz frei behandelt sind in dem oben 8. 94 erwähnten 
'Skizzenbuch eines Malers Matthaeus und Marcus mit langen 
schmalen Blättern, welche locker auf dem Pulte hegen; und 
auch sonst erscheinen, bei übrigens augenscheinlich angestrebter 
Naturwahrheit, die Blätter, welche beschrieben werden, häufig 
so leicht und lose hingelegt, dafs die so wunderbar feste und 
gleichmäfsige Schrift des Mittelalters uns damit durchaus un- 
vereinbar erscheinen mufs. Ich erwähne nur noch das hübsche 
Bild des Canonicus Jo. Mielot zu Lille, der 1455 ein lateini- 
sches Buch übersetzt hat,*) die beiden Schreiber bei Barrois,') 
und die Nachbüdungen aus Brüsseler Handschriften im livre 
d'or des mötiers.*) Leicht liefsen sich dergleichen Nachweise 
vermehren, aber der Gewinn ist nicht grofs, wenn nicht eine 
Darstellung besonders merkwürdige umstände darbietet 

Sehr lebhaft wird oft in den Unterschriften der Schreiber 
die grofse Mühsal ihrer Arbeit betont, und besonders häufig 
ist der Vergleich mit dem Erreichen des Hafens am Ende 
der Arbeit*) Schon Montfaucon S. 43 theilte die Verse mit, 
welche sich in einem Theocrit der Leipziger StadtbibUothek 
wiederholen: 

SöJteQ ^ivoi xalQovöi jtaxQlöa ßXijtBiv, 
ovt(D<; xal tolg xdfivovöi ßißXlov tiXog. 

Aehnhch in einer Handschrift von 1112: 

HovrojtXciovöi xavXa Xifiijv xmv jtövcov, 
xoQfjßazovöi rig/ia rov ÖQOfiov jtoXig, 



') Schöne Abbildung bei 0. v. Heinemann, Die Hbs. zu Wolfen- 
büttel, II, 1, 21. 

'} Vor dem 4. Band der Monuments pour servir ä Thistoire des 
provinces de Namur, de Hainaut et de Luxembourg. 

') Biblioth^que protypographique S. 158. 259. 

*) Hist. de rimprimerie S. 21. 42. 51. 54. Vgl. auch Rockinger S. 51. 

B) Bemerkungen darüber in d. Philol. Anz. von E. v. Leutsch II 
(1870), 369—372. 



Das Schreiben. 279 

xal toTg yQag>ovci x^f^^ ßißXlov xiXoq. 
XqiCxb dlöov xoviovTi xe^v xoXvoXßor oQooyrv.^) 

Und in der erwähnten Leipziger Theocrithandschiift des 
14. Jahrh. an anderm Ort: äöjtsg §6voi x^^QOvoiv löelv xa- 
TQlöa, xal ol d-aZatTSvovTsg löstv Xifiiva, xal ol orgccTtvo- 
fitvoi Ideti/ To plxog, xal ol XQo/fiarevoinBg löelv ro xsQÖog, 
xal ol voöcp Xevofisvoi (?) Idsiv vylav, ourco xal ol YQaq)OVTtg 
lÖBlp ßißXlov riXog.^ Dergleichen finden sich viel in Biblio- 
thekscatalogen; ich erwähne noch aus einer Hs. saec. XY. yom 
Athos (Lambros, Catal. I, 305): 

läöXBQ ^Bvoi xa/(»oi;(;ii; löstv xarglöa 
xal ol d-aXarrevovreg bvqbIv Xifiiva, 
ol PoCovvTsg öh rv^stv vyslag, 
ovrcD xal ol yQatjpovTBg ßißXlov teXog. 

Eine Hs. saec. XV. in Bern (Hagen, Catal. Bern. p. 401) 
setzt anstatt des dritten Verses: xal ol Iv diiagrlaig afpsoiv 
xraiöfiaTOV. 

Auch lateinisch findet sich derselbe Gedanke häufig aus- 
gedrückt; so in einer Würzburger Evangelienhandschrift saec. 
Vii.: Sicut navigatUibus proximus est portus, sie et scriptori 
novissimus versus. Tris digiti scribunt et totum corptis labortU. 
Bora pro me scribtore, sie deum hdbeas protedorem^) Kürzer 
Mst sich ein anderer Schreiber desselben Jahrhunderts: Quem-- 
admodum natde porttis, ita scribtori novissimus versus.^) Wieder 
ein anderer schreibt wenig später: Karissime qui legisj peto te 
per ipsum qui plasmavU nos, ut oris pro me indigno peccatore 
et uUimo scriptore, si habeas partem cum domino salvatore, 
Sicut navigantibus suavis est portus, sie et scriptori novissimus 
versus.^) Qui nescit litteras scribere, nullum putat esse laborem, 



>) Zanetti, Divi Mard Bibliotheca p. 44. 

*) Naumann, Catal. bibl. Senatus Lips. p. 3. 

') Oeggy Korographie v. Würzburg S. 358. SchepOs, Die ältesten 
Evangelienhas. (1887) S. 14. 

«) Reiffencheid, Wiener SB. LXYIU, 529. 

') Den. 8atz mit oportunus bei Feyron, Bibl. Bob. p. 203, Reiffer- 
scheidy Wiener SB. LXYII, 515, u. Mangeart, Catal. de Valenciennes e 



280 I^i^ Schreibgei^the und ihre Anwendung. 

quia quod tris digiti scrihunt totos corpus lahorant.^) Zwei 
Bobienser Schreiber derselben Zeit beschliefsen das übliche 
Gesuch um Fürbitte mit dem Satz: SiaU natäa desiderat ad- 
propinquare ad prosperum porium, ita scriptor ad ultimum 
versum,*) In der langen und sehr barbarischen Unterschrift 
der Evangelienhandschrift von 754 in Autun steht: Sicut in 
pdago quis positus desideratus est porto, ita et scriptore novisse- 
mus versus,^) 

Nach Ueberwältigung der merowingischen Barbarei schrieb 
ein Mönch von St Amand im 9. Jahrhundert:*) 

Desiderata tenens ut navita Uttora gaudet, 
Gaudeo sie libri corpus transnasse Maronis. 

Unter Alcuins Gedichten finden sich die Verse: 

Nauta rudis pelagi ut sevis ereptus ab undis, 
In portum veniens pectora leta tenet: 

Sic scriptor fessus calamum sub calce laboris 
Deponens, habeat pectora leta satis. 

nie deo dicat grates pro sospite vita, 
Proque laboris agat iste sui requie.*) 



cod. S. Amandi saec IX.; mit desiderahüia e cod. legis Alam. saec. X. in 
Pertz' Archiv VII, 752; mit dulcis 2 codd. saec. X. in Novara, Reiff. SB. 
LXVIII, 636 637, vgl. Giov. Andres, Lettera al Sig. Abbate Morelli (1802) 
S. 42. 43. Cod. lat Mon. 3842 saec. X. vel XI. bei Steichele, Arch. f. d. 
Bisth. Augsb. I, 57. Yerz. d. Meermanhss. S. 30. Nur theilweise lesbar 
ist die ähnliche Unterschrift im Cod. Luxov. vom Jahr 625; nur ist noch 
vom WeingenuTs die Rede, der im Uebermafs schädlich wird, und der 
Schluifi lautet: ut nauta gaudet läare post pontutn evectus, ita et scr^a 
novissimum ver&ttm 8ulcatum. Delisle hat in seiner Notice über diese Hs. 
S. 9 u. 10 Parallelstellen zu den 3 Schreibfingern gegeben. 

*) So bei ReiflFerscheid, Wiener SB. XLIX, 21. 

«) Peyron p. 178. 195. Reifferscheid 1. c. LXVII, 502. 535. Ebenso 
ein Trierer Schreiber saec. IX., Archiv YIII, 597. 

•) Facs. in d. Bibl. de l'ficole des Chartes VI, 4, 217. 

*) Mangeart, Cat. de Valenciennes S. 382. 

*) Poet. Lat. ed. Dümmler I, 284, cf. 632. Dieselben mit kleinen 
Abweichungen in vielen Handschriften, vom Diac. Eriulf 911 bei Hagen, 
Catal. Bern. p. 279; in einem Evangeliar saec. XI., Bibl. de Pficole des 
Chartes V, 1, 403. In einer Würzb. Handschrift, die Erchanbert von Fulda 



Das Schreiben. 281 

Ferner das kürzer zusammenfassende Distichon:^) 

Hactenus in sanctom sulcando moyimus aequor: 
littoris ad finem nostra caiina venit 

Walahfrid zugeschrieben werden die häufig angewandten Verse: 

Ut gaudere solet fessus jam nauta labore, 

Exoptata diu littora nota yidens: 
Haud aliter scriptor optato fine libelli 

Exultat yiso, lassus et ipse quidem.^) 

Damit verbunden sind in den Abschriften von Boethius de cons. 
philosophiae die Hexameter: 

üt laetus ponti spumantis navita Umphas 
Munere congaudet summi transnasse tonantis, 
Sic sacros calamo scriptor sulcante libellos. 

Die Meister des herrlichen, in goldener Uncialschrift ge- 
schriebenen Evangehars von Sanct Emmeram schrieben 870: 

Hactenus undosum calamo descripsimus aequor: 

litoris ad finem nostra carina manet 
Sanguine nos uno patris matrisque creati, 

Atque sacerdotis servat uterque gradum. 
En Beringarius Liuthardus nomine dicti 

Quis fuerat sudor difficilisque labor. 
Hie tibimet, lector, succedant verba precantis, 

Ut dicas: Capiant regna beata Dei. 

Der Schreiber Agifi^d in Ivrea schrieb im 10. Jahrhundert 
anspruchsvoll mit Goldschrift unter einer Canonensammlung: 

Dulcior ut portus nautis, ut meta quadrigis, 
üt stabulum fessis, [ut] fiigida limpha sitis, 



saec. IX. geschrieben, bei Eccard, Comm. de Or. Fr. ü, 158 u. Oegg S. 500. 
Im cod. S. Gall. 242 mit dem SchluTs: Chratia magna tibi sU Christe 
semper in evo, Qui mihi danasti perficere istud opus, Scherrer's Yerz. 
S. 89. Nachahmung von Otfiid am SchluTs seines Werkes, Zts. f. D. Alt. 
N. F. XIX, 216. 

^) Alcuini Opera ed. Froben. II, 457. 

*) Poet lat. II, 402, wo ein Theil der Hss. angegeben ist 



282 I^io Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Sic mihi (fit) similis quem prebet pagina yersus, 
Xntima dum extremas pangit arundo notas. 

Qui nesdt scribere non putat esse laborem, 
Ideoque obsecro: orate pro scriptorem.') 

Ich erwähne uoch den Subdiaconus Johannes aus Troja, 
welcher 1011 für den eben erwählten Abt Atenolf von Monte 
Cassino den Ambrosius in Lucam abschrieb, und in seiner 
langen Unterschrift*) den Satz anbrachte: SictU qui navigai de- 
siderat porium^ üa scriptor novissimum versum. Als er Priester 
geworden war, schrieb er die Acta apostolorum u. a. mit 
schönen langobardischen Initialen, und veränderte den Satz 
etwas: SictU nautes desiderai portwn videre^ üa scriptor desi- 
dercU librum complere.^) 

Der Cleriker Reginpold im 11. Jahrhundert schrieb mit 
der beUebten Geheimschrift, wo für die Vocale immer der fol- 
gende Consonant gesetzt wird: Quam didcis est navigantibus 
portus, ita scriptor i novissimus versus. Legentes in libro isto 
conscripto orate pro ipso ut veniam mereatur a Christo^ qui 
prestat vohis ah ipso^ pro indigno derico Reginpoldo^ quia ipse 
laboravü in ipso libro, ^) 

Kurz und gut sagt der Schreiber des cod. Namuc. 159: 

Ut Domini tergo viso Moyses hilaratur, 
Sic posttergato Ubro scriptor recreatur.*) 

Ein Schreiber in Saint-Riquier: 

Scribentis labor ignaris nimium levis extat, 
Sed durus notis sat manet atque gravis.^) 

Gar bewegUch klagt über die Mühsal des Schreibens, mit 
dringender Bitte um Schonung des Buches, der Schreiber des 



') Dümmler, Gesta Berengarii S. 159, vgl. S. 75. 
«) Caravita II, 63. Reifferscheid in d. Wiener SB. LXXI, 45. 
•) Caravita 11, 58. 

*) Cod. Bamb. A II 53 in Uncialen. Facs. in Jaeck's Schrift- 
mustem II, 10. 

») Anal. Bolland. I, 528. 

<*} Carmina Centulensia, Poet Lat III, 298. 



Das Schreiben. 283 

Westgothischen Bechtsbuches im 8. Jahrhundert: heaiissime 
ledar, lava manus tuc^s et sie librum adprehende, leniter folia 
tuma, longa a littera digüo pone. Quia qui nescit scribere, 
ptdat hoc esse nullum laborem. quam gravis est scriptura: 
ocuios gravat, renes frangit, simul et omnia menibra contristat. 
Tria digita scribunt, totus corpus Idborat. Quia sicut natda 
desiderat venire ad proprium portum, ita et scriptor ad ulti- 
mum versum. Orate pro Martirio indignum sacerdotem vel 
scriptor em etc.*) Ganz ähnlich schrieb in Corbie Warembert: 
Amice qui legis, retro digitis teneas,*) ne subito litteras deleaSj 
quia üle homo qui nescit scribere, nullum se putat habere la- 
borem, quia sicut navigantibus dulcis est portus\ ita scriptori 
novissimus versus. Calamus tribus digitis continetur, totum 
corpus ktborat. Deo gratias. Ego in dei nomif^ Vuaremhertus 
scripsi.^) In einer westgothischen Hs. saec. X.: Bogo te lector 
quod manm mu(n)das in spatium tenects, ne littera deleas,^) 
Aach Griechisch heifst es in einer im 14. Jahrhundert von 
Anna Comnena gestifteten Handschrift: ^^lovfiep oiv rovg tijv 
rocavTTjv kvrvyxavovxaq legav ßlßXov xal fidXiöra xalq Iv rf] 
roLam^ öeßaöiila nov^ IvaöxovfiivaLg evXaßecrdraig /lovaxatg 
ol Y£YQaq>6T€q rrfv ^tagovöav ßlßXov, Iva (ihr svXaßelag xal 
Tfjg XQejtovütjg xa&ccQorrivog te xal öBnvoxrjftoq anzBCd-ai xov 
rotovxov ßißXLov xal htj dvlxroig x^Q^^ '^^ aöofisvov /' aXXmq 
vjto kXalov d-l^soog xal (leraxsiQijöecog xavdf]Xa)V tj JtXijöeog 
elZfiiifiivaig.^) Die drei Finger fanden wir schon öfl»r erwähnt; 
neben vielen anderen Dreiheiten hebt sie 838 Dubthach hervor 
in einem Piiscian von unbekannter Herkunft;.^) Becht barbarisch 
schrieb im 7. Jahrhundert Yalerianus: Quia tribus digitis scri- 



^) Mon. Germ. Leg. III, 589. ^ 

') Vgl. Archiv d. Ges. £ &lt. d. Gesch. YIII, 81: Bogo vos, ui qtMndo 
legäis retro digüos teneatia. 

') Läop. Delisle, Recherches sur Tancienne Bibl. de Corbie, Möm. 
de r Institut XXIV, 292; vgl. Serapeum XXIII, 215. 

*) Neues Archiv VI, 332. 

') Lambros, Athoscatalogue I, 94. 

^ Jetzt in Leiden. Grammatici Latin! ed. Keil II p. Xm, 



284 I^i^ Schreibger&the und ihre Anwendang. 

bitur et Mus membrus lahorat, labor quidem modicum, gratia 
autem magna a creatori etc.^) 

Metrisch correct lauten die gewöhnlich entstellten Verse: 

Scribere qui nescit, nullum putat esse laborem: 
Tres digiti scribunt totum corpusque laborat*) 

Der Bruder Leo*) aber, der im Latein sehr schwach war, 
schrieb im 10. Jahrhundert in Novara: Tria digüa scribunt, 
totus corptAS lahorat. Darsum inclinat, costas in ventrem mergit, 
et omne fastidium corporis nutrü. Ideo tu lector leniter folia 
versa, manus lava,^) et sie librum tene, et ei aliquid pro vesti- 
tura consterne. Kürzer, doch nicht ganz verständUch, fährt 
der Subd. Johannes nach den oben angeführten Worten fort: 
Qui nescit scribere, putat nullus esset laborem. Sed qui habet 
intentos oculos et inclinata cervice, Tria digita scribunt, sed 
totum corpus laborat. In einer Hs. (Cod. lat. Monac. 14238), 
die an B. Baturich von Regensburg (817 — 848) geschenkt ist, 
sagt der Schreiber: Tu qui legis feliciter in Domino, semper 
ora pro scriptore, üt semper Deum habea^ adjutorem, quia 
qUfOd tres digiti scribunt , totus corpus in labore positus est, 



^) Cod. lat. Monac. 6224. Vollständig im Halm'schen Catal. (auf den 
immer ausdrücklich hinzuweisen überflüssig ist) I, 3, 74. 

*) Hoffinann, Altdeutsche Handss. S. 151. Wright and Halliwel], 
Rell. antt I, 288. Valentinelli, Bibl. S. Marci IV, 153. N. Arch. VI, 269. 
Mit corpus tarnen omne laborat Irmischer S. 130. Aluisius Ghristophori 
in Pisa setzt 1471 den fehlerhaften Vers dazu: Scribere qui seit, nulhim 
putat esse majorem. Valentinelli IV, 85. Ein anderer: magnus est ktbor, 
sed major est premia aeterna bei Rockinger S. 187 (II, 21). 

') dericus, nicht ds d. 1. deus, wie Reifferscheid schreibt, SB. 
LXVIII, 636. Richtig bei Andres, Lettera all' Abb. Morelli S. 43. Aehn- 
lich mit Klage über leidende Augen und gekrümmten Rücken, mit Hoff- 
nung auf himmlische Belohnung, 925 Florencius, der 22 oder 25 Jahre alt 
(er wu&te es nicht) Gregors Moralien abschrieb, bei Merino S. 73 ohne 
wörtlichen Text. 

*) Vgl. oben S. 271. 283. Um gewaschene Hände bittet auch die oft 
wiederholte Inschrift von Greg. Moralia, Garavita II, 33. 66. 75: Quisquis 
quem tetigerit, sit Uli Iota manus. Bibl. Gasin. II, 293. 299. 301 aus cod. 
77. 80. 81. Ein spanischer Schreiber saec. X. schreibt: Bogo te lector quod 
manus m%mdas in spatium teneas, ne littera deleas. N. Arch. VI, 332. 



Das Schreiben. 285 

et si nomen inquiris, lege in hoc volumine, indicavU tibi 
EBPHXAPTYC. Ein spanischer Schreiber des 10. oder 11. 
Jahrhunderts: Tu domine mi frater, qui hunc lihdlum accipis, 
sensatim cave et anim^verte et lenteo terge et leniter folia 
revolve, longe ad litteras digitos pone nee litteram ledas ortor; 
namque te karissime et nimium contestor per ipsum, ad cujus 
Judicium omnes resurr ecturi erimus, de cenobio s, Marie qui 
est in Riopullo, noli dbstrdhere eumj sed quam citius potueris 
revertere ibi facias.^) Sehr lebhaft wird von einem anderen Spanier 
970 die Mühsal des Schreibens betont: *) twrre Taharense alta 
et lapidea, insuper prima teca, übi Emeterius trihusque mensis 
cucurvior sedit et cum omni menibra calamum conquassatus 
fuit. Expl. librum VI. Kai. Äug. era MV III hora Villi. 
In einem Psalter von 1395 lesen wir:*) bone Chunrade, 
pausa ad intervallum unius höre, ne dorsum tuum et reliqua 
menibra penüus defidant. Ein anderer schreibt einfach:^) 
Ä. D. mccccxx sabbato ante Oculi hora nona per me Johannem 
Venter maximo cum labore etc. und 1406 ein anderer:^) Ex- 
pliciunt Idbor et dolor. 

Mit der Krankheit, wie oben S. 279, wird das Schreiben 
im cod. S. Gall. 10 vergUchen: Sicut aegrotus desiderat sani- 
totem, ita desiderat scriptor finem libri.^) Und mit der Ernte 
vergleicht das Ende des Buches in schlechtem Latein 1270 
ein ital. Abschreiber von Isidor's Origines: 

Ut [est] labor agiicolis proscindere vomere terras, 
Sic mihi arundineus calamus solcare novales. 
nie etiam tostas congaudet cemere messes, 
Sic et ego finem lector (laetor) concludere versum."^) 

Bruder V. rühmt sich im 14. Jahrhundert, er habe sein 
Buch geschrieben non sine sudore, carnis macer ando vigore: 



*) Neues Archiv VI, 390. 

*) Delisle, M^langes p. 125 aus Florez. 

•) Catal. Monac. IT, iv, 54. 

*) 6. Schmidt, Halberst Osterprogramm 1878 S. 21. 

^) Cod. Magdeburg. 125. 

•) V. Arx, Berichtigungen S. 30. 

') Valentinelli, Codd. S. Marci II, 47. 



286 ^^^ Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

er hoffl; dafür in codice vitae eingeschrieben zu werden.^) Dem 
entsprechend sagt auch Joh. Gerson de laude scriptorum:*) 
Nullus üaque negaverU, Idboriosam esse scribendi exercUium; 
acceptet igüur illud in penitenciam seu satisfctctionem pro suis 
alienisque delictis. Deshalb ist es auch erlaubt an Festtagen 
zu schreiben, nur nicht für Geld. Daher finden wir auch Unter- 
schriften wie Dit boec is veel op heylige dagen gescreven, und 
ähnhche häufig.') 

Ein hübsches Epigramm über die Arbeit des Schreibers, 
vielleicht aus dem 9. Jahrhundert, steht in Biese's Ausgabe 
der lat Anthologie:*) 

Ardua scriptorum prae cunctis artibus ars est: 
DifficiUs labor est, durus quoque*) flectere colla, 
Et membranas bis temas sulcare per horas. 
Quare, lectores, praecelsimi poscite divum, 
üt procul apellat quicquid scriptoribus obstat 

Mit den folgenden Versen beschlofs Otloh seine Lebens- 
beschreibimg des h. Bonifaz: 

TOS, qui nostis, quid perferat ille laboris, 
Qui se scribendo castigat tempore crebro: 
Assiduis precibus memores sitis precor ejus, 
Qui promptus hbrum conscripsit et edidit istum.^ 
Tu quoque, sancte Dei, memor esto sui, BonifEix^i, 
Ob cujus laudem hbrum conscripsit eundem, 
Ut regno Christi per te valeat sociari.^ 

Schlimm war es, wenn die Hand verletzt oder vom Schrei- 
ben lahm wurde, wie es einem Schreiber im 11. Jahrhundert 
geschehen zu sein scheint, der schrieb: 



») Coxe, Catal. Bodl. III, 367. 

«) Opera (ed. 1706) U, 697. 

*) Moll, Kerkgeschiedenis II, 2, 320. 

*) I, 2 p. XXVII e cod. Voss. qu. 33. 

*) duriusque Hs. 

') So weit unter einem Mammotrectus von 1466, Jacobs u. Ukert, 
Beitr. I, 1, 169. 

^) Jaff6, Bibl. III, Ö05. Mit noch 5 weiteren Versen e cod. Zwetl. 
in Pertz' Archiv X, 609. 



Das Schreiben. 287 

Tandem perge über Godescalci poUice liber, 
Qui bene scripsisset, si prae digito licuisset^) 

So klagt Ambrogio Traversari: pollex novo semper tremore 
agüatur.^ Der schlimmste Feind aber war das Alter. Chümo 
kiscreib, fUo chümor kipeit, steht in langen zitternden Zügen 
unter einer Sanctgaller Handschrift des 9. Jahrhimderts,') und 
aus dem 11. steht in einer Cassineser Hs. von fränkischer 
Hand: Bunc propria scripsi carum mihi valde libellum jam 
tremtdanie manu de vüa christiana Fastidii qnscopi,^) 

Rührend ist der alte Agilolfinger Wicterb, als Abt und 
Bischof Ton St Martin zu Tours 756 gestorben, der 754 ein 
geistliches Werk für einen Regenten, wahrscheinlich Tassilo, 
schrieb jam senex, puto nonagenarius aut supra, dolentibus 
membris et caliginantihus ocülis, und bis an seinen Tod uner- 
müdet weiter schrieb, propria manu scribens libros.^) 

Stephan Heinzmann, Notar in Rosenau, schrieb 1388 ein 
Instrument nicht selbst ^op^er trepidadonis manuum defectum.^ 

Natürhch litten auch die Augen,^) besonders wenn der 
Schreiber auch bei licht schrieb, wie Marian, und Bruder 
Ludwig in Wessobrunn: 

Sedibus extemis hie librum, quem modo cemis, 
Dum scripsit^ friguit, et quod cum lumine solis 
Scribere non potuit, perfecit lumine noctis.^) 



') Pertz' Archiv YIII, 605. Vgl. N. Arch. Y III, 331 : Aldebaldus et 
hoc complevü mente benignus, Feseis artictilis nempe Mtore suis, 

') Epistolae ed. Mehus p. 188. 

*) S. Müllenhoff u. Scherer S. 23 u. 297 (I, 34 u. 11, 90 ed. HI.). 
Fac8. ?. Mafomaim im Anz. von 1832 S. 245. Hattemer, Denkm. I Tafel 2. 

*) Bibl. Caain. IV, 257 (cod. 232). 

*) Ann. Petay. MG. SS. m, 170. Aventini Ann. Boj. m c. 7 § 4. 
Vgl. Rettberg's Kirchengesch. ü, 269 und meine Geschichtsquellen (6. Ausg.) 
I, 155 u. II, 505. 

*) Archiv f. Siebenb. Landeskunde 1875, XII, 372. 

') Bei Valentinelli, Bibl. S. Marci FV, 90, findet sich folgendes 
Recept: Ad darifieandum visum, lava eapud bis m hd>domada cum 
Uxivio, in quo radix junci marini fuerit coda: hoc dixit senex equi- 
tameus miniator, qui fuerat eoBpertus, 

*) B. Pez, Thes. I Diss. Isag. p. XIX. Vgl. oben S. 271. 



288 ^^^ Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Nicolaus, auf den wir noch zurückkommen, schrieb seine 
Vita Magni bei Nacht, und entschuldigt damit die schlechte Schrift 

Auch Bruder Dietrich in dem Cölner Kloster Grofs-Sanct- 
Martin schrieb 1480 und 1482 caliginantifms oculis.^) 

Der Schwäche der Augen wurde durch Brillen abgeholfen. 
Schon in Alfrics Vocabular (S. 38 bei Wright) finden wir 
specularis thurhscyne stan, ja schon in dem Leben WilMds 
von York (f 709), das im 10. Jahrhundert von Fridegod ge- 
schrieben ist, heifst es (Mab. Actt in, 1, 195): 

Protinus admisso micuit syntagma benllo. 

Der Sinn ist nicht recht klar, und so lange man die Ver- 
gröfserung fiir eine Eigenschaft des Beryll hielt, mufste die 
Anwendung sehr beschränkt bleiben. Angeblich wurde das 
occhiale kurz vor 1300 erfunden; der Florentiner Sandro di 
Kpozzo rühmte 1299 seine Brille in der Unterschrift eines 
Codex. Petrarca (ep. ad posteros) besorgte, dafs ad octdarium 
confugiendum esset auxilium. Am Schlufs einer Predigthand- 
schrift von 1387 steht: daß ich phaff Alhrecht genant der 
Kolhe . . . han diz buoch geschriben mit grofsen unstatten und 
durch ain Spiegel, do ich 66 ja/r alt voae, Dals dieser Spiegel 
eine Brille war, und so z. B. im Vocab. optimus specular 
spiegd zu verstehen ist, hat W. Wackemagel nachgewiesen.*) 
Job. Busch*) erzählt von Petrus de Gouda am Anfang des 
15. Jahrhunderts: „novis Ubris conscribendis in bona rotunda 
textura et fractura, pergameno vel franceno quotidie insudabat 
et usque in suam senectutem missaUa et graduaUa ceteraque 
simiha, et pro infirmis breviaria in papyro scribere omnino non 
destitit . . . Senio tandem fessus oculorumque cahgine plurimum 
adrumbratus non per unum solum, sed per duos simul aut per 
berillum duplicem in communi legere et scribere consuevit" 
Für Kaiser Sigismund wurde ein Becept bereitet ut jam amplius 
berillo non indigeret,*) Nicolaus de Cusa verfafste ein Werk 



») Cod. Bruxell. 428—442, Heiligenleben. N. Arch. II, 244. 
') Die deutsche Glasmalerei (Leipz. 1855) S. 128. 
■) Chron. Windesh. II c. 42; ed. Grube p. 118. 
*) Pertz' Archiv X, 675. 



Das Schreiben. 289 

unter dem Titel Berülus: Expl. berilluSj per quem videtur 
Deus et omnia ejits.^) Johann Butzbach nennt sie ocularia seu 
berüla.^) Für die Nürnberger Rathsherren wurden 1482 fünf 
augenspiegel angeschafft,^) in Diessen zahlte man 1499 45 ^/^ 
den. pro speculis et fuderaly in Tegemsee 1492 14 den. vtnb. 
ceway augengleser, 1495 53 den. pro octo paribus oculariorum 
juvenum; 1500 zahlte der Abt gar 5 schill. 8 den. pro speculis 
ocutorum,^) Auf Abbildungen sind Schreiber mit Brillen häufig, 
und es wurde das sogar auf die Evangelisten übertragen.^) 
Noch 1786 brauchte M. C. v. Heidendorf in Siebenbürgen das 
Wort Augenspiegel für Brille.^) 

Ueber die Zeit, welche man zum Schreiben brauchte, 
geben uns einige Unterschriften Kunde, doch war natürlich ein 
groüser Unterschied nach der Geübtheit des Schreibers und 
der Art der Schrift. Ich habe hier einige Angaben zusammen- 
gestellt, die sich aber mit Leichtigkeit sehr vermehren lieisen. 
Der h. Nilus schrieb tägUch einen Quatemio und in 4 Tagen 
einen Psalter.') Die PhilocaJia des Origenes von 89 Blättern 
wurde vom 27. April bis 12. Mai 1343 geschrieben*), ein Euri- 
pides von 169 Blättern vom 7. August 1412 bis 10. Jan. 1413.») 
Der heilige Colimiba im 6. Jahrhundert schrieb eine Evangelien- 
handschrift in 12 Tagen. ^®) Eine Canonensammlung in grofs 
folio aus dem 8. oder 9. Jahrhundert von 130 Blättern, 
der aber am Anfang 2 Quatemionen fehlen, hat die Unter- 
schrift: Expliciunt canones ex tribus libris editae quod inchoavi 



*) Cod. Magd. 166, 10. Progr. v. 1880 S. 35. 

*) Wanderbüchlein, herausg. y. Becker (Regensb. 1869) S. 122. 

') Anzeiger d. Germ. Mus. XX, 136. 

') Rockinger, Zum baier. Schriftwesen S. 50. 

*) Z. B. in der deutschen Bibel in Heidelberg, Cod. pal. Germ. 23 
saec. XV. Marcus u. Paulus. 

•) Archiv f. Siebenb. Landeskunde, N. F. XXVÜI, 294. 

^) A. Tougard : Quid ad proüeuios mores etc. conferant Acta Sanctorum 
Graeca ^Paris 1874) S. 69—61, nach der Vita. 

") Wattenbach et A. v. Yelsen, Exempla p. 7. 

•; Ib. p. 8. 

10) The book of Burrow, s. Y. Columbae auct. Adamnano ed. Reeves 
(Bannatyne Club 1857) S. 242 n. i, u. S. 327. 

Watienbach, Schriftwesen. 3. Aufl. 19 



290 I^io Schreibger&the und ihre Anwendungf. 

Kl. Äpr, et consummavi Id. Sept. id est diebus CLXVI ebdo» 
maiibus XXIIII, Lege letanter, intellege prudenter, comple 
efficcuMer. Legenti vita, possidenti pctx perpetua, scriptari 
praemia aeterna. ^) Hier kommt also auf ein Blatt etwas mehr 
als ein Tag. 

Das entgegengesetzte Extrem von Geschwindigkeit leistete 
793 Wandalgar, indem er die Lex Salica diae Mercoris pro- 
ximo ante kal. Nov. (30. Oct.) zu schreiben anfing, und am 
Freitag 1. Nov. schon mit dieser und dem Alamannischen 
Gesetz dazu fertig war.*) Ein leider verlorenes Sacramentarium 
Bemense wimie vom 22. März 798 bis zum 23. Juli (oder 
1. Aug.) 800 geschrieben.*) 

Auch Agambert brauchte 806 zu Hieronymus' Commentar 
zum Jeremias^) nur einen Monat: Theoderieus abhat, fieri or- 
dinavU. Agambertas fecit deo grcUias semper domine amen. 
Kai. Julii scribere inchoavi^ pridie hd. Aug. consummavi a. 
sexio imperii d. Caroli serenissimo atque gloriosissimo impera- 
tore cesare augusto. 

Eine Handschrifb mit HeiUgenleben entstand 819 auf dem 
Feldzug gegen liudewit: Hie Über fuit inchoatus in Hunia in 
exerdtu a. d, 819. 4. Non. Jun. et perfinüus apud 8. Flori- 
anum 2. Id. Sept. in ebdomada 15^. Schon Aventin hat 
sie gekannt und erwähnt; damals war sie in Münchsmünster 
an der Um, jetzt ist sie in Brüssel (8216).*) Auf die Hand- 
schrift, welche Bischof Baturich 823 in sieben Tagen schreiben 
liefs, kommen wir noch zurück. Notker's Fsalmenübersetzung 
war in einem jetzt verlorenen Exemplar in 14 Tagen abge- 
schrieben.®) Nach einer Abschrift von Alcuins Buch de fide 

») Cod. lat. Mon. 5508 (Dies«. 8) f. 801 nach Mittheilung von W. Arndt 

«) Cod. S. Call. 731, ß. Pertz' Archiv V, 213—215. Daraus das Bild 
eines Mannes mit Wachstafel, bei Mone, Anz. 1835, Tafel lY zu S. 491. 

') Delisle, Anciens Sacram. p. 88. 

*) Yalenc. 52 aus St. Amand; 182 Blatt, 32 Zeilen auf der Seite. 
Der Schreiber spielt mit halb griech. halb goth. Buchstaben u. Geheim- 
schrift; der Abtname ist ein Monogramm. Facs. bei Mangeart S. 50. Unter 
jedem Buch steht emendavi. 

») Pertz* Archiv VIII, 81. Aventini Ann. Boj. IV c. 9 § 28. 

«) Scherrer's Verz. d. St. Galler Stiftebibl. S. 10. 



Das Schreiben. 291 

Trinitatis aus dem 10. oder 11. Jahrhundert berichtet der 
Priester Gregor, in Ünter-Italien: citissime velodterque descripsi, 
cum in pluribus occuparer rebus; incepi atUem illum V. Id. 
Sept. hora quasi prima feria quarta^ explevi autem septima 
säbbaii abhinc XV L Kai. Od. feria IV, hora quasi III. Aber 
am Sonntag hat er nicht geschrieben.^) 

Die Geometrie des Boetius schrieb 1004 Constantius in 
Luxeuil in elf Tagen.*) In 5 Vierteljahren wurde eine Abschrift 
der Bibel vollendet:^) Bergognonus de Nigraxio da Caranno 
Novariensis civis scripsit hunc librum, quem incepit 1220 die 
Jovis quarta intrante Madio et explevit sequenti anno die 
Martis sexta intrantis Äugusti. Eine Abschrift der Martiniana 
mit Fortsetzimg liefe W. von Bolanden, Probst von St Victor 
vor Mainz, durch seinen Notar Jacob 1316 anfertigen; er be- 
gann am 26. Sept und war am 18. Oct fertig.^) 

Ein prächtiges neues Testament der Wiener HofbibUothek, 
von 278 Blättern in grofe foUo, ist 1333 in 6 Monaten ge- 
schrieben;^) ein illuminiertes Graduale ftir das Kloster Alders- 
bachy zu welchem 175 Häute gebraucht wurden, in 8 Monaten, 
vom 1. Juli 1322 bis 22. Feb. 1323. Zu den Sermones qua- 
dragesimales des Jacobus de Voragine brauchte ein Schreiber 
7 Wochen, vom 7. Nov. bis 24. Dec. 1375. Das oberbaierische 
Landrecht ist vom 13. März bis 3. April 1448 hergestellt, ein 
Schwabenspiegel vom 17. Dec. 1464 bis Ende März 1465.^ 

Ein in Paris studierender Mönch schrieb vom 1. März bis 
31. Mai 1342 ein Werk von über 204 Quartblättem.') Die 
dritte Decade des livius auf 80 Blättern schrieb 1389 in 
Venedig Foscarin de Pharizeis aus Parma vom 15. Febr. bis 



») Neues Archiv VI, 288. 

*) H. Hagen, Gatal. codd. Bern. p. 107. 

') Dorange, Catal. de Tours 1. 

*) Public, de Luxembourg etc. XVIII a. 1862. Cod. Dresd. F. 159. 
Neues Archiv V, 167. 

») Theol. 17, jetzt 1174, s. Denis I, 1, 19. Vom 3. Juli bis 18. Januar. 

') Die letzten Angaben bei Rockinger S. 188 (II, 22). Sie sind alle 
von profesionellen Schreibern. 

"*) H. Hagen, Catal. codd. Bern. p. 89. 

19* 



292 Die Schreibgerftthe und ihre Anwendung. 

zum 15. März, also in vier Wochen, wie seine Unterschrift 
deutlich bezeugt, obgleich die Zeit für die Arbeit fast zu kurz 
erscheint') In einem Brevier von 1406 steht: Et fuü totus 
scripttis die Veneria quifUa die ntensis Martii a. D. 1406. 
Teste signo manudli scriptoris Pouvenatd.*) Den Commentar 
des H. Bohic in tertiimi hbrum decretalium (308 Blätter) schrieb 
zu eigenem Gebrauch „Joh. de Barbey de civitate multum 
laudabiU Jerochiensi in Saxonia Havelb. dioc. oriundus^' vom 
Tage Severini ep. et conf. (23. Oct.) 1411 bis Dienstag nach 
Laetare (15. März) 1412.^) In Heilsbronn scheint an dem 
Katholicon 13 Jahre geschrieben zu sein; in den Eechnungen 
findet sich 1407 ad librum hatholican pro pergameno et no- 
tario 8t,; für dasselbe Buch bis 1412 noch 24 ä. und 9^.; 
1418 4t pro pergameno ad katholicon, quod modo scribitur; 
1420 fratribus corrigentibus librum catholicon ad solatium 
20 d. ad eundem librum pro coloribus et incat^sto 4 t.^) 

Vom 2. Nov. 1428 bis 12. Juli 1429 schrieb Magister 
Johannes de Calabria in San Germano an Gregors Morahen, 
322 Blätter in foUo.^) Der Melker Mönch Wolfgang von 
Steier schrieb als Prior in St Peter in Salzburg neben seinen 
übrigen Geschäften als Reformator 1436/7 ein besonders schönes 
Missale in einem halben Jahre. ^) Sehr merkwürdig ist, dafs 
im Jahr 1467 ein Minorit in Paris Ovid de remedio amoris in 
einem Tage schrieb:'') Expl. Ovidius de remedio amorisy quem 
ego fr, Bertrandus Ginesse ord, fr, min. conv, lOitdenensis 
scripsi in fngüia conceptionis b. Marie. Incepi quidem ipsum 
scribere hora quinta de mane et finivi eadem die hora unde- 
cima ante mediam noctem a. D. 1467, et hoc Parisius in camera 
mag. Antonii Calmelli, teste fr. Philippo Castauri dicti ord. 



^) Valentinelli, Bibliotheca s. Marci VI, 13. 

«) Neues Arch. IX, 372. 

•) Cod. Magdeb. 159. Programm von 1880 S. 28. 

«) Stillfried, Kloster Heilsbronn S. 13. 

*) Cod. 72, Bibl. Casin. II. mit Facs. t. VIII. 

•) Czemy, Bibl. von St. Florian S. 19 nach H. Pez, SS. Rer. Austr. 
II, 447. Die frühere Anm. ist nach freundlicher Mittheilung von Czemy 
berichtigt. 

') Hauröau, Not. et Extr. XXIX, 2, 240 e cod. Paris. Lat. 8247 f. 23. 



Das Schreiben. 293 

conv. Lemovicensis, et fr. Oeraldo Crosarum^conv. Älbie. Ad 
laudem et gloriam Virginia Marie amen. 

Es giebt noch sehr viele ähnliche Notizen, doch diese 
mögen genügen. 

Die Kostbarkeit des Schreibmaterials führte zu dem Ge- 
brauch der Abkürzungen, deren Uebermafs in vielen Hand- 
schriften das Lesen sehr erschwert. Man nannte es breviarey 
aber auch tüülare von tüidus^ titüla oder tüella, dem Ab- 
kürzungszeichen , span. tüde. Es bedeutet freilich titulare auch 
nur einfach schreiben. Wenn auf dem Titelblatt des römischen 
Staatskalenders in Wien steht FILOCALVS TITVLAVIT, so 
ist damit vielleicht die malerische Ausschmückung oder doch 
die schöne kaUigraphische Ausfuhrung gemeint;^) das Wort 
wird hier von tittUuSf der Inschrift, Au&chrift, herzuleiten sein. 
Aber wenn eine Urkunde aus Le Maus beginnt Tituletur in 
pagina^ wenn unter einer Urkunde aus Castilien von 957 steht 
Jo. tüidavü, so ist doch dadurch wohl nur das Schreiben mit 
einem gewählten Ausdruck bezeichnet.') Anders dagegen ist 
es zu verstehen, wenn im 10. Jahrhundert der Cleriker Heinrich 
von Pomposa sagt: quosdam ex fratribus adversos habeo, ob 
nimiam tütUtUianem non valentes legere libros a me scriptos,^) 
Alezander Neckam schreibt: Alium etiam modum sortiatur 
scribendi in signaüs (enseus) et in cirographis (drografs) 
chariis (charires) et in transactionibus, alium in textu (tist) 
et aiium in glosis (glose). Glosa enim per siäibrevitaiem 
(brefle) et eonpendiosam (sie) per apices (titles) scribi debet. 
Conradus de Mure (1275) giebt in seiner Summa ^) Anweisungen 
darüber, wo die Etikette es erfordere^ Eigennamen nicht aus- 
zuschreiben, sondern nur anzudeuten, und bemerkt dabei: Verbi 
gratia proprium nomen Gillelmus breviatur per G et i et duo 
l cum titella, que ipsa II ad invicem connectat; simüiter Fru- 



^) Diesen Filocalus weist als Kalligraphen des Pabstes Damasus nach 
De Rossi, La Roma sotterranea I, 121. Seine sehr schöne Schrift ist genau 
bekannt und oft nachgewiesen. 

') Beides bei Du Gange ed. Henschel VI, 595. 

*) Bluhme, Iter. Ital. II, 216. 

«) Quellen zur Baier. Geschichte IX, 463. 



294 I^io Schreibgerftthe und ihre Anwendung. 

dericus per capitales F et R cum tUella, et sie de simüüms. 
Set non mültum expedU in lüteris scribendis, ut pro unica et 
sola vd duabtis litteris poncUur titüla vd tUdla; verbi gracia 
hec dictio impar pocius totaliter dehet scribi per quinque 
litteras, qtmm $i titella poneretur super i et altera ad pedem 
p. In der von L. Delisle mitgetheilten Anweisung für päbst^ 
liehe Schreiber^) kommt titulus in dieser Bedeutung yor, und 
es wird genau imterschieden, welche Form desselben den ver- 
schiedenen Ausfertigungen zukommt 

Merkwürdige Anweisungen für die richtige Art der Ab- 
kürzung enthält eine Handschrift des 15. Jahrhunderts mit 
dem Titel: Indpiunt quedem regule de modo titulandi seu 
apificandi pro novdlis scriptoribus copulaie. et iste modus 
tytulandi servari potest in lihris preciosis scäicd in bibliis et 
hujusmodi in scriptura rotunda aut fractura et äliis. Nisi 
scriptori autem placuerit scUicet in messalibus sermonibus ome- 
liariis et sie in äliis in scriptura communi.*) Im Text braucht 
der Vf. den Ausdruck titdlus für das Abkürzungszeichen, und 
redet von sülabe titülabües. Auf griechische Accente geht die 
Stelle in den Epp. obscur. vir. I, 6. Es ist ein Grieche da, 
der quando scribit grecum, semper ponit titdlos superius. Das 
habe doch Ortwinus Gratius nie gethan: Ego bene vidi de 
vobis Colonie in domo Henrid Quensd, quando fuistis corrector 
et debuistis corrigere grecum, tunc abscidistis omnes titdlos qui 
fuerunt supra literis, et dixistis: Quid dd>ent iüe stultitie? 

Um 1174 versuchte Johann von Tilbury (oben S. 231) eine 
Zeichenschrift zu erfinden, mittelst deren man im Stande sein 
sollte, alle lectiones nachzuschreiben und sich so alle Weisheit 
anzueignen; dafs dieses Ziel so zu erreichen sei, steht ihm 
aufser Frage, gerade wie jenem Schüler, der in seinen Büchern 
sui magistri dogmata fixissime incorporata habuit, und als 
diese ins Wasser fielen, seine ganze Weisheit verloren hatte.') 
Tilbury brauchte nota für das Hauptzeichen, titula für Hilfe- 



^) Bibl. de r£cole des Ghartes lY, 4, 23. 

■) Facsimile-AuBgabe von John Spencer Smith, Gadomi 1840. 

■) Wie Cuniad Säldner erzählt, Zeitachr. f. Gesch. d Oberrh. XXV, 47. 



Das Schreiben. 295 

zeichen. Zu Stande aber scheint er trotz aller Ruhmredigkeit 
xmd der Beihülfe des h. Thomas nicht gekonmien zu sein; 
wichtig ist, dafs, wie man aus seinen Worten sieht, vollständige 
Nachschrift damals für unmögUch galt 

In ganz anderem Sinne bedeutet abbreviare ein breve und 
überhaupt ein Concept verfertigen, ein Ausdruck, der vorzüg- 
lich bei der päbstlichen Curie üblich war; doch nennt sich 
auch Ragewin Otto's von Freising dbbreviator et notarius,^) 
Von der Curie heifst es in dem Carmen apologeticum aus dem 
13. Jahrhundert:') 

Sunt ibi qui norunt formare negotia quaevis, 
Et sunt qui formas abbreviare sciunt 

Der genehmigte Entwurf des Abbreviators wurde dann vom 
Scriptor grossiert: 

Istorum labor est Chartas grossare notatas 
Et grossas cameris restituisse suis. 

Die Schnelligkeit des Geschäftganges wird geschildert: 

Prima dies igitur scribit quodcumque petendum, 

Et tua portabit vota secimda patri. 
Tertia grossabit, bullatum quarta videbit') 

Auch behauptete man: 

Dum scribit grossarius, scripta pulcriora 
Ordinat, si munera fiunt largiora.^) 

Die Franzosen haben noch jetzt die Worte minute und 
grosse für die notarielle Urschrift und die grossierte Ausferti- 
gung; 5) minuta kommt in diesem Sinn bei Burchardus Argen- 
tinensis vor: ledae sunt plures mimUae breüium. So schreibt 



*) MG. SS. XX, 341. 

*) Mab. Anal. ed. II. p. 369. Vgl. über die Zeit der Abfassung 
Tiraboschi Tomo IV, lib. III, cap. 4 § 12. Ich hielt es für ironisch, Die- 
kamp im Hist. Jahrb. IV, 210 erklärte sich dagegen. 

') Nach Waliher Map de nugis cur. II, 7 kostete jede Expedition 
12 den. od ImUam. 

*) Versus de curia Romana im Anz. d. Germ. Mus. XVII (1870) S. 88. 

*) Englisch minute und engrassmerU, Aehnlich auch italienisch. 



296 ^^ Schreibger&the und ihre Anwendung. 

auch Ambrogio Traversari: Mintdam iUam ut voccUis lUerarum 
ad ducem Älbertum scribendarum ckccepi.^) Die Franzosen 
machten daraus minuer und minuare; so 1357 in einer Rech- 
nung aus Abbeville: clerico pro minuando et grossando VI 
8oL und 1395: laqueüe relacion .... minua en une feuile de 
papier, et icelle minuee ledit Sergent emporta.*) Nicht anders 
war das Yerhältnifs, wenn das Concept eines Buches ins Beine 
zu schreiben war.^) Man wählte aber in beiden Fällen Ter- 
schiedene Schriftarten, die als Text und Nottd unterschieden 
wurden. Hans Fründ, Landschreiber zu Schwyz, hat um 1450 
eine Richtung mit schrifl vernottelt]*) in Schweden aber hiefsen 
die Liettem (litterae stanneae) des Klosters Wadstena 1495 in 
hreviiura et in textura.^) Bemardus Guidonis sagt von einem 
Concept: quem ego in notulis scriptum de tnanu sua semi- 
perfectum reperiens.^) Aber es wird doch auch Bücherschrift 
notula genannt; so verlangt Bischof Johann von Obnütz c. a. 
1370 intelligentem dericum, qui legibHem textualem notulam 
sciat scribcrei quique brepiaturas loyce et phüosophie bene et 
pertinenter cognosccut."*) Manche Schreiber verstanden sich 
auf beide Schriftarten,^) aber durchaus nicht alle. Deshalb sagt 



^) Epistolae ed. Mehus p. 215. 

*) Die Stellen bei Du Gange ed. Henschel s. v. minuta. Davon 
auch le menu. In Breslau war ein liber ingrosstUoris. 

') regroüatfM hei&t ein Cod. Yinc. Crac. von 1459, Zeifsberg, Poln. 
Geschichtschreibung S. 69. Vgl. die Unterschrift von 1463 bei M. Perl- 
bach in d. Altpreufs. Monatsschrift X, 667: »9t que autem fuerint in 
presenti libro incorrecta, nan mu^i sed exetnplari, de quo regrossavi, id 
pro vüio legentes ascrtbere velint. In beiden Fällen ist von Abschrift, 
nicht Reinschrift, die Rede. Ebenso bei Paulirinus, Centralbl. f. Bibliotheks- 
wesen YII, 145; auch Neues Arch. V, 130. 

*) Mittheilungen z. vaterl. Gesch. (St Gallen 1872) XIV, 58. 

^) Geijer, Schwed. Geschichte I, 297. Seriptor hreviture honus im 
Chr. Windesh. ed. Grube p. 313. 317. 

•j Not. et Extr. XXVII, 2, 305. 

'') Arch. d. Wiener Akad. LXVIII, 97. 

") Daraus erklärt sich wohl die verschiedene Schrift in der Doppel - 
Chronik von Reggio, Dove S. 21 mit Tafel. Aehnlich verhält es sich mit 
dem Schreiber des Math. Paris; s. Duffiis Hardy im Descnptive Gatal. p. 
CXXVI mit Schriftproben. 



Das Schreiben. 297 

Conradus de Mure:^) Älia manm requiritur in qucUernis scri- 
bendis et cUia in ^nstoUs. Flures enim scriptores et scriptrices 
qui bcmam vel conpetentem formant lUeram in quatemis, nullo- 
modo vd vix seiunt habüitare mantun ad epistolas scribendas: 
für Briefe veriangt er eine manus bona melior optima^ fiir 
Gtationen und andere gewöhnliche Ausschreiben eine gute und 
leserliche, aber für Indulgenzen und Privilegien die beste. Et 
breviter in lUeris seu ^istolis penitus repröbatur litera nimis 
grossa seu psaiterialis. 

Das ist die starke und feste Bücherschrift, textus genannt, 
wie Caesarius von Heisterbach Dial. V, 16 sagt: in tantum 
liUeras didicerat, üa ut textum legere sciret.*) Man unterschied 
textus qtMdratuSj rotundus und bastardus,^) nebst vielen Spiel- 
arten, auf welche wir bei den Schreiblehrem noch zurückkom- 
men. Im Chronicon Windeshemense II, 42 (I, 42, S. 118 
Grube) heifst es: Novis libris conscribendis in bona rotunda 
textura et fractura, pergameno vel franceno quottidie insudavit. 
Job. Scutken schrieb für Laien deutsche Bücher litera rotunda. 
Französisch heifst die künstliche Bücherschrift lettre de forme 
oder de fourme; ein Kalligraph in Brügge um 1438 heifst 
Richard Lefevre, escripvain de forme (vgl. oben S. 264).*) 



*) Quellen zur Baier. Geschichte IX, 439. 

*) Sonst hieCsen namentlich auch die reichverzierten Chorbücher 
textus; so in Rouen saec. XII.: Octo textus y trea magni de auro et gern- 
mis etc. Dabei ist nicht an Goldschrift zu denken. Bibl. de r£cole des 
Ghartes III, 1, 216. 

'} Z. B. in den Rechnungen der burgund. Herzoge: Ä Yvonnet le 
Jeune, dere, escripvain, pour avoir cowtre escript et grossu en lettres 
haatardes U dit livre etc. für 1 quayer 16 sol. ib. p. 249. Das Yerbum 
ist grossoyer. 

«) A. Kirchhoff, Handschriftenhändler S. 96. 100 — 102. 188. Im 
Inventar der Bibl. des Louvre von 1375 und den Nachträgen kommen 
Uiire de forme u. de note vor, auch courant, und S. 172 lettre de court 
de Bomme, Eine besonders alte Handschrift der Agrimensoren S. 173 ist 
par diptongues geschrieben, d. h. noch nicht e für ae und oe. In dem 
Inventar des Herz. v. Berry 1416 lettre de fourme, fran^oise, ronde, de 
court, de somme, courcmt, — Nach Laianne, Guriosit^s bibliogr. S. 103 
sind lettres de forme die eckigeren des Donat etc.; die mehr gerundeten 
von Gutenberg u. a. lettres de somme, engl. hlcLck letter, flämisch lettres 



298 I^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Wegen der musikalischen Noten begnüge ich mich auf einige 
unten genannte Werke zu verweisen.*) 

Voll von Namen der Schriftarten ist die Windesheimer 
Chronik; aber es ist schwer, sie bestimmt zu deuten. Von 
Ansehn von Breda heifst es (I, 62, S. 187 Grrube): scriptor 
boniis et artificicUis, cui tunc mdiorem in fractura et notcUura 
monasterium nostrunk nan häbuüj qui summutn nostrum misstdej 
sermones b, Bernardi hyemales et estivales cum midtis Ubris aliis 
in magnis voluminibus et fractura conscripsit pluresque Itbros 
chori cum quadratis notavit. Im allgemeinen wird II, 26 p. 
312 Gr. von den alten Vätern gesagt, dafs sie die zahlreichen 
Bücher in fractura vd rotunda seu etiam hrevitura canscribere, 
punctuare, orthographialiter accentuare, et libros charales in 
quadris aut oblongis notis solphufarCy in singulis pausis juxta 
vocum et notarum congruentiam distinde mrgulare, modisque 
melioribus formaliter componere ac ligare curaverunt. Im 
Anfang des 16. Jahrhunderts heilst es von dem Supprior Abel 
im Eegularkloster zu Utrecht,*) dafs er licet antea plurima scri- 
psera^f eum scribendi modum, quem fracfuram vocant, addiscere 
coepit ac plene assectdus est. Scripsit enim ea literatura duo 
Volumina, qu^ms in choro nostro mdiora et artificiosiora non 
sunt, atque deinde evangeliarium librum festivälem ac quaedam 
aiia. Es ist also die gebrochene, sog. gothische Schrift der 
Mefsbücher. Früher war er viele Jahre lang Buchbinder (com- 
pacter Ubrorum) gewesen. Verschiedene Benennungen giebt 
das zwischen 1440 und 1444 geschriebene Register des Nicolaus 
de Sachow über die Urkunden des Bisthums Lübeck:*) Begis- 
trum primum (von 1276 an geschrieben) est a/niiquum et in 



Saini'Pierre. Sehr häufig begegnet die lettre hastarde, auch lettre Boule- 
noise, wohl von Bologna, Lombarde und de Gascognes. 

^) Lambillotte, Antiphonaire de S- Gr^goire, Brux. 1851, 4. Schu- 
biger, Die Sängerschule Sanctgallens, Eins. 1858. Coussemaker, SS. de 
Musica Medii Aevi, Paris 1867 mit Facs. von Regino's Tonarius. Expli- 
cation des neumes par M. TAbb^ Raillard, Paris s. a. Pal^ographie musi- 
cale par les Bän^d. de Solesmes, 1889 fif. 

*) Comelis Blockes Chronik des Klosters, her. v. Joosting, Bijdragen 
en Mededeelingen van het Hist. Genootschap te Utrecht XVI (1895) 8. 79. 

') LeverkuB, Urkundenbuoh des Bisthums Lübeck I p. XX, 



Das Schreiben. 299 

frcuio brevi modo conscriptum, coopertum coopertura subrtibea. 
Secundum registrum (vom Ende des 14. Jahrhunderts) est de 
magno modo conscriptum, coopertum (isseribus brunis. Tertium 
registrum (saec. XIV.) est de parvo vd confrado modo, cooper- 
tum adhuc sine asseribus coopertura albea. Der Stadtrath zu 
Aachen bezahlte 1338 fünf Mark de sUjUutis civitatis tarn 
magnis quam parvis in librum et etiam in magna littera scri^ 
bendis.^) Es wäre zu wünschen , dais Proben yon dergleichen 
benannten Schriften gesammelt würden, aber es scheint mir, 
dais die Benennungen auch nach Zeit imd Ort verschieden 
waren. 

Conradus de Mure giebt in der oben S. 188 nutgetheilten 
Stelle für Urkundenschrift die Anweisung: dt4ctu linedli grosse- 
tur, was auf nachträgliches Verdicken der ersten Striche zu 
gehen scheint Dann accentuetur, pundetur, inrgtdetur. 

Der Freiherr von Biedermann hat nachgewiesen, dais in 
einem Mefsbuch saec. XV. die sehr grofsen Buchstaben nicht 
geschrieben, sondern mit Stanzen, welche die einzelnen Bestand- 
theile der Buchstaben enthielten, gedruckt sind.') Herr A. 
Kirchhoff, welcher die Güte hatte mich darauf auftnerksam zu 
machen, theilte mir zugleich mit, dafs Chorbücher des vorigen 
Jahrhunderts aus Italien, welche auf dem Titel als impresso 
bezeichnet sind, augenscheinlich mittelst Schablonen oder Patronen 
hergestellt wurden. Auch in Berlin ist ein gro&es Mefsbuch 
des 16. Jahrhunderts (Z 5), welches in der oben beschriebenen 
Weise hergestellt ist und der Biedermann'schen Beschreibung 
entspricht. Freilich ist keine Spur eines Eindrucks wahrzu- 
nehmen, aber sehr deutlich, dafs z. B. i aus 3 einzeln aufge- 
setzten Stücken besteht, was doch wohl mit Patronen kaum 
ausführbar gewesen wäre. 

8. Palimpseste. 

Einer besonderen Erwähnung bedürfen noch schliefshch 
die Palimpseste. Der Umstand, dafe man einmal beschrie- 



*) Laurent, Aachener Stadtrechnungen S. 127. 
*) Ob Druck, ob Schrift? Monatshefte für Musikgeschichte 1871 
S. 2 — b, mit Facsimile. 



300 I^ie SchreibgeiÄthe und ihre Anwendung. 

benes Material noch einmal zum Schreiben brauchbar gemacht 
und benutzt hat, würde an sich die Einräumung eines beson- 
deren Abschnittes nicht rechtfertigen, wenn nicht die Erhaltung 
der älteren Schrift solcher Codices in einzelnen Fällen -von 
grofser Wichtigkeit gewesen wäre, und durch bedeutende Ent- 
deckungen der ganzen Gattung eine YorzügUche Aufinerksam- 
keit zugewandt hätte. 

AusfuhrUch behandelt ist dieser Gegenstand im Nouveau 
Traitd I, 481 — 484, von F. A. Knittel in seiner Ausgabe der 
Wolfenbütteler Fragmente des Ulfila (1762) S. 202 flF., von 
U. F. Kopp, Bilder und Schriften I, 185-194, F. A. Ebert: 
Zur Handschriftenkunde S. 77 — 85, von Fridegar Mone in 
seiner Dissertation de Ubris palimpsestis tarn latinis quam 
graecis (Carlsruhe 1855). In einem eigenen Aufsatze behandelt 
A. Buland die Verdienste des Archivdirectors Franz Joseph 
Mone und seines Sohnes um das Palimpsesten- Wesen, im Se- 
rapeum XVII, 1 — 11. 29 — 32. VorzügUch aber sind auch für 
diesen Gegenstand zu berücksichtigen die Ausgaben des Gajus, 
vgl. Bluhme's Iter Italicum I, 260—265. IV, 188', und jetzt 
vorzügUch die neue Ausgabe von Studemund; M. Tullii Ciceronis 
Orationum Fragmenta etc. edita a Niebuhrio, Bomae 1820, und 
von Am. Peyron, Stuttg. 1824; G. H. Pertz über ein Bruch- 
stück des livius, in den Abhandlungen der Berliner Akademie 
1847, F. Bitschl über den Ambros. Palimpsest des Plautus,^) 
F. J. Mone, lateinische und griechische Messen, Frankf. 1850, 
4, S. 153 ff. und andere Schriften, in welchen PaUmpseste be- 
handelt sind; femer der Au&atz von dem Jenenser Professor 
A. W. V. Schroeter: üebersicht der vorzüglichsten seit dem 
Jahre 1813 besonders durch Codices rescripti neuentdeckten 
Stücke der griechischen und römischen litteratur, im Hermes 
1824, IV, 318 ff. 1825, H, 271 ff., nebst den Verzeichnissen 
von Frid. Mone S. 41 ff. 59 ff. 

Palimpseste waren im Alterthum sehr häufig. Von Pa- 
pyrus wusch man die Schrift wohl einfach ab, aber natürlich 
bUeben die Spuren, und man schrieb darauf nichts von bleiben- 
dem Werth. Deshalb sagt CatuU XXII, 4: 

') Kl. Schriften 11, 166—201. 



PalimpseBte. 301 

Puto esse ego illi millia aut decem aut plura 
Perscripta, nee sie ut fit in palimpsesto 
Kelata: chartae regiae^ novi libri, 
Novi umbilici, lora rubra, membrana 
Directa plumbo et pumiee omnia aequata. 

Und CScero Epp. fam. VII, 18 schreibt an Trebatius: Nam quod 
in palimpsesto, laudo equidem parsimoniam. sed miror quid in 
iUa chartvia fuerit quod delere mälueris quam hciec scribere; 
nisi forte tuas formulas, Non enim puto te meas ^istolas de- 
lere, ut reponas tuas. An hoc significas, nihil fieri? frigere 
te? ne chartam quidem tibi suppeditare? Es wird auch eine 
Stelle des Seneca angeführt, de beneff. VI, 6: Quomodo si quis 
scriptis nostris alios supeme inprimat versus, priores litter as 
non tollit, sed abscondit, sie heneficium superveniens injuria 
apparere non pcUüur. Aber hier sind offenbar Wachstafeln 
gemeint welche auch Ovids Warnung (Ars am. 11, 395) trifft: 

Et quoties scribes, totas prius ipse tabellas 
Inspice: plus multae, quam sibi missa, legunt. 

Ungemein treffend ist dagegen die Stelle bei Plutarch ort 
(jtdXiOta rotg riye/iooi etc. c. 4 (Opera ed. Hutt XII, 88), wo 
er erzählt, dals Plato den Dionys gefunden habe äcjceg ßißXlop 
jtaXt^Qxov, auf dem sich wegen der haftenden alten Schrift 
eine neue nicht gut schreiben hefs, da die alte Tyrannennatur 
immer wieder zum Vorschein kam. Er fand diese övoixjtXxrtoq. 
Liegt nun in diesem letzten Ausdruck nur der Begriff des Ab- 
waschens, ^) so kommt dagegen xalltpr^ozog vom Abschaben her, 
imd es ist sehr zweifelhaft, ob auch dieser Ausdruck schon auf 
Plato zurückzufuhren ist Ulpian unterscheidet Charta deleticia 
und nova.^) Auch giebt es einen Bericht an Ptolemäus und 
Kleopatra auf abgewaschenem Papyrus, und die Ravennater 
Traditionen in München lassen einige wenige Spuren abge- 
waschener älterer Urkundenschrift erkennen. 

Pergament ist wohl zuweilen auch nur abgewaschen; in 



^) Vgl. dazu oben S. 234 die Stellen über den Schwamm. 
■) 1. 4. de bonor. poas. sec. tab. Digg. XXVII, 11, 4. 



302 ^i® Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

der Regel aber verlangte und erhielt es eine ernstlichere Be- 
handlung. Martial XIY, 7 sagt: 

PugiUares membrcmei. 

Esse puta ceras, licet haec membrana vocetur: 
Delebis quoties scripta novare voles. 

Darin hegt schon, dals bei gewöhnlichem Pergament dieses 
nicht möglich war: Martial spricht von einer besonders bereiteten 
Art, welche als Schreibtafel dienen sollte. Doch ist bei recht 
alten Palimpsesten am wenigsten vom Schaben wahrzunehmen, 
was wohl von der Natur der alten Tinte herrührt, die leichter 
zu tilgen war, dennoch aber später wieder zum Vorschein kommt, 
wenn auch die Oberfläche mit Bimstein abgerieben ist^) Im 
späteren Mittelalter aber wurde die Schrift vielleicht mit Messern 
abgekratzt imd so gründUch getilgt, daüs man wohl noch einzelne 
Spuren bemerkt, aber nicht leicht etwas herausbringen kann. 
Man sieht es den Handschriften gleich an; dafs es aber auch 
als eine besondere Kunstfertigkeit geübt und in bedeutendem 
Umfang getrieben wurde, zeigt uns die merkwürdige Erzählung 
des Fra Salimbene S. 235 seiner Chronik zum Jahr 1235. Er 
berichtet da, was ein anderer Mönch ihm von dem frater Ghirar- 
dinus de burgo S. Donini erzählt habe: de scripturis suis nee 
una litter a remansit in mundo, quia ego manu mea abrasi 
omnes libros suos, et dicam vobis qualiter et quare. Es war 
nämUch in dem Kloster der Cistercienser von Fontana viva bei 
Parma ein Mönch, qui optime sciebat rädere ehartas; dieser 
bat den Abt ihm einige Schüler zuzuweisen, qui velint addiscere 
rädere Chartas, quia post mortem meam isti monasterio utües 
esse poterunt. Es fand sich niemand als Bruder Albert, der 
eben dieses erzählt und nach dem Tode seines Meisters die 
abgeschmackten Prophezeiungen des Bruder Ghirardin abkratzte, 
tum ut höherem materiam super quam rädere addiscere possem, 



*) Der Cod. Laur. plut. LXIX, 13, Diogenes Laert. über Plutarchs 
Moralien, ist abgewaschen, jetzt auf der glatten Seite ohne Tinte, aber voll- 
ständig im Umrifs, auf der anderen verblafste Tinte, aber nicht überall 
gleichmäfsig. Es ist eine grofse runde alte Minuskel. 



Palimpseate. 303 

tum etiam quia occasuyne ülarum prophetiamm habtieram scan- 
dalum valde grande. 

Ueber das Verfahren selbst erfahren wir hieraus leider 
nichts, als was in dem Wort rädere liegt. Dieses Schaben ist 
nicht nöthig bei dem Becept, welches Aretin, Beitr. YII, 286 
und Frid. Mone S. 38 e cod. lat Monac. 18628 olim Tegems. 
p. 105 saec. XI. mitgetheilt haben: Quicunque in semel scripta 
pergameno necessitate cogente iterato scribere velit, acdpiat Ic^c 
inponatque pergamenum per unius noctis spctcium, Quod post- 
quam inde sustulerüf farre (ispersum, ne ubi siccari incipit, 
in rugas contrahatur, stib pressura castiget quoad exsiccetur. 
Quod uU fecerit, pumice cretaque expolitum priorem albedinis 
suae nitorem recipiet. 

In einem Anhang zum Schwabenspiegel ist es der buch- 
veller (oben S. 127), der mit seiner Kunst die Schrift abthut.^) 
Eine schon S. 118 erwähnte englische Anweisung empfiehlt eine 
Mischung von Käse, Milch und ungebranntem Kalk; da soll 
gar kein pomyce nöthig sein. Bockinger theilt aber auch noch 
andere Becepte mit, nach denen das Pergament einer so gründ- 
lichen Behandlung unterworfen wird, dafs an Herstellung der 
Schrift gar nicht zu denken ist Zu einem derselben findet 
sich eine Randbemerkung desselben Schreibers, in welcher er 
das Greheimnils zu hüten bittet, damit nicht Unverständige ver- 
tilgen, was die Vorfahren mit grofser Mühe erforscht haben. *) 

Wie häutig eine solche Wiederbenutzung des Pergaments 
bei den Griechen war, zeigt der von Knittel aufgespürte 
Canon 68 der sogenannten Synodus Quinisexta vom Jahre 691, 
in welchem verboten wird, die heiligen Schriften und Kirchen- 
väter in solcher Weise zu verderben, 6iaq)d'BlQUv rj xazarifi' 
V£iv, xal TOlq ßißXioxojcfjkotg rj rolq Xeyofiivoig fiVQitpOK; i] 
aXXcp Tivl jtQog dg>avia(i6v ixäiöovai. Beschädigte Exemplare 
sind jedoch von dem Verbote ausgenommen. Dazu giebt Zo- 
noras die Erklärung: BißXioxajti]jLovg ov rovq xa ßißXla nco- 



<) Rockinger in den SB. d. Münch. Akad. 1867, II, 322. Zum baier. 
Schriftwesen S. 20. 

■) Zum baier. Schriftwesen S. 20; S. 21 auch Beispiele von Palim- 
psesten des 15. Jahrhunderts. 



304 ^i® Schreibgerftthe und ihre Anwendung. 

Xovvrdg qnjCiv 6 xavciv, dlXa rovq djtaXslg>ojn:ag fj xal aXXcoq 
XQco/iivovg TOtg ßißXloig, elg dq)avia(i6v rcov Iv avtolg yt- 
ygafifiivcDV. Vermuthlich benutzten die Bücherkrämer, welche 
von den Buchhändlern unterschieden werden, das abgewaschene 
Pergament der grofsen Kirchenbücher, um modische Tageslit- 
teratur darauf schreiben zu lassen, welche sich besser absetzen 
liefs. Ein Schohon des Balsamon aus dem 12. Jahrhundert 
zeigt, dafs dieselben Verhältnisse auch damals fortdauerten; er 
erklärt es auch für unerlaubt, rl Ix rfjq d-dag yga^n^fi obtaXelg>sip 
xal iregov Iv xolg djtaXig)6tai fiSTaYQ€cg>eiv. 

Das Verbot wird wenig geholfen haben, und die ganze 
übrige Ldtteratur war natürlich ohne Schranken einem solchen 
Verfahren ausgesetzt Dazu mufs man in Anschlag bringen, 
wie viele Handschriften bei den Kriegen, Aufständen und 
Feuersbrünsten beschädigt und deshalb als Maculatur verbraucht 
wurden^ während dieselben Umstände auf die Fabrication des 
Pergamentes ungünstig einwirkten. Daher ist es nicht zu ver- 
wundem, und auch gar nicht etwa ein Zeichen besonderer Bar- 
barerei, dafs, wie Montfaucon angiebt, ein sehr gro&er Theil 
der griechischen Pergamenthandschriften rescribiert ist Man 
darf nicht vergessen, dafs wenn für uns auch ein Palimpsest 
die letzten Reste eines verlorenen Schriftstellers birgt, damals 
doch der Vorrath an Büchern noch groüs genug war, um den 
Gedanken, dafs man durch Abwaschung eines schadhaften 
Exemplars einen ganzen Schriftsteller vernichte, gar nicht auf- 
kommen zu lassen.^) 

Freilich hat auch die wachsende Barbarei ihren Antheil 
an dem Werk der Zerstörung, und von den Mönchen von 
Grottaferrata war es nicht hübsch, dafs sie eine sehr alte 
und werth volle Bibelhandschrift in Uncialen, etwa des 6. 
Jahrhunderts^ selbst wenn sie beschädigt war, rescribierten. 
Nachdem das einmal geschehen war, ist es nicht zu verwun- 



^) Vgl. Alfred Jacobs: Notes sur les mss. Grecs palimpsestes de la 
Bibl. Nationale. M^langes Renier (1887) S. 347-358. M41. Julien-Havet 
(1895) S. 759—770. Sehr viele sind in der Bibliothek in Athen nach dem 
Catalog von Sakkelion, aber zu lesen fast nichts; ähnlich in den Athos- 
klöstem nach dem Catalog von Lambros. 



PalimpBOBte. 305 

dern, dafb dieselben Blätter noch einmal nebst anderen Frag- 
menten nm 1230 zu ihren Chorbüchem verwendet wurden. 
Fast alle ihre Handschriften sind Palimpseste.^) Darunter be- 
findet sich auch eine Hias über Pauli Korintherbriefen, was 
ich anführe, um der £BÜschen Vorstellung von einer Feindselig- 
keit der Mönche gegen pro&ne Litteratur, und überhaupt von 
einer Absicht bei der Zerstörung von Handschriften entgegen 
zu treten. Ebenso steht in einer Florentiner Handschrift ein 
Sophokles von 1298 nebst vier griechischen Briefen Friedrichs 11 
auf einer Undalhandschrift der LXX und einem neueren 
theologischen Werke.') Auch Friedrichs 11 Constitutiones 
Siculae stehen auf rescribiertem Pergament,') und in Messina 
schrieb 1225 Sophronios ein tpaXrixov auf aker üncialschrift^) 
Es scheint, dafs besonders viele griechische PaUmpseste itali- 
schen Ursprungs sind. Montfaucon p. 231 gedenkt auch einer 
rescribierten Handschrift auf Papier; der ursprüngliche Text ist 
in Minuskel geschrieben. 

In der Wiener Handschrift 954 stehen Briefe des h. Hie- 
ronymus saec. Vüi. über Blättern einer lateinischen üeber- 
setzung der Sprüche Salomonis in ündalschrift, etwa des 
7. Jahrhunderts, imd der griechischen Legende vom h. Georg 
in einer sehr eigenthümlichen üncialschrift, welche Detlefsen 
ins 5. Jahrhundert setzt*) Der Wolfenbütteler Isidor saec VII. 
vei Vm. deckt Fragmente des ülfila mit lateinischer Ueber- 
setzung, des Galen und griechischer EvangeUenhandschriftien. 

In einer syrischen Handschrift, welche Cureton ins 
9. Jahrhundert setzt, ist ein Homer in alter Capitalschrift nebst 



^) Sacromm Biblionun yetustissiina firagmenta Graeca et Latina ex 
palimpsestis codicibus Bibliothecae Cryptofeiratensis emta atque edita a 
Josepho Cozza, Romae 1867; mit schöner Photographie einer Seite des 
rescribierten Isaias und mehreren Lithographieen. 

*) Vier griechische Briefe Kaiser Friedrichs II, herausgegeben von 
Gustav Wolf, BerUn ISöö. 

') Montfaucon, Palaegr. Gr. p. 320. 

*) Gozza 1. 1. p. 314. Nach Thompson werden im 13. Jahrh. griechische 
Palimpseste aus Mangel an Material besonders häufig. 

*} Detlefsen, über einen griechischen Falimpsest der Hofbibliothek, 
Wiener Sitzungsberichte XXVII, 383 ff. 

Watienbacb, SchriftweseD. 3. Aufl. 20 



306 I)ie Schreibgerftthe und ihre Anwendung. 

Euklid und Fragmenten des Lucas verwandt^) Eine andere 
deckt lateinische grammatische Schriften in Cursiye, und da- 
runter wieder die üncialschrift des Qranius Licinianus. 

Im Abendland ist in den letzten Zeiten des untergehen- 
den Bömerreiches und den zunächst folgenden Jahrhunderten 
sehr viel rescribiert worden. Die Zufuhr von Papyrus mag oft 
unterbrochen gewesen sein, auch Pergament war wohl nicht 
immer zu bescha£fen. Dagegen hatte man noch in grofser 
Menge die schönen grofsen Quartanten in einer Schriftgattung, 
welche schon anfing unbequem zu werden und aufser Gebrauch 
zu kommen; viele davon, wie schon ihre Fehlerhaftigkeit zeigt, 
Schaustücke der BibUotheken und für wirkliche Benutzung 
weder bestimmt noch geeignet Gewifs waren sie grofsentheils 
beschädigt, und Tischendorf hat mit B.echt darauf hingewiesen, 
dals man noch nie in einem PaUmpsest ein vollständiges Werk, 
dagegen häufig Fragmente der verschiedensten Art neben ein- 
ander gefunden hat') So vereinigt in St Gallen ein Yoca- 
bular saec Vlil. (n. 908) unter sich Fragmente des Merobaudes, 
alter Liturgie, einer Mulomedidna, Divinatio ex somniis, und 
Paulinischer Briefe. An irgend eine bestimmte Absicht ist 
dabei nicht zu denken; wir finden z. B. Lucan über Ovid') 
und andererseits über einer Bibel in üncialen theologisches in 
merowingischer Schrift;.^) Der Neap. Codex Bob. des Charisius 
und der Pabstleben saec. Vil. steht über Lucan und juristischen 
Fragmenten, und auch in einem Wiener Cod. Bob. grammati- 
sches über Lucan ;^) ebenso über gallicanischen Mefsbüchem, 
welche im 8. Jahrhundert nach Einfuhrung des gregorianischen 
Situs als überflüssig abgeschabt wurden.^) 



^) Fragments of Homer from a Syriac Palimpsest, ed. Gureton 1851 ; 
vgl. Tischendorf, Mon. Sacra Inedita, Nova C!oli. II. 

*) S. auch F. J. Mone, Messen S. 154, Fr. Mone S. 35. Viele Bei- 
spiele der Art ans St Gallen in Scherrer's Yerzeichnils der Stiftsbibliothek. 

*) Ebert S. 79, der mehr Beispiele anführt Vgl. auch 6. F. Haase, 
de latinorum codicum subscriptiombas', Ind. lectt hiem. Trat 1860 p. 4. 

«) Kopp, Bilder und Schriften I, 192. 

») Pertz im Archiv V, 74—76 cf. 717. 

') Mone, Messen S. 116. 



Palimpseste. 307 

Grammatische Schriften, deren man bei zunehmender Yer- 
derbnifs der Volkssprache immer dringender bedurfte, werden 
einer der wenigen damals noch gangbaren Artikel der letzten 
Buchhändler gewesen sein, und auch in den Klöstern wurden 
sie ohne Zweifel abgeschrieben; sie bilden nicht selten die 
obere Schrift der Palimpsesten. Weit gefährlicher aber waren 
doch die so sehr um£aiigreichen Schrift;en der Kirchenväter, 
des h. Hieronymus, Ambrosius, Augustin und Gregors des 
Grofeen, dessen Moralia den Veroneser Liyius sammt Virgil, 
Euklid u. a.,^) dessen Dialoge den Lactanz begraben haben, ^ 
während Hieronymus auf den Besten des Gajus,') Augustins 
Commentar zu den Psalmen auf Cicero de Bepublica eine aus- 
erlesene Buhestatt gefunden haben. Danken wir es ihnen und 
ihren geistUchen Schreibern gerne, dafs sie diese Schriftien da- 
durch vor gänzlichem Untergang gerettet haben, wenn auch 
diese Absicht ihnen natürlich ganz fem lag. Dafs aber die 
Mönche ihre Kirchenväter höher achteten als die profane litte- 
ratur, kann man ihnen nicht zum Vorwurf machen, und es 
wird doch damals auch in Itahen der Vorrath an Handschriften 
gewifs noch sehr grofs gewesen sein. Zahlreiche profane Schrift^ 
steller verwahrte man mit nicht minderer Sorgfalt in der Kloster- 
bibliothek zu Bobio; überhaupt sind gerade Virgil, Ovid, Terenz, 
gegen deren Leetüre gelegentlich geeifert wird, in zahlreichen 
Abschriften vorhanden und selten rescribiert Die ketzerische 
Bibelübersetzung der Gothen aber zu zerstören, wird man sich 
freilich in Bobio wohl zu besonderem Verdienst angerechnet 
haben. War doch das Kloster eigens zur Bekämpfung der 
arianischen Ketzerei gestiftet worden. 

Begreiflich ist, dafs man den umfangreichen Codex Theo- 
dosianus als Pahmpsest verwerthete, nachdem er durch den 
Justinianischen überflüssig gemacht war. Einer solchen Hand- 



^) Livii palimpsestUB Veron. ed. Th. Mommsen. Abh. d. Berl. Aka- 
demie 1868. 

<) In St. Gallen, Wiener Sitzungsberichte L, 153. 

') Werke von Hieronjrmus stehen auch auf dem Berliner Fragment 
von Sallusts Historien, auf den von Mono behandelten liturgischen Frag- 
menten, dem Plinius von St. Paul, beide ans Reichenau stammend. 

20* 



308 ^io Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Schrift verdanken wir auch Fragmente des alten westgothischen, 
durch Chindaswind beseitigten Gesetzbuches.^) 

Eine grolse Gefahr drohte der in Neustrien noch vorhan- 
denen litteratur, als König Chilperich vier neue Buchstaben 
er&nd und befahl ut sie pneri docerentur ac libH antiquUf4S 
scripH planati pumice rescriberentur.^ Doch blieb der Befehl 
wohl unausgeführt; wenigstens haben sich keine Bücher mit 
diesen neuen Buchstaben erhalten. Gregor von Tours aber 
richtet am Ende des zehnten Buches seiner Kirchengeschichte 
der Franken an seine Leser die Bitte, td numqimm libros hos 
ahökre facicUis aut rescribi. 

Die meisten und fast allein werthvollen lateinischen Pahm- 
pseste stammen aus diesen Zeiten des 7. bis 9. Jahrhunderts, 
in welchen man die schönen alten Quartanten mit ihrem guten 
und starken Pergament noch in Fülle hatte, deren Schrift leicht 
zu vertilgen war, während Pergament vermuthlich wenig ver- 
fertigt wurde. Später hörte das Verfaliren freilich nicht auf, 
wie wir schon aus der Chronik des SaUmbene sahen; aber man 
radierte gründUcher, und mit den geringen Besten der Schrift 
ist um so weniger etwas anzufangen, da sie nicht mehr aus 
grolsen Capitalen und üncialen besteht, sondern aus Minuskel. 
Wo man noch etwas erkennen kann, pflegt sich auch die 
Werthlosigkeit des zerstörten Textes sogleich herauszustellen; 
zuweilen sind es verfehlte Lagen desselben Werkes. 

Man brauchte das inmier schadhaft gewordene, oft löche- 
rige Pergament vorzügUch zu Concepten; so am Ende des 
10. Jahrhunderts Bicher zu seiner Chronik, und ein Jahr- 
hundert später Leo von Ostia. Auch unter der Schrift des 
Wido von Ferrara erkennt man Uturgische Beste. Im 12. Jahr- 
hundert fand der Orden der Cistercienser, dafs in seinen Klöstern 
ungleiche und fehlerhafte Bücher im Gebrauch waren, welche 
deshalb die Beformatoren des Ordens radebant ac denuo re- 
scribehant.^) Als 1434 die Statuten von Windesheim neu 

*) Blohme, Die Westgothische Antiqua, 1847. 
*) Greg. Tut. Y, 45, ausführlich erl&utert im Nouveau Trait^ II, 62. 
*) Baluzii Mise. IV, 120 ed. I. Doch bezieht sich das vielleicht 
nur auf die fehlerhaften Stellen, üeber die theilweise abgekratzte und 



Palimpseste. 309 

bearbeitet waren, wurde beschlossen, dafs alle libri statutorum 
papirei et qui convenienter carrigi fwn possurU, zerstört oder 
verbrannt werden sollten.^) Denn Papier liefs sich nicht gut 
rescribieren. 

Von dem einst seiner Gelehrsamkeit wegen berühmten 
Kloster Monte Cassino hören wir im 14. Jahrhundert, dafs die 
Mönche rad^atU unum quatemwn et faciehant psaUeriolos 
quos vendebant pueris.^ Trithemius erwarb 1497 in einem 
Kloster ein Lexicon Tironianum, das zum Untergang bestimmt 
war: decreverant enim pergameni amore iUico rctdendum.^) Auch 
müssen die Notare geneigt gewesen sein, rescribiertes Pergament 
zu Urkunden zu gebrauchen, da ihnen in ihrem Amtseid aus- 
drücklich das Versprechen abgenommen wurde es nicht zu thun.^) 
Die Permenter hielten auch dergleichen feil,*) und die Wolfen- 
bütteler Bibliothek verwahrt als grofse Seltenheit einen Druck 
auf rescribiertem Pergament.®) 

Aus der hier gegebenen Darstellung ergiebt sich, dafs für 
lohnende Untersuchung sich unter den lateinischen Palimpsesten 
fast ausschlieislich diejenigen eignen, deren obere Schrift Un- 
cialschrift oder vorkarolingische Uebergangsschrift ist Ein vor- 
züglicher Fundort ist das im Anfang des 7. Jahrhunderts ge- 
stiftete Kloster Bobio, dessen einst reiche Bibliothek aber 

umgeschriebene Giurker Vita Heinrici II s. Forschnngen zur d. Gesch. 
IX, 363. 

^) Anzeiger des Germ. Mus. XIV (1867) Sp. 236. Lehner, Hand- 
schriften zu Sigmaringen S. 22. 

') Benevenuti Imol. Ck)mment ad Dantis Farad. Gant XXn. 

■) Trith. Polygr. p. 699 ff. nach Mitzschke. 

*) S. oben S. 148. Doch bemerkt Pejrron, dalüs die Bobienser Ur- 
kunden alle auf reinem Pergament sind. Einige Beispiele aus Baiem bei 
Rockinger S. 18. Eine Urkunde aus Ghioggia v. Juli 1126 auf einem ab- 
geschabten Bibelcommentar bei Ed. Heyck, Genua u. seine Marine (Inns- 
bruck 1886) 8. 199. 

*) Das oben 8. 128 erwähnte fliejjsende Pergament der Erfurter 
Händler scheint solcher Art gewesen zu sein. 

^ Enittel 1. 1. p. 525. In Modena ist eine Schrift von Petrarca 
saec. XYL, die juristische Palimpsesten enthält, doch, wie es scheint, nicht 
älter als das 12. Jahrh. Bluhme, Iter Ital. II, 16. 



310 I^i^ Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

leider sehr zerstreut ist; auch sind in späterer Zeit kostbare 
Codices zum Einbinden verbraucht Die Handschriften, welche 
oft noch die Bezeichnung Liber S. Colunibani tragen, befinden 
sich jetzt in Mailand, Rom, Neapel, Turin, Pavia, Wien.*) In 
der Bibliothek des Domcapitels zu Verona ist der Gajus und 
ein Theil des Livius;*) andere weit zerstreute sind von unbe- 
kannter Herkunft, das Berliner Sallustfi:^gment war angeblich 
in Toledo geftmden, ist aber in Wirklichkeit aus Orleans ge- 
stohlen. 

Die angenehmsten sind ohne Zweifel diejenigen Palimpseste, 
auf welchen die ältere Schrift nur abgewaschen oder leicht 
mit Bimstein abgerieben und durch die Wirkung der Zeit 
wieder zum Vorschein gekommen ist Solcher Art ist der von 
Cureton gelesene Homer. In den meisten Fällen aber ist ohne 
die Anwendung von Beagentien nichts oder doch nicht genug 
zu erreichen. Diese sind verschiedener Art, und weil die Tinte 
selbst verschieden ist, wirkt nicht in allen Fällen dasselbe 
Mittel, zuweilen gar keins. Auf der glatten Fleischseite ist 
durch solche Mittel viel zu erreichen^ weniger auf der lockeren 
und schwammigen Haarseite, von welcher die Beste der Schrift 
gründlicher vertilgt sind.') Es kommt aber auch vor, dafs 
deutlich sichtbare Tintenreste gegen alle unsere Beagentien 
unempfindlich bleiben, und namentUch ist das bei griechischen 
oft der Fall, jedoch nicht immer. Tischendorf hat mit Erfolg 
chemische Mittel angewendet, hat sie aber, so viel ich weüs, 
nicht näher bezeichnet Von einem Pariser Codex der Anabasis 



^) Eine Geschichte dieser Bibliothek giebt Am. Peyron vor seiner 
Ausgabe der Giceron. Fragmente, Stuttg. 1824; vgl. Bluhme, Iter Ital. I, 
54 bis 62. III, 62. IV, 24. Nach Bethmann's Vermuthong stammt von 
dort aach der Cod. Sessorianus 55 aus Nonantula, welcher eine Lage des 
Plinios unter Sermonen des h. Ambrosius in später Uncialschrift enth&lt 
Berichte der Berliner Akad. 1853, S. 684 f. 

') Auch Homilieen saec. VI. unter einer Schrift des Isidor saec. YIII. 
Probe bei Sickel, Mon. Graph. I, 2. Nach Frid. Mone's Vermuthung ist 
der jetzt in St. Paul befindliche Palimpsest des Plinius von dort nach 
Reichenau gekommen. 

') S. dartLber Bluhme in der unten angef. Rec. von Ebert's Buch 
S. 94. 95. Auch Tischendorf kommt auf diesen unterschied zurück. 



Fälimpseste. 311 

sagt Am. Hug:^) y^His cum lods Duebnerus chemica remedia 
admoveret, raro tantom ei contigity ut expiscaretor quid a C 
pr. esset scriptum; ac quod dolendum est, bis et aliis horum 
posteriorum librorum lods chemicis suis artificiis tantam caligi- 
nem obduxit, ut nunc nihil prioris scripturae, ne rasurae quidem 
ambitus, qui quanti saepe sit momenti mox videbimus, possit 
cognosd.'' 

Am fiiihesten hat man Qalläpfeltinctur angewandt, 
welche nur mäfsig wirkt, dem Pergament aber nicht schadet*) 
Dagegen hat sie die Eigenschaft, dasselbe braun zu färben, und 
wenn man nachträgUch auch noch Versuche mit anderen Tinc- 
turen macht, wird es ganz schwarz. Als Knust den schon von 
den alten Benedictinem behandelten Codex des Hieronymus 
de viris ill. und Gennadius, welcher die Fragmente der west- 
gotibischen Antiqua enthält, wieder untersuchte, fand er ihn so 
gebräunt, dais viele Stellen unlesbar waren. ") Grofse Stücke 
der Elipandusbriefe des cod. Tolet sind durch Aeagentien ab- 
solut unlesbar geworden.^) Der Cod. der G^ta Pontificum in 
Neapel ist durch Ghdläpfel grolsentheils unlesbar. ^) Den be- 
rühmten Codex Alexandrinus £Euid Tischendorf^) durch An- 
wendung von Tinctur, wahrscheinlich durch Junius, an manchen 
Stellen braun und schwer lesbar gemacht In demselben Zu- 
stand befindet sich das letzte Blatt des Heidelberger Otfiid; 
ebenso schon aus alter Zeit der Codex, in welchem Waitz 
die Nachrichten über Ulfila entdeckte.^) Wie der Yeroneser 
Gajus aussieht, ist leider nur zu bekannt^ Die Yon Angelo 
Mai behandelten Codices sind so schwarzbraun, daCs man ihm 



«) De Xenoph. Anab. cod. C p. 9 (Progr. Turic. 1878). 

*) Ein Becept giebt Ghassant S. 68 u. a. 

') Die Wesfgoth. Antiqua ed. Blnhme p. II. 

*) Neues Arch. VI, 360. Ebenso die Chronik des CantineUi, Münch. 
SB. 1893 I, 361. 

*) Neues Arch. X, 455. 

*) Appendix codicum celeberrimomm etc. 1868. 

') Waitz, Leben und Lehre des ülfila (1840) S. 5. 

*) S. darflber Rudorff in den Abhandlungen der Berl. Akad. 1865 
S. 339. Danach scheint dieses schöne Resultat nur durch Gall&pfel er- 
reicht zu sein. 



312 I^ie Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

nachgesagt hat, er habe sie absichtlich verdorben, damit man 
ihm keine Fehler nachweisen könne, doch ist dieser Vorwurf 
wohl imbegründet. Thatsächlich aber ist der Ambros. Palim- 
psest des Plautus nach Bitschl's Beschreibmig gefleckt wie ein 
Pardel, und um so desolater, weil schon die neuere Tinte durch« 
gefressen hat und viele Blätter einem Siebe gleichen.^) Jos. 
Cozza*) sagt von dem Codex der Dias, unter welcher sich ein 
byzantinischer Historiker und Fragmente der Korintherbriefe 
befinden, benutzt von A. Mai Spidl. Rom. ü, Spec. m, dafs 
er £Eist alle Hofihung au%egeben habe, cum lotio chemica adeo 
efficax adhihiia fuerit, td membrana jam corrodi comperiaiur. 
Gegen das licht gehalten, lieis sich jedoch die Schrift noch 
erkennen. Von dem Cod. Yat lat Pal. 24, welcher unter einer 
Yulgata saec. IX. u. a. eine griechische Beceptierkunst saec. VII. 
enthält, in welcher Niebuhr irrig arabische Ziffern zu sehen 
glaubte, schreibt Herr Pro£ Spezi: Le pagine dd codice son 
molto n&re, per che certamente ü Mai le ha toccate con gli acidi,^ 
In Oxford ist The Chancellor's book theilweise unlesbar; der 
Schaden ist nach des Herausgebers Ansicht in alter Zeit ver- 
ursacht hy treating the pages too fredy wüh galls, which ren- 
dered the faded portions legible for the time, hui shortly afier 
left them almost block, ^) Aehnhche Verwüstungen hat in 
München Docen durch seine übrigens sehr verdienstlichen Unter- 
suchungen angerichtet,^) ähnliche auch Henne in St Gallen.^ 
Von den Unterschriften Victors von Capua im Cod. Puld. sagt 
E. Ranke p. Vlil: a stolidis lectcribus infusa gaUae tindura 
üa obscuraia^ erant, ut cUiquibus voedbulis exceptis impene- 
träbüem quandam mactdam r^praesentarent. Aehnlicher Art 



^) Vgl. darüber Studemund im Rhein. Mus. N. F. XXI, 574 ff. 
Proben bei Zangemeister u. Wattenbach, u. bei Ghatelain. Ein solches 
Durchfressen der Tinte kommt zu allen Zeiten hin und wieder vor. 

') Sacrorum Bibliorum Fragmenta p. 332. 

*) Bei Gantor, Mathematische BeitrSge S. 386. 

*) Munimenta Academica ed. Anstey p. XI. 

^) S. Eeinz, Altdeutsche Denkmäler, in den Sitz.-Ber. d. Münch. 
Akad. 1869. n, 3, 297. Zts. f. D. Alterth. XX, Anz. S. 238. 

") S. Scherrer's Yerzeichnils der Stiftsbibliothek S. 238; vgl. auch 
Zeitschrift f. D. Alt XV, 120. 



I^mpseste. 313 

\vird wohl auch das Tannin-Reagens sein, durch welches 
Dübner den Pariser Codex der Epistolographen unlesbar ge- 
macht hat^) Peyron hat in Turin eine Historia Alezandri 
Magni in alter Cursive, welche auf Fragmenten des Codex 
Theodosianus stand, ganz zerstört Bethmann fand den Palim- 
psest des Plinius aus Nonantula theilweise durch Oalläpfeltinctur 
gebräunt, und wo später auch Giobertische Tinctur angewandt 
war, unlesbar.*) E. Berger bezeichnet Schwärzung durch noix 
de galle als ade de vandalisme.^) 

Es ist daher sehr gerechtfertigt, wenn Ebert S. 83 zur 
Vorsicht bei der Anwendimg von Beagentien mahnt; er warnt 
dringend vor der Anwendung der Galläpfeltinctur, welche auch 
im Wolfenbütteler Prosper eine fortlaufende braune Fläche 
hervorgebracht hat Dagegen empfiehlt er Schwefelleber, und 
theilt das Recept nach Pertz im Archiv V, 512 mit Fr. Bluhme 
dagegen in der Besension dieser Schrift in der Hall. AUg. 
L.-Z. 1826. Bd. n, 89—99 vertheidigt die Galläpfeltinctur, 
welcher auch A. Mai sich immer bediene, eine Empfehlung 
freilich, die jetzt wenig Gewicht mehr hat, auch wohl der Wirk- 
lichkeit nicht entspricht Nach einigen beachtenswerthen Be- 
merkungen über seine eigenen Erfahrungen mit Palimpsesten 
und die zweckmäfsigste Art des Verfahrens, wirft endlich 
Bluhme die Frage auf, ob man denn wisse, wie nach längerer 
Zeit die Schwefelleber wirke? Man müfste das jetzt wohl fest- 
stellen können, und es wäre in der That sehr wünschenswerth, 
eine genaue Statistik über die Wirkung aller dieser Mittel zu 
besitzen. 

Niebuhr^) und Mone (Messen S. 165) empfehlen Schwefel- 
kalium. Vorzuziehen ist jedoch Schwefelammonium, weil 
es flüchtiger ist und das Pergament weniger angreift. Dieses 



^) Lit. Gentralblatt 1874 Sp. 374. 

*) Berichte der Berl. Akad. 18&3 S. 686. Schon früher sagt A. Mai 
im Spicil. Rom. Y, 239: Hanc partem nescio quis pcvrum perüua caeruieo 
medieamento dum vuU deelarare infuscavü. 

') Mit Bezog auf Christ 309. Bibl. de l'äcole des Gh. 1879 S. 261 ff. 

^) Giceronis Orationam Fragmenta, Romae 1820, p. 11. 



314 I^iG Schreibger&tbe und ihre Anwendung. 

mufs reingewaschen sein.^) Einige Secunden nach der Betupfimg 
aber mnls das Blatt mit klarem Wasser sorgfältig abgespült 
werden, sonst bildet sich darüber eine Kruste.') 

Ganz besonders wirksam ist Giobertische Tinctur (blau- 
saures Eisenkali), oder eine Mischung beider. Becepte und 
Anweisungen finden sich bei Ebert S. 230 (wo aber S. 231 
Z. 5 statt Stunden zu lesen ist Secunden) nebst Bluhme's Be- 
merkungen dazu, und Frid. Mone S. 39. 40. Besonders genau 
beschreibt G. H. Pertz „üeber ein Bruchstück des livius'^ das 
Verfiahren, und ich habe das in der That schöne Resultat selbst 
gesehen. Ich habe aber das zwischen Glasplatten verwahrte 
Pergamentblatt auch später gesehen, und siehe! es war dunkel- 
blau geworden. In ähnlichem Zustand befindet sich die von 
Th. Mommsen herausgegebene Ostertafel; sie wurde von ihm 
schon so vorgefunden. Von dem Cod. Ephr. Syri erwähnt 
Tischendorf, ^) dafs er durch Giobertische Tinctur verdorben sei. 
So verdorben tsjid auch Bethmann in Yalenciennes ein Blatt 
aus einem Über bonorum des Klosters Elnon,^) und Zamboni 
sagt von der merkwürdigen Urkunde der Cunizza: per leggere 
alcune righe nel mejsjsOy fu tcrturata cö' soläi preparati chimici, 
ond^ e appannata di macchie cerulee,^) 

Bei der Behandlimg des Granius licinianus wählte Karl 
Pertz Schwefelammonium als das beste Mittel, da es e^ vcUde 
efficax sü neque tarnen membranas laedat. Giobertische Tinctur 
hatten die Vorsteher des British Museum sich verbeten. Wenig 
Jahre später habe ich die Handschrift gesehen: sie hat sehr 
gelitten. Man kann leider wohl mit Wahrheit sagen, dab 



^) Sickel in der bist. Zeitschrift XXVII, 460 empfiehlt die, wenn 
alle Reibung vermieden wird, unschädliche Reinigung mit Ealiseife, auch 
die Blätter in klares Wasser zu legen, was nichts schadet, wenn sie voU- 
stfindig wieder getrocknet werden. 

*) Herr 6. R Bunsen hat so in meiner Gegenwart die von mir in 
den Forschungen XV, 213—238 herausgegebenen Blätter behandelt, und 
es ist keine Veränderung wahrzunehmen. L. Goetze empfiehlt i. d. Archival. 
Zts. II, 323—326 eine Verdünnung mit Wasser und beschreibt das Verfahren. 

■) Prolegg. ed. VE. N. T. p. CLL 

*) Archiv d. Gesellschaft f. alt d. Gesch. XI, 621. 

*) Roma e la scbiaritü personale in Italia (1870) p. 262. 



Palimpseste. 315 

durch die gelehrten Experimente der neuesten Zeit in Yerhält- 
nifs zu dem vorhandenen Vorrath mehr kostbare Handschriften 
verdorben sind als durch die vielgescholtenen alten Mönche. 

Als wirksamstes und zugleich harmloses Mittel wurde nun 
in neuester Zeit von Studemund angewandt und empfohlen eine 
Auflösimg von 1 Theil Schwefelcyancalium in 15 Theilen 
Brunnenwasser, mit wenigen Tropfen möglichst condensierter 
Salzsäure. Man betupft mit einem gewöhnlichen Pinsel die 
Stellen, und wendet sofort nach dem Gebrauch farbloses Lösch- 
papier zum Auftrocknen an. Doch soll es nur für die glatte 
Seite des Pergaments anwendbar sein. Die Schriftzüge treten 
auf wenige Minuten röthlich hervor, ohne dafs dem Pergament 
Schaden geschieht, und bleiben blau.^) Ob nicht doch eine 
schädliche Nachwirkung eintritt und die Schriftreste völlig ver- 
tilgt werden, mufs längere Erfahrung lehren. Angewandt wurde 
es von P. Krüger bei dem Veroneser Cod. rescr. der Pandecten, 
der durch Galläpfel und Giobertische Tinctur ganz geschwärzt ist 

Welches ist denn nim die Schlufsfolgerung, zu welcher wir 
auf diesem Wege gelangen? Sollen gar keine chemische Mittel 
angewandt werden? Das verlangt Knittel S. 219, weil dadurch 
die Autorität des Codex leide. Kann man ohne dieselben leid- 
lich auskommen, so ist das gewifs vorzuziehen, und es ist un- 
verantwortlich Beagentien anzuwenden, wo Ausdauer und gute 
Augen genügen; aber in vielen oder vielleicht den meisten 
Fällen würden wir dadurch in die Lage des Tantalus gerathen 
und nichts gewinnen. GlückUcher Weise ist inzwischen die 
Photographie so vervollkommnet, dafs das für einen Moment 
glücklich erreichte Resultat vollständig festgehalten werden 
kann. Hat man ftir dieses Hülfsmittel in zureichender Weise 
gesorgt, dann, aber auch nur dann, mag die Zukunft des Codex 
geopfert werden, wenn ein erhebUcher Gewinn in Aussicht 
steht unter allen Umständen aber ist nach den bisherigen 
Erfahrungen die gröfste Vorsicht nothwendig, und nur zuver- 
lässigen und erprobten Händen darf die Anwendung dieser ge- 
fährlichen Säfte gestattet werden. 

<) Fleckeisen's Jahrb. f. Philol. XCVH (1868) S. 546 Anm. 



316 I)ie Schreibgeräthe und ihre Anwendung. 

Eine eigenthümliche Art von Palimpsesten ist durch be- 
trügerische Manipulationen entstanden. Solcher Art ist ein 
Privileg für das Bisihum Triest von Berengar, früher im Wiener 
Staatsarchiv, jetzt seltsamer Weise nach Venedig ausgeliefert;*) 
sieht man es genauer an, so findet man, dafs unter dem schlecht 
geschriebenen Text ein anderer gestanden hat, der vollständig 
ausgekratzt ist Das Siegel ist echt, aber der Band mit der 
Umschrift abgebrochen; das Bild gehört Karl HI an. Man 
hat also das nach dem Umschwung der Verhältnisse nicht mehr 
gültige Privileg auf solche Weise den neuen Verhältnissen an- 
zupassen versucht. 

Aehnlicher Art ist eine Urkunde Heinrichs HI von 1054 
(Stumpf 2447) in München, wo Eingang nebst Unterschrift 
stehen geblieben sind, der ganze Text aber umgeschrieben ist') 
Gleiches vermuthet Grünhagen *) von einer Trebnitzer Urkunde 
von 1243, und der Bath der Stadt Brieg fing 1378 einen 
Fälscher, welcher einen Brief der Stadt Oppeln in solcher 
Weise umgeschrieben hatte.*) In grofeer Ausdehnung ist, wie 
kürzUch Brandi nachgewiesen hat, in Beichenau auf diese Art 
gefälscht worden.*^) 

Der Lübecker Domherr Arnold Pape wurde 1368 ver- 
danmit, weil er falsche Siegel hatte machen lassen und eine 
falsche Urkunde gemacht; auCserdem fecU etiam radi quandam 
litteram sigiUo opidi Sundensis sigülcUam, et in eadem carta 
sie rasa subtüüer rescribi. Der Lübecker Rath hatte sich 
täuschen lassen, und die Urkunde transsumiert^) In dem oben 
S. 303 erwähnten Anhang zimi Schwabenspiegel ist dieses Ver- 
fahren beschrieben, und zugleich ein Gegenmittel angegeben: 
das sol man gen der sunnen haben, so mag man es wol er- 



>) Erwähnt von Pertz, Archiv IV, 172. Vgl. auch oben S. 236. 

') Nach Stumpf, Wirzburger Immunitäts- Urkunden S. 48 Anm. 93, 
auch die Urkunden 1703 und 2657. So auch K. 440 Mühlb. von 810, 8. 
N. Arch. III, 657. 

») Cod. Dipl. Silesiae VII, 190. 

«) Cod. Dipl. Silesiae IX, 58. 

^) Die Reichenauer Urkundenfldschungen (1890) S. 32 ff. 

') Codex dipl. Lubecensis III, 710. 



PalimpseBte. 317 

kennen, so sieht man der alten schrift immer etwe vü in dem 
pirmit in der newen. 

Die Urkunden der Abtei von Vaux-en-Omois im Tuller 
Sprengel sind ganz abgekratzt und im 17. Jahrhundert neu 
geschrieben J) 

Auch Schriftsteller hat man in dieser Weise neu zu ver- 
fertigen versucht, so die angebliche Ergänzung des fehlenden 
Anfanges und anderer Lücken von Cicero de Fato.*) Ein Ori- 
ginal davon ist^ soviel ich weüjs, niemals vorgelegt, wohl aber 
von Constantin Simonides der sehr umfangreiche PaUmpsest 
des Uranios, welcher selbst die gelehrten Berliner Akademiker 
an&ngs irre führte; fi^ilich war von der üncialschrift wenig 
zu sehen. Es fand sich jedoch bei genauerer Prüfung, dals 
die blasse Tinte der vorgebUch ältesten Schrift die schwarzen 
Züge der jüngeren Minuskel überdeckte, was mit rechten Dingen 
nicht wohl zugehen konnte. Auch sind die eingedrückten 
Linien, wie Pertz hervorhebt, für die jüngere, und nicht für 
die ältere Schrift gezogen.') Ein vortreffliches Mittel für solche 
Fälle ist Salzsäure, welche neue Tinte sofort vertilgt, während 
ältere widersteht; sie wurde bei der Behandlung der unechten 
Chasles'schen Autographen angewandt^) 

IV. 
Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

1. Kritische Behandlung. 

Bei gedruckten Büchern genügt eine Correctur für alle 
Exemplare einer Auflage; bei Abschriften dagegen mufs jedes 

^) Bibl. de T^cole des Ghartes Y, 3, 126. 

*) S. Ritschi im Rhein. Museum 1854 S. 469—477. 

') S. d. Bericht von Lepsius in der Augsb. Allg. Zeit 1856 Feb. 11. 
S. 663, und: Report of the Council of the Royal Society of Literature 
on some of the Mayer Papyri and the Palimpsest MS. of Uranius belong- 
ing to M. Simonides. With letters from MM. Pertz, Ehrenberg and 
Dindorf. Lond. 1863. S. 28 ein Facsimile; die Schrift ist den Voll. 
Hercul. nachgeahmt 

^) Vgl. Üne fabrique de faux autographes, ou räcit de raffiure Yrain 
Lucas, par M. H. Bordier et M. £mile Mabille. Paris 1870. 



318 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

einzelne Exemplar verglichen und berichtigt werden. So lange 
nun bei lebhafter Nachfrage zahlreiche Exemplare eines Werkes 
in der Weise angefertigt wurden, dafs viele Schreiber gleich- 
zeitig einem Dictate folgten,^) ist es begreiflich, da(s diese 
mühsame Arbeit oft unterblieb oder doch nur nachlässig aus- 
geführt wurde. ^ Eine grofse und zunehmende Fehlerhaftigkeit 
mufste die Folge davon sein, und schon Cicero klagt ad Quin- 
tum fratrem ep. 11, 5: de IcUinis vefo quo me veriam nescio; 
ita mendose et scribuntur et veneunt. Dieselbe E[lage hören 
wir von Strabo (Xm, 1 p. 419) in Bezug auf griechische Hand- 
schriftien, da wo er von den Schriften des Aristoteles handelt: 
xal ßißXioj[<öXal ttveg yQaq>Bv6i fpaiXoiq XQ^f^^^^^ ^^^ ^^ 
dvTißdlXovTsq, oxcq xal ijrl töp äXXcov öpgißalvei r<5v elg 
jcQäCLv YQag)Ofiipa}v ßißXlmv xal kvd^aöe xal kv ^Xegapögelf. . . 

Die Bichtigkeit dieser Bemerkungen können wir noch jetzt 
bestätigen, da gerade die ältesten Handschriften sehr fehler- 
haft sind, und vorzüghch die kalligraphisch am schönsten aus- 
geiührten, z. B. der berühmte Codex Vat 1209 der Bibel. 
A. Mai bemerkt in der Vorrede seiner Ausgabe des Cic. de Bep., 
dafs gerade die prächtigsten Capitalhandschriften die fehler- 
haftiesten sind. Zum Theil mag hier der Umstand mitwirken, 
dafs es eben nur kalligraphische Schaustücke waren. Wie viel 
Mühe gelehrte Freunde und Kenner der Idtteratur sich gaben 
correcte Exemplare zu bekommen, zeigen uns manche Stellen 
in Cicero's Briefen. Man hatte oder besorgte Normal-Exemplare, 
durch deren Benutzung dem Verderben immer wieder Einhalt 
gethan werden konnte. 

Erhalten ist uns die Unterschrift eines Werkes über die 
Osterberechnung vom J. 397, in welcher der Verfasser Q. Juhus 
Hilarianus ausdrücklich sagt: adtnonemus eos, qui ante a nobis 
non emendata haec scripta accipere festinaverunty ut secundutn 



^) Auf die Frage, ob das geschehen sei, kommen wir noch zurück. 

*) In Bezug auf das römische Alterthum in dieser Hinsicht s. Becker- 
Marquardt V, 2, 404 fif. Es liegt meiner Aufgabe ganz fem, auf diesen 
Gegenstand näher einzugehen. 



Kritische Behandlung. 319 

i^utn ordinem emendatum opus habere conentuTy^) und unter 
einem Werke von Cassiodor: codex archetypus, ad cujus exem- 
plaria sunt reliqui corrigendi.*) 

Die sorgfältigste kritische Behandlung alter griechischer 
Schriftsteller war in Alexandria heimisch, und dort er&nd 
man auch die kritischen Zeichen, welche in einigen Hand- 
schriften noch erhalten sind.^) Auch die Interpunctionen, 
Spiritus imd Accente stammen von den alexandrinischen Ge- 
lehrten, finden sich aber in den uns erhaltenen ägyptischen 
Handschriftien nicht durchgeführt In dem Bankes'schen Frag- 
ment der Blas u. a. sind sie theilweise von dem Besitzer hin- 
zugefugt Der Gebrauch beschränkte sich augenscheinlich auf 
die Handexemplare der Grammatiker, und auch da wandte man 
ein Zeichen nur an, wo ein Irrthum, eine falsche Lesung zu 
befurchten war. Allgemein ist der Gebrauch derselben erst viel 
später geworden. 

Der Bias vorztigUch wurde die gröfste Sorgfalt gewidmet; 
später nahmen die heiligen Schriften der Christen dieselbe 
kritische Kunst in Anspruch. Origenes versah auch diese mit 
kritischen Zeichen, welche sich im Colb. 3084 und anderen 
Fragmenten des Oktateuch finden, s. Montf. p. 188 und Tischen- 
dorfi Coli. Nova m p. XV — XVll. Ein sehr eifiiger Verehrer 
des Origenes, Ambrosius, hielt ihm eine Menge von Schreibern, 



^) Vollständig bei Reifferscheid de Latinorum codicum subscriptio- 
nibuB (Ind. scholaniin Trat. 1872/3) p. 6, und in der Ausg. von Pfaff. 

') Greg. Turon. de cursu stellarum ed. Haase p. 7. 

*) S. darüber Osann, Anecdotum Romanum de notis yeterum criticis, 
Gissae 1851. Dass. mit den yerwandten handschriftl. Ueberlieferungen 
bei A. Kauck in d. Appendix des Lex. Yindob. Petrop. 1867 p. 271 ss. 
Für die Anwendung in lat Hss. das auch hier wie bei Osann befind- 
liche Anecd. Paris, p. 278 ss. gefunden von Th. Mommsen, zuerst ediert 
in d. Zeitschr. f. Alterthumsw. 1845 N. 11 von Bei^gk; vor Nauck die 
betr. Stücke auch bei Reifferscheid Suet. rell. Lips. 1860 p. 137 ss. 
Dazu jetzt ein Anecd. Monac. bei Eettner, Erit Bemerkungen zu Yarro 
u. lat Glossarien, Progr. d. Elosterschule Rofsleben 1868 S. 33, und ein 
Anecd. Gavense ed. Reifferscheid im Rhein. Mus. XXIII, 127 ss. (Freund- 
liche Mittheilung von M. Hertz.) lieber die Anwendung des Asteriscus, 
Paragraphus u. Antisigma durch Hincmar in der Vita Remigii s. Erusch 
im N. Archiv XX, 516. 



320 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

um seine Erklärung der h. Schriften sich zu verschaflfen, und 
Origenes war nun durch die Collation der Abschriften so in 
Anspruch genommen, dafs er weder zur Mahlzeit noch zum 
Spaziergang Zeit behielt: ovve yag östjcv^öai soriv ri(itv avti- 
ßdXXovCiv 0VT6 öuxvrjöaciv jtSQCjtarfjöai xal ötavajtavöai xa 
OcSfiara, dXXa xal iv rolg xaiQOlg ixelvoiq g>iXoöog>6lp xal 
dxQißovp ra dvxLyQaq>a dpayxa^ogisd'a.^) 

An die kritische Arbeit des Origenes knüpften Pamphilus 
und Eusebius an und stellten Normal-Exemplare her. Nach 
dem Yon ihnen bericlitigten, kritisch bearbeiteten und beglau- 
bigten Exemplar der Propheten war die Abschrift des Abts 
ApoUinarius gefertigt, deren Copie uns in dem Codex Claro- 
montanus, jetzt Yat 2125 erhalten ist, welcher nach dem fiü- 
heren Besitzer auch Cod. MarchaUanus genannt wird, in ün- 
cialschrift etwa saec. VU.^) Mit dem Exemplar des Pamphi- 
lus in Caesarea ist der Cod. Coislin. der Paulinischen Briefe 
(Cod. H) verglichen. Auch im Sinaiticus ist unter dem Buch 
Esther ein alter Vermerk über eine Collation.*) 

Da diese Bücher zum öffentlichen Vorlesen bestimmt waren, 
schrieb man sie häufig nach dem Vorgang des alexandrinischen 
Diaconus Euthalius örixTigtög oder per cola et commata, d.'h. 
nach den Satztheilen abgesetzt (vgl. oben S. 158), und versah 
sie auch mit Spiritus, Accenten und Interpunctionen. Ein 
solches Exemplar, welches vom h. Basilius stammte, erwähnt 
Georgius Syncellus S. 203 bei seinen Untersuchungen über die 
Regierungsjahre der jüdischen Könige: iv kvl öh dvxiy(fdipm 
Xlav ijx(fißa)(iiv<p xatd re criyiirjv xal XQOOcoölav ix rfjg iv 
Kaiöagela r^g Kajtjtaöoxlag iXd'Ovri slg ifih ßißho&ijxijg, iv 
CO xal ijteyiyQajtro wg 6 ftiyag xal d'Stog BaölXeiog rä i^ 

') Georg. Cedrenufl I, 444 ed. Bonn. 

*) S. Montf. Pal. p. 40. Jos. Cozza, Bibliorum Fragmenta, p. XXXII ff. 
Facs. bei A. Mai, Nova Patnim Bibl. lY ad p. 318. Der von Cozza 
herausgegebene Palimpsest ist auch durch sorgsame kritische Behandlung 
ausgezeichnet, und enthält auf dem Rande eine im 9. oder 10. Jahrb. 
zugeschriebene lat. Uebersetzung, und stellenweise eine zweite mit der 
Bezeichnung G. GR oder IN GR. d. h. in Graeco. Aber etwa im 11. Jahr- 
hundert ist alles abgewaschen. 

') Tischendorf, Appendix codd. celebb. Tabula. 



Kritische Behandlung. 321 

<DV ixelvo ax^Qdqtri, dvrtßaXfov öicogd'ciöaTO ßißUa . . . J) 
üeber grolsen Mangel an Schreibern in Kappadokien klagen 
um 400 sowohl Basilius wie sein Bruder Gregor von Nyssa; 
letzterem gelang es nach vielem Suchen, dafs ihm endlich o re 
YQdg>a}v xal b öoxifid^iov rd ysyQaiifiiva zu Grebote standen.*) 

Indem ich nun fiir die genauere Verfolgung dieses Gregen- 
standes auf die Schriften von Hug und Tischendorf verweise, 
gedenke ich nur noch der Ermahnung des Syrers Ephraim 
(f 378) an die Mönche, welche heilige Bücher abschrieben, 
Paraen. 48: nXipf (itj 6idorQ£g>6 d-elovg Xa/ovg .... oial reo 
xoiolVTi rama' Tl&ijöi ydg CxavöaXa ^pvjöv 6 xotovroq. 

Voll Besorgnifs vor solcher Entstellung beschloß Irenaeus 
(f 202) seine Schrift xbqI oyöoddoq mit folgender Beschwörung: 
*0(fxl^a} öe [rov fisrayQcapofiBvov to ßißXlov tovro xaxd rov 
xvqIov fifimv 7fiöov Xqiöxox xal xaxd xfjq Ivöo^ov jtaQovolaq 
avxov, ^q igxexai xQlvat Cßvxaq xal VBXQOvq, tva dvxtßdX^jq 
o fiBxeyQoipa} , xal xaxoQd-ciöuq avxo jtQoq x6 dvxlyQaipov 
xovxo, od-sv fi€xsyQd:tpa), i^tifiBXmq' xal xov oQxov xovxov 
ojioUoq (iBxaygdy^yq, xal d^jöBiq iv x(p dvxiyQdg)q). Eusebius 
fiEuid diese Beschwörung so zweckmäfsig und empfehlenswerth, 
dais er sie in seine Kirchengeschichte au&ahm.') Auch Rufinus 
beschwört in seiner Uebersetzung von Origenes jibqI dgxcöp 
jeden, der das Buch abschreiben oder lesen werde, ne addat 
aliquid scripturae^ ne auferat, ne inserat, ne immtäet, sed con- 
ferat cum exemplaribus unde scripserit, et emendet ad lüteram^ 
et distingucU; et inemendatum vel non distindum codicem non 
hdbeoit, ne sensuum difficuUas, si distinctus codex non sit, 
majores obscurüates legetUibus generet.^) 

^) Dafis man im 4. Jahrh. solche Handschriften hatte, geht auch ans 
Epiphanins m^ fiit^v xal aTa&fidiv herror. 

*) Bei Zaccagni, CoUectanea Mon. vet p. 382: o fietaygdfptov ovx 
^v Toatwzfj zwv yQaipifov ^ dnogia, Basilii Opera m, 227 ed. Maur.: 
xh 6h Sbvxbqov naQcueaviaxov ßavXo/ievog avrb iiBxaygd^ai xal fi^ bv- 
noQ€»v zimq rivo^ ttSv bIq rdxoi yga^owonr fiixQi yaQ rooavtrjg ijX&B 
fCBvlaq xa initp^ova xwv Kannaöoxwv. 

*) Y, 20, daraus lateinisch bei Hieron. de viris ill. c. S6. Kach- 
geahmt Ton Adamnan, oben S. 262. 

*) In dem Heidelb. cod. pal. 398 saec. X. ine steht: diwg&anai ov 
Wattenbacb, Schilftwesen. S. Aufl. 21 



322 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Hier werden die Zweifel und Schwierigkeiten beriihrty 
welche eine Folge des Mangels an Worttrennung und Inter- 
punction waren und das Lesen erschwerten; darauf scheint sich 
in Betreff lateinischer Handschriften auch G-ellius XTTT, 30 zu 
beziehen. Viele Fehler der Abschriften sind dadurch verschuldet^ 
andere durch die yeränderte Aussprache, und die deshalb schon 
sehr fiüh vorkommende Verwechslung mancher gleichlautender 
Buchstaben. Ueber die Ursachen und Arten der Fehler in 
griechischen Handschrift;en haben in neuerer Zeit (nach Bast) 
sehr eingehend und lehrreich gehandelt: Job. H. Chr. Schubart, 
Bruchstücke eu einer Methodologie der diplomatischen Krüxkj 
Gassei 1855, mit besonderer Beziehung auf Pausanias, und 
J. C. Vollgraff, Studia palaeographicay Lugd. Bat 1870. 
Im allgemeinen sind die griechischen Handschrift;en correcter 
als die lateinischen, und die Abschreiber waren wohl nie so 
unwissend wie viele abendländische, welche ihren Text gar 
nicht verstanden. Der Notar Johannes, Abschreiber des Delec- 
tus legum, schrieb 1175: r^ de xavxa ygaipawi (ifj oZcog xard- 
gdo&at, 6 yag ygagxop xaQaYQdg>Bi.^) 

Wenden wir uns nun wieder den lateinischen Schrei- 
bern zu, so begegnet uns zunächst ein merkwürdiges Zeugniüs 
des h. Hieronymus in einem Briefe an Lucinius:') OpuscUla 
tnea . . , , ad describendum hominibus tuis dedi^ et descrijfta 
vidi in chariaceis codicäms, ac frequenter tidmonui ut canfer- 
rent düigentius et emendarent. Ego enim .... rdegere non 
potui .... ünde $i paragrammata repereris vd minus dU^ 
qua descripta sunt,^) quae sensum legentis impediantf non mäii 
debes imputare^ sed tuis et imperitiae notariorum librariorum' 



ngiq anovöaiov AvxlyQafpov. In der Anthol. pal. p. 273: &)$ t^6B ävxB- 
ßlr^B-ri uQoq xo dvTißokiv rov xvgov Mixa^^ xal Siwq&w&ti xiva, nk^v ort 
xdxelvo atpdkfjiaxa elxsv. Ausführliche Inschrift über die Gorrector eines 
Cod. saec. XII. bei Lambros, Gatal. d. Athoskl. S. 276. 

^) Zanetti p. XI. Ezempla p. 5. 

«) Ep. 71. Vol. I, 431 ed. VaDars. 

') So schreibt Paulus D. an Adalhard: loca in quibus minus inveni 
(wo etwas fehlt) K. Arch. I, 566, u. Joh. subd. (oben S. 282): cum hie 
aliquid mintts inveneritis, non maledicta ingeraiis, sed ut veniam trUmaUs^ 
und : 8t minus sive plus invenerüis, rogo vos omnes emendate ülum. 



Kritische Behandlung. 323 

qtie ineuriae, qui scribuni non quod inveniuntt sed quai 
ifUdUgwUy et dum alienos errores emendare nUuntur, osten- 
dunt suos.^) 

Mit dem zunehmenden Yei&ll der Bildung und Sprache 
wächst natürlicher Weise auch die Fehlerhaftigkeit der Hand- 
schriften. Dadurch wurden zahlreiche Schrift;en von Gramma- 
tikern de orthographia yeranlaTst, welche Cassiodor in seiner 
Schrift über diesen Gegenstand in einen Auszug brachte. Schon 
die Titel weisen auf die in den Hand6chrift;en dieser Zeit häu- 
figsten Verwechselungen, wie Martyrius de B muta et V vocaii^ 
Eutyches de aspiratione.*) Mit dem H konnten namentlich 
Itahener, da sie es nicht aussprachen, schwer in Ordnung 
kommen, und fortwährend findet es sich in ihren Abschriften 
weggelassen, oder gesetzt, wo es nicht hingehört Aus demselben 
Grunde beginnt man michi und nichü zu schreiben, was bald 
allgemein üblich, und noch von Leonardus Aretinus in einem 
eigenen Briefe an den Grammatiker Antonius vertheidigt wurde. 

YorzügUche Anerkennung verdienen die Bestrebungen 
Cassiodors, welche von Ad. Franz in seiner Monographie (Bresl. 
1872) S. 50 ff. hervorgehoben sind und einen Einblick in die 
Thätigkeit eines Correctors gewähren. In den Büchern, mit 
welchen er seine Stiftnmg begabte, Uefs er durch Notare die 
drei distinctianes anbringen; er machte Abschnitte mit Inhalts- 
angabe, die er als capUtda, tütdi, breves bezeichnete, und ver- 
glich selbst die Abschrift;en mit den besten Exemplaren: quos 
ego cunctos . . . stib collatione priscarum codicum, amicis ernte 



^) Ganz ähnlich klagt Leon. Aretinus ep. II , 13 ed. Mehus fiber 
seine Yerrinen: ^mi emm corrigere völuü eca plane corrupü, und bittet 
den nnprünglichen Text abschreiben zu lassen. Hieronymus sagt, wie 
Dfimmler bemerkt, in der Praef. ad Esdr. et Nechem.: Nihü enim proderü 
emendasae librum, nm emendatio librariorum däigenHa canservekir, und 
Praef. ad Evang. tot enm sunt exemphria paene quot Codices. 

*) Viele Verwechselungen von Vocalen und Gonsonanten sind zusam- 
mengestellt von E. Ranke aus dem von ihm herausgegebenen God. Fuld. 
saec. VI. p. XXII ~ XXIX. Diesen Godex hatte Victor von Gapua 546 
kritisch behandelt, ohne doch in der Orthographie viel zu berichtigen. 
Die IrUnder haben namentlich auch spftter noch eine sehr fehlerhafte 
Orthographie. 

21* 



324 Weitere Behandlnng der Schriftwerke. 

me legentibtis, sedula lectiane transivi. Zu den Werken der 
Väter machte er rothe Marginalien, um die Bücher der h. Schrift 
zu bezeichnen, für welche sich an den betreffenden Stellen Er- 
klärungen fänden. Hier sehen wir also die bekannte Unter- 
schrift contuli annotavi distinxi erläutert Bei Emendatiionen 
verlangt er, dafs die manus aÜera der maims prior möglichst 
ähnlich sein solle. ^) 

Im Gebiete der profanen litteratur veranlaiste der ver- 
wahrloste Zustand der lateinischen Handschriften vom 4. bis 
zum 6. Jahrhundert eine Anzahl eiftiger Freunde der alten 
Schriftsteller, sich der Verbesserung derselben zu unterziehen. 
Es sind grofsentheils vornehme Leute, unter welchen die Familie 
der domni SymmcLchi besonders hervortritt Sie sind Anhänger 
der alten Philosophie, heftige Gegner des Chiistenthums, und 
wenn sie auch zuletzt äufserUch demselben sich fiigen, so bleibt 
ihr Herz doch bei den alten Heiden. Sie sind es, denen wir 
die dem Mittelalter überlieferten Texte grofsentheils verdanken; 
die Zeugnisse dafür sind zu entnehmen aus den Subscrip- 
tionen, welche im Original oder mit dem Text abgeschrieben 
uns überliefert sind. Aus ihnen sind diese merkwürdigen Er- 
gebnisse mit dem gröfsten Scharfeinn entwickelt und dargestellt 
von Otto Jahn in seiner Abhandlung: üeher die Subscrip- 
tionen in den Handschriften römischer Classiker^) Zuweilen 



*) Ueber die Emendationen in Cic. de Rep. 8. G. P&ff: De diversiB 
manibuB quibus Giceronis de rep. libri in cod. Yat correcti sunt Beil. 
zum Jahresbericht d. Heidelb. Gjmn. 1883. Der Ealügraph war ganz 
unwisAend. 

*) Berichte über die Verhandlungen der k. s&chB. Ges. d. Wiss., 
Philol. bist Gl. 111, 327. 1851. Dazu Fr. Haase im Ind. lectt Trat 
hib. 1860. L. Spengel zur Subscription des Bamberger Gassiodor, im 
PhiloIoguB XVII, 555. Bock, Sendschreiben an Weils S. 9. A. Reiffer- 
scheid de latinorum codicum subscriptionibus, im Ind. lectt Vrat hib. 
1872. Th. Mommsen et G. Studemund, Analecta Liviana, 1873. Zu be- 
merken sind die Ausdrücke bei 0. Jahn S. 369: emendabam ex mendo- 
nssimia exemplartbus^ ad exemplum ClemewticMi, contra codicem RenaH; 
9ine exemplario, antigrapho; conferente Feiice, contra legente DetUerio, 
cum Eudoxio; soltM manu mea, sine magistro. Nach Dziatzko (Gomment 
Woelffiin. p. 221—226) kommt das Wort recensui erst gegen öOO auf, und 
ist Galliopius in diese Zeit zu setzen. 



Kritische Behandlung. 325 

findet sich die auBdrückliche Bemerkung, daXs sie keine correcte 
Copie als Muster hatten, und bei der Emendation sind sie 
ziemlich willkürlich yer&hren. Diese ganze Thätigkeit hängt 
zusammen mit den Schulen der Bhetoren oder Grammatiker, 
welche man auch Philosophen nannte, in welchen eine geheime 
Opposition gegen das Chiistenthum noch lange fortlebte. Daraus 
entstanden die Fabeln von Yirgil als Zauberer, und die An- 
klagen gegen Grammatiker, dais sie alles fiir wahr hielten, was 
sie in den heidnischen Schriftstellern läsen, und noch an die 
alten Götter glaubten.^) 

Die Bemühungen jener Männer nun sind nicht ohne Frucht 
geblieben; noch jetzt geniefsen wir die wohlthätigen Folgen 
derselben. Zunächst aber konnten sie der eingerissenen Ent- 
artung um so weniger Einhalt thun, als die Zeiten der ärgsten 
Barbarei noch erst bevorstanden. Ein merkwürdiges Zeugnifs 
dafür und ein Zeichen wieder beginnender Kritik finden wir 
in dem 825 geschriebenen Werke des Dicuil de mensura orbis 
terrae (ed. Parthey 1870), wo es im Prologe heifst: , . . et 
quod exemplaria codicum naturalis historiae Plinii Secundi 
quae scrutatus fui, nimis a scriptoribus uUimorum temporum 
dissipcUa praevidi (pervidi?). Sermones quidem praedidorum 
missorumj quia nimis vitiose scripti sunt, quantum potero cor- 
tigere cwraibo. M ubi in libris Plinii Secundi corruptos ahs- 
que dubio numeros fieri cognavero, loca eorum vacua interim 
fare faciatnj ut si non invenero certa exemplaria^ quicumque 
reppererit emendet. nam ubi dubüavero utrum certi nee ne sint 
numeri, sieut certos crassäbo,^ ut praedictus quisquis veros vi- 
derü veraciter corrigat. 

Hier begegnet uns schon das kritische Streben der karo- 
lingischen Zeit; die Thatsache aber der unglaublichen Verwil- 
derung sehr vieler Handschriften des 7. und 8. Jahrhunderts 



*) S. darüber W. Giesebrecht, De litteramm stadiis apnd ItaloB pri- 
mifl medii aevi saecolis, Berol. 1845, 4. 

*) Dieses crassare glaubte ich (S. 262) von erassus ableiten zu sollen, 
wie Balderich von Booiigaeil an die Grftfin Adela schreibt, y. 1017: AUer 
(modns) emm partum «itintiiifi crassiUur (ümndans «» augetar. M^m. des 
AnÜqiL de Normandie XXYIII, 215. Aber es bedeutet nur schreiben. 



326 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

ist auch durch die noch jetzt erhaltenen bezeugt Aus dem 
7. Jahrhundert selbst hören wir die Stimme des h. Audoenus 
im Prolog seiner Vita S. Eligii, der seine Leser beschwört: 
ui si quis haec legens amore captm exemplare voluerit, sylkh 
barum detrimenta summapere observet, et dudum conscripUs 
exemplaribus rtirsus canferat corrigenda^ ut quae cwn studio 
et sollicüudine scripta sunij cum cura et diligentia transcri- 
hantur. Haec idcirco, quia pierumque videmus nanmiUa Volu- 
mina, et praecipue sanctorum gesta, ita scriptorum vitio de- 
pravata, ut studiosis quibusque non solum lectitare^ verum 
etiam manibus sit contingere fastidium,^) 

Doch erhielt sich äuTserlich an manchen Orten noch in 
die karolingische Zeit hinein die alte Einrichtung; in vielen 
Handschriften finden wir noch jene Bemerkungen, wie legi, 
rdegi, contulif^ percontuii, emendabam, recognovi^^ oft in tiro* 
nischen Noten, wie auch in solchen an den einzelnen Stellen 
dem Schreiber angetragen wird, welche Aenderungen er vor- 
zunehmen hai^) Noch kommen einsichtige Correctoren vor, 
aber auch Aenderungen wie im Cod. Colon. 166 saec. YII., wo 
die unverstandenen griechischen Worte TQNIIPOCTI geändert 
sind in toni et puncti.^) 

Was half ein Corrector, der selbst schrieb contüli ut pu- 
tavi (statt potui)^ oder gar unterzeichnete: Ego Älprat och 
Ubrum emendareml'') 

<) Labbe, Nova Bibl. MSS. II, 518. D'Achery, Spidl. U, 77 ed. U. 

*) Nach der Quatemionenbezeichnung bei Sickel, Monumenta Gra- 
phica ni, 1. 

*) Correctum cum papiro d. h. nach der Bq^yrashs. der pftbstlichen 
Resten, Loewenfeldy Zts. f. Eirchengeschichte lU, 143. 

*) Eccl. Ck>lon. codd. passim, s. W. Schmitz, Neues Archiv XI, 109 ff. 
Solche tiron. Noten in Würzb. Handschriften nach Oegg, Eorogr. S. 307. 
340. 847. Bei W. Arndt, Tafel 5, ein tiron. legi. Das häufig vorkommende 
huc usque kam gelegentlich bei Abschriften in den Text, s. M. Hertz, N. 
philol. Jahrb. 1878 S. 256. 

*) Rhetores min. ed. Halm p. 226 1. 42. Doch wohl kaum v<m dem 
eigentlichen Corrector. 

*) Reifferscheid 1. c. p. 4. Ckmtuli ut potui im Aahbumh. Pentateach. 

^) In der häufigen Geheimschrift, in welcher die Vocale durch die 
folgenden Consonanten vertreten werden: fgp blprbt pch Ikbrzm fionfiidbrCm. 



KriÜBche Behandlung. 327 

Ein gediegenes wissenschaftliches Streben war im 8. Jahr- 
hundert fisist nur in England zu finden, wo Beda durch seine 
Gfelehrsamkeit glänzte; er schrieb auch wieder, wie Cassiodor, 
über die Orthographie, so wie nach seinem Vorbild Alcuin, 
der diese Studien ins Frankenreich übertrug. Karl der Grofse 
weckte hier ein ganz neues wissenschaftliches Leben, und nahm 
an der Fehlerhaftigkeit der kirchlichen Bücher solchen Anstofs, 
dals er durch sein Capitulare von 789 c. 71 Abhülfe dieses 
Uebelstandes verordnete: Psalmos^ notas cantus, compotttm, 
grammaticam per singula monasteria vel episcopia (disccmt) 
et Ubros caÜu>Ucos bene emendatos (hdbeant) ; quia sctepe dum 
bene aliqui deutn rogare cupiunt, sed per inemendatos libros 
male rogant. • Ei pueros vestros non sinüe eos vd legende vel 
scribendo carrumpere. Et $i opus est evangeliumj psalterium 
et missale scribere, perfectae aetatis homines scribant cum omni 
diligentia. Wegen dieser Sorgfalt preist ihn der Schreiber 
Winidharius:') 

Qui stemit per bella truces fortissimus heros, 
Bex Carolus nulli cordis folgere secundus, 
Non passus sentes mendarum serpere libris. 
Et bene correxit studio sublimis in omni. 

Mit gleicher Hingebung feiert ihn auch der Corrector 
Jacob unter der Züricher Handschrift des Serenus Sammonicus: ') 

Inditus invictum Christi yirtute tropheum 
Qui regit, haec fieri Karlus rex namque modestus 
Mandat, ut in sechs mtilet sophisma fiituris. 
Legit enim ÜGunulus stilo animoque Jacobus. 

Die ungefügen Verse sind für die Zeit Karls vor der 
Kaiserkrönung eben so charakteristisch, wie der frische Schwung, 
der sie belebt Wenn wir auch nicht gerade anzunehmen 
brauchen, dals Karl selbst die Correctur jenes Buches besorgt 



Gregorys Pastonde in einem Cod. aus Weihenstephan saec. VIII. Aretdn's 
Beitrüge YU, 286. 

») Im Wiener cod. 743, Denis I, 313. Dfimmler, Poet lat. I, 89. 

>) Orelli, Helperid Kar. M. p. 3. Dümmler 1. 1. p. 98. 



328 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

hat, so betheiligte er sich doch lebhaft bei diesen Arbeiten, 
und Thegan c. 7 versichert, dafs libros carrigere die Arbeit 
seiner letzten Tage war, und dals er unmittelbar vor seinem 
Tode die Evangelien mit Griechen und Syrern corrigiert habe.') 
Hinter dem guten Willen bUeb freilich das Können weit zurück. 
Alcuin selbst war ein sehr schwacher Lateiner; an seiner Schrift 
gegen Felix £änd Karl 799 viel zu verbessern, und Alcuin ent- 
schuldigte sich mit der grofsen Eile: quod in lüteris vd du- 
tindianibus non tarn scolastice currü, qtmm ardo et regtda 
artis fframmcUicae posttdcU. lieber die Interpunction sagt er 
weiterhin: Pundorum vero distinctiones vd subdistindiones licet 
omatum fadant pulcherrimum in sententiis, tarnen usms ülarum 
propter rusticitatem paene recessit a scriptoribus. Sed siciU 
totius sapientiiie decus d salutaris erudüionis amaius per 
vedrae nobilitatis indttdriatn renavari indpit, üa d horum 
usus in manibus scribentium redintegrandus esse optime viddur»*) 
Die Interpunction ist denn wirkUch nach den alten Mustern 
und Vorschriften hergestellt, und das distvnguere wird wieder 
eine wichtige Aufgabe. Die Sorgfalt aber, welche man jetzt 
auf die Orthographie verwandte, erhellt aus der Unterschrift 
des Bischöfe Baturich von Begensburg unter dem 823 ge- 
schriebenen Commentar Augustins zum Johannesbrief: ^) lÄbrum 
hunc pro remedio animae ego in dei nomine Baturicus epi- 
scopus ad Franchonofurt scribere praecepi. scriptus ed autem 
diebtis Septem d in odavo corredus in loco eodem anno s^timo 
^nscopatus mei d odingentesimo XXIII dominicae incama- 
tionis. scriptus autem per Ellenhardum d Dignum Hildoino 
orthografiam praedante. Gute Correctoren waren natürlich 
schwer zu haben, und nur geringe Befähigung vermth die 
Unterschrift: Contülimus ut potuimus voluntariae bene si bene 
tui si alüer nodri ed meriti. Ora pro scriptoris si deum abeas 



') Vgl. auch die Zusätze zum Ghron. Benedictoburanum MG. SS. 
IX, 216. Doch wimmelt die Biblia Radonis von Fehlem, s. Sickel SB. 
LXXIX, 546. Vgl. auch L. Delisle, Les Biblea de Thöodulfe, Bibl de 
r£cole des Ghartes 1879. 

*) Alcuini epp. ed. JafW, Bibl. VI, 457. Frob. ep. 85. 

») Cod. lat. Monac. 14437. Schriftprobe daraus Pal. Society I, 128. 



Kritische Behandlnng. 329 

adjutarem.^) Schon früher hatte Vulfiims in der langen Unter- 
schrift des Brey. Alarici gesagt: FelicUer cotUuli ut potui cum 
omni studio. Si placd ego feci, ai displicit sie volui Tanten 
enim tres digiti scribunt et totum corpus läborat^) 

Die Glesetzgebang hatte nur um die Ejirchenbücher sich 
zu kümmern, aber in allen Handschriften finden wir zuneh- 
mende Correctheit, und auch die Schriften der Zeit zeigen uns 
Beschäftigung mit kritischen Fragen. Da nun nach der Beform 
der Schrift die alten Manuscripte bald in neuer Gestalt ver- 
yielfältigt wurden, traten an die Schreiber schwierige Aufgaben 
heran, welche in verschiedener Weise gelöst wurden. Es gab 
fortwährend noch Schreiber, welche nur mechanisch nachahmten, 
ohne von der Vorlage etwas zu verstehen. Diese haben sehr 
fehlerhafte Froducte geliefert, welche aber häufig von beson- 
derem Werthe sind, weil wir bei ihnen sicher sind, dafs sie 
keine willkürliche Aenderungen vorgenommen haben. Viel 
schlimmer sind die Halbwisser, über welche schon Hieronymus 
in der oben angeführten Stelle klagt Da die älteren Voriagen 
gar keine oder doch nur unvollkommen durchgeführte Wort- 
trennung darboten, so hatten sie zunächst diese oft schwierige 
Operation vorzunehmen, und haben dabei viele Fehler gemacht^) 
Dazu kam die ündeutiichkeit der Uebergangsschriften, welche 
den Abschreibern nicht mehr geläufig waren. Hatte der erste 
Schreiber einen häufig unverständUchen Text zu Stande ge- 
bracht, imd sich begnügt wirkUche oder scheinbare Wörter 
herzustellen, ohne um den Sinn sich zu bekümmern, so ver- 
besserte später ein anderer die Handschrift, machte Emenda- 



*) Fredegar saec. YIII. vel IX. in Metz, Neues Arch. YII, 258. 

*) Album pal^ogr. n. 15. 

*) BeiBpielsweise führe ich den Wiener Ck>d. 107 saec. X. des Ja- 
venal an, und aus den von A. Goebel, Sitz.-Ber. XXIX, 39 gesammelten 
Stellen: heumis erU raducimwr statt heu miseri traducimwr. Mit will- 
kürlicher Aendenmg verbunden J^abetur eorum populo statt ab etru- 
aeorum populo im Paulus D. bei Bethmann im Archiv YII, 289. Die 
noch später bleibende Gewohnheit, kleine Präpositionen u. a. Wörter 
nicht von dem folgenden zu trennen, verleitete im cod. Colon. 167 
saec. XII. f. 20 V. in der Passio Andreae statt in Ächaia civü<u zu 
schreiben mcu^inoy worauf dann weiter verbessert wurde civitatis. 



330 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

tionen, und eine neue Abschrift lieferte einen lesbaren Tezt^ 
der aber von dem Original sehr vei^chieden sein kann. Lehr- 
reich für diese Vorgänge ist was Bethmann in Pertz' Archiv 
VJLL, 274 ff. über die Textgeschichte des Paulus Diaconus mit- 
theilt Vorzüglich klar liegt das Verhältnifs bei der Vita Thie- 
monis vor Augen, welche im Anfang des 12. Jahrhunderts sdemlich 
kunstlos geschrieben ist Wir finden den Text im Admunter 
und Heilsbrunner Codex, in beiden aber von zweiter Hand sorg- 
fältig verbessert, und von jedem ist nun wieder eine neue Ab- 
schrift dieses überarbeiteten Textes gemacht, der Niederaltaicher 
und Vorauer Codex, welche schon ziemlich weit auseinander 
gehen. Wären zufallig nur diese beiden erhalten, so würde die 
Kritik sehr schwierig sein. In diesem Falle handelt es sich 
freilich nur um stiUstische Aendemngen, wie sie gerade bei 
Legenden häufig vorkommen, weil sie eben zum Vorlesen be- 
stimmt waren. In solcher Art ist auch die Passio SS. IV 
Coronatorum überarbeitet. Nicht immer aber war man so ge- 
wissenhaft, wie in St GaUen, wo man neben der modernen 
Bearbeitung das Leben des Stifters in einer älteren, doch auch 
nicht in der urspriinglichen Form, unverändert aufbewahrte. 

Schriften aus merowingischer Zeit sind immer überarbeitet» 
weü man die Barbam jener Zeit später nicht mehr ertrug; 
bei Legenden geht die Umgestaltung, die aber nicht mehr den 
Abschreibern anheim fällt, so weit, dafs dadurch ganz fiedsche 
Ansichten über die Zeit der Merowinger herrschend geworden 
sind. Nur zufallig erhaltene gleichzeitige Handschriften geben 
die wahre Gestalt damaliger Werke. ') Bekannt ist, wie Gregor 
von Tours, im Vorgefühl solcher Gefahr, am Schlüsse seiner 
Geschichte dringend bittet sie unverändert zu lassen, wenn sie 
auch grammatischen Anstofs gebe; der Ueberarbeitung ist er 
aber doch nicht entgangen. Diese war in der That unver- 
meidlich, besonders bei den auch noch durch Schreiber ver- 
derbten Handschriften (oben S. 325 f.); ein ausdrückliches Zeugnils 
giebt uns der Schreiber der Vita S. Magni: Hujus glariosi 
pontificis vUa{fn) ego Nicdlaus peccator, sictU in exemplaribus 



*) S. W. Arndt, Kleine Denkmftler aus der Merowingerzeit, Hann. 1874. 



Kritische Behandlung. 331 

intHm, äa aiiquanta emenda/ndo, quia non ex toto potui, omnia 
tarnen eonscripsi. More enim antiquo dictata erant. Quod vos 
ut sapicfdes ex toto emendate. Nodibus vero enim vigüando 
deacripsi, ideoque non vos offendtxt lUerarum informitas,^) 

Bei gewichtigeren Texten erlaubte man sich ein solches 
Verfahren nicht; man sah sich auch im Mittelalter nach 
authentischen Exemplaren um, imd setsste Varianten mit der Be- 
zeichnung ul. an den Rand, oder mit vel über das betreffende 
Wort, machte nicht selten auch ausfuhrlichere Bemerkungen 
darüber.') 

V<»züglich wurde natürlich den heihgen und kirchhchen 
Büchern groise Sorgfalt zugewandt, später auch den juristischen 
Texten. Denn bei den alten Handschriften der Volksrechte ist 
es auffallend und schwer begreifUch, wie viele grobe Fehler 
daiin ohne irgend eine Verbesserung zu finden sind. 

Ein merkwürdiges Beispiel sorgfältiger Kritik gewährt ims 
der Brief) welchen um 820 Grimald und Tatto an ihren Lehrer 
Beginbert nach Beichenau schickten, mit einer Copie der Begel 
St Benedicts nach einer Abschrifl; seines Autographs. Da heifst 
es:^) lila ergo verba quae supradidus pater secundum artem, 
$iciU nonnuUi autumant, in contextum regtUae hujus non in- 
seruit, de aliis regtdis a modemis corredis magistris colleximiis, 
et in campo ^) pagintdae e regione cum ducibus punctis inserere 
curavimus. Alia etiam quae a Benedido didata sunt d in 
neotericis minime inventa, obdo d pundis duobus consignavi- 
mus. Hoc egUnus desiderantes utrumque d secundum tradir 
tionem pii patris diam modemam habere. Eligite vobis quod 
desiderabili placuerii animo. In der Vorrede zum zweiten 

^) Handschrift des ausgehenden 10. oder des 11. Jahrhunderts ital. 
Herkunft, aus welcher W. Arndt Tafel 19 genommen hat; ihm verdanke 
ich die Stelle. Es ist nicht der Magnus von Füfsen. 

*) Vgl. u. a. Traube, Zu Yalerius Maximus, Münch. SB. 1891 S. 387 ff. 

*) B. Pez, Thes. VI, 1, 73. Obeli finden sich im Berliner Ck>d. 
Theol. lat fol. 58. Die Verse welche Erchempert zum Martyrol. des Beda 
zugesetzt hatte, wurden ohdo et thritnano (sie) m capüe praenotati. 
Nach alten Glossarien ist alogus „littera vel nota in libris emendandis*'. 

*) Hier, wie es scheint, der Band, verschieden von den Stellen oben 
S. 185 u. 235. 



332 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Theil von Gregors Sacramentaiium bezeichnet Grimald, was er 
im ersten Theil eingeschoben hat, als virgülis cmte positis ju- 
gülcUa.^) In Sanctgallen beschäftigten sich, wie Ekkehard er- 
zählt,') bei Nacht Notker der Stammler, Tutilo und Balpert 
mit der Collation von Handschriften: permisso quidem prioris, 
in ifUervallo laudum noctumo convenire in scriptoriOj collatio- 
nesque tali horae aptissinMS de scripturis facere. In dem 
alten Catalog steht bei mehreren alten Handschriften vettis et 
fcUsatus.^ Ein geärgerter Corrector schrieb im cod. 6: Dich 
bolfAS fecU tarn sandam epistolam vitio scriptoris depravari,*) 
und ein sehr fehlerhafter Quintilian saec. IX. hat die Unterschrift: 

Tam male scribenti, tarn denique desipienti, 
Absque exemplari frustra cogor medicari.^) 

Cyprian, der Corrector eines Egesipp de hello Judaico 
saec. X., schrieb folgende, mehr gut gemeinte als metrisch 
lobenswerüie Verse: 

Ecce, pater dulds, ut potui tua jussa peregi, 
Plus prompto velle plane quam posse valente, 
Quodque suis sanctis fidens orationibus actum, 
Quodcumque fiierit pladtum in corde receptum, 
5 Omne hie offensum mihi deprecor esse donandum. 
Denique percurrens sine auctoreque retractans, 
Correxi ut valui, distinguendoque notavi. 
Ambigua quaeque virgis signata reliqui, 
Monstrandas [et] causas breviter in limine promsi. 
10 Sit rogo iste labor pladdus, sit corde receptus, 
Sit tuus hie animos gratus, sit semper amoenus, 



1) S. Dümmler, in den Forschungen z. deutschen Greschichte VI, 124. 
Im Prol. Hieron. heilst es: dum atU inktceseere faeü quae rnmus amU 
fuerant awt super fltM quaeque jugtdcU, 

*) Casus S. Galli c. 3, MG. IT, 95. 

*) Weidmann, Geschichte der Stiftsbibliothek 8. 374. 376. Im cod. 
Ambros. 361 inf. saec. XI. yel XII. f. 68 steht Scriptorum culpa fälsaniur 
carmma muUa, 

*•) nd. V. ArXy Berichtigungen S. 30. 

'^) Qnintil. de instit erat ed. Spalding I p. XLVI. Die Handschrift 
ist jetzt in Zürich. 



KritiBdie Behandlung. 333 

üt fiat ethereo satius et mimere plenus, 

Quod promas, Stephane sacer, obtima dindima letus, 

Quodque tuus famulus Cyprianus gaudeat actus. ^) 

Doch passen weder die Sprache, noch auch der Name Cyprian 
und die Anrufung des Stephanus nach St Gallen, und die 
Verse werden wohl mit abgeschrieben sein. Aehnlich ist in 
einer Heilsbronner Handschrift yon Babanus super Numeri 
saec. Xn. mit überschrieben : Hunc librum contulerunt ex prae- 
cepto Bdbani abbatis Lupus et Oerülfus, et in quantum per* 
misit omgustia temporis, pro captu intdligentiae correxerutU.^ 

Zu dem Kreis dieser sorgfältigen Studien gehört auch der 
auf Bischof Salomons Veranlassung 909 geschriebene Psalter 
in drei lat Versionen neben dem griechischen Text, der eben- 
falls mit lat Buchstaben geschrieben ist; das Original war nach 
den einleitenden Versen mit obdis et asteriscis versehen,') und 
ebenso der Psalter der Kaiserin Angilberga: a viro beatissimo 
Hieronimo presb. corredum atque emendatum, distindum ver- 
sibus atque sententiis, cum obelis d ctsieriscisj scribtumque a 
nöbis sub a. 827.^) Seitenstücke dazu sind aus englischen 
Klöstern vorhanden.^) 

Ein Beispiel ahnUcher SorgMt für einen profanen Schrift- 
steller geben die Verse aus einem Cod. saec IX. von St Bi- 
quier :•) 

Claudiani hbrum mihi vestrum mittite quaeso. 
Per quem corrigere nostrum valeam male &lsum. 

^) Cod. S. Galli 626. Scherrer's Yerz. S. 204. 

') Innischer, Erlanger Handschriftencatalog (1852) 30. Dieselbe 
Unterschrift ohne Rabans Kamen im Cod. lat. Monac. 6261 saec. X. aus 
Freising. 

') Dflmmler, Gesch. d. Ostfrink. Reichs (1. Ausg.) II, 681. For- 
schungen VI, 125. Eccl. Gol. codd. p. 3. Ganticum Moysi ed. Hamann 1874. 

«) Dümmler, Gesta Berengarii p. 73 Anm. 2. 

") Unbekannter Herkunft der God. Gus. A 6 saec. IX. (?), welcher 
neben dem lat Text den griechischen in Undalschrift und mit lat Buch- 
staben enthält Fr. X. Kraus im Serap. XXY, 358; Pal. Society I, 128. 
Uebeü den fOr Abt Odo von Toumai 1115 geschriebenen Psalter in 4 Ver- 
sionen L. Delisle, M61. p. 150 — 154. 

^ Poet Lat m, 335. 



334 Weitere Bebandlnng der Sehriftwerke. 

In einer Handschrift des 9. Jahrhunderts mit verschiedenen 
Schriften von Cicero aus St Martin in Tours finden sich 
die Verse: 

De errore emendcUionis. 

Da veniam lector si quid male puncta notabunt 

Yel si mendosum pagina texit opus: 
Non mens prava mihi, sed fallax oftuit error 

Qu^ non sponte subest Qcula mihi culpae. 

Chatelain verbessert virgtUa, culpa mM, aber dunkel bleiben 
dieYerse.^) In einer Handschrift des Flautus aus dem 11. Jahr- 
hundert stehen nach dem Epidicus die mit dem Text abge- 
schriebenen Verse: 

Exemplar mendum tandem me compulit ipsum 
Cunctantem nimium Flautum exemplarier istum, 
Ne graspicus (1. graphicus) mendis proprias idiota repertis 
Adderet et Über hie &Iso patre Msior esset') 

Die sorgfältige und verständige Kritik des 9. Jahrhunderts am 
Justin wird von Rühl gerühmt ') Lupus verwandte grofse Sorg- 
falt auf Herstellung correcter Texte von Cicero, Macrobius, 
Priscian durch Vergleichung mit Handschriftien, die er sich von 
seinen Freunden erbat ^) Frechul^ wie es scheint, widmete einem 
Frankenkönig des Vegetius Bücher von der Kriegskunst: quos 
corrigere curavi sine exemplario, quoniam unum quod reppere- 
ram tantum, vicio scriptorum ita erat depravatum, ut literatura 
nequaquam manere aut itdeUectus inde tdüiter colligi possii.^ 
Aus den zahlreich erhaltenen Briefen des 9. bis 13. Jahr- 
hunderts würden sich noch viele Belege für diese kritischen 
Bestrebungen gewinnen lassen. In einer Handschrift der Werke 



^) Chatelain, Pal^gr. des Glass. XL A. — De Vries, Exerdtatt 
palaeogr. 1889 S. 280. 

») Chatelain IV*. 

') Yerhreitung des Justin im Mittelalter (Diss. Lips. 1871) S. 11. 

*) Lupi Ferrar. epp. 1. 8. 69. M. Hertz, Praef. Prise, p. X. Mar- 
cianuB Capella saec. X. mit Varianten u. obelis, Eocl. Colon, codd. p. 81. 

^) Fr. Haase im Ind. lectt Vrat. hiem. 1860, wiederholt Veget. ed 
Lang p. XXm. 



Kritiscbe Behandlung. 336 

des h. Gregor Ton Nazianz in lateinischer Uebersetzung saec X. 
aus Stavelot steht fi)L 26 in rother Capitalschrift: Usque huc 
eaniuli de codice Sancte Mdame Bome.^) 

!^chof Erchanbald von Stra&borg (965—901) bereicherte 
die Bibliothek seiner Kirche mit Büchern, deren Berichtigung 
er sich angelegen sein liefs; Verse in einem Exemplar der 
Apostelgeschichte und Briefe der Apostel rühmen von ihm: 

üttlis ecclesiae pius Erchanbaldus agiae, 
Inclitus antistes Ubros perlegerat omnes. 
Inter quos istum pariU cum sorte libellum 
Correxit per se studiosi dogmatis arte, 
Falsa catus radens et congrua sensibus addens. 
Hoc Studium factor tenuit virtutis amator.') 

In einem Sacramentar des 10. Jahrhimderts stehen die Verse :^) 

Hoc opus ingenti constat sudore peractum, 
Quod nimio studio scribite posco humilis, 

Perscriptoque peto hoc sepe: requirite fratres, 
Ne vacuus noster sit labor iste pius. 

Septies obnixe perscriptum exquirite posco, 
m nuUum en»i« hinc sinat iste labor. 

Auch Erzbischof Willigis von Mainz (975 — 1011) besorgte 
selbst mit seinen Schülern die Verbesserung der Handschriften: 

Hos praesul summus nee honore minore colendus 
Willisus theca conscribi jussit in ista, 
Ipseque cum propriis emendans cautus alumnis, 
Servido sancti Martini jure perenni 
Tradidit etc.*) 

Von der feinen und vorsichtigen BÜtik Ekkeharts IV von 
St. Gallen giebt Dümmler Nachricht;^) die leichtfertige und 



1) Bibl. de r£cole des Ghartes II, 3, 461. 

*) Grandidier, Oeuvres histor. I, 10 nach Boeder, da die Handschrift 
schon damals verloren war. 

') Delisle, Anciens Sacrament p. 172. 

*) In einem Ang. de dv. dei, Jacobs u. Ukert, Beitrftge II, 82. 

^) In Haupt's Zeitschrift f. deutsches Alterthum XIV, 21. 



336 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

ungeschickte Kritik seiner Vorgänger tadelt Ekkehart, und da 
er für den sehr fehlerhaften Codex von Augustins Briefen kein 
anderes Exemplar hatte, setzte er bei fehlerhaften Stellen, über 
deren Verbesserung er unsicher war, ein r an den Rand.^) 

Von dem Abt Wilhelm von Hirschau erzählt Thrithemius 
z. J. 1070, dafs er zwölf Mönche zum Schreiben bestimmte, 
unter der Aufsicht eines sehr gelehrten Mannes, qui menda ne- 
gligentifAS scribentium emendaret. Ist nun diesem Autor auch 
wenig zu trauen,*) so ist doch sicher bezeugt, dafe Wilhelm 
durch Heimo und Dietger die bibHschen Handschriften durch- 
sehen, imd mit Interpunctionen versehen liefe.') 

Ganz vorzüghch war Lanfranc bemüht, die h. Schriften, 
die Werke der Kirchenväter und die Uturgischen Bücher von 
Fehlem zu säubern, wie Milo in seiner Lebensbeschreibung 
rühmt, imd es haben sich Handschriften erhalten, welche er 
corrigiert hat^) Anselm, der ihm als Lehrer in Le Bec und 
später als Erzbischof von Canterbury nachfolgte, setzte auch 
diese Thätigkeit fort, und demselben Beispiele folgte auch Lan- 
franc's Schüler Williram, der Abt von Ebersberg, der selbst in 
seiner Grabschrift von sich aussagt: Correxi libros. Der Cod. 
Germ. Monac. 10 hat die Unterschrift: 



^) Nicht ein Y, wie 1. c. durch Druckversehen steht; es ist ein r 
oder R mit Abkürznngsstrich, und bedeutet require. Es kommt sehr 
häufig, und auch ausgeschrieben vor. Vgl. Goldbacher in den Wiener SB. 
LXXIY, 276, Scherrer's Verz. S. 62. W. Meyer macht mich darauf auf- 
merksam, daiJs in der Vita Maurilii (Mon. Germ. Auctt ant IV, 2, 84) 
steht: „Raino . . . a. 905 . . . hanc vitam scribere ac requirere jussit 
Archanaldus scripsit et requisivit.^* Es habe da wohl den Sinn: „Er unter- 
suchte die verderbten Stellen und suchte sie durch Vergleichung zu heilen/' 
Vielleicht bedeutet es auch nur, daüs er die Umstände seines Lebens er- 
forscht habe. 

*) Helmsdörfer, Wilh. v. Hirschau S. 47 verwirft die Nachricht. 

') ut ad antiqtUtcUts regidam per distinctioneSf subdistincHanes oe 
pUnas distinctionea emendando perducerent. V. Theogeri c. 9. MG. SS. 
Xn, 451. 

^) Hist lit de la France VU, 117. D'Achery, Lanfiranci Opera p. 252. 
Ravaisson, Rapports p. 259. 



Eritische Behandlimg. 337 

Wilrammo requiem dona deus alme perennem, 
Errantis dextrae mendada qui tulit ex me.^) 

In einer Handschrift aus St Emmeram findet sich der 
Vers Quod prior erravU Script or, tu corrige ledor;^) in einer 
anderen aus Weingart bittet der Schreiber in bescheidenen 
Versen um Entschuldigung (pagina limata mintAS est, sed parcere 
debes) und giebt zugleich eine Erläuterung über den Nutzen 
von comma, colon und punctum,^) 

Unter einem schöngeschriebenen Livius saec. Xu. steht :^) 

littera, dictio, clausula, pagina, puncta, 

Vite (1. Site) laborata per Adulfiim sint tibi grata. 

Der Abt Stephan von Cisterz besorgte 1109 eine kritische 
Ausgabe der Bibel mit Vergleichung vieler Handschriften und 
Zuziehung gelehrter Juden. ^) 

In Cluny schrieb unter Abt Pontius (1109 — 1125) Bruder 
Albert aus Trier eine groise Bibel, welche er ziu* Correctur 
mit dem Bruder Opizo zweimal durchlas und mit Hülfe anderer 
Texte verbesserte.*) 

Die Statuten der verschiedenen Orden trugen Sorge fiü: 
die Oorrectheit und Gleichförmigkeit ihrer kirchlichen Bücher. '') 
In den Statuten der regulierten Chorherren, welche in St Flo- 
rian 1468 eingeführt wurden, ist die Verbesserung fehlerhafter 
Bücher zwei Brüdern aufgetragen, die aber nicht na<;h eigenem 
Ermessen ändern dürfen, sondern correcte Exemplare vergleichen 



*) Bei Schüter m Pnef. ad Willirammi opus. 

*) Neues Archiv X, 410. OÜoh schreibt in seinem Conunentar zum 
52. Fsaim (Bedae Opp. ed. Colon. YIII, 911): ,,Quod si dissonant libri, 
tam grammaticae regula quam lectionis sententia sunt oorrigendi. Hvgus- 
modi enlm dissonantia, sicut imperitia vel incuria scriptorom contigit, ita 
peritia magistrorum corrigenda erif Mitth. v. Dümmler. 

*) Neues Axdiiv IV, 593. 

^) 0. V. Heinemann, Wolfenb. Catal. I p. 30. 

>) Inschrift, Opera S. Bemardi (1719) I p. XII. 

') Bibliotheca Cluniacensis p. 1645. üeber die 1295 nach Ver- 
gleichung mit vielen Exemplaren in Vicogne geschriebene Bibel s. (Martene 
et Durand) Voyage littäraire II. 

^ S. Vogel im Serapeum IV (1843) S. 36 n. 

WattenbRch, SchrlltireMn. 3. Aufl. 22 



338 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

sollen. Omnes enim in corredura librorum magia debent auo- 
tont(Ui quam proprie estimadoni innüi. ^) An den italienischen 
Universitäten waren eigene Ccrredares für die Abschriften der 
recipierten Texte angestellt Auch der englische Bibliomane 
Bichard de Bury nennt c. 16 correctares unter den Leuten, 
welche er beschäftigte. Saümbene erzählt, dafs der Bruder 
Eufiinus, minister Bononiae, seinen Genossen bei sich zurüdc- 
hielt, id carrigeret sibi bibliam suam.^ Einen kritisch ge- 
säuberten Text der Vulgata herzustellen und zu vervielfältigen 
machten sich die Klöster der Windesheimer Begel zur beson- 
deren Aufgabe, und überhaupt achteten die Brüder vom ge- 
meinen Leben sorgfältig auf die Correctheit ihrer Abschrifl»n.') 
Li einer Handschrift saec. XIY., welche Symon für St Florian 
erwarb, steht: et isti tradatus sunt omnes valde correcti per 
eundem Symonem. Li Wahrheit aber sollen sie sehr incor- 
rect sein.*) 

Li ItaUen finden sich formliche notarielle Atteste über die 
Bichtigkeit der Abschrift: bonam essCj und die Ausdrücke in- 
contrata cum authentico, incontratus seil, cum autographo eoU 
laius.^) Das fällt nun schon in das humanistische Gebiet, auf 
welches einzugehen uns hier viel zu weit führen würde. Die 
kritischen Bestrebungen der Humanisten sind ja bekannt genug. 
Ich begnüge mich deshalb, nur die Klage des Colucdo Salu- 
tato um 1370 anzuführen über die grofse Fehlerhaftigkeit der 
Handschriften und die unglückHchen Emendationen der Halb- 

^) Rockinger, Zum baier. Schriffcwesen 8. 193 (II, 27). Aehnlich 
Bchon S. 192 die Gonstitationen von 1402. Gzemy, Bibl. von St Flo- 
rian S. 14. 

s) Chron. p. 160. Was derselbe Salimbene meint, wenn er sagt: 
ffi muUis (ü%%8 chromeis, quae a nobis et scriptae (abgeschrieben, dettt- 
lieh S. 124) et editae et emendatae fuerunt, ist dunkel. A. Dove, 
Doppelchronik von Reggio S. 10. 

') Das Chron. Windeshem. enthält viele Stellen darüber. Ein Lec- 
tionar ist 1405 diircli einen Benedictiner Wemher corrigiert, Mezger, 
Gesch. d. Bibl. in Augsburg S. 65. 

*) Gzemy, Bibl. von St. Florian S. 120. 

") Yalentinelli, Bibl. S. Marci lY, 78 u. sonst Y, 310. Yier Atteste 
ad veram recognitionem unter einem God. Justin, aus Piacenza saec. XIY. 
Hamann im Osterprogr. des Gjmn. Arnold, in Burgsteinfurt 1877. 



Kritische Behandlung. 339 

* 

wisser. Er wünscht deshalb , dafs öfifentliche Bibliotheken er- 
richtet und gelehrte Bibliothekare angestellt werden , mit aus- 
drücklicher Berufung auf die alten Subscriptionen. Ebenso 
erinnert es an diese, wenn unter der Uebersetzung einer Schrift 
von Ludan durch Guarinus steht: ExpUcU CcUumnia die 
17. Apr. 1424 PcUavii per me Äntanium Gh^rceensem dvem 
Brixiensem. IknendcUa demde Montarü a/udiente Oua/rino die 
X hah Mai. 1427.^) So kam denn auch Laurentius Valla 
auf die alte Sitte zurück, ein Normal-Exemplar einer öffent- 
lichen Bibliothek zu übergeben; er gab der prachtvollen Ab- 
schrift seiner uebersetzung des Thucydides, welche Jo. Lam- 
perti de Bodenberg 1452 in Bom für Nicolaus Y verfertigt 
hatte, die selbstbewulste Unterschrift: Hunc Thucydidis codicem^ 
qualis nvXlus ut opinar unquam apud ipsos Grecos vel scri- 
ptiis vel amcUus est magnificentius, idem ego Laurentius jussu 
sanctissimi domini nostri domini Nicolai divina Providentia 
pape Quintiy recognovi cum ipso Joanne, qui cum tarn egregie 
scripsit. Ideoque hec meo chirographo subscripsi^ ut esset hie 
codex mee translaiionis archetypus, unde cetera possent exem- 
plaria emendari.*) Ebenso etwas später der altniederländische 
Uebersetzer von Boeth. de consolatione, welcher ein Exemplar 
in der Bibliothek von St Pharaildis in Gent niederlegte.') 

Mit grofser Entriistung hat der Leser eines nachlässig 
abgeschriebenen Eeisebuches nach dem heiligen Lande, da wo 
eine Zeile ausgelassen ist, an den Band geschrieben: Confun- 
datur scriptor exemplaris!^) Gegen solche Vorwürfe sind 
Coirectoren und Schreiber eifrig bemüht sich zu schützen, und 
schon Asterius, der gegen das Jahr 500 den Yirgil legit et 
emendans distincxit, schreibt: 

Quisque legis, relegas felix, parcasque benigne, 
Si qua minus vacuus praeteriit animus.^) 

1) Zanetti, Latina D. Marc! Bibl. p. 202. 

*) Yahlen, Laorentii Yallae opuscula tria, p. 64. 

') Mölanges Julien Havel S. 665. 

*) W. A. Neumann, Drei alte Pilgerschriften II, 17. Aus der Yiertel- 
jahresschrift f. kath. Theol. YII. 3. Heft (1868). 

^ 0. Jahn, Subcriptionen S. 349. Biese, Anthol. Lat I, 11. üeber 
minus oben S. 322. 

22* 



340 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Im 9. Jahrhundert schreibt der Priester Immo: Fratres 
vos qui legüis in isHs voluminüms, et invenidis ubi opus est 
ad emendandum: non tne maledicatis, sed cum omni diligentia 
emendetiSj et pro me indigno peccatore orare dignemim.^) 
Aehnlich mit schwachem Anlauf zu Versen im cod. S. GaUi 28: 
Brüdens quisquis lector volumen cum legeris istud, Scriptori 
imperito veniam concede deposco, Et eradere quod superest^ et 
non pigritefis aptare quae desunt. In dem schön, aber in- 
correct geschriebenen cod. 143 sind dieselben Worte mit ge- 
ringer Veränderung.') In einer BMia metrata saec. XIV. finden 
wir die Verse: 

O scriptor, rogo te quod perspicias studiose^ 

Ne confundas me, si transscribas viciose, 

üt si pervertasy michi dictanti reputetur, 

Et agito (rogo?) ne stertas: tua dextra beatificetur. 

und am Schlufs: scriptor, relege, transscriptam corrige pleno.') 
In einer anderen Handschrift saec. XV.: Obsecro te qui hunc 
tractatulum scribis aut legis, postquam scripsisti aut hgisti, 
corrige, ne successu temporis dictionum tran^osieione et omis- 
sione vicietur,^) Anderswo:*) 

In quibus erravit scriptor, veniam sibi poscit, 
Nam festina manus viciis obnoxia constat 

Im 15. Jahrhundert ist ein Vers verbreitet: 

Qui leget emendat, scriptorem non reprehendat 

Den grammatischen Fehler darf man des Heimes wegen nicht 
verbessern.^ Nicht besser ist der Vers in einer Leipziger 
Handschrift: ^) 

Si erravit scriptor, debes corrigere, lector. 

*) Pez Thes. L Dias. p. XXXIX. 

') Scherrer's Yerzeichnils S. 15 u. 54. 

") Cod. Magdeb. 238. Progr. von 1880 S. 85. 

*) Cod. 195, 4. Ib. p. 56. Vgl. auch cod. 196, 3, S. 57. 

») Anz. f. D. Vorzeit XXm, 2a5. 

*) C. F. Hermann, Catal. codd. Marbui^g. II, 38. Scherrer's Verz. 
S. 354. 

^) Naumann, Catal. bibl. Lips. p. 34. Besser im cod. Magd. 129, 6 
saec. XV.: Quo manus erravit scriptoris, corrige lector. Progr. S. 13. 



£[riti8che Behflndlnng. 341 

Ausführlicher spricht sich der Copist eines liber dedina- 
iianum saec XY. ans, nachdem er seiner Ereude über die 
vollendete Arbeit Luft gemacht: 

Hie hant die regel ein end, 
Das uns Got sin gnad send. 
Johannes monachus de bolla etc. 
Ach Got, wo fix)w ich was, 
Do ich schreib Deo gradas. 
Ezphdt strosak 
Do der scriber selber ufflag. 

„Die ersten zwo regeln an disem büchlin sind corrigiert, 
und als ich meyn recht Aber das dritte das ethch nennent 
die glose, ist vast bresthafit unde mifssetzt geschribe nach eim 
alten büchel u. s. w. Davon mich nit wenig bekümert, das 
nachfolgen myner torheit mit abschribung soUcher neirischer 
lügenhafiter dingen, um Götz willen lant difs blat fiirbas un- 
vertUgt, unverkleibt unde unvemeiget, anders ist difs büchlyn 
unde sin glichen sicher mer schand dan ere, sider es ye etwan 
eim gelerten zu henden kümt^'^) 

TCin Abschreiber von Berengarii Tusculanensis Summa 
sagt 1457:') „peto quemcumque legentem, si ahqua invenerit 
non ad intellectum scripta, ut corrigenda corrigat quod agitanter 
(sie) collegi ex incorrecto exemplari, e^ übt invenüur punctus 
in fnargine, oriebaiu/r mihi dubiumJ^ unter einem Tractat von 
Gterson steht: Corrigatur hie tractaius amarose, quia scripius 
ex incorrectissimo exemplari^) Und 1460 in Huy:^) si quid 
minus perfecte scriptum vel incorredum reppererint, amore Bei 
corrigcMi et emendewt, Quia si qui defectus sint, hoc fuü 
parvitas ingenii mei <ic etiam culpa exemplariSy et etiam quia 
tempus mihi non vacavü ad corrigendum. Sehr oft begegnen 
uns bei den Humanisten Klagen über ihre mangelhaften Vor- 
lagen; so bei Chalddii expositio in Timaeum: Excusetur scrip- 



>) Trflbner's Anetionscatalog 1886 S. 27. 

*) 6. Schmidt, Halbem OBterprognunm 1878 S. 13, cod. 14. 

*) Magdeb. Frogr. S. 86. 

«) Anz. f. D. Vorzeit XXTTT, 233. 



342 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

tar, si in locis qi4amplurimis Über iste earruptus invenietur. 
Sumsit enim ab exemplariy cujus summa emendatio erat esse 
corruptissimum (Zanetti 185). Aehnlich entschuldigt sich der 
Abschreiber des Anon. Magliab. in Königsberg mit den Fehlem 
seines Exemplares: ipsum siquidem mendosissimum et omni bar- 
barie referdum, wdgarique ac vemaculo stüo construdum 
existii, Hippolytus celer^ veritatis älumnus promissique exe- 
quentissimus observaior, tranquüle exscripsit.^) Bessaiion gab 
1445 einigen Schriften des Aristoteles selbst diese Entschuldi- 
gung mit: *7<jTCö avar/ivoicxmv x6 xoqov ßißXlov yB^ga^eu 
(ilv cbto JtQmxoxvnov iag>aX(iivov , xavTevü-ev xX^geg äfioQ- 
tiwv elvai, ^fie {liwoi, ov dvakd/iati YiyQajttaij ötpoöga 
kjci&vfiovvt avto xxTjOacO'aLy xal fifj aXkc^g övvdfievov, IXicd'CU 
(läXXov avTo ojtcoöovv Cx'^lv, xal fierd roöotrcöv ög)aX(iara)v, 
fj iirj66Xa>g rov Jto&ovfiivov tvxstv,^ 

Dafs Correcturen auch für Geld besorgt wurden, zeigt die 
Berechnung vom J. 1462: Precium Hluminacionis sive rübri- 
ca^cionis, pumicacionis, formacionis, corredionis et ligature nan 
est taxatum,^) Handschriften mit Varianten aus anderen Exem- 
plaren kommen hin und wieder vor. In einem Priscian saec. 
IX. wird ein Über vetustus oder alter angeführt*) In Erlangen 
ist ein Isidorus EtymoU. saec. XII. mit der Bemerkung: Que 
minio scripta sunt, in emendatiari exemplo non invenimus.^) 
Ein Inventar der Olmützer Domkirche von 1435 verzeichnet 
ein digestum vetus cum diver sa scriptura,^) Im 15. Jahrhun- 
dert werden diux3h die humanistischen Studien solche FäUe 



*) Altpreulsische Monatsschrift YIII, 566. Ueber die fehlerhaften 
Allegata in seiner Vorlage klagt 1441 der Schreiber des Sachs. Lehnrechts 
bei Homeyer n. 646. 

*) Graeca D. Marci Bibl. p. 116. 

•) Anz. f. Kunde D. Vorzeit XXIII, 234. 

*) Ck>d. Paris. 7946, s. die Angaben in Prise, ed. M. Hertz I p. X 
n. 42. Dazu noch die Angabe des gleichzeitigen Emendator (r) in oltts 
deprecatori, in der v. 1. zum 18. Budi § 113 mit dem bemerkenswerthen 
Plural. 

•) A. F. Pfeiffer, Beiträge S. 33. 

•) Notizenblatt der Wiener Akad. 1862 S. 170. 



Kritische Behandlung. 343 

schon häufiger.^) Der Text hieis littera^ z. B. credo wtio scrip- 
toris vitiata est lütera,^ 

Band- und Interlinearglossen zur Erklärung erwähnt 
schon Tertulliany') Inhaltsangaben am Rande Hieronymus ep. 
LVll, 2 (Opp. I, 306): Feci quod voluü, accüoque notario ra- 
ptim cderiterque didavi; ex lixtere in pagina breviter adnotans, 
quem intrinsecus sensum singüla capüa continerent. In der 
oben S. 320 erwähnten Subscription des Cod. Marchalianus ist 
die Unterschrift des Cod. Apollinarii abbatis angeführt: Mbtb- 
Xijq>^ dxo rtöp xavä rag ixöoösig i^axXmv xal öiOQ^-cidTj 
cbto rc9V iiQiyivovq avrov retQoxXfDv, ativa xal avrov x^V^ 
öiOQ&ano xal iöxoXioyQa^pijTO' od-BV Evaißiog lyco rä oxoXia 
xofidfpca. ndiig>iXog xal Evöißiog öioQ&döaPto, Von Cas- 
siodor's Thätigkeit in dieser Sichtung ist schon S. 323 die 
Bede gewesen; er erwähnt Instit c. 3 p. 511 die annotatianes 
des Hieronjrmus aus den Propheten, welche er in annotaio eo^ 
dice seinen Mönchen übergeben hat In quo botryonum for- 
mtdae ex ^sis annUaiionibus competenter apposüae sunt, quor 
tmu8 vinea domini coelesti ubertate campleta suavissimos fructus 
intulisse videatur. So mulste hier also auch die Form der 
Bandglossen, wie man sie wohl von verschiedenfarbigen Linien 
umzogen in alten Handschriften sieht, symbolischer Ausdeutung 
dienen. In der ürbinatischen Bibliothek war Testamentum Ve- 
tu8 hebraica et caldaiea lingua, opus mirabüe et integrum cum 
glossis mirabüiter scriptis in modum avium, arhorum et ani- 
maiiumy in maximo volumine, ut vix a tribus hominibus feror- 
tur,^) In einem Codex aus Gorze fügen sich die Yerweisungs- 
buchstaben zusammen zu Worten zu Ehren des h. Gorgonius.^) 

') Eigenthümlich ist die Unterschrift des Cod. Erford. qn. 61 saec. 
XV. der Uebersetznng von Flatons Menon: finit Mennon inemendatus. 
Tai. Rose im Hermes 1866 S. 386. 

*) Hamann 1. 1. (S. 338) p. VIU. 

') Adv. Yalentinianos c 6, wo er von den fremdartigen Namen der- 
selben sagt, er werde sie Griechisch setzen: ngnificantiae per pagmarum 
UwUtes (ideruntf nee Latinia quidem deerunt Graeea^ std in lineis desuper 
notabuntttr. Beide Stellen führt F. J. Mono, Lat Messen S. 162 an. 

*) C. Paoli, Progr. scol. ü, 94. 

*) Neues Archiv IX, 201. 



I 
J 



344 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

An Karl den KaMen schrieb Anastasias über die Werke des 
Dionysius Ariopagita, dafs er über den Sinn vieler Stellen 
zweifelhaft gewesen sei, bis er in Constantinopel paratheses sive 
scholia in eum gefunden habe, die er nun übersetzt auch dem 
lateinischen Texte respandentHms signis beifugt und nach ihren 
Urhebern unterscheidet^) 

Von dem Prior Albert von Oberaltaich, nach 1250, wird 
gerühmt, dals er von irdischen Dingen nichts besab nisi pennas 
et indutustum propter carrectianem librorum et glossationem, 
in qu^ms st4btilis8imus erat.') Viele Handschriften der Stifts* 
bibliothek zeugen davon. 

Schon einige der ältesten Handschriflien, welche wir be- 
sitzen, sind mit Schollen am Rande versehen, und aus dem 
Mittelalter sind dergleichen in grofser Zahl vorhanden; oft 
umgeben umfEingreiche Commentare den Text. lieber die da- 
bei angewandte rothe Farbe s. oben S. 246; im cod. Colon. 
166 s. yn. sind die Textworte in Capitalschrift^ was der Schrei- 
ber aber bald müde wurde.') 

In manchen kirchlichen Handschrifken sind Beihen von 
Namen auf den Bändern eingetragen, um sie der Fürbitte zu 
empfehlen.^) 

2. Malerei. 

Von der Anwendung der rothe n Farbe zur Bezeichnung 
der Bubriken, welche davon ihren Namen haben, war schon 
vorher S. 244 S. die Bede. Da die Schreiber auf alten Ab- 



üsserii epistolanun Hihemicanun sylloge p. 63 ed. a. 1696. 

•) Vita bei B. Pez, Thes. I, 3, 542. 

") Eccl. Colon, codd. p. 67. Aehnlich in W. Amdt's Schrifttafeln 
T. 5. Merkwürdig ist die Zumuthung, welche Guibert von Tonmai in 
seiner für Lud¥rig IX 1259 geschriebenen Eniditio regom et prindpum 
dem Leser macht, selbst die Inhaltsangaben zu schreiben: ut super- 
Imearea tttuloa in prindpio libri appenant, ut ea gue continenttMr in eo 
et in sequentibus scribw/Uur capüiUis, evidenciua videant et agnosccmt, 
Paul Meyer, Documents manuscrits de Tancienne Litt^rature de la France 
(Paris 1871 aus den Archives des Missions) I, 104. 

*) Wattenbach, Geschichtsquellen (6. A.) I, 64. Vgl. auch L. Delisle, 
Anc. Sacramentaires, passim. 



Malerei. 345 

bildungen oft zwei Tintenhörner oder Näpfe vor sich haben, 
scheinen sie die Titelzeilen, ersten Zeilen der Bücher und 
Unterschriften gleich selbst roth geschrieben zu haben. Offen- 
bar war es eine Anweisung für den Schreiber rothe Farbe zu 
nehmen, wenn in dem sehr alten Codex des Sedulius in Turin 
zweimal vor Ueberschriften das Wort ROBEO steht. ^) Aehn- 
lich steht in einer jüngeren Abschrift des Yegez in Monte 
Cassino die bekannte, nur am Schluls entstellte Unterschrift: 
Flavius Eutrcpiits emendavi sine exemplario Constantinopolim, 
Consulatu Valentiniani. Secundi, Rübrica.^ Noch Alexander 
Neckam verordnet dem Schreiber: Habeat etiam minium (ver- 
miUiun) ad formandcks lUteras ruheas (ruges) vel puniceas 
(idem) sive capäales (capüaas). Habeat et fuscum (nigrum) 
ptdverem, vd aewram (oBure) a Salamone reperfam.^) Dem 
entsprechend hat auch frater MeUhyas minor didtts Stamler, 
der sich in der ersten Initiale eines schönen Missale saec. XIV. 
abgebildet hat, zugleich geschrieben und gemalt, denn bald 
deckt die Schrift die Farbe, und bald ist es umgekehrt,^) und 
ähnUche Kunstfertigkeit wird auch von anderen Schreibern ge- 
rühmt, aber die Begel war es nicht. 

Bei den Lateinern, wo die Anwendung der rothen Farbe 
weit ausgedehnter war als bei den Griechen und sehr ge- 
wöhnlich jeder Anüangsbuchstabe eines Abschnitts und viele 
andere dazu durch rothe Striche ausgezeichnet wurden, fiel 
diese Aufgabe gewöhnUch nicht dem Schreiber zu, und ist sehr 
häufig gar nicht zur Ausfährung gekommen. Oft fehlen des- 
halb die Initialen und Ueberschriften ganz, nicht selten aber 
sind sie auch ganz klein vorgezeichnet; bei den Ueberschriften 
war das wohl immer der Fall, aber oft am äufsersten Bande, 
wo sie beim Einband abgeschnitten sind. Sonst können sie, 
auch wo die Bubricierung erfolgt ist, zur Berichtigung der 



^) Am. Peyron de bibl. Bob. p. 215. Nach M. Hertz, Neue Jahrbb. 
f. Philol. 1878, 254 eriimemd an das lat Wort ropio für minium. 

*) Garavita II, 290; vgl. 0. Jahn 1. c. p. 344. 

') Wright, Yocabularies S. 117. 

«) A. V. Eye im Anz. d. Genn. Mus. XIII (1866) 132 mit Abbildung. 



346 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

vielen Fehler des Bubricator dienen.^) Wie viel später zu- 
weilen die Rubricierung erfolgte, zeigt ein Lorscher Codex 
saec. X. von Gregor's Moralia in Job mit der Unterschrift: Qui 
non est diligens et Studiosus lector, in isto libro nichü proficit. 
a. d. 1396 rubricatus est textus Job.^) 

Vom 10. Jahrhundert an wird das Both viel lebhafter, 
und ist in der Begel von groüser Schönheit Nach einem Be- 
cept vom Ende des Mittelalters ad ruhricam soll Zinnober mit 
Wasser gerieben, und mit Eiweifs und etwas Qelh vom Ei an- 
gemacht werden. Etwas verschieden ist die Bubrica ad florisan^ 
dum: * Wildu machen ain Bübrick dy Main aus der federn 
get gu floriren, so reib den cinnober auf ainem stain etc^ 
Von den Assisen von Jerusalem sagt Jean d'Ibelin:^) les queles 
assises, usages et costumes estoient escrUeSj chascune par soiy 
de grant letres tomees, et la premiere letre dou comencement 
estoit erUuminee d'or, et totes les rubriaihes estoient escrites 
chascune 'par soi, vermeüles. Eine genaue Unterscheidung 
dieser und anderer Ausdrücke ist wohl in den Beceptbüchem, 
aber nicht im gewöhnlichen Gebrauch gemacht (vgl. oben 
S. 249); in griechischen Handschriftien läfst sich eine nicht so 
dick aufgetragene, mehr kirschrothe Farbe in den Verzierungen 
am Eingang der Bücher unterscheiden.'^) 

Der allgemeine Ausdruck ist minium, wie schon die oben 
angeführte Stelle aus AI. Neckam mit der Glosse vermüliun 
zeigt**) Aus den rothen oder durch rothe Striche ausgezeich- 
neten Buchstaben hat sich ein ganzer reicher Kunstzweig ent- 



1) Z. B. in dem Heidelb. Cod. Sal. IX, 29 in dem Bericht Aber das 
Heilige Land. Am Rande bei unfertigen Initialen pinge^ Nenes Archiv 
VI, 226. 

«) Reifferscheid in den Sitz.-Ber. d. Wiener Ak. LVI, 519. 

') Ans dem liber ülumimstarum , Cod. germ. Mon. 821 fol. 25 v., 
mitgetheilt von meinem verst Freund F. E. Roeüsler. Jetzt vollstftndig 
bei Rockinger S. 37. 

*) Les Assises de Jerusalem, par le Gomte Beugnot (1841) I, 26. 

^) Die schönen alten griechisdien Minuskelhandschrifien der Heidel- 
berger Bibliothek sind ganz ohne Roth. 

^) Eigentlich vermictUus oder vermiculum von der EermeBeiche, wo- 
von Lieferungen im Polypticum Remigianum vorkommen, die aber wohl 



Malerei. 347 

wickelt, den man deshalb miniare nannte. So sagt Salimbene 
ad a. 1247 p. 64 von Bruder Heiniich dem Pisaner: sdehai 
scriberej miniare^ quod aliqui üluminare dicunt, pro eo quod 
ex minio liber iMummatur^ notare, catUt^ pulcherrimos et de- 
ledabües invenirey tarn modülatos, id est frados, quam firmos. 
In dem oft erwähnten Inyentar der Bobienser BibUothek von 
1461 wild häufig minium für verzierte Initialen gebraucht; so 
bei einem Psalter S. 60: primo nUnio psalmi cujiislibet nodumi 
minicUo ad penndlum deaurato. An die rothe Farbe ist da- 
bei nicht mehr gedacht, und in dem Formular der päbstlichen 
S[anzlei, welches L^op. Dehsle mitgeteilt hat,^) heifsen littere 
miniate die verzierten Buchstaben der päbstlichen Privilegien, 
bei welchen gerade weder Both noch sonst eine Farbe ange- 
wandt werden durfte.^ 

In den Cölner Schreinbtichem findet sich 1267 eine Ttda 
vidua rübecUriXf dann mehrere r ödere, was die Uebersetzung 
von rubeator ist, 1374 Gerhardus der Roydmeilre.^) Daneben 
1301 und 1332 iUumituUoreSj was vielleicht doch noch unter- 
schieden wurde. In Hamburg erscheint um 1260 ein miniaior 
als bürgerliches Gewerbe.^) Bei den Brüdern vom gemeinen 
Leben wurde kein unterschied gemacht, denn in ihrer Regel 
heifst es c. 13 de Ruhricatore: Deputetur unus frater pro Ru- 
bricatura et Floratura, qui habeat laetmum et alios colores 



hauptsächlich zum FSrben bestimmt waren. Yarin, Archives administratiTes 
de la ville de Reims I, 336. Vgl. Du Gange s. v. 

>) Bibl. de l£cole des Ghartes 4. s^rie IV, 73. 

*) So sagt auch Godemann in dem Benedictionale des B. Ethelwold 
(Archaeologia XXIV) : Gompletos quoque agalmatibus variis decoratis Multi- 
genis minus pulchris. 

") Merlo, die Meister der altköln. Malerschule (1852) S. 186—190. 
Die Fraterherren geriethen darüber in Streit mit der Stadt, Ennen, Gesch. 
d. Stadt Köln I, 759. 

*) Lappenberg in der Zeitschrift des Vereins f. Hamb. Gesch. (1864) 
N. F. II, 275. Nach Libri in seinem Auctionskatalog (1859) S. 100 steht 
unter einem ital. Cod. saec. XTV.: OrcUe pro scriptorCf und dazu gesetzt: 
et pro Aminiatore, wofür es nahe liegt zu lesen pro Ä. mmiatore. Statt 
wmiaior steht mwwiM in einem Briefe des Leonardo Dati (Epp. Flor. 
1743 p. 11) von 1443, angeführt von Ebert S. 113. 



348 Weitere Behandlmig der Schriftwerke. 

pro suo officio necessarios: aurecis tarnen lüteras absqtie speciäli 
licentia non faciat. Scripturarii diredionibus in iUuminandis 
libris sibi per eum traditis obtemperäbü. Es gab aber auch 
bei ihnen keine eigentliche Miniatunnalerei, welche sich doch 
im Laufe der Zeit von der, wenn anch noch so kunstreichen 
Verzierung der rothen und blauen Initialen gesondert hat XJeber 
den Maler sagt Paulirinus in seinem S. 120 angeführten über 
artium S. 148: lUumincUor esi artifex ponens colores super 
Itbros, cujt^ officium est, sdre bene capütdia varia facere et 
flores protrahere et aurum et argentum sdre libris stabUUer 
imprimere et fulgide et ymagines et picturas sdre pertinen- 
tissime capitalibus infigere et habere (debet) pin0eUos, penncts 
bonas et colores bene effecatos etc. 

Der Prior Burchard von Michelsberg im Anfang des 
12. Jahrhimderts, wo dort sehr eifrig und fleifsig geschrieben 
wurde, sagt von dem alten Markward: qui etsi libros multos 
non scripsit, ab aliis tarnen scriptos capitalibu s Utteris exomavit. ^) 

Die Ausstattung der Bücher mit wirkhchen Gemälden, und 
die Geschichte der darin bewiesenen Kunst gehört weniger zu 
unserer Aufgabe, als in die Kunstgeschichte; ich muCs mich da 
begnügen, für eine eingehende Behandlung des Gegenstandes 
zu verweisen auf Seroux d'Agincourt, Histoire de VArt par 
les Monumens, Vol. V, die Paleographie universelle von Sil- 
vestre, Ferd. Denis, Eist, de Vornamenta^ion des Manuscriis 
(Paris 1858, 8), Les Manuscrits ä miniatures de la Bibliotheque 
de Laon, par M. Tabbö Corblet (1864, 8), Jules Labarte, 
Histoire des Arts industriels au Moyen Age, Tome 3* (Paris 
1865), Lecoy de la Marche^Zr^s Manuscrüs et la Miniature 
(1884), A. Molinier mit demselben Titel 1892, lUuminated 
Ornaments selected from Manuscripts and early printed books, 
from the 6^ to the 17^^ centuries; drawn and engraved by 
Henry Shaw with descriptions by Fred, Madden (London 
1833, 4), Shaw's Numerais and devices 1845 u. Handbook 
of Mediaeval Alphabets and Devices 1856, Noel Humphreys, 
The iUuminated books of the Middle Ages (London 1849, f.), 



*) Holder-Egger, N. Archiv XXI, 162. 



Malerei. 349 

Weßtwood, JPälaeographia Sacra PMoria (London 1843), 
besonders auch W. de Gray Birch and Jenner: Early dra- 
mngs and iUuminatians. An introduction to the study of ülu- 
minated manttöcrij^s. Wüh a didionary of subjeds in the 
BrUish Museum, London 1879. Vorzüglich fiir die Geschichte 
der Initialen und der Ornamentik in lateinischen Handschriften 
lehrreich ist das schön ausgestattete Werk: The Art of HIu- 
minating €is pradised in Europe from the earliest times, Blu- 
strated by Borders, Liitial letters and Alphabets, selected and 
chromohthographed bei W. R Tym ms, with an Essay and 
Instructions by Digby Wyatt, Architect, London 1860, 4. 
Im gröfsten Malisstab angelegt ist das Prachtwerk des Grafen 
Bastard: Peintures d Omemens des ManuscritSy dasses dans 
un ordre chronologique pour servir ä Vhistoire des arts du 
dessin depuis le 4? siede jusqu*ä la fin du 16*. Leider aber 
ist dieses im gröfsten Format erschienene Werk unvoUendet 
geblieben; 20 Lieferungen zu 8 Tafeln, jede 1800 Fcs. kostend, 
sind ausgegeben, ohne Text und ohne irgend ein System. Von 
der Fracht und Mannigfaltigkeit karolingischer Kalligraphie 
giebt nur dieses Werk eine genügende Vorstellung; die späte- 
ren Lieferungen enthalten merkwüixüge Proben aus merowingi- 
sehen, westgothischen, lombardischen, südfranzösischen Manu- 
scripten. Jetzt endlich hat die Abhandlung von Delisle im 
43. Band der Bibl. de l'j^cole des Chartes die Möglichkeit ge- 
währt, den Inhalt zu überblicken und auch mit bestimmten 
Zahlen zu dtieren.^) In den Zusammenhang der Kunstge- 
geschichte eingefügt ist dieser Gegenstand in umfassender Weise 
zuerst durch F. Waagen in seinen verschiedenen Werken; 
dann durch A. Weltmann, Geschichte der Malerei I (1879), 
durch H. Janitschek, Geschichte der deutschen Malerei (1886). 
Es ist seitdem eine so grofse Menge von einzelnen Untersu- 
chungen und Forschungen und von Publicationen einzelner Minia- 



>) Vgl. auch Delisle, Les CollectioiiB de Bastard d'Estang (1885). 
L'oeavTe pal. et arch. du Comte etc. p. 225—283. Wattenbach, Das pal. 
Frachtwerk des Grafen Bastard, im N. Archiv Vm, 449^472. Einige 
Werke fiber ital. Miniaturen sind angefahrt von G. Paoli, Progr. scol. 
n, 105. 



350 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

turen und ganzer Gruppen erfolgt, daXs ich darauf verzichten 
mufs, sie anzuführen; ich nenne nur wegen der schönen Ab- 
bildungen und des umfassenden Gesichtskreises L. v. Kobell 
(Frau y. Eisenhart): Kunstvolle Miniaturen und Initialen aus 
Ebs. des 4. — 16. Jahrhunderts mit besonderer Berücksichtigung 
der in der Hof- und StaatsbibUothek in München befindlichen 
Manuscripte (München, Albert, 2. A. 1892). 

üeber die griechischen Miniaturen ist das EEauptwerk 
von Bordier: Description des peintures et autres omements 
contenus dans les manuscrits grecs de la Büi. Not. (Paris, 
Champion 1883.)^) Auch das mit schönen Photographien aus- 
gestattete Werk von Stephan B eis sei: Vat, Miniaturen (1893) 
verdient für beide Sprachen Berücksichtigung. 

Das älteste bekannte griechische Werk mit (sehr elenden) 
Blustrationen ist die oben S. 157 erwähnte Ev66§ov x^fi mit 
astronomischen Zeichnungen, welche jedoch nur zur Erläuterung 
des Textes, nicht zur Zierde dienen sollen. Griechische Schul- 
bücher mit erläuternden Abbildungen hat 0. Jahn nachge- 
wiesen,') erhalten aber haben sich keine. Die ältesten wirk- 
hchen Gemälde enthalten die Ambrosianischen Fragmente der 
Ilias, 58 Bilder mit den auf der Rückseite stehenden Versen 
in schönster üncialschrift; es sind die B^ste eines Quartbandes, 
aus welchem die Bilder ausgeschnitten sind. Diese enthalten 
figurenreiche Compositionen, und stehen wohl von allen erhalte- 
nen der guten antiken Kunst am nächsten; eine möglichst ge- 
treue Publication in Farben wäre gewüs von diesem kostbaren 
Denkmal des Alterthtmis ganz besonders erwünscht und ange- 
messen.') Einstweilen hat A. Mai sich ein grofses Verdienst 
erworben durch das Kupferwerk: Iliadis fragmenta antiquissima 
cum picturis, Mediolani 1819 in folio. Einige photographische 
Nachbildungen verdanken wir jetzt der Palaeographical Society. 

*) Zu berichtigen ist die Verkennung des Mythus von der Geburt 
der Venus, S. 272. 

*) Ueber griechische Bilderchroniken S. 91 ff. 

') Sie wird bis jetzt noch durch die Schwierigkeit der Ausführung 
verzögert. Copien nach Originalen des 3. oder 4. Jahrhunderts glaubt 
Fr. Lenormant in dem Pariser Nicander zu erkennen, Gazette Archäol. 
1875 pl. 18. 32. 1876 pl. 11. 24. 



Malerei. 351 

Etwa dem 5. Jahrhundert gehört die (lat.) Genesis Cotto- 
niana an^ leider durch Feuer beschädigt und ganz zusammen- 
geschrumpft. Der Charakter der Kunst ist noch ganz antik; 
Heiligenscheine und Goldlichter zeigen die ersten Antänge 
byzantinischer Manier.^) Etwas jünger ist die mit Gold und 
Silber auf Purpur geschriebene Wiener Genesis, von welcher 
24 ausgeschnittene Blätter mit 48 Bildern, von geringerem 
Kunstwerth sich erhalten haben.') Minder kostbar ausgestattet, 
aber vielleicht von noch höherem Alter und Kunstwerth, sind 
die leider sehr schadhaften Quedlinburger Fragmente der Itala, 
über welche W. Schum berichtet hat*) Als überaus werthvoll 
werden die ganz in antiker Weise gemalten Bilder der Frag- 
mente des Fentateuches gerühmt, welche aus Saint-Gatien-de- 
Tours stammen, und von Idbri gestohlen, an Lord Ashbumham 
gekommen, dann wieder erworben sind>) Wohl aus dem 
6. Jahrhundert stammt der von 0. v. Gebhardt imd Ad. Hamack 
entdeckte griechische Cod. Kossanensis mit seixier reichen 
bildlichen Ausstattung.^) 

[Jnter den verschiedenen Handschriften des Dioscorides 
mit Abbildungen der Pflanzen zeichnet sich vorzüglich das 



^) Proben bei Westwood, Early Greek ManuBcripts. Aeltere mangel- 
hafte Abbildungen in der Collatio Codicis Gott facta a Jo. Em. Grabe, 
edita a Henr. Owen, Lond. 1778. Vgl. Waagen, Treasnres of Art in Great 
Britain I, 97. 

') Ein Bild in Farben bei Labarte, Album 11, 77. Einige Nachbil- 
dungen bei Dibdin, A bibliographical tour III, 457 ff., mangelhaft bei 
Seroux d'Agincourt. Beschreibung bei Waagen, Kunstdenkmäler in Wien 
II, 5—8. Facs. Ausg. y. Hartel u. Wickhoff, Beil. zu Bd. 15 u. 16 d. 
Jahrbuchs d. kais. Eunstsamml. 1895 (Die Wiener Genesis). 

') Ausgabe von G. A. v. Mülverstedt in der Zeitschrift des Harz- 
vereins IV (1874) 251—263. Schum in d. Theol. Studien u. Kritiken 1876. 
Sehr bemerkenswerth sind die Anweisungen für den Maler in ältester 
Cursive. 

«) Bibl. de Vtcole des Ghartes 1868 S. 610. Pal. Soc. I, 234 u. 235. 
Delisle, Catal. des fonds Libri et Barrois (1888) S. 1 — 3 pl. IV, 1—3. 
Au9g. der Miniaturen (engl.) von 0. y. Gebhardt 1883. 

^ Cod. Rossanensis. Seine Entdeckung, sein wissenschaftl. u. künstl. 
Werth dargestellt von G. u. H. Leipz. 1880, mit Wiedergabe der Bilder 
in Umrissen. 



352 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Wiener Exemplar aus, welches am Anfang des 6. Jahrhunderts 
für die Anicia Juliana geschrieben und prächtig ausgestattet 
ist*) Von vorzüglicher Schönheit, und wohl das älteste Bei- 
spiel einer reich ornamentierten Handschrift, sind die beiden 
Blätter mit den Canones des Eusebius auf Gh)ldgrund im Brit 
Museum.*) 

Unter Justinian tritt nach Waagen eine Aenderung ein; 
die Figuren werden zu lang und mager, die Gewandung ärm- 
Uch, mit langen parallelen Falten oder überladen mit Schmuck 
und Juwelen. Die Farben werden hart und schwer, Gold sehr 
viel zu Hülfe genommen, und die Naturwalirheit vernachlässigt 
Orientalischer Einflufs beginnt sehr fühlbar zu werden; ohne 
Zweifel haben im 8. Jahrhundert die durch die bilderstürmen- 
den Kaiser veranlafsten Kämpfe einen tief eingreifenden schäd- 
lichen Einflufs auf die Kunstthätigkeit gehabt Die oben S. 164 
erwähnte Bolle mit den Kriegen des Josua zeigt sehr gute 
Compositionen nach überUeferten Vorbildern bei mangelhafter 
Ausführung. Doch giebt es noch manche jüngere Handschrift, 
welche prachtvoll und in der eigenthümlich byzantinischen 
Technik nicht ohne Geschick ausgestattet ist, wie der für den 
Kaiser Basilius (867 — 886) noch in Capitalschrift geschriebene 
und mit Bildern reich geschmückte Gregor von Nazianz,^ und 
das für BasiUus ü*) in Gold geschriebene Menologium mit 
430 Bildern auf Goldgrund.^) Allein diese Miniaturen liegen 

^) Beschreibung von Ghoulant in Naumann u. WeigePs Archiv, f. 
d. zeichnenden Künste I, 56. Waagen 1. c. II, 8—10. Auijser den Ab- 
bildungen bei Lambecius II und Seroux d'Ag. die Juliana in Farben bei 
Labarte II, 78; die Aerzte in: Les arts somptuaires, Paris 1857, T. L 
Vgl. auch B. Stark, Nach dem griech. Orient ^1874) S. 41. 

') Add. 5111, abgebildet bei Shaw, Illum. Orn. pl. 1—4; theil weise 
bei Tymms and Wyatt pl. 2, cf. pag. 10. Waagen setzt sie ins 9., Sir 
Fred. Madden ins 6. Jahrhundert. So auch Thompson im Gatal. pl. XI. 

') Cod. Beg. 1809, jetzt 510, s. Waagen, Kunstwerke in Paris S. 202. 
Ausfuhrliche Beschreibung bei Bordier. Omont, Facs. des plus anciens mss. 
pl. 11. 12. 

*) Fast unzweifelhaft Basilius H, 976—1025. 

») Cod. Vat 1613, ed. ürbini 1727 in 3 Folianten; vgl. Labarte m, 
59—62. Chromolith. bei Pitra, im Omaggio giubbilare 1868. BeisseFs Vat. 
Min. tab. XVI. 



Malerei. 353 

unserer Aufgabe fem; bei Montfaucon, Westwood, Labarte, 
Bordier ist darüber mehr zu finden; sie stehen nicht in un» 
mittelbarer Verbindung mit dem Text Am Anfang pflegen 
griechische Manuscripte mit einem quer über die Seite gehen- 
den Ornament verziert zu sein. Von Initialen, aus verschiede- 
nen Figuren sinnreich zusammengesetzt und fein ausgeführt,') 
hat MontGaucon S. 255 eine Zusammenstellung gegeben, aber 
dergleichen kommen nur sehr selten vor; meistens sind sie ge- 
schmacklos, und die reiche Fülle der lat Ornamentik fehlt den 
griechischen Handschriften. Hier sei nur noch der Kostenbe- 
rechnung über ein Evangeliar gedacht, welche Tischendorf 
Anecd. p. 65 und Tab. ü, XTT D mittheilt: rj de xaraßkrj- 
d-elöa e^oöog alg ro roiovzov ayiov XEXQasvccffBXov sxu ovxmg. 
slg j^a(rr£a vjtiQjieqa öexatQla, elg ygcnpi/iov vjtiQXBQa dexa- 
oxTci. slg x6g)aXala)fia xäl öia Xa^ovglov avoiy/ia tc5v l^coii- 
jtJUcDV vjciQjcsga . elg XQ^^^I^^ '^^^ xeq>aXalmv xal r(5v 

Bxiyqaqiwv xov aQxoTsXlov, g>Xa>Qla (florenos) öexasjczd. lozcövra 
igiOYia (sextulas) ÖBxaxiöCOQa, xoxxla (siliquas) l'g. rftoi vxiq- 
xsQa TQiaxovTariöOaQa. elg iilcß-oo/ia xov XQ'^<^oyQa<pov vxiQ- 
XBQa oxTci. elg öraxcofia (Einband) vjtiQjteQa . An zwei 
Stellen fehlt die Zahl Die Abkürzung für die häufig vor- 
kommende griechische Münze vjtigjiBQa hat Tischendorf nicht 
zu entzififem vermocht, aber glücklicher Weise ein Facsimile 
gegeben; den Anfang bildet die regelmäMge Abkürzung für die 
Präposition vjtiQ. Der Werth ergiebt sich aus der vorstehen- 
den Berechnung als ein halber Floren. Wegen dieser Münz- 
werthe aber muis die ganze Angabe wohl eher dem 14. als, 
wie Tischendorf meint, dem 12. Jahrhundert angehören. 

Bei den Römern waren Werke mit Bildern häufig. Varro's 
Imagines sind bekannt') Kräuterbücher mit Abbildungen er- 
wähnt Plinius XXV, 2, ohne sie zu loben, weil die Gopisten 
sie zu sehr entstellten. Doch haben sie sich lange traditionell 
fortgepflanzt'} 



') Die Probe aus dem Et. 277 setzte Mont&acon img in das 8. Jahr- 
himdert, nach Bordier S. 59. 
*) S. Marqoardt ü, 403. 
') S. oben S. 352. Aus Dioscorides geschöpft ist der sog. Appuleias, 

Wattenbftch, Schrlftweaen. 3. Aufl. 23 



354 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Martial XIV, 186 sagt: 

Quam brevis immensum cepit membrana Maronem! 
Ipsius Yultus piima tabella gerit 

Solche Titelbilder waren nicht ungewöhnlich.*) Ein Portrait 
Virgil's giebt A. Mai, Virgilii Interpretes veteres p. XLIV ex 
cod. Ambros. saec. XII., welches gewife auf alter Ueberlieferung 
beruht; er hat eine phrygische Mütze, und ist, wenn die Ab- 
bildung zuverläfsig ist, gewiis nicht damals neu erfunden.^ 
Ebenda ist auch das Titelblatt zu dem vielleicht von Petrarca 
geschriebenen Virgil, welches von Simon Memmius aus Siena 
gemalt ist Aber auch mit anderen Bildern wurde Virgil ge- 
schmückt; der Cod. Vat 3225 enthält 50, wovon 5 verlöscht 
sind; sie sind ganz antik in der Technik, fast ohne Umrils, 
und deshalb sehr schwer nachzubilden. Die Stiche von Pietro 
Santo Bartoli') geben eine ganz falsche Vorstellung, und auch 
Seroux d'Agincourt*) ist ungenügend.^) In der Composition 
und Zeichnung erinnern die Bilder an die Ambrosianische Ilia«; 
Digby Wyatt möchte sie schon dem 3. Jahrhundert zuschreiben. 
Diesem vermuthlich nachgeahmt, aber mit sehr rohen Bildern, 



von dem alte Handschriften mit Pflanzenbildem existieren, b. Parabilium 
Medicamentomm Scriptores ed. Ackermann (1788) p. 30. Fragmente der 
Art in Uncialschrift in Berlin, Lat. fol. 381. Cod. Vat. 4476 saec XIII., 
Pertz' Archiv XII, 243. Ueber das Eräuterbuch des Yenetianers Bene- 
dictns Rinius von 1415 auf der Marcusbibl. s. Notizenblatt der Wiener 
Ak. 1853 S. 23, Valentinelli V, 61—67; die Abbildungen sind nach der 
Natur gemacht. Ein ital. Herbario con figure saec. XY. in Libri*8 
Auctionscatalog S. 103 n. 482. Recht schOne Abbildungen von Pflanzoi 
aus karol. Zeit bei Bastard 106 aus Ancien fonds Frangals 6862. 

^) Vgl. Seneca de tranquill, an. c. 9. G^raud p. 137. Arevalo, Isi- 
dori Opp. II, 405—407, hat darüber allerlei zusammengestellt, doch ohne 
Sonderung der Zeiten. 

*) Das soll freilich von Schnaase widerlegt sein. 

') Antiquissimi Yirgiliani codicis Fragmenta et Pictnrae ex bibl. Yat. 
Romae 1741 f. 

*') pl. 20 alle 45 klein, dann 13 groüs; auf pl. 65 ist ein Stich nach 
Santo Bartoli zur Yergleichung neben einer Nachbildung des Originals. 

") Ygl jetzt Pal. Soc. I, 117; Beissel, Yat. Min. III A; De Nolhac, 
Les peintures des mss. de Yirgile, M^l. d'Archit. et d'Hist lY (1884) 
S. 305—333 mit 6 heliotyp. Bildern. 



Malerei. 365 

barbarisch und leblos, istVat 3867, früher in Saint-Denis. Auch 
die Schrift ist geziert, mit starkem Unterschied der dicken und 
dünnen Striche, und gehört vielleicht dem 5. Jahrhundert an.^) 

Nachbildungen antiker Bilder finden sich femer in dem 
Wiener Kalender,*) einer Copie des leider verlorenen alten 
Cod. Spirensis, und in der ebenfalls nur in neuer Copie vor- 
handenen Notitia dignitatum utriusque imperii, diese freilich 
ohne Anspruch auf Kunstwerth.^ 

Psalter und EvangeUen prächtigster Ausstattung brachte 
St Augustin 597 mit nach Canterbury, wovon vielleicht noch 
zwei Bilder einer Evangelienhandschrift erhalten sind,^) andere 
aber in Schrift und Büd so genau nachgeahmt, dafs auch 
Kenner lange über den Ursprung derselben zweifelhaft waren. 
Während nun hier doch schon bald die römischen Vorbilder 
eigenthümlich umgestaltet wurden, lebte an Karls des Grofsen 
Hofe die antike Kunst noch einmal in neuem Glänze auf. Die 
Kalligraphie feierte die herrlichsten Triumphe: man schrieb in 
GK)ld auf Purpur, kehrte zur Capitalschrift und Undalschrift 
zurück, und die prachtvolle Ausschmückung der Handschrift;en 
ist theils direct antiken Yorbildem entnommen, theils von an- 
tiken Motiven durchdrungen. Von besonderer Schönheit sind 
auch die reichen Randverzierungen, welche an die Prachthand- 
schrift des Dioscorides und die Canones des Eusebius erinnern, 
und wofür sich damals wohl noch zahlreiche Muster fanden. 
Später verschwinden sie wieder,'^) um nach Jahrhunderten in 
ganz veränderter Gestalt wieder zu erscheinen. 

In dieser Zeit hat man nun auch profane Autoren mit 
der grölsten Genauigkeit von alten Vorbildern abgeschrieben. 



^) Proben bei Serouz d'Agincourt, pl. 64, 65, der ihn sogar ins 12. 
oder 13. Jahrh. setzt Die Punkte zwischen den Worten sind nach Rib- 
beck von neuer Hand. Pal. Soc. I, 114. Beissel, I. II B. Kolhac, 2 Tafebi. 

*) Die Kalenderbilder des Ghronogr. v. 354, herausgeg. von J. Strzy- 
gowski, Berlin, Reimer 1888. Vgl. dazu A. Biegl, Die mittelalt Kalender- 
illustration, Mitth. d. Inst. f. Oest. Gresch. X. 

") An^. von Seeck 1876. 

^) Im Corpus Christi College, Cambridge, nach Digby Wyatt p. 18. 

') Geschmackvolle Randleisten aus dem 12. Jahrh. bei Tymms and 
Wyatt pl. 31. Vgl. auch den picttis limes oben S. 132. 

28* 



356 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Zu diesen gehören die Handschriften des Terenz, welche dem 
10. Jahrhundert zugeschrieben werden, mit dem von zwei 
Schauspielern emporgehaltenen Brustbild des Dichters und 
Figuren, welche ganz genau die alte Bühne darstellen; der von 
Hrodgarius geschriebene Cod. Vat 3868 ') und daraus abge- 
schrieben der Basilicanus im Archiv des Vat Capitels, in wel- 
chem nur die beiden ersten Bilder ausgeführt sind;') der 
Pariser 7859, dessen Bilder, nur in Federzeichnung ausgeführt, 
schon ins barbarische verfallen;') auch der Ambrosianus ^) und 
ein Cod. in England^) gehen auf dieselbe Quelle zurück. 

Lehrreich fiir die Phasen der Kunst sind die Handschriften 
der vielgelesenen Aratea, welche ohne die Sternbilder nicht 
brauchbar waren. Im Cod. HarL 647 sind diese mit solcher 
Genauigkeit, auch in der Technik, nachgeahmt, dafs Ottley 
durchaus nicht glauben wollte, sie seien nicht wirkhch antik, 
und deshalb den vergebUchen Versuch machte zu beweisen, dals 
man schon in der römischen Kaiserzeit eine Minuskelschrift 
gehabt habe.^) Allein hier ist der Text in völlig ausgebildeter 
karoUngischer Minuskel, und sogar rescribiert auf Minuskel ge- 
schrieben; die Bilder dagegen allerdings ganz in antiker Weise, 
die Köpfe und einige andere Theile in Farben ausgeführt, die 



^) Alte Ausgaben ürbini 1736, Romae 1767, geben keinen richtigen 
Begriff von den Bildern. Eine Seite mit bunten Figuren bei Silvestre. 
Seroux d'Agincourt pl. 35. 36 und danach Ottley PI. VI n. 5, u. Wieseler, 
Theatergebäude u. Denkm&ler (Gott 1851) Taf. X n. 2—8. Jetzt phot 
Probe bei Beissel, Yat Min. t. ni B. 

*) S. die Vorrede von ümpfenbach zu seiner Ausg. des Terenz. 

') Schlechte Probe bei ChampoUion-Figeac, Pal^ogr. des Glass. Rom. 
pl. 9 mit i-Strichen, die später zugesetzt sind. Besser bei Silvestre II, 154. 
Pal. Soc. I, 36 (clasB. 30). 

*) S. A. Mai , Plaut! Fragmenta inedita. Item ad P. Terentium 
commentationes et picturae ineditae. Mediol. 1815. Probe bei Wieseler n. 9. 
*) Waagen, Treasures of Art III, 68. 

') S. die Abhandlung in: Archaeologia Vol. 26, mit vielen Abbil- 
dungen aus den 3 Handschriften des Brit. Museums, und Schriftproben, 
zur Yergleichung. Pal. Soc. IL Wie Reifferscheid in den Annali dell* 
Instituto 1865 p. 108 bemerkt, erwähnt schon Cyriacus Anconitanus eine 
solche Handschrift in Vercelli. 



Malerei. 357 

übrigen Formen kunstreich ausgefüllt mit der Beschreibung von 
Hygin in kleiner leichter Capitalschrift , welche sich in der 
Form der Zeilen der Zeichnung anschlielst, auch in rother 
Farbe und verschiedenfarbiger Tinte die Theile derselben unter- 
scheidet Eine dazu gehörige, vielleicht aber etwas jüngere 
Himmelstafel hat in Capitalschrift die Inschrift: Jsta proprio 
sudore nornma unoquoque propria ego indignus sacerdos et 
mofMchus nomine GEBVVIGUS repperi. ac scripsi •:• pax le- 
gentibtis : • Ganz ähnlicher Art ist der Leidener Cod. Voss. 79, 
nach Bethmann aus dem 11. Jahrhundert, welchen Gruter hat 
stechen lassen, der Cod. Voss. Lat 15 aus Idmoges, der Cod. 81 
in Boulogne.^) In London aber ist Cotton. Tib. B 5 eine Co- 
pie, in welcher die Beschreibungen einfach in karolingischer 
Minuskel um die Bilder geschrieben sind, diese selbst aber 
schon etwas verändert in angelsächsischem Charakter, während 
wir endlich im Harl. 2506 die völlig umgewandelten angel- 
sächsischen ümrilszeichnungen finden. In Monte Cassino ist 
Cod. 3 im Jahre 812 geschrieben; die Bilder nacli der Ansicht 
von Caravita (I, 30) so ausgezeichnet, dafs man sie der Zeit 
nicht zutrauen würde, aber in ümrüszeichnung mit der Feder.*) 
Aehnliche Handschriften aus dem 9. Jahrhundert sind in 
St Gallen. >) 

Hierher gehören auch die Bilder in einer Handschrift der 
Agrimensores, die nach Bethmann's Ansicht^) im Anfang des 
10. Jahrhunderts in Fulda geschrieben ist, „mit Bildern in 
Deckfarben, ganz nach antiken Mustern, so dafs die Handschrift 
als ein getreues Abbild einer antiken gelten kann, bis auf die 
schöne karoUngische Minuskel.^' 

In dieser Verbindung wird nun auch der oben S. 160 er- 
wähnte ütrechter Psalter erklärlich, welcher, um den rich- 



1) Bethmann in Pertz' Archiv Vni, 404 a. 576. Aach in Berlin ist 
eine Hs. saec. IX. vel X., Cod. Phill. 1832 (aarmont 633). Val. Rose, 
Verz. d. lat Meermanhss. S. 292. 

') Verwandt mit einem Codex in Madrid, Neues Archiv VI, 288. 

') Codd. 250 u. 902 nach Scherrer's Verzeichnils S. 93 u. 317. 

«) Pertz's Archiv XII, 365. Cod. Pal. 1564. Daraus der Imperator 
eon8uUu8 bei Beissel tab. n A, vgl. 8. 3. 



358 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

tigen Baum für die Bilder zu erhalten, genau nach der Vorlage 
in drei Columnen mit üncialschrift geschrieben ist und in den 
Bildern antike Motive zeigt, aber doch auch die deutlichen 
Kennzeichen jüngerer Kunstübung, wie sie denn auch nur üm- 
riüszeichnimgen sind.^) Neuerdings haben A« Goldschmidt*) und 
P. Durrieu') in so schlagender Weise die üebereinstinunung 
mit dem Evang. Ebonis u. a. nachgewiesen, daCs an der Her- 
kunft aus dem Beimser Sprengel um die Mitte des 9. Jahr* 
hunderts kein Zweifel bleibt 

Frühzeitig mit Bildern versehen waren auch die Werke 
des Prudentius, namentlich die Psychomachia, deren Bilder 
nachzuahmen oft versucht wurde, aber nicht immer gelang.^) 

Bis auf Karl den Greisen hatte sich ohne Zweifel noch 
eine directe Ueberlieferung antiker Technik erhalten, welche 
durch ihn neu belebt wurde. Biese Benaissance erhält sich 
bis ins 10. Jahrhimdert; dann aber wird die unmittelbare und 
genaue Nachahmung der Antike immer seltener, bis im 11. Jahr- 
hundert ihre Spuren sich verUeren. Eine neue Bestauration 
versuchten die Humanisten, ohne jedoch echte Vorbilder zu 
haben. Leonardus Aretinus schrieb an Niccolo NiccoU, dals 
ein Gönner von ihm einen herrUch geschriebenen Codex der 
Beden des Cicero habe und wünsche, ut singtdarum capita 
librorum splendore litterarum üluminentwr. Er bittet also das 
zu besorgen, aber so, ut non auro nee tnurice^ sed veUtsto nwre 
hae litter ae fkmt, Nam iiMimr(we vel hie patuisset, si hujusce 



^) Amtz, Beknopt historisch overzigt van den Twist over den oor- 
sprong van het Qnicunque (ütr. 1874 f.) giebt ein schön in Gold und Blau 
ansgefOhrtes Facs. des B vom Beatus, das Bild des Nicaenischen Goncils, 
u. Facs. des Credo. Aulser der photogr. vollst Ausg. (1873) sind Blfttter 
in dem oben angef. Report und in den Heften der Palaeogr. Society, auch 
bei Birch, The history, art and palaeography of the ms. styled the Utrecht 
Psalter, 1876. 

*) Report f. Kunstwiss. XV, 166 ff. (1892). 

*) M^langes Julien Hayet, S. 639-^57. 

*) Die sehr fruchtreiche Verfolgung durch die zahlreichen Hand- 
schriften hat R Stettiner durchgeführt in einer Berl. Diss. (1895)^ der ein 
ausführliches illustriertes Werk folgen soll. 



Malerei. 359 

rei cupiditcbs ipsuht haberei; verum haec spernü et antiquüati 
dedUiis est.^) 

Es giebt sehr schön verzierte Handschriften im Stil der 
Benaissancei aber wenn auch die Ornamente antiken Vorbildern 
entnommen sind, so weifs ich doch kein Beispiel, dafs, wie in 
der karolingischen Zeit, directe Nachahmung alter Handschriften 
wahramehmen wäre. 

In den ältesten Handschriften sind gar keine Initialen 
ausgezeichnet; etwas später werden Anfangsbuchstaben ausge- 
rückt, bald auch vergrö&ert, zuweilen der erste Buchstabe jeder 
Seite, wie im Wiener livius. Im Vat. 3256, Fragmenten des 
Virgil in Capitalschrift, zu welchem kürzlich neue Blätter fiir 
die Berliner Bibliothek erworben wurden, ist der erste Buchstabe 
jeder Seite grols in Farben ausgeführt*) Auch der Münchener 
Cod. Theodos. (Cimel. 11 4 A) hat bunte Initialen. Von da 
an hat diese Sitte sich inmier weiter entwickelt, und in den 
folgenden Jahrhunderten, wo eigentiüche Bilder wohl selten noch 
vorkamen und immer roher wurden, liebte man es sehr, die 
Initialen mit bunten Farben zu schmücken und vorzüglich aus 
Fischen und Vögeln phantastisch zusammenzusetzen.^) 

Man nannte diese Buchstaben capUales,*) auch capUtUares. 
Der Anonymus Bemensis^) schreibt: Cum membranae vermicu^ 
lum vel minium imposueris ad formandum capitaies litteras, 
haheto pennam benefissam, nan solum autem ad istum colorem, 
verum etiam ad aeorium. Ad viridem vero colarem minus sü 
fissa, 60 quod tenu/Uer impanüur . . . Cum igüur formas lü- 
teram^ prius penna torta ea (sie) apta summitates ülius per 



*) Epp. n, 10 ed. Mehns. Sehr genaue Anweisung für die Ein- 
richtung einer Abschrift seiner Briefe in Bezug auf Initialen u. üeber- 
schriften giebt Ambros. Gamald. epp. p. 622. 

*) S. die photolith. Nachbildung bei der Abhandlung von Pertz, 
Abh. d. Berl. Ak. 1863. Die ältesten Initialen sind mosaikartig aus ?er- 
schieden&rbigen mathematischen Figuren zusammengesetzt 

*) S. z. B. Mon. Germ. Legg. lY tab. 1. N. Trait^ 11, 88; west- 
gothisch bei Tymms u. Wyatt pl. 8 nach Bastard. 

*) Vgl. die Einsiedler Glossen (Germania XYin, 47): inscriptio 
eapiUnn, $or%bendi capitalunga. tüulus eapüaüan, inacributUur capitaüan, 

*) S. 391 des Theophiltts ed. üg Vol. I. 



360 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

girum, ne corrosa videatur, hoc vero peracto aptäbis et ordu 
nabis ctequalUer colarein per totam lüteram, ne sü in uno loco 
parum et in alio nimis de colore etc. 

Balderich von Bourgueil schreibt über die Ansstattong 
seines Buches, für welche er einen Künstleri Gerhard von Tonis, 
gewonnen hat: 

Praecepi fieri capitales aere figuras, 

üt quod non sensus, res tribuat predum. 
Ad nos miserunt Arabes huc forsitan anrum, 

Materiarum quo signa priora micant 
Introitus alios minio yiridique colore, 

üt mirabilius omne nitescat opus; 
Ut quos allicere sententia plena nequibit, 

Hos saltem spedes codicis aUiciat 
Haec igitur lucet, haec vero Uttera ridet, 

Sed non arrident dicta decora tibi. 
Elegi puerum scribentis in arte peritum. 

Qui sie disposuit, nomine Gualterium, 
Qui geniale solum, vagus ut tu, dicere nesdt, 

Sed decuit, profiigus scriberet ut profiigum. 
Gerardum quendam natu proavo Turonensem 

Commoda sors Arabem contulit artificem: 
Burgulius prudens hunc educat ingeniosum etc. 

Und weiterhin: 

Claudicat ut Jacob, quoniam pede Claudicat uno, 
Scriptor, sed recto praevalet ingenio. 

Hunc quia callebat, quia Beseleel similabat, 
Gualterio sodes addidimus sociiun. 

Und in einem anderen Gedicht an seinen Schreiber Hugo: 

Altera de minio capitalis littera fiat^ 
Altera de yiridi glaucove nigrove colore, 
Ut versus semper varietur origo decenter.*) 



^) Note Bnr les po^ies de Bandri, abb^ de Boni^eil, von L. Delisle, 
in der Zeitschrift Romania (Paris 1872) I, 27 u. 34. 



Malerei. 361 

In einein Beoept bei Bockinger S. 38 steht: Wildu pläbe 
tincken mctchen ge corperirenj und nach ausführlicher Anwei- 
sung zur Behandlung der plab lasur^ am Schlufs: vnd schreib 
damit, so wirt sy entlekh gut gecorperirt. 

Scheint nun hier das Wort DeckfiEU'be im Gregensatz der 
ümrÜBzeichnung zu bedeuten,^) so ist es doch auch in anderem 
Sinne gebraucht Bischof Heinrich von Bamberg (1487—1501) 
gab einen Fürdemufsbrief für Wolfgang Leo zu Bamberg, 
meister in der hunst und Jiantirung, carpora, grofse bw^^aben 
und Versal zu gierheit der büeher eu machen.^ Versalen ist 
ein noch jetzt gebräuchlicher Ausdruck,^) die corpora aber sind 
hier doch auch wohl besonders reich verzierte Initialen. Davon 
stammt eorporare, welches von iUuminare unterschieden wird, 
und mehrmals in Wilhelm Wittwer's Catalogus abbatnm SS. 
Udalrici et Afrae vorkommt So heilst es vom Abt Heinrich 
Fryefs (1474—1482)^ dafe er mit eigener Hand viele Bücher 
geschrieben habe, auch kaufte er viele, et üluminare ac corpo- 
rare fecU,^) Ein Missale, welches Leonhard Wagner 1480 ge- 
schrieben hatte, illfwiinavit etcorporavit preciose frater Conradus 
Wagner; auch andere Bücher desgleichen: fuit enim in illa 
arte preciosus ac perüus. Zwei Psalter corparavit frtxter Con- 
radus Wagner de EUingen, conventuaiis et bonus Hlutninista. 
Et idem fr. Conradus decoravit et üluminavit ac corporavit 
müUos libros .... Sed üluminatura psaUeriorum facta est in 
civitate per quendam laycum seil, Jeorium Beck et ßium ejus^ 
anibo üluministe,^) In Heilsbronn zahlte man 1520 für ein 
missai incorporim und zu beschlagen 35 fl., was auf den Ein- 
band zu gehen scheint, dafttr allein aber doch zu theuer ist^ 

') So Rflhl im Rhein. Mas. f. Philol. XXYD (1872) 471. 

*) Cod. lat Mon. 7087. Gatal. Monac. I, 3, 145. 

') P. Bemardin von Ingolstadt, 1456 vicarios provincialis der Ob- 
servanten in Polen, fBisiians delere faciebat verscUia deaurata vd euriasa 
in Ubris eeiam coralibtM. Johannis de Eomorovo tractatus, im Archiv d. 
Wiener Akad. XLIX, 350. Oh wohl der Name von den Anfangsbuchstaben 
der Verse kommt? 

*) Steichele, Archiv f. d. Gesch. d. Bisth. Augsburg UI, 281. 

^) A. & 0. S. 302 u. 395. 

^ V. Stillfried S. 313. 



362 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

unterschieden werden in Bechnungen von den Utterae 
capUdUs die paragraphi, paraffi, parapheSf^) die ein&chere 
Bezeichnung der kleineren Abschnitte, die jedoch in den kost- 
baren Gebetbüchern auch reich und zierlich geschmückt er- 
scheinen. 

Die ganze Ausschmückung der Handschriften wird mit 
lineare bezeichnet, was schon bei Apulejus malen bedeutet 
So finden wir es in der Si Galler Chronik von Ekkehard, der 
da (MG. II, 92) von dem Bischof Salomon von Constanz sagt: 
Lineandi et capäulares litteras rite creandi prae amnibus 
gnaruSf ut in apicWtis L et C langi evangelii primis videre 
est, quas qnscaptis, ut ajunt, probans quid in taUibus ddhue 
possetj lineans aurificabat. Jenes C in dem von Sintram ge* 
schriebenen Evangelium longum ist in der That ein bewun* 
derungswürdiges Kunstwerk.*) Von Ekkehard palatinus aber, 
der am Ende des 10. Jahrhunderts dort thätig war, heifst 
es S. 122: Quos ad litterarum studia tardiares vidisset^ ad 
scribendum occupaverat et lineandum. quorum amborum ipse 
ercU potentissimus, maanme in capitularibus litteris et auro. 
So sagt auch Bichard de Buiy c 17: venabitur päginam 
lineatatn. 

Auch titulare scheint diese Bedeutung gehabt zu haben, 
später aber für abkürzen gebraucht zu sein, s. oben S. 293. 
NatürUch kann man auch die allgemeinen Ausdrücke anwenden, 
libris depingendis dienen die von Ebert S. 39 nach einem 
Cod. saec XII. genannten Farben. Barbarisch heifst es in einem 
Cod. saec. XV.: Hans Orunawer pictoravit^) Von, Wolstan, 
der 1062 Bischof von Worcester wurde, erzahlt Wilhelm von 

A. Kirchhoff, Handschriftenhändler S. 11. Logique, couvert de 
vert, Sana atz, histariie et paragraffie ä or, eseript en lettre eourant, en 
latin, im Inventar des Herzogs Carl t. Orleans v. 1427, Bibl. de l'£cole 
V, 78. 

*) Mon. Germ, n Tab. 5, weit schöner aber in: Das Kloster St Gallen, 
herausgegeben vom Hist Verein in St Gallen, 2. Heft 1864. Die Un- 
sicherheit dieser üeberliefenmg betont Meyer v. Knonau zum Ekkeh. S. 109. 

') Wilken, Gesch. der Heidelb. Büchersammlungen S. 307. Bei Vogel 
im Serap. IV, 38 aus einem englischen Werke: in capitiüibus litteris 
appingendis h<mM artifex. 



Malerei. 363 

Malmeebuiy, dafs er einen Lehrer hatte Namens Erven, in 
scribendo et quidlibd colaribus effingendo perüum. Is libros 
scripioSj sacramentarium et psalteriumj quorum principäles 
liUeras auro effigiaverat, puero Wolstano delegandos curavit. 
Dadurch erweckte er in Wolstan auch Liebe zu dem Lihalt 
der Bücher; später aber schenkte er um weltlichen Gewinnes 
wegen die Bücher an den König Knut und die Königin Emma. 
Sie müssen also unversehrt geblieben sein, und Wolstan war 
auch schon ein verständiger Knabe, nicht einer von denen, 
deren Einger Bichard de Bury fürchtete: Ptiendt^s autem lacri- 
mostis capüalium litterarum nan admiretur imagines, nee manu 
fluida pdltuU pergamenum, Tangü enim ülico quicquid videt.^) 
Die Ausdrücke mimtim, wmiare^ rubricare wurden schon 
vorher S. 347 besprochen; vom 11. Jahrhundert an wird aufser- 
halb Italiens das Wort üluminare vorzugsweise für den Schmuck 
der Bücher gebraucht So heilst es von der Staveloter Bibel, 
welche die Mönche Groderannus und Emest 1097 in zwei Bän- 
den geschrieben hatten, Henrico IUI imperatUe, Christianorum 
exercUu super paganos violenter agente^ Obberto Leodiensi 
praesule, Rodulfo Stabidensi abhoite, dafs sie nach vierjähriger 
Arbeit in omni sua procurationej hoc est scripturaj üluminatione, 
ligatura vollendet sei.*) Abt Dietrich von St Hubert (1055 
bis 1087) erzog Gislebert in scribendis et renovandis libris 
studiosum, und Falco in üluminationibus capitalium litterarum 
et incisionibus lignorum et lapidum peritum,^) Die Nonne 
Gutta in Schwarzenthann schrieb ein Werk, welches von dem 
Marbacher Canonicus Sintram miniatum seu illuminatum und 



^) Vgl. die Inschrift eines ital. Cod. saec. XY. in Libri's Auctions- 
Catalog S. 40: 

tu che col mio libro ti trastuUi: 
Rendimel presto e guardal da* üanciuili. 

Wenn man gesehen hat, wie selbst moderne Bibliothekare mit dem Finger 
über kostbare Miniaturen fahren, so kann man die BesorgniTs der alten 
Bflcherfrennde um so lebhafter mitfühlen. 

*) Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinland 
XLVI, 149. 

') Ghron. S. Huberti, Mon. Germ. SS. YUI, 573. 



364 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

1154 vollendet wurde. ^) Eine ähnliche Stelle ans Salimbene 

wurde oben S. 347 angefiihrt Dante sagt im Purgatorio, 

Canto 11: 

Non se' tu Oderisi, 

L'onor d'Agabbio e l'onor di quell' arte, 

Ch' alluminar h chiamata in Parisi? 

Zu dieser SteUe bemerkt Benyenuto Ton Imola in seinem Com- 
mentar (Murat Antt ed Aret IH, 584): Parisius enim dicüur 
illuminiare (sie) ubi in Italia dicurU miniare. Et hie nota 
quod miniare est magis proprium, Sic enim dicitur a colore 
minio, qui olim fuit aliquando in maximo pretio. Und weiter- 
hin: che penndleggia^ id est miniat cum pennicülo . . . . 
Franco Bolognese, hie fuU alius miniator de Banania excd- 
Untier eo, concurrens secum, sicut apparet in quibusdam libris 
miniatis per cum. 

Die Pariser Steuerrolle von 1292 nennt S. 506 13 steuer- 
pflichtige enlumineeurs; 1383 bildeten sie eine selbständige 
Corporation.') üeberall aber sind und bleiben sie getrennt von 
den Tafelmalem, deren Zunft von ihnen getrennt ist') Johannes 
illuminator et Hüla uxor ejus erscheinen 1301 in den Cölner 
Schreinbüchem (s. oben S. 347), und Bichard de Buiy hatte 
eine ganze Anzahl in seinem Dienst In Paris hatten sie, wie 
alle zum Bücherwesen gehörigen Gewerbe, Theil an den Privi- 
legien der Universität, . was 1386 auch auf Heidelberg über- 
tragen wurde ;^) ebenso an den italienischen Universitäten die 
minicUores. In einem venetianischen Nonnenkloster finden wir 
1402 eine miniatrix.^) Bruder Joh. Franck in St Ulrich und 



*) Würdtwein, Nova Subsidia dipl. VII, 176. MG. SS. XX, 106 u. 80. 

*) Lecoy de la Marche (oben S. 348) S. 297. — Philipp d. Schöne 
gab dem Illuminator Honoratas 20 libr. pro libria regia üluminatiB. Julien 
Havet: Compte du tr^or du Louvre soub Phil, le Bei, Bibl. de r£c. des 
Ch. XLV. 

*) C. Ruelens, La Miniature initiale des Chroniques de Hainaut 
Gazette Arch^ol. 1883 S. 317 — 827, wo auch von Büchern mit Yorzeich- 
nungen die Rede ist. 

^) Wilken, Gesch. d. Held. Büchersammlungen S. 6. 

^) Yalentinelli, Bibl. S. Mard I, 238. 



Malerei. 386 

Afra (f 1472) wird gepriesen als optimus ülwmmista qui suis 
manibus üluminavü libros chori,^) und bei den Observanten in 
Lowycz war um 1500 ein Bruder Job. Zmolka, von dem gesagt 
wird: pingebcU et libros iUuminäbat, neminem laedens,*) 

Eranzösiscb bieisen sie etduminetirs, wie z. B. in der ün- 
terscbiift eines Legendenbucbes von 1285: 

Idst livres icy finist, 
Bone aventure alt qui lescrit 
Henris ot non lenlumineur, 
Dex le gardie de desbonneur.*) 

Sebr merkwürdig ist, was Lecoy de la Marcbe bericbtet^) 
über einen von Tristan 1' Ermite peinUcb verhörten enlumineur 
Jean CHllemer. Man erfabrt daraus, dals diese Leute ibre 
AteUers imd Scbüler batten, dafs sie umherzogen in Paris, 
Flandern, Italien, livres d' beures malten und verkauften, und 
daneben aucb abergläubische Eecepte feilboten, vermutblicb 
Talismane und dergl. 

In England ist luminare gebräuchlich (oben S. 254); 
luminabit psalmos heifst es in dem Vertrag, welcher mit dem 
Schreiber Robert Brekeling abgeschlossen wurde, sehr merk- 
würdig durch die genauen Bestimmungen, welche er enthält^) 
In späteren Contracten kommt duminacio vor, alumpnc^do und 
alumpnyng; auch liminare und davon a lymner.^) Dahin ge- 
hört auch in den Heilsbronner Rechnungen (oben S. 361) 2 gülden 
pustab 4 gr. 6 gelumyet 2 gr. 

Eigentliche Bilder bieisen histoires. Nicolas trombeor, 
fiiUB au mastre Lafranchin, fist la scripture e tot le istoires 
ausin.'') Philipp der Kühne kaufte 1398 für 600 Goldgulden 
eine bible francoyse tres bien ystoriee, armoriee de ses armes, 



^) Steichele, Archiv f. Gesch. d. Bisth. Augsburg II, 79. 
>) Archiv der Wiener Akademie XLIX, 367. 
') Annnaire des Antiquaires de France 1853 S. 170. 
«) Gomptes rendus de l'Acad. des Inscr. 1892 S. 1&3. 
*) Fabric-roUs of York Minster, edited by James Raine for the 
Surtees Society, Durham 1859, angef. von Digby Wyatt S. 37. 
*) Anstey, Munim. Acad. de a. 1445 S. 550. 
*) Tobler, Berliner Hs. des Huon d'Auvergne, SB. 1884 S. 606. 



366 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

gamie de gros fermeaus dargant dores.^) Der Herzog Ton 
Berry besafs tres grandes, tres helles et riches heures, tres no- 
tcMement etUuminees et historiees de grandes histoires de la 
main de Jaguevrart, de Hodin et autres auvriers de üfon- 
seigneur,^) Jehan Poyet, enlumineur et histarieur in Tours, 
ist der Meister des Gebetbuches der Königin Anna von der 
Bretagne.^) Auch lettres ymaginees kommen vor,^) die nur 
verzierten ohne Bilder aber hiefsen tomees oder toumees.^ Die 
Verzierung der Ränder nannte man vigneter. 

Die fäbriciens von Saint-Martin-de-Vitr^ in der Bretagne 
schlössen 1420 einen Vertrag mit einem Priester, ihnen fiir die 
Kirchenfabrik ein Missale und einen Psalter zu schreiben, en 
bon velin et de hon volume^ tournez d^aeur d de vermeHlony 
Sans flourir, sauf une doueiesme des grans lettres.^ Der 
Erfurter Schreiblehrer Brun von Würzburg erbot sich auch 
zum Unterricht in floritura et illuminatura.'^) Im Pester Mu- 
seum ist ein ungeheures Missale, welches eine Nonne in Schil- 
UngscapeUen geschrieben hat Omnis pictura ac floratura istitis 
libri depicta ac floraia est per Margaretam, Scheiffartsf de 
Meirroede quondam fUia in Bornhew^ regtdarissa in Sckillinx 
capellen. Orate pro ca.®) Der Abt von Westminster empfiehlt 



^) Waagen, Kunstwerke und Künstler in England u. Paris ÜI, 843. 

*) Ib. p. 338. Dagegen war 1373 im Liouvre die älteste üebersetzung 
des Livius n. 33 eaeript de mauvaise lettre, mal enlutnine et point yetorie. 

') L^on de Laborde, Sur les lettres, les arts et Pindustrie pendant 
le 15« siöcle, Introd. p. XXIY. Vgl. das Explidt von Beauzmanoir's 
Coustume de Beauvais: Expl. le livre des coustumes de BiauToisis, qui 
furent escriptes par la main Bauduin l'enlumineur de Noyon. Band II, 
S. 506 (Paris 1842). 

*) S. Kirchhofi; Handschriftenb&ndler S. 12. 

') Vgl. oben S. 346. Bernhard von Clairvauz sagt (ep. 135): Lau- 
datur de bona literae tamatura fnanua, non ecUamus. 

') In 1^/, Jahren, für 80 livres und 30 soulz, nach heutigem Geld- 
werth berechnet auf 3260 francs. Bibl. de r£cole des Chartas V, 3, 46. 

^ fiorisare hatten wir oben S. 346. Mag. Eberhard, Kirchherr in 
Zug u. Weggis, verrechnet um 1480 2 Ib. einen Brief mit den Namen der 
Heiligen ze 8chrü>en vnd se florieren. Florüura auch in der Gonatitatio 
Ettgenii IV bei Ottenthai, Mitth. d. Inst. Ergänz. I S. 589. 

*) Archiv d. Wiener Akad. XLU, 513. Joh. Butzbach feiert um 



Malerei. 367 

1489 einen seiner Conventualen ak a faire ivriUer, a floridter 
and maker of capüal letters, ^) 

Man nannte es auch paginare^ Torzüglich wohl die Aus- 
schmückung der Blattränder. So steht in einem vorzüglich 
schönen Codex der v. Orubenschen Bibliothek in Osnabrück:*) 
Istum egregium librum scripsü, iUuminavü, notavü, inpaginavä, 
aureis litteris et imagmüms pulchris decoravU, vener abüis ckc 
devota virgo Oysela de Kereenbroeck in sui memariam a. D. 
M.CCC, und in der Marienfelder Chronik:^) oecupahatwr iZIu- 
minando, paginando libros, quam artem per se in clatutro 
dididt. In der Windesheimer Chronik:*) ErtU enim bonus ac 
bene expeditus librarum nostrorutn üluminatar ac per annos 
triginta magnarum litterarutn missalium, biblie et lihrorufn 
eantualium optimus pidor et paginatar. Im Inventar des Hil- 
desheimer Doms von 1409^) wird iL a. aureum A paginatum 
erwähnt 

Einen eigenthümlichen Ausdruck fand ich in einem schönen 
Glebetbuch mit Miniaturen im Besitz des verstorbenen Dr. Bern- 
stein: GhSHnt to Haerlem in Hollant in den jhare MCCCXC. 
Es heifst aber wohl nur beendigt, wie in einem deutschen Qebet- 
buch: Dys ptuMein hat geüluminert Benedictes Hoben von 
Magdeburg und geent im jar unser s kern m. cccc. unt neintMg.*) 

Alte Anleitungen zum Malen und zur Bereitung der Far- 
ben finden sich in dem schon S. 237 erwähnten Werke des 
Theophilus, und in der Mittheilung aus einer Handschrift des 
12. Jahrhunderts von St Feter in Salzburg.'') In dem Codex 



1500 als kunstreiche Yerzierer von MefsbOchem zwei Laacher Brfider 
und die Nonne Gertrud von Bttchel in Rolandswerth. Wanderbüchlein 
S. 205 u. 271. 

^) Vogel im Serapenm lY, 38. 

■) Dr. Thyen im Progr. des Garolinum in Osnabrack 1875 S. 28. 

') Chron. Campi S. Mariae ed. Znrbonsen S. 44. 

«) 11 c. 43 p. 454; in d. Ausg. t. Grube I, 43 S. 123. 

») Anz. f. D. Vorzeit XXV, 211. 212. 

•) Lftngin, Deutsche Handschriften (Karlsr. 1894) S. 12. 

^ Westenrieder, Beiträge zur vaterl. Historie VI, 204 u. daraus 
Ebert 8. 38. Günthner, Gesch. d. lit Anstalten in Baiem I, 898. Beth- 
mann in Pertz' Archiv VIII, 436 ffthrt aus einer Hs. saec. XU. in Valen- 



368 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

des Johann Le B^gue in Paris von 1431 befindet sich ein 
Werk des Archerius von 1398, und darauf folgend CapUtda 
de colaribus <id üluminandos libros ab eodem Ärcherio sive 
Älcherio, ut accepü ab Antonio de Compendio üluminatore 
Ubrorum in Parisiis ^ et a magistro Alberto de Poeotto, per- 
fectissimo in omnibus modis scribendi, Mediolani schdas te- 
nente.^) Aus dem liber üluministarum, der um 1500 in 
Tegemsee gesammelt wurde, jetzt in der Münchener Bibliothek 
Cod. germ. 821, hat Bockinger reiche Auszüge über die Berei- 
tung und Anwendung vieler Farben, so wie des Ooldes und 
Silbers mitgetheilt Der Cod. Iconogr. 420 in München ist ein 
Musterbuch für Initialen, Schriften und Bandverzierungen, fast 
ganz ohne Text und nicht besonders schön. Später einge- 
schrieben ist die Adresse des Grafen von Wirttemberg, der 
1495 Herzog wurde, und foL 4 v. an Unsem lieben getriwen 
Stephan Schriber, in unser Stadt Urach y von dem die Hand- 
schrift wohl herrühren mag. Ein schönes Musterbuch aus dem 
Anfang des 13. Jahrhunderts ist in Wien 665 (Arch. X, 475). 
Schon bei dem Anon. Bern, und bei Alezander Neckam 
fanden wir Azur genannt; in der oben angeführten Aufzeich- 
nung aus Salzburg heifst es lajsur graecum^^) die schöne blaue 
Farbe, welche im 13. Jahrhundert immer beliebter und häu- 
figer wird, und endUch in der Mehrzahl der Handschriften des 
14. Jahrhunderts mit Both verbunden allein zur Verzierung dient 
Schon Konrad von Scheiem im An&ng des 13. Jahrhunderts 



dennes Verse an, ani. Flores in varios. Sie sind abgedruckt im Gatal. 
g^näral des Bibl. publ. des Departements I (1849) p. 765, und im Hera- 
clius edi Hg S. 5, und betreffen nur Farbenbereitung. Das dort S. 739 
bis 811 abgedr. Werk, liber diversarum arcium, aus der Hs. 277 der£oole 
de M^decine in Montpellier ist aus Theophllus u. a. zusammengesetzt, und 
für Kunstgeschichte merkwürdig. Das Werk von Le Bdgue ist gedr. in 
den Original Treatises von Mrs. Merrifield, Lond. 1849, der darin enthaltene 
sog. Heraclius auch von Ug, Quellen zur Eunstgesch. IV, 1873. 

^) Theophilus ed. Hendrie p. XIY n. Tractatus de arte illuminandi 
e cod. Neap. saec. XIV. ed. Salazzaro, Nap. 1877. Lecoy de la Marche: 
L'Art d'illuminer, Paris 1890. 

*) Schon um 1000 wurde es in Petershausen zur Wandmalerei ge- 
braucht; der Bischof von Venedig modtum plenum sUh de Graieo colore, 



Malerei. 369 

schmückt ein Meisbuch piduris et lazurio.^) Bei der bekann- 
ten Handschrift des Bohic in Amiens kosteten 5 magne littere 
auree de principiis sex librorum (sie) cum prima lütera tabtde 
30 soL und totalis üluminatio de adt^ro et rubeo 3 fr. 2 soL^ 
Das Wort, arabischen Ursprungs, welches durch Verlust des 1 
zu azur geworden ist, kommt in allerlei Formen vor. Im 
15. Jahrhundert schrieb Ambrogio Trayersari aus Florenz an 
Lionardo Bruni: Cupio doceri dbs te, an sit penes vos ejusce 
coloris qui azurrum vtdgo dicitur, transmarini scilicet illitAS 
optimif capia, et quo item veneat et quo sü electissimum pretio; 
quidam enim ex nostris adolescentihus pro monasterii consf/^- 
tudine et omandis voluminibus eleganter eo uti didicerunt. 
Und weiterbin: Fuere semper in nostro monasterio (nee modo 
quidem desunt) qui iUo ornandis voluminibus scüissime et 
venustissime utcmtur. Est quippe id ministerium otio religioso 
non indignum.^) 

Ueber die Persönlichkeit der Maler sind allerlei Nach- 
richten erhalten; in Italien mag es dergleichen von Profession 
immer gegeben haben, und in Frankreich hnd schon im 
11. Jahrhundert Balderich einen Künstler, der um Lohn für 
ihn arbeitete (oben S. 360). Aber auch in den Klöstern blühte 
diese Kunst, und in Deutschland war sie natürUch Jahrhun- 
derte lang nur im Besitz der GeistUchkeit; manchmal sind die 
Schreiber auch zugleich die Maler.*) Ein Mönch Udalpert von 
Tegemsee schmückte im 10. Jahrhundert einen Psalter für eine 
Dame, den er selbst geschrieben, nach diesen Versen: 



qui voeatur Uuntr, gratis pro earitcUe dederai. Gasus mon. PetrishuB. 
MQ. SS. XX, 632. 

») Mon. Genn. SS. XVH, 624; vgl. Rodringer S. 197 (II, 31). Die 
Bilder des Cod. lat. Mon. 17401 beschreibt F. Kugler, Kleine Schriften 
I, 84—87. Bei Gh. Molinier: Un trait^ contre les h^r^tiques Cath. (1883) 
steht S. 9: Ostenderunt mM quendam Itbrum vcdde ptUchrum et cum obtima 
littera BononienH et peröbiime iüustratum de cidhurio et minone, ahi 
erant eva/ngelia in romancio. 

>) Delisle, M^m. de rinstitut XXIV, 306. 

') Epp. ed. Mehus p. 317. 318 mit veniat et quod. 

^) In einem westgoth. Cod. von 920 Johannes fecit et pinxit librum 
Prisctll. ed. Schepls p. XXXII. 

Wattenbaeh, Schriftwesen. S. Anfl. 24 



370 Weitere Behandlnng der Schriftwerke. 

Hunc ego psahnorom studui conscribere librum 
Udalpertus, ut hie pascas animam quoque, Heilwih. 
Omavi ut potai; decuit sie nobilitati 
Psalterii: dominam eolui simtü et gcnerosam.^) 

In Valenciennes ist eine Bibel aus dem 12. Jahrhundert 
(n. 1) in 5 Bänden; vor jedem Band eine Miniatur, die ein 
ganzes Blatt einnimmt, und darauf in rother Capitalschrift: 
Sawcdo monachus sancti Ämandi me fecit. Derselbe Sawalo 
hat im cod. 178 das erste Buch der Sentenzen des Petrus 
Lombardus geschrieben.*) 

Conrad von Scheiem, welcher zugleich schrieb und malte, 
ist schon oben erwähnt; ebenso der Minorit Matthias Stander 
S. 345. In Köln schrieb und malte der Minorit Johann von 
Valkenburg 1299 ein Graduale (scripsi et notavi et illuminavi) 
und in demselben Jahr ein Missale.®) In einer Magdeburger 
B^. derselben Zeit steht: Explicit Ebrardi Grecismus nomine 
Cristi. Qui dedit alpha et o. sit laus et gloria Cristo. In isto 
libro sunt sexaginta et odo liMere capüaUs.^) In Prüfening 
war um 1384 Albert Ellendorfer als Schreiber und Maler aus- 
gezeichnet;*) ebenso Leonhard Wagner in St Ulrich und Afra, 
wo wir aber auch bürgerliche Künstler thätig sahen. Kunst- 
fertig war in Brieg der Decan des Hedwigstiftes nach der Auf- 
zeichnung im Manuale des Stifts von 14. Oct. 1448: De con- 
sensu omnium dominorum datus est vicUicus magnus cum aJho 
coreo, qui est pro majori parte caductis, Johanni Strelin decano 



^) Rockinger S. 196 (U, 30) e cod. lat. Monac. 19412. üeber die 
Miniatoren in Klöstern vgl. Czerny, Bibl. v. St. Florian S. 29—86. Oben 
S. 274 sind Schreiber u. Maler verschieden. So auch in dem schönen 
grofsen A bei B. Kugler: Eine neue Hs. d. Chronik Alberts v. Aachen, 
Tüb. Doctorenprogr. 1893. 

*) Auszuscheiden sind die Eünstlemamen in der Mater yerbomm u. 
der sog. Bibel Yellislay's als von Hanka gefälscht, s. A. Woltmann: Zur 
Gesch. d. böhm. Miniaturmalerei. Aufdeckung von Fälschungen. Report, 
f. Kunstwiss. II (1877) S. 1—25. Gasopis Gesk. Mus. 1877. Jagic, Slav. 
Zts. ra, 113. 

•) Lamprecht's Verz. n. 146. 147. 

*) Magdeb. Progr. 1880 S. 7'7. 

<^) Rockinger S. 198 (II, 32). 



Malerei. 371 

ad ipsius tempora vite, et ipse d^>et eundem iüuminare^ quod 
promisä.^) Von dem Carthäuser Dionysius^ der 1471 als Prior 
in fiuremund gestorben ist, heifst es: Suos ipse conscripsit libroSy 
reUgü, correxü rtibricaque üluminavii.^) 

Bemerkenswerth ist in dem Ausgabebuch des Abtes Nar- 
ciss von Benedictbeuem der Eintrag, dafs er 1501 dem Pre- 
digerbruder Magnus von Augsburg etwas über 5 Gulden gezahlt 
hat pro Idboribus, des er ettlich puechstaben hat gemacht, und 
fratrem Leonardum suppriorem informiert hat ze floriern und 
üluminiem,^) 

Zuweilen hat auch ein alter Buchmaler sein eigenes Bild- 
nifs angebracht; so der Bruder Rufillus in einem grofsen Le- 
gendarium aus dem Kloster Weifsenau, welches um 1200 ge- 
schrieben und sehr geschmackvoll ausgemalt ist; fol. 245 sitzt 
er in einem grofsen R bei seiner Arbeit. Die Farben befinden 
sich in vier durch das Tischchen gesteckten Hörnern und zwei 
Näpfen.*) 

Da die Ausmalung der Handschriften in der ßegel erst 
nach der Vollendung der Schrift geschah, so kann natürlich 
der Fall vorkommen, dafs die Bilder bedeutend jünger als der 
Text sind, oder dafs sie von verschiedenen Händen herrühren. 
Gröfsere Miniaturen wurden von vorzüghchen KünsÜem gemalt, 
und zuweilen eingeklebt^) Oft aber sind auch die Handschriften 
unvollendet, einige Bilder nur eben begonnen, für andere nur 
leerer Baum gelassen. Das ist z. B. häutig in den jüngeren, 
fabrikmäfsig gefertigten deutschen ' Handschriften der Heidel- 
berger Bibliothek. Als vom 14. Jahrhundert an vornehme 



*) Zeitschrift des Vereins f. Schles. Gesch. X, 139. 

•) Acta SS. Martii n, 248. 

■) Rockinger S. 198 (II, 32). 

^) Jetzt in der fürstl. Hohenzoll. Bibl. in Sigmaringen, s. oben 
S. 277. Anz. des Germ. Mus. 1867 S. 235. Lehner, Verz. d. Hand- 
schriften in Sigm. (1872) S. 16. Eine Abbildung in Umrissen in dem 
Progr. von Hafsler, Collatio codicis Yergil. Minoraug. cum imagine pictoris 
Sueriae antiquissimi, ülmae 1855, vgl. Haenel in d. Berichten der k. Sachs. 
Ges. 1865 S. 1. 

*) Ueber nachträgliches Einkleben der Bilder s. A. Eirchhoff, Weitere 
Beitrage S. 28. So in zwei Ritterromanen der Hamb. Stadtbibl. von 1437. 

24* 



372 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Herren Handschriften zu sammeln begannen, blieb, wo für den 
Verkauf geschrieben wurde, ein Kaum für das Wappen ausge- 
spart, den man oft nachträglich auszufüllen unterUefs. 

Häufig ist gewils nach bestimmten Vorlagen gearbeitet, 
und auch kleine humoristische Scenen wiederholen sich mit 
merkwürdiger üebereinstimmung in ganz entlegenen Hand- 
schriftien.^) Doch weit häufiger scheinen die Künstler des 
Mittelalters ganz frei gearbeitet zu haben, und ihre Phantasie 
war aufserordentlich fruchtbar. Man findet hin und wieder 
Vorschriften wie Qni se facgano due homini che giostreno,*) 
wie schon in der Quedlinburger Itala fads etc. Recht aus- 
führliche Beschreibungen des darzustellenden Gegenstandes sind 
dem Maler der so überaus merkwürdigen Wenzelbibel in der 
Wiener Bibhothek gegeben, welche nachträgUch ausgekratzt, in 
dem unvollendeten Theile aber stehen gebUeben sind.*) Um- 
gekehrt scheinen die reichgeschmückten Blätter der niederlän- 
dischen Gebetbücher mit ihren glänzenden Randverzierungen 
auf mattem Goldgrund im Vorrath gearbeitet zu sein, da in 
dem prächtigen Exemplar des Bruckenthalischen Museums in 
Hermannstadt die letzten Blätter unbeschrieben sind, weil der 
Text fertig war. Die Randverzierung ist fertig, die Initialen 
aber fehlen, und wurden also erst nachträgUch hinzugefügt^) 



') S. meine Bemerkungen zu einigen Östr. Geschichtsquellen im 
Archiv d. Wiener Akad. XLII, 501. Die beliebte Darstellung von dem 
Jäger, welchen die Hasen braten, findet sich auch auf einer alten Spiel- 
karte, im Liyre d'or des Metiers, Hist. de Tlmprimerie p. 56. Au^hftngt 
wird er auf einer Spielkarte des Germ. Museums, Sammlungen Tafel VI, 
Anz. IV (1857) 217. 

*) Kirchhoff, Handschriftenhändler S. 12 aus Denis I, 25. Nach 
solchen Anweisungen frei ausgeführt sind auch die Bilder zu Heinrichs VII 
Romfahrt (her. von der Direction d. preufs. Staatsarchive mit Text von 
Irmer 1881) nach Friedensburg, Vorr. zum Leben Heinrichs VII (Geschicht- 
schreiber d. D. Vorzeit) II, XVII ff. 

') S. darüber jetzt die schöne reich illustrierte Abhandlung von J. v. 
Schlosser : Die Bilderhandschriften Königs Wenzel I, im Jahrb. d. kais. Kunst- 
samml. XIV, 214 — 317. — Ein anderes Beispiel in den Beiträgen zu den 
roman. Literaturen von K. Bartsch, Jahrb. f. roman. u. engl. Lit XI, 20. 

*) Archiv d. Wiener Akademie XLII, 512. Ebenso in einer fabrik- 
mälsig gearbeiteten Hs. des Trojan. Krieges, s. Essenwein im Anz. d. Germ. 



Malerei. 373 

Bei der Gleichförmigkeit des Inhalts hätte man es auch allen- 
falls anders machen können, aber es hätte doch wohl den 
Schreiber zu sehr beengt. Für die Initialen brauchte man auch 
Patronen und Stempel.') 

Wir haben uns bis jetzt mit den Aeufserlichkeiten dieses 
Kunstzweiges beschäftigt und die vorkommenden technischen 
Ausdrücke aufgesucht; es bleibt noch übrig, den Gang der 
Entwickelung, die verschiedenen Phasen der Kunst in kurzem 
ümrifs zu betrachten. 

Während im Bereich des zerfallenden Römerreiches alle 
Kunstübung unterzugehen drohte, entfaltete sich aufserhalb 
seiner Grenzen in Irland ein höchst merkwürdiges Kunstleben; 
in enger Verbindung mit Musik und Sculptur, vorzüglich künst- 
licher Arbeit in Gold und Erz, erblühte in den irischen Klö- 
stern die Kalligraphie, und die wunderbar schönen Handschriften 
wurden mit reichstem Schmuck der Ornamentik versehen. Von 
Dagaeus, der 586 gestorben sein soll, heilst es im Kalender 
von Cashel: Hie Bagaeus fuit faber tarn in ferro quam in 
aere, et scriba insignis, Fabricavit enim trecentas campanas, 
trecenta peda pastoralia, et scripsit trecentos libros evangelio- 
rum; fuitque primarius S. Kierani faber.*) Die Ornamente 
bestehen theils in sehr phantastischen Initialen, mindestens der 
Einfassung der Capitalen mit rothen Punkten, theils in den 
künstlichsten Verschlingungen schmaler Streifen von verschie- 
denen lebhaften gut zusammengestellten Farben; Spiralen treten 
als besonders charakteristisch hervor. Dazwischen erscheinen 
ganz willkürlich und wie Arabesken behandelte Thiergestalten, 
vorzüglich Köpfe von Schlangen, Hunden und Vögeln, aber 
auch abgesonderte Bilder der Evangelisten, der Kreuzigung, in 
welchen die menschliche Gestalt nicht minder willkürlich imd 



Mus. XXYII, 38, u. in einem flftm. Brevier saec. XY. ex. bei v. Seidlitz, 
Die illiiBtr. Hss. d. Hamilton-Samml. im Rep. f. Kunstwiss. YIII. Es ist 
n. 122. 

^) Im Jahre 1499 wurden för Benedictbeuern 17 messmg ülumimer 
mödl fOr 10 den. gekauft, Rockinger S. 208 (11, 42). Lecoy de la Marcbe 
S. 318 über mit einem Stempel durchgedrückte und dann verzierte Initialen. 

*) Acta. SS. Aug. m, 656. Die Vita enthält mehr darüber. 



374 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

arabeskenhaft behandelt ist, so dafs die häXslichen Mifsgestalten 
einen auffallenden Gegensatz bilden zu den eigenthümlichen 
aber geschmackvollen Ornamenten.^) 

Die reichsten Verzierungen und etwas weniger entartete 
Gestalten bietet das Book of Kdls, welches von St Columbkill 
herrühren soll und dem 6. Jahrhundert zugeschrieben wird.') 
Doch ist diese Tradition, wie so viele ähnliche, völlig werthlos 
und Thompson schreibt es dem ausgehenden 7. Jahrhundert zu. 
Da nun unzweifelhaft Gallier und andere Angehörige des römi- 
schen Reiches Lehrmeister der Iren gewesen sind, so scheint 
es, dals wir eine kräftige, durch einheimische Geschmacksrich- 
tung bedingte Entwickelung der Kunst und langsame, bei den 
menschlichen Figuren raschere Entartung anzunehmen haben. 

Die Anwendung des Gt)lde8 fehlt der echten irischen Kal- 
ligraphie, und pafst auch nicht dazu.^) Erhalten hat sich 
diese eigenthümliche Kunstübung bis zum 12. Jahrhundert, 
wohl nicht ganz unberührt durch fremde Einwirkung, aber 



^) S. Schnaase, Geschichte der bildenden Künste IV, 2, 456 f. Asüe, 
On the Origin and Progress of Writing, aus welchem nach Westwood Sil- 
vestre seine Blätter genommen, die Tinte aber verkehrter Weise blafs ge- 
macht hat. Die schönsten altem Abbildungen in Westwood's Pal. sacra, 
vgl. dessen Aufsatz über Keltische Ornamente bei Owen Jones, Grammatik 
der Ornamente (1856) S. 92--99 mit einigen Proben, Digby WyaU S. 13 ff. 
Sehr instnictiv, auch mit schönen Abbildungen F. Keller, in den Mitthei- 
lungen des Züricher antiquar. Vereins, Band YII, 1850. Das vorzüglichste 
Prachtwerk ist jetzt: Westwood's Miniatures and Ornaments of Anglo-Saxon 
and Irish Manuscripts, Oxford 1868 fol. Femer: The Lindisi^me and 
Ruhsworth Gospels, Publications of the Surtees Society, Vol. XLYIII, 1865. 
The Gromlech on Howth, a poem by Sam. Feiguson, with illuminations from 
the books of Keils and of Durrow, and drawings from nature, by M(argaret) 
S(tokes). With notes on Geltic omamental art, revised by George Petrie, 
London, Day and Son. — Descriptive remarks on illuminations in certain 
ancient Irish manuscripts, by the Rev. J. H. Todd, Lond. 1869. Aus dem 
VI. Band der Vetusta Monumenta der Society of Antiquarians. Mit 
4 chromolithogr. Tafeln von Marg. Stokes. Reiche Proben ohne Farben 
bringt die Palaeogr. Society. 

*) Im Trinity Gollege, Dublin. Vielleicht noch älter ist eine Evan- 
gelienhs. daselbst, s. Thompson, Handb. p. 238. 

*) Ein Beispiel sp&terer Zuthat im Anz. des Germ. Mus. XVI (1869), 
289—293, wiederholt Revue Celtique I, 27—31. 



Malerei. 375 

ohne eigene Fortbildung. Die wandernden Schottenmönche 
bradiiten Handschriften dieser Art in fremde Länder und 
schrieben dort; ^) auf die merowingische Kalligraphie haben sie 
starken Einfluls ausgeübt, und auch in lombardischen Hand- 
schiiften ist ihre Einwirkung wahrzunehmen.*) 

In England stifteten Iren 634 das Bisthum Tiindisfame 
mit einer Schreibschule, aus welcher auch unter angelsächsi- 
schen Bischöfen Werke irischer Kunst hervorgingen, wie uns 
das Durham Book beweist, auch S. CtUhberfs Gospds genannt, 
weil Bischof Eadfrith (698 — 721) es zum Andenken seines 
Vorgängers Cuthbert schreiben Uefs und, wie ünger nachweist, 
auch illuminieren.^) Hier ist etwas Gold angewandt, übrigens 
die Kunst und Technik noch rein irisch. Bald aber berühren 
sich die beiden Schreibschulen; Handschriften, welche mit Ca- 
pitalschiift in Gold auf Purpur reich verziert sind und Gemälde 
in antikem StU zeigen, würde man ftir römisch halten, wenn 
nicht Ornamente und Initialen irisch wären. ^) Bald aber er- 
kennt man auch dann den üebergang zu den eigenthümlich 
flatternden Gewändern und den überlangen Proportionen der 
angelsächsischen Zeichner. '^) Diese immer schärfer ausgeprägte, 

') Die von dem Schottemnönch Marfan in Regensburg geschriebenen 
Handschriften sind jedoch in schönster fri&nkischer Minuskel ohne irischen 
Charakter geschrieben, aber eine Glosse zum Namen ist irisch, Pal. Soc. 
I, 191. — Eine fränkisch geschr. Hb. mit vorwiegend irischen Ornamenten, 
aus dem 8. Jahrb., vielleicht aus Corbie, ist das Evangeliar der Münsterkirche 
in Essen, s. Georg Humann in d. Zts. d. Berg. Geschieh tsvereins XYIl 
mit Abbildungen. 

*) Sie zeigt sich noch in den prächtigen Handschriften, welche 
Bischof Warmund von Ivrea um 1000 schreiben liefs, s. Dümmler, Anselm 
der Peripatetiker S. 84 ff. Die rothen Punkte hat auch Godesscalk. 

*) Gotton. Nero D 4. Waagen I, 134. Digby Wyatt p. 16. Asüe 
pl. 14. Westwood, Anglo-Saxon Gospels 1. 2. und in den Miniatures and 
Ornaments 1868. Pal. Soc. I, 3—6 u. 22. Gat. Anc. Mss. p. 12—15, 
pl. 17. 18. Aldred fügte 950 eine Interlinearversion hinzu. Vgl. F. W. 
ünger: La Miniature Irlandaise, Revue Geltique I, 19 — 26. 

*) The Ganterbury Gospels, Brit Mus. Royal I E 6, Westwood, 
Purple Latin Gk)8pels of the Anglo-Saxon School. Pal. Soc. I, 7. Gat. pl. 
17. 18. — Gotton. Vesp. A 1, Westw. The Psalter of S. Augustine. Astle 
pl. 9, 2. Pal Soc. I, 18. 19. Gatal. pl. 12—15. — Vgl. Digby Wyatt p. 19 ff. 

») l. c. p. 19—21. 



376 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

oft ganz fratzenhafte Manier gewinnt die Oberhand bis ins 
12. Jahrhundert; an die Stelle der peinUchen musivischen Arbeit 
der Irländer und der fleifsigen Nachahmung fremder Vorlagen 
ist ein oft rohes Gekritzel, immer aber leichte kecke ümrils- 
zeichnung getreten, welche in so fem einen Fortschritt bezeugt, 
als selbständige Naturbeobachtung darin sich zeigt; so in dem 
prachtvoll geschriebenen Psalter mit angelsächsischer Glosse 
von 1099,*) und selbst in dem sonst sehr rohen Pseudo-Caedmon.*) 

Sehr natürlich ist es, daTs auch die karolingische Kunst 
auf England einwirkte, da ja normannische GeistUche und 
Mönche schon vor der Eroberung dort den gröfsten Einflufs 
gewannen. Die merkwürdigste Erscheinung ist die Schule von 
Hyde Abbey oder New Minster bei Winchester, aus welcher 
um 980 das schöne Benedictionale des Bischofs Ethelwold 
(963 — 984), jetzt im Besitz des Herzogs von Devonshire, her- 
vorging. Hier sind die Guaschfarben mit Gold ausgefiihrt, die 
Gestalten wohl mangelhaft, aber ohne eine Spur irischer Ein- 
wirkung. Die Schrift ist karolingisch, die Seiten eingeüafet 
mit Goldleisten, welche von höchst geschmackvollem und eigen- 
thümlichem Blattwerk in Deckfarben umrankt sind. Es lätst 
sich eine ganze Gruppe von Handschriften nachweisen, welche 
aus derselben Quelle stammt und gleiche Eigenthümlichkeiten 
zeigt ^) 

Es würde uns nun viel zu weit ftihren, wenn wir auf die 
reiche Entfaltung karolingischer Kunst hier eingehen woll- 
ten.^) Unter Karl selbst überwiegt durchaus die Nachahmung 



Cod. Arundel 60. Catalogue (1834) pl. 4. Vgl. auch Ck>ttoii. 
Tib. C 6 bei Westwood, Anglo-Saxon Psalters N. 2. Pal. Soc. 1, 98. 

*) Bodl. Junius 11, Archaeologia XXIV, 329 ff. Pal. Soc. II, 14. 15. 

') S. die Ausgabe von John Gage, Archaeologia Vol. 24. Pal. Soc. I, 
142. u. 144. Der Schreiber Godemann wurde um 970 Abt von Thomey. Aus 
den auch dahin gehörigen Gospels of King Ganute geben Tymms und 
Wyatt pl. 23 Proben. Auch Arundel 155, Catal. pl. 5 ist ähnlich. 

^) Ich muls mich darauf beschränken, auf die vielen neueren Unter- 
suchungen zu verweisen, und das zusammenfassende Werk von F. F. Leit- 
schuh: Gesch. d. Karol. Malerei, Berlin 1894. Janitschek in d. Ausg. der 
Adahs (1889) suchte verschiedene kalligraphische Schulen zu unterscheiden, 
Zucker (Report, f. Kunstw. XV [1895] S. 26«») eine neue hinzuzufügen. 



Malerei. 377 

antiker Vorbilder; deren schon oben gedacht wurde. Eömische 
Künstler werden wohl an seinem Hofe gewesen sein, doch 
waren die Franken sehr gelehrige Schüler. Byzantinische Ein- 
wirkung mochte auch nicht fehlen; sie hat sich zu verschiede- 
nen Zeiten und auf verschiedenen Wegen immer wieder gel- 
tend gemacht, aber die Ornamentik, mit der wir es hier vor- 
züglich nur zu thun haben, ist davon in der späteren Zeit 
wenig berührt^) Dagegen ist es überaus merkwürdig und an- 
ziehend zu beobachten, wie die irische Ornamentik, nachdem 
sie eine Zeit lang zurückgedrängt war, wieder Boden gewinnt, 
zugleich aber durch den feineren Geschmack verändert wird. 
Die Schlangenwindungen, die Köpfe von Hunden und Vögeln 
begegnen uns in den Handschriften aus Karls des Grofsen 
früherer Zeit, und dann wieder unter Ludwig dem Frommen 
an reich verzierten Initialen, und unter Karl dem Kahlen treten 
sie stark hervor.') L. Dehsle hat fiir diesen Stil eine eigene 
Kunstschule im nördlichen Frankreich nachzuweisen vermocht, 
welcher er 19 Hss. zuweist*) In St Gallen malten irische 
Mönche in ihrer ursprüngUchen Weise fort, ihre alemannischen 
CoUegen aber schufen mit Benutzung dieser Motive eine ganz 
neue Art geschmackvoller Initialen, aus künsüich verschlunge- 
nen Linien und Blattwerk, sogenanntem Mafswerk^ auch mit 
phantastischen Thiergestalten und menschlichen Figuren verziert.^) 
Diese Art der Verzierung, welche vorzugsweise, wenn auch nicht 
allein, in St Gallen ihren Ursprung zu haben scheint, zu höch- 
ster Mannigfaltigkeit entwickelt, mit einfach rothen Grund- 



') Syrische Einwirkung behauptet Janitschek, und ihm folgend 
F. Strzygowski mit besonderer Beziehung auf das Godesscalk-Evangeliar. 

') Vgl. namentlich Jorand, Orammatographie du 9« si^cle, Paris 
1837, aus der 2. Bibel Karls d. Kahlen, Lat. 2 (Silv. 171. Delisle, Gab. 
des mss. III, 259 u. pl. 28. Bastard 177—181). 

') L*£yang61iaire de St. Vaast d'Arras et la Calligraphie Franco- 
Saxonne du 9« si&cle, mit G Tafeln, 1888. 

^) Ein schönes Beispiel, auTser dem oben S. 362 erwShnten G, bei 
Schubiger, Sanctgallens Sängerschule (Eins. 1858), Tab. VI. lieber diese 
ganze Entwickelung und die Sanctgaller Schreibschule s. R. Bahn, Gesch. 
d. bildenden Künste in der Schweiz (Zürich 1873) I, 119— 14ü. 294—311, 
und die schöne und reichhaltige Ausgabe des PscUterium aureum, 1879. 



378 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

strichen, oft aber auch mit reichem Farbenschmuck ausgestattet, 
erhält sich Jahrhunderte lang und verbreitet sich weithin, wäh- 
rend die höhere Kunst mit raschem Verfall sich bald auf unge- 
schickte Umrifszeichnungen beschränkt, oder rohe Nachahmungen 
byzantinischer Arbeit liefert.^) Dieses Gegensatzes müssen wir 
Z bewuftt bleiben, um scheinbar widLprechende Aeufee- 
rungen richtig zu würdigen. So wird z. B. mit Becht die kal- 
ligraphische Pracht der Handschriften gepriesen, welche Hein* 
rieh n für sein Bisthum Bamberg anfertigen lieis, aber die 
eigentlichen Bilder zeigen einen sehr tiefen Stand der Kunst*) 
Einen Fortschritt zeigt wohl der von Heinrich HI an Speier 
geschenkte Codex aureus,') und der Farbenschmuck von Do- 
nizo's Vita Mathildis>) Doch ist noch immer der künstlerische 
Standpunkt ein sehr niedriger, während dagegen die gleichzei- 
tige Schreibschule in Montecassino sich durch schönste Schrift 
und ungemein reiche und geschmackvolle Initialen auszeichnet^) 
Nach einer Bemerkung von Waagen^ hört im 11. Jahr- 
hundert die Nachwirkung antiker Kunstweise auf, es tritt der 



') Vgl. K. Lamprecht, Initial-Ornamentik des 8. — 13. Jahrh. Lcipz. 
1882, nebst d. Rec. v. A. Springer, Gott. Gel. Anz. 1883 t. 20. n. 27. Juni. 
Ein engl. Kunstwerk aus der ersten Hälfte des 12. Jahrb., einen ill. Psalter 
aus St. Albans, jetzt in Hildesheim, beschreibt Ad. Goldschmidt (Berl. 1895) 
und weist die Uebereinstimmung symbolischer Darstellungen in den Ini- 
tialen mit kirchlichen Sculpturen nach. 

') S. das rohe Bild und die schöne goldene Capitalschrift auf Azur 
bei Jaeck, Heft 1, und das Umrifsbild vor Giesebrecht's Gesch. d. Kaiser- 
zeit, 2. Band, mit den Bemerkungen S. 609 (5. Ausg.). Doch ist ein 
ähnliches Bild der vier Nationen in Bamberg minder roh, und auch das 
Münchener Original Gim. 58 besser als die Gopie. Vgl. L. v. Kobell, 
Kunstvolle Miniat Taf. 10. 

') Jet2t im Escorial, v. Giesebrecht 1. c. S. 686. 

^) 1115 noch nicht ganz vollendet. Nachbildungen bei der Ausgabe, 
Mon. Germ. SS. XII, 348—409. lieber die tiefe Stufe dieser Kunst Ru- 
mohr, Ital. Forsch. I, 242. 

') S. die Proben bei Westwood, Lombardic Manuscripts, und Silvestre, 
vorzfiglich aber 0. Piscicelli-Taeggi, Palaeografia artistica di Montecassino 
1871 ff. u. Le Miniature nei codici Gassinesi 1887. Auch die in Unter- 
italien geschriebenen griechischen Hss. sind davon beeinflufst 

*) Kunstwerke und Künstler III, 268 ff. 



Malerei. 379 

tiefste Verfall ein, in diesem aber zeigen sich die ersten rohen 
Keime eigenthümlicher Kunstübung. Als bedeutsam für die 
Entwickelung der Malerei hebt E. aus'm Weerth die grolse, mit 
Miniaturen in Deckfarben reich ausgestattete Staveloter Bibel 
von 1097 hervor.") Um die Mitte des 12. Jahrhunderts tritt 
überall ein grofser Aufschwung der Kunst ein; reiche Initialen 
sind vorzüglich beliebt, aber auch die Zeichnung der Figuren 
wird besser, in den Gesichtern erscheinen Spuren von Ausdruck. 
In Italien ist unter starker byzantinischer Einwirkung der Auf- 
schwung besonders lebhaft; in England wird unter der Herr- 
schaft des Hauses Plantagenet die Einwirkung französischer 
Kunstübung übermächtig, und der angelsächsische Stil ver- 
schwindet Das bis dahin noch traditionell festgehaltene antike 
Costum wird jetzt verlassen, und die Trachten der Gegenwart 
werden auch für Darstellungen aus dem Alterthum angewandt. 
Das reichlich gebrauchte Gk)ld ist schön und glänzend; man 
beginnt Blattgold auf einer Unterlage aufisutragen, und verwen- 
det es bald mit Vorliebe als Hintergrund für die Bildchen, 
deren Farben dadurch gehoben werden. Die Initialen nehmen 
oft ganze Bilder in sich auf. Es ist die Zeit, in welcher die 
Cistercienser gegen den Luxus, welchen in dieser Beziehung die 
Cluniacenser trieben, Opposition machten (oben S. 256). Die 
Dominicaner bildeten sich eine eigene Technik ohne Farben aus 
(ib. Anm. 1); von dem Bigorismus der Observanten wurde 
S. 361 ein Beispiel angeführt 

Auch das schöne und lebhafte Azurblau kam im 13. Jahr- 
hundert zu immer häufigerer Verwendung; es wurde Mode, in 
den Ueberschriften die Buchstaben oder Zeilen abwechselnd roth 
und blau zu schreiben, imd ebenso die Initialen. Bei diesen 
fügte man dann den blauen rothe, den rothen blaue Linien in 
zierUchster Verschlingung bei, verband auch beide Farben, und 
entfedtete darin eine überaus fruchtbare Phantasie. Die Buch- 
staben selbst haben nur mäfsige Grölse, aber die daran haf- 

') Oben S. 363. Vgl. auch St Beissel: Des h. Bernward Evangelien- 
buch zu Hildesheim, mit Hss. des 10. u. 11. Jahrh. in kunsthist. u. liturg. 
HiAsicht verglichen. Mit 26 Lichtdrucktafeln her. von G. Schrader u. 
F. Koch. HUd. 1891. 4. 



380 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

tenden Zierrathen erfüllen sehr gewöhnlich den ganzen Rand 
der Seite. Im 14. Jahrhundert ist diese Art der Verzierung 
durchaus herrschend, ohne jedoch gleichzeitige Verwendung auch 
anderer Schmuckformen auszuschliefsen. 

Nach dem Sturz der Staufer gewinnt Prankreich ein un- 
widerstehliches Uehergewicht; französische Sprache und Sitte 
herrschen in England und Neapel, und erstrecken sich nach 
Böhmen und Ungarn. Paris wird nun auch der Hauptort der 
Miniaturmalerei und als solcher von Dante (oben S. 364) er- 
wähnt Hier erblühte auch die Freude an Belebung der breiten 
Bänder durch scherzhafte, oft sehr muthwilUge und ausgelassene 
Darstellungen (droleries), gegen welche ein Eiferer im 13. Jahr- 
hundert eine im Bezug auf geisthche Bücher nicht unberech- 
tigte Polemik richtete.*) Aber zurückhalten liefs man sich durch 
keine Opposition. 

Bald lassen sich verschiedene Malerschulen unterscheiden, 
deren Betrachtung wir der Kunstgeschichte überlassen. Schon 
gewinnen die ausgeführten Gemälde gröfsere Bedeutung, und 
die reizendsten kleinen Miniaturen ftillen die grofsen Bäume 
der Initialen, welche auch neben der blaurothen Filigranarbeit 
noch immer vorkommen. Ebenso erfüllen auch breite Blatt- 
verzierungen mit wunderUchen Phantasieblumen die breiten 
Ränder grofser Chorbücher.') Reichste künstlerische Ausstat- 
tung zeigen das Passional der Aebtissin Kunigunde (1312), als 
Höhepunkt der böhmischen Kunstschule bezeichnet,^) das Bre- 
vier des Erzbischofe Balduin von Trier,*) die von unerschöpf- 



^) Bei Delisle, M^langes S. 206. Selbst im Register Innocenz* III kommt 
dergl. vor, s. Specimina palaeogr. regestonim Rom. Pontificum ab Inno- 
centio III ad Urbanum Y (Romae 1888) und in der dänischen Schrift von 
Munch (Christiania 1876) aus Honorius* III Regesten. 

") Charakteristisch sind die Blumen mit grofsen hohen Fruchknoten 
in Form gewundener Kegel. Einige bezeichnen, glaube ich, diese Gattung 
als Acanthus-Omament. 

') S. Waagen im Kunstblatt 1850. Wocel im Notizenblatt der Wiener 
Ak. 1852 S. 165, u. in d. Mittheil. d. Centralcommission V (1866) 76. 
Weltmann, Gesch. d. Malerei I, 357. 

^) Auf der Gymnasialbibl. in Goblenz, s. E. Dronke, Beitr. zur Biblio- 
graphie (1837) S. 94 ff. Dominicus, Baldewin v. Lfltzelburg S. 602. 



Malerei. 381 

liebem Humor erfüllte Wenzelbibel in Wien,^) die Statuten 
des Ordens vom H. Geist in Paris.*) Vorzüglich in Frankreich 
entsteht eine Fülle der schönsten Handschriften, und vielleicht 
den höchsten Gipfel reicher und geschmackvoller Ausstattung 
erreicht die Kalligraphie unter dem kunstliebenden Geschlecht 
der Yalois. Als leidenschaftliche Kunstfreunde, welche unglaub- 
liche Summen zur Befriedigung dieser Liebhaberei verwenden, 
erscheinen König Johann (1350 — 1364) und seine Sohne 
Karl V (1364—1380), Ludwig von Anjou, Titularkönig von 
Neapel (f 1384), Vater Ludwigs 11 (f 1417) und Grofsvater 
des Künstlerkönigs Bend (f 1480), Jean de Berry (f 1416) und 
Philipp der Kühne von Burgund (f 1404), Vater Johanns des 
Unerschrockenen (f 1419) und Grofsvater Phihpps des Guten 
(f 1467). Sie verdienen alle genannt zu werden, weil eine 
groüse Zahl der schönsten Handschriften, welche es überhaupt 
giebt, in ihrem Besitz gewesen, in ihrem Auftrag verfertigt 
ist') Die englisch-frtmzösischen £jiege haben wohl vorzüglich 
nur die Folge gehabt, dafs die Kunst sich immer mehr nach 
den Niederlanden zog, wo sie am burgundischen Hofe lebhafte 
Pflege ÜEUid. Von dort stammen vorzugsweise die kostbaren 



>) S. oben S. 372. 

*) Statut de TOrdre du Saint -Esprit au droit d^sir ou du noeud, 
institu^ ä Naples en 1352 par Louis d'Anjou, par le Gomte Horace de 
Viel-Castely Paris 1853. Ganz facsimiliert. S. auch: Jean, Sire de Join- 
ville, Histoire de Saint Louis. Texte original du 14. siäcle, accompagn^ 
d'une traduction en Fran^ais moderne, par M. Natalis de Wailly. 2. ^d. 
mit Facs., Miniaturen etc. Paris 1874. 

') S. Waagen III, 325 ff. u. unten den Abschnitt von den Biblio- 
theken. Wohl nur Silvestre giebt eine Vorstellung von dieser Pracht, 
abgesehen von dem unvollendeten Werk des Grafen Bastard. Doch sind 
auch Westwood und Humphreys zu erwähnen. L. Delisle, Les livres 
d'heures du Duc de Berry. Extr. de la Gazette des Beaux-Arta 1884. 
A. Molinier, Ghap. VII, p. 222 ff. Aus der Sammlung des Bastards Anton 
von Burgund, Grafen de la Roche en Ardennes, natürl. Sohnes Philipps 
des Guten, stammt die Breslauer Handschrift des Froissart, 1468 u. 1469 
hergestellt unter der Leitung David Aubert's, welcher eine grolJBe Werk- 
statt hatte; s. die Beschreibung von Alwin Schultz, Breslau 1869. (Fest- 
geschenk für den Verein der bildenden Künste, in Comm. bei Jos. Max & Co.) 



382 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Grebetbücher der vornehmen Welt, welche jetzt die Sammlungen 
zieren. Ihre Werke waren auch in fernen Ländern gesucht*) 

Besonders beliebt war bei diesen Künstlem das Domblatt- 
muster, engl, wy^pattem, welches die Ränder mit kleinen ge- 
zackten spitzigen Blättern von glänzendem Gk)ld in schwarzem 
ümriTs bedeckt, in ziemlich weitem Abstand von eckigen 
Zweigen getragen, auf welchen allerlei Vögel und andere Thiere 
erscheinen, dazwischen auch Blumen und Früchte.^ Eine an- 
dere französische Mode dieser Zeit besteht in dem feinen ge- 
schachten Grund von Gold und Farben, von welchem die 
Miniaturen sich abheben. 

Die Domblattverzierung schliefst sich noch an die Initialen 
an; nach der Mitte des 15. Jahrhunderts aber wird eine ganz 
selbständige Ausschmückung der Bänder Mode, welche man 
nun auch im Yorrath verfertigen kann (oben S. 372), während 
die Initialen von kleinerem Umfang mit Blattgold und Deck- 
farben geziert werden, die gröfseren am Anfimg der Abschnitte 
saubere Bildchen in sich tragen. Auf den Rändern aber finden 
wir nun lose hingelegte Zweige und Blumen, Erdbeeren, da- 
zwischen Vögel und Schmetterlinge, Käfer und Raupen, ganz 
getreu der Natur nachgeahmt, auch einzelne humoristische und 
phantastische Gruppen und Gestalten. Als Unterlage dafür 
gebraucht man am liebsten das jetzt aufkommende matte Gt)ld.') 



*) So das um 1484 wahrscheinlich für Sixtus IV verfertigte Brevier: 
Facsimile delle Miniature contenute nel Breviario Grimani conservato nella 
Biblioteca di S. Marco, eseguito in fotografia da Ant. Perini con illustr. 
di Franc. Zanotti. Venezia 1862. Der dabei stark betheiligte Gherardo 
soll Gerard David sein, nach James Weale, The Hours of Albert of 
Brandenburg. 

*) S. z. B. Tymms and Wyatt pl. 80. Westwood hat schöne Proben, 
auch St Beissel, Yat. Miniaturen. Bei Labarte, Album 11 pl. 93 ein BUtt 
des Missale von Foitiers, im Besitz der Stadt Paris, gemacht fOr Jacques 
Juv^nal des Ursins als Administrator 1449 — 1457 (1871 beim Aufstand der 
Commune verbrannt). 

') Ein Hauptwerk dieser Gattung ist Le Livre efheurea de la Beine 
Anne de Brekigne (Gemahlin Karls YIII u. Ludwigs XII), traduit du 
Latin et accompagnä de Notices in^dites par M. TAbb^ Delaunay, Paris 
1861, mit Facs. der ganzen Handschrift. Jehan Poyet hatte am Rande 
die Pflanzen aus ihrem Garten zu Blois naturgetreu abgebildet, mit bei- 



Malerei. 383 

Daneben macht sich yorzüglich in Italien der erneute Einflufs 
antiker Vorbilder^ die beginnende Renaissance stark bemerklich. 

So verbreitet und herrschend war in dieser Zeit die Freude 
an bildlicher Ausschmückung, dafs wir sie vom 14. Jahrhundert 
an auch in Urkunden finden.^) In päbstUchen Bullen werden 
die Initialen der ersten Zeile in Sepia reich und geschmackroll 
verziert Zu Bonifaz' IX Beamten gehört 1391 S. de Aquila, 
welcher sich nennt als Urheber schöner Initialen im liber can- 
cellariae.*) Eugen lY erlaubte Zuziehung fremder Schreiber 
nur zu liUeris nominis nostri prime Unee in bullis graiiosis 
pro decore et flaribus ac florüura didarum licterarum,^ Seine 
Bulle von 1439 über die Vereinigung der griechischen mit der 
römischen Kirche auf der Pariser BibUothek (Silv. vol. IH) 
zeigt sogar reichen Farbenschmuck, was sonst untersagt war; 
ähnlich eine Bulle von 1441, die auch in der Schrift gekün- 
stelt ist*) 

In der kaiserUchen Kanzlei finden wir unter Albrecht imd 
wieder unter Karl lY kalligraphisch verzierte Initialen, bild- 
liche Darstellungen in Federzeichnung nur unter Ludwig dem 
Baier, so in der Belehnung des Hochmeisters 1337, in dem 
L den Act der Belehnung. ^) Der Stiftungsbrief der Universität 
Ingolstadt von 1472 im Münchener Nationalmuseum zeigt die 



gefügten Namen. Vgl. Bibl. de T^cole des Ghartes 3. S^rie I, 157 über 
die Preise, nach L4on de Laborde, Sur les lettres, les art9 et Tindustrie 
pendant le 16« si^cle, Introd. p. XXIY. Noch reicher ist das Gebetbuch 
Heinrichs VII von England im Brit Museum; eine Seite bei Noel Hnm- 
phreys. Als ein bedeutender lUuminist, z. B. einer Bibel im Kloster 
Maihingen, wird Berthold Furtmayr in Regensburg (1470—1502) genannt, 
im Catalog des Münch. Nat. -Museums. 

*) Zwei vereinzelte filtere Beispiele s. oben S. 260. 

•) Lindner, Forsch. XXI, 71. 

*) E. V. Ottenthai, BuUenregister Martins Y u. Eugens lY (1885) 
S. 188. Die überragenden, besonders verzierten Buchstaben hiefsen liUere 
eUvate. Winkelmann, Sicilische u. pfibstliche Kanzleiordnungen (1880) 
S. 33 f. 

*) Musöe des Arch. D^part S. 128, pl. 47. 

^) Abb. bei Stacke, Deutsche Geschichte. Andere in den Kaiserurkk. 
in Abbildungen 17 u. 21. Vgl. Schanis, Zur Diplomatik Ludwig dos 
Baiem, München 1894. 



384 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Madonna zwischen dem Herzog Ludwig dem Keichen und dem 
ersten B.ector. Herzog Rudolf IV von Oesterreich ent£altete 
seine Prachtliebe auch in dieser Bichtung.^) 

Besonders geschmackroll sind die Sepiaverzierungen auf 
Urkunden französischer Könige, vorzüglich Karls Y, wovon das 
Mus^e des Archives schöne Proben bietet*) Auch der Vertrag 
zwischen Bischof und Commune von Cambrai 1446 ist reich 
verziert') Ein Diplom Karls YIII zu Gunsten der Signorie 
von Florenz vom 27. Nov. 1494 ist mit schöner und kunst- 
reicher Bandverzienmg versehen, von itahenischer Hand.^) Die 
Schenkung des Mailänder Herzogs Ludovico il Moro an seine Ge- 
mahlin vom 28. Jan. 1494 zeigt die Porträts beider Gatten 
von schönen Arabesken umgeben.^) Sogar ein Bathsprotokoll- 
buch von Kampen, liber piduSy ist mit Bilderschmuck versehen.^) 
Ablalsbriefe liebte man reich auszustatten, in groüser Bücher- 
schrift mit bunt ausgemalter Initiale.'') Wappenbriefe enthielten 
das buntgemalte Wappen. Sogar an den Pabst gerichtete Peti- 
tionen wurden reich geschmückt und mit seinem fiai versehen, 
wodurch man die Sportein der Kanzlei ersparte.^) Zuweilen 
kam es auch bei Urkunden vor, dafs die Initialen nicht ausge- 
führt wurden.*) 

') Arch. d. Wiener Ak. XLIX, 8. Franz Kürschner, Herz. Rudolfs IV 
Schriftdenkmale, mit 2 Schrifttafehi, Mitth. d. Centralcomm. XVII, 71—80. 

^) Karl V 1377 im Mus^e des Arch. d^p. pl. 44. Giry, Manuel de 
Dipl. (1894) S. 605 über frz. gemalte Urkunden. Dupont, Trois chartes ü 
vignettes, mit reichhaltigem Verzeichnifs, Not. et Doc. pour la Soc. d'hist. 
de France (1884) S. 187—218. 

') MuB^e des Arch. d^p. pl. 44. 

«) G. Paoli, Mölanges Julien Havet (1895) S. 571—577. 

*) Im Brit Museum, s. Digby Wyatt p. 44. 

*) Hansische Geschichtsblätter 1874 S. XLVIII. Vgl. auch oben S 87. 

^) So für die Leprosen bei Hagenau, 1345, auf der Heidelberger 
BibUothek. Einen andern von 1496 beschreibt Rockinger S. 208 (U, 37). 
Nordhoff, Ulustr. Urkunden aus Avignon, Archival. ZtBchr. V, 142 ff. 
Mitth. aus d. Germ. Museum (1884) S. 2 mit Abbildung. 

*) 1489 fOr das Frauenkloster Goels. A. Luschin in d. Mitth. d. 
Centralcomm. XVU (1872) S. XLIV. — 1494 für die Nonnen in Inzig- 
kofen, V. Lehner, N. Archiv XIX, 468—473. 

*) Grünhagen in d. Zeitschr. f. Schles. Gesch. XI, 29 von der Lehns- 
auftragung schles. Herzoge an König Johann 1327. 



Malerei. 385 

In Frankreich waren auch Liebesbriefe, Saluts cTamour, 
mit symbolischem Bilderschmuck übUch.^) 

Ohne nun auf die zahkeichen Varietäten der Kunstübung 
einzugehen, auf die Prachtwerke, welche Italien und Deutsch- 
land hervorbrachten, will ich nur noch bemerken, dals vom 
14. Jahrhundert an die Kunst sich auch immer mehr popula- 
risiert Grolse Geschichtsrollen vmrden mit einigen Bildern 
und Massen conventioneller Köpfe ausgestattet') Der Sachsen- 
spiegel wird mit symbolischen Bildern ausgestattet, welche das 
Verständnifs erleichtem, kaum zum Schmuck dienen sollen, und 
deren Typen in die Entstehungszeit des Bechtsbuches hinauf- 
zureichen scheinen.^) Deutsche Gedichte werden fabrikmäfsig 
abgeschrieben und mit sehr rohen handwerksmälsigen Bildern 
versehen/) Bilder aus der biblischen Geschichte zur Erbauung 
und moralischen Anleitung werden frühzeitig durch Holzschnitt 



*) Le Roman de Flamenca, publ. par Paul Meyer (Paris 1865) 
Z. 7096 ff. Vgl. die üebers. u. Anm. des Herausgebers S. 385, u. dess. 
Schrift Le Salut d*amour (Paris 1867) S. 13: Forme ext^rieure des saluts. 
Mitth. von A. Tobler. 

« _ 

*) Albricus sagt: „Petrus Pictavinus cancellarius Parisiorum exco- 
gitayit arbores historiarum veteris testamenti in pellibus depingere.'^ Das 
ist die Historia scholastica. 

*) S. 0. Stobbe, Geschichte der deutschen Rechtsquellen I, 387. 
Schönes Facs. aus der Wolfenb. Hs. bei 0. v. Heinemann, Gat lY (II, 1) zu 
S. 70. Der Sachsenspiegel nach d. Oldenburger cod. picturatus von 1336 her. 
von A. Lflbben, Old. 1879. Von höherem Kunstwerth sind die Miniaturen 
zum Hamb. Stadtrecht von 1497, erl. von Lappenbei^, Hamb. 1845, 4; die 
Bilderhandschrift des Brünner SchÖppenbuches, s. E. F. Roefsler, Deutsche 
RechtsdenkmiUer aus Böhmen und Mähren II, 1852; das Krakauer Stadt- 
buch von 1505, s. Zeifsberg, Die polnische Geschichtschreibung S. 417. 

*) Daran ist die Heidelberger Bibliothek sehr reich. Derselben 
Gattung, wenn auch ein wenig höher stehend, und durch die dargestellten 
Gegenstände höchst interessant, gehört Ulrich von Reichenthal's Buch vom 
Costnitzer Concil an, welches bei A. Bielefeld in Garlsruhe in farbiger 
photographischer Nachbildung erschienen ist. Andere photogr. Ausg. bei 
Grackler in Leipzig 1895 (1100 M.). lieber dieses, und die Richtungen 
der illustrierenden Kunst im 15. Jahrh. verweise ich auf die Arbeiten von 
Rud. KautzBch, Einleitende Erörterungen, Die Hss. v. Richentals Chronik 
(Zts. f. Gesch. d. Oberrh. N. F. IX) u. Dieb. Lauber, im Centralbl. f. Bibl. 
Wesen XH. 

Watten bAch, Schriftweien. 3. Aufl. 25 



386 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

vervielfältigt und grob angemalt. Dergleichen Schmuck ist noch 
in den alten Drucken sehr häufig; die feinere Kunst aber trennt 
sich vom Gewerbe, und was auch nach den ersten Jahrzehnten 
des 16. Jahrhunderts noch mit Aufwand verfertigt wird, hat 
nur selten den hohen Kunstwerth, niemals den ganz eigenthüm- 
lichen anmuthigen Beiz der mittelalterUchen Kunst Schon 
1493 schreibt ein Sieneser Miniator:^) ,,De Tarte mia non si 
fa piu niente, Tarte mia e finita per l'amor dei libri che si fanno 
in forma che non si miniano piu.^' Doch weist andererseits 
auch A. Molinier die noch lange bleibende Vorhebe für schön 
geschriebene imd gemalte Bücher nach. 

3. Einband. 

Die alten KalUgraphen schrieben nicht nur fiir Bücher auf 
losen Lagen, sondern auch für Bollen auf einzelnen Theilen, 
die erst nach der Vollendimg von den glutinatores an einander 
geleimt, oder, wenn es Pergament war, zusammengenäht wur- 
den.*) Von der öupd-iqa, welche den Bollen als Einband diente, 
ist schon oben S. 156 die Bede gewesen. Hesychius hat unter 
q)BXX6qj Kork, auch die Bedeutung xmv ßtßUcov e^co&sv oxi- 
jtaOfia, EigenthümUche Einbände mit überschlagenden Zipfeln 
zum VerschKefsen, besonders wohl für amtliche und Bechnungs- 
bücher, sieht man in der Notitia Dignitatum z. B. I, 48. 49. 
115. 116. n, 59. 60; dieses letzte Blatt gröfser und farbig in 
Libri's Mon. In^dits pl. 54. Man erkennt sie wieder in dem 
codex ansattis eines Bömischen Beamten in einer sardinischen 
Inschrift, der urkundUche Geltung hatte. ^) Auch Purpurstoffe 
wurden zum Einband verwandt: tQla rvxixä öcofiorcoa ajro 
ßXatrlcop Ivösövfiiva.^) Von einer Fälschung des Photius heilst 



^) Lecoy de la Marche S. 236 aus Gaye, Garteggio d'Artisti I, 267. 

") Vgl. oben S. 99 u. 175. G^raud p. 86. Lucian Alex. c. 21 erwähnt 
die xolXa y xoXXwat xa ßißXla. In einer Herculan. Rolle xoHi^fjuxta 
aeklSwv. Nach Ritschi u. Mommsen im Hermes II, 116 entsprechen die 
oeUÖBq oder pagincLc den einzelnen Papyrusblättem, was ich mit Birt be- 
zweifele. 

') Th. Mommsen im Hermes II, 115—122. 

*•) Montfaiicon, Palaeographia Graeca p. 18. 



Einband. 387 

es in den Acten des Concil. Const IV. a. 869: afnpuvwoi 
6\ xal XTVxalg JtaXaioxaxaiq ix jtakaiordrov ßißXlov d^ai- 

QOVflBVOg,^) 

In späterem Griechisch hieisen die Buchbinder Oraxoxaösq, 
der Einband öTdxtofia, einbinden öraxoiveiv,^) 

Cassiodor übergab dem von ihm gestifteten Kloster auch 
Buchbinder^ und zugleich gezeichnete Einbände zur Auswahl, 
ein merkwürdiges Zeugnifs für die hohe Ausbildung auch dieses 
Gewerbes in römischer Zeit: His etiam addidimus in codidhus 
cooperiendis doctos artifices .... Quibus multipUces species 
fadurarum in uno codice depictas ni fallor decenter expressi- 
mus, ut qualem maluerü studiosus tegumenti formam ipse sibi 
possit eligere. In den folgenden Jahrhunderten werden Buch- 
binder wohl kaum genügende Beschäftigung gefunden haben, 
da die Geistlichkeit auch diese Kunst selbst besorgte, wenn 
auch nicht immer eigenhändig. Das Kloster St. Biquier hatte 
im 9. Jahrhundert seine eigenen Lederer dazu in der Villa 
S. Richarii: Vicus scutariorum omnia voluminum indumenta 
iribuUj conficU, consuü. vald 30 solidos.^) In einem Cod. 
saec. Vn. der alten Cölner Bibliothek findet sich der eigen- 
thümliche Ausdruck Sigebertus bindit libellum,^) 

Alcuin schrieb 800 an die Bischöfe, welche nach Spanien 
gingen, als er ihnen seine Schrift gegen EUpant schickte: 
Bind quoque vobis honerosum non videatur, ut jubeatis ligare 
et invölvere et in tnodum unias corporis componere as'') qua- 
temiones, ne forte sparsi(m) rapte dispergantur per manus 

*) ManBi, Coli. Concil. XVI, 284. 

■) Oben S. 353. Du Cange s. v. Montf. p. 40 svatdxioasv für cow- 
pegit vom Jahre 1406. Im Catalog der Athosklöster ist viel der Art. Auch 
über Prachtbande bei W. Kissen, Die Diataxis des Michael Attaleiates, 
S. 83 £f., doch bleibt die Deutung der einzelnen Ausdrücke zweifelhaft 

•) Mabillon Actt. IV, 1 p. 100 ed. Ven. 

*) Pertz' Archiv VIII, 111. Eccl. Colon, codd. p. 93. Vgl. for heande 
(angelsächsisch) Neues Arch. II, 434. Auf dem ältesten Repertorienband 
des Cölner Stadtarchivs von 1406 ist eingeprefst: Van Oranenberch Dey- 
derich der bant mich. Mitth. aus dem Stadtarchiv X, 4. 

*) D. i. heu statt hos. So steht es in der einzigen Handschrift 

26* 



388 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

legentium.^) Florus von Lyon schrieb 838: ,^ovi88ime nunc 
noviun digessit volumen (Amalarius) et apud Lugdunum omate 
indui ac vütis serids distingui fecit.') In einer Cassineser 
Handschrift saec. XI. steht: Ego fraier GciUerius relegavi istum 
librum, JRogo ui amnes qui legitis orate pro tne.^) In einer 
Zwetler von 1321: 

Uhicus scripsit, Hermannus (me) quoque pinxit, 
Gri£fo conjunxit, libris aliis sociavit^) 

Von anderen Ausdrücken , deren verschiedene uns noch 
begegnen werden, führe ich nur noch an aUigare mit der Va- 
riante allegare für anbinden; Martin von Troppau braucht es, 
wo er für die gedrängte Kürze seiner Chronik den Grund an- 
giebt, dafs die Theologen sie der Historia scholastica, die Ca- 
nonisten den Decretalen könnten anbinden lassen.^) In den 
von Eockinger gesammelten Stellen ist iUigare der gewöhnliche 
Ausdruck,*) einmal S. 206 incorperiren (a. 1499).'') 

Fähen für das Zusammenlegen der Bogen, mit falten ver- 
wandt, kommt schon früh vor, und im Stralsunder liber pro- 
scriptorum (edd. Francke et Frensdorff) S. 57 bedeutet transfcd- 
catum unser verbunden. Letzteres wird Griechisch bezeichnet: 
rsTQüöia ivTjXZaYfiiva rjyow jtoQaredTjfieva (Lambros, Catal. 
d. Athoskl. S. 276). 



>) Jaff^, Bibl. VI, 543. Frob. I, 862. Mon. Germ. Ep. IV, 364. 

') Mansi XIV, 665, nach der Hs. verbessert von Dümmler. Das sind 
wohl die fittuccie di seta ro88a, bianca etc., die, wie Th. v. Sickel mir 
mittheilt, in den alten Repertorien des Vat. Archivs häufig vorkommen, 
Bänder zum Schliefsen der Handschriften. 

•) Caravita II, 69. 

*) Czemy, Bibl. von St. Florian S. 32. 

^) Monumenta Germaniae SS. XXII, 397. 

*) Cod. Tegems. 19852 in München : a. 1494 tUigavü fraier Johannes 
conv€T9U8 nomine der witzig Hanns, et fwt primus libeUus in quo dididt 
iUigare. 

^ Auch 1502 6 den. für ain plab, kauft Monade ad incorperan- 
dum, wird wohl auf den Ankauf von blaugefärbtem Pergament zum Ein- 
band zu beziehen sein. Rockinger S. 207 (II, 41). Ein spanischer Aus- 
druck ist enquadernado, N. Arch. VI, 377. 



Einband. 389 

Frühzeitig schon kommen eigene Stiftungen für die Ein- 
bände der Bücher vor. Karl der Grofse schenkte im Dec. 774 
an Saint-Denis einen Wald mit der Jagd auf Hirsche und Rehe, 
ex quorum eoriis Ubros ipsias sacri loci cooperiendos ordina- 
vitnuSj^) und gestattete im März 800 dem Kloster St Bertin 
die Jagd tarn ad volumina Ubrarum tegenda quam ad manicias 
ei 0ona8 faciendas.*) 

Den Karthäusem schickte der Graf Wilhelm von Nevers 
aus Bewunderung ihrer strengen Zucht Gold und Silber zum 
Geschenk; da sie aber das zurückwiesen, bäum tergora et per- 
gamena plurima retransmisü, quae paene inevüäbüiter ipsis 
necessaria esse cognovü.^) Hoel Graf von Comouaille (f 1084) 
sah einst in der Kathedrale von Quimper auf dem Altare ein 
Buch ohne Einband, dessen Blätter sich ablösten; da schenkte 
er zum Einband der Bücher die Felle der auf seinem Gut 
Quiberon getödteten Hirsche.^) 

Oft besorgten die GeistUchen den Einband selbst In dem 
schön geschriebenen Sanctgaller cod. 260 aus dem 9. Jahr- 
hundert steht: Monachi Wichrammi monüis Hartpertus ecce 
diaeonus omavii thecam hanc, 

Te precor, o lector, cum sumpseris ipse Ubellum hunc^ 
Tunc tu bis ambobus die miserere deus.^) 

Im 12. Jahrhundert wurden an den Mönch Ludwig in 
Hautmont die Verse gerichtet: 

Est a te scriptus hie codex atque Ugatus, 

Unde tuis aliis sit scriptis annumeratus, 

Nee figas metas, tua scribere dum valet aetas.^ 



>) MfiUbacher 171. 

•) Mühlbacher 344. 

') Guibertus Novig. de vita sua I, 11. Opera p. 468. 

^) Bibl. de r£oole des Ghartes 5. Sörie III, 40 aus Dom Morice, 
Prenves de l'histoire de Bretagne I, 378. 

*) Scherrer'g Verz. der Stiftsbibl. S. 98. 

') Der Schlafs eines hflbschen Gedichts in Pertz' Archiv XI, 2, vgl. 
Berl. SB. 1895 S. 125. 



390 Weitere Bcimndlung der Schriftwerke. 

Ein Buch aus Neuwerk bei Halle sagt: Ora pro anima 
Michaelis, qui me contexuü a. d. 1363.^) In einer deutschen 
Sammlung von Heiligenleben von 1460 steht: Schrpber und 
hinder dis huches Cunrat Sauer, der denn freilich schwerlich 
ein Mönch war.*) 

Der Bischof Otto von Bamberg verstand sich selbst auf 
diese Kunst; als Hofkaplan bei Heinrich lY bemerkte er, dafs 
dessen Gebetbuch manuäli frequeniia rugostis et admodum oh- 
fuscatus erat, Quod pius Otto cemens, absente imperaiore, 
vetusto codicem involturo despoiiavity et novam mercatus peUem 
eumque decenter cooperiensy loco suo reposuit.^) 

Merkwürdig ist die Verfügung, welche 1156 der Abt 
Robert von Yendöme traf. Es bestand nämUch die Gewohnheit, 
dafs quando aliquem librorum ligari oportebat, der P. Keller- 
meister und der Kämmerer die Ausgaben trugen. Da sie sich 
aber über ihren Antheil zu streiten pflegten, lünrorum ordo 
negligebatur , nee novi fiebani, nee ut deeebat veteres corrige- 
bantur,^) Deshalb verordnet nun der Abt, dafs alle Zellen 
des Klosters einen genau bestimmten Zins für das armarium 
bezahlen sollen. Die Insassen der reicheren Klöster gaben sich 
damals mit solchen Arbeiten nicht mehr ab, doch mag es immer 
noch häufig genug vorgekommen sein; auch hatte man für 
Handarbeiten Laienbrüder, wie denn in Kremsmünster noch 
im vorigen Jahrhundert ein Laienbruder die Bücher gar säuber- 
Uch und gleichmäfsig in weilses Leder gebunden hat In Nien- 
burg a. S. wurden unter dem Abt Dietmar (seit 1456) die 
Manuscripte von Conversen eingebunden.'^) In einem Officiale 
des Predigerconvents von Nürnberg ist mit bewegUchen Typen 
auf den Einband gedruckt, dafs Bruder Conrad Forster von 
Onolspach es 1436 gebunden habe, und auf die Bückseite, dafs 

') Naumann, Gatal. bibl. Sen. Lips. p. 45 mit lia statt cmmOf was 
mir durch F. Zarncke freundlichst berichtigt ist 

•) Cod. S. Galli 602 in Scherrer's Verz. S. 193. 

•) Ebonis Vita Ott Bab. I, 6. Jaff6, Bibl. V, 694. 

*) Martene, Thes. I, 445. 

*) Dr. ZurboTg im Zerbster Gymn. Progr. 1879. 



r 

1 



Einband. 391 

genannte Schwestern vom Katharinenkloster das Buch ge- 
schrieben haben.*) 

Um Gottes Willen band ein armer Bruder ein frommes 
Buch von 1428 und schrieb dazu: Unde biddet ook omme godes 
foülen voer enen armen broder, de dyt boeck van mynnen ghe- 
bunden heft. Vorher geht die längere Unterschrift des Schrei- 
bers, welcher aller guten Früchte, die jemand durch Lesen in 
diesem Buche gewinnen möge, theilhaftig zu werden hofft; er 
bittet es gut zu verwahren, tvanttei cranc van stove is,^ ende 
men niet lichtdike tuten hties en laene in toerliker lüde hctnde, 
toent sie queUke pleghen die boeke te waren. 

Förmlich gewerbsmäfsig betrieben die Brüder vom gemeinen 
Leben, wie alles was zur Erzeugung von Büchern gehört, so 
auch die Buchbinderei. Ihre B^geP) verordnet c. 14 de liga- 
tare: CoUigandis libris deputabitur unus a redore^ sub cujus 
respedu erunt amnia instrumenta ad ligaiuram requisita. Hie 
erit cum procuraiore solicüus pro asseribus, corio et orichalco, 
et ceteris ad officium necessariis, tU scüicet debito tempore 
emantur et disponantur, Libros ligandos a scripturario recipiet, 
ligatosque eidem restituet, qui pretium laboris pro eisdem rece- 
ptum procurcUori repraesentabU. Bruder Godfrid, der von 
Hervord kommend in Hildesheim 1444 das Haus auf dem 
Maria Leuchtenhofe gründete, beschäftigte sich inzwischen mit 
Buchbinden; die neue Congregration hatte bald wegen des 



*) Klemmsche Sammlung. Ebenso später auf einem grolsen Brevier 
in 2 Folianten, daCs Frau Anna Grumpergerin den Wintertheil 1446 ge- 
schrieben hat, den Sommertheil Margaretha Karteuserin ebenda 1452. 
Anz. d. Germ. Mus. XXIX, 75. Auf dem Nördlinger Privilegienbuch ist 
aufgedruckt: Libertarius hals ich. Klaus Ramung zu machen schafet mich 
a. d. moccdxYiii. Beyschlag, Beitr. z. Kunstgesch. y. Nördlingen lY (1800) 
S. 8—10. 

*) Heilst das: empfindlich gegenüber dem Staub? Die ganze In- 
schrift steht in der Tydschrift voor Nederl. Taal- en Letterkunde IX (1890) 
S. d06. — Im Gatal. codd. Monac. II, lY, 57 aus einem Brerier saec. XYI. : 
Sprecht der schreiberin ein Ave Maria. Dem pintter auch so vü und ein 
gutz Jar. 

*) Serapeom II, 186 aus Miraens. Vgl. auch Moll, Kerkgeschied. 
II, 2, 322. 



392 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

grofsen Bedarfe an Büchern, welchen die in den sächsischen 
Klöstern eingeführte B^formation hervorrief, viel zu ihun, und 
verdiente mit Schreiben und Einbinden über tausend Gulden.^) 

In Folge dieser Reform erwachte in vielen Klöstern neue 
litterarische Thätigkeit, so in St Peter in Erfurt, wo Nicolaus 
von Siegen 1495 einen der Mönche als ligator libramm be- 
zeichnet') Vorzüglich zeichnete sich auch das Stift St Ulrich 
und Afra in Augsburg aus, wo der Abt Melchior von Stamheim 
1472 eine Druckerei begründete, um die Brüder zu beschäftigen, 
ne essent odosi, scü. comparando tales libros^ simüüer corrir 
gendOj rubricando, üligando etc,^) Von 1490 bis 1494 wur- 
den 63 rheinische Gulden ausgegeben pro ligandis libris necnan 
datASuris et cdiis necessariis ad eosdem libros. Der Buchbinder 
aber war Nicolaus, ein Augsburger Bürgert) 

Tako, der im An£ELng des 16. Jahrhunderts Prior in 
Mariengaarde war, schrieb viele Bücher selbst, und als er Abt 
geworden war, miethete er einen weltUchen Schreiber, um die 
Brüder im Schreiben zu unterweisen, wozu er sie dann antrieb. 
Hie eciam libros conventuales retro carbones abjedos in camera 
sacriste süb tedo stülante jacerUes recollegü et rdigavit ac dau- 
surcts et nova coopercida Ulis circumdedit. Einen Bruder 
schickte er aus, um das Buchbinden zu lernen.^) In Nörd- 
lingen band 1425 Caspar Fristinger für Geld, 1472 ff. zwei 
Kapläne und 1481 ein BarfuHser für Qteidy 1490 auch ein Jude; 
1516 erscheint in den Steuerbüchern der erste Buchbinder.^ 

Im Jahre 1442 wurde ein schon 1365 geschriebenes Buch 
von dem Schulmeister (rector parvulorum scolarium) an der 
h. Kreuzkirche in Nordhausen eingebunden.^) 



') Jo. Busch de reformat. monast ap. Leibnit II, 855; ed. Grube 
S. 546. 547. 

*) Thür. GeschichtsqueUen II, 501. 

W. Wittwer, Gatal. abb. SS. Udalrici et Afrae, in Steichele's 
Archiv f. Gesch. d. Bisth. Augsb. HI, 265. 

*) Ib. S. 369. 

■) Gesta abb. Orti S. Marie p. 257. 

•) Beyschlag, Beytrilge IV, 18—20. 

^ G. Schmidt, Halberst. Osterprogramm 1878 S. 7. 



Einband. 393 

Natürlicher Weise kam mit dem Bürgerstand auch die 
Buchbinderei als bürgerliches Gewerbe empor; in Florenz schon 
seit dem 13. Jahrhundert.^) An den ümyersitäten hatten sie 
an den Privilegien Antheil, und zu den 17 lieeurs de Uvres^ 
welche in der Pariser Steuerrolle von 1292 genannt werden,*) 
sind wohl noch andere mit clericaler Inmiunität versehene zu 
zäMen. In Cök sind sie um 1300 nachzuweisen, in den Prager 
Stadtbüchem werden sie häufig genannt,') und so erscheinen 
sie nach und nach überall. In Wien nennt sich 1431 auf 
einem schönen geprefsten Lederband mit dem österreichischen 
Wappen Petrus ligator,^) Paulirinus sagt in seinem liber ar- 
tium (S. 147): Ligator est artifex habens ligar^i libros in 
cisseres peridam. Quos cum cavaverit, vel corigia (sie), quibus 
sextemi sunt inligati, fortiter innectit asseribus, quos pro omatu 
et utilitaie cute circumducit et orbtcularibus (puMann, BucJcelnJ 
tenaculis (eawienke) fimuxt. cujus instrumenta sunt asseresy 
torctdar, eona, corigia, i/ntextorium^ maleollus et alia huic arti- 
fici cognita. Eii^e grofse Menge von Geräthschaften wird auf- 
gezählt in dem Inventar der Buchbinderei des Klosters Michels- 
berg von 1483, N. Archiv XXI, 192. Richard de Buiy hatte 
immer eine Anzahl coUigatores in seinem Dienst Manche davon 
mögen Schüler gewesen sein, die nicht genug gelernt hatten, 
da ein Anflug von Bildung doch auch dem Buchbinder wohl 
ansteht; angerathen wird dieser Beruf in einem alten Gedicht:^) 

Adhuc sunt officia finictuosa satis, 
Que bene conveniunt parum htteratis: 
Ligare psalteria, quod non fiet gratis. 
Hoc opus exterminat onus paupertatis. 
littera parva satis dat victum officiatis. 

, In den fabric rolls der Domkirche zu York ist 1395 ein- 
getragen: Roberto bukebinder pro ligaiura unius magni gradu- 



») C. Paoli, Progr. scol. II, 115. 

*) H. G^raud, Paris boub Philippe-le-Bel (1837) p. 519. 

') Palacky, Böhm. Gesch. HI, 1, 188. 

*) N. Archiv IV, 332. 

') Peiper in d. Zeitschrift f. deutsche Philol. V, 183. 



394 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

alis pro choro ex convendone facta decem solidos. Eidem pro 
quatnor pdlibus pergameni pro eodem custodiendo viginti de- 
narios. Eidem pro wna pelle cervi pro coopertura dicH libri 
tres sol. duos denarios.^) 

Jacob von Königshofen zahlte 1397 för Bechnimg des 
Capitels von St. Thomas in Strafsburg 2 livres 14 sols pro 
bappiro ad libros instrumentorum et pro pergamenOy unde zuo 
ieslahende unde zuo bindende.^) Ein Rechtsbuch der Heidel- 
berger Bibliothek hat die Unterschrift: scriptum a. 1465 per 
me Älbertum Schwab, Simüiter et itUigatum.^) Ein gewisser 
Hans Dinnsteyn, von dem ebenfalls nur der Name bekannt ist, 
besorgte 1471 ein Buch von den sieben weisen Meistern ganz 
allein: 

Der hait es geschreben vnd gemacht, 
Gemalt, gebunden vnd ganz follenbracht*) 

Man nannte den Einband auch copert.^) Emstinger in 
seinem Baisbuch S. 180 berichtet von Godesscalcs Evangeliar 
in St. Semin: ain aUes Evangelibuech von pergame mit gülden 
und süberin buechstaben geschriben, das copert ist alles von 
säber und verguU mit edlgestain versezt, diss buech soll kayser 
Carl, der grofs genent, schreiben lassen und also zuerichten. 
Und S. 220 in Saint-Denis: bede bischer mit ganz gülden co^ 
pert und vast alt. 

In dem Begistrum episcopi Prüzlai inceptum a. 1368 in 
Breslau ist eingeschrieben introligalum 1475. Ein Jahrhundert 
lang hatte es sich ohne Einband behelfen müssen.^) Das kam 
sehr häufig vor, und man erkennt die Spuren davon an den 



^) D. Wyatt p. 37 aus der Ausg. von James Raine, Durham 1859. 

*) Charles Schmidt, Histoire du Ghapitre de Saint-Thomas p. 112. 

") Wiiken S. 375. Homeyer n. 319. 

*) Kirchhoff, Handschriftenhändler S. 118 aus v. d. Hagen u. Büsching, 
Literar. Grundrifs S. 307. 

*) Cölner Archiv -Invent. von 1500: in pergatnent coopertoriMn gt- 
Imnden. Mitth. a. d. Stadtarchiv X, 9. In Neapel coperta üblich, Mittfa. 
d. Inst IV, 453. 

•) Cod. dipl. Silesiae FV, 14. Bei Paulirinus im über artium: Intro^ 
ligentur ante iheologicam. 



Einband. 395 

abgeriebenen Aufsenseiten,^) auch wohl an fehlenden Lagen, 
wie in der Benedictbeuerer Abschrift saec. Xu. der Chronik 
des Leo von Ostia, wo sie im 15. Jahrhundert ergänzt sind. 
Li einem Liventar des 13. Jahrhunderts aber steht: X.VI 
coiemuli de Morde Cassino.*) Nach alter Weise, die im 
9. Jahrhundert noch die Begel bildet und bis ins 12. vor- 
kommt, liels man deshalb, imd überhaupt zu besserer Schonung, 
die erste Seite frei, und begann auf der Rückseite des ersten 
Blattes.«) 

Li einer Decretensammlung des 12. Jahrhunderts aus Wein- 
garten steht: Ä. d. 1338 ligatvis est iste Über, quem fecU ligari 
dominus Johannes de Merspurg 0. 8. B. in Wingarte. Li 
Folge dieses langen Zwischenraumes sind mehrere Blätter ver- 
loren, andere verbunden.*) 

Die alten Verzeichnisse erwähnen sehr häufig ungebundene 
Bücher, die noch in quatemümibuSy^) in qtuxternis, sextemis^) 
sind, viex caier sans ais,'^) und dergleichen. Die zuletzt be- 
zeichneten können immerhin geheftet gewesen sein, nur noch 
sine (isseribtis, aber durch ein Pergamentblatt geschützt Diese 
einfachste Art des Einbandes, in welcher viele Bücher, vorzüg- 
lich urkundlichen Lihalts, sich bis auf unsere Zeit recht gut 
erhalten haben, ^) bezeichnet eine englische Berechnung saec. 

*) In der Doppelchronik von Reggio, Dove S. 19; zwischen den Le- 
genden, Dramen u. Gesten der Hrotsuit, Koepke, Ott. Studien II, 239. 

•) Mon. Germ. SS. VII, 556. 

*) So der Cod. Theodosianus, Oegg, Korogr. v. Würzbuig S. 301, 
und die alten COlner Codices. 

*) Schulte, in den SB. d. Wiener Akad. LXV, 601. 624. 

*) Häufig in dem alten Sanctgaller Catal. saec. IX. in Weidmannes 
Gesch. d. Bibliothek. 

") In der Heidelberger Bibliothek 1438 Sermones facti in concüio 
Conatanciensi in sexternis nondum ligcUis, Erwähnt bei Wilken S. 103. 

^) Dieser und ähnliche Ausdrücke oft in dem Verz. der Bibl. im 
Louvre von Gilles Mallet 1373. Vgl. oben S. 362. Der Decan der Artisten - 
facult&t in Greifiswald liefe 1456 das Decanatsbuch einbinden: habebcUwr 
namque antea quasi aparsum in sexlernis, indignum hoc arbitrans atque 
dedecus facfdtaiia. Th. Pyl, Die Rubenow- Bibliothek S. 134. 

*) So die alchymistische Handschrift Genn. 597 saec. XV. in Heidel- 
berg, gleichzeitig in ein verworfenes Urkundenconcept gebunden, welches 



396 Weitere Behandlung der Schriftwerke. ''^^^C^^^^' 

y Ohi/vli^ ^ ^(ß/)/ttt^ ^ V(r(> C/y^yUi^^ ? ^ yZ^. 

Xm.: ad ponendum in corrigiis unum denarium, in percameno 
öbolum.^) Angelus Politianus geht auf die antike Ausdrucks- 
weise zurück, indem er in seinem Theokrit bemerkt:^) Emi solu- 
tum lib. 6, lora vero, umbilici, tdbdlae, coriutn, bibliapöla con- 
stüerunt lib. 2 sol. 6. Hier scheint der Buchhändler zugleich 
Buchbinder gewesen zu sein, was nicht selten vorkommt. Die 
Placentiner Chronik kostete 1295 inter cartas et scripturam et 
(id ponendum in cksseribus lihras quatuor et sei. sex tremissem^) 
Für cisseres findet sich auch aleve im luTentar der Bibl. 
Cisi von 1336;^) es ist identisch mit den von Agnellus Bay. 
erwähnten alapae librorum. 
>- Um die verschiedenen Theile eines Werkes oder die in 
einem Bande vereinigten Schriften leichter auffinden zu können, 
pflegte man am Anüang dei*selben Pergamentstreifen zu be- 
festigen, welche aus dem Schnitt hervorragen.^) Auch hatte 
man Schnüre oder Bänder, wie noch jetzt, um eine Stelle wie- 
derfinden zu können; diese hiefsen Register. Sie finden sich 
z. B. im cod. Colon. 127 (Catal. p. 53). Alexander Neckam 
sagt S. 116: habecU etiam registrum, mit der Glosse cordula 
libri, und Ebrard von Bethune im Graedsmus: 

Esse librum librique ducem die esse registrum. 

Dazu fuhrt Du Cange die Glosse an: Begistrum, corda in libro 
ad inveniendum lectionem. Ebenso heifst es in dem oft er- 
wähnten alten Wörterbuch:^) Begistrum, register vel buch 

am Rücken durch einen breiten Lederstreifen verstärkt ist Fäden, an der 
einen überschlagenden Decke angebracht, lassen sich an Knöpfen befestigen. 

^) KirchhofT, Handschriftenhändler S. 11 aus Coxe, Gatal. codd. 
^ Oxon. II, 36. 

*) Ib. p. 31 aus Bandini, Godd. graeci ü, 205. 

') Mon. Germ. SS. XYIII, 405. Pertz liest fälschlich in assibus. 

*) C. Paoli, Progr. scol. II, 116. 

") Dafür hat R. Kautzsch den Ausdruck miaericordia, der aber mittel- 
alterlich nicht zu belegen ist. Das auiricuJatwn bei Ewald u. Loewe, 
Exempla codd. Visigoth. p. 8 e cod s. YIII. muTs die Auszeichnung einer 
Stelle zum Auffinden bezeichnen. 

*) Serapeum XXIII, 279. Dunkel sind die Ausdrücke ad ligaturam 
libri privüegiortm pro pergameno, subera et cOrimento 4 t bei v. Still- 
fried, Heilsbronn S. XVIII um 1360. 



Einband. 397 

schnür, in proposüo est eona vd muUitudo gonarum interpo- 
sita foliis quaiernorum ut scriptura quae quaerüur cUius in- 
veniatur et fctcüius inveniri possü. Dann folgt die Beschrei- 
bung eines Registers in der gewöhnlichen Bedeutung. Sehr 
treffend ist der Ausdruck im Yocabularius optimus: reistrum 
Tcersnuor, Meister Eberhard in Zug gab 1485 22 Schilling 
für sidin bendd, die ich in die drü grofsen hüecher gdeU han 
tmd 4 s, ee machlon knöpfen.^) 

In französischen Verzeichnissen, wie in dem von 1373 über 
die k. Bibliothek im Louvre, spielt eine grolse Rolle die pippe 
oder pipe von Gk)ld und edelen Steinen, welche zu den An- 
dachtsbüchem der vornehmen Welt gehört; vermittelst der 
daran befestigten Lesezeichen dient sie zu demselben Zweck, 
wie jene einfacheren Schnüre. •) Im Inventar des Herzogs von 
Berry von 1416 erscheint öfter die pippe garnie de seignatdx, 
seigneaux de pltisieurs soyes,^) 

Bekannt sind die starken alten Einbände von festem Holz, 
ganz oder theil weise mit Leder, ^) zuweilen auch mit Seide und 
Sammet überzogen, und mit metallenen Beschlägen und Schlie- 
fsen versehen. Letztere heifsen fibuUie, fermoers, fermauyers, 
fermeaux. Wenn nun in einem Heidelberger Yerzeichnifs 
von 1438 davon dausuras unterschieden werden, ein Buch 
deren vier hat,^) so müssen wir darunter die Beschläge an den 

^) Geschichtsfreund der 5 Orte 11, 96. 

^ une pipe au twfau d^or ä towmer les feiMets, Delisle, M^langes 
p. 300. 

') Lacoy de la Marche S. 340: deux himtons d*argent powr tenW 
les riaülx (signets^. 

*) Anweisungen zum F&rben von Leder u. Pei^gament zu diesem Zweck 
bei Rockinger S. 205 (II, 39). Diese Uebung erhielt sich bis ins vorige 
Jahrhundert 

') Wilken, Gesch. der Heidelb. Büchersammlungen S. 98 führt nach 
Kremer, Hist. et Gommentatt Soc. Palat. I, 406 ff. aus einem Verzeichniüs 
von 1438 ein Werk von Nicolaus de Lyra an: in aaseribus cum serico 
viridis coloris superductis dauswisque (et) fib^dis argenteis et deauraüs. 
Ein anderes Werk von Lyra ist in pergameno et ctsser^HM cum coopertorio 
viridis coloris et clausuris simplicibus sine fibulis. Solche Stellen sind 
darin häufig. Auch bei Rockinger S. 207 (II, 41) 1491 pro fibulis et 
dausuris lil^rorum 3 s. 6 d. Daselbst ist aus Rechnungen viel zusammen- 



398 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Ecken verstehen. Kostbar genug waren diese Einbände; 
Meister Eberhard in Zug hatte 1480 zu verzeichen: H, Hans 
min helfer het mir kouft mo Zürich beschlecht uf biiecher um 
1 gülden. Ferner an denselben 1 duggaten, da er etw Zürich 
koufie dausuren und läder, die gesang hüecher in ee binden.^) 

Das Kloster Fulda erhielt im 12. Jahrhundert ein Bücher- 
geschenk von dem Kellner Tuto, darunter einen CoUectarius 
cum coopertorio piscino.^) Bei Valentinelli im Catalog der 
MarcusbibUothek IV, 31 ist ein Bücherverzeichnifs aus dem 
15. Jahrhundert, in dem wiederholt die Ausdrücke vorkommen 
ligaium cum fundello rubro, albo, sine funddlo conscripto. 

Zuweilen kommen alte Einbände vor, bei denen die Leder- 
decke überhangende Zipfel hat, um das Buch vor Staub und 
Schmutz zu schirmen.*) Vielleicht erklärt sich dadurch, was 
in dem Inventar von Gilles Mallet häufig vorkommt: couverte 
de soie a queue, de cuir a queue. Oft greift der obere Deckel 
nach Art einer Brieftasche über, und läfst sich mittelst eines 
Knopfes befestigen, oder er ist auch mit einem Schlöfschen ver- 
sehen, wie wir gleich sehen werden. 

Auch die äufseren Deckel wurden zuweilen mit Bildern 
geschmückt, wie namentUch in Siena (s. oben S. 192), und sehr 
gewöhnUch war es, einen Zettel mit Inhaltsangabe darauf an- 
zubringen, der mit durchsichtigem Hom bedeckt war. In der 
Bibliothek im Louvre wird n. 36 beschrieben: Garin de Mon- 
glaue, ryme, escript en ij coulombes, et sont les aiz ystoriez 
par dehors, et couvert de come, de quoy an faü les lanlemes. 



gestellt; häufig ist gesmeydy getmaydspangen, einmal S. 208 püchd. Auf- 
fallend ist S. 206 der Eintrag von c. 1320 pro ienacuLia et elaeibus zu 
einem grofsen Graduale 3 Schilling, üeber tenaculum s. oben S. 273. An 
Prüm schenkte Kaiser Lothar htbliothecam (eine Bibel) cum imaginüius 
et majoribus characteribus in voluminum principiis deawrati8f nee non 
et seraculis cum ccUenulia argenteis deawratis. Beyer, Mittebhein. ÜB. 
I, 717. 

^) Geschichtsfreund der 5 Orte IT, 100. Beachtensverth ist die genaue 
Berechnung der Herstellungskosten eines Buches im Anz. d. Genn. Mus. 
XXIII (1876) S. 15 aus einer Hs. saec. XV. in Maihingen. 

«) Dronke, Cod. Traditionum Fuld. n. 72 p. 150. 

') Eccl. Colon, codd. p. 53. 55. 



Einband. 399 

Eine Handschrift, welche Fehmgerichtsachen enthält, trägt 
auf beiden äuTseren Seiten der Pergamentdecke die Au&chrift: 
Hie iwne sal nyemandes lesen dann eyn Frye Scheffen^) Auch 
auf einem alchymistischen Buch (cod. lat Monac. 405) steht: 
ist vorbothen lesen. Aber man wufste sich auch besser zu 
schützen durch verschUefsbare Einbände. So war der Songe 
du Verger, auf K. Karls Y Veranlassung gegen die weltliche 
Gewalt des Papstes in Frankreich geschrieben, in der Bibl. des 
Louvre n. 204 un Uwe fermant a defy couvert de cuir ver- 
meü. Dagegen war dasselbe Buch n. 245 u. 246 offen, couvert 
de soie a queue. Aber 484 war un pappier fermant a def, 
couvert de cerf blanc, ou sont escript aucunes choses secrettesy 
und 485 ebenso.*) In Olmüz wurde das Stadtbuch von 1350 
mit vier Schlössern versehen nach dem Beschluls von 1343, 
dals es im gehegten Gericht oder vollen Rath zu öffiien sei.**^) 

Auch der Schwabenspiegel der Eltviller Schöffen war ver- 
schlielsbar,^) und ebenso ein Bechtsbuch der h. Fehme von 
1482 in NördUngen.^) 

Oft genug sind im Mittelalter Lagen und Blätter verbun- 
den, und die Bänder so beschnitten, dafs viel verloren ging; 
deshalb verordneten die Statuten der Reg. Chorherren im 
15. Jahrhundert, dafs in jedem Convent ein Bruder sein solle, 
der Bücher einzubinden und bei Zeiten auszubessern verstehe. 
Er solle mehr auf den Nutzen sehen, als ad subtüitcUem vel 
curiositatem, precipue in sextemis imponendis et prescmdendis; 
nam in hijs facUiter magna damna contingere possunt^) 

Bilder und kostbare Initialen wurden durch eingeklebte 
oder eingenähte Stücke von Nesseltuch sorgsam geschützt 



^) Ph. Dieffenbach, Geschichte der Stadt u. Burg Friedbei^ (1857) S. 7. 

^) Im Inventaire von 1373, par Gilles de Mallet, Paris 1836. Der 
Buchbinder der Chambre des comptes in Paris muljste schwören, dafs er 
nicht lesen und schreiben könne, nach Laianne, Curiosit^s bibliographiques 
S. 291. Beispiel aus Siena bei C. Paoli, I^gr. scol. II, 122, wo auch 
versiegelte Bücher, Ubfi suggeUaii^ nachgewiesen werden. 

•) Bischoff, Wiener SB. LXXXV, 283. 

*) Rockinger in d. Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrheins XXIY, 224. 

•) Homeyer 512, beschrieben in Beyschlag's Beitrügen IV, 14. 

•) Rockinger S. 208 (II, 42). 



i 



400 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Die Einbände wurden auch künstlerisch , und zwar oft 
überaus reich verziert^) Viele Prachtstücke der Art aus dem 
Mittelalter, mehr jedoch aus späterer Zeit, zeigen in glänzender 
Nachbildung die Monuments inedüs ou peu connus, faisant 
partie du Cabinet de Guillaume Libri, et qui se rappartent 
ä rhistoire des Arts du Dessin, consideres dans leur Application 
ä VOmement des Livres, 2. 6d. augmentäe, 65 planches süperbe- 
ment illumin^es en or et en couleurs, avec un texte Anglais 
et Frangals, Londres 1864 gr. foUo. Die erste Ausgabe mit 
60 Tafeln erschien 1862. Auch die Büderhefte zur QeschicUe 
des Bücherhandds und der mit demselben verwandten Künste 
und Gewerbe, herausgegeben von H. Lempertz, 1865 fol. ent- 
halten Abbildungen von Prachtbänden. 

Ledereinbände aus dem 15. Jahrhimdert mit in Leder ein- 
geritzten Figuren sind abgebildet und beschrieben im Anzeiger 
des Germ. Museums XYII (1870) Sp. 121 u. 311. Daselbst 
ist IX (1862) Sp. 324 der merkwürdige Einband eines Breviers 
beschrieben und abgebildet, dessen überschlagendes Leder unten 
einen halb offenen Beutel bildet, der in einen Knopf von far- 
bigen Ledeniemen ausläuft.') Beispiele aus Gemälden zeigen, 
dals man solche Bücher am Gürtel trug, und auf einer Dar- 
stellung der Kreuzigang in Bronce von c. 1500 in Hamburg 
hält Johannes einen solchen BooksbOdel^) Das Wort bezeich- 
nete später das übertriebene Festhalten an alter Sitte, und 
wurde, als man es nicht mehr verstand, in Bocksbeutel ver- 



^) Bftnde in Sammet etc. m der p&bstlichen Bibliothek im Inv. von 
1311, Mitth. d. Inst VI, 278; daselbst bezeichnet regehn&big capertura 
doMsoria den Einband mit Spangen. Eine sehr reichhaltige Fundgrube 
ist das groise Werk von F. Ehrle : Hist Bibl. Rom. Pontificum tum Boni&t 
tum Aven. Romae 1890. 

') Alles wiederholt im Katalog d. Bucheinbände 1889. Auch Richter 
u. a. sollen das Stadtrecht so getragen haben, s. Lappenberg zu Laurem- 
berg's KOstbooksbfldel S. 251. 

') Von den Arbeiten der Kunstgewerke des Mittelalters zu Ham- 
burg (1865) Tafel XJ. Auf dem Bilde sieht es freilich mehr wie eine 
Fidel aus. Abt Johann VII von Eldena (t 1473) trftgt ihn auf seinem Grab- 
stein in der Hand, s. Pyl, Gesch. v. Eldena I, 152; Gesch. d. Greifsw. 
Kirchen I, 513, mit Abb. 



Einband. 401 

wandelt Im Britischen Museum ist ein Gebetbuch in duodez 
von 1485 aus Deutschland ausgelegt, das mit einem Kiemen 
versehen ist, um es an den Gürtel zu hängen. Mehrmals wird 
het hoekenkorfje^ hoekenssak erwähnt in den Leyensbeschrijvin- 
gen der zusters van Meester-Geertshuis te Deventer.^) 

Zum Einband kirchlicher Bücher verwandte man gern, 
wie schon oben S. 62 erwähnt wurde, ^e alten Diptychen von 
Elfenbein, und schnitt auch neue Platten mit Darstellungen 
heiliger Gegenstände. Zwei Bamberger Handschriften sind in 
Diptychen eingebunden, und das Pergament ist nach der schmalen 
oben abgerundeten Form zugeschnitten; für die Vita liudgeri 
dagegen, welche in der Berliner BibUothek ausgelegt ist, wurde 
die Bundung durch eine Einfassung viereckig gemacht Häufig 
aber nahm man auch Platten von Gt)ld und Silber, welche 
sehr kunstreich verziert und mit Email, Perlen und Edelsteinen 
geschmückt wurden.') Schöne Proben davon geben Libri, und 
Jules Labarte, Histoire des Arts Industrieis au Moyen Age 
(1864), Album Vol. I, und IT, 101 — 103 auch von den weniger 
bekannten emaillierten griechischen Einbänden. ^) Schon Agnellus 
von Ravenna erwähnt alapus evangeliarum aureas (vgl. oben 
S. 396). Man schnitt auch in den Holzdeckel den Namen des 
Eigenthümers, um ihn wieder zu kennen.^) 



') Manuscript, angeführt bei Moll, Boeker^ van S. Barbara S. 228. 
Einbftnde und Futterale von Gold und vergoldetem Leder mit Ringen, um 
sie an Eettchen am Gürtel zu tragen, im Catal. of a Selection from the 
Stowe Manu^cripts, S. 18. 

*) Vgl. bei Leibn. SS. II, 169 in Lerbecke*8 Chron. Mind. die Be- 
schreibung der Prachtbftnde, in welche Bischof Sigebert die überaus 
schönen Handschriften binden liefs, und über die noch in Berlin vorhan- 
denen Pertz' Archiv Vm, 886. Voege, Rep. f. Kunstwiss. XVI, 198—213. 
— G. Sanfd, Diss. in aureum ac pervetustum SS. Evangg. cod. ms. Monas- 
terii S. Emmerammi, Ratisbonae 1786, 4. Rockinger S. 209 (II, 43). 

*) Der Email -Einband des cod. S. Galli n. 216 beschrieben v. Rahn, 
Gesch. d. bild. Künste in d. Schweiz I, 281. Alter Einband des Prümer 
liber aureus in Kupferplatten mit Niello, Mitth. d. Inst I, 95 — 104. Schöne 
Abbildung des kunstreichen Einbands des Lindauer Evangeliars bei Lord 
Ashbumham, Nesbitt u. Thompson, Two memoirs on the Evangelia Qua- 
tuor, 1885. 

*) Delisle, Notice de la Bibl. d'Orl. p. 44. 

Wftitenbacb, BchriftweMn. 8. Aufl. 26 



402 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Der Bücken, dorsum, italienisch fundeUtM, fondeUo blieb zu- 
weilen ganz nackt, oder wurde mit verschiedenen Stofifen bekleidet ') 

Zuweilen findet man im Einband auch eine Höhlung, welche 
zur Au£Qahme von BeUquien bestimmt war;^) auf dem alten 
EvangeUar in Prag, welches in Karls IV Zeit einen neuen 
Prachtband erhielt, sind Rehquien mit Beischrift unter Berg- 
krystall.*) Ein merkwürdiges Beispiel aus Laon beschreibt 
Lecoy de la Marche S. 338, eins von 1178 aus Ranshofen 
Pertz im Archiv VIII, 995. Ein EvangeUar saec. IX. aus 
Suchtelen mit Einband aus dem 14. Jahrhundert ist im Bnt 
Museum Add. 11848, beschr. Catal. p. 26. Bischöflicher Ab- 
lafs wurde 1474 fiir dergleichen Reliquien im Einband verliehen 
hoc evangdistarvm corpus devote deferentibus et oris osculo 
tangentibm.^) 

Merkwürdig sind die symbolischen Einbände für die einzel- 
nen Theile des Corpus Juris, welche Seb. Brant als herkömm- 
Uch beschreibt.*) Gerichtsbücher pflegten roth eingebunden zu 
werden, und deshalb auch Bothe Bücher zu heifsen.®) ITeber- 
haupt benannte man gern die Bücher nach ihren Einbänden, 
vorzüglich Archivstücke, für welche es keinen Automamen gab. 
Sehr häufig sind die libri aurei, nach dem kostbaren Einband 
oder dem inneren Werth genannt; auch der Über ebumeus aus 
Ronen ist nach seinem Einband benannt) Bekannt ist der 
liher blancus des venetianischen Archivs, liber viridis aus Asti, 
in Bologna die Gemma preciosa, il libro ddle tre croci, liber 
axium.^) Der Breslauer Dom hat seinen liber niger^ das 



*) C. Paoli, Progr. scol. II, 121. Vgl. oben S. 398. 

*) 1415 in Metten, s. B. Pez, Thes. I Diss. p. XLIX. Vgl. Czemy S. 81. 
Codd. Colon, p. 98 aus Limburg a. d. Hardt 

•) Mitth. d. Centralcommission XVI, 100. 

^) Schepfs, Die ältesten Evangelienhes. der Würzburger Univ. Biblio- 
thek (1887) S. 32. 

*) ExpoBitio omnium titulonim juris, Lugd. 1588, 8, fol. 1. abgedruckt 
im Serapeum 1857 S. 240. 

') J. F. Boehmer's Leben und Briefe (von J. Janssen) III, 436. 

') Recueil des Eist, des Gaules XXni (1876) S. 370. 

") Bluhme, Iter Ital. II, 135. 142. Die Namen der Register des 
Maggior Consiglio in Venedig s. in Pertz' Archiv XII, 630. Vgl. C. Paoli, 



Einband. 403 

Martinskloster zu Tours seine pancharie noire. In Irland giebt 
es ein gelbes Buch, Ledbhar huidhey ein schwarzes, daibh, ein 
rothes, ruadh, ein geflecktes, hreacJ) Beromünster hat einen 
liber crinitus, Bayeux den liber pdiäus^*) Zwettel eine Bären- 
haut, ein riesiges Copialbuch, dessen Decke aber nicht von 
einem Bär, sondern von einem Eber stammen soll. Oft sind 
die Namen schwer zu erklären und von zufalligen Umständen 
hergenommen; die alten Breslauer Bathsbücher hiefsen hirsuta 
hiUa, buctdixtus ,^) pauper Henricusy nudus Laurentius. Die 
beiden letzten sind wohl nach den Schreibern benannt, welche 
sie führten, das letzte bUeb vermuthlich lange ungebunden. In 
der Magdeburger Schöppenstube gab es ein Buch, welches 
Mopses hiefs, nach dem Anfaiigswort des bekannten Prologes 
zur Lex Bajuwariorum.^) Bolkenhain hat sein eisernes Buch, 
welcheiß, vermuthlich im 16. Jahrhundert, in Holzdeckel mit 
Eisenbeschlägen und Kette gebunden isi^) So hat auch Dublin 
sein ChainbooJc, das Begister des Erzbisthums aber heifst 
Orede mihi,^) Das Chartular von Saint-P6re-de-Chartres heifst 
Äganon. 

Kostbare und schön eingebundene Bücher hatten noch ein 
besonderes Kleid zum Schutz, ein Hemd, camisia. Du Cange 
führt das Wort schon aus einem Testament von 915 an; bei 
den Karthäusem hatte der Sacrista librorum camisias zu 
waschen. In der Lebensbeschreibung des Fructuosus ep. Bra- 
carensis, der um 670 gestorben, dessen Biograph aber, viel 
jünger ist, wird erzahlt, dafs bei dem üebergang über einen 
Flufs seine Bücher ins "Wasser fielen, worauf er Codices . . . . 



Progr. 8Col. n, 120. Viele originelle Benennungen in Gorbie, Archiv 
Vm, 76. 

^) Th. Moore, Hist of Ireland 11, 57 n., 0*Gurry'B Leetures S. 20. 
21 mit noch vielen anderen Namen. 

*) Neues Archiv IX, 379. 

') Vermuthlich von den Buckeln des Einbands, Zts. f. Schles. Gesch. 
XIV, 175. 

«) Hans Prutz im Archiv f. Sachs. Gesch. II, 293. 

*) Zeitschr. d. Vereins f. Schles. Gesch. XI, 348. 358. Auch Wien 
hat sein Eiaenbuch. Das Utrechter Domcopialbuch heifst liber catefMtus. 

•) R Pauli in SybePs Hist. Zeitschr. XXIX, 209. 

26* 



404 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

eid de marsupiis et sQn praesentari praecq^V) Paulus Dia- 
conus schrieb an Karl den Grofsen über die Grewohnheiten von 
Monte Cassino: Concessum est etiam fratribus nostris habere 
manutergia, sive ctd tonsurae obsequium, sive ad Codices, quos 
ad legendum suscipiunty involvendos.^ Später trieb man auch 
mit diesen Beuteln grofsen Luxus. Die Heures de St Louis in 
Paris haben noch ihr ursprüngliches Hemd von rothem ZindeL*) 
Bei den Bücherfreunden des 14. Jahrhunderts findet sich in 
den Liventaren angegeben estui de drap d'ar, chemise de drap 
semee de marguerites, couvertures en drap de scUin, en veluyau, 
en damas, estriguier de semence de perles,^) doch auch einfach 
a chemise de toüe etc. Der Tristan im Louvre war en um 
estuy de cuir hlanc, ein sehr kostbar gebundenes Gebetbuch 
en ung estuy de cuir ferre.^) Die Rechnung der Sainte-Cha- 
pelle von 1298 enthält einen Posten von 22 sous pro uno re- 
servaiorio de corio für das Brevier des Königs.^) 

B. Dudik beschreibt '^) den Originalcodex des Processus 
canonisationis b. Katerine Yastenensis vom Jahre 1477. Alle 
Blätter haben 4 Löcher, durch welche die Siegelschnüre ge- 
zogen waren. Der Codex ist nicht gebunden, sondern ruht in 
einer goldgestickten Damasthülle, die mit grüner Seide ge- 
gittert ist 

Zu erwähnen sind noch die kostbaren Behälter der Evan- 
geUen von Gold und Silber, welche vorzüglich in Lrland ge- 
bräuchlich waren, wo sie cumhdach hiefisen.^) Man findet sie 
auch in England und Prankreich unter dem Namen eapsa, 



«) Mab. Actt. n, 561 ed. Ven. 

*) Garavita I, 338 aus cod. 353. Vgl. oben S. 284. 

») Göraud p. 144. 

^) Nach Barrois und Gilles Mallet 

'^) Inventar von GUles Mallet S. d. 206. 

•) Bibl. de r£cole des Ch. 4. S^rie H, 162. 

') Archiv d. Wiener Ak. XXXIX, 53, Verz. des Archivs der Domi- 
nicaner in Krakau. 

") Vgl. den Aufsatz von Miss Stokes: On two works of ancient 
Irish art, known as the Breac Moedog and the Soiscel Molaise, Archaeo- 
logia XLin, 131 — 150. Es sind Kasten von Bronzeplatten mit charak- 
teristisch irl. Omanientation; s. Revue Celtique I, 276. Assicus sanctus 



Einband. 405 

bibliotheca, coopertorium.^) K. Childebert erbeutete 531 von 
den Westgothen unter anderen Kostbarkeiten 20 capsas evan- 
gdiorum (Greg. Tur. in, 10). Als Wilfiid von York die 
Evangelien in Gold hatte schreiben lassen, sorgte er auch für 
einen würdigen Behälter: thecam e nUüo his condignam con- 
didü auro.*) 

Dahin gehört auch die von Ekkehard in den Casus S. Galli 
(MG. n, 82) erwähnte cavea evangdii von Gold. 

Im Münchener Nationalmuseum ist ein altes Behältnifs zur 
Aufbewahrung einer Urkunde mit ihrem Siegel, von Holz und 
mit Leder überzogen. 



Es ist immer eine grofse Barbarei, wenn man, wie das 
besonders in früherer Zeit häufig geschehen ist, ohne Noth die 
ursprüngUchen Einbände zerstört Nicht selten sind sie von 
Wichtigkeit, um die Herkunft einer Handschrift zu erkennen; 
besonders nach dem Aufkommen der Wappen pflegen sie damit 
versehen zu sein. So tragen die Handschriften von Saint- 
Hubert den Hirsch, die Budenses den Baben des Matthias Cor- 
vinus. YorzügUch aber enthalten die Deckblätter oft wichtige 
Notizen, oder sie sind gar Beste älterer werthvoller Hand- 
schriften.^) Der Abt Macarius vom Berge Athos verwandte 
1218 die kostbare üncialhandschrift der paulinischen Briefe 
zu Einbänden, und in Bobio sind ebenfalls die werth vollsten 
Handschriften so milsbraucht worden. Nach St. Gallen kamen 
um 1461 Hersfelder Visitatoren, die Manuscripte wm-den ver- 
zeichnet und theilweise neu gebunden, wozu der Edictus Bothari 
und der älteste Virgil verbraucht wurden; zur Vergeltung ist 
der Catalog von 1461 später ebenso angewandt^) Sigismund 



episcopuB faber aereus erat Patrido et fiuiebat altaria, bibUoihiciis. Lib. 
Armachanns, Anal. Bolland. II, 47. 

') Du Gange b. y. Gapsa. 

*) Epitaphium bei Beda, Hist eccl. V, 19; vgl. oben S. 135. 

*) Rockinger S. 208 (II, 42). Beispiele sind überaus zahlreich 
yoihaaden. 

*) Scheirer's Verz. S. 238. 456. Weidmann S. 52. 401. Ueber um- 
fassende Verkäufe in Freiberg in Sachsen s. Neues Archiy Y, 214. Das 



406 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Gossembrot klagt um dieselbe Zeit über die Mifsachtung der 
einst hochgehaltenen Poeten: ut mdiores vix inter poetas me- 
rererUur fieri coopertoria, et ut ad prestolas scinderentur dlüh- 
rutn etiam vüiorum Ubrorum.^) Die Professen von St Matthias 
in Trier gaben ihrem Buchbinder Handschriften als Zahlung.*) 
Auch Urkunden sind oft zum Einbinden benutzt') Der letzte 
Abt von Fürstenfeld, Gerhard Führer, sagt, wo er von dem Ver- 
brauch der Manuscripte und Urkunden zu Einbänden spricht: 
„Ich selbst habe noch so einen unwissenden Mönch gekannt, 
welcher nebst anderen Handschriften das erste auf Pergament 
geschriebene Necrologium zerschnitten und sogenannte Merker 
und Herzelnflirdie Choralbücher daraus formiert hat"*) Hatte 
aber der Buchbinder einmal solches Material unter Händen, so 
nahm er davon auch die Falze zwischen den Lagen, und man 
hat daher auch diese sorgfaltig zu beachten. Zuweilen fiLgen 
sich die schmalen Streifen in überraschender Weise zusammen 
und geben werthvoUe B/esultate; Docen hat auf solche Weise 
in der Münchener Bibliothek schöne Entdeckungen gemacht, 
Endlicher in Wien die Fragmente des Ulpian und Plinius in 
dem Codex des Hilarius gefunden, Pertz Fragmente der ältesten 
bekannten Handschrift des Schwabenspiegels aus einer Incimabel 
erlöst^) Gerade Incunabebi sind für diesen Zweck zu beachten; 



Volk im Erzbisthum Cöln nennt (nach K. Hamann) das Pergament Kaff e- 
tühr (couverture). Pap. Masson rettete Agobard in Lyon von einem Buch- 
binder, B. M. KlulBmann, Curarum TertuU. p. 8 (Hai. 1881). Von Acten- 
deckeln wurden die Quedlinburger Fragmente der Itala und vieles andere 
gerettet, auch Fragmente saec. XI. von Gicero*8 Briefen, s. Schepfs, Bl&tter 
f. d. Bayer. Gymnasialschulwesen, XX, Heft 1. 

^) Zeitschr. f. Gesch. des Oberrheins XXV, 59. 

*) Marx, Geschichte des Erzstifts Trier H, 2, 557. 

') Das coopertorium Judaicum^ welches Wilken S. 98 aus dem Ver- 
zeichnifs von 1438 anführt, wird auch wohl Pergament mit hebr. Schrift 
gewesen sein, wafi nicht selten als Einband vorkommt 

*) M. Mayer, Zur Kritik der filteren Ffirstenfelder Geschichtsquellen 
(München 1877) 8. 5. 

*) Archiv X, 417 mit Facsimile. Das versteht wohl Gk>s8embrot 
unter prestola; sonst ist pressula der gewöhnliche Ausdruck für die Per- 
gamentstreilen, an denen die Siegel hingen. Aus 15 Siegelstreifen hat 
W. Mantels einen werthvoUen Staatsvertrag hergestellt, ein Gonoept, das 



Einband. 407 

doch sind auch hier die werthvollen Funde selten, und man 
braucht nicht eben jedes beschriebene Pergamentblatt abzureifsen. ^) 

Schon in uralter Zeit hat man auch Papyrus zu Pappe 
zusammengeklebt, woraus werth volle Stücke gerettet sind, so 
die Pommersfelder Fragmente') und andere vom Sinaikloster 
und vom Athos, wo nach dem Berichte von Lambros auch das 
Pergament in mannigfacher Weise Verwendung gefunden hat 
In neuester Zeit haben die Sarcophage von Gurob aus ihrer 
Pappe die schönsten Bruchstücke hergegeben. 

Man benutzte femer alte Handschriften auch zu den Or- 
geln. In einem fränkischen Nonnenkloster gaben 1624 die 
Nonnen dem Organisten Keller eine Pergamenthandschriffc, um 
damit die Blasebälge der Orgel auszukleben; er aber entschlols 
sich aus Ehrfurcht vor dem Alterthum der Schrift, dieselbe auf- 
zubewahren. Es ist ein 1383 geschriebenes deutsches Gedicht, 
die Himmelstrafee, jetzt in der Petersburger Bibliothek.') 

In einem alten Catalog der St Catharinenbibliothek in 
Hamburg von 1678 heifst es von n. 509: „Ein grofs Perga- 
mentbuch, gewogen 24 ^., zu der Orgel verbraucht bei den 
Zeiten Zacharias Soecklandt,'' u. n. 510: „ein dito ebenmäfsig,'* 
511 „ebenmäfsig verbraucht" Nach den Ueberbleibseln des 
einen zu schhefsen, waren es Missalien.^) 

Auch die Schwertfeger brauchten Pergament zu Scheiden. 
Nie. Ellenbog janmiert 1539 über einen Pfarrer zu Memmingen, 
der Bibhotheken aufkauft und sie für 5 Gulden den Centner 



wenige Jahre später verbraucht war. Meckl. ÜB. IX, n. 6169. In alten 
Beschreibungen die Ausdrücke priesse und presse, Forsch, z. D. Gesch. 
XVm, 212—216. 

^) üeber die technische Behandlung s. W. Meyer, Zts. f. D. Alt. 
XXVin, 227. 

*) E. Zacharift in d. Zts. f. bist Rechiswiss. XI (1842). üeber einen 
alten Einband der Art aus St Martin in Tours s. L. Delisle, Notice sur 
les ms8. disparus de Tours p. 69 (Not. et Extr. XXX, 1). 

') Serapeum XXI, 23. Man verklebt, glaube ich, auch die hölzernen 
Pfeifen mit Pergament. 

«) Chr. Petersen, Gesch. d. Hamb. Stadtbibl. (1838) S. 6. Diese 
Folianten, welche die Bibliotheken massenhaft belasten, könnte man am 
leichtesten entbehren. 



408 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

nach Nürnberg verkauft. Sunt gradualia, muUum quidem pon- 
derantia; Idborem vero et manwn scriptaris si ponderes, piio 
distrahuntur, ut vaginis prestent subducturam.^) 

Ans einer Schwertscheide kann also möglicher Weise ein 
Autor herauskommen y aber alles ist verloren, wenn das Perga- 
ment in die Hände der Groldschläger und der Leimsieder ge- 
langt ist Deshalb sagt B. Pez (Thes. I Diss. p. LIV) : „Ideone 
duntaxat a priscis Coenobitis tot et tanta volumina exarata sunt, 
ut vel bibUopegis involucra librorum, vel musicarüs folles et 
gluten, vel bracteatoribus mensulas (hi enim truculentissimi bi- 
bliothecarum Pelopidae sunt) pararent?'^ 

4. Fälschungen. 

Eine Abhandlung über Fälschungen alter und neuer Zeit 
würde einen eigenen Abschnitt in Anspruch nehmen und nicht 
hierher gehören. Ich werde mich aber hier auf einige Aeufser- 
lichkeiten beschränken, üeber Fälschungen von Urkunden 
handelt sehr ausfuhrlich, mit Anführung vieler merkwürdiger 
Thatsachen, der siebente Theil des Nouveau Trait^ (VI, 110 
bis 281), wogegen aber Th. Sickel (Urkk. der Karolinger I, 
21 — 26) mit Becht bemerkt hat, dafs die Ver&sser in ihrem 
Eifer, die Mönche und ihre Urkunden zu vertheidigen, zu weit 
gegangen sind. Unsere Archive sind voll von falschen Urkun- 
den, von welchen viele lange Zeit für echt gegolten und auch 
rechÜiche Wirkung gehabt haben.*) VorzügKch merkwürdig ist 
im schlesischen Staats -Archiv zu Breslau der Fall, dafs der 
echte Stiftungsbrief des Sosters Leubus von 1175 neben drei 
gefälschten Exemplaren aus dem 13. und 14. Jahrhundert un- 
versehrt erhalten ist') Wenn, wie hier, einfach die Schrift 



») Geiger, Nie. Ellenbog S. 114 (Wien 1870 aus d: Oeaterr. Viertel- 
jahrsschrift f. kath. Theol.). Der Abdruck mulB durch Goigecturen lesbar 
gemacht werden. 

') Vgl. oben S. 6 ff. In vielen Fällen hat ohne Zweifel Bestechung 
mitgewirkt, um unechten Urkunden Anerkennung zu verschaffen. 

•) C. Grünhagen, Regesten zur Schles. Geschichte, Cod. Dipl. Sil. 
VII, 36, vgl. Zeitschr. V, 193 ff. Abt Günther, der Beichtvater der h. 
Hedwig, scheint ein Hauptfftlscher gewesen zu sein. 



F&lBchungen. 409 

der späteren Zeit in Anwendung gebracht ist, so ist die paläo- 
graphische £jitik leicht und einÜEU^h. Auch die Nachahmung 
einer yiel älteren Schrift ist gewöhnlich so schlecht gelungen, 
dalis der Betrug sich gleich verräth. Wo aber die Fälschung 
dem Datum der Urkunde nicht so fem steht, wird die Aufgabe 
oft schwierig und ist zuweüen gar nicht mit Sicherheit zu lösen. 
Viel aber ist in neuester Zeit au%edeckt worden. Schon Walter 
Map de nugis curial. Dist V c. 6 erzählt: Ärtifex subtiUs ex- 
presserat sigülum regis (Heinrid 11) bitumine formavercUque 
cuprium tarn expressae simüüudinis ad Ulum, ut nemo differen- 
tiam videret. Aber die Praxis war schon viel älter. 

Ein lehrreiches Capitel über Fälschimg von Handfesten 
enthält der Anhang zum Schwabenspiegel, welcher sich in 
einigen Handschriften jQndet^) Ebenda werden auch die ver- 
schiedenen Methoden der Siegelfälschung beschrieben, worüber 
auch im Nouveau Trait^ viel zu finden ist,*) und über welche 
schon in alter Zeit Lucian sehr genau berichtet hat, in seiner 
Schrift über den Gaukler Alexander c. 19 ff. Dieser lieis sich 
nämlich Fragen in versiegelten Briefen geben {ig ßißUov ky- 
YQOfpavxa xataQQonpai re xät xaraotifu^vacd-ai xt/qw), löste auf 
verschiedene Weise das Wachs, rov te xdtco vjio rc» Xlvco 
xal rov avTTjv xijv cq>Qayl6a ^ovxa, und schrieb die Antwort 
darunter: dxa xareiXijaag av&Lg xal oijfirjvafievog d:J€eöl6ov. 
Von einem in diesen Künsten vorzügUch geübten und geschickten 



*) Zuletzt abgedruckt von Rockinger in den Sitzungsberichten der 
Münchener Akademie 1867, ü, 2, 321—324. Lehrreich für das Verfahren 
bei einer Fälschung ist das Verhör von 1504 bei Delisle, Litt lat et bist, 
du Moyen-Age (Instructions 1890) S. 108. 

') üeber die Fälschung päbstlicher Bleibullen in der Zeit Inno- 
cenz' III ist zu vergleichen L. Delisle in der Bibl. de r£cole des Chartes 
4. SMe IV, 47. Ein interessanter Prozefs gegen einen Siegelf&lscher vom 
Jahre 1364 findet sich in Klose's Gesch. von Breslau II, 222 — 236; 
vgl. auch Zeitschr. f. Schles. Gesch. XI, 171 — 187. XII, 231, und aus- 
führlich H. Grotefend über Sphragistik (1875) S. 32—54. Zeitschr. f. Lüb. 
Gesch. III, 366. 367. Vgl. auch das Bekenntnifs einer Nonne im Kloster 
Remse bei Waidenburg von 1512, die einen Brief mit dem Schönburgischen 
Siegel hatte hergeben müssen, um damit einen anderen zu fiUscfaen. 
Archiv f. Sftchs. Gesch. m, 214 ff. Die Franciscaner zu Seuselitz in 



410 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

Abte erzäMt Boncompagnus.^) Derselbe beschwert sich auch 
bitterlich über Betrüger, welche von seinen Schriften den NaAien 
abkratzten und sie in den Bauch hingen, um ihnen den Schein 
des Alters zu geben: Rogo ülos ad quorum manus hie Hber 
pervenerit, quatenus ipsum dare non velint meis (Aemidis, qui 
raso titido me quinque saluitationum tabfdcLs non composuisse 
dicebanty et qui mea constievenrnt fumigare didamina, td per 
fumi obtenebraiionem a muUis retro temporibus camposita vide- 
rentur, et sie michi sub quodam sceleris genere meam glariam 
auferrent,^ 

Der Dominicaner Giovanni Nanni, bekannter als Annius 
von Viterbo (st siebenzigjährig 1502), soll, wie in neuester 
Zeit Constantin Simonides, seine Fälschungen (fi^eilich nur Steine 
mit Inschriften) vergraben, und später bei gelegener Zeit ent- 
deckt und aufgegraben haben.') So waren schon in alter Zeit 
die angebUchen Bücher des Numa vergraben worden.*) 

Allgemeine Begeln für die Kritik von Fälschungen au£cu- 
stellen, hat wenig Werth; es müssen eben alle Umstände der 
schärfeten Prüfung unterworfen werden, und wo kein Original 
vorliegt, ist paläographische Kritik nur selten noch anzuwenden. 
Zwei Umstände aber möchte ich hervorheben, welche bei vielen 
Fälschungen zutreffen. Die Yerfertiger derselben waren nämlich 
oft mit den Gebräuchen der fernen Vorzeit, in welche sie ihre 
Producte verlegen wollten, ganz unbekannt^ und verfielen des- 
halb auf beliebige ungewöhnUche und auffallende Umstände, 

Thüringen milsbrauchten 1288 das ihnen anvertraute Siegel Heinrichs des 
Erlauchten zu einer Fälschung, Winter, Cisterz. II, 128. Zwei unechte 
bleierne Siegelstempel des Solothumer Stadtsiegels, nebst damit gemachten 
Fälschungen, aus dem Gist. Stift Frienesberg, in d. Soloth. Stadtbibliothek, 

E. Amiet im Anz. f. Schweiz. Gesch. 1880 S. 253—267. 

*) Quellen zur Bayer. Gesch. IX, 144. 

*) Bei Rockinger in den Sitzungsberichten der Münchener Akademie 
1861, I, 145, mit noch einer ganz ähnlichen längeren Stelle, worin er u. a. 
sagt: Conjwro per omnipotentem furtivos depüatorea, ne dbram tUUlos 
ipaos excorient, sicut quidam meos oLios libros turpiter excoriarunt. 

*) Mabillon, Iter Ital. p. 156. Ueber Simonides s. oben S. 317 und 

F. Ritschl, Aeschylus' Ferser in Aegypten, ein neues Simonideum, Berichte 
der k. Sachs. Ges. d. W. 1871 S. 114—126. 

*) Liv. XL, 29. Vgl. auch oben S. 50. 



Fftlschangen. 411 

welche den Schein des hohen Alters geben sollten, aber nur 
die Unwissenheit des Fälschers verrathen. Femer ist sehr häufig, 
weil man eine legitime Herkunft nicht angeben konnte, die Auf- 
findung mit fabelhaften und unwahrscheinlichen Umständen ver- 
knüpft, welche allein schon geeignet sind Verdacht zu erregen. 
Einige Beispiele mögen das erläutern. 

Von dem schon in alter Zeit gefälschten Dictys Creten- 
sis wird in dem Prolog behauptet: de toto hoc beüo sex Vo- 
lumina in tüias digessU phoeniceis liUeris. Diese lälst er dann 
mit sich begraben, wo sie verborgen bleiben, bis sie zur Zeit 
des Kaisers Nero entdeckt werden. 

Das angebliche Original einer Urkunde Otto's I von 964 
(Stumpf 343) im Wiener Staatsarchiv ist mit rother Tinte ge- 
schrieben. Einen so groben Fehler wufste Herzog Rudolf lY 
von Oesterreich zu vermeiden, als er sich um 1359 seine 
Freiheitsbriefe verfertigen liefs, deren äuisere Erscheinung selbst 
Kenner getäuscht hat; aber in der Urkunde von Heinrich IV 
(Stumpf 2563), durch welche die schönen Privilegien Gäsar's 
und Nero's bestätigt werden, ist es ihm doch begegnet zu 
sagen, daJs diese ex lingua paganorum in die lateinische 
Sprache übersetzt seien. Diese Monstra gaben bekanntlich 
Petrarca zu der ersten Leistung sorgsamer Urkimdenkiitik im 
Mittelalter Anlafs.^) 

Der ehrgeizige Eh^bischof Hinkmar von Reims, von 
dem es nicht zu bezweifeln ist, dafs er für seine Bestrebimgen 
auch Fälschungen nicht verschmäht hat^ ver&fste eine Vita S. 
Remigii und eine Vita b. Sanctini, welche unglaubliche und 
älteren Quellen unbekannte Dinge enthalten. Um nun diese 
wahrscheinlich erscheinen zu lassen, behauptet er, in seiner 
Jugend von Greisen gehört zu haben, dafs sie noch einen 
librum maximae quantUcUis, manu antiquaria scriptum, über 
das Leben des heil. Remigius gekannt hätten, der vernachlässigt 
wurde, weil man zimi kirchlichen Gebrauch angeblich das kürzere 
Leben von Fortunat hatte. Lizwischen wurden durch die Be- 



*) Jos. Berchtold, Die Landeshoheit Oesterreichs (1862) S. 32 führt 
noch einige Fftlle staatsrechtlicher Fälschungen an. 



412 Weitere Behandlung der Schriftwerke. 

drückung unter Karl Martel die Cleriker gez¥ningen sich Greld 
zu verdienen, welches sie in cariis d librorum foliis interdum 
ligabatU. So kam es, dafs der grofse Codex partim stülicidio 
putr ef actus ^ partim a soricibus corrosus, partim foliorum ab- 
sdsione dimstis, in tantum deperiit, ut pauca et dispersa inde 
folia vix reperta fuerint. Hinkmar will nun in diversis püa- 
ciolis, in antiquis scedulis, allerlei noch gefunden haben, was 
er mit der mündUchen üeberlieferung verbindet^) Ganz ähn- 
lich beruft er sich in der Vita Sanctini darauf, dafs ihm in 
seiner Jugend ein längst verstorbener Abt des Klosters des h. 
Sanctinus zu Meaux quaiemiunculos valde coniritos, et qtiae 
in eis scripta fuerant paene ddeta^ die er aufgefunden, über- 
geben habe, um sie zu entziffern und in nova pergamena um- 
zuschreiben. Da inzwischen das Kloster von den Normannen 
verwüstet sei, so bezweifle er, dafs jene Abschrift noch vorhan- 
den sei; er habe aber eine zweite für sich genommen.^ Diese 
Geschichten sind an sich nicht unmöglich, aber der Inhalt der 
Schriftstücke läfst keinen Zweifel daran übrig, dafs wir es hier 
mit einem Kunstgriff zu thun haben, der sich häufig wieder- 
holt und dessen Vorkommen schon allein hinreicht Verdacht zu 
erregen. Wir finden denselben in der Vorrede des Abtes Odo 
von Glanfeuil zu der übel berüchtigten Vita S. Mauri, an- 
geblich von dessen Schüler Faustus. Odo will nämUch im 
Jahr 863 auf der Flucht vor den Normannen mit Pilgern zu- 
sammengetroffen sein, deren einer in seiner sparttda die Hand- 
schrift aus Mont-Saint-Michel mitgebracht hatte: quaiemiuncutos 
nimis paene vetustaie consumptos, antiquaria et obtunsa olim 
conscriptos manu,^) Odo findet darin das Leben des h. Bene- 
dict und seiner fünf Schüler Honorat, Simplicius, Theodor, 
Valentinian und Maurus; er kauft ihm die Blätter ab, und 
quia tam inculto sermone quam vitio scriptarum depravaii 
videhantur, schreibt er das Leben des h. Maurus ab, indem er 
es zugleich überarbeitet Von dem übrigen Lihalt der Hand- 

») Acta SS. Oct I, 151. Vgl. Br. Krußch, Neues Archiv XX, 509—668. 
•) Acta SS. Oct V, 587. 

') Aehnliches wird von der Vita S. Landoaldi erzählt, Mon. Germ. 
SS. XV, 2, 599. 



Fälschungen. 413 

schiift hat nie etwas verlautet Den Verdacht, welchen diese 
ganze Gleschichte hervorruft, bestätigt der Inhalt, und man sollte 
deshalb die schon von Papebroch aufgegebene Legende biUig 
nicht mehr .benutzen. 

Nicht besser steht es mit der Vita S. Fridolini. Balther, 
Mönch in Säckingen, will das schmerzhch vermifste Leben des 
Stifters in einem andern auch von EridoUn gestifteten Kloster 
geftmden haben. Es mitzunehmen wurde ihm nicht erlaubt, 
et incaustum seu membrana non affuit! Da bleibt ihm denn 
nichts anderes übrig, als es, so gut es geht, dem Gedächtnüs 
einzuprägen und zu Hause aufzuschreiben. Niemals aber ist 
von der angebUchen Urschrift etwas an den Tag gekommen, 
deren Existenz daher Stalin mit Becht bezweifelt, während 
Mone keinen Grund dazu finden konnte. 

Ebenso wird es sich mit den Nachrichten verhalten, welche 
der Verfasser der Vita SS. Eucharii, Valerii et Materni 
in der Asche der verbrannten Stadt Trier geftmden haben will: 
HcLec de gestis sandorum peUrum post excidium Trevericae ur- 
bis reliquias cineris diligentius perscrtUantes sparsis in carttdis 
scripta invenimus.^) Besonders ergötzlich aber ist, was man 
in St Albans von der Auffindung der Passio S. Albani er- 
zählte. Abt Eadmer^ so berichtet Matthaeus von Paris, machte 
Nachgrabungen in den Buinen der alten Bömerstadt Verulam, 
und da fand man in cujtisdam muri concavo deposito^ quasi al- 
mariolo, cum quibusdam minoribus libris et ratulis cujusdam 
codicis ignotum volumen^ quod parum fuit ex tarn longaeva 
mora demolitum. Cujus nee litera nee idiama alicui tunc in- 
vento cognitum prae antiquitate fuerat; venustae tamen formae 
et manifestae literae fuerat Quarum epigrammata et tituli 
aureis literis fulserunt redimiti. Asser es quemi, ligamina 
serica pristinam in magna parte fortitudinem et decorem reti- 
nuerunt.*) Es gelingt endUch einen uralten Priester aufisu- 
treiben, der darin die Schrift und Sprache der alten Britten 
erkennt; der Abt läfst die Schrift übersetzen, und nachdem 



^) Friedrich, KirchengeBchichte DeutschlandB I, 93. 
*) Vitae S. Albani abb. p. 41 ed. Wats. 



414 Weitere Behandlung der Schriftwerke 

das geschehen ist, zerfällt die Handschrift in Staub: exemplar 
primitivum ac originale^ quod mi/rum est didu, irrestaurabilüer 
in pulverem subito redcustum, cecidü annulkUum. 6. Henschen^) 
hatte seine Zweifel bei dieser Erzählung; Meiryw.eatfaer aber 
schreibt sie ganz gläubig nach.') 

Der Legende des h. Valentin und anderer angeblich 
in Gräbern gefundener Bleitafeln wurde schon oben 8. 51 ge- 
dacht Einer anderen Erfindung bediente sich 1494 Joh. Birk, 
Bector der Stiftschule zu Kempten, für seine fabelhafte Griin- 
dungsgeschichte des Klosters, welche er einem angeblichen 
Kanzler Kaiser Ludwigs, Got&idus de civitate Marsilia, unter- 
schob. Fdiciter scripta, heiüst es da, sub Castro Hylemont in 
Ludovici Pii imperatoris Cancdlaria a. d. 832. Exemplar fuü 
scriptum Campidonae pro liberaria super cortice vibino ^) caduco 
in multis passibus veluslate prae nimia,^) 

Bei Büxner, dem VerfiAsser des berüchtigten Tumier- 
buches, finden wir wieder die charakteristische Angabe, dab er 
ein Original aus der sächsischen Sprache ins Hochdeutsche 
übersetzt, der Besitzer es aber dann auf seinen Wunsch ins 
Feuer geworfen habe.^) Ein ItaUener Alfonso Ceccarelli 
legte sich zur Zeit Rus' Y ein Magazin erdichteter Urkunden 
und Chroniken an, welche sich durch gezierte und scheinbar 
alte Schrift verrathen; er wurde 1583 hingerichtet^ Die rothen 
Buchstaben als yermeintUches Zeichen des Alterthums finden 
wii* wieder in dem Chron. Maceriense, welches 1768 zur 
Verherrlichung der Herren von Poulli verfertigt wurde, angeb- 



») Acta SS. Jun. IV, 146. 

*) Bibliomania p. 170. 

') So im Gatal. codd. Monac. U, rv, 25. 

*) B. Pez, Thes. I. p. XIII; vgl. Baumann in Birlinger's Alemannia 
IX, 186—210, X, 29—58, über seine FÜBchungen. 

^) Waitz, König Heinrich I S. 253; 3. A. 266. 

') „D est äcrit d'one encre p&le, et dont les lettres & demi 6£eu:^6s, 
montrent un faux air d'antiquitä. Tont le reste est dans le mdme gont, 
pages d^chiröes, maiges us^es, traits forcös, caractöres irr^gnlien, lettres 
diversement figar^es, lignes courb^ en des sens difärens, la natare par- 
tout sacrifiöe k une afectation qui se trahit** Nouveau Traits VI, 201. 
Vgl. Apch. della Soc. Rom. U (1879) S. 281—302. N. Archiv XXI, 594. 



Fftlsdiungen. 416 

lieh CoUatianne et trouve canforme de mot ä autre sur Tori- 
gindl Manuscrit en velin icrü en lettres rouges.^) Merkwürdig 
ist auch der Procefs über das gefälschte Cartulaire de Brioude, 
welches von Baluze, Mabillon, Buinart für echt erklärt war, 
dessen Unechtheit aber 1703 entdeckt und die Vorarbeiten nach- 
gewiesen wurden; s. Musäe des Archives S. 549 mit Probe. 
UnglaubUche Geschichten, um das Verschwinden der Originale 
und die Bettung yon Abschrieben zu erklären, muthet uns 
Pratillo zu glauben zu*), und in ganz ähnUcher Weise Han- 
thaler, der Erfinder des Ortilo und des Pemold. 

Dergleichen Wahrnehmungen müssen natürlich auch in 
analogen Fällen Verdacht erregen. Es ist z. B. sehr auffallend, 
wenn, nachdem die alten serbischen Lieder bekannt geworden 
sind, die nun auftauchenden altböhmischen Denkmäler 
theils anonym mit der Post ankommen, theils unter alten Pfeil- 
spitzen in einem Thurmgewölbe, allein von Hanka, gefunden 
werden, wenn die Tinte bald gelb bald grün ist, die Schrift so 
seltsam, dafs man sich durch die Erfindung einer eigenen böh- 
mischen Schreibschule, ausschliefslich für diese Producte, helfen 
mufs. Und diese Umstände wiegen um so schwerer, da noto- 
rische Fälschungen in genauestem Zusammenhange mit jenen 
angebUchen Entdeckungen stehen. Die Königinhofer Hand- 
schrift theilt mit libuscha's Gericht die EigenthümUchkeit, dafs 
das unten durchstrichene p gegen den constanten Gebrauch 
des Mittelalters nicht nur per, sondern auch pre und pri be- 
deutet') Dasselbe Kennzeichen eines unwissenden Fälschers, 
nur in noch viel gröfserer Ausdehnung, bieten uns auch die 
Pergamene d'Arbor^a, deren Zurückweisung durch die 
Commission der Berliner Akademie^) für die gelehrte Welt nun 



>) Archiv f. ftlt d. Geschichtakunde XI, 211. N. Archiv XI, 441. 
Die roihen Buchstaben auch in den ungeschickten F&lschungen franz. 
Chroniken ungef. v. 1850—1870, welche Delisle nachwies, Bibl. de r£cole 
des Ch. L (1889). 

») Archiv IX, 7—9. 

•) Julius Feifalik, Ueber die Königinhofer Handschrift (1860) S. 108. 

*') Monatsbericht vom Januar 1870 S. 64 — 104. Auf eine Entgeg- 
nung von F. Carta und £. Mulas im Propugnatore von 1872, 8. 77 — 103, 



416 I^ie Schreiber. 

wohl endgültig sein wird. Wir finden bei diesen auch den 
auffallenden Umstand, dafs der Name des Signor Pillito, von 
welchem die Pergamente herrühren und der die ungewöhnlichen 
Abkürzungen so treffend zu enträthseln versteht, sich schon in 
den ältesten Documenten findet Jaff^, von dem die paläo- 
graphische Kritik herrührt, hebt auch hervor, in wie augen- 
fällig künstlicher Weise das schmutzige Ansehen erzeugt ist, 
welches neben den erborgten Schriftzügen die Bestimmung hat, 
die jungen Werke alt erscheinen zu lassen; wie die Blätter 
ganz oder nur ihre Bänder in mannigfache Flüssigkeiten ein- 
getaucht, wie über gröisere und kleinere Abschnitte fliefsender 
oder zäher Schmutz, sei's ergossen, sei's ausgespritzt, sei's auf- 
und niedergestrichen worden ist. Durchweg ist diese muster- 
gültige Ejdtik ein ebenbürtiges Seitenstück zu der fiüheren über 
das Schlummerlied.') Zu dieser habe ich nur noch hinzu- 
zufügen, dafs der Pergamentstreifen nie zu einer Bücherhand- 
schrift gehört hat, sondern von einer italienischen, vielleicht 
päbstlichen Urkunde herrührt, wie die braunrothe gestrichelte 
Färbung der Rückseite zeigt Die geglättete weifse Vorder- 
seite ist verwaschen, die Tinte deshalb ausgelaufen. 



V. 
Die Schreiber. 

1. Benennungen im Alterthum und Mittelalter. 

Bei den Griechen war yQafi/iarevg die Bezeichnung eines 
Staatsamtes. Früh schon bildeten sich die Stenographen aus, 



antwortete Gaston Paris in der Zeitschr. Romania 1872 S. 264. Nach- 
richten über andere Handschriften de fabrication Sarde in Siena und 
Florenz finden sich in: Delle carte di Arborea e delle poesie volgari in 
esse contenute, esame critico di Girolamo Yitelli, preceduto da una let- 
tera di Alessandro d'Ancona a Paul Meyer, Bologna 1870 (aus dem Pro- 
pugnatore). 

>) Haupt's Zeitschrift f. deutsches Alt. XIII, 496 — 501. Tgl. über 
Zappert's Fälschungen R. Schuster, SB. d. Wiener Akad. GXXYI (1892). 



Benennungen im Alterthum und Mittelalter. 417 

6^(faq>oi, OfifuuyfQafpoi , TaxvYQdg>Oi, auch mit lateinischem 
Namen voraQioi genannt Diese schrieben auch die Urkunden; 
für Bücher aber gab es eigene ßißXioygaipoi oder xaXXiyQatpoi. 
Der Kaiser Theodosius 11 (f 450) wird von späteren Chroni- 
sten mit dem Beinamen xaXXLyQaq>oq bezeichnet^) Eine eigene 
Abtheilung bildeten die xQvöoyQatpoi. 

Das Verhältnils der Tachygraphen und Kalligraphen zu 
einander zeigt uns recht deutlich die schon oben S. 319 er- 
wähnte Geschichte des Origenes. Eusebius (Hist eccl. VI, 23) 
schreibt: TaxvYQdq>OL yaQ avxtp ütXelovq r Bjtra xov dgid-fiov 
xa(ffj6av vxayoQBVovxi, XQOVoig rerayiiivoig äXXi^Xovq dfislßov- 
T€g^ ßißXioyQdg)Oi rs ovx ijrtovq dfia xdi xoqaiq Ijii ro xalXi- 
ygafpBlv ^cxTjfiivaig. Photius (Cod. 121 p. 162) sagt irrthüm- 
lich von Hippolytos statt von Ambrosios, daüs er ihn veran- 
lafst habe die h. Schrift zu commentieren, kyxaraCTi^öag axmp 
xal vxoyQag>iag Ijrra raxvyQdg)Ovg xal hriQovg zoöovtovq ygd- 
q>ovxaq slq xdXXoq, Georgius Cedrenus schUeljst dieselbe Er- 
zählung mit den Worten: 6 6e kjtl öxoX^g ysv6(ievog vjtrjfyo- 
QBvöB zolg xaxvyQdq>oiq , xal ol ßißXioyQdg>oi Cvv ywai^lv 
lyQaq>ov xaXXiyQag)Blv k§i]öxfi(iivoi (1. i§;i]Oxfjiiivaig). 

Eusebius (V. Constantini IV, 36) berichtet von dem ihm 
gewordenen Auftrag, für die in Constantinopel neu erbauten 
Kirchen Bücher anfertigen zu lassen v^to xBxvttmv xaXXiyQa- 
q>G}V xal dxQißcog xifv xixvrpf knicxanivwv. 

Später aber verwischt sich der Unterschied, und auch No- 
tare schreiben Bücher. Die Geistlichen, und vorzüglich die 
Mönche, haben auch im Orient sich sehr viel mit Bücher- 
schreiben beschäftigt, aber doch nie so ausschliersUch wie im 
Abendland; und bei der gröfseren Verbreitung herkömmlicher 
Schulbildung erreichte dort auch die Unwissenheit der Schrei- 
ber niemals einen so hohen Grad. 

Ephraim der Syrer (f 378) freilich scheint die Kalli- 
graphie zu den ausschUefslich mönchischen Beschäftigungen zu 
rechnen; denn während er sonst in der 48. Paraenesis die 



^) Joel p. 170. Glycas p. 260. Vgl. 0. Jahn, Subscriptionen S. 342. 
Traube, Münch. SB. 1891 S. 419. Er sorgte auch fOr gute Editionen. 

Wattenbftch» Schrlftwesen. 3. Aufl. 27 



418 ^i® Schreiber. 

Laien, welche dieselbe Kunst trieben, ihnen gegenüberstellty 
sagt er hier: xaXkiYQaq>og egya^y; avaXoyiöai rovg xZelavag 
xal XejtTovifYOvq. Doch erhielt sich der Stand der Kalligraphen 
unter den Laien; die Wissenschaften gewannen unter den Ma- 
cedoniem und unter den Komnenen neues Leben, und classische 
Autoren wurden in musterhafter Weise abgeschrieben.^) 

Athenaeus p. 673 E spricht von einem öv/ygafifia, ojtsQ 
vvv kv ry ^Pcifiiu svQOfiev jcaga reo dvnxotrvQa /IrjfitjTQlco, 
Dieser sonst nicht vorkommende Ausdruck ist, wie Schweig- 
häuser vermuthet, vielleicht eine Entstellung des lat Wortes 
cmtiquarius. 

Montfaucon S. 39 ff., dann Gardthausen in seiner Palaeo- 
graphie, haben Verzeichnisse der aus Unterschriftyen bekannten 
Kalligraphen, Clehker und Notare gegeben; der eben erschienene 
erste Band des Cataloges der Handschrift;en in den Klöstern 
des Athos von Sp. Lambros enthält wieder viel der Art, und 
nur daraus will ich noch hervorheben, dafs wir dort auch vor- 
nehme Laien als Schreiber finden. So im J. 800 die Kaiserin 
Maria, eine Armenierin, die 795 verstoßene Gemahlin Con- 
stantins VI (S. 19). Femer (S. 97) den Kaiser Alexius, der 
aber damals (1366) nicht Kaiser war, und da auch die Hand- 
schrift nicht die des Codex ist, wird es eine spätere Fälschung 
sein. Ein Menaeum (S. 124) schrieb 1469 die Prinzessin 
Sophia: ori 6i elfit d(iad7Jg re xal ywTj ol r^v ßlßXov tamtp^ 
ävayivoicxovtBq ifioiyB cxrffvmxe öia rov xvqiov ovvsxa xwv 
dva(fi&(iifca>p apaXfidrop. 

HomiUen des Joh. Chrysostomus aus dem 11. Jahrhundert 
haben die Unterschrift (S. 75): KvQie ßo^ß^ rm ö<p öovXq} 
Nixijta xovßixovXagla) rm (isra xoB'OV ypo^arrc rr^v ÖeXrov 
xavTfjP' cvv amcp 6b xaTaQi&fifi^]vai xai rc5 xavraq öxBÖid- 
öavTi Koovoxavxlvca xaßovXXoQlco ^ÖQcavovjtoXBfoq xtß ^Paiös" 
Oxivm d(ii]V, 

Im 12. Jahrhundert (S. 115) XgcCxh ytagdoxov x<3 xBTCxrj- 
fiivca x^Q^'^9 '^V ^^ YQdpavxi xm bvxbXbI IbqbI Kwvöxavxlpq} 
Xvöip diiJcXaxTjfidxcop. Die ursprüngüche metrische Form ist durch 



») S. G. Bemhardy, Grundrifs d. Griech. Litt. § 88—90. 



Benemmngen im Alterthum nnd Mittelalter. 419 

die Einschiebung des Namens zerstört Wahrscheinlich 1274 
schrieb ein Landschreiber ein Menaeum und darunter (S. 77): 

^XV ^^ XQiOrh xal jtäXiv öi xig/ia xiXsiq, 
6 xara^icicag (is rfjg öiXrov tavTTjg 
t6 tiXoc löslv, dvaxoyx^^ evQäOd-ai. 
xal kfjLB rov delXaiov Kgicri giov öfööov, 
rovq ooXoixiOfiovg fiov 6b XQiOrh Cvyx(6Q€i, 
rov x^Q^^OYQäq>ov xs xal äftaQTciöovg 
rsQaal/iov rajtetvov, dd-Uov löicirov. 

1321 unter einem Evangeliar die frommen Worte (S. 121): 

r6vv filv ^Bvgag ocal vjioxXlvag xdgav, 
X^iQCi^ IxxBlvag XQog xäg d'Biag XBxgdöag, 
IxxBJtXriQiDxa xrjv d'Boödoxov öiXxov. 

Doch damit entfernen wir uns schon von dem Gegenstand; 
ich gedenke nur noch der merkwürdigen Gruppe von Kalli- 
graphen, Diaconen, Notaren, welche von 888 — 932 für Arethas, 
Diaconus in Patras und später Erzbischof von Caesarea Cap- 
padociae arbeitete und der wir so vortreffliche Handschriften 
und lehrreiche Unterschriften verdanken,^) sowie der fleifsigen 
Mönche von Grottaferrata. Im 15. Jahrhundert kann man in 
den XJnterschrift;en deutUch verfolgen, wie zuerst Kreta noch 
eine Zuflucht darbietet, dann in ItaUen griechische Abschreiber 
sich niederlassen. Rührend lautet die Unterschrift: Mixa^Xog 
jixoCroXrjg Bv^dvxiog fiBxd xtjv xfjg lavxov jcatglöog aXmOtv 
XBvla övCfi^p xal x66b x6 ßißXlov Iv KQtjxy (iBxd jcoXXd dXXa 
B^iyQmpB.') 

Lateinisch unterschied man in gleicher Weise den scriba 
vom librarius, Script or oder antiquariuSy und vom notarius 



^) Wattenbach, Anl. z. Griech. Pal. (1895) S. 61 ff. u. 128. 

*) Zanetti, Graeca Divi Marc! Bibl. p. 132 cf. 200. Müler, Gatal. 
des Manuscrits Grecs de rEscnrial (1848) S. 69. Mit diesen AbRchreibem 
beschäftigt sich H. Omont: Facsimil^s de Manuscrits grecs des XY et XYI 
si^les, Paris 1887, wozu ein Nachtrag bei Graux et Martin: FacsimiMs 
des Mss. grecs d'Espagne, 1891. 

27* 



420 ^16 Schreiber. 

oder täbellio.^) In Diocletians Edict de pretiis reram venalium 
vom J. 301 finden wir die Bestimmungen:*) 

scriptori in scnptura optima verstis nutnero C, den, XXV. 
sequentis scripturae versuum numero C, den. XX, 
tabdlioni ') in scriptura libeUi vd tahviarum in versibus nu- 
tnero C, den, X. 
Und für den Unterricht: 
notario in singt^lis pueris menstruos den. LXXV.^) 
librario sive antiquario in singulis discipfdis menstruos den. L. 

Aber auch hier schrieben Notare Bücher, wie sich aus 
dem oben S. 322 angeführten Briefe des Hieronymus an Lu- 
cinius ergiebt. Auch an dessen Wittwe schreibt er,*) dals 
Lucinius missis sex notariis (quia in hac provincia latini ser- 
monis scriptorum penuria est) describi sibi fecit quaecunque 
ab adolescentia usque in praesens tempus dictavimus. Derselbe 
schreibt an Augustin:*) Gr andern latini sermonis in ista pro- 
vincia notariorum patimur penuriam, et icdrco praeceptis tuis 
parere non possumus, ma>xime in editione LXX, quae asteriscis 
verubusque distincta est. Hier scheint doch kaum eine spätere 
Umschreibung durch Eidligraphen noch beabsichtigt zu sein; 
wohl aber bei der Uebersetzung der Chronik des Eusebius, für 
deren Mängel Hieronymus um Entschuldigung bittet, cum et 
notario ut scUis velocissime dictaverim. 

Merkwürdig ist, wie Johann von Tübury dem Hieronymus 
nachrechnet, dafs er die Uebersetzung des Buches Judith in 
einer liUMbratiuncula, wie er selbst sagt, vollendete und dic- 
tierte; er setzt dafür 6 Stunden an, in welchen also seine No- 



^) Für Analphabeten unterschrieb der x^^Q^QV^'^og, cfUrocnstOf 
Marini, Pap. Dipl. n. XG. XGIII. Einen gesuchten und fehlerhaften Aus- 
druck gebraucht Ingobert, der Schreiber der Bibel von St. Paul: Graphidas 
Ausonios aequans superansye tenore. 

*) Nach dem Text von Th. Mommsen im Corpus Inscr. III, 2, 831. 

') Fehlerhaft geschrieben tahellanioni. 

^) Einen solchen Unterricht in Noten beschreibt Prudentius Peristeph. 
IX, 21 u. 36 (MitzBchke, Quaestiones Tiron. S. 27). 

*) Ep. 75, 4. Opera ed. Vall. I, 451. 

•) Ep. 134. Opp. I, 1037. 



Benennimgen im Alterthum und Mittelalter. 421 

tare schrieben, was auf 8 foliis magnae capacUatis, ut pote 
historiaiibus, stand. Diesen Ausdruck hat er auch schon vor- 
her gebraucht^) 

Nachschreibende Notare finden wir auch noch später. In 
der Vita Prisdani bei H. Hagen, Anecdd. Helvei p. clxix 
steht: Nan a Prisciano scriptum ^ sed didcUum, quaniam eo 
dtdofUe Flavius Iheodorus ejus disciptdus, bonus scholasticus 
et notarius, scripsit. Richtig scheint das freilich nicht zu sein, 
da nach den Subscriptionen Theodor, wenn er auch Kanzlei- 
beamter war, doch vorher antiquarius genannt wird und kaUi- 
graphische Abschriften herstellte. Freilich wird er den Nota- 
ren gleich zu achten sein, welche Cassiodor') von den gewöhn- 
Uchen Abschreibern unterscheidet; Hieronymus hatte, wie er 
berichtet, für die simplices, welche die distinctianes nicht ken- 
nen, seine Uebersetzung per cola et commata schreiben lassen: 
das behält er bei, läfst aber die anderen Bücher durch Notare 
genau durchsehen und verbessern (oben S. 323). Von diesen 
sagt er: Qui etsi nan potuerint in totum arthographiae mtnu- 
tictö custodire, emendationem tarnen codicum antiquorum, td 
opinor, adimplere modis omnilms festinabunt, Hdbent enim scien^ 
tiam notarum stMrumj qtme ex nuucima parte hanc perüiam 
tangere atque admonere noscuntur. 

Dafs diese Kenntnis und üebung sich bei ihnen lange er- 
hielt, haben wir schon gesehen, und die für Hildebald von Cöln 
geschriebenen Handschriften zeigen es sehr anschaulich. Auch 
Alcuin hatte dergleichen Notare zur Verfügung, denn er er- 
zählt in der Vorrede zur Vita Bicharii, dafs er vocato notario 
die alte Biographie überarbeitet habe: didatu admodum com- 
pendioso titulo tritae Bicharii aptavimus.^) An diese Worte 
klingt die Inschrift einer Engelberger Handschrift des 12. Jahr- 
hunderts an: 

Hie Augustini Über est (simul) atque Frowini: 
Alter dictavit, alter scribendo notavii^) 

>) Tai. Rose im Hermes VUI, 320. 

*) Praefatio instit diy. litt n, 538 ed. Garet 

*) Gedr. u. a. bei Jaffö, Bibl. VI, 756. 

*) Bahn, Gesch. d. bildenden KOiute in der Schweiz I, 307 ans 



422 I^i® Schreiber. 

Allein hier ist der h. Augustin als Verfasser gemeint^ 
Frowin nur der Abschreiber. Dagegen soll in der grofsen 
Bilderbibel wirklich Abt Frowin dargestellt sein, wie er dem 
Schreiber Bichene dictiert^) Otto Yon Ereising sagt von sei- 
nem Notar Bagewin: qui hanc histariam ex are nostro sub- 
notavü, und Günther 1212 klagt über den Kopfschmerz, der 
ihn peinigt, ut verba inventa natario vix possim exprimere.*) 
Aehnlich finden wir schon um 1150 die Klage eines Brief- 
Schreibers, dafs ihm wegen seines Kop&chmerzes praesentem 
cedulam dictare levius fuerit quam notare^^) wo der letzte Aus- 
druck, wie oben, einfach schreiben bedeuten muls. 

Die Notare erhielten sich in Italien als Stand, und haben 
sich von da aus auch nach anderen Ländern verbreitet Manche 
Bechtshandschriften, welche sich vom 8. bis 10. Jahrhundert 
auffallend von der feineren Bücherschrift unterscheiden, mögen 
Ton ihnen herrühren, so wie auch die Urkundenschrift bis in 
Ludwigs des Frommen Zeit, in Italien weit länger, von der 
karolingischen Reform unberührt blieb. Wir haben oben S. 109 
gesehen, wie der Pabst 972 seinen Notar rief, um eine Bulle 
zu schreiben. Die Notare waren es eben, von welchen die so 
lange festgehaltene Schrift der päbstlichen Bullen herrührte, die 
man deshalb scripta notaria nannte. Nachdem man davon 
abgegangen und auch Papyrus nicht mehr zu haben war, ent- 
standen die zahlreichen Fälschungen, welche namentlich Lrno- 
cenz in so eifrig verfolgte. 

In späterer Zeit finden sich Notare, vorzüghch in Florenz, 
sehr häufig als Buchschreiber; einer entschuldigt sich 1323: 



V. Liebenau, Versuch einer urkundlichen Darstellung von Engelberg (184*3) 
Seite 34. 

^) Bahn a. a. 0., wo auch ein schreibender Evangelist abgebUdet 
ist, wie gewöhnlich das Buch mit dem abgerundeten Messer haltend 
(oben 8. 277). 

■) De erat XII, 1. Forschungen XIH, 285. Der Abschreiber eines 
griechischen Synaxarion von 1485 schreibt: Ji imaxoijq xal fi^ elöwq 
xov ygdifeiv x6 xskev^hv ^vtjatat ivxalg aov ^ilmQ. Lambros, Catal. d. 
Athosklöster I, 8. 

*) Haur^au, Not et Extr. n, 240. Auch Alcuin (ep. 197) sagt: Cur 
non movebis linguam ad dictandum? 



Benennungen im Altertbum und Mittelalter. 423 

JEn^ si pulcras Ikteras non fed, saltem ad intdlecttm quam 
meUus patui scripsi (Bandini I, 651). 

Auch die chariularii waren Kanzleibeamte, kommen aber 
zuweilen als Buchschreiber vor. In der Lebensbeschreibung 
Amest'sy des ersten Erzbischofs von Frag, heilst es, dals er 
immer zwei bis drei carttdarii mit Abschreiben von Büchern 
beschäftigte. 

Den Ausdruck arUiquaritis sahen wir schon in Diocletians 
Edict gleichgesetzt mit librarit^s, Hieronymus sagt ep. 5 : hdbeo 
aiumnos qui antiquarkbe arti serviant. Ein Glossar erklärt: 
antiqtiaritis aQxaioyQaq>oq , xaXXiyQatpoq ^ antiquare xaXXi- 
YQag>fjöai. Isidor Origg. VI, 14 sagt: Librarii idem et atUi- 
qaarii vocantur^ sed librarii sunt qui nova scribunt et vetera, 
avUiquarii qui tantummodo vetera, unde et nomen sumpserunt.^) 
Eine ganz absurde Erklärung, die nur, wie so viele andere, von 
oberflächlicher Etymologie hergenommen ist Allerdings werden 
die Antiquarien ihren Namen daher haben, dafs sie sich auf 
ältere Schriften verstanden und diese abschrieben, allenfalls 
auch in ähnlicher Weise ergänzen konnten, und zuweilen findet 
sich auch in der Anwendung des Wortes eine Beziehung dar- 
auf; so im Cod. Theodos. 1. XTV tit IX c. 2 de studiis libe- 
ralibus urbis Bomae, einem Gesetz der Kaiser Yalentinian, 
Valens und Gratian von 372: Antiquarios ad bibliothecae Co- 
dices componendos vel pro vetusiaie reparßndos quattuor gras- 
cos et tres latinos scribendi peritos legi jubemus. Auch die 
vier antiquarii, welche nach Cod. Justin. 1. XTT tit. 19 1. 10 
in scrinio tnemoriae häbetutur, werden wohl mit alter Schrift 
vertraut gewesen sein. Gewöhnlich aber bedeutet antiquarius 
einfach einen Bücherschreiber, und ist gleichbedeutend mit 
librarius. 

So sagt Augustin, Sermo 44: qui videt litteras in codice 
optime scriptOy laudat quidem antiquarii manum, admirans 
apicum pulcritudinem .... Ausonius entschuldigt sich ep. 16 
ad Probum, dals er die Bücher jetzt erst schicke, oblata per 
antiquarios mora. Sidonius ApoUinaris aber scheint sein eigener 



^) Nach Reifferscheid S. 134 aus Sueton de viris mluBtribus. 



424 I>ie Schreiber. 

Schreiber gewesen zu sein, indem er ep. IX, 16 schreibt: Fe^i- 
ntis exscripsi, tempore- hibemo nü retardatus quin actuium jussa 
compleremj licet antiquarium moraretur insiccabüis gdu pagina 
et calamo durior gutta, Cassiodor de institutione divinarom 
litterarum handelt c. 30 de antiquariis,^) deren Beschäftigung, 
wenn sie heilige Schriften correct abschreiben, er sehr preist: 
tot vulnera^ sagt er, ScUatMs accipit, quot antiquarius Domini 
verba describit; er braucht das Wort ganz gleichbedeutend mit 
librarii. Wir gedachten schon jenes Theodorus antiquarius in 
Constantinopel, welcher 527 memorialis sacri scrinii epistola- 
rum geworden war.*) Im J. 551 tadelte Pabst Yigilius den 
Bischof Theodor von Mopsuestia: qui domi tuae sedens anti- 
quarios pretio caro conducens ea . . . . conscripsistL^) Gregor I 
erwähnt Dial. I, 4, dafs jemand, der einen Abt in seinem 
Ehester suchte, antiquarios scribentes reperü, was in der grie- 
chischen Uebersetzung des Pabstes Zacharias sehr frei wieder- 
gegeben ist: Tovg tc5p dieX^civ xQovxovtag Iv vy ftov^ xaX- 
XiYQag>ovvtag d-eaödfievog. Ein antiquarius EutcUius findet 
sich unter einer Handschrift der Capitularbibliothek in Verona, 
welche ins 6. Jahrhimdert gesetzt wird>) Eine Handschrift 
des Orosius, welche dem 7. Jahrhundert zugeschrieben wird, 
hat die Unterschrift: confectus codex in statione Vüiaric anti- 
quarii.^) Er war ohne Zweifel ein Gothe, da sich unter den 
Unterschriften einer. Ravennater Urkunde von c. 551 ein Vü- 
jarip b okareis unter dem Clerus der GU)thenkirche befindet^ 



^) Es ist besonders abgedruckt bei H. Hagen, Anecdd. Helvet 
p. GXLI (Grammatici Lat ed. Keil, Suppl. 1870). 

') 0. Jahn über die Subscriptionen S. 355. Mit ihm ist der Kaiser 
TheodosiuB II verwechselt bei Aldhelm (A. Mai, Auctt dass. Y, 598) s. 
0. Jahn S. 342 und M. Hertz, Praef. ad Priscianum. 

*) Jaffö, Reg. Pontiff. n. 609. Jafif^-Kaltenbr. 930. 

«) Sitzungsberichte d. Wiener Akad. XIX, 94. 

') Mab. Dipl. p. 354. Zangemeister et Wattenbach, Suppl. Tab. 55. 

') Mafiunann, Die Goth. Urkunden von Neapel und Arezzo, Wien 
1838 f. Im Text wird er als apodeus bezeichnet, was als anovöaloq ge- 
deutet wird. Der Name auch in einer burgund. Grabschrift, s. Binding, 
Burg, romanisches Königreich S. 402. 



Benennungen im Alterthum und Mittelalter. 425 

Im Mittelalter kommt der Ausdruck nicht gerade häufig, 
aber doch immer hin und wieder vor.^) Im Chron. Novali- 
dense heilst es HI, 20 von einem geschickten Schreiber: ubi^ 
cunque sua manu antiquaria libros a se conscriptos inter alios 
invenimusy extimplo recognoscimus. In demselben Jahrhundert 
schreibt Petrus Damiani an Alexander 11: licet ego dictare forte 
quid vtdeam, deest antiquarius qui transcribat.^ Im zwölften 
bezeichnet Ordericus Vitalis m, 3 die Mönche, welche Bücher 
schreiben, als antiquarii und librarii , imd erzählt weiterhin 
von dem Abt Osbem von St Evroul: Witmundo sapienti mo- 
nacho supplices jussit litteras didare, et Bemardo juveni co- 
gnomento MatheOy nobüi antiquarioy diligenter scriptitare,^) Ist 
hier der antiqucaius augenscheinlich nur ein geschickter Schrei- 
ber, so finden wir ihn dagegen als Schriftgelehrten in jener 
merkwürdigen Trierer Stilübung, dem Schreiben Kaiser Frie- 
drichs I an Hillin: Becolite librarios et percunctamini antiquor 
Hos vestros, et videte si audUum sit hujuscemodi verbum in 
diebus eorum et in diebus ofUiquis. Bei Mattheus von Paris, 
ßesta abb. S. Albani I, 106, steht: Hie primitus antiquariorum 
damum aßbatis sui jussione rexU, librorumque copiam huic 
ecdesicte contulü. Auch Bichard von Buiy braucht das Wort 
c. 16, wo er vom Erneuen alter Handschrift;en spricht, und 
setzt mit Beruftmg auf Cassiodor hinzu: Sane hujusmodi scrip^ 
tores antiquarii nominantur. Er scheint das Wort aus ge- 
lehrtem Studium, nicht mehr aus lebendigem Grebrauch zu 
kennen; und nicht anders erscheint es bei Petrarca, wo er über 
die Sorglosigkeit der Obrigkeiten klagt, welche sich um die 
Brauchbarkeit und die Kenntnisse der Schreiber nicht kümmern: 
quibus nulla unquam rei hujus cura fuit, oblUis quid Eusebio 
Palestinae Constantinus injunxerity ut libri scüicet non nisi ab 
artifidbus iisque antiquariis et perfecte artem scientibus scri- 



*) In den oben S. 412 angeführten Worten des Odo von Glanfeuil 
scheint der Begriff des Alterthümlichen darin zu liegen. 

*) Operum Vol. I p. 12. 

*) Opera ed. Le Prerost, Vol. U p. 48. 96. 



426 Die Schreiber. 

berentur^) Er scheint den Ausdruck in seiner Uebersetzung 
geAinden und nicht recht verstanden zu haben.') 

Am häufigsten begegnen uns in den verschiedenen Sprachen 
Ausdrücke, welche von scrihere abgeleitet sind,*) und analog 
engl, wrüer, böhm. pisarz. Gothisch ist bokareis von nicht 
ganz festgestellter Bedeutung, althochdeutsch puochäri der 
Schreiber, was sich nur in dem Namen Bucher erhalten hat 
Als artifepc bezeichnet sich Adalbald, Priester in Tours, der 
unter Predegis schrieb, und sein Monogramm dazu setzte.*) 
Weil aber lange Zeit fast nur Geistüche schrieben und eine 
gewisse Gelehrsamkeit damit verbanden, so finden wir dericus, 
clerc, Clerk, gleichbedeutend mit Schreiber; deutsch auch wohl 
pape, pfa/f. Von Friedrich 11 sagt die Magdeburger Schöp- 
penchronik: he was ein gud pape gderet, Freidanc: wmre der 
himel pirmit . . . und alle sternen pfaffen,^) Der Schreiber 
des Bischofs von BSldesheim heifst uses herren pape,^) Doch 
ist dieser Sprachgebrauch nicht recht durchgedrungen, und es 
überwiegt immer der Begriff der Gelehrsamkeit, was bei dericus 
in Frankreich und England weniger der Fall ist') Zu Dante's 
Worten: che tutti für dierci e literati grandi bemerkt Ben- 
venuto von Imola: Nee dicas quod debectt exponi Clerid id est 



') De remediis utriusque fortunae lib. I dial. 43; vgl. oben S. 417. 

') Der 1480 in Mailand als Käufer einer Handschrift genannte 
Jcicohus antiquarius ist der 1512 verstorbene Staatssecretär, der Name 
Familienname, s. Tiraboschi Tomo VI libro I c. 7. Zweifelhaft ist der 
FederiCfM veteranus aus Urbino, welcher 1460 die Reime Petrarca's'üAd 
1480 Laur. Valla's üebers. der Dias abschrieb; Vahlen, Lanr. Vallae 
Opuscula tria p. 89. Catal. des Manuscrits des Departements I (1849) 
360. Es wird aber ein Eigenname sein. 

'] Englisch ist scrivener der Notar. 

*) Delisle, Not. des Mss. de Tours, S. 81—83. Desnoyers, Note sur 
un monogramme d'un prßtre artiste, Gomptes rendus de TAcad. 1886, Juli 
bis October. 

^) Bescheidenheit, 2. Ausg. 104 g. 

^ Lied des 15. Jahrh. Hans. Geschichtsbl. 1877 S. 146. 

') Auch spanisch schreibt der Infant Don Sancho 1279 an den König 
von England: maestre Juffre, notario del Bey mio padre et mio derigo, 
Berichte d. Berl. Akad. 1854 S. 631. 



Benennungen im Alterthum und Mittelalter. 427 

Literati more Oallico, akut quidavn exponunt, et dicunt quod 
omnis lAteratas est Clericus.^) 

Diesen Sprachgebrauch, nach welchem also der geistliche 
Charakter des Clericus ganz vergessen ist, finden wir doch auch 
in Italien, wenn es in einer Stelle saec. XY. heiTst: moUo soffi- 
ciente cherico in diverse sciengie. Der Bologneser Poet Johan- 
nes tadelte Dante wegen des Gebrauches der Volkssprache: 
Carminey sed laico; eierte vülgaria temnit, und eine Glosse zu 
derus erläutert: id est lüterati.*) 

Aber in Frankreich hiefsen nicht nur alle Studenten und 
Gelehrten derici, sondern auch alle, welche irgend mit dem 
Schreiberwesen zu thun und deshalb Theil an den Privilegien 
des Clerus hatten. So handelt ein Statut von Bayeuz c. a. 
1250 von clericis eonjugatiSy welche pergamenum, libros vd 
hujusmodi ministeria ad ecdesiam pertinentia vendiderint; diese 
sollen steuerfrei sein.') Die Bezeichnung als dericus conjuga- 
ius kommt häufig vor, wohl zur Unterscheidung von geweihten 
Geistlichen. In der Pariser Steuerrolle von 1292 kommen 53 
der 8 und 1 dergesse vor, unterschieden von den escrivains; sie 
sind, wie der Herausgeber, H. G^raud, nachweist, schon da^ 
mals, wie noch heute, die Gehülfen, Commis, in verschiedenen 
Geschäften. Auch niederdeutsch ist UerJc der Knappe, Ge- 
hülfe, Geselle.^) 

In Deutschland ist sonst umgekehrt der Schreiber jeder 
litterarisch gebildete, wie er in Gedichten so oft dem Bitter 
entgegengesetzt wird, oder auch der Schüler^ scholaris, sd^uller, 
wie noch in England scholar der Gelehrte ist Der Herzog 
von Schlesien bezeichnet 1255 seinen Hofiiotar, einen Dom- 
herrn, als Scolaris noster,^) und so auch 1343 der Lübecker 
Bürger EQnrich von Zarpen Heinrich Wilbrandi als Scolaris suns.^ 

>) Mural Antt Ital. 111,7340 ed. Aret. 

•) Laur. Mehus, Vita Ambr. Traveraarii p. 294—297. 320. 

') Kirchhoff, HandBchriftenh&ndler S. 76 aus den M^m. des Anti- 
quaires de Normandie II» 6, 326. 

*) SchiUer u. Lübben, Niederd. Wörterbuch II, 481. 

^ Stenzel, GrOndungsbuch von Heinrichau S. 37; S. 36: primo Sco- 
lari nostro, magisbro WaUhero. 

^ Cod. dipl. Lnb. U, 2, 722. 



428 ^^ Schreiber. 

In Polen ist didk, in Ungarn dedk in gleicher Bedeutang 
von diaconus abgeleitet 

2. Mönche als Schreiber. 

Die christUche Kirche bedurfte von ihren ersten Anfängen 
her geschriebener Bücher, und wenn man sich auch dazu 
häufig professioneller Kalligraphen bedienen konnte, so lag doch 
augenscheinlich ein grofser Yortheil darin, wenn die Geistlich- 
keit sich selbst auf diese Kunst verlegte. Die vorher ange- 
führten Stellen zeigen freilich, dafs in den ersten Jahrhunderten 
davon noch kaum die B.ede gewesen ist, weil die bestehende 
Sitte ganz eingewurzelt war, und die Kalligraphie, wie jedes 
Handwerk, als Lebensaufgabe besonderer Personen betrachtet 
wurde. Das früheste mir bekannte Beispiel eines Weltgeist- 
Uchen als Bücherschreibers ist erst von 517, nämlich die Hand- 
schrift des Sulpidus Severus von 517 in der Capitularbibliothek 
zu Verona, scr. per me Ursicinum ledarem ecdesiae Veranensis 
Ägapito consule,^) Die Schrift ist schon halbuncial, und von 
der kalligraphischen auch jener Zeit bedeutend verschieden. 
Später finden wir wohl Weltgeistliche viel in Kanzleien be- 
schäftigt; auch haben sie oft als Lohnschreiber ihren Unterhalt 
gesucht Die eigentUchen Bücherschreiber aber waren die 
Mönche, welche mehr und mehr darin einen sehr wesentlichen 
Theil ihres Berufes £Etnden. So war es in den griechischen 
Klöstern*); und die Reichenauer Mönche hatten im 11. Jahr- 
hundert Mefsbücher und dergleichen an die römische Kirche zu 
liefern. *) 

Hieronymus ep. 125 ad Busticum monachum (Opp. I, 934) 
empfiehlt diesem verschiedene Beschäftigungen, darunter auch, 
jedoch keineswegs vorzugsweise: scribatUur libri. Stärker tritt 
diese Richtung hervor in dem Kloster, welches St Martin bei 



*) Zangemeister a. Wattenbach, Exempla tab. 32. 

*) Vgl. die Regel des Klosters di San Niecola di Gasöle in terra 
d'Otranto, wo ein n^toroxaXXiyQafpoQ die Schreiberei leitete. G. Faoli, 
Progr. scol. 11, 130 nach Omont in der Revue des fitudes grecques 1890 
S. 391. 

') Brandi, Die Reichenauer Urkundenfälschungen (1890) I, 78. 



Mönche als Schreiber. 429 

Tours anlegte; nach der Vita Martini ,yon Sulpicius Severos 
c. 7 schrieben da die jüngeren Mönche, mit Ausschluls anderer 
Handarbeit, wie sie sonst in Klöstern übUch war: ars ibi ex- 
c^tis scriptoribas ntdla habebaiur,^) cui tarnen operi minor 
cietas dqnUabcUur, majores orationi vacabant. Cassiodor ist 
derjenige, welcher zuerst in die Klöster die, ihnen bis dahin 
fremden, gelehrten Studien grundsätzlich einführte, wie Ad. 
IVanz richtig hervorgehoben hat^ Die Mönche des von ihm 
gestifteten Monasterium Vivariense bei Squillace ermahnte er 
ganz vorzüglich zum Abschreiben geistlicher Werke: Ego tarnen 
fateor votum meum, quod inter vos quaecunque possunt corpo- 
reo läbore compleri, antiquariorum mihi sttidia, si tarnen vera- 
cäer scribant, non inmerüo forsitan plus placere, quod et meu- 
tern Sfiam relegendo scripturas divin^is scduhrüer instruant, et 
domini praecepta scribendo longe IcUeque disseminent,^) Hierin 
sind die maafsgebenden Gesichtspunkte ausgesprochen; noch 
Ludwig IX hefs Ueber Bücher abschreiben, als dalB er sie 
kaufte, damit ihre Zahl gemehrt würde. Profiäne litteratur ist 
ursprüglich naturgemäfs ausgeschlossen; diesseits der Alpen 
aber wurde, weil man sie ein&ch als nothwendiges Rüstzeug 
der gelehrten Studien betrachtete, kaum ein Unterschied ge- 
macht Cassiodor gab seinen Mönchen, damit sie correct schrei- 
ben könnten, eine Sammlung von Schriften über Orthographie, 
die er 93jährig zu ihrem Gebrauch excerpierte. Zugleich gab er 
ihnen, wie schon oben erwähnt, Buchbinder und Musterbände. 
St Benedicts Begel setzt die Existenz einer Bibliothek im 
Kloster voraus, aus welcher jeder Mönch Bücher zum Studium 
erhält Ganz ferne lag ihm der Gedanke, aus den Mönchen 
einen G^lehrtenstand zu machen; sie sollen, indem sie aus der 
Welt sich zurückziehen, ihre Seele retten, Handarbeit treiben, 
und zu ihrer Erbauung fromme Bücher lesen. Höchstens konnte 
ein gewisser Grad kirchhcher Gelehrsamkeit erwünscht erschei- 
nen. In neubekehrten Ländern aber, unter einer bildungslosen 



*) Poetisch umBchrieben in d. Y. Martini v. Paolinus Petrocor. II, 115. 

*) Gass. Senator (Breslau 1872) S. 35 ff. 

') De institatione divinarum litterarum c. 30. 



430 I^i® Schreiber. 

Bevölkerong, änderte sich der Standpunkt ganz von selbst 
Wo es keine Schalen giebt, mufs die Geistlichkeit für den 
Unterricht ihres Nachwuchses, das Kloster auch dafür sorgen, 
dafs seine Mönche lesen, schreiben, lateinisch lernen. Es giebt 
keine Grammatiker, denen man die Beschäftigung mit der un- 
entbehrUchen profanen litteratur überlassen kann. Die Welt- 
geistlichkeit aber ist mit so vielfisu^her Thätigkeit belastet, dals 
gerade den Klöstern vorzugsweise die gelehrte Beschäftigung 
anheim fällt In Irland und England entwickelt sich zunächst 
diese Neugestaltung des Mönchslebens; dort wird massenhaft 
und sehr schön geschrieben, und Irländer, Schottenmönche, 
sind es, welche diese Richtung auch auf den Continent ver- 
pflanzen. Luxeuil und seine Filialen Corbie und Bobio zeich- 
nen sich in gleicher